„Aber nicht von einem metallenen Löffel!“

Letzte Woche musste ich mal wieder zu meinem Orthopäden, bei dem ich seit Jahren Patientin bin. Eher unregelmäßig, aber zuverlässig.

Mein erster Besuch in dieser Praxis trug sich anno 2006 zu, und dies im Zuge des sogenannten Sommermärchens. Genauer: der Fußball-WM 2006, die bekanntermaßen hier in Deutschland stattfand. Umstritten, wie es dazu kam, aber darum geht es hier nicht. Und: Nein, ich hatte nicht mitgespielt. Ich war nur auf sandigem Untergrund massiv umgeknickt, als wir damals in Düsseldorf direkt am Rhein ein Spiel unter freiem Himmel ansahen, auch als „Public Viewing“ bezeichnet, wenngleich jeder, der die englische Sprache genauer kennt, ganz andere Assoziationen bei dieser Bezeichnung hat, was aber inzwischen hinlänglich bekannt ist.

Ich hatte nur zur Toilette gewollt, knickte aber – meine Fußknöchel sind keine meiner Stärken, waren das auch noch nie – im rechten Knöchel um, der durch einen vor vielen Jahren stattgehabten Unfall noch schwächer ist als sein schon per naturam nicht ganz so kräftiger linker Kollege. Ich knickte derart heftig um, dass ich mich nicht mehr abfangen konnte und auf beiden Knien landete. Das war aber nicht das Schlimmste, zumal die Verletzung nicht lebensbedrohlich war. Und ich bin ja auch nicht aus Porzellan. 😉

An jenem Abend bewegte ich mich nur noch humpelnd fort, verlor aber die gute Laune nicht, und als mein damaliger Freund und ich in seiner Wohnung ankamen, gab es gleich einen kalten Umschlag auf den geschwollenen Knöchel.

Als ich anderntags früh aufwachte – wir mussten ja zur Arbeit -, traf mich fast der Schlag, als ich meinen Knöchel erstmalig sah, und instinktiv schloss ich gleich meine Augen und ließ mich zurück in die Kissen sinken, denn mir war ganz flau geworden bei dem Anblick. Es brauchte etwa fünf Minuten, bis ich bereit war, dem Elend erneut ins Auge zu blicken: Mein Knöchel etwa zweieinhalbmal so dick wie normal – und rabenschwarz! Als wäre das Gewebe bereits abgestorben! Ich schluckte heftig, als ich das Grauen sah, zwang mich jedoch, weiter hinzusehen. Und ich stand sogar auf, wenn ich mich jedoch eher hüpfend fortbewegte, als ich mich Richtung Bad aufmachte, mich dann anzog und wir beide zur Arbeit fuhren, wo ich auch durch eine eher originelle Fortbewegungsart auffiel.

Mein damaliger Chef schimpfte mich aus, als er erfuhr, was Anlass dazu sei. Er verstand nicht, warum ich überhaupt zur Arbeit gekommen sei – das sei nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Und so machte ich einen Termin beim Orthopäden, zu dem eine Teilzeit-Kollegin mich dann fuhr, da die Praxis eh an ihrem Heimweg lag. Und danach hatte ich nicht nur die Auskunft, dass ich einen heftigen Bluterguss im Gelenk hätte – daher die ungesunde schwarze Verfärbung -, sondern erst einen Zinkleimverband, dann eine Aircast-Schiene und die Gewissheit, dass eine Bänderdehnung, wie ich sie erlitten hatte, weit unangenehmer sei als ein glatter Bänderriss. Und es stimmt: Jedes Mal, wenn sich das Wetter von sonnig zu regnerisch und feucht ändert, ziept es in meinem rechten Fußgelenk … 😉

Diesmal aber war ich wegen Schultern und Armen da. Wegen dieser Sache, die mir letztes Jahr Physiotherapie bescherte. Ich war eines Morgens aufgewacht, und es dauerte fünf Minuten, bis ich mich dem Bett enthoben hatte. Heben ist überhaupt ein tolles Stichwort! Denn ich konnte meine Arme nur bis maximal Schulterhöhe heben, und selbst das nur unter Schmerzen. Alles, was darüber hinausging, bereitete mir Sorge angesichts der Tatsache, dass ja manchmal Leute einen quer von der Seite anreden. Ich hatte Schmerzen, dass ich in solchem Falle sicherlich das Bedürfnis verspürt hätte, dem Verursacher eins auf die Zwölf zu geben …

Allerdings belief es sich nur auf das Bedürfnis. Zum einen weiß ich mich sehr wohl mit Worten zu wehren. Zum anderen hätte ich meine Arme gar nicht so bewegen und heben können, wie es für Schläge auf die Zwölf vonnöten wäre. 😉 Ja, ich hatte sogar Mühe, meine Jacke anzuziehen, denn ich stellte fest, dass nicht nur das Heben der Arme problematisch sei, sondern eigentlich die meisten Bewegungen, die mit Torsion und Rotation zu tun haben, auch die, die man machen muss, will man sich eine Jacke anziehen. Und auch das Autofahren machte richtig Spaß! 😉

Nachdem ich zwei Nächte so gut wie gar nicht geschlafen hatte, stürmte ich die Orthopädenpraxis.

Dort bekam ich zwei Spritzen mit einem Muskelrelaxans in den Nacken-Schulterbereich. Und man verschrieb mir ein Schmerzmittel, das laut Arzt etwas besser vertragen würde als die Genossen Ibuprofen, Diclofenac und Novalgin. Alles Gestalten, die ich aufgrund ihres Wirkstoffes nicht vertrage, und das in einem Maße, dass mir sogar die Schmerzen, die sie bekämpfen sollen, attraktiver erscheinen.

Kaum aus der Praxis heraus, googelte ich das etwas besser verträgliche Schmerzmittel. Surprise, surprise! Es enthält exakt den Wirkstoff, den ich auch bei seinen „Geschwistern“ nicht vertrage … Was dachte sich dieser Arzt? Niemand hat gern jemanden um sich, der in hohem Bogen speit, lieber Dr. H.! 😉

Aber irgendwie müssen ja diese Schmerzen beseitigt werden – dass ich wohl an dem leide, was sich Impingement-Syndrom nennt, hatte mir der Arzt einmal mehr gesagt. Und er drohte mit einer OP, wenn die Symptome nicht nachließen. Ich war eindeutig verzweifelt, zumindest in der Nähe dieses Zustandes. 😉

Ein guter Freund gab mir dann einen Tipp: „Probier es mit Luffa!“ – „Wie – Luffa? Meinst Du diesen komischen Kürbisschwamm, den manche unter der Dusche benutzen?“ – „Ja, das ist das mechanisch wirksame Produkt. Ich meinte aber die entsprechenden Tropfen.“ – „Wie – davon gibt es Tropfen? Das klingt irgendwie nach Hokuspokus. Und das soll helfen?“ – „Mir hat es geholfen. Ich habe auch nicht daran geglaubt, aber es hat geholfen. Und meinem Schwager auch. Der ist Chirurg und steht nicht so auf Homöopathie. Zumindest dann nicht, wenn das Ganze so sektiererisch gepriesen wird und die Fundamentalisten unter den Homöopathen glauben machen wollen, dass man damit – und damit allein – alles heilen könne.“

Mein guter Freund ist ein bodenständiger Ingenieur und steht im Grunde nur auf messbare Ergebnisse, räumt aber auch dem Placebo-Effekt Wirksamkeit ein. Wenn ihm das geholfen hatte und dem ebenfalls zweifelnden Chirurgen-Schwager auch, so überlegte ich, sollte ich dem Ganzen zumindest eine Chance geben.

Und im Zuge meines Einkaufs in einem großen Einkaufsmarkt am gestrigen Abend betrat ich die ebenfalls dort befindliche Apotheke und verlangte auf Anfrage dann: „Luffa – Synergon Nr. 70“.

Der junge Apotheker sah mich an, als wäre ich eine fundamentalistische Impfgegnerin. Dann checkte er, ob das Präparat vorrätig sei und beschied mir, das müsse er bestellen. „Ist das okay?“ – „Ja, klar – bestellen Sie, ich hole es ab, wenn es da ist,“, rief ich fröhlich, mir die linke Schulter massierend, die gerade besonders fies schmerzte.

„Ich muss Sie allerdings darauf aufmerksam machen, dass es sich um ein homöopathisches Präparat handelt.“ So der Apotheker. Ich gab fröhlich zurück: „Ja, das ist mir bekannt.“ – „Wenn Sie meinen – ich habe ja so meine Zweifel …“

Ich brach in lautes Gelächter aus und sagte: „Keine Sorge, das weiß ich. Und Sie haben hier beileibe auch keine fundamentalistische Homöopathieverfechterin vor sich, sondern einen Menschen mit Humor. Aber einen Versuch ist es doch wert. Oder nicht?“ Und ich berichtete von den beiden höchst weltlichen und naturwissenschaftlich tätigen Menschen, die mir den Tipp gegeben hätten. Beide weder Esoteriker, noch Anthroposophen, sondern total bodenständig. Ansonsten stünde ich doch gar nicht mit dem Bedürfnis in dieser Apotheke! 😉

Da lachte der Apotheker auch beruhigt auf und meinte: „Ich bestelle es sofort!“

Heute habe ich das Wundergebräu abgeholt. Die Dame, die mich heute bediente, war sehr aufgeschlossen, als ich bezahlte, und sie meinte: „Benutzen Sie zur Einnahme aber immer einen Löffel aus Horn!“ – „Wie bitte?“ – „Benutzen Sie keineswegs einen Löffel aus Metall! Es wirkt sonst nicht!“ – „Ich habe keine hörnernen Löffel. Und auch keine Kaviarlöffel aus Schildpatt. Liegt wohl daran, dass ich mir echten Kaviar nicht leisten kann. Und ich frage mich auch gerade, warum ein metallener Löffel die Wirkung des Mittels verhindern solle.“ – „Es ist so,“, bekam ich zur Antwort.

Und da konnte ich mir nicht verkneifen, zu fragen, ob ich denn vor Einnahme noch rasch frisch geraspelte Hufspäne jungfräulicher Ziegen bei Neumond an der Nordseite meines Hauses vergraben, wobei ich dreimal gegen den Uhrzeigersinn um die eigene Achse rotieren und dazu: „Alle guten Geister loben Gott!“ deklamieren müsse. Alles Dinge, die mir extrem fernliegen. 😉

Ich erschrak selbst über mich, aber es hatte mich mitsamt meiner losen Zunge einfach überkommen. Und ich befürchte, ich sollte mich in dieser Apotheke in der nächsten Zeit nicht blicken lassen, denn die Dame reagierte so wie das, was ich heute in der verzweifelten Hoffnung auf Schmerzabschaltung allen Ernstes kaufte, auf metallene Löffel reagieren würde: unverträglich. 😉

Morgen früh nehme ich fünf Tropfen. Von einem Eierlöffel aus Kunststoff. Und wenn es hilft: prima. Völlig wurscht, ob es sich dabei um den Placebo-Effekt handelt. 😉

Sollte ich mir dann doch wieder einmal …

… einen Hund zulegen, wird es sich um eine ganz bestimmte Rasse handeln.

Ja, ich bin ein Fan mancher großen Hunderasse. Aber auch ein Fan von Dackeln. Doch es ist weder ein Dackel, noch eine hochgewachsene Rasse, die auf meiner Wunschliste ganz oben steht …

Als ich heute am späten Nachmittag, kurz vor Feierabend, aus dem Bürofenster blickte, sah ich einmal mehr ein „Gespann“, bestehend aus einem Hund und seinem Halter bzw. seiner Halterin. Halter/Halterin ist ganz richtig, denn immerhin halten sie das obere Ende der Leine, an deren unterem der Hund befestigt ist. 😉 Und da jenseits des Bürofensters eine große Wiese mit einem Weg mitten hindurch gelegen ist, sieht man öfter – manchmal sogar mehrmals täglich dieselben – „Gespanne“ aus Hunden und Haltern.

Kurz vor Feierabend – ich telefonierte gerade – schweifte mein Blick erneut gen Westen aus dem Fenster. Und da sah ich diese Hundehalterin, die ich nicht ganz so oft sehe wie den Herrn mit den drei Windhunden, einem Greyhound, einem Whippet und einem Italienischen Windspiel, die bis vor einigen Tagen noch Hundemäntel umgeschnallt hatten, weil sie nicht nur höchstselbst dünn sind, sondern auch ihr Fell diese Charaktereigenschaft innehat – keine Unterwolle, denn damit rennt es sich nicht so schnell. 😉  Diese Hundehalterin geht wohl nicht immer diese Hunderunde, sondern bisweilen auch andere Wege mit ihrem Hund.

Ein kleinerer Hund ist es. Einer, der mir bis zur Mitte des Unterschenkels reicht. Ein Terrier. Genauer: ein Foxterrier. Aber kein Drahthaar-, sondern ein Glatthaar-Fox. Ich sah den aufmerksam, überaus eifrig dahintrippelnden kleinen Foxterrier, und mein Herz ging auf. 😊

Erinnerungen kamen zurück, denn ein solcher Glatthaar-Fox hat mich diverse Jahre meines Lebens begleitet. Nicht mein Hund, leider, aber der meiner langjährigen besten Schulfreundin Bea – was fast genauso gut war -, bei der ich längere Zeit ein- und ausging, als gehörte ich zur Familie. Ich war in der Tat so etwas wie ein Familienmitglied, nicht zuletzt anerkannt von Queenie, einem der (mir) liebsten Hunde, die ich je kennengelernt habe. 😊

Ich lernte die kleine Queenie kennen, als sie gerade 12 Wochen alt war. Ihr Name war irgendwie kitschig, aber sie entstammte einem Q-Wurf, einem Wurf von Welpen, deren Namen alle mit Q begannen, und so hießen ihre kleinen Geschwister Quarta, Quinta, Quintus und Quirin. So ein Q-Wurf ist namenstechnisch wirklich undankbar, und was sie, die Kleinste aus dem Wurf, anbelangte, fiel dem Züchter nur noch Queenie ein. Wie gut, dass es nur fünf Welpen waren – weiß der Henker, was sonst noch dabei herausgekommen wäre! 😉

Queenie war nicht nur die Kleinste des Wurfs, nein. Sie wurde auch noch erheblich günstiger verkauft als ihre makellosen Geschwisterchen, da sie – wie der Züchter wohl sagte – zur Zucht nicht tauge, denn sie hatte ein Merkmal, das bei Züchtern wohl ein Zeichen dafür ist, einen solchen Welpen als „Ausschuss“ zu verkaufen: Im Gegensatz zu den strengen Rassevorgaben war nur eines ihrer Öhrchen rassetypisch abgeknickt – man nennt das Knopfohr -, während das andere permanent in die Höhe stand. Ich fand das besonders reizend, weil – so fand ich und hatte auch noch recht – charaktervoll, aber ich mag ja auch Ecken und Kanten. 😉

Queenie sollte, so Beas Familie, ihren Züchternamen weiter tragen, und sie trug ihn auch zu Recht: eine kleine Königin war sie. Ein auffallend intelligentes Tier, charmant dazu und hilfsbereit. Als sie schon ausgewachsen war, kamen Bea und ich auf die Idee, sie mal zu testen. Ich sollte vermeintlich kollabieren und regungslos liegenbleiben. Wir wollten sehen, wie Queenie reagierte.

Sie reagierte unverzüglich! Sie kam sofort angerannt, stupste mich mit der Nase an, wieder und wieder, leckte mir, wohl in der Absicht, mich zu „reanimieren“, wiederholt über die Hände, zwickte mich gar in die Hand, als nichts half. Und als ich trotz aller Rettungsversuche nicht reagierte, fing sie sofort laut und alarmierend zu bellen an, rannte zu Bea, rannte zu Beas Mutter, rannte zu Beas Bruder, der im Garten saß: „Hilfe! Kann denn nicht jemand helfen? Schnell! Es ist etwas Furchtbares passiert!“

Bea und ich mussten ob ihres rührenden Eifers lachen. Doch Queenie, voller Sorge, war gerade zurückgekommen und bekam mit, dass ich keineswegs in Not war. Da baute sie sich vor mir auf und bellte mich empört und vorwurfsvoll an! Zu Recht. Es war gemein gewesen, dieses so freundliche und hilfsbereite Tier zu verarschen, und so meinte ich: „Ach, Queenie, komm mal her!“ Aber sie zog es vor, mich zunächst noch vorwurfsvoll anzukläffen, empört zu schnaufen, und dann ging sie erst einmal weg. Richtig so! Ich nahm es ihr keineswegs übel, sondern schämte mich ein wenig. Was war uns nur in den Sinn gekommen? Auch Bea meinte: „O je! Ich glaube, die ist sauer!“ – „Zu Recht! Das mache ich nie wieder! Ich hoffe, sie vergisst es wieder!“

Sie vergaß sicherlich nicht, war aber so großmütig, dass sie zu uns zurückkam. (Vielleicht war ihr klar, dass wir blöde, pubertierende Gören waren … 😉 ) Und da meinte ich: „Komm mal her, Süße! Es tut mir leid – das war gemein!“ Und da kam sie an, leckte mir über die Nase und ließ sich knuddeln. Alles war wieder gut, das aber nur dank Queenies großzügiger und nachsichtiger Art. 😊

Einmal waren Bea und ich mit ihr am Lippedamm spazieren. Sie trippelte zunächst wie ein aufgezogenes Spielzeug vor uns her, hatte rechts, links, vor und hinter uns alles im Blick, und jenseits der Straßen und schon auf dem Lippedamm ließen wir sie von der Leine. Gleich preschte sie los! Aber sie kam immer wieder zurück, um zu sehen, wo wir lahmen Trinen denn blieben. 😉 Die „lahmen Trinen“, mitten in der Pubertät, hatten einiges zu beratschen, zumal abends Beas Bruder eine Party veranstaltete, derentwegen ich auch bei Bea übernachten sollte … Wir waren komplett abgelenkt, und ein großer Teil unserer wichtigen Unterhaltung handelte von… Jungs! 😉

Da machte es plötzlich Platsch! Und wir blickten auf und sahen einen kleinen, braunweißen Hund vom Ufer der Lippe weggetrieben werden! Und laut schrien wir: „Queenie! QUEENIE!“

Das war kein Spaß, denn der Fluss verfügt just an dieser Stelle über eine starke Strömung. Und Queenie war klein!

Und schon rannten wir ohne Rücksicht auf Verluste zum Flussufer hinunter, laut „QUEENIIIIIEEEE!“ schreiend. Nicht auszudenken, würde sie verlorengehen! Und wer wusste, wo sie herauskommen würde … Bea und ich sprangen am Ufer auf und ab, zwei pubertierende Mädels, die mit schrillen, annähernd überschnappenden Stimmen des Hundes Namen schrien. Ich schrie: „QUEENIE! HIERHER! SCHWIMM! DU SCHAFFST DAS!“ Bea schrie: „QUEENIE! BEI FUSS!“

Die kleine Terrierhündin legte sich ins Zeug, paddelte, was das Zeug hielt, wurde zunächst weiter in die Mitte des Flusses gezogen. Ich schrie so laut, dass ich hinterher heiser war, während Bea in Tränen ausbrach. Ich schrie sie auch gleich an, denn ich war in Übung: „Nicht! Wir müssen sie anfeuern! Sonst schafft sie das nicht!“ Und wir schrien, als stünden wir in Flammen! 😉

Und in der Tat: Anfeuern hilft. Queenie paddelte gleich viel kräftiger, und sie schaffte es bis in die Nähe des Ufers. Bea schmiss sich auf den Bauch und robbte bis an den Uferrand vor. Da ihre Haltung wenig stabil war, schmiss ich mich als Gegengewicht auf sie, und gemeinsam schafften wir es, den kleinen „Seehund“ aus dem Wasser zu bergen, als er sich besonders ins Zeug legte und nahe genug ans Ufer paddelte. Bea packte die Kleine am Geschirr, und zunächst verharrten wir in der Stellung, bis alles stabilisiert war. Ich nahm Bea den Griff ins Geschirr ab und zerrte Queenie an Land. Dann half ich Bea auf, und wir fielen einander in die Arme, während die kleine Queenie zunächst hechelte, als würde sie dafür bezahlt, wobei ihre Zunge fast bis zum Boden reichte, uns, einigermaßen erholt, dann nassschüttelte und uns zum guten Schluss die Hände leckte. Die Kleine hatte genau verstanden, dass es hart auf hart gewesen war. Wir auch. Wir gingen kleinlaut nach Hause zurück, während der Hund schon wieder fröhlich war.

Danach war das kleine Tier auch mir gegenüber noch anhänglicher. Jedes Mal, wenn ich zu Besuch kam und an der Tür des Zweifamilienhauses klingelte, hörte ich aus dem Inneren schon das für jedwede Art von Terriern typische Gebell. Dann wurde die Außentür per Türöffner geöffnet, und ich trat ein, während die Tür zur Wohnung im Parterre aufging. Stets stürmte ein kleines, braunweißes Wesen freudig bellend hervor und sprang vor mir so hoch, dass wir auf Augenhöhe waren, ganz so, als hätte es Sprungfedern unter den Sohlen. 😊 Und die Begrüßungszeremonie verlangte, dass ich es dann in meinen Armen auffing und knuddelte, während es begeisterte Laute von sich gab und mir über die Nase leckte. Das normale Begrüßungsprozedere und einfach nur rührend. 😊

Dann ging Beas und meine Freundschaft zwar nicht auseinander, ruhte allerdings einige Zeit. Erst, als wir zusammen Abi machten, waren wir wieder im gewohnten Kontakt, wenn auch nur in der Schule. Und als ich schon zwei Monate lang in Aachen studierte, ein echtes Erstsemester, war ich nach einigen Jahren erstmalig wieder in ihrem Elternhaus. Bea hat Mitte Dezember Geburtstag, und sie hatte mich eingeladen, mit ihr und einer anderen Mitschülerin einen netten Nachmittag zum Teetrinken und Quatschen zu verbringen.

Ich klingelte an der Außentür. Von innen ertönte lautes und schrilles Terriergebell. Der Türöffner summte, und ich drückte die Tür auf, betrat den Hausflur. Die Innentür öffnete sich, und ein braunweißes Tier schoss auf mich zu, laut bellend und eindeutig fremdelnd. Ich durfte die Wohnung betreten, und ich sprach auf das Tier ein, das jedoch weiterhin laut bellte.

Beas Mutter war in der Küche, und ich wollte sie begrüßen, zumal wir einander lange nicht gesehen hatten. Sie freute sich, und wir unterhielten uns, während die kleine Queenie misstrauisch dabei saß und mich argwöhnisch betrachtete. Einmal fing sie erneut an, mich anzubellen, und da meinte Beas Mutter: „Aber Queenie! Das ist doch Ali! Die kennst du doch! Deine Ali! Die kannst du doch nicht so anbellen!“ Ich lachte und meinte: „Ich war so lange nicht hier – vollkommen richtig, dass ich ausgeschimpft werde!“ Beas Mutter lachte und meinte: „Aber kein Grund, das nicht zu ändern.“

Und dann saßen wir zu dritt in Beas Zimmer, tranken Tee und tratschten. Ich hatte Beas anderen Hund, die kleine Ira, auf dem Schoß, da das Tier mich offenbar mochte. Und wir lachten und tauschten Erinnerungen aus, als plötzlich die Tür hinter mir, nur angelehnt, vorsichtig aufgeschoben wurde und sich jemand kleinlaut an mich heranschlich, sich dann zwischen meinen Arm und meinen Oberkörper schob und mich schelmisch von der Seite von unten herauf anblickte: Queenie. Ich grinste und meinte: „Aha! Da erinnert sich offenbar jemand!“ Und schon wurde mir über die Nase geleckt! Und als Nächstes die kleine Ira von meinem Schoß verscheucht. Hier war jemand, der ältere Rechte hatte. 😉

Queenie habe ich nie vergessen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es, falls ich mir irgendwann wieder einen Hund zulege, ein Glatthaar-Fox werden wird. Zumindest hat mich der kleine Kerl heute beim Blick aus dem Bürofenster so angenehm erinnert, wie er da so eifrig an der Leine dahertrippelte, die Augen überall. Er erinnerte mich doch sehr an die kleine Queenie, und das ist eindeutig eine sehr schöne Erinnerung. 😊

Wider Erwarten blieb mir wohl manches erspart …

Ich habe mich immer ein bisschen benachteiligt gefühlt, weil ich keine Kinder habe. Gut, werdet ihr sagen, hätte die dumme Nuss ja ändern können. Aber nein – das konnte ich leider nicht. Eine OP im Alter von 23 Jahren, in deren Zuge mir der behandelnde Arzt nach dem Befund sagte: „Hattän wir grroße Glück – ist doch kein Krrääbs gewesen, wie ich befürrchtät hattä!“ stand dem entgegen.

