Abstieg, einmal mehr

Ich erlebe derzeit den vierten Abstieg des FC Schalke 04 seit seinem Bestehen mit. Ich habe – ich muss es leider gestehen – alle vier Abstiege miterlebt. Keiner war vor meiner Zeit. An mir lag es aber nie, dass Gelsenkirchen Trauer trug – und andere Orte auch, denn Schalke-Fans leben nicht nur in Gelsenkirchen.

Ich bin kein Schalke-Fan. Zumindest nicht so, wie man einen Fan definieren würde. Obwohl ich Fußball sehr mag. Kein Schalke-Fan, obwohl ich hier lebe. Vielleicht aber auch gerade deswegen – mir geht diese hiesige Art Ersatzreligion bisweilen ganz empfindlich auf die Nerven. Speziell dann, wenn ich mal wieder mit der Kirche ums Dorf fahren muss, wenn auf Schalke gespielt werden wird oder wurde und -zig Straßen entweder verstopft oder von der Polizei gesperrt sind. Das nervt!

Und dennoch geht es mir irgendwie nahe, dass nun der vierte Abstieg seit Bestehen dieses Vereins eingetreten ist. Denn irgendwie verbindet mich mit Schalke doch so einiges.

Gelsenkirchen trägt Trauer – keine Frage. Ich habe es erst heute mitbekommen, und mir tut es wirklich leid für die echten Fans. Nicht für die, die Spieler verfolgen und physisch angreifen – das sind keine Fans. Fanatisch vielleicht, aber keine echten Fans, wie ich sie von früher kenne.

Denn im Grunde besteht zwischen mir und Schalke eine sehr lange Verbundenheit. Kein „Fandom“. Verbundenheit und etwas Vertrautes.

Wie kommt das? Ganz einfach… Ich hatte als Kleinkind, wohnhaft in einer großen, komfortablen Wohnung in Gelsenkirchen und vor dem Umzug ins eigene Haus diverse Kilometer entfernt, das ich damals hasste, weil ich aus der Gelsenkirchener Wohnung nicht wegwollte, die mein ganzes vierjähriges Leben umfasste, bis zum dritten Lebensjahr große Angst vor dem Vollmond. Denn der verbreitete stets ein sehr fahles Licht, das Gegenstände im Raum, die bei Sonnenlicht völlig normal ausgesehen hätten, stets sehr unheimlich aussehen ließ. Nicht nur das: Sie sahen völlig verfremdet aus, und als kleines Kind kam ich in Vollmondnächten kaum in den Schlaf. Meine Eltern meist auch nicht, da keiner von ihnen übers Herz brachte, mich weinen zu lassen. Und wahrscheinlich wollten sie doch selber schlafen. 😊

Sie gaben alles. Mein Vater – er ist eher naturwissenschaftlich geprägt – erklärte mir, der Mond sei doch nur ein Trabant, und er erklärte mir nachhaltig alles zum Thema, vor allem auch, warum das Licht des Mondes so anders sei als das Licht der Sonne. Leuchtete mir zwar alles ein, aber unheimlich war es immer noch. Ergo: weiteres Geheul, sobald Vollmond war. 😉

Dann schritt meine Mutter ein, die zu meines Vaters naturwissenschaftlicher Erläuterung sagte: „Tolle Erklärung für eine Dreijährige! Da muss man mit mehr Gefühl ran – sie ist doch noch so klein!“ Meine Mutter unterschätzte mich, denn die Erläuterungen meines Vaters leuchteten mir durchaus ein. Nur: Meine Furcht nahmen sie mir nicht, wenn das Mondlicht akut ins Zimmer schien.

Aber nun nahm sich meine Mutter des Problems an. Ich erinnere mich, dass sie mich eines Vollmondabends aus dem Bett und auf den Arm nahm, zum Fenster trug, auf die Fensterbank stellte und festhielt, wobei sie sagte: „Sieh doch mal, Ali – das ist doch nur der gute, alte Mond. Der tut dir nichts.“ Ich sah hin und sah – Kinder haben sehr viel Phantasie – ein erzürntes, hellleuchtendes Gesicht, rund wie ein Pfannkuchen, mitten am Himmel! Mission gescheitert. 😉

Eigentlich fand ich die bisherigen Aktionen meiner Eltern sehr nett. Doch irgendwie dachte ich immer: „Aber gleich sind sie weg, und dann bin ich allein mit dem Mond!“ 😉 Das Wissen, dass alles ganz harmlos sei, reichte mir offenbar nicht…

Meine Mutter bemühte sich sehr, sang mir Lieder vor, in denen der Mond thematisiert wurde, aber mal ganz ehrlich: Weder Der Mond ist aufgegangen, noch Guter Mond, du gehst so stille wirken beruhigend auf Kinder, die sich ohnehin schon vor dem Mond fürchten. 😉 Ich jedenfalls mag seitdem Lyrik nicht mehr so sehr, die aus der Epoche der Empfindsamkeit oder Romantik stammt oder irgendwelche Ähnlichkeiten damit hat… 😉 Sobald ich Matthias Claudius‘ Abendlied höre oder lese, überfällt mich leise Melancholie, vor allem in der letzten Strophe, in der es um den kranken Nachbarn geht. Viele von euch kennen wahrscheinlich nur die erste Strophe dieses Gedichts, das ihr als Der Mond ist aufgegangen kennengelernt habt, aber es gibt noch weitere Strophen. Und noch schlimmer wird es, lese oder höre ich Guter Mond, du gehst so stille! Lest euch mal die Texte durch! Dabei hat meine Mutter mir von Claudius‘ Abendlied gar nicht alle Strophen vorgesungen – die, die sie sang, reichten schon… 😉

Wie auch immer – auch das fruchtete nicht. Bis meine Mutter eines Vollmondabends eine brillante Idee hatte. Wahrscheinlich war es eher ein verzweifelter und letzter Versuch, als ich mich erneut angstvoll an der Daunen-Steppdecke mit Überschlaglaken – gibt es so etwas überhaupt noch? – festkrallte. 😉 Da sagte sie: „Aber Ali – das sind doch nur die Jungs von Schalke, die noch trainieren! Das ist nicht der Mond! Das ist das Flutlicht im Stadion!“ Atemloses Schweigen war die Folge.

Dann fragte ich: „Echt?“ – „Ja, das sind die Jungs von Schalke! Guck mal, die sind noch wach und trainieren noch – das ist nur das Flutlicht!“ Sie sagte es derart überzeugend, dass ich beruhigt aufs Kopfkissen zurücksank. Und seither gab es keine Probleme mehr, denn alle vier Wochen, wenn der Vollmond hoch am Himmel stand, trainierten für mich abends die Schalker. 😉 Ich habe erst später festgestellt, dass unser Kinderzimmerfenster in die völlig falsche Richtung deutete. Von dort hätte man das Stadion gar nicht sehen können. 😉 Und trotzdem hat Schalke mir als Kleinkind geholfen, ruhig einzuschlafen. So bin ich in gewisser Weise doch ein Fan. 🙂

Lasst euch nich‘ unterkriegen, Knappen – dat wiiaad widda! 😊

„Dreimal hin, fünfmal her – rundherum, das ist nicht schwer!“

Da wir noch immer alle – ich muss es ja nicht explizit erläutern – mittenmang in der Corona-Krise stecken, uns aber doch diesbezüglich weiterentwickeln, was medizinisch begründete Handlungen an uns selber und das dazugehörige Fachvokabular anbelangt, gibt es inzwischen COVID-19-Antigen-Schnelltests von meinem Arbeitgeber für die Mitarbeiter.

Als die entsprechende Rundmail mit dieser Nachricht eintraf, war ich begeistert: Das fand ich richtig gut! Und finde das auch heute noch. 😊 Dennoch stand ich heute früh mit etwas Fracksausen auf, denn heute stand der erste Selbsttest an, nachdem am vergangenen Donnerstag die allererste „Ladung“ an die Kollegen verteilt worden war, die Interesse bekundet hatten – und das waren wohl die meisten.

Nun bin ich immer sehr erstaunt, wenn Leute sagen: „Ich könnte niemals Kontaktlinsen tragen! Allein die Vorstellung, mir ins Auge zu fassen!“ Und es erklingen Ausrufe des Entsetzens. 😊

Komischerweise hatte ich damit noch nie Probleme – geht doch ganz einfach! Man sollte natürlich stets mit gewaschenen Händen zur Tat schreiten und nicht spontan und ohne Handwäsche, wenn man gerade im Garten in der Erde gewühlt hat. Oder eine Windel gewechselt – aber das stand bei mir im Hinblick auf aktiven Windelwechsel mit mir als ausführender Person ja ohnehin nie an. 😉 Und man greift sich ja im Normalfalle auch nie direkt ins Auge, sondern verfügt die Silikonsehhilfe nur darauf oder holt sie heraus, indem man sie mit den Fingern vorsichtig von den Seiten zur Mitte zusammenschiebt. Zumindest dann, wenn man weiche Kontaktlinsen trägt. Bei harten funktioniert das etwas anders. Damit kenne ich mich auch aus, aber weiche Kontaktlinsen mag ich doch mehr. (Okay, ich habe auch kein Problem damit, mir auf das quasi nackte Auge zu greifen, wenn ich eine kleine Fliege, die sich verflogen hat und auf meinem Auge gelandet ist oder eine Fluse oder Wimper herauszuholen trachte. Da bin ich tough. 😉 )

Doch wehe, es geht um meine Nase! Zumindest um deren Innenseiten. Da bin ich von klein auf stets  sehr, sehr empfindlich gewesen. Und daher freute ich mich nicht auf meinen allerersten Selbsttest am heutigen frühen Morgen…

Zwei unangenehme Dinge trafen zusammen: Es war Montagmorgen. Und dann musste ich mir auch noch in der Nase herumfuhrwerken! Grauenhaft.

Somit stand ich noch weniger begeistert als sonst auf…

Ich hatte mir am gestrigen Abend schon alles griffbereit hingelegt, hatte sogar noch die Bedienungsanleitung des Test-Kits verinnerlicht, diese jedoch auch griffbereit im Bad liegen – ich bin morgens meist noch nicht recht zurechnungsfähig, und da liest man doch lieber noch zweimal, mindestens, nach. 😉

Doch zunächst wickelte ich meinen rechten Fuß in einen extragroßen Gefrierbeutel, den ich mit einem Gummiband fixierte und abdichtete, das ich um meinen Knöchel schlang, und betrat die Dusche. Warum dieses Vorspiel? Nun, ich habe seit Beginn des Jahres mit einer echten Pechsträhne zu ringen: jeden Monat etwas anderes. Januar: denkwürdige Implantatbehandlung und Krankschreibung. Februar: „Wegeunfall“ und rechts wie links angeschlagene Patella – tut jetzt noch weh. März: Wurzelkanalentzündung und -füllung. In direkter Folge der Wurzelfüllung ein entzündeter Unterkiefer. Klingt wie geplant, nicht wahr? War es aber nicht.

Tja, und am Ostermontag – April – habe ich mir den rechten kleinen Zeh gebrochen. Da war ich zu Besuch bei meinen Eltern und in Eile, ins Bad zu kommen. Da ich grundsätzlich keine Hausschuhe trage und „Eile“ – laut meinem früheren Klassenlehrer in der gymnasialen Unterstufe – „der Wind“ sei, „der das Baugerüst umwirft“, krachte ich mit dem rechten kleinen Zeh gegen einen Türrahmen, und der kleine Zeh blieb quasi daran hängen bzw. verfing sich darin. Oder daran. Ich habe es zum Glück nicht knacken hören, war mir aber hundertprozentig sicher, dass der Zeh durch sei. (Wenn ich mir den Vorgang plastisch vor Augen führe, wird mir ganz schlecht – und mir wird selten schlecht. 😉 ) Die Schmerzen, die ich zu spüren bekam, sprachen auch dafür. Und meine Mutter sagte: „Siehste – das kommt davon, dass du nie Hausschuhe trägst!“ Danke für den Hinweis. Sicherlich hatte sie recht, aber so etwas möchte man in einem derartigen Moment, da man Vater und Mutter nicht einmal meistbietend verkaufen würde, weil einem wirklich alles egal ist, gar nicht so sehr hören. 😉 (By the way: Niemals würde ich meine Eltern hergeben – der Spruch meiner Mutter war dennoch recht gewagt. Zumindest in diesem Moment. 😉 )

Der Gefrierbeutel um den farbenfrohen rechten Fuß ist einfach immer dann notwendig, wenn ich dusche, denn seit letzter Woche Mittwoch sind kleiner und Nachbarzeh mittels eines Tapeverbands miteinander verbunden – und damit geht Duschen ohne „Duschhaube“ einfach nicht. (Als ich einem Kollegen meine Befürchtung kundtat, es könne nun den Rest des Jahres so weitergehen, sagte er: „Unsinn, Ali! Erst Zähne, dann Knie, dann Kiefer, dann Fuß – du hast von Kopf bis Fuß alles durch, und jetzt ist Schluss!“ Danke, Uwe, für deine sehr positive Einschätzung, auf die ich mich fortan konzentriere. 😊 )

Als ich aus der Dusche kam, versuchte ich quasi alles, den Test vor mir herzuschieben. 😉 Ich bürstete meine Haare, massierte besonders liebevoll Schaumfestiger hinein, tat dies, tat das.

Aber der Test blieb mir ja nicht erspart, und so ergriff ich irgendwann, als es gar keine Ausrede mehr gab, mit Todesverachtung das Test-Kit, nachdem ich mir die Hände gewaschen hatte. Da gab es ein Plastikröhrchen, eine Blisterverpackung mit abdrehbarem Verschluss, die die Pufferlösung enthielt, einen Tropfaufsatz für das Plastikröhrchen sowie ein Probenentnahmestäbchen, das ganz harmlos aussieht. Im Prinzip unterschied sich das Gebinde nur geringfügig von dem, mit dem ich stets meine Augenbrauen färbe. Zumindest war ich nicht ganz ahnungslos, was das Mischen verschiedener flüssiger Substanzen anbelangt. 😉 Doch was stand in der Bedienungsanleitung? „Schnäuzen Sie sich ein paarmal vor der Probenentnahme!“ Dies tat ich pflichtschuldig.