Ich habe gelernt, damit umzugehen, aber es war ein ziemlich unschöner Prozess. Dabei hatte mir der Arzt damals gar nicht explizit sagen können, dass ich nach der OP an der Portio keine Kinder haben könnte. Es bestand die sehr hohe Wahrscheinlichkeit dazu, und er hatte sehr deutlich gesagt, dass er diese OP nur durchführen würde, wenn ich bereits die von mir gewünschte Anzahl an Kindern (mindestens zwei, höchstens drei) hätte, sofern es nicht zwingend notwendig sei. Er nannte die Bedingungen, unter denen es notwendig werden würde, und einige Jahre ging alles gut. Dann traten die Bedingungen für die OP ein. Da war ich 23.

Und danach – ich war inzwischen mehrfach umgezogen und hatte wechselnde Ärzte – erzählten mir weibliche Bekannte und Freundinnen oft, ihr Arzt habe sie gefragt, ob sie denn einen Kinderwunsch hätten. Keiner der Ärzte nach meiner OP hat mich in den Jahren danach gefragt, machte aber immer ein nachdenkliches Gesicht, nachdem er mich untersucht und ich erwähnt hatte, dass ich Kinder sehr möge. Ich machte mir so meine Gedanken.

Erst vor einem Jahr habe ich mich getraut, meinen Arzt, den ich nun seit Jahren hier habe, zu fragen, für wie wahrscheinlich er es einschätze, dass ich jemals Kinder hätte haben können. Ich wollte endlich Gewissheit und Ruhe für mich selber haben. Nicht selten, wenn eine Kollegin mit ihrem neugeborenen Baby ankam, um es vorzustellen, war mir das Weinen näher als das Lachen, obwohl ich immer lachte und mich freute. Neid verspürte ich nie. Mehr Kummer.

Mein Arzt holte tief Luft, und dann sprach er … Seither geht es mir prima. Es war wohl ziemlich aussichtslos, und ich hatte nun Gewissheit. Ich hatte nichts falsch gemacht, und ich kann in der Tat damit leben. Es ist zwar nicht schön, sich bewusst zu werden, dass man Jahre seines Lebens völlig umsonst gehofft und gebangt hat, da immer eine Art grundsätzlicher Sorge da war, weil ja niemand Aufschluss verlangte (ich, und das aus Angst vor dem unwiderruflichen Resultat, völlig irrational) oder geben wollte – aber ich fühle mich, seit ich im höchstwahrscheinlichen Bilde bin, wirklich gut. 😊

Und seit meiner letzten Fortbildung weiß ich auch, dass ich in mancher Hinsicht rein gar nichts verpasst habe. Zumindest gesellschaftlich gesehen, denn Kinder mag ich nach wie vor. Sogar sehr. Vor allem deswegen, weil sie so erfreulich unparteiisch sind, von Natur aus. 😉

Denn: Nicht nur, wenn man kinderlos ist, ist das Mist, egal, ob frei- oder unfreiwillig. Zumindest aus Sicht mancher Menschen und/oder Eltern. 😉 Ja, selbst in der privilegierten Elternschaft scheinen manche noch drastische Unterschiede zu machen, wie ich vorgestern hörte, das jedoch auch nicht zum ersten Mal.

Wie das kam? Nun ja, ich unterhielt mich mit einigen Kolleginnen. Bis auf zwei hatten alle Kinder, mindestens zwei, manche sogar drei. Alle gingen mit der Tatsache erfreulich natürlich um. Warum auch nicht, wird man sich da fragen, aber eine Kollegin, Mutter von drei Söhnen, blähte sich auf und erklärte allen, die es hören wollten – oder auch nicht -, dass sie mit ihren drei Jungs total glücklich sei. Und überhaupt sei ja allgemein be- und anerkannt, dass Jungsmütter ohnehin viel cooler seien als Mädelsmütter!

(Ich dachte an meine Mutter, eine reine Mädelsmutter, die sich zwei Söhne gewünscht hatte und eine der coolsten Mütter ist, die ich je kennengelernt habe … Und obwohl sie sich zwei Söhne gewünscht und zwei Töchter bekommen hat, fand sie das wohl okay und hat meine Schwester und mich wohl genauso cool und liebevoll aufgezogen, wie sie es mit Jungs sicher nicht anders gemacht hätte. Vielleicht etwas anders, aber gewiss nicht „cooler“. 😉)

Eine weitere Jungsmutter stimmte zu. Komischerweise hatte ich diese bis dato als recht hektisch und keineswegs cool empfunden, und auch die erstgenannte Jungsmutter, die das Coolsein quasi zum unwiderruflichen Erkennungsmerkmal unter Müttern erhoben hatte, wirkte eher nervös, fast schrill und stets bemüht, sich ins rechte Licht zu rücken.

Als beide dann aufstanden, um zu Hause anzurufen, da sie ja nun schon immerhin seit einigen Stunden nicht im Einflussbereich der cool erzogenen Söhne waren, meinte eine reine Mädelsmutter ironisch: „Das sind die echt coolen Mütter von Söhnen! Ich werde heute Abend mal zu Hause anrufen und nachhören, ob alles laufe. Ansonsten vertraue ich auf meinen Mann und WhatsApp. Wenn irgendetwas anliegt, bekomme ich sicherlich Nachricht. Da das noch nicht der Fall war, muss wohl alles laufen.“

Sowohl reine Mädels-, als auch Gemischtmütter, als auch die Kinderlosen lachten. Allerdings auch noch eine Jungsmutter. Sie meinte: „Meine Jungs sind pflegeleicht. Ich vertraue darauf, dass mein Mann das hinbekommt und finde diese Unterscheidungen zwischen Jungen und Mädchen bzw. entsprechenden Müttern einfach nur peinlich.“ Und während die coolen Jungsmütter hektisch und besorgt telefonierten, lachten wir alle zusammen.

Und spätestens seitdem weiß ich, dass ich nicht nur nicht benachteiligt bin, sondern mir sogar einiges erspart geblieben ist, denn: Man macht es immer falsch. Zumindest im Hinblick auf – manche – Mütter. Und Väter. Denn auch da gibt es in manchen Fällen derlei Unterscheidungen. 😉 Was wäre nur passiert, wie würde ich wohl eingeschätzt werden, wäre ich eine Mädelsmutter geworden, die den kleinen „Weibern“ vorgelebt hätte, dass Prinzessin beileibe kein erstrebenswerter Beruf sei! Ich hätte wahrscheinlich gar nicht ins Raster gepasst! 😉 Umgekehrt ebensowenig. Ich wäre ganz sicher eine ganz miserable Mutter gewesen, wenn man das Jungs- und Mädelsmütter-Raster zugrunde legt, da ich die geschlechtsunabhängige und ganz individuelle Persönlichkeit von Menschen respektabel finde … 😉

Ich fände es nach wie vor toll, wenn nicht ständig Hauen und Stechen bestünde: weder gegenüber Kinderlosen, noch gegenüber Eltern. Aber bei Letzteren dann bitte auch nicht „intern“ zwischen Jungs- bzw. Mädelsmüttern. 😉

Das menschliche Miteinander scheint stets eine Herausforderung zu sein, und Leben und leben lassen für manch einen schier unmöglich. Aber zum Glück sind auch hier nicht alle gleich. 😉

Ein schönes Wochenende! 😊

Von Puppenstuben, Tapas und panischen Kolleginnen

Was ist Fortbildung? Meine Definition lautet: „Man fährt fort, um anderenorts gebildet zu werden.“

Und so bin ich heute aus Bonn zurückgekehrt, wohin ich gestern frühmorgens mit der Deutschen Bahn AG gefahren war. Die Hinfahrt begann stressig, aber dafür konnte die DB AG nichts – es gab bereits zuvor Chaos mit der hiesigen Straßenbahn, die – zumindest erweckte es den Eindruck – gestern mehr nach eigenem Gusto und nicht nach Fahrplan fuhr, und ich erwischte den Zug, den ich erwischen musste, zwar sehr knapp, aber zum Glück doch noch, da ich ansonsten ein neues Ticket hätte lösen und dieses auch noch mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit aus der eigenen Tasche hätte zahlen müssen (das Zauberwort heißt Super-Sparticket bzw. – damit einhergehend und daraus resultierend – Zugbindung, was soviel heißt, dass man höchst unflexibel ist und wirklich nur diesen einen Zug nutzen kann – den ich fast versäumt hätte, wenn auch nicht aus eigener Schuld). Ich gestehe, ich fiel in der Straßenbahn, die schließlich und letzten Endes doch noch kam, nachdem ich bereits eine halbe Stunde an der Haltestelle gewartet hatte – ohne dass sich etwas Straßenbahnähnliches am Horizont zeigte (zumindest, was meine Fahrtrichtung betraf, denn in Gegenrichtung sah ich, meiner Not zum Hohn, drei Bahnen höchst pünktlich ihres per Schienen vorgegebenen Weges fahren) -, nicht gerade durch übergroße Gelassenheit auf, und als an einer Haltestelle ein kleiner Junge bereits ausgestiegen war, dann jedoch noch zurückkam und sich in die offene Tür stellte, um einer alten Dame die Mitfahrt mit exakt dieser Bahn noch zu gewährleisten, litt ich unter einer von mir deutlich verspürten Adrenalinausschüttung; einer Dame, die in quasi noch gedrosselter Zeitlupe, einem annähernd stehenden Bild nicht unähnlich, am Horizont sichtbar wurde …

Normalerweise finde ich es wunderbar, wenn Rücksicht genommen wird, was auch mich als aktiv Rücksichtnehmende einschließt; vor allem aber finde ich es toll, wenn noch relativ kleine Kinder das tun, weil das beileibe nicht mehr an der Tagesordnung ist. Gestern – ich muss es leider gestehen – zuckten meine Finger, ja, mein gesamter Körper bereits, aufzuspringen, um den kleinen Jungen energisch, aber liebevoll aus der offenen Tür zu entfernen, sei es durch einen vorsichtigen (!) Schubser hinaus oder durch Hineinziehen des etwa Zehnjährigen, auf dass die blöde Tür sich endlich schließe! 😉 (Nein, das hätte ich nie getan, aber ich bin ehrlich genug, zuzugeben, dass ich dieses Bedürfnis verspürte – es war zwischen 5 und 10 nach 9. Und mein Zug sollte die heiligen Hallen von GE Hbf um exakt 09:15 h verlassen … Und das, wie es aussah, ohne mich mitsamt meinem zuggebundenen Ticket!)

Ich bin dann die laufende Rolltreppe aus dem Souterrain, wo die Straßenbahn im Hauptbahnhof hält, hinaufgehechtet, ebenso die Rolltreppe ins Zwischengeschoss und auch die Rolltreppe, die zu den Gleisen 4 und 5 führt. An Gleis 5 stand der IC nach Koblenz Hbf über Bonn Hbf schon, und ich schaffte es haarscharf noch, einzusteigen.

Annähernd atemlos ließ ich mich auf den von mir reservierten Platz sinken, und als wir in Bonn Hbf, dem schlimmsten Hauptbahnhof, den ich derzeit kenne, einliefen, war ich wieder die Alte.

Schnell die kombinierte Stadt-/U-Bahn geentert, und ab ging es nach Bad Godesberg. Im Villenviertel lag mein Hotel, das ich auch relativ schnell fand. Geschäftemäßig sah es dort mau aus: Bis auf ein Delikatessengeschäft und eine Apotheke war dort außer Villen und diversen Magnolienbäumen: nichts.

Ich checkte ein, und man gab mir netterweise den Schlüssel bereits, obwohl ich die normale Check-in-Zeit bei weitem unterschritt. Man meinte jedoch, da von oben nach unten geputzt werde, sei mein Zimmer ohnehin garantiert schon fertig. Ich hatte nicht nur beim Zugticket, sondern auch beim Hotelzimmer ein Schnäppchen gemacht. Nicht, dass ich selber derart sparsam wäre, aber es gibt bei Dienstreisen eben ein bestimmtes Budget. 😉 Und ich hatte auf der Buchungsbestätigung bereits gelesen, dass das Zimmer als Puppenstube bezeichnet wurde, zumal auch alle anderen Zimmer dort klingende Namen tragen, was ich auch schön finde. Und meines trug seinen Namen in jedem Falle zu Recht, denn als ich seine Tür aufschloss und schwungvoll hineintrat, prallte ich auch schon gegen den Schreibtisch, der direkt vor dem Fenster am anderen Ende des Zimmers stand. 😉

Ein Zimmermädchen folgte meinen Spuren, das mir erklärte, das Bad sei noch nicht geputzt – ob ich denn den ganzen Tag nun im Zimmer sein würde? Nein, versicherte ich, ich wolle nur meine Reisetasche abstellen und mich etwas restaurieren, aber gewiss nicht duschen. Ansonsten sei ich den ganzen Tag bis zum Abend nicht da – nur die Ruhe! 😉 Sie atmete auf, und zum Dank fand ich später gleich ein ganzes Bündel an Mini-Gummibärentütchen auf meinem Kopfkissen, wo bei meinem Ersteintritt nur eines gelegen hatte. 😊

Und schon machte ich mich auf zum Wissenschaftszentrum. Die Empfangsdame, von mir nach dem Weg zum Workshop gefragt, offenbarte Heimatklänge. Ich hatte mich schon weggedreht, wollte dann aber doch noch nachfragen: „Darf ich Sie etwas fragen?“ – „Ja. O je, was kommt jetzt?“ – „Nix Schlimmes! Sind Sie von hier?“ – „Nein.“ – „Kann es sein, dass Sie aus Franken stammen?“ Die Empfangsdame, die zuvor professionell-freundlich gewesen war, starrte mich an und rief dann begeistert: „Jo! Frrreilich! Woher wissen Ssie des? 17 Jahrrre hier, und ma hört’s fei immer nuch! Ned allä, obba Ssie offenbaarr! Woher wissen Ssie des?“ – „Mei Muddä kummt aus Frrangn.“ – „O! Des is ja nett! Woher kummt Ihr Muddä?“ – „Aus Bamberch!“ – „A Nachbarrrin! I bin aus Wäatzberch!“ – „Aus Würzburg – wie schön!“ Und schon fand ich die Fortbildung viel netter. 😉

In derselben mit etwa 50 Teilnehmern fanden sich noch zwei weitere Fränkinnen, und das machte mir die Fortbildung, deren Anfang so hektisch gewesen war, gleich besonders sympathisch. 😉

Anstrengend war sie, aber abends waren wir vom Veranstalter in eine Tapas-Bar eingeladen, und ich hatte das Glück, am nettesten Tisch zu sitzen zu kommen. Es war nicht nur der netteste, sondern auch der gemütlichste Tisch, denn wir saßen in einer muckeligen Nische. Und es wurde sehr viel gelacht an unserem Tisch in der Tapas-Bar, die vom Veranstalter zur Gänze und nur für uns als geschlossene Gesellschaft reserviert worden war. 😊

Als es ans Zahlen ging, meinte die Kellnerin zu uns: „Eine Frage: Ihr hier an dem Tisch kennt einander schon länger, nicht wahr?“ – „Nein. Erst seit heute um etwa 13 Uhr. Warum?“ – „Weil ihr so fröhlich seid und hier soviel gelacht wird. Die an den anderen Tischen sprechen offenbar nicht einmal miteinander. Und gelacht wird schon gar nicht. Bei euch haben wir besonders gern serviert, weil ihr einfach so fröhlich seid. Ihr könnt auch gern meine Kollegin fragen. Seid ihr wirklich alle vom selben Verein?“ Wir bedankten uns fröhlich für das Kompliment und lachten erneut los. 😉

Und dann ging es an den Heimweg. Ich ging zusammen mit zwei Kolleginnen. Eine der beiden, Johanna, hatte im selben Hotel wie ich ein Zimmer gebucht, aber noch nicht eingecheckt. Und wir brachen um 21:30 h auf – um 22:00 h schloss die Rezeption. Und keine von uns kannte sich wirklich aus … Noch dazu war der Akku von Johannas Handy leer, mein Handy hatte unerfindliche Ausfallerscheinungen, zumindest war die „Navi“-App wie abgestürzt, und die andere Kollegin sorgte sich in der Hauptsache um sich. Kurz: Wir irrten umeinander, dass es schlimmer kaum ging. Ich bin mir sicher, dass wir den Weg schneller gefunden hätten, wären zwei von uns nicht völlig unter Druck gewesen, die sich gegenseitig noch hochpushten, während ich mehrere Passanten fragte, ob sie uns gegebenenfalls den Weg bis zur gewünschten Straße erklären könnten, da wir fremd und navigationstechnisch derzeit ein wenig limitiert seien. Keiner konnte uns helfen, lediglich eine Frau mit einem sympathischen und freundlichen Hund versuchte, uns auf den richtigen Weg zu bringen. Sie hatte zunächst bedauert, auch nicht zu wissen, wo unser Ziel läge, kam aber extra noch einmal zurück, weil ihr eingefallen war, dass der Weg gar nicht so kompliziert sein könne. Der Hund, ein Englischer Setter, freute sich auch, uns wiederzusehen. An mir sprang er sogar hoch und wurde von mir geknuddelt. Er leckte mir über die Hand, vermochte jedoch nicht, uns den Weg wirklich hundertprozentig zu weisen … Aber sein Frauchen war in der Lage, uns die ungefähre Richtung zu zeigen. 😉

Nun hatte ich das Glück, bereits eingecheckt zu sein und einen Schlüssel zum Hotel zu haben. Daraus ergab sich eine gewisse Gelassenheit, wenn ich auch darauf bedacht war, zügig weiterzukommen. Immerhin schloss die Rezeption von Johannas und meinem Hotel um 22 Uhr, und wenn ich auch einen Schlüssel zum Haus und meinem Zimmer hatte, hatte Johanna davon wenig. Und Jadwiga, die andere Kollegin, war beileibe keine Hilfe, weil sie nur jammerte, dass sie endlich in ihr Zimmer – in einem anderen Hotel – wolle. Als wir zufällig an ihrem Hotel vorbeikamen, rief sie auch fröhlich: „Gott sei Dank – da ist mein Hotel! Gute Nacht!“ Und schon war sie im Hauseingang verschwunden.

Ich wählte kurzentschlossen die Nummer unseres Hotels und reichte mein Handy an Johanna weiter. Offenbar erklärte am anderen Ende jemand ihr, was zu tun sei, aber Johanna war sehr, sehr hektisch, und als wir am Hotel ankamen, war die Rezeption definitiv zu, keiner ging mehr ans Telefon, und so kam es, wie es kommen musste …

Wir schleppten uns ins zweite Stockwerk in mein „Wohnklo“, denn ich hatte Johanna Asyl angeboten. Und – ich muss es gestehen – wir haben die gesamte Minibar leergemacht, denn eine solche gab es trotz der klaustrophobiebefähigenden Enge in meinem Miniaturzimmer doch! 😉 Drei Schoppen Wein, zwei Flaschen Bier, Wasser, Erdnüsse und eine Tafel Schokolade …

Was hätte ich tun sollen? Ich konnte sie ja nicht im Hausflur übernachten lassen! 😉 Aber es war eine gruselige Nacht – auch das Bett war eher so geartet, als wäre es einer echten Puppenstube entnommen worden! 😉

Wir waren jedenfalls heute nicht ganz so taufrisch und motiviert, als wir zum Frühstück gingen. Johannas Arbeitgeber muss ihr Zimmer voll bezahlen. Klar. Immerhin hat sie alles bezahlt, was wir meiner Minibar entnommen haben. 😉 Lustig war alles – im Nachhinein – aber schon.

Allerdings war der Tag dann doch etwas anstrengend, und nachdem mein Zug dann auch noch eine Stunde Verspätung hatte, kam ich nicht sonderlich gutgelaunt hier wieder an. Wenigstens kam gleich eine Straßenbahn, aber die war rappelvoll. Wenigstens hatte ich noch einen Sitzplatz ergattert, aber es war sehr eng, zumal direkt vor mir eine Mutter mit Kopftuch und vier Kindern stand: drei Mädchen und einem kleinen Jungen. Ich gestehe, ich war erst etwas genervt, zumal die beiden kleinsten Kinder total nörgelig waren, und wenn ich selber nörgelig bin, nerven mich andere nörgelnde Menschen noch mehr. 😉 Aber irgendwie fand ich die Kinder doch nett, und ihre Mama schien auch sehr liebevoll zu sein. Die Mädels hatten wild gefärbte, künstliche Haarsträhnen bekommen, die man mit Clips in die echten Haare stecken kann. Im Vertrauen: Es sah gruselig aus, aber die kleinen Mädchen waren ganz stolz, und nachdem mich das jüngste, etwa drei Jahre alt, dauernd anstrahlte, lächelte ich auch.

Und ich sah die Mädels, so stolz auf ihre künstlichen Haarsträhnen, mit denen sie dauernd zugange waren, und mir fiel ein, dass man als Kind manchmal ganz geschmacklose Dinge schön findet. Und mir fiel auch wieder ein, dass man sich als Kind dann freut, wenn man Zuspruch bekommt und trotz aller Geschmacklosigkeit doch respektiert wird, dass man das schön findet. Und so sagte ich, als mich eines der Mädchen ansah: „Ihr seht sehr hübsch aus!“ Und die Kleine strahlte und rief voller Inbrunst: „Danke!“ Und sie fügte hinzu: „Sie sehen auch sehr hübsch aus!“ Das fand ich sehr süß. Denn ich sah überhaupt nicht hübsch aus – ich war genervt, ich war müde, ich war übernächtigt. 😉 Aber so nett von dem Kind gesagt. 😊

Und die Mutter meinte zu mir: „Das ist sehr nett von Ihnen – sie freuen sich! Ich wollte ihnen das ja gar nicht kaufen, weil ich es hässlich finde. Aber es sind Kinder, und sie haben sich so gefreut. Und ich finde es so nett, dass Sie gesagt haben, dass sie hübsch aussehen. Ich finde es ja nicht schön, aber sie finden es schön. Und Sie haben das verstanden. Sie haben sicher auch Kinder.“ – „Nein, leider nicht. Aber ich war selber mal ein Kind.“ – „Ach … Aber das ist eine schöne Erklärung, wenn sich Erwachsene noch daran erinnern.“ – „Mir bleibt ja gar nichts anderes übrig, weil ich leider keine Kinder habe.“ – „Ja, das ist schade, gerade in diesem Fall. Aber nicht alle Erwachsenen erinnern sich.“ – „Danke.“

Das war völlig unerwartet – ein nettes Highlight an einem stressigen Tag, an dem man sich wünscht, es möge einen Knall tun und man in seiner Wohnung sitzen, während man noch immer beschwerlich mit Bussen und Bahnen unterwegs ist. 😉

Und so endete der Tag doch noch schön. 😊

Aber den Bonner Hauptbahnhof mag ich nach wie vor nicht. Und bei der nächsten Fortbildung werde ich gewiss keine Super-Sparangebote mehr wahrnehmen, sondern einfach ganz normal buchen und dann hoffentlich ein hinreichend großes Zimmer mit einem größeren Bett bekommen. Denn es könnte ja immer sein, dass man einer versprengten Kollegin Asyl gewähren muss … 😉

„Für die Tage dazwischen …“ Oder: Was tun, wenn der eine Sprachkurs pausiert und der andere dringenden Ansporns bedarf? ;-)

Ich liebe Sprache(n), und ich liebe den Spracherwerb. Nicht ohne Grund lerne ich Niederländisch und Polnisch, wobei Niederländisch eine echte Erholung gegenüber dem Erwerb der polnischen Sprache ist.

Leider pausiert der Niederländischkurs derzeit, was immerhin den Vorteil hat, dass ich Sprit spare und nicht jeden Mittwoch nach M. fahren muss. Und peu à peu wiederhole ich nun alle Lektionen, bis – hoffentlich! – im VHS-Wintersemester der Kurs fortgesetzt werden kann.

Mit Polnisch, das ich mit einem kostenlosen Online-Dienst lerne – ein Tipp meiner ehemaligen „Elevin“ Marta, die aus Polen stammt -, ist es so eine Sache. Ich verfolge das Ziel beharrlich, aber Polnisch ist eine slawische Sprache mit ganz eigenen und eigentümlichen sprachlichen Konstrukten – zumindest für Menschen, denen slawische Sprachen völlig fremd sind -, und ich habe jedes Mal nach einer Lerneinheit das Gefühl, meine Zunge führe ein Eigenleben bzw. es sei ein Knoten darin. Es ist nicht leicht, und ich musste zu meiner Überraschung feststellen, dass der Niederländischkurs offenbar nicht nur erholsam sei, sondern auch dazu ansporne, auch hinsichtlich der polnischen Sprache, ganz privat und ohne Kurs zu lernen begonnen, stets weiterzumachen.

Nun stand ich vor einem Problem, als der NL-Kurs zum Pausieren verdonnert war, so komisch das klingen mag. Doch die Lösung des Problems lag so nahe! 😉

Vor einigen Tagen hörte ich durch Zufall ein uraltes Lied – ein spanisches. Irgendwann in den 80ern hatte ich es erstmalig gehört und sofort geliebt. Zumindest die Melodie – den Text verstand ich ja nicht. Und so googelte ich den Text, fand, dass das im Grunde gar nicht so schwer sein könne, wenn man nicht nur Latein – wenn auch ungern – und Französisch in der Schule hatte. Und überdies noch Kenntnisse in Italienisch.