Mit noch mehr Todesverachtung als zuvor drehte ich den Drehverschluss des Pufferlösung-Behälters ab („Nach ‚doll‘ kommt ‚ab‘!“) – Vorsicht: Nicht in Kontakt mit Augen, Kindern und Haustieren bringen! Und nicht trinken! -, ergriff das Reagenzglas bzw. das nicht sicher standfähige Reagenz-Plastikröhrchen, das ich lieber in der Hand hielt, nachdem ich die mangelnde Standfestigkeit ohne Inhalt getestet hatte, und träufelte die Pufferlösung hinein, natürlich ohne Luftblasen, denn die dürfen nicht sein. 😉

Hernach betrachtete ich mein – bisheriges – Werk kritisch und schließlich voller Stolz: Nicht eine einzige Luftblase befand sich darin! 😉

Dann kam das Grauen: Mit dem Reagenzröhrchen in der Linken, das ich mangels Standfähigkeit nicht abstellen konnte, öffnete ich vorsichtig die Verpackung des Probenentnahmestäbchens, das ich mit besonderem Misstrauen betrachtete. Dieses sei 2,5 Zentimeter tief zunächst in das eine, dann in das andere Nasenloch einzuführen. Und nicht nur das! Nein, man musste es auch noch drei- bis viermal in jedem Nasenloch drehen! 😉 Dies, so die Bedienungsanleitung, diene dazu, Schleim und sonstige Substanzen aufzunehmen. Ich bin ja literaturwissenschaftlich eine große Freundin des Naturalismus, und so kam mir die Beschreibung doch sehr entgegen. 😉

Schon beim ersten Nasenloch führte die beschriebene Tätigkeit dazu, dass Sturzbäche von Tränen aus meinem rechten Auge rannen! Aber ich war streng, drehte das Stäbchen drei- bis viermal und blieb bei den zweieinhalb Zentimetern, bis mein rechtes Auge sich schon rötete. Das Gleiche dann beim linken Nasenloch/Auge.

Dennoch überfielen mich Zweifel: War das tief genug gewesen? Ich warf lieber noch einen Blick auf die Bedienungsanleitung, während ich mit der anderen Hand das niesreizerzeugende Entnahmestäbchen gekonnt drei- bis viermal im linken Nasenloch rotieren ließ. Dort stand: „Wenn Sie Schmerzen oder das Gefühl verspüren, dass das Stäbchen nicht weiter vordringe, unterlassen Sie weiteres Vordringen!“ Oder so ähnlich.

Ich fing schallend zu lachen an. Welcher Idiot würde freiwillig wider alle – höchst eigenen – Schmerzen weiter vordringen wollen – das macht doch niemand freiwillig! Oder? Mir erschien dieser Hinweis überflüssig, aber es kann ja sein, dass ich mich irre und es tatsächlich Menschen gibt, die doch derart ehrgeizig – oder masochistisch – sind, dieses ohnehin schon unangenehme Reaktionen hervorrufende Probenentnahmestäbchen noch weiter in die Nase zu rammen. 😉

Nach dieser Selbstkasteiung verfuhr ich mit dem mit nasalen Endprodukten getränkten Teststäbchen niesend exakt so, wie die Bedienungsanleitung vorsieht. Achtet stets darauf, dass ihr es in dieser Position drei- bis fünfmal dreht bzw. rotieren lasst! 😉 Achtet auf die Bedienungsanleitung! Nach drei- bis fünfmaligem Rotieren im Reagenzröhrchen den Folterstab eine Minute im Röhrchen belassen. Danach entfernt ihr den magischen Probenstab, indem ihr ihn noch einmal ausdrückt, und dann stülpt ihr den Tropfaufsatz auf das Reagenzröhrchen. Anschließend packt ihr die sogenannte Testkassette aus – und wirklich erst dann, da diese sofort zum Einsatz kommen muss und nicht erst blank und bloß dastehen darf. 😉

Mittels der von euch selbst hergestellten Testflüssigkeit im Tropfbehälter träufelt ihr exakt drei Tropfen davon auf die runde Öffnung „S“ in der Testkassette. Dann wartet ihr exakt eine Viertelstunde. Im Grunde wie bei einem altmodischen Schwangerschaftstest. 😉 Mein Tipp: Bleibt nicht daneben stehen – das könnte im Zweifel an die Nerven gehen. 😉

Ich finde diese Selbsttests en tout sehr hilfreich. Dennoch dachte ich heute früh – an wen auch immer gerichtet, da ich an keine höhere Macht glaube: „Wen auch immer es betrifft: Bitte lass diesen Test negativ sein!“ Denn ich wollte nicht zu Ende denken, was geschehen würde, wäre er positiv: Da hätte ich gleich zum Hausarzt gemusst, der einen PCR-Test vorgenommen hätte, und mir reichte schon dieser Test, was aber daran gelegen haben mag, dass ich besonders gründlich gewesen war und meine Nase inwendig wirklich besonders empfindlich ist.

Mein Glück: Er war negativ. Aber ich freue mich jetzt schon auf übermorgen, wenn die nächste Büroschicht ansteht. 😉 Vielleicht gewöhnt man sich ja daran. Ich hoffe es zumindest.

Kontaktlinsen einzusetzen oder herauszuholen ist für mich unvergleichlich viel angenehmer. Aber die Empfindungen sind da ganz unterschiedlich. Ich versuche jedenfalls, mich schon einmal gedanklich an ein völlig neues Morgenritual zu gewöhnen. 😊

Bleibt gesund! 😊

P.S.: Inzwischen habe ich auch die „Haltevorrichtung“ für das Plastik-Reagenzröhrchen entdeckt: Auf der Schachtel des zweiten Tests befindet sich hinten ein kleiner Kreis, der sich „Tube Stand“ nennt. Man muss nur – bevor man zur extrem angenehmen Tat schreitet – entlang der Kreislinie ein Loch in die Schachtel schneiden. Richtig gut durchdacht und funktional wie komfortabel, und das speziell dann, wenn spontan ein Messer oder eine Schere zur Hand ist. 😉 Man muss es halt nur wissen. Ich wusste es heute früh noch nicht. Aber am Mittwoch! Ich freue mich schon richtig! Hoffentlich denke ich vor Installation der Halterung durch Schneiden daran, das Innenleben der Schachtel herauszunehmen. Ich meine – ich mache den Test ja frühmorgens… 😉

„Ah! vous dirai-je, maman!“

Die Coronasituation lässt die merkwürdigsten Phänomene zu Tage treten. Nicht nur, dass man feststellt, dass sehr viele Menschen Dinge nicht wissen, von denen man selber annahm, sie seien selbstverständlich und -erklärend und gar nicht so schwer zu begreifen, nein, auch andere Dinge tauchen auf, die man nun schmerzlich vermisst, obwohl so lange Zeit nicht damit konfrontiert gewesen.

Mir fehlt mein Klavier. Ja, das ist kaum zu glauben, und ich hoffe, mein Vater liest das hier nicht. Denn er hat mir von meinem siebten Lebensjahr bis zu dem Zeitpunkt, da ich mich durchsetzte – gute neun, fast zehn Jahre später – stets gepredigt, ich würde noch einmal dafür dankbar sein, Klavier spielen zu können. Mit sieben Jahren fing ich mit Unterricht an – nicht freiwillig. Mit 16, 17 hörte ich damit auf, und das mehr als freiwillig und extrem motiviert. 😉 Dabei hatte ich „sehr viel Talent und Gespür für Musik“ – so mein Klavierlehrer, der mit mir öfter zu ringen hatte, da, so seine Aussage meiner ebenfalls dort klavierspielenden Schwester gegenüber, „Ali ja ein sehr eigenwilliger und direkter Mensch ist, der immer sagt, was er denkt – und sehr sarkastisch; ist sie immer so?“.

Stephie meinte nur immer zu mir: „Kannst du dich nicht einmal normal benehmen?“ – „Wieso? Ich benehme mich normal. Herr Schulmann ist total stur! Momentan soll ich Haydn bis zum Erbrechen spielen – das ist doch todeslangweilig! Und dann erzählt er mir, Haydn sei total wichtig für alles Mögliche! Da habe ich halt gesagt, dass Haydn offenbar total wichtig dafür sei, auch noch den letzten Rest Motivation auszutreiben, wenn man ohnehin lieber ein anderes Instrument als Klavier spielen würde. Was ist denn daran, bitte, falsch oder unnormal? Ich sage nur, was ich empfinde. Ich habe ihm ja sogar vorgeschlagen, dass ich sicherlich weniger kritisch wäre, dürfte ich ein paar andere Komponisten spielen! Ich war absolut entgegenkommend, vor allem, wenn man bedenkt, dass ich nie Klavier lernen wollte.“ Stephie war daraufhin stumm. Dann sagte sie: „Ganz schön dreist.“ – „Ja, dann spiel du doch weiter, was er dir vorgibt, ohne selber Wünsche zu äußern.“

Fortan spielte ich zwar Werke anderer Komponisten, aber nun war ein eindeutiger Mozart-Überhang zu beklagen. Nichts gegen Mozart, aber das ist nun auch nicht mein Lieblingskomponist. Einige Werke von ihm mag ich wirklich gern, aber das Gros empfinde ich als arg „überdekoriert“, verschnörkelt und annähernd kitschig. Erneute Einwände brachten mich zu Schumann, Mendelssohn-Bartholdy, Schubert, Beethoven inklusive Mondscheinsonate, und endlich, endlich durfte ich dann irgendwann Chopin spielen. Ich fühlte mich quasi erwachsen, wenn auch Chopin bisweilen dazu führte, dass meine Stimmung nicht die beste war, da die Stücke, die ich spielte, manchmal arg melancholisch, gar traurig waren, und das zieht einen dann selber herunter. 😉 Und für Chopins Revolutionsetüde, die mir wesensmäßig durchaus näherstand, war ich noch nicht ganz geübt genug, um es mal so auszudrücken. Mir fehlten mindestens vier weitere Hände, perfekt gymnastiziert. 😉

Die Gymnastizierung der Hände ist das A und O beim Klavierspielen, neben anderen Faktoren wie Musikalität und einem gewissen Taktgefühl. Und so tut man immer gut daran, die Gymnastizierung beider Hände wieder und wieder zu trainieren und voranzutreiben.

Als ich eines Tages zur Klavierstunde kam, legte Herr Schulmann mir die Noten zu einem Stück vor, das als Übung hervorragend geeignet sei. Ich las: „Zwölf Variationen über das Lied: ‚Ah! vous dirai-je, maman!‘“ Von Mozart. Ich sah Herrn Schulmann an und zog eine Augenbraue hoch: „Mozart? Och nee! Ich war froh, ihn hinter mir zu lassen.“ – „Das ist eine hervorragende Übung für die Finger.“ – „Naja, gut.“

Und ich begann zu spielen. Nach den ersten sieben Takten brach ich ab, sah meinen Klavierlehrer an und sagte: „Das ist nicht Ihr Ernst, obwohl Sie ja Ernst heißen. Das ist Morgen kommt der Weihnachtsmann für Anfänger! Und Weihnachten ist noch Wochen entfernt! Ich gebe ja zu, dass ich es manchmal an Eifer missen lasse – aber das hier ist ja wohl mehr als eine Strafe! Was habe ich Ihnen getan?“

Herr Schulmann grinste und meinte: „Das ist nur das Hauptthema. Spiel erst einmal weiter…“ Und ich spielte weiter. Variation 1 war noch vergleichsweise harmlos, wenn auch ziemlich reich an Läufen – zum Glück rechtshändig. Variation 2 wartete dann mit linkshändigen Herausforderungen und rechtshändig mit diversen Verzierungen und Trillern auf. Und von Variation zu Variation wurde es immer grausamer. Und die ganze Zeit überlegte ich, was ich Herrn Schulmann nur angetan hätte, dass ich das verdient hätte. Offenbar hatte ich ihn geärgert. 😉 Variation 4 war zum Glück wieder harmlos, sodass ich Gelegenheit hatte, ausgiebig nachzudenken, bevor Variation 5 einsetzte…

Ich habe dieses Stück mehrere Wochen neben anderen Stücken und so lange üben müssen, bis meine Hände auch im Schlaf jede einzelne Variation im richtigen Tempo und fehlerlos wiedergeben konnten. Bis heute weiß ich nicht, was ich meinem Klavierlehrer angetan hatte, dass ich das verdient hatte. 😉 Aber meine Finger waren derart gymnastiziert, dass es mir selber unheimlich war. Und ich musste hinterher selber zugeben, dass dieses im ersten Ansatz albern wirkende Stück perfekt als Fingerübung war. Es ist auch gar nicht wirklich albern, nur würde ich es bei einem Vorspielabend nicht empfehlen, da das Hauptmotiv halt irgendwann trotz Variationen, Tempiwechseln, Trillern und sonstigen Verzierungen doch irgendwie penetrant ist und man sich irgendwann fragt, wann dieser blöde Weihnachtsmann nun endlich komme. Ich selber konnte es in der Zeit, da ich mich damit und sich bisweilen verselbstständigen Fingern herumschlagen musste, auch kaum erwarten. 😉

Und heute dachte ich daran, dass mir das Klavier fehle. Nach Jahren ohne Klavierspiel meinerseits. Und als erstes dachte ich an: „Ah! vous dirai-je, maman!“ Ist das nicht verrückt? 😉

Aber in der Tat wäre das Stück gar nicht so verkehrt nach jahrelanger Klavierabstinenz und mit eingerosteten Fingern.
Her mit einem Klavier! Die Noten habe ich noch… 😉

Viel zuviel „Hantier“!