Und ich beschloss – mich zu verzetteln, gehört zu meinen Schwächen -, bei dem Online-Dienst auch noch einen Kurs in Spanisch zu belegen.

Gedacht – getan! Und ich bin begeistert! Ich bin seit einigen Tagen schon relativ weit gediehen.

Und konnte sogar zwei Lektionen überspringen, obwohl ich Spanisch weder in der Schule, noch sonstwo gelernt habe.

Dabei hatte ich vor -zig Jahren beim Urlaub in der DomRep schon einige Erfolgserlebnisse bei Einheimischen gehabt, denen ich die wenigen spanischen Brocken, die ich mir angeeignet hatte, um die Ohren haute. Mehrfach wurde ich, die zuvor mehr oder minder flüssig artikulierte Sätze auf Spanisch (alle auswendiggelernt oder durch die anderen romanischen Sprachen, mit denen ich bis dato zu tun gehabt hatte, hergeleitet) geäußert hatte, auf Spanisch gefragt, ob ich Spanisch spräche, was ich auch verstand. Meine Antwort darauf stets ein entschlossenes: „No!“ Und dabei hob ich lächelnd meine Schultern, woraufhin mich das jeweilige hispanophone Gegenüber sicherlich stets für geisteskrank erklärte, denn zuvor war ich ja in der Lage gewesen, mich auf Spanisch zu artikulieren, da das Gegenüber kein Englisch sprach, was mir lieber gewesen wäre. Und sogar die Frage, ob ich Spanisch spräche, verstand ich und konnte sogar energisch in der Amts- und Landessprache antworten! 😉

Blöd ist, wenn man zuvor schon in Ansätzen Italienisch gelernt hat. Zwar gibt es Überschneidungen in beiden Sprachen, und Ja bzw. Nein sind quasi identisch. 😉 Auch sind diverse Begriffe ähnlich. Leider nicht alle, und so fragte ich beim Frühstück die ausschließlich hispanophone Bedienung mittels eines auswendiggelernten Satzes, ob sie mir noch „burro“ bringen könne. Sie starrte mich an, als hätte ich von ihr verlangt, sich sofort bis auf die Socken auszuziehen, und sie vermittelte sowohl mit Sprache, als auch Mimik und Gestik, dass mein Begehr sie vor Probleme stelle. Genauer: Sie sah mich an, als wäre ich wahnsinnig.

Zum Glück fiel der Groschen bei mir: Burro gibt es in beiden Sprachen. Im Italienischen bedeutet es Butter, und das war das, worum ich die Bedienung gebeten hatte. Im Spanischen bedeutet „burro“ etwas anderes, und mir schwante, warum die Bedienung so entgeistert dreinblickte: Was will man beim Frühstück auch mit einem Esel? 😉 Und so stammelte ich, dass ich noch ein wenig mantequilla brauchte, nachdem mir das Wort wieder eingefallen war. Nix burro! Und dazu lachte ich verlegen. Ich bekam die Butter dann auch und erklärte mit Händen, Füßen und Verzweiflung, dass ich mit der italienischen Sprache ins Gehege gekommen sei. Die Bedienung lachte und gestikulierte, sie habe verstanden. Und fortan, wenn sie Dienst hatte und wir beim Frühstück saßen, kam sie manchmal, wenn sie mitbekam, uns war die Butter ausgegangen, mit einer Extraportion Butter, lachte und rief: „Burro!“ Dabei strich sie mir über die Schulter. Ich lachte dann auch immer, bedankte mich und kniff ihr ein Auge zu, kann jedoch nur den Tipp geben: Italienisch und Spanisch besser nicht parallel erlernen. Manches kann verwirren. 😉

Wie auch immer: Seit einigen Tagen lerne ich Spanisch und kann nur sagen, dass ich seither auch mit dem Polnischen wieder weiterkomme. 😉 Nur geht es mit dem Spanischen irgendwie schneller, und mir kommt es auch etwas einfacher vor als Italienisch. Ich kann mich natürlich irren. Einfacher als Polnisch ist es allemal – zumindest für mich. 😉

Und morgen kommt les drie dran, die ich wiederhole, und das in der Hoffnung, dass der NL-Kurs im kommenden VHS-Semester wieder stattfinde.

Wenn es so weitergeht, bin ich bald das, was man polyglott nennt, zumindest in Ansätzen. Aber polyglott ist ein aus dem Griechischen stammendes Wort … Griechisch will ich aber nicht lernen. Dazu fehlt mir irgendwie der Draht, was aber nicht wertend gemeint ist. 😊

Immerhin habe ich eine neue Lernmethode entdeckt: Wenn der NL-Kurs nicht stattfindet und man parallel Polnisch lernt, was aber irgendwie stagniert, wenn keine weitere Herausforderung da ist, schafft man eine weitere Herausforderung – und schon klappt es wieder. 😉

Vermutlich werde ich alsbald in der Lage sein, mich in drei mir vergleichsweise neuen Sprachen zu verständigen, aber in allen fehlerhaft … Oder in allen dreien gemischt! Vielleicht kommt eine Art neuer „Weltsprache“ dabei heraus. Ähnlich wie Esperanto – wer weiß das schon? 😉

¡Buenas noches! Dobranoc! Goede nacht! 😊

„Per aspera ad astra“

„Weg mit der Putzwolle!“

So sagte ich heute, als ich den Friseursalon meines Vertrauens – und das seit neun Jahren – betrat.

Meine Haare werden dort in unregelmäßigen (!) Abständen zweifarbig gesträhnt und gekappt, bis sie zu dem geworden sind, was man als Bob bezeichnet. Ein Haarschnitt, der derart klassisch ist, dass er bis in die Roaring Twenties zurückreicht, in denen er erfunden wurde und den es in ganz verschiedenen Längen gibt.

Ich bin aus dem Friseursalon seit neun Jahren immer mit einem Bob hinausgegangen. In ganz verschiedenen Längen. Heute ist er genau so, wie ich ihn immer haben wollte: vorne „lange“ Spitzen, die bis zum Mundwinkel reichen. Durchgestuft und hinten besonders kurz gestuft. Das ist der kürzeste und beste Bob, mit dem ich den Salon jemals verließ! 😉 Dabei hatte ich immer ganz genau angegeben, wie das Ganze auszusehen habe!

Wie kam es dazu, dass just heute der Haarschnitt exakt so geriet, wie ich ihn seit jeher haben wollte? Nun ja, das ist einfach erklärt … 😉

Ich war irgendwann vor Weihnachten – vermutlich vier bis fünf Wochen davor – das letzte Mal zum Strähnen und Schneiden gewesen. Danach war erst einmal Ruhe und mein Haar in erträglicher Länge.

Irgendwann Mitte Januar wollte ich zum Schneiden, aber es passte zeitlich nicht. Mein letzter Versuch Ende Januar – aber es kam etwas dazwischen. Und ab dann haben sich meine Haare verselbstständigt, zumal ich ein neues Haarspray benutzte, das meine Haare, auf die wohl jemand nachts, wenn ich schlief, Wachstumsdünger gestreut haben muss, binnen kurzem aussehen ließ, als wolle man sie als Borsten für ein Kehrwerkzeug à la Reisigbesen einsetzen.

Ich opferte daher heute Überstunden, indem ich das Arbeitszeitmodell Spät kommen, dafür früh abhauen anwendete und zum Friseur eilte. Es war nicht mehr auszuhalten.

Melly, die Friseurin, die mich heute in ihre Obhut nahm, rief, als sie mir die Haare kämmte, entgeistert: „Um Gottes Willen – was ist mit Ihren Haaren los! Was für ein Haarspray haben Sie benutzt?“ Ich nannte den Namen, und sie schrie: „Machen Sie das nie wieder, Frau B.! Das Zeug ist die Hölle! Da können Sie sich gleich Silikon zum Abdichten direkt aufs Haar drücken!“

Ich verstand sofort, was sie meinte. Immerhin muss ich mich ja jeden Morgen kämmen und frisieren, und ich bin keine Masochistin, fuhr allerdings seit den längerfristigen Auswirkungen der Silikon-Attacke immer relativ angenervt und nicht ganz so gutgelaunt zur Arbeit. Die Kopfhaut brannte, weil ich mir bei jedwedem Kämmen gleich diverse Haare mitsamt Wurzel ausriss … 😉

Melly verlor also in puncto Haarspray deutliche Worte und ordnete an: „Sofort wegwerfen!“ – „Zu spät! Habe ich schon erledigt.“

Das Strähnen dauerte etwas länger. Und als die Farbe ausgewaschen wurde, rief Melly mehrfach: „Cool! Ihr Haar fühlt sich auf fünf Zentimeter Länge von unten wie Stroh an!“

Dann ging es ans Schneiden. Es fielen diverse Zentimeter, und als mein Haar schließlich – nach Zugabe eines Mittels, das bei besonders hoffnungslos spröden Haaren Wunder bewirke, da wohl fetthaltig – geföhnt wurde, sah ich: Das war der ultimative Bob! So kurz war er noch nie gewesen, aber genauso, wie ich ihn immer gewollt hatte! 😉

Im Grunde meine eigene Schuld: Ich hätte den Friseurinnen zuvor einfach nur sagen müssen, dass sie noch ein, zwei Zentimeter mehr abschneiden sollten, aber sie waren immer so stolz auf ihr Werk gewesen, dass ich es nicht übers Herz brachte. Nun weiß ich, was zu tun ist. 😉 Ich muss nur mein Haar mit einem extrem silikonhaltigen Haarspray eines namhaften Herstellers kontaminieren. Schon  – schwupp! – komme ich mit der Frisur aus dem Salon, die ich schon immer haben wollte! 😉

Das war es doch wert, oder nicht? Gut, ich soll mein Haar in der nächsten Zeit einmal über Nacht mit Olivenöl tränken und gut einwickeln, damit die Bettwäsche nicht benetzt werde. Und in spätestens vier Wochen zum Schneiden kommen. (Was auch immer beruflich anliegen mag: Das werde ich einhalten, denn diesen genial kurzen Bob möchte ich in der Tat gern beibehalten. 😉 )

Ich habe nur vergessen, ob das Olivenöl zum Braten oder nur für Salatdressings geeignet sein müsse – vielleicht muss es ja extra vergine sein … 😉

Immerhin ist nun die spröde weißlichblonde Putzwolle weg, als die sich die Haare im unteren Bereich gestalteten. 😉

Offenbar muss man manchmal – unwillkürlich – Dinge ganz falsch machen, um ans erklärte Ziel zu kommen. Auf Anfrage gebe ich Interessierten auch gern den Namen des „toxischen“ Haarsprays preis.

Wie auch immer: Ich sehe wieder aus wie ein halbwegs normaler Mensch. 😉

Ältere Schwestern sind bisweilen grausam – jüngere aber auch …

Ich bin ja ein Fan ausgleichender Gerechtigkeit, auch wenn ich weiß, dass das im Großen ein schöner Wunschtraum ist.

Im Kleinen funktioniert das aber manchmal. Zumindest dann, wenn zwei „Parteien“ aufeinandertreffen, von denen mindestens eine, wenn nicht gar beide ein gutes Gedächtnis ihr eigen nennen. 😉

Die Sache mit der „Geschwisterliebe“ halte ich manchmal für ein Gerücht. Meine Schwester Stephanie sicher auch – wie auch unzählige andere Geschwisterkinder. Und doch verbindet einen eine Menge, auch wenn man das „Geschwisterkind“ manchmal am liebsten erwürgen würde, mindestens aber massive Zweifel an jedweder Blutsverwandtschaft hegt.

Es begab sich zu der Zeit, da ich gerade in den letzten Zügen der Grundschule lag – kurz vor dem Wechsel auf die sogenannte „weiterführende Schule“. Stephanie war in Klasse 7 auf dem Gymnasium, das ich dann auch später besuchen sollte. Und sie hatte gerade mit der zweiten Fremdsprache begonnen. Cool! Fremdsprache war damals für mich im wahrsten Sinne fremd – ich sprach, las und verstand nur Deutsch. Und sie war mir weit voraus, sprach nicht nur Englisch, sondern nun auch noch Französisch! 😉 Sie sprach ohnehin immer sehr viel, nun auch noch in zwei anderen Sprachen – das nervte mich! 😉

Irgendwann Ende Oktober des damaligen Jahres riefen mein Onkel und meine Tante an und luden sowohl Stephanie als auch mich zur Soester Kirmes ein, auch als Allerheiligenkirmes bekannt und daher Anfang November stattfindend. Im Jahr zuvor waren wir schon mit ihnen dort gewesen, und das war total klasse gewesen – da wollten wir doch wieder mit. Zumal wir immer mit einer ganzen „Mannschaft“ hingingen, mit Bekannten und Freunden meines Onkels und meiner Tante. Diesmal sollte auch noch die Tochter eines Freundes meines Onkels mitkommen, mit der Stephanie befreundet war: Sandra. Ebenso ihre ganze Familie, die gerade die ganze Austauschfamilie Sandras zu Besuch hatte, denn Sandra hatte zuvor einen Schüleraustausch nach Frankreich gemacht. Sie war ein Jahr eher eingeschult worden als Stephanie. Es versprach, ein besonders interessanter Kirmesbesuch zu werden.

Ein wenig verunsicherte mich, dass ich ja keine einzige Fremdsprache beherrschte – und es sollten insgesamt fünf Menschen dabei sein, die ausschließlich die französische Sprache sprachen. Ich würde mich nur mit Händen und Füßen verständigen können – nicht optimal. Fand auch Stephanie. Aber da sie ja nach einem halben Jahr Französischunterrichts so etwas wie ein Profi war, wusste sie auch sogleich, Abhilfe zu schaffen …

„Alichen, was machen wir nur mit dir? Du kannst mit den Franzosen ja nicht einmal sprechen!“ rief sie in besorgt wirkender Attitüde und fügte sogleich hinzu: „Und das wirkt ja immer ein bisschen so, als wäre man total doof, nicht wahr?“

O Gott! Ich wollte nicht doof wirken, nur weil ich keine einzige Fremdsprache beherrschte! Zum Glück wusste Stephanie Abhilfe! Und vertrauensvoll sagte sie zu mir: „Ich kann dir ein paar Sätze beibringen, damit du wenigstens etwas sagen kannst! Natürlich musst du die Sätze auswendiglernen und kannst nicht ganz frei sprechen!“ Und sie gerierte sich, als sei sie Guy de Maupassant höchstpersönlich! 😉

„Pass auf, Ali! Wenn du einer der Französinnen [die Austauschfamilie bestand aus Vater, Mutter und drei Töchtern] sagen möchtest, dass die Kirmes total schön sei, sagst du einfach: ‚Devant la maison, il y a un camion.‘ Sprich mir nach!“

Ich vertraute meiner Schwester und übte bis zur gefühlten Gesichtslähmung diesen Satz, der da heiße: „Die Kirmes ist toll, ne?“ Oder so ähnlich.

Irgendwann war Stephanie zufrieden, und sie meinte: „Und wenn du fragen willst, ob eine der Französinnen mit dir Autoscooter fahren möchte, fragst du einfach: ‚Est-ce que tu aimes danser avec moi?‘“ Ganz geheuer war mir das Ganze nicht, aber Stephanie sah ernst drein – und Fremdsprachen zu lernen, war ja nie falsch, nicht wahr? Und ich übte und übte.

Irgendwann kam meine Mutter dazu, und sie hörte genau hin. Dann fragte sie: „Ali, weißt du denn, was das bedeutet, was du da so schön sagst?“ – „Ja!“ rief ich stolz, und ich erklärte meiner Mutter, was Stephanie mir dazu gesagt hatte, die plötzlich behauptete, einen wichtigen Termin zu haben … Und schon wollte sie die Biege machen, aber meine Mutter rief: „Stop! Hiergeblieben! Findest du es in Ordnung, deine Schwester vorzuführen, indem du ihr französische Sätze beibringst, von denen du behauptest, dass sie etwas ganz anderes bedeuteten?“ Stephanie lachte und meinte, das sei doch lustig, während ich verärgert fragte, was das denn wirklich heiße. Meine Mutter erklärte mir – und es zuckte um ihre Mundwinkel -, dass Devant la maison, il y a un camion bedeute: Vor dem Haus steht ein Lastwagen. Und der andere Satz, die Frage: Est-ce que tu aimes danser avec moi, sei die Frage, ob der/die Angesprochene mit mir tanzen wolle. Nix mit Autoscooter! 😉

Doch bevor ich mich zornentbrannt auf meine Schwester stürzen konnte, packte meine Mutter mich am Schlafittchen und sagte mir: „Das war ein Scherz! Ein blöder und unfairer, zugegeben, aber kein Grund, sich zu prügeln – ist das klar?“ Und zu Stephanie sagte sie: „Total klasse, Stephanie – ich bin stolz auf dich … Vielleicht ist es Strafe genug, wenn ich dir sage, dass deine Schwester diese Sätze sehr schön ausgesprochen hat und die Aussprache schneller heraushatte und beherrschte als du!“ Da war sofort Ruhe im Karton. Ich habe eine coole Mutter. 😉

Die Soester Kirmes war toll, und in einem Fahrgeschäft saß ich neben Marie-Anne, der ältesten französischen Tochter, einige Jahre älter als ich. Das Fahrgeschäft war eine echte „Kotzschleuder“, und wir brüllten uns beide die Seelen aus dem Leib – unartikuliert. Und wir klammerten uns aneinander und verstanden einander ohne Worte – hier ging es ums blanke „Überleben“! 😉 Das geht auch ohne Sprache, ob gemeinsam oder nicht. Und danach nannte Marie-Anne mich „amie“ und ich sie „Freundin“, und wir verstanden einander ohne Worte, mehr mit Gesten und Mimik. Ging doch!

Später waren wir alle noch in einem Restaurant, und ich saß neben Annabelle, der jüngsten Französin, so alt wie ich. Sie war irgendwann müde und sagte zu ihrer Mutter: „Je suis fatiguée!“ Da man ihr diesen Zustand deutlich ansah, verstand ich sofort, und: „Ich bin müde!“ war dann der erste Satz, den ich auf Französisch verstand. 😉

Meine Schwester hat mir jedenfalls nie wieder fremdsprachige Sätze beigebracht. 😉

Aber umgekehrt war es auch nicht besser. Nur, dass ich mir die Gelegenheiten aufsparte. 😉

Irgendwann während unserer Studienzeit hatte meine Schwester, mit der ich mir zu Beginn meines Studiums die Wohnung teilte – nicht lange, da wir einfach zu verschieden sind -, jemanden kennengelernt, von dem sie mir begeistert erzählte und mit dem sie mehrfach telefonierte und verabredet war, bevor ich ihn kennenlernte.

Ich kam eines Tages nach der Uni und nach dem Einkaufen nach Hause, und in unserer Wohnküche saß da jemand, den ich nicht kannte, mir allerdings an zwei Fingern ausrechnen konnte, dass es sich wohl um den sagenumwobenen Volker handeln musste, zumal meine Schwester besonders liebreizend daherparlierte. 😉

Ich hatte ihr ein Eis mitgebracht und sagte: „Sieh mal, Stephanie, ich habe dir ein Eis mitgebracht!“ – „Ja, danke – leg es ins Eisfach …“ Es war so klar wie Kloßbrühe, dass sie mich dringend loswerden wollte. 😉 Im Normalfalle hätte ich das Feld auch geräumt, aber wir hatten morgens noch ziemlichen Zoff gehabt, und ich hatte mich massiv geärgert, da sie einmal mehr die Allwissende gemimt hatte, obwohl sie nicht recht gehabt hatte. Pech gehabt, jetzt! 😉

Und als hätte ich nichts gemerkt, setzte ich mich sogleich auch an den Tisch, sah Volker unverhohlen an und meinte: „Du musst Volker sein! Nicht wahr?“ – „Ja. Woher weißt du das?“ – „Ach, das ist gar nicht schwer! Stephanie hat derart von dir geschwärmt, dass der Fall ganz klar ist! Aber sie hat recht! Du siehst wirklich gut aus und scheinst in der Tat nett zu sein!“ Volker grinste, und Stephanie hatte mit einem Mal einen derart knallroten Kopp, dass ich mir fast ein wenig Sorgen machte: Das sah echt ungesund aus. Und so meinte ich abschließend noch: „Oh!“ und legte meine Hand auf den Mund, als wäre mir da etwas herausgerutscht, das nicht hätte herausrutschen dürfen. 😉

Ich gebe zu, das war gemein. Aber die beiden kamen dennoch zusammen, zumal Volker laut meiner Schwester meinte: „Deine Schwester ist, glaube ich, ein Schlitzohr. Das hat sie doch mit Absicht gemacht!“ – „Ja, wir hatten Krach, und ich war wohl doof zu ihr.“ – „Na, dann ist das doch eine sehr gelungene Retourkutsche gewesen. Ich konnte jedenfalls sehen, dass ihre Augen funkelten, und mir war der Sinn und Zweck der Maßnahme klar. Aber ich fand es einfach nur sympathisch – keine Sorge.“ Und meine Schwester meinte hinterher noch zu mir: „Ich muss dir wohl noch dankbar sein! Ohne deinen liebreizenden Einsatz hätte das noch Wochen ohne Ergebnis weitergehen können.“ Na, da hatte mein etwas nickeliger Einsatz doch zu etwas Positivem geführt! 😉 Und seitdem war Stephanie auch immer etwas vorsichtiger mit mir. 😉

Man sieht: Ältere Schwestern können ätzend sein. Jüngere aber auch. 😉 Und es lohnt sich stets, Fremdsprachen zu erlernen. Und das am besten so früh wie möglich.

Nomen est omen

So heißt es seit jeher. Oder aber: „Der Name ist Programm.“

Das stimmt nicht immer. Ich bin mit zwei Namen behaftet, die in Kombination besagen, dass ich ein besonders edelmütiger und rechtschaffener Mensch sei. Ich bemühe mich zwar stets, der Vorgabe gerecht zu werden („Sie hat sich stets bemüht …“), aber ich bin auch nur ein Mensch. 😉 Und manchmal denke ich: „Verdammt, zumindest beim Vornamen hatte man doch keine so strengen Vorgaben!“ 😉

Doch immerhin habe ich keinen Doppelnamen als Nachnamen. Denn Doppel-Nachnamen sind seit geraumer Zeit gebrandmarkt. Natürlich keine Namen wie „von Ebner-Eschenbach“ oder „Mendelssohn-Bartholdy“, beides echte Kulturschaffende – nein, solche Namen nicht.

Eher geht es um Namen, die zumeist von Frauen geführt werden, die – zunächst den Gesetzen Folge leisten müssend – bei Heirat ihren Mädchennamen beibehalten wollten, eine Sache, die ich durchaus verstehen kann. Zumindest in Bezug auf Zeiten, da eine freie Namenswahl für Frauen nicht möglich war und sie ganz automatisch den Nachnamen ihres Ehemannes annehmen mussten, als seien sie dessen Besitz. (Nein, ich bin gewiss keine Feministin. 😉)

In Zeiten, bevor die freie Wahl in puncto Nachnamen im Falle einer Eheschließung galt, blieb Frauen nach einigen legislativen Zugeständnissen und leisen Lockerungen nur die Möglichkeit, einen Doppelnamen zu führen, wollten sie ihren Mädchennamen weiterführen. Und da war die Reihenfolge noch vorgegeben.

Doch gab es mehr und mehr Lockerungen, und seit geraumer Zeit dürfen Ehepaare sogar unterschiedliche Nachnamen führen – Doppelnamen sind gar nicht mehr notwendig. Und doch gab und gibt es auch nach den verschiedenen Lockerungen noch immer Frauen, die unbedingt einen Doppelnamen wünsch(t)en. Als es gar nicht mehr notwendig war, seit es nicht mehr notwendig ist. Warum?

Ich habe mich auch oft gefragt, warum manch Frau so zwingend einen Doppelnamen wünschte. Speziell dann, wenn der „Mädchenname“ schon drei oder mehr Silben umspannte und der des Ehemannes ebenso viele.

Doch wenn es nur um die Anzahl der Silben geht, ist der Fall zwar bisweilen grotesk, aber noch nicht gar nicht so schlimm, wie wenn man sich offenbar überhaupt gar keine Gedanken darüber machte, dass es auch ganz bizarre Namenskombinationen gibt.