Heute war Büroschicht, aber ich habe mich heute erheblich kürzer im Büro aufgehalten als sonst, wenn „Büroschicht“ angesagt ist.

Denn um 11:30 h war mein Termin beim Orthopäden, den ich kurzfristig vereinbart hatte, nachdem ich letzte Woche Donnerstag einen Unfall auf dem Heimweg vom Arbeitgeber bis zur trauten Heimstatt erlitten hatte. (Dass mir nicht sofort klargeworden war, dass es sich um einen sogenannten „Wegeunfall“ handelte, ist nur dem geschuldet, was mit dem Unfall einherging – weiter unten… 😉 )

Da letzte Woche Donnerstag die Verhältnisse auf der Straße vor meinem Wohnhaus aufgrund von Schnee und Eis noch immer gruselig waren, ich Augenzeugin eines Unfalls vorne auf der Straße und eines Unfalls hinten im Garagenhof wurde – letzterer trotz Vorsicht und Winterreifen -, beschloss ich, mein Auto lieber im Garagenhof Auto sein zu lassen, zumal inzwischen wieder Busse bis zur Stadtmitte fuhren. Und es klappte auch alles gut.

Als ich abends von meiner Arbeitsstätte bis zur zentralen Bushaltestelle ging, war zunächst auch alles gut. Bis ich die Hauptstraße zu überqueren trachtete…

Ich war fast auf der anderen Seite angekommen, war vorsichtig auf die mit eklig grauem Schneematsch bedeckte Straße getreten, als meine mit profilbesohlten Wanderschuhen bekleideten Füße wie in einem Cartoon herumzuglitschen begannen und auseinanderzudriften drohten. Offenbar überfror die Nässe auf der Straße gerade, und der Untergrund war glatt wie mit Schmierseife eingerieben.

Erst fühlte es sich so an, als könnte ich einen Sturz noch verhindern, aber dann krachte ich auch schon mit beiden Knien frontal und mit Schmackes auf die Straße. Im allerersten Moment spürte ich noch nichts. Im nächsten derartige Schmerzen, dass ich am liebsten wie ein Kind geheult und: „Mama!“ geschrien hätte. Da ich aber noch auf der schmierseifenglatten Straße lag, riss ich mich zusammen und ignorierte auch Bemerkungen zweier Passanten auf dem Bürgersteig, die da lauteten: „Ey, kuckma, die is‘ hingefallen!“ – „Boah, ey, Scheiße!“ (Keiner der beiden hat mir geholfen, als ich mich hochrappelte, was nicht einfach war, da ich wieder und wieder ausrutschte.)

Irgendwann stand ich auf dem Bürgersteig. Vornüber geneigt, mit Tränen in den Augen, und mir war speiübel vor Schmerz. Jeder, der schon einmal mit voller Wucht auf die Knie geprallt ist, wird das nachvollziehen können.

Ich nehme an, es war der Schreck oder die Tatsache, dass ich den Feierabend als Feierabend verstehe, der nichts mehr mit der Arbeit zu tun hat, was dafür verantwortlich war, dass ich nicht sofort darauf kam, dass es sich hier um einen sogenannten „Wegeunfall“ auf dem Weg vom Arbeitgeber nach Hause handelte. Wäre ich morgens auf dem Weg zur Arbeit gewesen, wäre mir sofort klar gewesen, dass es sich hier um einen mit der Arbeit verbundenen Unfall handelte.

Glücklicherweise brachte mich ein Kollege vor drei Tagen darauf, dass dies doch ein mit der Arbeit verbundener Unfall gewesen sei. Letzten Donnerstag habe ich über so etwas gar nicht nachgedacht, nachdem ich im Anschluss an den Crash völlig bedient nach Hause gehumpelt war, ohne Zwischenstation beim Einkaufen. Ich hatte die Nase voll vom Tag.

Und so rief ich vorgestern bei meinem Orthopäden an, weil die Schmerzen beileibe nicht nachließen – ganz im Gegenteil -,  ebenso die zuständige Kollegin aus der Personalabteilung, die das Ganze auch als „Wegeunfall“ deklarierte. Hätte ich das nur nie getan! 😉

Denn nicht nur, dass ich heute beim Orthopäden hörte, dass ich nur erstbehandelt werden dürfe – da Wegeunfall -, muss ich nun auch noch einen „Durchgangsarzt“ aufsuchen. Erst der darf mich weiterbehandeln. Für diese Auskunft – kombiniert mit Röntgenaufnahmen in drei Ebenen meiner beiden Knie und einem Zinkleimverband – saß ich heute zweieinhalb Stunden beim Orthopäden, um zum Schluss der Sprechstunde von einer der wahrlich „reizenden“ Arzthelferinnen noch zu hören: „Wat sitzt die denn noch da?“

Das machte mich ein bisschen zornig, denn ich hatte mehrfach darauf hingewiesen, dass ich während meiner Arbeitszeit dort sei, und man hatte mir mitgeteilt, dass halt ein neuer Arzt da sei, der sich seinen Patienten noch vorstellen müsse – das dauere nun einmal! (Das stimmte – mir hatte er sich auch derart vorgestellt – mit jeder einzelnen Station aus seinem medizinischen Portfolio und einem Gesicht, als müsse ich nun auf die Knie fallen, was ich doch schon am Donnerstag zuvor auf der Straße getan hatte und allerspätestens seitdem keinerlei Bedürfnis nach Kniefällen mehr habe. Es war respektabel, was er aufzählte, aber es wäre alles viel schneller gegangen, wäre er einfach nur seiner Aufgabe als behandelnder Arzt nachgekommen.)

Als ich: „Wat sitzt die denn noch da?“ hörte, sagte ich laut und vernehmlich, bevor die angesprochene Kollegin der Arzthelferin antworten konnte: „Die sitzt immer noch da, weil man ihr vor einer halben Stunde zusagte, die notwendigen Formulare unterschreiben zu lassen.“ – „Oh, Entschuldigung…“ Und schon beeilte man sich, die notwendigen Unterschriften einzuholen.

Nö. Solche Ausfälle entschuldige ich durchaus nicht, denn das ist einfach nur unverschämt. Sowohl der neue Arzt, als auch die Helferinnen – bis auf eine – haben sich nicht mit Ruhm bekleckert. Der Vorgängerarzt aus der Gemeinschaftspraxis – ehemals Stabsarzt bei der Bundeswehr – war zwar recht wortkarg, aber ich wusste, ich war gut aufgehoben dort.

Kam man hin und sagte: „Irgendetwas stimmt nicht – meine Absätze sind total schief!“, sah er sich das Elend an – Absätze wie Füße im Liegen und im Stand – und sagte nur: „Einlagen!“ Arm an Worten, aber hilfreich. Oder: „Mein rechtes Handgelenk tut derart weh, dass ich es am liebsten wegschmeißen würde.“ Er bog am Handgelenk herum und sagte: „Röntgen! Danach Lagebesprechung!“ Oder: „Ich kann meine Arme nicht so gut heben – das tut höllenmäßig weh!“ Er tastete alles ab, dann: „Röntgen. Danach sprechen wir.“ Und er fand immer eine unaufgeregte, pragmatische Lösung, auch für Probleme hinsichtlich der rechten Rotatorenmanschette durch Impingement-Syndrom, die half, obwohl nie so viel gesprochen wurde – und das in den meisten Fällen ohne Cortison oder Konsorten. 😉 Und mir ging es im Zuge seiner Therapien immer besser.

Und nun dieser junge, ehrgeizige Schnösel als Ersatz – und völlig neue Arzthelferinnen, die sich auf eines gut verstehen: arrogantes und schnippisches Verhalten. Als hätte ich da heute aus Spaß an der Freude gesessen! Über zwei Stunden. Immerhin habe ich es fast pünktlich zu meiner Zoom-Sprechstunde geschafft – ich war nur fünf Minuten nach 14 Uhr wieder am Arbeitsplatz und hatte doch der Studierenden, die da beraten werden wollte, deren Termin ich des Arzttermins wegen ohnehin schon einmal hatte verschieben müssen und – wie ich glaubte – zeitlich extra großzügig war, noch aus der Praxis eine Mail schreiben müssen, in der ich sie noch einmal vertröstete, während sich Arzthelferin 1 mit Arzthelferin 2 stritt, wer am Wochenende – das gleich beginne – wohl etwas Spannenderes vorhabe…

All das dafür, dass ich mir nun einen Durchgangsarzt suchen darf, der behandlungsberechtigt ist. Hätte ich all das vorhergeahnt, hätte ich das Ganze nicht als Wegeunfall deklariert, sondern über meine Krankenversicherung abrechnen lassen.

Merke: Es ist erheblich entspannter, wenn man sich privat auf die Fresse legt. Macht man das dienstlich, hat man erheblich mehr „Hantier“, wie man das im Rheinland nennt. Kommt von „hantieren“ und bedeutet so viel wie „vermeidbarer zusätzlicher Aufwand“. Zusätzlich zu den Schmerzen noch Extrastress. Danke auch! (Ich versuche noch immer, herauszufinden, worin nun der Vorteil bestehe, das Ganze als Arbeitsunfall zu handhaben. Ich kenne mich damit nicht aus, denn es ist mein erster Arbeitsunfall – kann mich jemand aufklären? Ich habe derzeit das Gefühl, nur mehr Aufwand – ergo „Hantier“ – zu haben…)

Und während ich meinen rutschenden Zinkleimverband wieder zu fixieren versuche, der mein (so der schnöselige neue Arzt mit beeindruckender Vita) „ausgesprochen hübsches“ Knie „in Funktionalität und auch Form“ bedeckt – um diese Auskunft hatte ich nicht gebeten -, das leider nur aufgrund der offenkundig durch den Sturz stark beeinträchtigten Patellarsehne, so die „erstbehandelnde“ Auskunft, in jedweder Position extrem schmerzt, was jedoch nur der Durchgangsarzt behandeln darf, den ich am Montagmorgen sofort kontaktiere, wünsche ich euch ein wunderhübsches Wochenende! 😉

It’s brass monkeys out there… ;-)

Ich bin heute gegen halb 9 abends von der Arbeit gekommen. Okay, ich war auch noch kurz einkaufen, bevor ich mit lahmen unteren Extremitäten und durchaus nicht bester Laune die Haustür aufschloss.

Wie nicht ganz Deutschland weiß, setzte am Wochenende eine sogenannte extreme Wetterlage ein. Es sollte aufgrund eines verschobenen Polarwirbels – wo ist der verdammte Polar-Physiotherapeut, denn verschobene Wirbel sind nicht gut – bzw. aufgrund eines Polarwirbel-Splits Grässliches über Norddeutschland hereinbrechen: Schnee, schier unaufhaltsamer Schnee. In Mengen. Mehrfach wurde an den Winter 1978/79 erinnert, den ich als Kind miterlebt habe und an den ich mich sogar noch erinnere.  Bei uns hier war es schon recht krass, aber in Norddeutschland und in der DDR viel, viel schlimmer. Dort mussten mit Panzern und Helikoptern die Menschen in komplett von der Außenwelt abgeschnittenen Orten mit Decken und Lebensmitteln versorgt werden. Hochschwangere werdende Mütter, bei denen die Wehen einsetzten, wurden mit Helikoptern in die nächsterreichbaren Krankenhäuser ausgeflogen, und es geht die Sage, ein Baby sei noch in der Luft im Helikopter zur Welt gekommen. Stromausfall in großen Teilen der DDR – die armen Menschen saßen in der Kälte. Und das sollte nun unter Umständen erneut eintreten?

Für unsere Breiten hier wurde zumindest heftige Kälte und Blitzeis vorhergesagt. Doch so ein ohnehin schon verschobener Polarwirbel scheint geneigt, sich noch weiter zu verschieben, ganz unter dem Motto: „Klotzen, nicht kleckern! Wenn schon Verschiebung, dann richtig!“ Und so kam es zur Zweifach-Verschiebung gen Süden, und es traf statt des echten Norddeutschlands NRW und andere südlicher gelegene Regionen.

Wie erstaunt war ich, als ich am Samstagabend – es war schon dunkel – ins Bad ging und, noch bevor ich das Licht eingeschaltet hatte, quasi geblendet wurde. Warum war es so hell? Eine Stunde zuvor – da war es auch schon dunkel gewesen – war dies noch nicht der Fall gewesen. Mir schwante Böses, und ich rannte in die Küche und starrte aus dem Fenster. Draußen war alles weiß, der Wind heulte wie ein Rudel Wölfe – was in dieser Region auch gar nicht so fern liegt -, und es schneite in kleinen Flocken schier unaufhaltsam. Diese Art des Schneiens kenne ich: Tritt diese Art ein, ist hier im Pott ab dem nächsten Tag quasi „Land unter“, und nichts funktioniert mehr. Nicht bei großen, wässrigen Flocken, nein. Nur bei solchem Schnee, der ganz fein daherkommt, als wolle er niemanden erschrecken. 😉 Ehrlich gestanden: In dieser Region glaubt ohnehin keiner ernsthaft daran, dass das kristalline Wunderwerk liegenbleiben könne. Aber bei solchen Temperaturen mit Wind aus ostnordöstlicher Richtung? Aber wir sollten doch eigentlich „nur“ mit Blitzeis beglückt werden…

Binnen kurzer Zeit war hier alles weiß, und der Schnee machte munter weiter – bis inklusive Montag, ergo gestern. Mein Auto sieht derzeit aus wie ein Cupcake. Oder wie ein Stück Kuchen mit Baiser drauf. Eigentlich wollte ich es heute von dem Schnee befreien und – sofern sich die Türen mit Tricks öffnen ließen – zumindest mal anzulassen versuchen. Doch als ich vorhin nach Hause kam, hatte ich dazu keinerlei Energie mehr.