So rief mich einst eine Dame an, die mir etwas verkaufen wollte. Arglos ging ich ans Telefon, und schon schallte mir: „Guten Tag, Frau B.! Herbst hammer!“ entgegen. Nach der ersten Schrecksekunde rief ich: „Äh – es ist Frühling!“ – „Herbst hammer hier!“ – „Nein, wirklich nicht! Frühling hammer!“ rief ich zurück, im Glauben, ich würde verarscht. Die Dame reagierte völlig humorlos und pikiert: „Mein Name ist Herbst. Verheiratete Hammer. Herbst-Hammer!“ – „Oh! Entschuldigen Sie, bitte, Frau Herbst-Hammer – das war mir nicht bewusst …“ Und dann brach das Lachen aus mir heraus – Situationskomik hat mich seit jeher amüsiert. Frau Herbst-Hammer fühlte sich ihrerseits verarscht, und unter wenig freundlichen Worten legte sie auf. Nun ja – offenbar kein Verlust. Kann ich denn etwas für irreleitende Doppelnamen, die aus einer Laune heraus gestaltet wurden, ohne zuvor (und offenbar auch danach) darüber zu sinnieren, wie diese sich wohl auswirken würden? 😉

Mit einer Frau Silber-Fuchs habe ich auch schon telefoniert. Und einmal wurde ich einer Frau Spielvogel-Ast vorgestellt („Ast bitte mit Doppel-S!“) – ich bewundere mich noch heute ungemein für meine Selbstbeherrschung! 😉

Dreckmann-Schlingmeier, Stäblein-Stolz, Grünfeld-Roth, Daxheimer-Wolf – liebe Doppelnamen-Frauen: Wisst ihr eigentlich, was ihr mir antut? Und dann wundert ihr euch auch noch, wenn ich lachen muss? Ich bin ein Mensch, der nicht nur nahe am Wasser gebaut hat, sondern – vice versa – auch verdammt schnell laut herauslacht und sich kaum bremsen kann. 😉

Es geht auch nicht darum, dass Doppelnamen per se Mist seien – manch einer kann gar nichts dafür! Männer haben sich das meist nicht ausgesucht, ebensowenig die Frauen, die vor Lockerung der Namensbestimmungen einen Doppelnamen annehmen mussten, wollten sie ihren „Mädchennamen“ doch noch weiterführen.

Es geht um die Frauen, die aus purer Selbstverliebtheit (oder einem Gefühl der Minderwertigkeit – ich weiß es nicht!) einen Doppelnamen annahmen, einfach nur, um einen Doppelnamen zu haben. Ich frage mich nach wie vor, was für einen Sinn und Zweck das Ganze habe. Ist man dann mehr wert?

Wohl kaum und schon gar nicht, wenn man auf einer Karnevalsveranstaltung auf den gerade performierenden „Komiker“ zustürzt und völlig humorbefreit moniert, dass man so etwas ja kaum ertrage und damit Doppelnamenträgerinnen veräppelt würden. Ich gebe zu, ich bin kein Karnevalsfan und auch kein Fan platter Witze. Aber hier hielt ich mit dem „Komiker“, für den ich eigentlich auch gar nicht soviel übrig habe und staunte einmal mehr:

Manche Menschen beklagen sich über Klischees und sind doch in sich das, was sie da beklagen: ein Klischee. 😉

Hätte ich mich bei Aufkommen der Blondinenwitze derart echauffiert wie die Dame, die den „Komiker“ angriff, hätte ich schon lange keine blonden, sondern eher graue Haare. Und die wären sehr früh aufgetreten.

Inzwischen frage ich mich, ob derlei Vorkommnisse an den Zeiten liegen, in denen wir leben – oder ob das Klischee bezüglich der Frauen, die ohne Not einen Doppelnamen tragen, stimme, das besagt: meist humorlos, ideologisch geprägt. Und nicht selten Lehrerinnen.

Aber an so einen klischeehaften Mist glaube ich natürlich nicht. Niemals. Und nie habe ich diesbezüglich Erfahrungen gemacht. Nie! 😉

Und ich entschuldige mich sogleich bei den Frauen, die aus ästhetischen Gründen und ohne Hintergedanken einen Doppelnamen annahmen – es sind ja nicht alle gleich. 😉

Was man mit berühmten Autoren gemeinsam haben kann ;-)

Ich finde immer wieder faszinierend, Dinge mit Menschen zu teilen, die man gar nicht persönlich kennt und durch Zufall kennenlernt. Wie mit meiner neuen Brieffreundin Leslie aus Texas, die es vorzieht, durch echte Briefe, also via snail mail, zu kommunizieren.

Ich hoffe, sie hat meinen ersten Brief bekommen, den ich abschickte, als ich schon zwei von ihr bekommen hatte, weil sie wohl hochfrequent schreibt. Denn sie schreibt und wirkt so liebenswert. Nachdem ich nun noch nichts bekommen habe, befürchte ich, dass sie meinen noch nicht bekommen habe oder er ihr nicht gefiel. Dabei fand ich gerade so liebenswert, wie sie mir erzählte, ihr Vater sei Ingenieur, und Gute-Nacht-Geschichten, die er ihr und ihren Geschwistern erzählte, wären gar keine solchen im herkömmlichen Sinne gewesen, sondern mehr Lehrstunden über Ingenieur- und Naturwissenschaften. Da – ich gestehe es – habe ich hellauf gelacht! Nicht etwa, weil ich das albern fand, nein. Weil ich das kannte und absolut nachvollziehen konnte. Das habe ich ihr auch geschrieben, einmal mehr fasziniert davon, dass zwei einander völlig unbekannte Menschen, die tausende Kilometer entfernt voneinander ihr Dasein fristen, durchaus vieles gemeinsam haben können, auch wenn sie in völlig unterschiedlichen Situationen, gar Systemen, leben. (Obwohl mein Vater mir, als ich vierjährig einmal fiebernd und krank im Bett lag, Goethes Zauberlehrling vorlas, weil er wohl der Meinung war, dass man allgemein- und nicht nur einseitig bildend tätig werden müsse. Und er hat das so liebenswert und lebhaft-amüsant gemacht, dass ich es nie vergaß und den Zauberlehrling seit damals ins Herz geschlossen habe, zumal dieser in der Tat einen gewissen Humor in sich trägt. 😉 )

Gestern Abend hatte ich einmal mehr ein solches Erlebnis, als ich – nach des Tages Fron und einer schlafgestörten Nacht sehr, sehr müde – in die U11 stieg, die mich nach Essen bringen sollte. Dort war ich mit Jana verabredet, vor der „Lichtburg“, einem sehr alten und ehrwürdigen Kino mit einem ehrwürdigen Kinosaal. Denn dort sollte eine Autorenlesung stattfinden, und nicht nur irgendeine! Nein! T. C. Boyle höchstselbst sollte dort lesen – und tat es dann auch.

Ich gehöre nicht zu den ausgesprochenen Boyle-Fans – zumindest gehörte ich bis gestern nicht dazu -, und so erstaunte mich, wie unterschiedlich das Publikum aussah, als ich vor dem altehrwürdigen Kino auf Jana wartete.

Als sie ankam, nahmen wir alsbald unsere Plätze ein, und als wir einmal aufstehen mussten, um später eingetroffene Leute auf ihre Plätze zu lassen, sah ich zwar diesen bärtigen Mann nebst Begleitung, der mir irgendwie bekannt vorkam. Aber ich schaltete nicht, zumal Jana mir gerade etwas zuraunte, weswegen ich meinen Kopf zu ihr wandte. Da hörte ich von links plötzlich: „Guten Abend, liebe Ali!“

Ich war wirklich ziemlich geschafft, gestern, und so sah ich mich zunächst erstaunt um: Noch eine Frau, die „Ali“ hieß, und das ganz in meiner Nähe? Dann sah ich nach links und dem bärtigen Herrn ins Gesicht: Der war mir so bekannt! Aber ich schaltete nicht, und so meinte er: „Erkennst du mich nicht mehr?“ – „Äääh …“ – „Ich bin es, Norman!“ Da fiel der Groschen! Norman, natürlich! Ein früherer Kollege! Erst vor knapp drei Jahren ausgeschieden – und schon erkannte ich ihn nicht mehr! (Her mit dem Ginkgo-Extrakt! 😉 ) Aber mit dem Bart, den er früher nicht gehabt hatte, war das auch kein Wunder. Ich sprang auf und entschuldigte mich zunächst für meine Ladehemmung, dann nahm ich Norman in den Arm, woraufhin seine Frau mich böse anstarrte und ich dachte: „Keine Angst, ich mache ihn dir gewiss nicht streitig! Wir waren nur einst Kollegen!“

Wir wünschten einander einen interessanten Abend und ließen das Ehepaar, das – was für ein Zufall! – in derselben Reihe wie wir saß, durch.

Und dann ging es auch schon los. Nach einer kurzen Ankündigung kam der Maestro in Begleitung einer Journalistin und eines Schauspielers, der die deutschen Passagen, die man ausgewählt hatte, vorlesen sollte, höchstselbst auf die Bühne. Applaus brandete auf, aber Mr Boyle war keineswegs eingebildet, sondern winkte ganz natürlich ins Publikum und rief markige Begrüßungsworte.

Ich fand ihn gleich absolut sympathisch. Er sieht aus wie ein flippiger Alt-Hippie, verfügt über einen wunderbaren Humor, und die Journalistin, die im Gegensatz zu ihm recht konservativ aussah, war ebenso hervorragend. Der Schauspieler, der die deutschen Passagen lesen sollte, saß im Halbdunkel, nachdem man erklärt hatte, dass er derzeit als Vogelscheuche im Zauberer von Oz Erfolge feiere.

Jana und ich kicherten ein wenig – was für eine Vorstellung für den Schauspieler! Dabei ist der Wizard of Oz doch ein wunderbares Stück. Dennoch: Als Vogelscheuche vorgestellt zu werden, und sei es auch dieser wichtige Charakter aus dem Zauberer von Oz, wirkt recht erheiternd.

Nach einem einleitenden Interview las dann Mr Boyle den ersten Part, nachdem er mehrfach Frrrau Boyle erwähnt hatte, seine Frau, die er wohl wirklich „Frau Boyle“ nennt, da sie deutsche Vorfahren hat. Alle lauschten gebannt in diesem riesigen, altehrwürdigen Kinosaal, der insgesamt 1250 Sitzplätze umfasst. Er las wirklich hervorragend – wir waren alle gefesselt von seinem neuesten Roman, in dem er über Timothy Leary erzählt.

Weiter ging es mit „Plauderei“, und irgendwann fragte die Journalistin, ob er uns denn seinen Lieblingsfilm benennen könne. Da kam wie aus der Pistole geschossen: „The Big Lebowski“! Und schon johlten und applaudierten diverse Menschen aus dem Publikum – auch ich, und das zur Überraschung Janas und der sonstigen Sitznachbarn, denn in unserer Ecke war ich wohl die Einzige. 😉

Und was Mr Boyle auch sonst so zu erzählen hatte, begeisterte mich. Mit dem hätte ich mich gern mal unterhalten – er sprach mir in manchen Dingen aus der schwarzen Seele! 😊

Der Schauspieler las dann eine sehr lange Passage aus der Übersetzung – hervorragend gelesen, wunderbare Stimme, wunderbare Betonung. Danach las Mr Boyle noch einmal selbst und auf Englisch.

Und danach konnten wir uns Bücher signieren lassen. Da merkte ich, dass ich etwas vergessen hatte: Ich hatte kein Buch! Dabei werden solche Lesungen doch gerade deswegen veranstaltet, um Bücher zu verkaufen! 😉

Aber einmal mehr muss ich Jana, meine liebenswerte Kollegin, preisen: Sie hatte zwei Exemplare dabei! Eines hatte sie zwar – wie sie sagte – ggf. für ihre Kinder gedacht, aber da diese noch klein seien, im Grunde auch für mich. Ich kaufte es ihr spontan ab, und schon standen wir – und das auch für die nächste knappe Stunde noch – in einer endlos scheinend langen Schlange vor der Bühne. Und lernten einmal mehr, dass kleiner gewachsene Menschen in jedem Falle schon sehr früh eines gelernt haben: sich durchzusetzen! 😉

Denn wir – Jana ist exakt 2 Zentimeter kürzer als ich – standen hinter zwei sehr hochgewachsenen Herren, die jedoch wie festgewurzelt stehenblieben, obwohl von rechts Menschen sich vordrängelten! So etwas macht mich wahnsinnig – und Jana offenbar auch. Es mag daran liegen, dass wir, da kleiner gewachsen, als Kinder und auch später so oft abgedrängt wurden, weil wir eben nicht so groß sind. Man lernt als kleinerer Mensch aber sehr schnell, und während Jana ein wenig eingekeilt dastand, hatte ich bessere Möglichkeiten – und wir wollten doch nicht dort übernachten, oder? 😉 Ich bahnte einen Weg, natürlich diskret, aber nachhaltig, und rasch standen Jana und ich relativ weit vorn.

Und nach über einer Stunde dann auch auf der Bühne. Und schon rückten wir näher, und dann war ich schon dran. Verdammt! Ich hatte mir gar nicht überlegt, was ich sagen wollte! Und ich wollte doch nicht einfach nur schwachsinnig grinsend mein Buch hinlegen und signieren lassen …

Doch schon brach es aus mir heraus, als T. C. Boyle mich aufmerksam anblickte, und ich rief fröhlich: „Good evening, Mr Boyle!“ – „Good evening, young lady!“ Ich lachte. Dann meinte ich: „Thank you very much for this wonderful evening. I was so pleased to learn one of your favourite films is one of my favourite films as well: The Big Lebowski!” Da lachte er und meinte: “Really?” – “Yes – I like the Dude!“ Da meinte er: „You should see O Brother Where Art Thou and Fargo as well if you like the Dude!” Und da lachte ich und rief: “I know and like both films, and I especially love Fargo! Frances McDormand is so brilliant, and I’ll never forget her yelling Aw, Jeez! And everything is so bizarre, nobody’s perfect, and this makes you feel good!” Mr Boyle sah mich an, lachte und meinte, das fände er ja mal total gelungen, und ich hätte einen guten Geschmack. Und was Frances McDormand eigentlich in der Synchronisation sagen würde. Ich sagte: „In the German synchro she always yells Jesses!” – “Does that mean the same as Jeez?” – “Absolutely. In Southern Germany.” T. C. Boyle kniff mir ein Auge zu, ich zwinkerte zurück, und obwohl ich nur eine aus einer nervig langen Reihe war, fand ich das alles prima, zumal er meinte, er glaube, mit mir könne er sich lange über Filme unterhalten. Keiner der zahllosen Leute zuvor hätte so begeistert auf seine Filmvorlieben reagiert. 😉

Ich fand das nett. Halt ein paar freundliche Worte an eine völlig unbekannte Person. Unverbindlich, aber freundlich. Der Abend war definitiv gerettet. Außerdem ist Mr Boyle Anglist – noch etwas, das ich sympathisch finde.

Nun besitze ich das neue Buch von T. C. Boyle, von ihm höchstselbst signiert, habe mich mit ihm persönlich unterhalten und über Filmvorlieben ausgetauscht. Damit hätte ich zu Beginn des Tages nie gerechnet! 😉

Ebensowenig, dass ich ausgerechnet mit T. C. Boyle so einiges gemeinsam haben würde … 😉

Braut und Bräutigam sagen: „Evet!“

Ich bin vorhin aus H., einer der Nachbarstädte, zurückgekehrt, wo ich bei einer Hochzeitsfeier war. Einer meiner Kollegen, Özcan, hat heute seine Verlobte Sevgi geheiratet, und all meine Kolleginnen und ich waren eingeladen.

Von uns allen war ich die Einzige, die überhaupt schon einmal an einer türkischen Feier und Zeremonie teilgenommen hatte, wenn es auch keine Hochzeitsfeier gewesen war, damals in Aachen. Doch dazu später.

Immerhin war ich somit diejenige, die die meisten „Vorkenntnisse“ hatte, auch bezüglich der Geschenkübergabe an die zu Feiernden, die sich sehr von dem, was meine Kolleginnen und ich von klein auf kennen, unterscheidet. Wie sich so einiges unterscheidet.

Ich greife vorweg: Es war eine wunderschöne Feier, auch wenn uns vieles ungewohnt und fremdartig erschien, aber das ist ja nun beileibe kein Hinderungsgrund, etwas schön zu finden. Ich fand es jedenfalls klasse und freue mich sehr, dass ich daran teilnehmen durfte.

Gegen 18:30 h sollte die Trauzeremonie in einem türkischen Festsaal in H. stattfinden. Ich kenne mich – obwohl meine Heimatstadt direkt an H. grenzt – dort nicht wirklich aus, und so musste das Smartphone als Navi herhalten. Um 17:45 h fuhren der kleine Monty und ich vom Hof. Ich kam zügig voran, aber die Strecke, die das Navi mir wies, war nicht mein Favorit, zumal ich über eine größere Distanz über eine komplett unbeleuchtete und einsame Straße fahren musste – war ich in der Walachei gelandet? Ich habe für so etwas ein Händchen … Ausgestiegen wäre ich dort jedenfalls nicht gern, hätte ich eine Reifen- oder Motorpanne gehabt, zumal weder hinter noch vor mir andere Autos fuhren.

Endlich kam das Ortseingangsschild, und ich war froh, wieder in der Zivilisation zu sein, und so nahm ich das 30-Schild am rechten Fahrbahnrand nur peripher wahr. Ich fuhr 55, als ich plötzlich vor mir eine Polizeikontrolle sah. Und schon winkten sie mich an den Rand!  Nun ja, es wunderte mich nicht sehr, und doch rief ich: „Scheiße!“

Einer der Polizisten, der, der mich an den Rand gewinkt hatte, machte mir Zeichen, ich solle das Fenster auf der Beifahrerseite hinunterlassen, was ich auch tat und dann schnell meine Brieftasche aus meiner Tasche zog, da ich dachte, man wolle meine Papiere sehen. Doch der Polizist rief entschuldigend: „Tut mir leid – wir müssen das machen! Die Papiere können Sie ruhig wieder wegtun!“ Und schon leuchtete er Montys Innenraum mit einer Taschenlampe ab, während ich rief: „Kein Problem – Sie machen nur Ihre Arbeit!“ Dann musste ich noch den Kofferraum öffnen, der dann auch ausgeleuchtet wurde, wofür sich der Polizist erneut entschuldigte. Ich vergaß, zu fragen, was eigentlich kontrolliert oder gesucht werde, war aber auch froh, dass ich weiterfahren konnte und niemand sagte: „Äääh – einen Moment noch! Sie waren viel zu schnell …“

Ich war nur etwa 500 Meter weiter, als ich schon in die nächste Polizeikontrolle fuhr. Was zum Henker war hier los? Netterweise ließ man mich passieren, und ich bog links ab – wo schon das nächste Polizeiaufgebot wartete. Ich komme ja selber aus einer Stadt, die nicht ganz unproblematisch ist, manchmal zumindest, aber H. scheint – zumindest heute – noch „interessanter“ zu sein. Was war hier los? Rasterfahndung? Razzia? War jemand aus dem Knast ausgebrochen, war ein Schwerkrimineller auf der Flucht? Ich aktivierte lieber die Zentralverriegelung.

Glücklicherweise war ich dann auch bald da und parkte bei einem Einkaufsmarkt, da ich davon ausging, dass direkt vor dem Festsaal die Parksituation eher ungünstig sein würde. Zu Fuß legte ich dann den Rest der Strecke zurück und fand meine Kolleginnen schon im Saal vor. Dann harrten wir der Dinge, die da kommen sollten. Genauer: der Braut. Endlich fuhr der Wagen vor, und Sevgi betrat den Saal bzw. blieb in der Tür stehen. Ihr Kleid musste noch zurechtgezupft und -gerückt werden. Sie sah sehr schön aus und wurde dann von ihrem Vater in den Saal geführt, wo sie von Özcan in Empfang genommen wurde. Zu zweit gingen sie zu einem Tisch vor der Bühne. Kollegin Rita meinte: „Kommt jetzt gleich der Rabbi?“ Wir anderen fingen zu lachen an, und ich meinte: „Rita, wenn ich gleich mitten in der Zeremonie herausplatze, bist du schuld!“ Und sehr gedämpft rief ich: „Rabbi!“ Und ich kniff Rita ein Auge zu. Die lachte auch und meinte: „Verdammt! Klar, Rabbi ist natürlich falsch! Aber ich komme ums Verrecken nicht auf den Namen des muslimischen Pendants – das kann doch nicht wahr sein!“ – „Imam!“ riefen Jana, Steffi und ich, und das unisono und leider einen Tick zu laut. Einige Hochzeitsgäste sahen uns irritiert an, aber Steffi, Jana und ich lächelten gewinnend, und da wurde zurückgelächelt.

Die Zeremonie war dann sehr schön, durchgeführt von einem Imam. 😉 Das Brautpaar wurde eine vor dem anderen gefragt, ob sie aus freien Stücken und ohne Zwang die Ehe eingehen würden, und beide sagten laut: „Evet!“ Also Ja. Und auch die beiden Trauzeugen sagten: „Evet!“ Und wir alle freuten uns und applaudierten.

Danach kam der Brauttanz, und zuvor lüftete Özcan Sevgis Schleier und küsste sie auf die Stirn. Wirklich schön, und es freute mich für die beiden.

Inzwischen wurden die Vorspeisen serviert, und die waren hervorragend. Später gab es das Hauptgericht, Rindergeschnetzeltes mit Reis und Fladenbrot, und das war ebenfalls hervorragend und schmeckte exakt so wie der Gulasch, den meine Mutter kocht. Also sehr gut. 😉

Wir waren alle pappsatt, als Özcan an unseren Tisch kam und besorgt fragte, ob wir denn auch alle hinreichend zu essen bekommen hätten – endlich könne er uns auch begrüßen. Wir versicherten ihm, alles sei hervorragend, und dann standen wir auf, gratulierten ihm, drückten ihn und versicherten ihm, dass es sehr schön sei und wir sehr freundlich fänden, dass er eigens zu uns gekommen sei. „Aber ihr seid doch meine Kolleginnen und immer nett – natürlich komme ich da zu euch! Ich möchte doch, dass es euch gut geht!“ Wir versicherten ihm, es gehe uns sehr gut.

Später gab es dann auch noch Gelegenheit, Sevgi zu beglückwünschen, und wir wurden gedrückt, geküsst und geherzt und drückten, küssten und herzten zurück, kurz bevor Steffi und ich uns verabschiedeten. Sie fror, und ich merkte, dass ich Kopfschmerzen bekam, weil die Musik derart laut war, dass ich sicher war, dass sie mich noch im Traum verfolgen würde. Doch zunächst bestand einer der zahlreichen Fotografen darauf, dass noch ein Foto des Brautpaares mit Özcans sämtlichen Kolleginnen gemacht werde. 😉 Und so bauten wir uns rund ums Brautpaar auf, das in einem Pavillon auf zwei thronartigen Polstersesseln Hof hielt. Wie gut, dass ich mir noch ein neues Kleid gekauft hatte (ja, ich trug ein Kleid! 😉).

Es war ungewohnt, aber wirklich eine wunderschöne Feier. 😊

Den Taki haben Steffi und ich nicht mehr mitgemacht, die feierliche Geschenkübergabe, bei der dem oder den zu Feiernden die Geschenke, meist in Gestalt von Geld, angesteckt werden, während per Mikrophon mitgeteilt wird, wer was bzw. wieviel gegeben habe.

Das habe ich in Aachen einmal miterlebt, als ich zu einer türkischen Beschneidungsfeier eingeladen war, zusammen mit meinem damaligen Freund, Frank. Keine Sorge, die beiden kleinen Jungen, Brüder, waren bereits operiert worden, und die Feier fand einige Wochen danach statt …

Frank und ich waren die einzigen nichttürkischen Teilnehmer der Feier, und wenn wir auch das Prozedere als recht fremd empfanden, fanden wir sehr nett, eingeladen zu sein. Ich erkundigte mich jedoch lieber vorher bei den Eltern des kleinen Ömer und des kleinen Ünal, wie denn so eine Feier vonstattengehe. Harun und Şengül erklärten mir alles, und Frank und ich beschlossen, beim Taki je 25 DM zu geben – wir studierten beide noch.

Als dann unsere beiden Namen mitsamt der Höhe des Geldgeschenks per Mikrophon verkündet wurden, schossen alle Köpfe zu uns herum: „Ali und Frank“ hatten 50 DM gegeben – zwei Männer! In einem Atemzug genannt, als wären sie ein Pärchen! Die Gäste konnten ja nicht ahnen, dass „Ali“ hier kein Männername war … 😉 Schnell sagte ich zu Frank: „Komm, lass uns aufstehen und uns kurz verneigen, denn ich habe den Eindruck, dass hier gerade ein Missverständnis entstanden sei!“

Gesagt – getan. Und da lächelten uns alle zu. Als mich hinterher jedoch jemand ansprach und sich darüber wunderte, dass ich „Frank“ hieße, was er immer für einen Männernamen gehalten hatte, wurde mir klar, dass noch immer ein Missverständnis vorzuliegen schien … 😉

Wie auch immer: Eine schöne Feier war es heute – aber meine Ohren klingen noch immer von der (zu) lauten Musik. Nun ja – ich werde es sicher überleben. 😊

Im Tierpark

Da ich Tiere sehr liebe, halte ich mich auch gern in ihrer Nähe auf und sie sich vice versa offenbar auch gern in meiner. Daher besuche ich auch Tierparks durchaus gern, und im Zuge meiner Eselsbrücken-„Abhandlung“ fiel mir plötzlich ein Jahre zurückliegender Besuch des Aachener Tierparks zusammen mit meinem guten Freund Fridolin wieder ein. Ein sehr abwechslungsreicher Besuch dieses Tierparks, der keineswegs als Zoo durchgeht, obwohl es dort sogar Erdmännchen gab und hoffentlich noch immer gibt.

Es war ein Sonntag, und irgendwann vormittags rief Fridolin mich an und meinte: „Hättest du Lust, mit mir in den Tierpark zu gehen?“ Ich rief: „Ja!“ Und kurz darauf fuhr auch schon Fridolins weißer Suzuki-Kleintransporter vor, in dem man sich immer wie in einer Konservenbüchse fühlte. 😉 Seine Firma war damals noch am Anfang – inzwischen fährt er andere Autos. 😉

Am Eingang des Tierparks kaufte ich vorsorglich drei Tüten Tierfutter, obwohl Fridolin meinte, ich würde wohl übertreiben. Ich lächelte nur – Fridolin war noch nie mit mir im Tierpark gewesen. 😉

Es ging harmlos los. Wir schritten zum Enten- und Gänseteich, wo ich bereits einen kleinen Teil des Futters loswurde. Als eine große Kanadagans auf mich zuschritt, die sehr zahm wirkte, gab ich ihr das Futter von der Hand. Man musste die Körner, aus denen es bestand, nur auf die flache Hand legen – schon kam die Gans heran, legte ihren Schnabel flach auf die Hand und fraß sehr vorsichtig das Futter auf. Reizend. 😊

Wenige Meter neben uns tauchte ein Pärchen auf, das Mädel mit einer Kamera in der Hand, der junge Mann mit einer Tüte Tierfutters. Und die Frau meinte: „Los, Thorsten, ich will Fotos machen, wie du eine der Gänse fütterst!“ Thorsten spurte, und an Gänsen, die gefüttert werden wollten, gab es keinen Mangel. Doch die junge Frau fügte noch hinzu: „Aber nicht einfach hinstreuen – füttere die Gans mit der Hand, so wie die Frau da!“ Sie meinte mich. 😉

Thorsten ging in die Knie und streute sich Futter auf die ausgestreckte Hand. Eine der Kanadagänse, die ziemlich große „Brocken“ sind, nahte unverzüglich und machte bereits Anstalten, das Futter von Thorstens Hand zu nehmen. Doch da sprang Thorsten auf und rannte einige Meter weit weg! Die Gans staunte. Die andere Gans kreischte: „Thorsten! Verdammt nochmal! Was soll das? Warum rennst du weg? Los! Nochmal!“

Und Thorsten begab sich erneut in die Knie. Die Gans näherte sich. Und es passierte das Gleiche wie zuvor … Ein dritter Versuch scheiterte desgleichen, und Thorstens Freundin kreischte: „Wo ist das Problem? Du sollst einfach nur diese doofe Gans füttern, damit ich ein Foto machen kann, wie du die Gans fütterst!“ – „Aber … Ich habe Angst!“ – „Mein Gott! Angst! Die Frau da [ich war gemeint] macht das doch auch ohne Problem, und die ist viel kleiner als du!“

Da mir Thorsten leid tat, und das nicht nur wegen der Kanada-, sondern auch der anderen „Gans“, erhob ich mich, und Fridolin und ich gingen weiter, zunächst verfolgt von einer Graugans, die mit unserem spontanen Aufbruch und der damit abrupt abgebrochenen Fütterung so gar nicht einverstanden war. Ich musste rennen, da sie mich empört schreiend und flügelschlagend verfolgte …

Vorbei am Nandu-Gehege, an dessen Zaun Schilder standen, die darüber informierten, dass die Nandus nicht nur bissen, sondern auch stahlen! 😉 Vorbei an den Emus, die aussahen, als wäre ihr „Designer“ im Drogenrausch gewesen, als er ihre „Frisuren“ kreierte. Am Gehege der Helmkasuare blieben wir stehen.

Helmkasuare sind große, flugunfähige Vögel, Laufvögel, die eine absurd wirkende Hornplatte vertikal auf dem Schädel haben, weswegen sie ohnehin etwas albern aussehen. Dieser zutrauliche Geselle, der ganz dicht ans Gitter kam, verfügte obendrein auch noch über eine recht intensive und bunte „Gesichtskolorierung“. Wirklich leuchtende Farben, die dem ansonsten eher hässlichen Vogel eine gewisse Attraktivität verliehen. Ich vermutete, dass er wohl sogar im Dunkeln leuchte. Fridolin meinte: „Guck mal, Ali, wie überschminkt! Naja, manche meinen wohl auch, dass sie dadurch attraktiver wirkten!“ Und er lachte laut.

Neben uns ertönte: „Frechheit!“ Als wir hinsahen, standen da Thorsten und seine Freundin, die sich wohl angesprochen gefühlt hatte. Zu Recht, denn sie war dermaßen geschminkt, als stünde sie auf einer Theaterbühne. 😉 Und so meinte ich: „Entschuldigung, aber er meinte den Vogel. Also – diesen hier!“ Als hätte es mehrere Vögel zur Auswahl gegeben … Doch ich deutete auf den Helmkasuar, der prompt nach meiner Hand schnappte. Fridolin zog mich lieber weg, und wir schritten vorbei an dem Gehege mit den Sattelschweinen und hin zum „Kinderbauernhof“.

Aaah! Das war etwas für mich, denn den „Kinderbauernhof“ durfte man betreten. Esel, Ziegen, Hühner, Enten und Gänse lebten dort. Sofort öffnete ich das Gatter und betrat den „Kinderbauernhof“, das Gatter hinter mir sorgfältig verschließend. Da ich meine Futtertüten noch immer in der Hand hielt, schritt gleich ein Esel auf mich zu, den ich auch sofort fütterte und dann seinen Hals klopfte. Staubschwaden stiegen auf, und ich musste mehrfach niesen. Und so sagte ich lachend zu dem Esel: „Was für eine Mogelpackung! Du bist gar kein Esel – du bist ja ein Schwein!“

Der Esel schien zu überlegen und interpretierte das Gesagte als Beleidigung, und zur Strafe versetzte er mir einen massiven Schubser mit seinem Kopf, so dass ich Mühe hatte, mich auf den Füßen zu halten und mich etliche Meter weiter entfernt vom Esel wiederfand. Lektion gelernt: Beleidige niemals einen Esel – das sind sehr sensible und intelligente Tiere! Dieser hier war so sensibel, intelligent und gekränkt, dass er sich auch nicht mehr umstimmen ließ, sondern mir nur noch die Kehrseite zuwandte. Seitdem bin ich bei Eseln stets vorsichtig – offenbar verstehen sie mehr, als man gemeinhin annehmen würde. 😉

Weiter ging es zu den Erdmännchen und Luchsen. Vor dem Luchsgehege stand ein junger Vater mit seinem kleinen Sohn. Der Kleine rief laut und begeistert: „Kuckma, Papa – Löwen!“ – „Das sind keine Löwen – das sind Luchse!“ – „Nein! Löwen!“ beharrte der Kleine. Der Vater tat erneut sein Bestes, dem Kleinen zu erklären, dass dies keine Löwen, sondern Luchse seien und damit erheblich kleiner. Davon wollte der kleine Junge aber gar nichts wissen, und es endete damit, dass er sich schreiend auf den Boden warf und darauf beharrte, dass die Luchse Löwen seien! 😉

Und weiter ging es, Richtung Waschbären- und Polarfuchsgehege. Die Polarfüchse trugen ihr Winterfell ganz in Weiß, und sie lagen allesamt auf einem Haufen, schliefen und sahen süß aus. Man sah hauptsächlich weiß – bis auf die schwarzen Näschen. Nebenan im Waschbärengehege hingegen war es weniger süß. Denn einer der Waschbären hing am Gitter, hatte wohl etwas klettern wollen, und das möglichst ungestört. Aber ein alter Herr, der wohl mit seinem Enkelsohn im Tierpark war, fand es wohl witzig, den noch relativ kleinen Waschbären mit seinem Spazierstock zu sekieren. Keine Ahnung, was er damit erreichen wollte, aber mich packte der kalte Zorn, als ich sah, wie er mit dem Spazierstock wieder und wieder den Waschbären piekte, und das nicht einmal vorsichtig. Der Waschbär hing da hilflos am Gitter, versuchte ebenso hilflos, die Attacken abzuwehren, was aber nicht gelang. Und da platzte mir der Kragen! Ich rief: „Ja, toll und so mutig, eingesperrte Tiere zu quälen! Was soll das? Lassen Sie sofort den Waschbären in Ruhe!“ – „Was geht Sie das an? Der Waschbär gehört Ihnen nicht! Dumme Pute!“ – „Ihnen auch nicht! Und was wollen Sie damit sagen? Dass man Lebewesen, die einem ‚gehören‘, ruhig quälen darf? Was für ein Vorbild sind Sie eigentlich für Ihren Enkel – das ist ja echt peinlich!“

Fridolin zog mich schnell weiter, aber im Weggezogenwerden sah ich noch, wie Opa und Enkel ihrerseits hastig weitergingen. 😉 Wenigstens hatte der Waschbär nun seine Ruhe.

„Warum zerrst du mich eigentlich weg? Bin ich dir peinlich?“ fragte ich Fridolin. „Nein. Du hattest recht, aber der Alte ging mir auf den Keks. Der wurde dir gegenüber ja auch noch frech. So ein Blödmann!“

Da ich noch eine ganze Tüte Tierfutter übrig hatte, ging es zum Ziegengehege, und die Ziegen – eine Tierart, die ich auch sehr mag – wurden mit viel Hingabe gefüttert. Nur war ich kurz abgelenkt, und da riss mir einer der frechen Paarhufer die Tüte aus der Hand! Ich griff danach, aber die Ziege zog, als ich die Tüte beinahe erreicht hatte, ihren Kopf ein wenig zurück, so dass ich so gerade eben nicht mehr heranreichte. Das geschah mehrfach, und hilflos musste ich mitansehen, wie die Ziege gleichmütig das Futter mitsamt der Tüte fraß … 😉 Zum Glück war es eine Papiertüte.

Danach wurden wir durch lautes und durchdringendes Eselgeschrei angelockt. Genauer: zum Stall, in dem die Esel die Nacht verbrachten. Ein einsamer Esel stand darin, der laut schrie. Da gerade ein Pfleger in der Nähe war, fragte ich, was es mit dem offenkundigen Protestgeschrei des Esels auf sich habe.

Der Pfleger lächelte und meinte: „Das ist unsere Lotti. Sie steht im Stall, weil sie trächtig ist und kurz vor der Niederkunft steht. Es ist ihr erstes Fohlen, und da dachten wir, dass es sicherer sei, wenn sie im Stall stehe. Wahrscheinlich vermisst sie ihre Kollegen, aber wir haben ihr extra eine Ziege in den Stall gestellt, damit sie nicht so einsam ist.“

Nun, offenbar erfüllte die Ziege nicht die Anforderungen, die die arme Lotti an ihre Umgebung stellte und daraufhin laut und eselartig penetrant schrie. Ich blieb am Stall stehen und sprach mit dem unglücklichen Esel, der daraufhin die bis dato angelegten langen Ohren aufstellte, nach vorn klappte und sich zu mir umdrehte. Da war jemand, der sich für sie, Lotti, interessierte! Und sie lauschte gebannt.

Ich sprach etwa fünf Minuten zum Esel, dann wandte ich mich zum Gehen, da Fridolin ungeduldig wurde. Doch kaum wandte ich mich zum Gehen, legte Lotti erneut die Ohren an und erhob wieder ihr Wehgeschrei. Wir blieben fünf weitere Minuten …

Und unter den klagenden Schreien der armen Lotti eilten wir gen Ausgang. Kaum waren wir draußen, meinte Fridolin: „Was für ein ereignisreicher Nachmittag! Ich hatte mir das Ganze ruhiger vorgestellt, aber so war es viel interessanter. Verfolgt von einer Gans, eine Frau vermeintlich beleidigt, du wirst von einem Esel quer durchs Gelände katapultiert, Löwen, die eigentlich Luchse sind, und dann schreist du diesen doofen Opa an … Nicht zu vergessen die diebische Ziege. Und zum Schluss noch die gelangweilte werdende Eselmutter. Ein schöner Nachmittag und ganz und gar nicht langweilig.“

Ich war danach noch einmal mit Fridolin in einem Zoo, einem echten. Aber im Tierpark in Aachen war es erheblich spannender. 😉

Pons asinorum

Ich liebte ja speziell den Lateinunterricht in der Schule – und wie! 😉 Selbst Mathematik war spannender, was möglicherweise jedoch auch daran lag, dass ich da von einem Adrenalinflash in den nächsten fiel, da ich mathematisch nicht ganz so begabt bin wie anderweitig. 😉

In Latein war ich wirklich gut, was das althergebrachte Vorurteil ad absurdum führt, dass Menschen, die Latein beherrschen, auch in Mathematik gut seien. Kompletter Unsinn, wenn man mich kennengelernt hat! Kompletter Unsinn auch ohne dies. 😉 In Latein wirklich gut, in Mathematik das genaue Gegenteil. Und so ist es für mich auch irgendwie irritierend, dass der Begriff „pons asinorum“ ausgerechnet im Fach Mathematik verwandt wird. 😉 Gut, in eher einfacheren Kontexten, aber dennoch …

Übersetzt heißt es schlicht „Brücke der Esel“, kurz: „Eselsbrücke“. Und die ist ja durchaus landläufig und durch alle Disziplinen bekannt für Dinge, die man sich nur mit Hilfsmitteln merken kann.

Bekannte Eselsbrücken sind zum Beispiel Geh, Du Alter Esel, Hole Fische, um sich im Bereich der Musik und des dort verorteten Quintenzirkels die Reihenfolge der Dur-Tonarten mit Kreuz-Vorzeichen besser merken zu können. Jeder, der als Kind ein Musikinstrument erlernte, erlernen musste oder gar das Fach Musik in der Schule hatte, kennt diese Eselsbrücke. Ebenso das Gegenstück für die Dur-Tonarten mit einem b statt eines Kreuzes davor, denn das heißt heutzutage offenbar: Frische Brötchen Essen Asse Des Gesangvereins. Als ich noch klein war und zur Schule ging, hieß es – eher splattermäßig – noch: Faule Bären Essen Aas Des Gestorbenen. Aber das kann man Kindern heute wohl nicht mehr zumuten, was ich für eine eklatante Fehleinschätzung halte. 😉

Im Gegensatz zur erstgenannten Eselsbrücke ist die zweite sogar noch logisch nachvollziehbar. Die erste ist ein wenig irreleitend, denn zumindest ich habe noch nie einen Esel Fische holen sehen, was wohl daran liegt, dass Esel an Fischen zumeist weniger interessiert sind. Vermutlich dient daher der „Esel“ eher als Schimpfwort für den Deppen, der ausgeschickt wird, das zu holen, was andere für unter ihrer Würde halten. 😉

Praktisch – zumindest für alle, die sich frei- oder unfreiwillig mit Musik befassen (müssen) – sind die Eselsbrücken jedoch allemal, und so kann sich auch der absolute Musikbanause merken, dass Fis-Dur über exakt sechs Kreuz-Vorzeichen verfügt, vergleichbar mit Ges-Dur mit sechsfachen b-Vorzeichen. 😉 Übrigens freut sich jeder Musikinstrument-Eleve mit jedem Vorzeichen mehr, bei dem entweder um einen Halbton erhöht – Kreuz – oder erniedrigt – b – werden muss … (Beim Klavier ist das noch vergleichsweise einfach – wofür gibt es die schwarzen Tasten, die im Gegensatz zu den weißen soviel schmaler, kürzer und allgemein kleiner sind?) 😉 Ich erinnere mich noch mit Schaudern an mein erstes Stück mit sechs Kreuzen! Aber das war noch angenehm, denn kurz darauf spielte ich ein Stück in Ges-Dur mit sechsmal b. Das war noch schlimmer … 😉

Ebenso beliebt, hier allerdings in eher geographischer Hinsicht, ist: Welcher Seemann Liegt Bei Nanni Im Bett … Damit kann man sich hervorragend die Ostfriesischen Inseln von Wangerooge bis Borkum merken, wobei das I in „Im“ allerdings als „J“ für „Juist“ zu interpretieren ist. 😉 Wurde in alten Zeiten auch wie „J“ geschrieben, glaube ich.

Mein Vater Erklärt Mir Jeden Sonntag Unsere Neun Planeten ist seit 2006 veraltet, nachdem der Pluto offiziell nicht mehr als Planet gilt, sodass es nun heute Mein Vater Erklärt Mir Jeden Sonntag Unseren Nachthimmel heißt, wenn es um Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun geht.

Man kann auch ganz persönliche Eselsbrücken kreieren. Der Begriff, so lernte ich einst, stamme übrigens aus sehr alten Zeiten, als Kaufleute ihre Waren noch mit Tragtieren durch die Lande brachten (vor der Motorisierung, egal ob Diesel, Benziner oder E-Auto). Da Pferde weniger geeignet schienen, da man auch durchs Gebirge musste, schnallte man Eseln die Lasten auf den Rücken. Im Gegensatz zu Pferden haben diese jedoch relativ kurze Beine und hassen es – so erklärte man es zumindest in der Doku -, Wasserstraßen durchschwimmen oder -waten zu müssen. Esel gelten – im Gegensatz zu Pferden – als relativ schlechte Schwimmer, was sie, sehr klug, daher nach Möglichkeit vermeiden. Dafür sind sie sehr trittsicher und aufgrund ihrer kleinen, aber harten Hufe gute Kletterer im Gebirge. Um einen Kompromiss einzugehen, nachdem Esel vor zu querenden Wasserstraßen stets wie festgetackert stehenblieben und sich weigerten, weiterzugehen, baute man schmale Brücken, damit die Esel ohne Angst und trockenen Hufes weitergehen konnten. Zeit ist Geld! Das galt damals wohl auch schon. 😉

Ich liebe Esel sehr. 😊 Wenn sie sich weigern, etwas zu tun, haben sie meist einen guten Grund dafür. Es ist Klugheit, nicht das Gegenteil, was sie bisweilen stur wirken lässt. Und darüber hinaus sind sie auch einfach nur sympathisch anzusehen – diese dicken Köpfe und diese Ohren! Man muss sie doch einfach gernhaben. Finde ich jedenfalls.

Und das trotz des Grauens, das mir als Kleinkind widerfuhr – und das mit einem Esel!

Es war ein Sonntag, und ich war dazu verdammt, nachmittags mit dem Rest meiner Familie einen Spaziergang zu machen. Viel lieber hätte ich weiter mit Lego gespielt, aber meine Mutter lockte mich mit der Aussicht, auch am Tiergehege vorbeizugehen, das sich in dem Park befand, der besucht werden sollte. Ja, dann! Sofort war ich bereit! 😉

In dem Gehege gab es drei Esel und zwei gescheckte Ponys, und ich lief so schnell wie noch nie, als wir schließlich den Park erreichten. Ich hatte einen kleinen Trenchcoat an, mit einem Gürtel, wie er zu jedem Trench gehört …

Und schon waren wir am Tiergehege. Die Ponys grasten, zwei der drei Esel auch. Der dritte jedoch kam gemächlich an den Zaun geschritten, wo ich mich halb verrenkte, um ihn auf mich aufmerksam zu machen. Der Esel ließ sich dann auch streicheln, und ich war glücklich.

Doch plötzlich riss er sein Maul auf und schnappte nach dem Gürtel meines kleinen Trenchcoats. Und er erwischte ihn auch und fing ganz gemütlich und gemächlich an, ihn „aufzufressen“, wobei er mich immer näher an den Zaun zog, und das recht ruckartig. Ich stemmte mich dagegen, war jedoch erheblich schwächer als der Esel … Und was machte meine Mutter? Sie konnte kaum an sich halten und lachte sich scheckig! 😉 (Ich kann es ihr nicht einmal verdenken – ich wäre wahrscheinlich ebenso gefangen von der völlig absurden Situation gewesen und hätte gelacht.) Die anderen Leute, die am Gehege standen, lachten ebenfalls – es war mir wirklich peinlich …

Zum Glück hatte sie sich wieder im Griff, als ich bereits wie festgetackert mit der Brust am Zaun klebte, kurz bevor meine Knochen gebrochen wurden, weil der Esel weiterhin ruckartig am Gürtel zerrte, der bereits bis zum Anschlag in seinem Maul verschwunden war. 😉

Meine Mutter stürzte herbei und versuchte, dem Esel den Gürtel, zumindest das Stück, das er sich bereits einverleibt hatte, wieder zu entreißen bzw. aus seinem Maul zu winden, was gar nicht einfach war, da er es ums Verrecken nicht hergeben wollte. 😉 Aber meine Mutter ist sehr tierlieb und hartnäckig obendrein, und irgendwie hat sie es durch freundliches Zureden geschafft, dass der Esel den Gürtel wieder freigab. Iih! Ich hätte meinen kleinen Trenchcoat am liebsten sofort ausgezogen, denn der Gürtel war nicht nur vollgesabbert, sondern zeigte auch diverse grünliche Abdrücke erschreckend großer Zähne! Ein Wunder, dass ich bis heute keine Angst vor Eseln oder anderen (Huf-)Tieren habe. 😉

Ein wahrhaft traumatisches Erlebnis hätte es sein können. Aber nicht für mich – ich liebe Esel nach wie vor. Ich hätte ja auch vorsichtiger sein können, zumal meine Mutter immer wieder gesagt hatte: „Ali, der Esel ist freundlich, aber geh trotzdem nicht so nah ran!“

All das fiel mir gestern wieder ein, als mein Kollege Peter erzählte, dass der Esel, der als Haustier auf dem großen Grundstück lebte, das ihm und seiner Frau gehört, vor einigen Tagen eingeschläfert werden musste. Ich kenne Peter nun schon seit 15 Jahren, und er ist ein echter Ruhrgebiets-Haudegen. Aber gestern, als wir mit unserer Arbeitsgruppe in einer Tapas-Bar die ausgefallene Weihnachtsfeier nachholten, sah ich so etwas wie Tränen in Peters Augen, als er erzählte, dass die erst neunjährige „Frieda“ tot sei, wahrscheinlich vergiftet durch wohl wenig tierfreundliche Menschen, und sich drei Tage trotz diverser Visiten durch den Tierarzt nichts gebessert hätte, so dass man sie schließlich habe einschläfern lassen, damit sie sich nicht mehr quäle. Mir kamen selber die Tränen, obwohl ich „Frieda“ gar nicht persönlich kannte. Ich sagte nur: „Neun Jahre sind für einen Esel doch kein Alter – armes Ding!“ Da meinte Peter: „Nee, die können bis zu 40 Jahre alt werden. Da hing echt unser Herz dran – die war so lieb!“

Und er schluckte, und ich wollte rasch das Thema wechseln. Doch er erzählte: „Immerhin – sie is‘ au’m Grundstück begraben!“ – „Echt?“ – „Ja. Wir haben ein sehr großes und tiefes Loch gegraben – dat hat echt lang gedauert. Abba dat war se uns weeaat.“ Da meinte ich: „Darf ich mal?“ Und ich nahm Peter in den Arm und drückte ihn, weil ich das so liebenswert fand. Und Peter meinte: „Dat waa klaa, datt du dat verstehss. Danke.“

Wer würde das nicht verstehen? 😊 Esel sind so freundliche und sympathische Tiere und so wichtig, dass man sogar Brücken für sie baute, die dann dazu führten, dass man die Brücken für Esel zu einem geflügelten Wort für jegliche Denk-Hilfsmittel machte.

Was wären wir nur ohne Esel? 😉

 Kritik des Herzens
Es stand vor eines Hauses Tor
Ein Esel mit gespitztem Ohr,
Der käute sich ein Bündel Heu
Gedankenvoll und still entzwei.Nun kommen da und bleiben stehn
Der naseweisen Buben zween,
Die auch sogleich, indem sie lachen,
Verhaßte Redensarten machen,
Womit man denn bezwecken wollte,
Daß sich der Esel ärgern sollte. –

Doch dieser hocherfahrne Greis
Beschrieb nur einen halben Kreis,
Verhielt sich stumm und zeigte itzt
Die Seite, wo der Wedel sitzt.

Wilhelm Busch

 

Das Kind in sich bewahren … ;-)

Heute fand ich bei der Arbeit im Eingangspostfach meiner Abteilung ein an mich persönlich adressiertes Päckchen vor, das mich bei erster Betrachtung ein wenig irritierte. Manchmal bekomme ich bei der Arbeit ja völlig ungefragt Werbematerial zugesandt, und erst neulich habe ich zwei von drei Kartons dieses Werbematerials einer recht teuren Fremdsprachen-Lehrinstitution ins Altpapier geworfen, den dritten jedoch aufgehoben. Darin: etwa einhundert Werbekataloge. Im Grunde sind schon die zuviel, zumal die Institution sehr stolze Preise hat, aber ich wollte nicht gleich alles wegwerfen. Man weiß nie, ob man diese Kataloge nicht noch einmal braucht. Sollte sich diese Annahme als unbegründet erweisen, sind auch diese Kataloge dem Papierrecycling-Prozess geweiht. 😉

Aber das Päckchen, das ich heute aus unserem Eingangspostfach holte, war doch etwas anders. Es war explizit an mich gerichtet, und der Absender verhieß, dass es sich um eine Institution handelte, die mit gebrauchten Waren handelte. Ich war noch nie so schnell in meinem und Janas Büro!