Denn ich hatte heute Büroschicht, allerdings bereits gestern beschlossen, ganz sicher nicht mit dem Auto zu fahren, nachdem ich diverse Fast-Unfälle vorne auf der Straße und hinten im Garagenhof mitbekommen hatte. Nein, danke.

Leider fuhr heute auch kein Bus, keine Straßenbahn. Die Bahn zumindest nicht dort, wo sie oberirdisch fährt. Also da, wo sie für mich bzw. mein Ziel relevant ist. 😉 Ich musste zur Arbeit laufen.

Im Grunde kein Problem – ich laufe gern. Es sind ja auch nur siebeneinhalb Kilometer bis zu meinem Arbeitgeber – eine Strecke. Locker zu schaffen, auch zurück. Nur nicht bei Schnee.

Mehr oder minder motiviert stiefelte ich in meinen Wanderschuhen, die sich im Allgäu bewährt hatten und ein so tolles Profil haben, obendrein superbequem sind, morgens um zwanzig nach 7 los. Eine relativ untypische Uhrzeit für mich, zur Arbeit aufzubrechen. Aber es half ja nicht. Glücklicherweise war ich aufgrund der Temperaturen ratz-fatz hellwach, als ich gerade erst um die Ecke gebogen war, die meinem Wohnhaus am nächsten liegt. 😉

Und ich war erst an der Garant-Tankstelle an der Hauptstraße, als ich die Nase auch schon ziemlich voll hatte. Aber ich stiefelte tapfer weiter. Von Minute zu Minute sank meine Stimmung, denn es ist anstrengend, einen derartigen Flickenteppich an Schneeräumgewohnheiten der jeweiligen Anwohner bewältigen zu müssen: Einige sehen gar nicht ein, dass Schneeräumen nötig sei. Andere streuen einfach Streusalz auf den Schnee. Wieder Dritte räumen so, dass ein Chihuahua in der Breite keine Probleme hat, fröhlich und ungehindert einherzutrippeln, schippen den Schnee aber völlig gleichgültig und unbesehen irgendwohin, und dann darf man klettern. Die ganz besonders Netten stellen dann auch noch ihren Sperrmüll nach draußen und mitten in den Weg – erneutes Klettern vonnöten. Danke!   

Nachdem ich ein Drittel der Strecke bewältigt hatte, stellte ich voller Staunen fest, dass mein Pony – ich sollte ihn mal wieder schneiden – gefroren war. Mir hingen quasi kleine Eiszapfen in der Stirn herum – faszinierend und lange nicht erlebt. Meine Laune war ähnlich unterkühlt. Ich kämpfte gegen das Bedürfnis, mich einfach hinzusetzen und keinen Schritt weiter zu tun. Was hatte mich nur geritten, den Arbeitsweg zu Fuß anzutreten? Ich hätte einfach mitteilen können, dass ich aufgrund der Umstände auch heute im Home-Office tätig werden würde, wie auch Kollegin Saskia für sich entschieden hatte (allerdings wohnt sie nicht am Ort).

Als ich im Büro angekommen war, fühlte ich mich so, als läge der Arbeitstag bereits hinter mir. Und ich sah aus, als hätte man mich gerade aus dem Rhein-Herne-Kanal gezogen, was eine Kollegin, die ich traf, abstritt. „Unsinn!“ rief sie. „Du siehst nett aus – deine Wangen sind ganz rot.“ Kein Wunder. Völlig durchgefroren, und es strömte vermehrt Blut hindurch, nachdem ich das beheizte Gebäude betreten hatte…

Mir graute bereits um kurz nach 9 vor dem Heimweg, und ich hoffte, der kommunale Nahverkehrsbetrieb möge Mittel und Wege gefunden haben, die 1 wieder fahren zu lassen – auch oberirdisch. Und Busse. Doch weit gefehlt – ganz im Gegenteil, denn man verkündete, auch in den nächsten Tagen könne (!) es sich so verhalten, dass Busse und Bahnen nicht fahren könnten. Einmal mehr schwor ich mir, ins hier so oft – aus mir unerfindlichen Gründen – geschmähte Bayern zu ziehen, sobald möglich. Von klein auf bin ich daran gewöhnt, dass Schnee dort – auch in tieferen Lagen, wenn im Übermaß vorkommend – erheblich gelassener betrachtet wird und Busse und Bahnen meist trotzdem fahren. Zumindest in den Städten.

Es war schon dunkel, als ich das Büro verließ, eingepackt wie zu einer Polarexpedition. Ich trug sogar – wie heute früh – eine Mütze, und das kostet mich immer Überwindung. Ich beschloss, auf dem Heimweg Musik zu hören – damit gehe ich immer besonders beschwingt.

Erstaunlicherweise fühlte es sich draußen gar nicht so kalt an, als ich losging. Und dann wurde es richtig heiß…

Zwei Frauen kamen mir entgegen. Gut, die ließen mich kalt, aber sie hatten zwei Hunde dabei. Einen kleinen, der an der Leine geführt wurde. Und einen großen, einen Labrador, der leinenlos ging und aus der relativen Ferne sehr gut erzogen wirkte.

Doch kaum hatte er mich erblickt, kam er auf mich zugestürmt. Ich liebe Hunde jedweder Größe und komme prima mit ihnen klar. Und da man diesen Hund frei laufen ließ, dachte ich mir nichts Besonderes dabei, als er auf mich zugelaufen kam. Und dann schnupperte er an meiner Hand und leckte kurz darüber – ein ganz lieber Bursche. Und er schickte sich auch an, weiterzulaufen. Doch dann überlegte er es sich anders, sprang an mir hoch und drückte mir einen ganz dicken Schmatzer mitten auf die Nase! 

Ich hatte nicht damit gerechnet und gab einen schrillen Quietscher von mir, den ich selber – trotz der lauten Musik in meinen Ohren – als recht durchdringend empfand. Wie peinlich! Der Hund fand es nicht erschreckend, sprang erneut an mir hoch und gab mir einen weiteren Schmatzer auf die linke Wange.

Erstaunlicherweise reagierte seine Halterin erst da, stürmte heran, ergriff das Halsband des Charmeurs und riss ihn weg. Ich zog hingegen die beiden Stöpsel meines In-ear-Headsets aus den Ohren, weil ich dachte, sie würde noch etwas zu mir sagen. „Entschuldigen Sie, bitte“ oder etwas in der Art. Aber nichts davon – sie zog den Hund weg, der sich mehrfach nach mir umdrehte und heftig wedelte. Und ging einfach wortlos weg! Hallo? Was, hätte ich Angst vor Hunden? Hätte die mich auch einfach so stehenlassen? Auch wenn mich die „Kuss-Attacke“ ihres sehr sympathischen Hundes nicht schockiert hat: Es war ein ziemlich großes Tier, und glücklicherweise bin ich völlig unerschrocken, was Hunde, auch große, anbelangt – ich hatte nur nicht damit gerechnet und dachte, dass ein leinenloser Hund sicherlich hervorragend erzogen wäre. 😉 Was, wäre es anders gewesen?

Ich habe dann das In-ear-Headset wieder eingestöpselt und bin grinsend weitergegangen. Meine Nase war aufgewärmt, meine linke Wange auch. 😉 Und ich war viel, viel schneller als auf dem Hinweg, zumal zwischenzeitlich zumindest etwas besser geräumt war. Erst auf der Hälfte des Weges begann ich zu lahmen. Meine rechte Ferse brannte wie Feuer, und ich schleppte mich mühsam Richtung Heimstatt. Einkaufen musste ich auch noch, kaufte aber nur das Nötigste und lahmte dann nach Hause. Mit erneut zu Eiszapfen gefrorenem Pony. Ich wollte erst ein Selfie machen, aber es sah so grotesk aus, dass ich davon absah. 😉

Eigentlich hatte ich den kleinen Monty noch von Schnee befreien wollen – siehe oben -, aber nee, danke. Das muss ich wohl morgen in Angriff nehmen. Und wenn es übermorgen noch so bescheiden um Straßen und Nahverkehr bestellt sein sollte, bleibe ich im Home-Office. Komme, was wolle. Laufen kann ich eh nicht – ich habe eine Blase an der rechten Ferse, wie ich noch nie eine gesehen habe – ein echtes Monster! 😉 Glücklicherweise hatte ich noch Blasenpflaster im Haus, die beim Allgäu-Urlaub, für den ich sie in weiser Voraussicht gekauft hatte, nicht nötig geworden waren. Erst hier – und das trotz identischer Fußbekleidung. Möglich, dass meine Füße sich in Bayern auch wohler fühlen. Ist auch nachvollziehbar – gehören ja zu mir. Dass sie aber ein derartiges Eigenleben haben und mir offenbar etwas mitteilen wollen, war mir nicht bekannt😉

Mir ist immer noch eiskalt, vor allem an dem Teil, auf dem ich gemeinhin sitze. Daher ja auch der schöne „brass monkeys“-Spruch. Klingt auf Englisch viel charmanter als im Deutschen, denn der Spruch bedeutet auf Deutsch: „Es ist arschkalt da draußen!“

Macht Euch warme Gedanken! Oder einen Tee. Mit oder ohne Rum. 😉

„Congratulations! You have reached ‚Level 2‘!“

Ich weiß, nicht jeder ist von der „Corona-Impfung“ überzeugt, und es gibt gar Menschen, die diese Impfung konsequent und – nicht in allen Fällen, zum Glück! – unter Zuhilfenahme erstaunlich holzschnittartiger Argumente oder Ähnlichem vehement ablehnen. Aber ich persönlich habe meist mit Menschen zu tun, die sich impfen lassen wollen und trotzdem in der Lage sind, zu hinterfragen. Ich gehöre übrigens auch zur impfwilligen Spezies. 😉 Diejenigen Impfwilligen, die ich kenne, sind zumeist in meiner Alterskohorte und damit zum Warten verdammt. Aber es gibt auch andere.

Gestern – Home-Office-Tag – klingelte es am späten Vormittag annähernd schüchtern an meiner Tür, und als ich öffnete, sah ich zunächst … nichts. Dann schlurfte zu meinem Erstaunen ein alter Herr aus einem der Nachbarhäuser die Treppe bis zu meiner Wohnungstür hoch. Ich rief: „Herr Schmidt! Sagen Sie doch etwas, um Himmels willen! Ich wäre Ihnen doch entgegengekommen, wenn ich gewusst hätte, dass Sie das sind – Sie müssen doch nicht extra nach oben laufen!“  

Herr Schmidt, ein netter alter Herr, sagte ein wenig atemlos: „Ich möchte Sie gar nicht lange stören, Frau B. – ich habe nur eine Frage.“ – „Kommen Sie doch herein.“ – „Nein, so lange möchte ich gar nicht bleiben. Nur eine kurze Frage, dann bin ich wieder weg – ich bin etwas in Eile, weil ich noch einkaufen muss. Ich weiß ja, dass Sie berufstätig sind und im Haus-Office arbeiten, oder wie das heißt. Ich bin da nicht so gewandt.“ Und er lachte ein wenig verlegen.

„Was kann ich denn für Sie tun, Herr Schmidt?“ (Mein Beruf hat meine Kommunikationsformen offenbar so weit verändert, dass ich stets wie eine Kundenberaterin klinge, als die ich an einer Bildungsinstitution ja im Grunde auch tätig bin. 😉) Erst da fiel mir auf, dass ich in einer lässigen Hose – einer Jogginghose nicht unähnlich – dastand, ebenso einem T-Shirt mit einem frotzelnd-anzüglichen Spruch in englischer Sprache auf der vorderen Frontseite. Ooops… 😉 Zum Glück scheint Herr Schmidt der englischen Sprache nicht derart mächtig zu sein, dass sich ihm der Aufdruck zur Gänze erschloss, wie ich mit einer gewissen Erleichterung feststellte… Bis dato kannte er mich ja nur in offizieller Kleidung – wir hatten ja stets nur auf der Straße ein paar unverbindliche Worte gewechselt.

„Frau B. – ich habe Post bekommen. Ich darf jetzt geimpft werden, weil ich ja über 80 bin. Aber als ich die 116117 anrief, hieß es da, ich müsse mich ‚online‘ anmelden. Ich vermute, dass ich das nur machen kann, wenn ich einen Computer habe. Oder?“

Noch bevor ich nickte, war mir klar, warum Herr Schmidt mich aufgesucht hatte. Er wollte mich bitten, das für ihn zu regeln. Und schon sagte er: „Ich habe leider keine Angehörigen. Meine Frau ist vor sieben Jahren gestorben, und Kinder haben wir nicht. Und meine Nachbarn können das selber nicht. Die haben auch keine Ahnung.“ Und er fügte hinzu: „Ich weiß, dass das eine Zumutung ist – aber ich würde Sie dafür entschädigen. Ich weiß, das klingt doof, aber ich möchte nicht, dass Sie Ihre Zeit umsonst opfern.“ Ich holte tief Luft und sagte dann: „Davon will ich nichts wissen, Herr Schmidt. Äh, also von einer Entschädigung! Ich mache das natürlich für Sie – gar keine Frage. Aber nur als Nachbarschaftshilfe und ohne Entschädigung, denn es ist doch selbstverständlich, dass ich Ihnen helfe. Machen Sie sich keinen Kopp – ich mache das gern. Ich vermute nur, dass ich dafür ein paar Daten von Ihnen brauche. Vollständigen Namen, Geburtsdatum und solche Dinge. Den Wohnort kenne ich ja. Aber ich kann sehr gern von meinem PC aus einen Termin für Sie vereinbaren – das mache ich gern für Sie. Sie sind immer so freundlich zu mir, und da ist das doch das Mindeste.“ Und kurze Zeit später hatte ich alle Daten, die erforderlich waren.