Als ich das Päckchen öffnete, bahnte sich ein breites Grinsen Bahn in mein Gesicht. Ich hatte – wiewohl dem passenden Alter eigentlich entwachsen – Die Märchenbraut bestellt!

Keine Ahnung, ob ihr das (noch) kennt, aber diese Serie ist so herrlich, dass man sie sich – sofern man das Kind in sich bewahrt hat – auch als Erwachsene noch ansehen kann. Und endlich ist mir bewusst, wer daran „schuld“ ist, dass ich solch ein Monty-Python-Fan bin! Die Märchenbraut ist schuld! Die Tschechen! 😉 Denn das ist ein derart zwar nicht absurdes, aber groteskes „Theater“, dass jeder, der einen Hang zu Sarkasmus, Galgenhumor und auch Phantasie hat, seine helle Freude daran hat. 😉 Ich bin mir sicher, dass ich auf Monty Python’s Flying Circus niemals so begeistert reagiert hätte, hätten meine Eltern mir Die Märchenbraut verweigert.

Bei uns war es – au contraire! – eher so, dass meine Mutter mit mir damals vor dem Fernseher saß, laut und schallend lachte und immer wieder sagte: „Die Tschechen haben es echt drauf! Deren Kinder- und Märchenfilme sind die besten!“ Und damit hatte sie – meiner Meinung nach – absolut recht! 😊

Mein Vater und meine Schwester fanden Dinge wie Die Märchenbraut immer recht albern. Ihnen erschloss sich wohl dieser spezielle Humor nicht, über den meine Mutter und ich uns vor Lachen immer bogen. Was für ein herrlicher und liebenswerter „Schwachsinn“! 😉 (Meine Schwester hat wohl weniger slawische Charakteristika mitbekommen, denn im Grunde sind wir mütterlicherseits beide sowohl nicht nur fränkisch-, sondern auch polnisch- und tschechischstämmig. Meine Schwester hat wohl mehr Westfälisches mitbekommen. 😉)

In Wirklichkeit ist Die Märchenbraut tatsächlich total albern, aber auf eine derart liebenswert-groteske Art, dass ich mich neulich vor Lachen bog, als ich während meines Weihnachtsurlaubs durch Zufall eine Folge davon sah, die mal wieder ausgestrahlt wurde.

Und – ich gestehe es! – ich habe mir dann die beiden DVDs der Ursprungsserie bestellt. Und heute kamen sie an! Meine Kollegin Jana rief: „Was hast du denn da bekommen? Du strahlst, als hättest du einen Sechser im Lotto gewonnen!“ Ich erklärte ihr, dass ein Sechser im Lotto mich wahrscheinlich noch mehr zum Jubeln gebracht hätte – dies hier sei nur die Vorstufe, aber auch hervorragend. Und nun werde ich ihr und ihren Kindern die DVDs umgehend leihen müssen, sobald ich damit „durch“ bin. 😉

Vorhin rief meine Mutter mich an. Ich sagte: „Schnell, schnell – ich muss Die Märchenbraut sehen!“ (Ein Satz, der in seiner Absurdität dem gleichnamigen tschechischen OEuvre höchstselbst hätte entsprungen sein können – man passt sich offenbar an. 😉 ) Meine Mutter meinte: „Ist alles in Ordnung mit dir?“ Ich erinnerte sie an den Zauberer Zweiter Kategorie bzw. Raben Rumburak, und da sagte sie: „Ich erinnere mich – das war doch so eine tschechische Serie!“ Dann schien sie zu überlegen und lachte auch schon los. „Gute Wahl!“ rief sie, fügte jedoch hinzu: „Meinst du nicht, dass du dem Alter ein bisschen entwachsen bist?“ – „Niemals!“ rief ich zurück, und da lachte sie wieder und meinte: „Wahrscheinlich hast du recht! Außerdem haben die Tschechen es wirklich drauf, was Kinderfilme anbelangt, die auch Erwachsene noch gut sehen können.“

Das ganze Desaster und Durcheinander beginnt damit, dass Karl Majer, neben seiner Bestimmung als Familienvater beruflich als relativ bedeutungsloser Schauspieler und – seit neuestem! – auch Märchenerzähler (dem „Sandmännchen“ nicht unähnlich) im Fernsehen tätig, der kleineren Kindern kurz vor dem Zubettgehen noch „Das Märchen zur guten Nacht“ vorlesen soll, seinem kleinen Sohn Hansi einen Besuch auf dem Rummel verspricht. Doch erst das Schauspiel und die Märchen. Gleich bei der Vorlese-Premiere geht einiges schief, und zusätzlich hat er bei seinem schauspielberuflichen Einsatz ein messingnes Glöckchen gefunden, das bei jedem Läuten einen Herrn in einem altmodischen Kutschermantel und einem Zylinder auf dem Haupt erscheinen lässt, der Herrn Majer stets fragt, was sein Wunsch sei, was Herr Majer zunächst jedoch gar nicht versteht. Außerdem muss er erst auf den Rummel mit Hansi und dessen kleiner Freundin Gretchen, der er versprochen hat, an der Schießbude einen Teddybären zu erschießen.

Dies gelingt nicht, und abends im ehelichen Schlafzimmer erzählt Herr Majer seiner Frau, dass er am nächsten Tag mit den beiden Kleinen erneut auf den Rummel müsse, da er dem kleinen Gretchen doch diesen Teddybären versprochen habe. Und was man speziell Kindern verspreche, müsse man auch halten – koste es, was es wolle, komme, was wolle! (Diese Einstellung finde ich wirklich liebenswert. 😊) Und dann sagt er zu seiner Frau: „Ach, sieh mal, was ich am Filmset gefunden habe!“ Und schon zückt er das messingne Glöckchen und läutet. Prompt erscheint der Herr mit dem Kutschermantel und Zylinder, der fragt, was der Wunsch Herrn Majers sei. Nach erster Irritation („Mein Herr! Es ist eine Dame anwesend!“) sieht Herr Majer seine Chance gekommen, und er sagt: „Ich würde gern das Schießen lernen!“ Und schon stülpt der kutschermantel- und zylinderbewehrte Herr, der sich später als Zauberer Zweiter Kategorie Rumburak vorstellt, Herrn Majer seinen Mantel über den Kopf, und die beiden verschwinden zu Frau Majers Entsetzen spurlos …

Und in einem verwunschen wirkenden Land tauchen sie wieder auf. Genauer: im Märchenreich. Eine Hexe auf ihrem Besen fliegt über sie hinweg, und die sieben Zwerge marschieren an ihnen vorbei, dabei laut „Hi-ho, hi-ho!“ singend. 😉

Herr Majer hat sich noch nicht ganz von der Überraschung erholt, da drückt Rumburak ihm auch schon ein Gewehr, eine Büchse, in die Hand und gebietet ihm, auf einen zufällig in Schussrichtung stehenden Bären – wahrscheinlich aus Schneeweißchen und Rosenrot – zu schießen, was jedoch misslingt. Der Bär läuft weg, und es gibt eine kleine Diskussion zwischen Herrn Majer und Rumburak.

Da der Bär weg ist, gebietet Rumburak Herrn Majer, auf einen Wolf zu schießen, der soeben ans Ufer des Sees, unweit dessen sie stehen, getreten ist, um dort zu trinken. Herr Majer schießt – und trifft. Der Wolf beschwert sich und bekundet, er sei schwer verwundet: „Was soll das? Hilfe! Ich bin schwer verwundet! Ruft sofort jemanden!“ Rumburak ist entsetzt, denn ihm schwant, dass Unheil blühe, da das Märchenreich auf den sprechenden Wolf, Bestandteil von Rotkäppchen, nicht verzichten kann. Herr Majer, der zunächst aufgrund seines unerwarteten Treffers noch stolz war, reist mit Rumburak ins Menschenreich zurück, um den Tierarzt zu holen, der den Majer’schen Familiendackel Waldi stets behandelt. Der jedoch verweigert die Behandlung eines Wolfs, und als die beiden ins Märchenreich zurückkehren, begraben gerade die sieben Zwerge den Wolf, der zwischenzeitlich verstorben ist. Und mit all dem beginnt das ganze Unheil und eine Abfolge vollkommen absurd-grotesker Vermischungen aus „Märchen“ und „Realität“, inklusive Intrigen. Und man lehnt sich beruhigt zurück und denkt: „Gut, zu wissen, dass keine Welt die wirklich bessere ist – Intrigen allüberall!“ 😉

Nein. Es ist zwar albern, aber geistreich und immens lustig für Menschen, die sich an hintergründigem Humor erfreuen können. Es ist keine geistlos-alberne Kinderbespaßung, sondern wirklich witzig, witty, wie man im Englischen sagen würde. Witz durch und durch, mit vielen dezenten Seitenhieben. Offenbar traute man Kindern früher mehr zu. 😉

Sorry, aber das konnte ich mir jetzt nicht verkneifen. 😉

Ich kann nur eines sagen, was ich seit meiner Kindheit sage: „Die Tschechen machen die besten Kinderfilme überhaupt!“ 😉

„Eile mit Weile“ oder: „Hasse ma ‘nen Euro?“, die Zweite …

Es gibt Tage, da denke ich, es könnte an der Zeit sein, eines dieser hochfrequent beworbenen gedächtnisfördernden Ginkgo-Präparate nicht nur zu kaufen, sondern auch regelmäßig einzunehmen.

Ich hatte schon als Kind ein Herz für den Ginkgo, da dieser auch als „Elefantenohr-Baum“ geführt wird, und jeder, der mich kennt, weiß, wie tierverrückt ich bin. Nein, ich bin dennoch keine „Aktivistin“ der besonderen Art, jedenfalls keine der Art, die das Gefühl den Verstand – sofern vorhanden – komplett verdrängen lässt. Mir geht vieles nicht nur gegen den Strich, sondern macht mich auch stinkwütend, und ich habe auch durchaus Petitionen mitgezeichnet, die sich inhaltlich gegen das Schreddern kleiner männlicher Küken oder das anästhesielose Kastrieren armer rosa Ferkel, die das Pech hatten, als kleiner Eber zur Welt zu kommen, aussprachen. Oder gegen Massentierhaltung oder andere Tierquälereien.

Doch meist sehe ich doch von Kauf und Einnahme ab, da ich nicht vom Grunde her vergesslich bin, sondern oft einfach in Eile oder in Gedanken. Kommt beides zusammen, wird es bisweilen richtig übel. 😉

Das musste ich auch gestern wieder erfahren. Ich war am späten Nachmittag bei Kollegin Jana zu einer Neujahrsparty mit vielen ihrer Freunde und Bekannten nebst vieler Kinder eingeladen, hatte einen Salat angefertigt, ein paar Süßigkeiten erworben und wollte mich dann rechtzeitig mit dem Auto auf den Weg machen. Ich musste zuvor noch zur Sparkasse, denn dort, wie man mir zuvor per Mail auf meine Anfrage mitgeteilt hatte, lagere meine neue EC-Karte, die man – die Mail war in der Hinsicht etwas inkonsistent – angeblich bereits im Oktober abgeschickt habe, zusammen mit ihren vielen „Schwestern“, die an andere Kunden gingen. Da ich jedoch in der letzten Zeit nicht umgezogen bin, erstaunte mich dies sehr, denn dann hätte ich sie doch im Briefkasten vorfinden müssen, wie dies bei der Kreditkarte, die ich kaum noch benutze, ganz reibungslos geklappt hatte. Doch egal – Hauptsache, ich kam an meine neue Debitkarte. Man ist finanziell ja so hilflos und quasi handlungsunfähig ohne derlei Einrichtungen … 😉

Als ich das Haus verließ, um in den Garagenhof zu gehen, fuhr gerade ein Nachbar vom selbigen. Wir hatten einander nach dem Jahreswechsel noch nicht gesehen, und so winkte er mir fröhlich zu, ich winkte ebenso fröhlich zurück, als er das Fenster auf der Fahrerseite herunterfuhr. Offenbar wollte er mir noch etwas sagen. Ich eilte hin, und er rief mir: „Ein frohes neues Jahr, Frau B.!“ zu. Ich erwiderte die guten Wünsche, und schon waren wir mitten in einem netten Nachbarschaftsgespräch. Dies hatte ein bisschen Zeit in Anspruch genommen, wie ich nach einem Blick auf meine heißgeliebte Junkers-Fliegeruhr mit Schrecken sah, als ich schließlich gen Auto strebte. Und so war auch meine Abfahrt eine relativ forsch-dynamische, und schon „raste“ ich gen Zentrum des Nachbarstadtteils.

Jetzt aber schnell, dachte ich, als ich den kleinen Monty auf dem Aldi-Parkplatz abgestellt hatte, und schnellen Schrittes eilte ich zur Sparkasse. Dort händigte man mir nach Vorlegen meines Personalausweises meine neue Debitkarte aus und behielt die alte, die schon diverse Jahre auf dem Buckel hatte (obwohl sie gar keinen Buckel hatte), ein.

Rasch wollte ich noch eine Überweisung an einem der Kundenterminals tätigen – zum Glück war gerade eines frei geworden, und ich stürzte zur Tat. Danach ließ ich mir noch einen Beleg ausdrucken und packte dann Beleg sowie Rechnung in meine Tasche. Und auch die Karte steckte ich ins Portemonnaie …

Das zumindest glaubte ich. Als ich jedoch nach der Feier noch rasch an der Tanke Zigaretten kaufen wollte und mein Portemonnaie öffnete, lugten da, wo die rote Debitkarte normalerweise steckt, nur mein Personalausweis, die DHL-Packstationkarte, mein Führerschein, die Stempelkarte meines Arbeitgebers sowie die Kreditkarte hervor. Ich hatte zum Glück noch Bargeld bei mir, war aber ziemlich unruhig und leerte erst einmal meine Taschen aus. Durchwühlte das Portemonnaie – vielleicht hatte ich die Karte an eine andere Stelle … Nein. Die Karte war nicht da …

Ich rief sofort den Karten-Sperrnotruf an und raufte mir dabei zünftig die Haare. Der junge Mann meinte: „Machen Sie sich keine Gedanken – wissen Sie, wie oft so etwas passiert? Dauernd. Sie würden lachen!“ – „Mir ist nicht so zum Lachen – wie dämlich kann man sein?“ – „Hat damit nix zu tun, Frau B., geschieht meist in hektischen Momenten.“ – „Ja, aber wie absurd ist das! Da habe ich die Karte nicht einmal fünf Minuten in meiner Obhut – und dann so etwas!“ Der junge Mann lachte und meinte: „Auch das passiert. Waren Sie denn in Eile?“ – „Und wie!“ – „Sehen Sie?“ Und er sperrte die Karte, erklärte, nunmehr sei ich auch gegen Fremdnutzung versichert, und er fand noch einmal Worte des Trostes. 😉

Ich schlief schlecht letzte Nacht und machte mir furchtbare Vorwürfe.

Morgens stand ich auf und rief beim Service- und Kundencenter der Bank an, wo ich ja erst gestern gewesen war. Ich war ziemlich klein mit Hut und versicherte der Angestellten, dass mir so etwas noch nie passiert sei – was ja auch stimmt! Sie meinte, sie werde mal in ihrem Bestand nachsehen, ob meine Karte dort sei, und sie würde mich zurückrufen. Keine fünf Minuten später meldete sich mein Handy und damit auch die Bankangestellte, die sagte: „Frau B. – Ihre Karte ist hier! Keine Sorgen mehr machen, sie ist wohlbehalten hier. Wahrscheinlich haben Sie in Eile vergessen, sie aus dem Slot des Terminals zu nehmen. Bei solch einer Zeitüberschreitung zieht der Automat die Karte automatisch ein und behält sie ein. Alles gut!“ – „Das ist mir noch nie passiert.“ – „Mir schon. Sehen Sie – Sie haben sie zum Glück nicht verloren. Und Sie haben dann auch alles richtig gemacht. Schnellstmöglich sperren lassen und sich bei uns melden. Sie können die Karte bis 13 Uhr bei uns abholen, und dann wird sie auch wieder entsperrt. Und noch einmal: Solche Fälle haben wir hier Tag für Tag – ärgern Sie sich nicht zu sehr.“

Ich holte die Karte somit innerhalb zweier Tage zum zweiten Mal ab, und als ich danach noch Kontoauszüge drucken ließ, verstaute ich die Karte sofort im Anschluss im Portemonnaie, sah sicherheitshalber aber noch zweimal nach, ich gebe es zu … 😉 Sicher ist sicher. 😉

Grauenhaft. Ich sollte dringend mal daran arbeiten, weniger in Gedanken zu sein. Und weniger in Eile. Mein erster und ganz ernstgemeinter Vorsatz für 2019. 😉

Wird schon schiefgehen … 😉

„Hasse ma ‘nen Euro?“

Ja, ich finde auch, dass: „Hasse ma ‘ne Mark?“ viel netter klinge. Irgendwie nostalgisch. So heimelig-kumpelhaft. 😉 Wie eine liebgewonnene Tradition, gewissermaßen. Aber die Mark ist ja nun schon seit geraumer Zeit Geschichte.

Hasse ma ‘ne Mark? schoss mir heute durch den Kopf, als ich feststellte, dass ich viel zu selten auf meine EC-Karte schaue. Denn das sollte man viel öfter tun, finde ich (seit heute). Denn mir war doch glatt durchgegangen, dass meine Debitkarte nur bis zum 31. Dezember 2018, 23:59:59 h gültig war. Es liegt wohl daran, dass ich immer irgendwie ein bisschen in Gedanken bin. Und auch ein bisschen wurschtig – ich gebe es zu.

Es liegt aber auch daran, dass das Geldinstitut, bei dem ich Kundin bin, mir weder eine Ankündigung, dass es eine neue Karte geben werde, noch die Karte, noch die PIN zugesendet hat. Also sind wir beide irgendwie schuld.

Ich merkte es heute, als ich – seit Silvester – das erste Mal wieder einkaufen war. Glücklicherweise hatte ich, bevor ich mich ans Einkaufen machte, noch einen Kontoauszug ziehen wollen („mein“ Einkaufsmarkt hat im Eingangsbereich einen Geldautomaten meines Geldinstitutes, ebenso ein Kundenterminal), was mir jedoch verweigert wurde, da meine Karte abgelaufen sei. O nein! Und ich musste einkaufen, da ich morgen am späten Nachmittag eingeladen bin und einen Salat mitzubringen versprochen habe, dessen Zutaten ich bei diesem Besuch des Einkaufsmarktes käuflich erwerben wollte …

Mir brach ein bisschen der Schweiß aus, denn der Salat musste heute Abend zubereitet werden und über Nacht im Kühlschrank ruhen und durchziehen! Ich riss mein Portemonnaie aus der Tasche und sah: Im Scheinfach waren exakt 15 Euro (ich habe nie viel Bargeld bei mir – wofür gibt es die praktischen Karten?). Im Fach für die Münzen fand ich noch 7 Euro und ein paar Zerquetschte. Nun ja, der Einkauf würde der wohl am präzisesten kalkulierte seit einiger Zeit werden …

Ich kaufte sehr sparsam ein und erzielte eine Summe von exakt fünfzehn Euro einundzwanzig. Wow – noch sieben Euro und ein paar Cents, die ich auf den Kopp hauen konnte! Abheben kann ich ja nun nichts, zumindest nicht bequem am EC-Automaten. Ich beschloss, diese fürstliche Summe lieber aufzuheben.

Dann fiel mir ein, dass meine Eltern mir zu Weihnachten ein Geldgeschenk hatten zukommen lassen, und das glücklicherweise und anders als gewöhnlich in bar! 😉 Die nächsten Tage sind somit gesichert. 😉

Auf der Fahrt nach Hause fluchte ich im Auto ganz reizend vor mich hin. Hatte ich das wirklich übersehen? Nee! Gewiss nicht.

Dann fiel mir ein: „MO-MENT! Das war ja schon einmal so!“ In der Tat. Das Kreditinstitut mit dem großen S hatte schon einmal verbaselt, mir die Nachfolgekarte zukommen zu lassen! Als ich mich damals beschwerte, schoben sie es auf die Post …

Ich weiß jetzt schon, wer der bzw. die Schuldige sein wird, wenn ich morgen meinem sogenannten Kreditinstitut einen freundlichen Besuch abstatten werde. Nein. Nicht ich. Es wird die Post sein. Die lässt zwar auch zu wünschen übrig, aber das ist nun schon das zweite Mal, dass das Geldinstitut mich im Stich gelassen hat. Ob die mich loswerden wollen? 😉

(Nein, ich weiß, ich hätte mal einen genaueren Blick auf meine EC-Karte werfen sollen – ich bin mitverantwortlich. 😉)

Drückt mir die Daumen, dass ich bald meine neue Karte bekomme. Nicht, dass ich wirklich aufgrund der Tatsache, dass ich mangels Karte nichts mehr abheben noch sonstige Transaktionen tätigen kann, eines Tages hohlwangig vor euch sitze und mit rauher Stimme: „Hasse ma ‘nen Euro?“ oder gar: „Hasse ma ‘ne Kippe?“  frage … 😉

Happy New Year! :-)

Gestern oder vielmehr letztes Jahr habe ich mit meiner Kollegin und inzwischen guter Freundin Jana Silvester gefeiert. Es war ein wunderschöner Abend! Und sehr lustig obendrein. 😊

Um kurz vor halb fünf am Nachmittag setzte ich mich in die Straßenbahn und raste gen zentrale Haltestelle im benachbarten Stadtteil. Bereits während der Fahrt stellte ich – einmal mehr – fest, dass das Publikum im ÖPNV an Tagen wie diesem ein ganz besonderes ist, zumindest zu größeren Teilen. Man könnte auch sagen: speziell. 😉 Ich nehme mich selten aus, führe jedoch im öffentlichen Raum nicht unbedingt Selbstgespräche oder schimpfe unkontrolliert vor mich hin, wobei ich wütende Blicke auf die Umsitzenden schieße. Oder sonstige Dinge, die ich gestern in der Bahn erlebte. Nun ja, ich würde ja bald aussteigen.

Von der zentralen Haltestelle aus marschierte ich weiter, bis ich um 16:50 Uhr an Janas Haustür klingelte. Sie öffnete und rief: „Hey, du hast mich erwischt! Ich bin noch nicht fertig. Moment! Du bist zehn Minuten zu früh! Was ist passiert?“ Die Frage war berechtigt, da zu meinen persönlichen Schwächen gehört, eher zu spät als zu früh aufzuschlagen. Und Jana kennt mich nun seit fast einem Jahr. Ich rief fröhlich: „Ich wollte dich am letzten Tag des Jahres überraschen! Ich komme doch nie zu früh.“ – „Überraschung gelungen,“, lachte Jana, „komm herein!“

Wir wollten erst gemeinsam kochen und dann nach Bochum fahren, wo wir in den Kammerspielen ein Theaterstück ansehen wollten, um danach im Foyer des Schauspielhauses an der Silvesterparty teilzunehmen. Während Jana sich fertigmachte, las ich mir schon einmal das Rezept durch. Ein schnelles Gericht, aber sehr lecker: Steaks mit gebackenen Rosmarin-Knoblauch-Kartoffeln, geschmorten Tomaten und Salat sollte es geben, und wir bereiteten alles schließlich zusammen zu und aßen dann gemeinsam. Anschließend fuhren wir nach Bochum.

Das Theaterstück war interessant, die Hauptdarstellerinnen, minderjährige Laiendarstellerinnen, machten ihre Sache großartig, wirklich. Aber das Stück war nicht meins, und während der Vorstellung sah ich mehrere Leute eilig zu einem der Ausgänge streben, durch den sie ebenso eilig verschwanden. Wir jedoch wollten das Stück bis zu Ende sehen, das keinem gängigen Genre entsprach und mich am ehesten an Experimentelles Theater erinnerte, dessen Fan ich nicht bin. Was auch immer es war, es war eindeutig avantgardistisch gemeint. Wir blieben also sitzen, was jedoch zu einem gewissen Teil auch daran lag, dass wir mitten im Publikum saßen, wo ein Aufbruch mittendrin immer etwas unangenehm ist, da dann alle aufstehen müssen, an denen vorbei man dann eiligst gen Ausgang strebt. 😉 Aber ich bin ohnehin eine Verfechterin der Einstellung, dass man sich mit Dingen erst befassen müsse, um sie beurteilen zu können. Und die Mädels haben das zähe Spektakel wirklich großartig umgesetzt – das kann man anders nicht sagen, und ich war wirklich voller Bewunderung für die noch sehr jungen Mädchen. Die hatten den Applaus auf alle Fälle mehr als verdient. Die Regisseurin und ich – da bin ich mir jedoch sehr sicher – würden sicherlich nicht auf einen Nenner kommen, würden wir über das Stück diskutieren, aber Geschmäcker und Ansichten sind nicht selten total verschieden, und das ist auch gut so! 😊

Als Jana und ich unsere Mäntel abholten und auf die Straße gingen, um erst einmal eine zu rauchen, meinte sie: „Ali, wie fandest du das Stück?“ Sie klang zögerlich, und ich meinte: „Ich fand es … interessant. Die Mädels waren großartig – das muss gesagt werden. Warum fragst du?“ – „Weil ich das Stück sehr merkwürdig fand und keine eigene Interpretation für mich finde. Du kennst dich mit sowas wohl besser aus.“ Ich lachte und meinte: „Nein, wie kommst du darauf? Ich bin nicht so der Schauspiel-Typ – frag mich etwas über Musiktheater, dann könnte ich eher meine Meinung sagen.“ – „Aber du hast doch u. a. Literaturwissenschaften studiert.“ – „Ja, zu Literatur könnte ich noch etwas sagen – bei diesem Stück hier ist mir nicht einmal das Genre klar, was wahrscheinlich beabsichtigt ist. Aber von Theaterwissenschaft, was ja in den 80ern und 90ern neben Ökotrophologie ein total angesagter Studiengang war, habe ich keine Ahnung. Ich bin auch ratlos. Und bitte: Ich habe zwar irgendwas studiert, aber das heißt beileibe nicht, dass ich mich überall auskennen würde. Im Vertrauen: Du überschätzst mich!“ Da lachte Jana, und ich meinte grinsend: „Und beim nächsten Mal gehen wir in eine Wagner-Oper!“ Jana sah mich an und meinte: „Das ist nicht dein Ernst!“ – „Nein. Ich mag Wagner-Opern nicht. Und wir sollten auch besser in einen Teil des Opernzyklus‘ Licht von Karlheinz Stockhausen gehen. Das wäre sicherlich ein geeignetes Pendant zu diesem Stück hier.“ Und ich lachte laut. Seit jeher frage ich mich, was Stockhausen-Begeisterte zu Stockhausen-Begeisterten mache. Ich finde seine Musik grauenhaft.

Fröhlich machten wir uns auf zum Schauspielhaus. Und die Party war auch prima, und wir tanzten und lachten viel. Leider war der Jahreswechsel dann etwas verdorben, und das nicht nur für Jana und mich, sondern auch für andere Partygäste, denn eine ganze Gruppe von Menschen, die sich auf dem Vorplatz zum Schauspielhaus zusammengefunden hatten, verwandelten den Vorplatz in eine Art Kriegsgebiet, indem sie bereits ab 23 Uhr intensiv herumböllerten. Mit großen Recyclingtaschen diverser Discounter und Supermärkte, randvoll mit Pyrotechnik, kamen sie an und hantierten obendrein auf sehr riskante Weise mit den Knallern. Sogar etwa sechsjährige Kinder liefen mit Chinaböllern in der Hand herum, die sie dann anzündeten und unbesehen sonstwohin warfen. Das fand ich ein bisschen fragwürdig, vor allem, als ein kleiner Junge rief: „Eine Bombe, eine Bombe! Geil!“ Ja, total geil, so eine Bombe …

Glücklicherweise teilte uns vor dem Theater Wartenden, die Sektgläser startbereit in der Hand, dann das Schauspielhaus via Lautsprecher mit, dass es nur noch eine Minute bis zum Jahreswechsel sei – angesichts der exorbitanten Knallerei hätte man schon annehmen können, der Zeitpunkt sei bereits überschritten -, und dann gab es den Countdown. Jana und ich stießen mit unseren Sektgläsern an, umarmten und drückten einander ganz fest und wünschten einander Glück und Gesundheit, und das kam wirklich von Herzen. 😊 Das Feuerwerk wurde noch intensiver – es fühlte sich wirklich an, als wären wir mitten in einem Kriegsgebiet, aber wir betrachteten gerührt die wunderbaren Bilder, die da an den Himmel gemalt wurden. Und trotz des Lärms hörten wir die Kirchenglocken läuten. Wahrscheinlich hat Bochum besonders leistungsstarke Glocken … Wir nahmen allerdings auch nur die tiefgestimmten, größten Glocken wahr über all dem Geheule, Gepfeif und den Detonationsgeräuschen. 😉

Und zum Glück gab es keine Verletzten, niemand wurde von einem Blindgänger getroffen oder einer Rakete angeflogen.

Wie sich Letzteres anfühlt, weiß ich übrigens. Vor Jahren feierte ich mit meinem damaligen Freund Henrik auf einer Privatparty mit vielen Teilnehmern in Essen. Es gab viel zu essen, es gab Bier, Wein, Sekt, Glühwein und Feuerzangenbowle. Kurz vor Mitternacht stürmten wir auf die Straße, dabei mehrere leere Sektflaschen als „Abschussrampen“ für Raketen. Und es war ein wunderbares Feuerwerk! Der Veranstalter der Party, ein ehemaliger Kollege von Henrik und mir, hatte jedoch gesagt: „Nur auf der Straße – nicht auf dem Bürgersteig. Sicher ist sicher.“ Und so standen wir vorne am Rand des Bürgersteigs, und wir alle ah-ten und oh-ten angesichts der wunderbaren Effekte am Himmel und auf der Straße.

Plötzlich schlug mir jemand von hinten auf die rechte Schulter, und das sehr heftig. Zumindest dachte ich dies, und als ich meinen Kopf nach rechts drehte, sauste unter lautem Geheul eine Rakete an meinem rechten Ohr vorbei! Offenbar war sie es gewesen, die den Schlag auf meine Schulter verursacht hatte … Ich erschrak fast zu Tode, und ich schrie vor Schreck laut auf. Der Gastgeber, mit dem ich zwei Jahre in einem Büro gesessen hatte, kam zu mir und fragte, was passiert sei. Es stellte sich heraus, dass einer der Gäste hinten auf dem Bürgersteig eine eigene „Abschussbasis“ installiert, aber wohl zuviel Feuerzangenbowle konsumiert hatte, denn er war, als die Zündschnur schon fast bis zum Anschlag durchgeglommen war, gegen die Sektflasche getaumelt, die dann umkippte und die Rakete dann, während die Flasche kippte, schräg und in Richtung meiner rechten Schulter abgeschossen wurde. Der Gastgeber hat dann dem Verantwortlichen die Hölle heißgemacht, nachdem er sich um mich gekümmert hatte, die jedoch versicherte, nur einen gigantischen Schrecken erlitten zu haben, und man möge kein allzu großes Fass aufmachen. „Doch, Ali! Das muss man! Du hättest schwer verletzt sein können! Deine Haare hätten in Flammen aufgehen, sonstwas hätte passieren können! Und ich hatte eigens gesagt: Nur auf der Straße!“ – „Ja, du hast ja Recht, ich will nur keinen allzu großen Aufriss meinetwegen.“ – „Doch!“ rief Volker. Und dann stauchte er den Herrn zusammen, der das Ganze verursacht hatte, und er rief ihm ein Taxi. Und die nächsten Tage dachte ich umso mehr, dass das absolut richtig gewesen sei, denn was ich im ersten Schrecken nicht gemerkt hatte, war die Tatsache, dass ich ein durchdringendes Pfeifen im rechten Ohr hatte. Es dauerte drei Tage, wurde dann schwächer und verschwand. Aber es war sehr unangenehm – als würde ich mich noch immer im Zentrum des Silvesterfeuerwerks befinden. 😉

Aber gestern war es – abgesehen von kleinen Ärgernissen – wirklich sehr schön. So viel hatte ich schon lange nicht mehr getanzt und gelacht.

Euch auch ein frohes, gesundes und glückliches neues Jahr! 😊

Zittern „auf Schalke“

Nein, ich war nicht anlässlich eines Fußballspiels vor zwei Tagen auf Schalke, obwohl das Zittern unter Umständen auch dazu gepasst hätte. Bitte verratet mich nicht, aber ich bin gar keine so überzeugte Schalkerin … 😉 Pssst – nicht weitersagen. (Klar, wenn der BVB gegen die Knappen spielen würde, wäre ich auf alle Fälle auf Seiten Schalkes, und das gilt auch für einige andere Clubs, mal abgesehen vom „Glubb“ aus Nürnberg und der wahren Borussia – und ich mag Schalke ja auch, nur nicht so, wie es so viele andere Menschen speziell in dieser Stadt hier tun. 😉)

Zittern kann man jedoch auch ganz ohne Fußball auf Schalke, wenn es draußen in Strömen regnet und drinnen nicht viel wärmer ist. Ich war zum Weihnachtssingen dort. Mit Kerstin, einer meiner Kolleginnen. Einer Kollegin, die ich sehr mag, da „hart, aber herzlich“, wie sie mir auch schon vorgestellt wurde. 😉

Um 14:30 h wollte Kerstin vor meiner Haustür stehen und mich mit ihrem Mazda abholen. Sie wohnt nicht hier in der Stadt und meinte, es wäre doch albern, würde ich mich auch ins Auto setzen und zur „Arena“ fahren. Da sie eh fahren müsse, würde sie mich ganz einfach abholen. Und so sauste ich um 14:28 h die Treppen hinunter und sah aus dem Flurfenster den kleinen, weißen Mazda schon auf der anderen Straßenseite stehen.

Kaum saß ich im Auto, kaum hatten wir einander begrüßt, meinte Kerstin: „Komm, wir rauchen erst mal eine – das hier ist ein Raucherauto.“ – „Gut, dass wir mit deinem Mazda fahren – meiner ist kein Raucherauto.“ – „Aber du rauchst doch auch!“ – „Nicht in meinem Auto!“ – „Wat biss du denn für eine?“ rief Kerstin amüsiert. „Wat ich für eine bin? Eine Inkonsistente! Im Gegensatz zu dir rauche ich zwar nicht im Auto, aber in der Wohnung, wenn auch nur im Wohnzimmer.“ – „Dat würde ich niemals tun! Nur auf’m Balkon!“ – „Das meinte ich mit inkonsistent!“

Und als wir aufgeraucht hatten, fuhren wir los zur Arena. Ich lotste Kerstin sicher zu einem noch nicht ganz so übervölkerten Parkplatz – aber wir waren auch verdammt früh dran. Einlass war ab 15 h, und wir waren eine Viertelstunde früher da. Das war aber auch gut, denn so standen wir relativ weit vorne in einer der Schlangen der Weihnachtssingwilligen. 😉

Endlich waren wir drin, inzwischen auch auf Waffen und/oder Flaschen abgetastet! Es war 15:15 h – noch viel Zeit totzuschlagen, da das Massenevent erst um 16:30 h begann. Wir rauchten erst mal eine …

Dann ließ Kerstin ihre Knappenkarte aufladen, und wir umkreisten – natürlich hatten wir das Stadion just an dem Eingang geentert, der am weitesten von unserem Block Q entfernt war – die Arena und setzten uns erst einmal auf unsere beiden Randplätze. Dann holte Kerstin heiße Getränke. Und dann war es immer noch so lange hin bis zum Anfang …

Wir gingen noch einmal eine rauchen, danach zum Klo. Und zurück auf unsere Plätze in Reihe 27. Und noch immer so viel Zeit …

Kerstin und ich sind beide nicht die Geduldigsten, und so standen wir wieder auf. Noch eine rauchen. Draußen meinte Kerstin, einige Jahre jünger als ich: „Ali, wir sind beide leider doof! Wir hätten verdammt nochmal Sitzkissen mitnehmen sollen! Hast du auch einen so kalten Hintern?“ Ich grinste und meinte: „Ich wollte ja vorhin nichts sagen, als ich ein erheblich älteres Paar hier mit einer Tüte vorbeigehen sah, in der ganz eindeutig zwei Sitzkissen waren, weil ich fürchtete, du würdest mich für ein Weichei halten. Aber du hast recht: Wir hätten Sitzkissen mitnehmen sollen! Nun, immerhin regnet es im Moment nicht.“ Und daher blieben wir auch länger draußen.

Irgendwann saßen wir wieder auf unseren Plätzen ohne Sitzkissen, mussten aufgrund der Randplätze jedoch noch mehrfach aufstehen, um Menschen durchzulassen. Endlich war die Reihe voll! Nur die vor uns war erschreckend leer.

Und dann ging es los! Eine Massenveranstaltung reinsten Weihwassers, amerikanisiert, dass es heftiger kaum ging. Immerhin begann es mit Alle Jahre wieder. Und Kerstin und ich sangen heftig mit – es machte Spaß!

Als wir Morgen kommt der Weihnachtsmann anstimmten, kam tatsächlich jemand: die halbe Reihe 26 vor uns! Eine Art Hühnerhaufen, der sich zunächst setzte, dann wieder „hochflatterte“, weil mittendrin eine der Damen – alle tranken Glühwein – doch, wenn auch verspätet, gemerkt hatte, dass sie noch einmal zur Toilette müsse. Und kaum war sie wieder da, merkte auch die Nächste, dass sie … La Ola in der halben Reihe 26 in Block Q, obwohl mir Hühnerhaufen erheblich besser gefiel …

Und so ging es bis zur Pause. Irgendwann sah ich einen intensiven Blick von rechts auf mich gerichtet, und ich drehte mich in die Richtung, obwohl ich blind hätte sagen können, wer mich da anstarrte und auch, warum. Natürlich war es Kerstin, und sie hatte ihren sehr, sehr strengen Blick drauf, der besagte: „Pass op! Leg dich nicht mit mir an!“ Ich sah sie an, und da meinte sie auch schon: „Was ist das da in der Reihe vor uns?“ – „Keine Ahnung – ist wohl ein Hühnerhaufen!“ – „Wenn das so weitergeht, werde ich sauer. Ich versuche hier, Videos zu machen, und dauernd habe ich irgendeinen dieser blöden Hinterköppe im Bild! Leiden die unter Sitzunruhe?“ – „Eher unter einer Reizblase,“, gab ich zurück, „reg dich nicht auf – mich nervt es auch.“ – „Du hast doch unsere Regenschirme unter deinem Sitz!“ – „Soll ich denen auf die Köppe hauen, oder was erwartest du von mir?“ – „Ja!“

Zum Glück hatte sie sich bis zur Pause wieder beruhigt. Der Hühnerhaufen nicht. Der flatterte immer noch.

Richtig ärgerlich war ich dann auch, als die Hühner nach der Pause den gleichen Scheiß wieder abzogen, und mir entfleuchte der Spruch: „Boah, ey! Ich verstehe manche Männer immer besser! Frauen – manche zumindest! – stören im Fußballstadion nur!“ Und ich meinte zu einer der vor mir Wuselnden: „Hallo? Würden Sie sich bitte einfach hinsetzen? Sie stören!“

Da drehte die „Dame“ sich zu mir um und meinte: „Ey! Wat willss du Tussi von miiaa! Ey! Ich kann hier machen, wattich will! Ich happ dafüüaa bezahlt!“ – „Ich auch,“, gab ich zurück, zuckte jedoch vor ihrem ein wenig unkontrolliert hervorschnellenden Zeigefinger zurück. Lieber die ewige Hin-und-Her-Stresserei aushalten als ein Auge einbüßen! Hätte ich meine Brille getragen, wäre diese Diskussion anders ausgegangen. 😉

Aber ich schwor mir: „Wenn dieser Haufen vor uns auch noch mein Lieblingslied stört, haue ich denen echt die Schirme auf’n Kopp!“ Zum Glück waren sie wohl alle am Glühweinstand oder au’m Lokus, als Leonard Cohens Hallelujah dran war. Kein Weihnachtslied, aber wunderschön.

Und sie waren auch abwesend, als das Steigerlied angestimmt wurde: Das einzige Lied, bei dem sich alle von den Sitzen erhoben und voller Inbrunst und sichtlich und hörbar bewegt mitsangen. Auf der Bühne auch ein Kumpel, der mit Tränen in den Augen ebenfalls voller Inbrunst sang. Auch ich hatte die Tränen in den Augen – und ich war gewiss nicht die Einzige. Zwei Tage nach Schließung der letzten noch fördernden Zeche war das zu erwarten. Ein bisschen kitschig, aber wunderschön.

Dann noch ein paar kitschige anglo-amerikanische Weihnachtslieder, ein eher hispanisches ebenso, das ich seit vielen Jahren kenne, das jedoch erst seit einiger Zeit allgemein bekannt ist und prompt zum „Weihnachtshit“ wurde. Nun ja … 😉 Auf alle Fälle hymnisch. 😉 Und der Refrain singt sich so schön.

Wir sangen fast bis zum Umfallen, und kurz vor Ende der zweiten „Halbzeit“ merkte ich, die früher in zwei Chören gesungen hat, die Auswirkungen, die eintreten, wenn man sehr lange nicht so viel gesungen hat: Meine Stimme machte Zicken! Die von Kerstin auch! Wir singen beide Alt, und die meisten Lieder waren für Altistinnen zu hoch angestimmt. Wir schafften zwar die höheren Töne, aber es war mehr „Druck“ vonnöten, zumal die um uns Sitzenden gar nicht so begeistert sangen wie wir. 😉 Mehr „Druck“ auf die tiefergestimmten Stimmbänder bedeutet: mehr Stress, mehr Anstrengung, und beim letzten Lied, Stille Nacht, war mir klar, dass ich anderntags sicherlich keinen geraden Ton mehr hervorbringen könnte, würde ich mich bemühen, alles „auszusingen“. Keinen geraden Ton würde ich mehr sprechen können – ich spreche nicht vom Singen. 😉 Das wäre gar nicht mehr gegangen. 😉

Als Stille Nacht gerade ausgeklungen war, kam der Hühnerhaufen einmal mehr zurück und wunderte sich: „Wie getz? Schonn aus?“ Kerstin sagte: „Ja, schonn aus! Wäre Ihnen länger vorgekommen, hätten Sie die ganze Zeit auf Ihren Plätzen gesessen!“ – „Ey, wie biss du denn drauf, Tussi!“

Ich zerrte Kerstin schnell am Ärmel weg und meinte: „Wie ich es vorhin schon anmerkte: Es gibt Frauen, die gehören nicht in ein Fußballstadion – egal, zu welchem Ereignis!“

Und wir schlappten durch den inzwischen wieder strömenden Regen frierend zu Kerstins Auto. Sie meinte: „Ist dir auch so scheißkalt? Das hat da total gezogen! Ich habe einen ganz kalten Hintern, und meine Füße spüre ich kaum noch!“ – „Geht mir genauso – schnell zum Auto!“ – „Hast du dir gemerkt, wo wir geparkt haben?“ – „Rechts neben dir stand ein schwarzes Auto, und links war ein Baum.“ Wir hielten inne und sahen uns um: Etwa ein Drittel aller dort parkenden Autos war schwarz, und es gab zahlreiche Bäume …

Dennoch haben wir den kleinen weißen Mazda irgendwann gefunden, beide völlig durchgefroren und mit nassen, kalten Füßen, und Kerstin fuhr mich nach Hause.

Und trotz allem: Es war ein sehr, sehr schöner Abend! 😊

Auf Kohle geboren …

„Wir sind auf Kohle geboren.“ So sagen echte Ruhris, echte Pottkinder. Ja, ich weiß, dass das oft belächelt wird, nicht recht ernst genommen. Irgendwie wird hier alles als Manta, Manta wahrgenommen und bewertet. Falls jemand diesen Film noch kennt. 😉

Das ist mir allerdings gleichgültig, denn auch ich bin auf Kohle geboren worden, und zu meiner Kindheit gehörten selbstredend funktionsfähige Zechen mit funktionsfähigen Fördertürmen, an denen sich das Rad drehte – natürlich! Was der Unterschied zwischen einer Seil- und einer Förderfahrt sei, war mir schon in sehr jungen Jahren klar, und ein Teil meiner Vorfahren väterlicherseits bestand aus Kumpels.

Jedes Mal, wenn wir zu meinen Großeltern väterlicherseits fuhren und ein Förderturm zur Linken sichtbar war, sagte mein Vater an einem bestimmten Punkt: „Hier bin ich schon durch die Erde gelaufen.“ Da hielt ich immer die Luft an: beeindruckend! Mein Vater war da durch die Erde gelaufen! Es war für mich so ähnlich wie die Aussage, dass jemand anderes über Wasser gelaufen sei. 😉

Und als meine Schwester und ich gerade des eigenständigen Laufens – ohne allzu heftige Stürze auf den dick verpackten Windelpopo zu verursachen – mächtig waren, schleppte mein Vater uns mitsamt unserer fränkischen Mutter, die mit Steinkohlebergbau absolut unvertraut war, ins Bochumer Bergbaumuseum. Ich war so oft dort – und doch so lange nicht. Ich sollte wieder einmal hinfahren. Jetzt erst recht!

Mein Vater, ein waschechtes Pottkind ohne jedwede externe – zum Beispiel fränkische – Einflüsse, studierte Elektrotechnik, um nach erfolgreichem Examen Bestandteil der Bergbau-Fraktion des Konglomerats Montanindustrie zu werden, wozu auch die Stahlproduktion gehört – selbstredend. Davon spricht mein Vater auch stets mit Hochachtung. Er ist wirklich ein echtes Pottkind. 😉 Allerdings habe ich keinen einzigen Stahlarbeiter in meinem Stammbaum – ich stamme der Kohlefraktion ab. Aber ohne Kohle kein Stahl, nicht wahr? 😉

Nur gibt es die Kohle billiger – nein, preisgünstiger, denn billig ist so ein billiges Wort! – aus anderen Ländern, wo man die Arbeitssicherheit nicht so priorisiert wie hierzulande, wie man bisweilen lesen kann. Manchmal als Katastrophenmeldung aus fernen Landen. Ich weiß noch, wie ich mitfieberte, als es 2010 in Südamerika ein Grubenunglück gegeben hatte.

Wie auch immer: Ich bin heute ein wenig traurig, denn heute wurde die letzte noch fördernde Zeche – Prosper Haniel in Bottrop – geschlossen. Keine Förderung mehr. Stillgelegt.

Eine meiner Kolleginnen meinte, es sei ja auch an der Zeit – Kohle sei viel zu lange subventioniert worden. Und sie sagte: „Endlich ist dieser Bergbau-Scheiß vorbei!“ Ich bin selten sprachlos. Hier war ich es. Man kann über die Subventionierung streiten. Aber ist es denn besser, Kohle aus Ländern preisgünstig zu erwerben, die mit allen Mitteln fördern – Sicherheit wurscht? Denn irgendwo muss ja gespart werden, wenn ein Produkt so günstig angeboten wird. Und ich hatte vor einiger Zeit ein interessantes Gespräch mit zwei chinesischen Ingenieuren, die auf die teils gruseligen Arbeitsbedingungen im Bergbau ihres Landes hinwiesen. Von sich aus, was mich erstaunte, denn sie waren erschreckend offen und schilderten die Zustände weniger verblümt, als ich von Asiaten gewohnt war. Möglich also, dass die Zustände noch schlimmer waren, als sie sie schilderten.

Mir tun die Kumpels leid. Die werden zwar unterkommen, da sie ja alle qualifiziert sind durch ihre Ausbildung. Die älteren werden in Rente gehen. Aber ich bin aufgrund der Erfahrung meiner Bergbau-Vorfahren ganz sicher, dass Menschen, die au’m Pütt gearbeitet haben, ein ganz besonderer Schlag sein müssen. Ein Menschenschlag, der die Region hier ausgemacht hat. Künftig wird das wegbrechen, und das Revier wird eine Region sein wie -zig andere. Austauschbar. Traurig. Ähnlich traurig wie das Verschwinden von Dialekten. Okay – versteht auch nicht jeder. 😉

Schimpft mich eine Nostalgikerin, Konservative (was ich nicht bin) oder eine Traditionalistin (was ich so auch nicht bin): Es ist mir egal. Mir tut es irgendwie weh, dass hier wieder etwas zu Grabe getragen wird, was ich von klein auf kannte. Ob etwas Besseres nachkommt, steht in den Sternen. Dass hier Wissen, Kenntnisse und Handwerkskunst im Sande verlaufen, ist mehr als klar.

Vielleicht bin ich ja wirklich eine unbelehrbare Traditionalistin. Ich weiß es nicht. Ich war heute den ganzen Tag auf alle Fälle etwas traurig. Wieder ein Stück Kindheit, wieder ein Stück Heimat weg. Als würde man es einem unter den Füßen wegreißen. Als wäre es ein Tagesbruch. Ja, und diesen Ausdruck wird man bald auch nicht mehr kennen.

„Tagesbruch? Was ist das denn?“ wird man sagen. Nicht, dass ein Tagesbruch etwas Gutes sei – ganz und gar nicht! 😉 Aber allein der Begriff wird untergehen, ähnlich wie der Begriff D-Zug.

Wie ich auf D-Zug komme? Das war total süß! Ich saß in der 301, in der Straßenbahn. Ich kam von meiner Dozentenfron aus Dortmund, und hinter mir saßen vier junge Mädels. Eines fragte ein anderes: „Sag mal, wann bekommen wir endlich deine Geburtstagseinladung?“ Das angesprochene Mädchen meinte: „Bald – eine alte Frau ist doch kein D-Zug!“ Und dann hörte ich förmlich, wie sich atemloses Schweigen auf die vier Mädels legte und das künftige Geburtstagskind meinte: „Was ist eigentlich ein D-Zug?“ Da brach ich in lautes Gelächter aus.