„Noch eins, Herr Schmidt: Ich vermute, dass einem da verschiedene Zeitfenster und Termine angeboten werden. Haben Sie irgendwelche Termine, die zu beachten sind? Zum Beispiel beim Arzt oder so? Irgendetwas, das ich beachten müsste – oder kann ich einfach einen Termin auswählen, wie es mir gefällt?“ – „Sie können jeden möglichen Termin nehmen, Frau B. – das hat Vorrang.“ – „Okay, dann machen wir das so. Ich melde mich, sobald ich etwas weiß.“ – „Ich gebe Ihnen hier noch meine Telefonnummer.“ Und so geschah es, nachdem ich ihm noch meine gegeben hatte. („Nur für diesen Fall und für Notfälle, Herr Schmidt!“ – „Ist völlig klar, Frau B. – würde ich doch niemals missbrauchen oder weitergeben!“)

Ich gestehe, dass ich heute quasi ein Schatten meiner selbst bin.  Warum? Nun, es liegt daran, dass ich bisweilen ein wenig „wurschtig“ bin (und einen sehr langen Tag hatte, gestern). „Wurschtig“ in dem Sinne, dass ich freundlich und durchaus aus Überzeugung hilfsbereit sage: „Gar kein Problem!“ Und kurz darauf realisiere ich den vollen Umfang des Grauens… 😉 (Ich würde es trotzdem nie anders machen.)

Und dieser Umfang war immens. Herr Schmidt konnte nichts dafür – was ich mir jedoch im Laufe des gestrigen Tages wieder und wieder vor Augen führen musste, zumal ich Ober- und Unterkiefer derzeit nicht allzu fest aufeinanderpressen darf. 😉 Was half, war, an meinen Vater zu denken, der auch mehr oder minder mittelfristig solche Termine wird machen müssen…  Und natürlich werde ich ihm helfen – vielleicht nicht mehr ganz so wurschtig-ahnungslos. 😉

Denn ich fing sofort eifrig an, um einen Termin zu ersuchen. Herr Schmidt hatte mir den offiziellen Brief mitsamt URL dagelassen, die zu nutzen wäre, wenn man einen Termin vereinbaren wolle.

Der Erstversuch offenbarte, dass ich die Wahl zwischen den Optionen „Nordrhein“ und „Westfalen-Lippe“ hatte. Letzteres fand ich irreführend. „Westfalen-Lippe“ ist ein feststehender Begriff und umfasst eine bestimmte Region im Bereich Westfalen. Da „Nordrhein“ aber nicht stimmen konnte – in Essen oder Oberhausen sähe das ganz anders aus -, wählte ich „Westfalen-Lippe“. Ergebnis: „Onlinebuchungen sind derzeit nicht möglich. Wir bitten, den Umstand zu entschuldigen und bemühen uns um Behebung dieses Zustandes und eine rasche Buchungsmöglichkeit.“

Nachdem ich geschätzte vier Male diesen Text hatte lesen müssen, wählte ich flinken Fingers die Option „Nordrhein“. Vielleicht hatte ich bis dato ja falsch gelegen, denn hier im „Pott“ liegt ja alles so dicht beieinander, und die Grenzen sind fließend. Ich hoffte es zumindest. Aber: Ich lag falsch in der Hoffnung, falsch gelegen zu haben, denn ein Fenster poppte auf, das mir sehr streng mitteilte: „Die von Ihnen eingegebene Postleitzahl ist dem Bereich Nordrhein NICHT zugehörig!“ O Gott! Gegen die Gottesordnung verstoßen – ich zuckte annähernd zusammen! Rheinland versus Westfalen – wie konnte ich nur! 😉 (Zugegeben: Ich bin da immer ein wenig zwiegespalten, denn ich bin, in der Region „Nordrhein“ zur Welt gekommen, strenggenommen Rheinländerin. Seit ich im Rheinland viele Jahre lebte, verschweige ich diesen Umstand gern. 😉)

Den restlichen Tag verbrachte ich in einem Zustand stets wechselnder Gemütsverfassungen: Zunächst hatte ich mich gefreut, als am frühen Nachmittag statt „Westfalen-Lippe“ und „Nordrhein“ endlich alle verfügbaren Impfzentren in dem Dropdown-Menü erschienen, und ich klickte bei jedem neuerlichen Versuch – es waren deren viele erforderlich – immer das zuständige an, gab dann an, dass Anspruch auf Impfung bestände. Zunächst geschah jeweils nur Folgendes: Der Server kollabierte… Nach ungezählten Versuchen dann durfte ich endlich etwas anfordern, das sich „Vermittlungscode“ nennt, und ich ließ mir diesen auf mein Smartphone schicken. Dieser „Vermittlungscode“ – so darf nicht unterschlagen werden – ist nur 10 Minuten gültig; dann verfällt er.

To cut a long story short: Es gelang mir problemlos, den Code einzutippen, und wann immer – es gab verschiedenste Versuche – ich bestätigte, rödelte der PC, als würde er dafür bezahlt. Ergebnis: „Es ist ein unerwarteter Fehler aufgetreten.“ Der erste Code war rasch dahin…

Ich forderte je noch einen zweiten und dritten Code an, notwendigerweise. Ich habe die Male nicht gezählt, aber man teilte mir wiederholt mit, es sei ein unerwarteter Fehler aufgetreten. So oft, dass der Fehler gar nicht mehr unerwartet auftrat, sondern ich mich gewundert hätte, wäre er nicht aufgetreten. 😉

Leider gehört Geduld nicht zu meinen Stärken. Höchstens dann, wenn ich jemandem etwas beibringen möchte, was dieser wirklich lernen möchte. Das war hier jedoch nicht der Fall, und am späten Nachmittag hatte ich das Gefühl, über Gebühr rasch zu altern. Nein – zu verfallen! Ich spürte förmlich, wie meine Haare ergrauten, meine Muskeln schrumpften und meine Haut immer faltiger wurde. Und verformten sich meine durchaus wohlgeformten Hände nicht inzwischen zu Klauen? 😉 Wenn es so weiterginge, würde ich am nächsten Morgen völlig verhutzelt und tot auf meinem Schreibtischstuhl kauern. Hatte ich eigentlich morgens den Blutdrucksenker eingenommen? Gefühlt war mein Blutdruck ziemlich hoch…

Ich hätte es ja eigentlich lassen können – es schien unmöglich, einen Termin zu vereinbaren. Aber so etwas kann ich nicht, wenn ich etwas versprochen habe. Und ich versuchte es so lange, bis gar nichts mehr ging. Das war gegen 18:34 h. Ich klappte das Laptop zu und beschloss, jenseits 0 Uhr den nächsten Versuch zu starten.

Und ich blieb wach. Und um kurz nach 1 Uhr hatte ich nicht nur Erst-, sondern auch Zweit-Impftermin für Herrn Schmidt vereinbart – beim Zweittermin hakte es auch mehrfach. Natürlich stets zum Wochenanfang oder in der Wochenmitte, und das vormittags, da ich mir dachte, dass das so besser sei, falls er die Impfung nicht so gut vertragen sollte – zu Anfang der Woche oder in deren Mitte sind Ärzte besser zu erreichen, und man kann vielleicht auf den Rettungsdienst als erste oder einzige Wahl verzichten.

Ich notierte beide Zulassungscodes, die ich heute in Herrn Schmidts Briefkasten geworfen habe, mit einem netten Begleitschreiben. Und heute Nachmittag rief er mich an, und als er sich meldete, dachte ich einen kurzen Moment lang: „Wie reagierst du, wenn er sagt, dass die Termine oder einer davon nicht passen? Drehst du dann durch?“ (Die Frage war angesichts des gestrigen Horrors nicht unberechtigt.) Aber unnötig, denn er freute sich und rief ein ums andere Mal: „Liebe Frau B. – ich bin Ihnen so dankbar! Wie kann ich Ihnen das nur danken?“

Glücklicherweise rief er das so oft, dass mir eine Antwort einfiel, bevor er sie erwartete, und so sagte ich: „Indem Sie die Impfung ganz toll vertragen und gesund bleiben!“ Ich habe ihm natürlich nicht erzählt, dass ich mir die halbe Nacht um die Ohren geschlagen habe und heute während der Büroschicht ziemlich bleich aus der Wäsche blickte. So bleich, dass mein Zahnarzt, zu dem ich noch musste, um mir die Fäden ziehen zu lassen, die aus meiner letztwöchigen OP resultierten und sich inzwischen wie eine Art Häkelpulli um das betroffene Gebiet woben, so sehr hatten sie sich bereits gelockert, meinte: „Frau B., Sie wirken ein wenig angegriffen. Ich hoffe, das liegt nicht an der OP und dem Fädenziehen – Sie wissen doch, dass das alles halb so wild ist.“ – „Nein, keine Sorge. Daran liegt es nicht. Ich habe nur gestern den halben Tag und bis in die Nacht hinein versucht, einen Corona-Impftermin zu vereinbaren. Das zehrt gewaltig, und nicht nur hinsichtlich Geduld.“ – „Ja, aber… Sie sind doch noch gar nicht dran! Sie sind doch viel zu jung!“

Danke! 😊

Als ich nach Hause kam, traf ich Herrn Schmidt, als ich gerade vom Garagenhof kam. Er schüttelte meine Hände, bedankte sich wiederholt und meinte: „Meine Nachbarn haben mich schon gefragt, wie ich das angestellt hätte! Aber ich habe Sie natürlich nicht verraten – einmal reicht sicher. Denn ich habe heute in der Zeitung gelesen, wie schwierig das sei.“ – „Ja, in der Tat. Nett, dass Sie mich nicht verraten.“ – „Das würde ich niemals tun. Aber ich bin Ihnen sehr dankbar.“ – „Ich habe es gern getan.“

Hoffentlich hält er Wort! Das mache ich nur noch für sehr nahe Verwandte! 😉

„Ich will Kühe!“ Oder: Ein Königreich für normales Naseputzen! 😉

„Ich will Kühe!“ war eine Art Werbeslogan eines Reiseveranstalters vor diversen Jahren. Eine Familie will in den Urlaub reisen, und die Eltern wollen Meer, Sandstrand und dazu passende Aspekte. Da schreit aus dem Hintergrund ein Kind ganz rotzig: „Ich will Kühe!“ Das war damals originell und nett.

Ich mag Kühe auch, und in meinem letzten Urlaub war ich mit den zumeist – nicht immer – freundlichen Tieren, die gern alles abschlecken, was ihnen in die Quere kommt und die weitaus intelligenter sind, als Unerfahrene annehmen, stark konfrontiert.

Und seit heute bin ich diesen großäugigen Lebewesen mit Flotzmaul und langen Wimpern noch verbundener als zuvor schon. 😉 Nein, ich habe mir keine Kuh gekauft, und ich habe heute auch kein Rindfleisch gegessen – dafür am letzten Sonntag Tafelspitz mit Krensauce. Ganz anders ist die bovine Verbindung mit mir zustande gekommen. 😉

Denn ich hatte ja heute um 9 eine kieferchirurgische Behandlung der besonders angenehmen Art: Externer Sinuslift mit simultaner Implantation. Sinus klingt irgendwie unangenehm nach Mathematik, genauer: nach Trigonometrie. Gemeint ist aber die Kieferhöhle – die heißt genauso, und der Umgang mit ihr kann genauso unangenehm sein wie der Umgang mit der gleichnamigen trigonometrischen Funktion. Zumindest für „Mathegenies“ wie mich. 😉

Um 9 klingelte ich, angetan mit einer FFP2-Maske, zitternden Fingers am Eingang des Hauses, in dessen erstem Stock sich die Praxis des Zahnarztes meines Vertrauens befindet, und nachdem mir aufgetan worden war, schleppte ich mich mit leise zitternden Knien in die erste Etage. Der große Vorteil an meinem Zahnarzt ist, dass er wirklich sehr gut und gleichzeitig Oralchirurg ist, so dass man nicht noch zu einem Kieferchirurgen muss, wenn der herkömmliche Zahnarzt nicht weiterkommt. Anhand dieser Zusatzausbildung habe ich meinen Zahnarzt anno 2008 auch ausgewählt, nachdem ich kurz zuvor eine grauenhafte Behandlung bei einem Kieferchirurgen hinter mich gebracht hatte, zu dem mein damaliger Zahnarzt im Nachbarort mich geschickt hatte.

Trotz allem graute mir heute doch sehr: Ich bin – passiv, also quasi als „Opfer“ – sehr erfahren in dentalmedizinischen Behandlungen, auch kieferchirurgischen, aber was mir heute bevorstand, war ein absolutes Novum für mich. Externer Sinuslift – also Anhebung der Kieferhöhle mit einer sogenannten „Fensterung“ und Auffüllung mit Knochenersatzmaterial. Bei mir an den Zähnen 2-6 und 2-7. Also im Backenzahnbereich des linken Oberkiefers.

Man führte mich nach meiner zögerlichen Ankunft und den Präliminarien in den gelben „Salon“, ergo den OP, wo schon interessante Instrumente aufgebaut waren, die ich eher in der Veterinärmedizin vermutet hätte. Zumindest sahen sie so aus. Einige waren auch abgedeckt – die machten sicherlich einen noch monströseren Eindruck als das, was da gut sichtbar lag. Aber es irritierte mich nicht über Gebühr – rasch hatte ich das Instrumentarium quasi gescannt und keine Abformlöffel gesehen. Also alles einigermaßen im grünen Bereich. 😉

Und schon ging es los: „Frau B. – wie geht es Ihnen?“ – „Ehrlich gesagt: nicht so gut.“ – „Ach, keine Sorge, das machen wir ratz-fatz. Ich gebe Ihnen erst einmal eine kleine Spritze.“ Und schon fuhr man den Behandlungsstuhl in eine extreme Schieflage, und ich hing stark kopflastig da. „Schön weit aufmachen.“ Und schon bekam ich zur Rechten wie zur Linken des zu behandelnden Areals je eine Injektion. Sehr angenehm besonders von der Innenseite, also vom Gaumen her. Ich wäre am liebsten wieder nach Hause gegangen. Mir reichte es da schon. 😉

Recht schnell ging es los. Ich wurde noch weiter nach unten gefahren, und es hieß: „Bitte überstrecken Sie den Kopf noch etwas – ich komme sonst nicht gut heran.“ Und schon lag ich da und konnte die ganze Zeit auf die Wand hinter dem Behandlungsstuhl starren, an der eine Uhr hängt. Quasi kopfüber konnte ich zumindest verfolgen, wie lange die Tortur dauerte (eine Stunde).

Bewegen konnte ich eigentlich nur meine Augen oder meinen Kopf, wenn es hieß: „Den Kopf ein wenig nach rechts drehen. Ja, so!“ Ansonsten hätte ich mich schon gar nicht erst getraut, kleinste Bewegungen zu vollführen – wie schnell ist der Diamantbohrer, auf den mein Zahnarzt besonders stolz zu sein schien, verrutscht und bohrt präzise Löcher ganz woanders hinein, wo man sie beileibe nicht braucht. 😉 Ich fühlte mich wie ein Werkstück, das in einem Schraubstock eingespannt ist.

Diese kopflastige Haltung und die Tatsache, dass es im OP recht warm und ich noch mit einem größeren OP-Tuch abgedeckt war, führten dazu, dass ich zweimal dachte: „Gleich wirst du ohnmächtig.“ Hinzu kam, dass mein Zahnarzt ein Freund naturalistischer Erläuterungen dessen, was er gerade vornimmt, zu sein scheint. So hörte ich: „Mit dem Diamantbohrer haben wir in Ihren Kieferknochen lateral ganz schnell ein Fenster gefräst!“ Oder: „Ich sehe die Kieferhöhle. Jetzt löse ich ganz vorsichtig die Schleimhaut vom Knochen ab, mache eine kleine Tasche, und dann füllen wir über das Fenster das Knochenersatzmaterial ein!“ Aber ohnmächtig zu werden, wäre ja albern gewesen, und ich riss mich zusammen. Viel hat jedoch gefühlt nicht gefehlt. Und es war erst 5 vor 3! (Eigentlich 5 vor halb 10, aber ich sah die Uhr an der Wand hinter mir und alles andere ja quasi auf dem Kopf… 😉)

Allein diese Geräusche, die der Bohrer machte und die Vorstellung, dass dort, wo er tätig wurde, alles recht eng beieinander liegt und sehr feinfühlig vorgegangen werden muss, damit dort nichts unbeabsichtigt reißt, machten mich nervös und ließen mich in einer Art Schockstarre daliegen. Bloß keine falsche Bewegung!

Irgendwann meinte mein Zahnarzt zu mir: „Frau B., was haben Sie denn im Auge? Ist etwa beim Bohren etwas auf Ihr Auge gesprüht?“ – „Honghackhinche!“ gab ich von mir. Mit einem Haken, der den linken Mundwinkel bis ins Universum zieht, zusätzlich einem Speichelsauger im Mund kann man sich nicht so präzise artikulieren. „Kontaktlinse!“ dolmetschte die Stuhlhelferin, und ich nickte leicht und sagte: „Ha.“  Und ich fügte hinzu: „Heie Hauen chräen chon hie hanche Cheit.“ – „Ihre Augen tränen schon die ganze Zeit!“ So die Stuhlhelferin, der ich begeistert zulächelte – perfekt übersetzt! (Ich sage es ja wieder und wieder: Der Fremdsprachenerwerb lohnt immer. Auch dann, wenn man in einem völlig anderen Fachgebiet arbeitet! 😉)  Und ich winkte ab – meine Augen waren hier wahrlich Nebenkriegsschauplätze. Einfach nicht beachten. Weitermachen!

Irgendwann gegen halb 4, ergo 10 Uhr, wurde dann genäht, nachdem die beiden Implantate installiert worden waren. Es waren sehr viele Nähte. Zumindest gefühlt.

Als ich wieder auf meinen zwei Füßen stand („Langsam, Frau B. – nicht überhasten. Nicht, dass Sie uns umkippen.“ Ha! Jetzt umkippen? Nach der Behandlung? Während derselben bestand mehr Anlass zur Sorge! 😉), sagte der Zahnarzt: „Na, sehen Sie – hat doch prima geklappt! Ich hatte bei Ihnen aber auch nichts anderes erwartet – Sie sind immer tough.“ – „Naja, mal ganz im Ernst: Ich hatte ziemliches Muffensausen. Und es war die bisher scheußlichste Behandlung. Das liegt nicht an Ihnen – das liegt eher am Ort, an dem Behandlung notwendig war. Ich hasse es wie die Pest, annähernd kopfüber zu liegen, und das über längere Zeit.“ – „Ja, das ist nicht angenehm. Aber Sie haben sich sehr gut geschlagen, obwohl ich in Ihren Augen zweimal leise Panik wahrnehmen konnte. Aber damit liegen Sie weit unter dem Schnitt.“

Wie? Nur zweimal? Mir war wiederholt danach, mich einfach hochzurappeln und abzuhauen – notfalls mitsamt Haken und Speichelsauger und quasi mit wehendem Schweif. Dann scheine ich doch eine bessere Schauspielerin zu sein, als ich bisher annahm. 😉

Kaum zu Hause, nachdem ich mich von der Apotheke – ein Antibiotikum war der Infektionsprophylaxe wegen dort zu erwerben – durch stürmisches Wetter mit Starkregen und Windböen gekämpft hatte, sank ich auf meine Couch. Endlich Ruhe. Und da machte sich auch die Betäubung langsam vom Acker… Von Ruhe also keine Spur, und seither kühle ich meine leicht angeschwollene linke Wange mit Hingabe und unter großen Schmerzen mit einem Waschlappen. Nehmt nie ein Coolpack aus dem Eisfach – viel zu kalt. So der Tipp meines Zahnarztes. 😉

Ich hatte heute jedenfalls einen richtig schönen Tag, zumal ich mich keineswegs schnäuzen darf. Und just heute läuft meine Nase, als würde sie dafür bezahlt! Anzuraten ist die ganze Prozedur nur bei Notwendigkeit oder für Masochisten.

Und was mich mit Kühen verbindet, mehr als je zuvor? Ganz einfach: Das Knochenersatzmaterial, das mir heute „inseriert“ wurde, stammt – so der Hersteller – aus „ausgewählten und sorgfältig aufbereiteten Rinderknochen“. Das finde ich doch recht sympathisch.

Muh! 😉

„Kein Schwein ruft mich an…“ ;-)

Ich weiß schon jetzt, dass ich in der kommenden Nacht kein Auge zutun werde. Denn morgen um 9 wartet das Grauen auf mich.

Morgen früh um 9 werde ich mit sicherlich angstgeweiteten Pupillen auf dem Behandlungsstuhl im von mir meistgehassten Behandlungsraum meines Zahnarztes liegen und mir wünschen, man möge mir nur einen bis drei Zähne ziehen wollen. Oder mich einfach k.o. schlagen, bevor die Behandlung überhaupt einsetzt.

Morgen steht der Sinuslift mit Knochenaufbau an. Besonders splatteraffinen Menschen rate ich dringend dazu, diesbezüglich zu googeln, was ich hartnäckig bis dato vermieden hatte – es erstaunt mich jetzt noch! Denn ich wusste ja seit Anfang Dezember von meinem morgigen Termin und habe seither stets vermieden, externer Sinuslift oder Knochenaufbau Oberkiefer zu googeln. Ich war richtig stolz auf mich!

Nur gestern habe ich massiv geschwächelt, und seitdem geht es mir gar nicht gut. Da stand zu lesen und zu lernen – und das mit Fotos, blutigen Fotos! -, wie solch ein externer Sinuslift vonstattengehe. Seitdem schießen mir jammervolle Exklamationen wie: „O Gott!“ oder: „O Gott, wieso du!“ in relativ hoher Frequenz durch den Kopf.

Und als ich heute am frühen Nachmittag mit einer guten Bekannten, die Ärztin und auch sonst völlig unerschrocken ist, völlig unabhängige WhatsApp-Nachrichten austauschte, bis mir wieder einfiel, was mir morgen bevorstünde und ich dies anmerkte und darauf eine Nachricht bekam, die besagte: „O Gott, arme Ali! Ich habe großes Mitleid mit dir, aber ich weiß: Du schaffst das!“, wurde mir so richtig angst und bange. Warum schrieb Heide so etwas, statt zu schreiben: „Alles halb so wild, Ali! Das machst du locker auf der linken Arschbacke! Das ist gar nicht schlimm…“?  Dabei weiß ich doch, dass sie es total nett und aufmunternd meinte. Nur saß ich nach dem Lesen ihrer entsprechenden Nachricht völlig erstarrt und wie schockgefrostet da. Sie ist Ärztin und reagiert so – es muss noch schlimmer sein, als ich ohnehin befürchte!

Ich muss leider zugeben, dass ich heute den ganzen Tag im Büro zwar sehr fleißig war, ebenso fleißig jedoch auf einen Anruf wartete, so doof das auch klingen mag. Genauer: Ich wartete auf einen Anruf meines Zahnarztes, der in etwa so lautete: „Frau B., es tut uns unendlich leid – aber wir hatten einen Wasserrohrbruch in der Praxis, und alles ist überschwemmt. Leider müssen wir Ihren Termin verschieben.“ Oder: „Liebe Frau B., Sie wissen ja, wie das in Corona-Zeiten ist… Wir hatten leider einen Patienten, der mit Symptomen ankam, und nun sind wir alle in Quarantäne. Wir müssen leider Ihren für morgen geplanten Termin verschieben.“ 😉

Nichts Derartiges trat ein, dafür gegen 18 Uhr die Putzfrau in mein Büro. Sie rief: „Ah! Immer noch hier!“ und kniff mir ein Auge zu, wie sie es immer tut. Die Putzfrau und ich verstehen einander prima und unterhalten uns öfter. Sie ist Russin, kommt aus Kasachstan und war früher Mathematiklehrerin. Einer der nettesten Menschen, die ich je kennengelernt habe.

Als sie mir vor etwa zwei Jahren erzählte, was ihr eigentlicher Beruf sei, starrte ich sie entsetzt an, obwohl mir klar ist, dass Schicksale wie ihres nicht so ungewöhnlich sind, was ich erschreckend und traurig finde. Wir hatten danach ein sehr langes Gespräch, und ich fand ihre fröhliche und positive Art klasse, als sie sagte, es sei ihr um ihre Kinder gegangen, die noch klein gewesen seien, als sie nach Deutschland kam. Sie sollten es besser haben und hätten beide auch eine sehr gute Schulbildung – ihre Tochter studiere inzwischen, und das sei ihr wichtig gewesen. Ich sagte ihr damals, dass sie einer der coolsten Menschen sei, die ich je getroffen hätte, und da lachte sie und meinte: „Und Sie einer der nettesten, die ich in Deutschland je getroffen habe. Viele unterhalten sich nicht mit mir, weil ich die Putzfrau bin.“ – „Sie sind Mathematiklehrerin! Und das bleiben Sie auch für mich, der vor Mathematik immer graute. Und im Übrigen ist völlig wurscht, wer was arbeitet – Hauptsache, das Herz sitzt am richtigen Fleck. Obwohl Sie hier völlig unterbewertet sind.“ – „Bin ich zufrieden, wenn Kinder glücklich.“ Das fand ich berührend.

Seit diesem ersten Gespräch unterhalten wir uns oft, und heute war es besonders tröstlich, als sie mit ihrem typischen Spruch hereinkam: „Immer noch hier! So spät!“ – „Ich komme ja auch immer relativ spät. Aber die nächsten Tage komme ich gar nicht, weil ich dann wohl krankgeschrieben sein werde.“ – „Oh, warum?“ Und da erzählte ich ihr, was mir morgen bevorstünde, und lachend erzählte ich ihr, dass ich im Grunde den ganzen Tag auf den „Wasserrohrbruch“- bzw. „Quarantäne“-Anruf gewartet hätte, zumindest unterschwellig, weil mir so sehr vor dem morgigen Eingriff graue.