Und ich drehte mich zu den Mädels um und meinte: „Sorry, ich habe gerade euer Gespräch mitangehört. Und ich finde total klasse, dass ich mal – quasi omamäßig – etwas erklären kann. Ihr wollt wissen, was ein D-Zug ist?“ Die vier Mädels nickten. Ich erklärte es ihnen, wir lachten alle, und die Mädels meinten: „Wie beschwerlich Reisen früher gewesen sein muss!“ Ich lachte und meinte: „Etwas beschwerlicher als heute.“

Ich kann noch immer nicht ganz fassen, dass ich nun in einer zechenlosen Region lebe, bin mir jedoch sicher, dass ich irgendwie damit klarkomme – ich bin ja ein Ruhri, und wir kommen mit allem klar! 😉 -, und ich wünsche euch allen ein frohes Weihnachtsfest und alles Liebe und Gute für 2019! 😊

P. S.: Und ich bin sehr stolz, ein echtes Pottkind zu sein! So! 😉

Verfolgt von der „Zuckerfee“ … ;-)

Noch vier Tage, dann fängt der Weihnachtsurlaub an. Er ist dringend nötig, wie es scheint und ich heute feststellen musste.

Nun ist der Montag noch nie mein Lieblingstag gewesen. Bereits früher, als Kind und Jugendlicher, graute mir bereits am Sonntag vor dem Montag. Da fing die Woche an, und man musste wieder zur Schule. Obwohl ich keine schlechte Schülerin war, bin ich nie sonderlich gern zur Schule gegangen. Es half auch nicht, dass mein Vater immer sagte, das bereite aufs spätere Arbeitsleben vor. Ich dachte nur: „Tolle Motivation – Hut ab, Papa, echt!“ Und da mir sonntags schon immer vor Montag graute und bereits der Tag vor dem Horrortag überschattet war, war auch der Sonntag nie mein Lieblingstag. 😉 Hinzu kam, dass meine Schwester Stephanie sich stets stolz in die Brust warf, sie sei an einem Sonntag geboren worden, somit ein echtes Sonntagskind und damit etwas Besonderes – als wäre sie die Sonne selbst, nach der der Wochentag, an dem sie das Licht der Welt erblickte, benannt wurde und um die die Planeten zu kreisen verdammt sind. 😉

Ich wurde an einem ordinären Freitag geboren, kam pünktlich zum Spätfilm um 22:30 h an einem heißen Augustabend zur Welt und war wohl aufgrund der hohen Tagestemperaturen und der soeben am eigenen Leib verspürten Strapazen so ermattet, dass ich zunächst nicht einmal schreien wollte, als ich das grelle Licht des Kreißsaals wahrnahm. Erblickte wäre falsch, da ich laut meiner Mutter meine Augenlider so fest zusammenpresste, dass man beinahe annehmen konnte, sie wären zusammengewachsen. Und – wie es auch heute noch meine Art ist, wenn ich schlechte Laune oder mich besonders massiv geärgert habe – ich schwieg beredt. Mehrere sanfte Klapse waren notwendig, um festzustellen, dass ich offenbar durchaus lebendig war, denn da holte ich wohl Luft, aber man musste mich wohl auch noch vorsichtig zwicken, damit ich auch eine Lautäußerung von mir gab, das dann aber sehr intensiv und offenbar sehr, sehr verärgert. Eher empört. Dieses Unterfangen, auch Leben genannt, fange ja schon gut bzw. höchst bescheiden an, schien ich zum Ausdruck bringen zu wollen.

Montage sind vor allem frühmorgens für mich offenbar ähnlich wie jener Moment im Kreißsaal einer Essener Klinik. Der Wecker klingelt, und ich mag die Augen nicht aufmachen, nachdem mir, schlaftrunken, schmerzhaft zu Bewusstsein gedrungen ist, dass Montag sei. Dieser Moment, da ich exakt dies feststelle, ist annähernd von Verzweiflung und Trauer umfangen. Nein, ich arbeite gern, aber der Wochenbeginn ist seit jeher so grauenhaft, dass ich fast überzeugt bin, dass Menschen durch den Wochentag, an dem sie geboren wurden, doch ein wenig beeinflusst wurden. Ich meine, ich bin an dem Tag geboren worden, an dem das Wochenende beginnt! Kein Wunder, dass mich der Montag schreckt – was will man auch anderes erwarten? 😉

Doch zurück. Der heutige Montag war wie alle Montage. Kurz: grauenhaft. Das einzige, was mich tröstete, war das Bewusstsein, dass es der letzte Montag vor dem Weihnachtsurlaub sei, und so schleppte ich mich mit halbgeschlossenen Augen ins Bad und unter die Dusche, machte mich alltagstauglich und sauste schließlich in den Hof, wo Monty seit Anfang September seinen Stellplatz hat.

Murrend und knurrend schwang ich mich hinters Steuer und startete den Motor. Bzw. versuchte, den Motor zu starten, denn dieser gab röchelnde Geräusche von sich. Nein! Bitte nicht! Ich war eh schon spät dran! Keine Ahnung, wie vieler Versuche es bedurfte, bis ich es geschafft hatte und der Motor wie gewohnt vor sich hinbrummte. Das war mir schon einmal passiert – bei ähnlicher Witterung, so dass sich mir die Frage stellte, ob der kleine Monty vielleicht Rheumatiker sei, der allzu feuchte Witterung nicht vertrage. Immerhin war er wegen der Ausfallerscheinung vor knapp einem Jahr schon einmal eigens in der Werkstatt gewesen, wo man nichts Lebensbedrohliches feststellte. Genauer: Man stellte gar nichts fest. Vermutlich ist der kleine Wicht einfach wetterfühlig. Ich kann ihn verstehen – ich fand das Wetter heute auch scheiße. 😉

Ich raste gen Arbeit, ich war wirklich spät dran. Immerhin fand ich sofort einen Parkplatz und sauste ins Büro, wo ich pünktlich zum Beginn der Öffnungszeiten – wir haben Publikumsverkehr – eintraf.

Meine Bürokollegin, die immer viel früher da ist, grinste mir zu und meinte: „Moin!“ Ich japste: „Moin! Schönes Wochenende gehabt?“ – „Ja, und du? Du wirkst etwas unentspannt.“ Ich lachte und berichtete, verlieh ebenso meiner Hoffnung Ausdruck, dass mein Wagen nach Feierabend zügig anspringen möge (was er übrigens tat – er scheint einfach auch kein Montagstyp zu sein, zumindest morgens).

Dann arbeiteten wir friedlich vor uns hin. Bis ich meinte: „Am Sonntag gehe ich mit Kerstin zum Weihnachtssingen auf Schalke!“ – „Echt? Cool!“ – „Ja, hoffentlich wird es das!“

Und da meinte Jana: „Wann ist das?“ – „Am Sonntag,“, rief ich fröhlich, „um 16:30 h!“ Da sah sie mich an und meinte: „Aber am Sonntag um 16 h ist doch Der Nussknacker im Musiktheater!“

Ich sah sie an, freundlich lächelnd. Ja, okay, Tschaikowskys Nussknacker ist am kommenden Sonntag um 16 h im Musiktheater. Schön. Was aber hatte das mit mir zu tun? Keine Frage: Ich liebe Tschaikowskys Nussknacker, ich mag Ballett, und dieses hier mag ich ganz besonders.

Ich schaltete leider noch immer nicht, bis Jana sagte: „Da wolltest du doch mit!“ – „Ich?“ – „Ja!“

Nebulös tauchte in meinem Gehirn eine Unterhaltung auf, in der es um diese Veranstaltung ging. Offenbar hatte ich gesagt, ich wolle mit. Es wundert mich auch nicht – wie gesagt: Ich liebe dieses Ballett. Aber mir wurde auch klar, dass diese Unterhaltung vor längerer Zeit stattgefunden hatte – und das Ergebnis hatte ich wohl nicht abgespeichert, obwohl ich die Veranstaltung in meinem Outlook-Kalender eingetragen hatte, wie sich herausstellte. Nur leider benutze ich diesen Kalender mehr bei der Arbeit, und das auch nur im Modus „Arbeitswoche anzeigen“, ergo nur Montag bis Freitag …

Ich fühlte mich wie jeder, der vor dem Problem steht, simultan an zwei verschiedenen Orten sein zu sollen, was sich zumeist schwierig gestaltet. Und ich hatte ein schlechtes Gewissen. Einer würde ich absagen müssen, entweder Jana oder Kerstin. (Mir graute davor, Kerstin absagen zu müssen – die würde alles andere als gnädig reagieren. Und ich hätte es ihr nicht einmal verdenken können.)

Jana war, wie ich sie auch kennengelernt habe, sehr liebenswert und machte es mir leichter. Als ich mir die Haare raufte, meinte sie: „He! Keinen Kopp machen! Du kennst das Ballett! Geh mit Kerstin zum Weihnachtssingen!“ – „Aber das tut mir so leid! Wie konnte ich das nur vergessen!“ – „Keinen Kopp machen, sagte ich gerade! Hörst du mir eigentlich zu?“ – „Meist schon.“ – „Gerade eben wohl nicht – hör auf, dir Vorwürfe zu machen. Bestimmt geht meine Mutter gern mit – der würde das sicherlich auch Spaß machen.“ Ich machte mir darob noch mehr Vorwürfe, aber Jana schimpfte mich lachend aus.

Grauenhaft! Wie hatte ich das vergessen können! Dieser Montag war mit einem Schlag noch gruseliger geworden. Ich hasse solche Situationen, in denen man einen zugunsten eines anderen enttäuschen muss. Jana hat mir allerdings wirklich sehr geholfen – ich bin ihr wirklich sehr dankbar. Und dieser Dank äußerte sich bei mir darin, dass ich den Rest des Tages einen Ohrwurm hatte. Einen schlimmen Ohrwurm, denn Tschaikowskys Tanz der Zuckerfee aus dem Nussknacker ist – zumindest als Ohrwurm – sehr eigen, und das nicht zuletzt seiner Instrumentierung wegen, denn der dominierende Part erfolgt auf einer Celesta. 😉 Ich ertappte mich sogar dabei, dass ich das Stück vor mich hin pfiff, als ich zwei Buchungen tätigte …

Auf alle Fälle weiß ich nun, dass ich doch wieder einen Taschenkalender werde führen müssen. 😉

Der allergrößte Witz ist, dass ich erst gestern – völlig untypisch für mich – einen Märchenfilm im TV sah, der mittags im Ersten lief: Nussknacker und Mausekönig von bzw. nach E.T.A. Hoffmann, ein Kunstmärchen, das der Ursprung des Tschaikowsky’schen Balletts ist. Und nicht einmal da fiel der Groschen!

Ich muss wirklich urlaubsreif sein … 😉

Die Postkutsche kommt!

Reisen in früheren Zeiten war unzweifelhaft erheblich beschwerlicher als heutzutage. Glücklicherweise haben sich diesbezüglich die Zeiten geändert.

Auch für Postsendungen galt dies, die mit der Postkutsche befördert wurden und aufgrund der geringen Fahrtgeschwindigkeit und oft größerer Entfernung sowie unbequemer Straßensituation teils sehr, sehr lange brauchten, um beim Empfänger zu landen. Wurde – wie in so vielen Western eindrucksvoll dargestellt – eine Postkutsche (die oft auch weniger betuchte Reisende beförderte) überfallen, erreichte manche Sendung den Empfänger auch gar nicht. „Pech gehabt!“ war dann die Losung der Stunde.

Aber zum Glück muss ja heutzutage niemand mehr wochenlang warten, bis endlich ein Brief, ein Päckchen, ein Paket eintrifft, den oder das man sehnlich erwartet. In Zeiten der E-Mail, von WhatsApp und Konsorten hat der Brief ohnehin ein wenig an Bedeutung verloren. Größere Sendungen – besagtes Päckchen oder Paket – werden jedoch nach wie vor ungebrochen auf dem Postweg befördert, obwohl es viel schöner wäre, den jeweiligen Inhalt, das zu versendende Gut an den Empfänger ganz einfach beamen zu können. 😉 Doch zum Glück gibt es ja zahlreiche serviceorientierte und zuverlässige Logistik-Unternehmen, auch Paketdienste genannt. Bequem, sicher und zeitnah wie pünktlich werden dort beförderte Sendungen ausgeliefert, von freundlichen, serviceorientierten Zustellern, denen man gern ein Trinkgeld gibt, wenn sie das große, schwere Paket, das nicht in die Packstation – mein bevorzugter Ablageort – passte, in den ersten Stock getragen haben. Ja, es ist wirklich wunderbar, sich stets und immer auf solch vorbildliche Unternehmen verlassen zu können, statt auf die alle Jubeljahre eintreffende Postkutsche warten zu müssen, manchmal sogar vergeblich, da unterwegs überfallen …

Und ich mache immer und ausschließlich positive Erfahr… – MO-MENT! Was erzähle ich denn da? Hat mir jemand etwas in den letztjährig im Vereinigten Königreich erworbenen Earl Grey Tea getan? 😉

Immer und ausschließlich positive Erfahrungen? Ha!

Ich weiß, dass die Zusteller einen harten und unverschämt schlecht bezahlten Job haben – das finde ich absolut daneben. Ich weiß, dass durch die Explosion hinsichtlich Online-Bestellungen das Lieferaufkommen ebenfalls explodiert ist und habe zwischenzeitlich beschlossen, meine Online-Bestellungen, ohnehin nicht hoch, zu drosseln. Dennoch sehe ich es nicht ganz ein, dass diese Unternehmen – eines habe ich ganz besonders lieb – ein Riesenbohei um und massenweise Werbung für ihre tollen Dienstleistungen machen, die sie sich teuer bezahlen lassen, die Realität dann jedoch suboptimal erscheint und man sich dann noch – hakt man nach oder, sofern nötig, beschwert sich – auf den Arm genommen fühlt angesichts der meist wenig oder nicht hilfreichen Standardantworten und der mangelhaften Lösungsmöglichkeiten der Zuständigen.

Gestern sah ich ein Video, in dem ein junger Mann all seiner angestauten Wut Luft macht – kaskadenartig bricht sein ganzer Frust aus ihm heraus, und wie man so schnell sprechen kann, kann selbst ich nicht nachvollziehen. Aber verstehen konnte ich den jungen Mann, der am Black Friday wohl etwas bestellt hatte, worauf er sich freute. Und dann kam das Paket nicht. Ja, kann passieren, aber man hatte ihm mal wieder einen Benachrichtigungsschein in den Briefkasten geworfen, obwohl er wohl zu Hause gewesen war. Klingel kaputt, könnte man da annehmen, aber das muss beileibe nicht sein.

Nur in Notfällen lasse oder ließ ich mir Pakete und Sendungen an meine Wohnadresse schicken, denn auch ich kenne dieses wundersame Phänomen des sich plötzlich und ohne Vorwarnung im Briefkasten materialisiert habenden Paketdienst-Benachrichtigungsscheines, auf dem steht, man habe leider nicht zu Hause angetroffen werden können, obwohl man – ein toller Service dieses Paketdienstes! – bereits einen Wunschtermin bean- bzw. beauftragt hatte (meist Samstag) und daher wie festgetackert in der Wohnung ausharrte, um nur ja den Paketdienst nicht zu verpassen … In der stillen Wohnung, die kontemplative Stille durch keinerlei penetrantes Klingelsignal gestört.

Dreimal bin ich auf den Wunschtermin schon hereingefal…, ääh, habe ich ihm eine Chance gegeb…, nein! Dreimal habe ich die wunderbare Wunschtermin-Wahlmöglichkeit wahrgenommen und diesen Service genutzt. Genutzt hat es mir vice versa jedoch … wenig.

Beim ersten Mal harrte ich der Dinge, die da kommen sollten. Aber nicht kamen. Ich wartete auch noch die nächsten zwei Tage, dann rief ich beim Paketdienst an und fragte nach dem Verbleib des Paketes. Das sei zugestellt worden, hieß es, nachdem ich meine Sendungsnummer heruntergebetet hatte, insgesamt dreimal. Ich war bass erstaunt, wie, zugestellt? Bei mir gähnende Leere und kein Paket. Wem hatte man es zugestellt? Tja, das könne sie mir auch nicht sagen, erklärte die junge Frau – das sei nicht angegeben. Wie bitte? Nicht angegeben? „Aber das muss man doch angeben – das kenne ich nicht anders,“, sagte ich mit schwächer werdender Stimme, „wie soll man denn sonst herausfinden, bei wem man das Paket abholen muss?“

Tja, da habe es wohl leider einen Systemfehler gegeben, so dass sie mir nun nicht mehr mitteilen könne, wo genau sich mein Paket gerade seiner Existenz erfreue. Sicherheitshalber klingelte ich bei den Nachbarn, die mit mir in einem Haus leben. Zwei sagten, sie wüssten nichts von einem Paket, einer war nicht da, und die alte Frau Müller hörte wohl nicht, dass ich klingelte …

Als ich am nächsten Abend von der Arbeit kam, klingelte mein Telefon sehr energisch. Ich meldete mich und wurde sogleich in sehr energischem Ton angeherrscht: „Frau B.! Holen Sie endlich Ihr Paket ab, das ich für Sie angenommen habe! Das steht jetzt schon seit einer Woche hier!“ Es war die alte Frau Müller. Zwar hatte sie offenbar ein anderes Zeitgefühl, denn es war Dienstag, und das Paket stand somit erst seit Samstag bei ihr, aber ich konnte verstehen, dass sie sich ärgerte. Dabei konnte ich nicht einmal etwas dafür. Glücklicherweise ging alles noch einmal glimpflich aus.

Ich beschloss, bei der nächsten schweren Sendung, die nicht an die Packstation geliefert werden konnte, so der Versender, dem werten Wunschtermin eine weitere Chance zu geben. Sicherlich hatte ich nur Pech gehabt. Aber es war wie beim ersten Mal. Nur hatte ich diesmal einen Benachrichtigungsschein im Briefkasten – ich sei leider nicht zu Hause gewesen, und so habe man das – wirklich schwere – Paket nun in die nächstgelegene Paketdienst-Filiale gebracht, wo ich es bequem am Montag abholen könne … Ja, ich holte es auch am Montag ab, wenn auch nicht bequem, denn ich musste das schwere Ding zu Fuß nach Hause schleppen. Es war wirklich schwer, denn es waren sechs gläserne Halbliterflaschen naturtrüben fränkischen Kellerbieres darin, das ich hier in keinem Getränkemarkt gefunden hatte. Drei davon wollte ich jemandem zum Geburtstag schenken, die anderen drei waren für mich. Fluchend schleppte ich das Gebinde meiner Wege, aber das Geburtstagsgeschenk kam so in zweifachem Sinne von Herzen, denn mein Herz hämmerte heftig gegen meine Rippen, als ich das schwere Paket endlich in meine Wohnung gewuchtet hatte. Im Schweiße meines Angesichts und ohne Rücksicht auf meine Unversehrtheit hatte ich dieses Geburtstagsgeschenk und mein eigenes Deputat heimgeschleppt, denn ich wäre mit dem schweren Karton fast die Treppe hinuntergesegelt. 😉

Und trotz all dieser Unbilden gab es noch einen Drittversuch – es ging nicht anders, und ich dachte: „Was lange währt, wird endlich gut!“ und „Aller guten Dinge sind drei!“ Doch sogleich fiel mir auf, dass die vorhergegangenen zwei Dinge ja keineswegs gut gewesen waren, aber ich wollte nicht kleinlich sein.

Und so saß und harrte ich erneut an einem Samstag. Mir ging ein Lied aus den End-80ern durch den Kopp, dessen Refrain lautete: „All I can do is sit `n‘ wait. All I can do is sit `n’ wait.  […] Sit `n‘ wait, sit `n‘ wait, sit `n‘ wait …“ Nie zuvor und nie wieder habe ich diesen Text als so wahr empfunden … 😉

Ich harrte sogar längere Zeit am Küchenfenster und lief, harrte ich schließlich wieder woanders, öfter dorthin, um hinauszustarren. Möglich, dass der Paketdienst-Wagen ja gleich käme.

Irgendwann erschien es mir immer unwahrscheinlicher, und ich ging mit der Wäsche in den Keller – es musste gewaschen werden. Auf dem Rückweg öffnete ich meinen Briefkasten, denn es schien etwas darin zu liegen. Ja! Es war ein Benachrichtigungsschein des Paketdienstes! Leider sei ich nicht zu Hause anzutreffen gewesen … (Doch, doch – man hätte nur einmal den Versuch starten müssen, dies herauszufinden, indem man die Klingel betätigte, dachte ich resignierend.)

Meine Resignation wuchs, und dies ins schier Unermessliche, als ich den Text auf dem Schein zu Ende las. Man habe das Paket bei meinem Wunschnachbarn abgegeben. Bitte, bei wem? Ich hatte einen Wunschnachbarn? Das war mir neu! Ich hatte nie einen solchen angegeben! Wozu auch – ich hatte ja bereits vom wunderbaren Wunschtermin Gebrauch gemacht und war deswegen selbstredend höchstpersönlich zu Hause und annahmewillig wie -fähig gewesen! Wozu da die Notwendigkeit eines Wunschnachbarn – und wer sollte das überhaupt sein? Ich staunte, als ich sah, dass weder ein Name, noch die Hausnummer eingetragen war! Immerhin schien sich diese ominöse Person, bei der nun mein Paket seiner Abholung harrte, in derselben Straße zu befinden, in der auch das Haus steht, in dem ich lebe. Aber hier sind so viele Häuser … 😉

War das eine humanitäre Aktion des Paketdienstes, die unter dem Titel Lerne deine Nachbarn besser kennen rangierte? Oder wollte der Paketdienst intuitiv-hellseherische Fähigkeiten bei seinen Kunden fördern? Ich war ratlos und überlegte, ob ich mich auf der Straße aufbauen sollte, um dort laut zu rufen: „Hallo? Hat hier irgendjemand ein Paket für mich angenommen? Bitte melden Sie sich – Sie wurden zu meinem Wunschnachbarn ernannt, und da sollten wir einander doch mal kennenlernen, nicht wahr? Oder werfen Sie das Paket einfach in den Vorgarten – es ist nichts Zerbrechliches drin!“

Ich verwarf diese Idee, denn es war eiskalt draußen, und ich wollte auf diese Weise nicht im Mittelpunkt stehen. Ich bin ohnehin viel schüchterner, als viele glauben. 😉 Stattdessen verbrachte ich an diesem Nachmittag eine gar lauschige Zeit, indem ich Klinken putzte und bei diversen Nachbarn klingelte, um zu erfragen, ob man eventuell ein Paket für mich entgegengenommen habe. Bei Numero 10 wurde ich schließlich fündig, und freudestrahlend meinte ich zu der Nachbarin im Nebenhaus, die mir in Mantel und Schal die Tür öffnete: „Sie also sind mein Wunschnachbar!“ – „Wie bitte?“ Ich zeigte ihr den Benachrichtigungsschein, und sie griff sich an den Kopf und meinte: „Da steht ja gar kein Name und keine Hausnummer! Wie doof ist das denn? Da mussten Sie jetzt von Tür zu Tür rennen? Toller Service des Paketdienstes! Ich bin leider auf dem Sprung, sonst würde ich Sie auf einen Kaffee hereinbitten. Aber beim nächsten Mal,“ sagte sie und kniff mir ein Auge zu, „denn ich musste auch schon öfter Paketen hinterherrennen, obwohl ich zu Hause war. Wenigstens stand bei mir aber immer ein Name auf dem Zettel.“ Und wir schieden lachend voneinander.

Ich kann den frustrierten jungen Mann aus dem Video daher durchaus verstehen, wenn ich in einem Fall auch seine Wortwahl nicht schätze. Aber ansonsten hat er mein volles Verständnis.

Und bisweilen überlege ich, ob die Zeit der Postkutschen wirklich so unbequem war – unbequemer als heute. Denn bekam man früher seine Post nicht wegen eines unschönen Überfalls oder Achsbruchs, so bekommt man seine Post heute bisweilen auch nicht. Nicht wegen irgendwelcher Überfälle, sondern weil Pakete bisweilen auf wundersame Weise verschwinden, Pakete wider die Vereinbarung in Paketdienst-Filialen abgeliefert werden, ohne den zu Hause harrenden Wunschtermin-Empfänger darüber in Kenntnis zu setzen oder einfach über den Gartenzaun geworfen werden (eine Bekannte berichtete, sie habe kürzlich ein schon länger erwartetes, angeblich zugestelltes Paket unter einem ausladenden Busch im Garten gefunden, mehr durch Zufall, da sie gerade den Rasen mähte, und ein Nachbar berichtete, er habe ein Paket für einen anderen Nachbarn in der Blauen Tonne gefunden …). Und Päckchen sind sowieso ganz heikel! Keine Tracking-Nummer. Verschickt deshalb lieber niemals Päckchen! 😉

In diesem Sinne: Beamen wäre doch ganz schön. 😉 Und: Trotz so vieler Wunschmöglichkeiten bleiben doch recht viele Wünsche offen.

Einen schönen zweiten Advent! 🙂