Da lachte und sagte sie: „Ist nicht schön, wirklich nicht. Aber halb so wild, denn ich drücke Daumen. Ist schnell vorbei, nicht lange nachdenken.“

Und da lachte ich auch und meinte: „Wir sehen uns dann hoffentlich nächste Woche.“ – „Ganz bestimmt. Ganz ehrlich: Würde mir genauso gehen wie Ihnen – aber geht schnell vorbei!“ – „Danke! Ganz ehrlich: Ich frage mich manchmal, was ich ohne Sie machen würde. Sie haben immer ein nettes Wort.“ – „Ist gar nicht schwer. Sie haben auch immer nettes Wort und hören immer zu. Freue ich mich immer, wenn ich hierherkomme.“  

Mir graut noch immer vor morgen, aber ich weiß, dass ein sehr netter Mensch mir die Daumen drücken wird. 😊

Drückt mir bitte auch die Daumen. 😉 9 Uhr. 😉

Weihnachten im Elternhaus

Auf etwa zwei Rädern raste ich mit dem kleinen Monty Heiligabend in die Wohnsiedlung, in der mein Elternhaus steht. Zwar rechtzeitig losgefahren, um „zwischen 4 und halb 5“ dort anzukommen, aber unterwegs wurde ich Opfer von diversen Schleichern und mindestens einem Psychopathen, der auf einer Strecke, da „70“ die empfohlene und Höchstgeschwindigkeit ist, vor mir maximal 50 fuhr und immer dann, wenn ich links ausscherte, um nachzusehen, ob er überholt werden könne, ebenfalls nach links ausscherte, um mir die Sicht zu nehmen. Er fand es wohl lustig. Ich nicht, denn ich war durchaus in Eile, und ich kenne den Steven-Spielberg-Einsteigerfilm Duell oder Duel (auf Englisch). Er beschleunigte erst, als er in einer Stichstraße einen Polizeiwagen stehen sah. 😉 (Zugegeben: Ich kenne die Situation auf just dieser Strecke eigentlich umgekehrt, aber so war es doch mal nett. 😉 )

Meine Mutter hatte angekündigt, um 5 mit dem Kochen zu beginnen, und doch war man erstaunt, als ich mit hängender Zunge im Elternhaus ankam. Ich schleppte mein Gepäck in mein altes Kinderzimmer, noch immer bestückt mit flammroten IKEA-Schränken und -Kommoden, die interessanterweise nach Jahrzehnten noch den gleichen Geruch verströmen wie bei ihrer Anschaffung. 😉 Ich liebe mein ehemaliges Kinderzimmer – möglich, dass es auch mit dem Geruch zu tun hat. Und mit der Tatsache, dass ich bei seiner Anschaffung Rot als meine Lieblingsfarbe deklariert hatte. 😉

Es gab schlesische Weißwürste gebraten mit Stampfkartoffeln und Feldsalat. Die besten Würste, die ich je gebraten gegessen hatte. Sogar besser als fränkische „Broodwärschdla“ – und das will was heißen! 😉

Im Laufe des Abendessens wollten wir mit Stephie und Helge, die beide in Sachsen leben, via Zoom kommunizieren, denn da mein Schwager Chirurg und Operateur ist und – siehe oben – beide in Sachsen leben, obwohl keiner von dort stammt, zogen wir alle vor, dass sie nicht nach NRW kämen.

Da ich in Bezug auf Zoom die – relativ – Erfahrenste war, jedoch auch auf meine Anweisung und partiell eigenhändige Installation zumindest drei Fünftel der Veranstaltung Zoom installiert hatten, hätte eigentlich gar nichts schiefgehen dürfen. Doof nur, dass just im Esszimmerbereich meines Elternhauses, wo wir auf Anweisung meiner Schwester alle ein Glas Sekt trinken wollten oder sollten, das Signal am schwächsten war, und so zogen wir wie beim Auszug aus Ägypten mitsamt Laptop meines Vaters an verschiedene Orte meines Elternhauses, bis wir schließlich in meines Vaters Arbeitszimmer ankamen. Meine Mutter rief: „Toller Weihnachtsabend – hier in dieser Butze! Ich gehe lieber ins Wohnzimmer zurück – ihr könnt mich ja rufen, wenn es funktioniert!“ Ich hasse es, wenn Außenstehende, die Problematik nicht verstehend, unproduktiv herumlästern – und ich sah meinen Vater an. Wir hätten ein perfektes Spiegelbild abgegeben, würden wir einander nur ähnlicher sehen. Zumindest scheinen wir technisch übereinzustimmen. 😉

Wir haben dann schließlich im Arbeitszimmer meines Vaters mit Stephie und Helge sowohl auditiv als auch unter Zuhilfenahme der Videomöglichkeit beiderseits kommuniziert, obwohl Mama protestierte, es sähe hier ja gar nicht weihnachtlich aus. Da sah ich Papa mich von der Seite ansehen, und so sagte ich: „Ja, aber das sind doch irgendwie einfach Corona-Weihnachten, provisorisch und quasi von Haus zu Haus – oder? Besser geht es wohl nicht, und so ist es doch nett!“ 😉

Es war so nett, dass sie noch immer mit Helge und Stephie sprachen, als ich bereits draußen auf der Terrasse mindestens zwei Zigaretten geraucht hatte.

Später saßen wir dann im Wohnzimmer und sahen alte Super-8-Filme, was ich sehr schön fand. Es ist einfach schön, zu sehen, dass man als Baby schon in Zweifelsfällen eine Augenbraue so hochzog, wie man es heute in Zweifelsfällen noch macht – und man erkennt sein Gesicht wieder, obwohl man als Baby weniger Haare innehatte. Ich zumindest weiß nun, dass ich seit jeher offenbar eine Zweiflerin war. 😉

Irgendwann jedoch zog ich beide Augenbrauen hoch und fragte meine Mutter: „Wem sehe ich eigentlich ähnlich? Anhand der Filme und meines heutigen Aussehens könnte ich es gar nicht bestimmen.“

Meine Mutter sah mich an und kniff mir ein Auge zu. Dann sagte sie: „Du bist irgendwie so ein Konglomerat. Zumindest vom Gesicht.“ – „Aha. Ich dachte, ich sähe dir ähnlich. Wir haben doch die gleichen Augen!“ – „Nun wirklich nicht.“ – „Wieso das denn nicht?“ – „Du hast die gleichen Augen wie Omma Elisabeth.“ – „Nee!“ – „Doch!“ – „Omma Elisabeth hatte eine ganz andere Augenfarbe!“ – „Nicht die Farbe! Die Form! Sieh dich doch einmal an! Die Farbe – okay, die ist nicht gleich. Die Form aber auf alle Fälle! Vor allem jetzt – so, wie du gerade dreinsiehst! Wie kopiert!“

Das Problem besteht darin, dass ich mich mit „Omma Elisabeth“ nie so wirklich gut verstanden habe – zumindest wesenstechnisch. Und nun sollte ich augentechnisch…  also wirklich! 😉

Mama lachte sich scheckig und rief: „Je mehr du zweifelst, ähneln deine Augen denen von Omma Elisabeth, zumindest, was die Form anbelangt! Die werden immer runder und größer! Ich könnte mich totlachen! Riesige Augen, die sich nach oben wölben und zum äußeren Winkel nach unten ziehen – genau wie bei Omma Elisabeth.“ – „Das ist doch nicht dein Ernst!“ – „Doch, absolut! Warte mal!“

Und Mama lief los und holte ein Foto aus einer entfernten Schublade, das ihre Schwiegermutter als junge Frau in den Dreißigern des letzten Jahrhunderts zeigt: mit sehr großen, runden Augen, die sich am äußeren Rand nach unten ziehen. Es war, als blickte ich in einen Spiegel. Ich sagte lieber nichts mehr. Zumal mir dann einfiel, dass es von mir ein Foto gibt, bei dem ich mich immer gefragt habe, wem ich da eigentlich ähnlich sehe, so aus meiner Familie. Jetzt weiß ich es. 😉

Meine Mutter meinte dann: „Nur augenformtechnisch, Ali.“ Und mein Vater, der sich jetzt schon auf Silvester freut, rief aus dem Hintergrund: „Silvester sehen wir uns noch mehr Filme an, Alilein, und dann zeige ich dir auch, wie der Projektor funktioniert! Ich bin ja nicht mehr ewig da, und der Projektor ist auch schon alt! Aber die Filme sind doch schön – sieh mal, was für schöne, große Augen du schon immer hattest!“ O ja. Wie Omma Elisabeth in den Dreißigern. 😉

Na, warte nur, Papa! Wir gucken Super-8-Filme, und danach gibt es Gesellschaftsspiele, die Du genauso magst wie ich Vergleiche zwischen mir und Verwandten. Zumindest deren Augen. 😉

Und ich dachte immer, ich sähe meiner Mutter ähnlich! Man lernt bisweilen sehr dazu – auch, wenn man es gar nicht will… 😉
 

Weihnachtsgeschenke, die Zweite

Es gibt Menschen, die freuen sich über jedwedes Geschenk mit gleichbleibendem Gesichtsausdruck und in ewig gleicher Attitüde – egal, was es ist. Es gibt Menschen, die freuen sich über jedwedes Geschenk mit ganz unterschiedlichen Gesichtsausdrücken und in unterschiedlicher Attitüde – nicht ganz egal, was es ist. Und es gibt Menschen, denen man gar nichts schenken mag, nachdem sie einmalig geäußert haben, dass jedwedes Geschenk, das ihnen nicht gefalle, exakt so behandelt werde: „Mülltonne auf, Geschenk hinein, Mülltonne zu!“ Nee, wirklich nicht – so etwas mag ich nicht, und ich habe weder eine weissagende Kristallkugel, noch kann ich sonstwie Gedanken lesen. Dann lieber einen unverbindlichen Anruf oder eine Karte getätigt, wenn zu befürchten steht, dass der oder die Beschenkte unter Umständen seine Mülltonne auf- und nach nur geringfügiger Zwischenaktion wieder zuklappt. Auch ich fand Geschenke an mich schon nicht ganz so gelungen, aber ich hätte niemals übers Herz gebracht, derart burschikos zu handeln. Im Leben nicht.

Ich habe ja leider keine Kinder, aber ich finde liebenswert, wie Eltern auf Geschenke ihrer noch kleinen Kinder reagieren, obwohl die unter Umständen nicht ganz mit dem konform gehen, was die Eltern schön, hübsch oder ansprechend finden. Die Kinder bemühen sich doch so! 😊

Durch ein Gespräch mit betroffenen Elternteilen angefixt, machte ich mir Gedanken darüber, mit was meine Schwester Stephie und ich meine Eltern denn so beglückt hatten…

Zuallererst fiel mir ein, wie ich meiner Mutter als noch ziemlich kleines Kind mal etwas geschenkt hatte, an dem mein Herz hing. Keine Ahnung, wie alt ich da war. Auf alle Fälle noch ziemlich klein, und ich sammelte damals kleine Kunststofftiere. An einem hing ich besonders: Ich gestehe, ich hatte es weder gekauft, noch geschenkt bekommen, sondern irgendwo auf der Straße gefunden, aber ganz liebevoll mit Seife und warmem Wasser abgewaschen, nachdem ich es gefunden hatte: Es sollte wohl einen Kolibri darstellen, und der vorherige kleine Besitzer hatte auf dem langen Schnabel des verblassten Tieres massiv herumgekaut. Lange vor dem Geburtstag meiner Mutter hatte ich es aufgelesen und grundgereinigt. Und da das gefundene Tier so armselig aussah, wuchs es mir besonders ans Herz – der arme, kleine (völlig unbelebte) Wicht! Er sah so bedauernswert aus, dass ich ihn besonders in mein Herz schloss. Und dann kam der Geburtstag meiner Mutter…

Ich glaube, der angenagte Plastikvogel erfreute ihr Herz nicht so, wie meines blutete, das Tier abzugeben, und das in vertrauenswürdige Hände. 😉 Niemals hätte ich ihn an irgendjemanden abgegeben! 😉 Er sah derart hilfsbedürftig aus, dass ich nur eine Person wusste, die ihn so schätzen würde wie ich – meine Mutter. Ich gab ihn extrem ungern ab. Da war ich aber wirklich noch ziemlich klein (vier Jahre alt 😉 ).

Ein Jahr später – Weihnachten war in nicht allzu weiter Ferne, und Stephie und ich überlegten angestrengt, worüber unsere Eltern sich wohl freuen würden. Stephie war die Organisatorin, ich die Zeichnerin. Einen Bauernhof aus Pappe und Papier beabsichtigten wir, zu erstellen – unsere Eltern würden sich nicht nur wahnsinnig über das sinnvolle Geschenk freuen, sondern auch von allen anderen Eltern beneidet werden! 😉 Auf einer etwa DIN-A2 großen Pappe sollte der vom Grunde her völlig zweidimensionale Bauernhof errichtet werden, und Stephie malte mit Plakafarbe, einer Kasein- bzw. Kasein-Tempera-Farbe, die genauso riecht wie das, woraus sie partiell besteht und die genauere Bezeichnung schon sagt, Weide- und Stall- wie auch Hausfläche eindimensional auf. Man musste das Ganze nach jedem Malvorgang recht lange trocknen lassen, wobei die Papp-Grundlage stets gefährliche Wellen schlug. 😉 Zumindest ich ging während des Herstellungsprozesses stets mit sorgenzerfurchter Stirn zu Bett. Hoffentlich würde die Grundlage des wunderbaren Geschenks standhalten!

Endlich war das „Fundament“ fertig – nun konnte es an die Ausstattung gehen: Kühe, ein oder zwei Pferde, diverse Schweine, Hühner, Enten und Gänse. Und natürlich ein Hund und eine Katze!

Da ich zeichnerisch stets etwas gewandter als Stephie war, war dies mein Part, und so zeichnete ich voller Eifer und als hätte ich einen bezahlten Auftrag nebst Abgabetermin Kühe und andere Tiere mit Filzstift und in den jeweils passenden Farben möglichst so sparsam auf diverse DIN-A4-Blätter Zeichenpapiers, als würde ich Plätzchen aus ausgerolltem Plätzchenteig ausstechen. Unter jedes Tier musste ich ein Rechteck zeichnen, das dann mitsamt der Silhouette des Tieres ausgeschnitten wurde: die Standfläche des jeweiligen Tieres, die, Tisch- oder Platzkarten nicht unähnlich, dann – hier unter den Füßen des jeweiligen Tieres – in relativ spitzem Winkel umgeknickt wurde, auf dass das OEuvre standfähig sei. 😉

Ich zeichnete voller Überzeugung im Akkord. Die Schweine sind mir, glaube ich, besonders gut gelungen – sogar ein Wurf Ferkel war dabei. Meine Kühe waren – aus heutiger Sicht – das, was man im Englischen als poor bezeichnet – allesamt etwas mager, nahezu schwindsüchtig in der Erscheinung, und ihre Hörner sahen eher wie Fühler diverser Insektenarten aus. (Möglich, dass ich damals schon ahnte, dass die Hörner von Kühen Jahre später eine untergeordnete Rolle spielen würden, wobei niemand die zugehörigen Tiere nach ihrer diesbezüglichen Meinung gefragt hat.)

Während des Schaffungsprozesses wurde Stephie plötzlich von Zweifeln angefallen: Würden unsere Eltern sich über dieses mit Blut, Schweiß und Tränen angefertigte zweidimensionale Geschenk überhaupt freuen? Stand Vergleichbares in unserem Zuhause? Würden sie sich so etwas kaufen?

Sie äußerte diese leisen Zweifel laut. Ich protestierte. Nicht nur, dass wir kein Geld hatten, Kernseife zu kaufen, um daraus Tierfiguren zu schnitzen – eine weitere ganz sinnvolle Geschenkidee einer Freundin meiner Schwester, deren Eltern sich sicherlich an Heiligabend sehr über die holzschnittartig angefertigten Kernseifentiere freuten -, nein, ich hatte auch schon unzählige ganz unterschiedliche Tiere, teils mit Fühlern, gezeichnet! Und nun alles wegwerfen, und das ohne jedwede Alternatividee? Zumal man bedenken musste, dass wir auch immer nur nach dem Abendessen und vor dem Schlafengehen akkordartig arbeiten konnten und tagsüber die Gefahr der Entdeckung viel zu groß war? Nein! (Man muss einkalkulieren, dass ich vier Jahre jünger als meine Schwester bin, die damals 9 oder 10 Jahre alt war. 😉)

Der Bauernhof wurde fertiggestellt und schließlich gut versteckt. Stephie jedoch beschloss, im Ausgleich etwas „Erwachseneres“ herzustellen, und so bastelte sie eine Krippe. Zumindest den Stall, denn Krippenfiguren gab es bereits.

Und so bemalte sie das Unterteil eines Schuhkartons – der Deckel wurde nicht benötigt – mit Wasserfarben, genauer: in der Farbe Umbra. Innen wie außen. Aus dem Boden des Schuhkartons schnitt sie mühevoll mit einer Bastelschere ein Rechteck aus und klebte Transparentpapier in Rot von innen über das so entstandene rechteckige Loch. Ebenso mühsam, denn das Ding wollte zunächst nicht halten, klebte sie auch noch einen Stern aus Goldpapier oben an den Schuhkar…, nein, an die Decke der Krippe.

Nachdem alles gut getrocknet war, stellte sie den so entstandenen Stall in unserem damals zu zweit bewohnten Kinderzimmer vor ihrem Bett auf und die bereits vorhandenen Krippenfiguren hinein bzw. davor. Beleuchtete man die Krippe von hinten, sah es richtig schön aus.

Das Tagewerk erledigt, schliefen wir ein: Bauernhof fertig, Krippe fertig – Weihnachten konnte kommen! 😊

Doch es passierte Grauenhaftes: Meine Schwester hatte bisweilen einen etwas unruhigen Schlaf, und so sahen meine Eltern nach, ob alles in Ordnung war, bevor sie sich selber zur Ruhe betteten. Und an dem Tag sah mein Vater nach. Ich glaube, meiner Mutter wäre das nicht passiert, da sie besser wusste, dass wir Dinge öfter an Orten abstellten, wo sie besser nicht gestanden hätten… Lautes Knirschen weckte nicht nur meine Schwester, sondern auch mich auf: Mein Vater war in die Krippe getreten, die vor Stephies Bett stand! Der Stall völlig zerstört – Stephie heulte, ich saß betroffen da und sagte dann: „Die schöne Krippe!“

Stephie und ich stritten sehr häufig, aber da tat sie mir leid. Sie hatte mit solchem Eifer an der Krippe gearbeitet und war so stolz gewesen. Ähnlich stolz wie ich auf meine zweidimensionalen Bauernhoftiere. Und nun war alles dahin!

Mein Vater war auch völlig zerknirscht, und ihm tat es ebenso leid – noch heute sagt er: „Oooch, ja, das tut mir jetzt noch leid!“ Aber zum Glück fand sich noch ein leerer Schuhkarton, und wenn auch kein rotes Transparentpapier mehr vorhanden war, gab es doch immerhin orangefarbenes. Und so sah das Innere der Krippe, wenn man sie rückwärtig beleuchtete, auch nicht mehr aus, als befände sich die Jungfrau Maria mitsamt dem Jesuskind mitten in einem Puff, und das mitsamt Josef, der ohnehin schon irgendwie „gehörnt“ wirkte, bzw. den drei Heiligen Königen, die im Rotlicht ihre Waren, oops, Geschenke feilboten, davor auch noch Zuschauer in Gestalt von Hirten und diversem Getier. So wirkte es doch erheblich strahlender – aber Stephie und ich, denen die Bedeutung von Rotlicht damals noch nicht bewusst war, trauerten dem roten Transparentpapier hinterher. Wieviel schöner hätte das doch ausgesehen! 😉

Aber zumindest konnten wir mit unserem tollen Geschenk aufwarten, nachdem am Heiligen Abend das Glöckchen zur Bescherung geläutet hatte: Mühsam trugen wir unseren Bauernhof ins Wohnzimmer und bauten ihn dort auf – Stephie eher unsicher, ich ganz stolz.

Wenn ich heute daran zurückdenke, glaube ich, dass es um die Mundwinkel meiner Eltern zuckte, als sie das Machwerk sahen: Speziell bei den befühlerten Kühen zuckte es. Und Sekundenbruchteile herrschte Schweigen, was ich – ahnungslos, da noch klein – für atemlose Bewunderung hielt. Heute vermute ich, dass meine Eltern große Mühe hatten, die mit Gewalt hervorbrechen wollenden Lachanfälle zu unterdrücken, bis mein Vater schließlich sagte: „Och, sieh mal, Kathrin, die kleinen Schweinchen! Die sind ja niedlich, und so schön gezeichnet. Alilein, warst du das?“ – „Ja!“ rief ich stolz und ahnungslos, und ich verwies auch auf die viel schwieriger zu zeichnenden Kühe, die überdies allesamt recht große Euter hatten, ohne dass auch nur ein einziges Kalb in der Nähe zu sehen war (zu zeichnen vergessen – aber vermutlich waren die Kälbchen bei Ersatznahrung in das papierne Kuhstall-Gebäude gesperrt…). Meine Mutter, unfähig, ein Wort zu sagen, aber mit freudiger Attitüde, hielt sich eine Hand vors Gesicht, während mein Vater eine der Kühe hochnahm, die Standfläche mit zuckendem Antlitz betrachtete und sagte: „Das habt ihr aber schön durchdacht – die Tiere müssen ja auch stehen können. Sehr schön! Wo ist denn der Bauer? Und die Bäuerin?“

Oh! An die hatte ich gar nicht gedacht – ich hatte damals nur Tiere im Kopf. Immerhin hatte ich daran gedacht, einen Melkeimer zu zeichnen, in Rot und selbstredend auch mit einer – hier: quadratischen – Standfläche versehen. Keine Ahnung, wer die Kühe melken sollte – ich war wohl schon immer etwas wurschtig in der Ausführung. Aber daran hätte mich Stephie ja auch wirklich erinnern können!

Ich erinnere mich jedoch, dass meine Eltern dieses sehr nützliche Geschenk dennoch lange aufbewahrt haben und dass es über die Jahre immer wieder für gute Laune sorgte. Meine Mutter und ich lachen noch heute darüber, und sie sagt immer: „Was für eine Arbeit ihr euch gemacht habt!“ Und ich sage dann immer: „Ja, allerdings – und nützlich war es obendrein!“

Und dann lachen wir immer. 😊

Weihnachtsgeschenke

Dieses Jahr läuft Weihnachten anders als sonst. Denn ich habe inzwischen alle Geschenke parat – naja, mal abgesehen von einem Geschenk für eine Kollegin, die keines von mir erwartet. Und einem Nachtrag zum Geschenk für meinen Vater.

Dass sich die meisten Geschenke bereits verpackt auf dem Esszimmertisch befinden, liegt wohl nur daran, dass ich sie alle online bestellt habe. Was mich wirklich erstaunt, ist die Tatsache, dass sie binnen kürzester Zeit nicht nur versandt, sondern auch ausgeliefert waren. Wäre morgen Heiligabend, könnte ich völlig unbesorgt zu meinem Elternhaus fahren und hätte doch – fast – alle Geschenke dabei. Das ist mir in der Prä-Corona-Ära noch nie so gelungen. 😉

Das Geschenk für meine Schwester fehlt noch, aber das wird sicherlich am Montag bei meinem Arbeitgeber ankommen (hoffe ich zumindest). Und dass ich heute noch zwei Bücher bei einem weltbekannten Versandhandel nachbestellte, lag nur daran, dass ich erst gestern bzw. heute dazu angeregt wurde.

Denn mein Vater kennt The Great Gatsby nur vom Hörensagen – unglaublich! (Zumindest aus meiner Perspektive. 😉 ) Einer meiner Lieblingsromane aus den Roaring Twenties. Gehört zur Weltliteratur und zementierte meine seit früher Jugend vorhandene Begeisterung für diese Ära nur noch, obwohl er auf allzu emotionale Leser deprimierend wirken mag. Man sollte mit einer gewissen Distanz lesen und das Ganze realistisch sehen – oder zumindest stresserprobt sein und auch schwierige Zeiten wegstecken können. Die Zwanziger des letzten Jahrhunderts waren wohl nicht die einfachsten Jahre – die des jetzigen sind es offenbar auch nicht, wenn auch anders. 😉 (Nur war man in den Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts offenbar weniger kompliziert und „verspannt“ – aber vielleicht scheint es auch nur so, denn da gab es ganz furchtbare Schicksale. Schlimmere als heute in Corona-Zeiten, obwohl sich nicht wenige Menschen hundert Jahre später gebärden, als sei derart Schlimmes noch nie auf die Menschheit eingeprasselt. Ich sage dazu nichts mehr – ich habe resigniert, seitdem mir definitiv klar geworden ist, dass die rationalsten Argumente bei manchen Menschen einfach nicht verfangen, da es ihnen schon an schlichtester Ratio zu gebrechen scheint.)

Ich bin seit früher Jugend ein Fan der Zwanziger des letzten Jahrhunderts, und ich habe zum Thema viel gelesen. Die Hintergründe sind mir bekannt, ebenso, dass diese Ära nicht die freudvollste gewesen sei, aber irgendwie hat das meinem „fandom“ keinen Abbruch geleistet. Und dabei geht es nicht nur um Mode – beileibe nicht. Für mich waren die Roaring Twenties immer irgendwie wegweisend, speziell emanzipatorisch. Ich wäre sicherlich ein hervorragender Flapper gewesen, der auf der Straße geraucht hätte, natürlich mit einer langen Zigarettenspitze. Aufmüpfig? Mitten in der Prohibition ins Speakeasy? Auch kein Problem. 😉

Und so war ich im Englisch-LK sehr begeistert von The Great Gatsby, auch wenn der Roman ein eher bedrückendes Bild zeichnet und böse und desillusionierend endet. Und mein Vater hat ihn bis dato nie gelesen – aber zumindest bekommt er ihn geschenkt. 😉 Neben einem Tischkalender mit wunderschönen Fotos und „Andersens Märchen“, die er als Kind immer erschreckend traurig fand, bekommt er nun auch noch den Großen Gatsby geschenkt. Mein Vater ist sehr belesen, aber diese Lektüre fehlt eindeutig, zumal er mich heute fragte, worum es in dem Roman eigentlich gehe. Ich erklärte es ihm und beschloss simultan: „Okay, eine kleine Erweiterung der Geschenke erfolgt bald.“ Immerhin hat er mir als Jugendlicher auch die gesammelten Werke Wilhelm Raabes geschenkt. Wenn er also F. Scott Fitzgerald nicht liest, kann ich es ihm nicht einmal übelnehmen. 😉
Kaum von meinem allwöchentlichen Ausflug zu meinem Elternhaus zurückgekehrt, bestellte ich für ihn den Roman auf Deutsch und für eine liebe Kollegin auf Englisch, mit der ich kürzlich auch darüber gesprochen hatte und die mir sagte, sie kenne das Thema nur vom Film mit di Caprios Leo. 😉

Nix gegen den Leo – ich mag den Schauspieler. Ich mag aber diese Verfilmung nicht, da sie mir völlig exaltiert erscheint, völlig überzogen, als würde mit dem Baseballschläger auch den Letzten noch eingehämmert werden, worum es gehe, und das auch noch völlig verzerrt. Völlig übertrieben. Der Roman an sich stellt dar, welche Leere bisweilen geherrscht habe, jedoch in diesem speziellen Falle auch eine übersteigerte, nahezu elisabethanische Idealisierung von Liebe, die einer eklatanten Oberflächlichkeit und Materialismus entgegenstand, und hält der damaligen Gesellschaft den Spiegel vor – das muss man doch nicht mit dem Vorschlaghammer völlig übertrieben darstellen. Es gibt eine Verfilmung aus den Dreißigern und eine von 1974. Letztere liebe ich heiß und innig, da sie der Atmosphäre des Romans am nächsten kommt. Die mit di Caprios Leo ist von den Bildern her toll, aber meinem Empfinden nach für Zuschauer, die einen Holzhammer und krasse Special Effects benötigen, damit der Groschen falle. Mich nervt die übersteigerte Darstellung dieser Verfilmung, die allein effekthaschend ist. Geht also gar nicht, wenn man den Roman kennt und mag, der an vielen Stellen zwar subtil ist, an manchen aber schon brutal genug auf so manches Manko hinweist. Da braucht es wahrlich keinen visuellen Holzhammer.

Ich bin gespannt, ob mein Vater ihn lesen wird. 😉 Ich weiß, er wird zumindest damit anfangen, da ich ihm dieses Geschenk gemacht habe. Gefallen wird er ihm ganz sicher nicht – aber dafür schenke ich ihn ihm auch nicht, sondern weil ich ihn für ein schönes Geschenk halte. Weil ich ihn schätze und hoffe, dass er genauso ankomme. Immerhin habe ich vor einiger Zeit sogar Wilhelm Raabe gelesen, nach so langer Zeit. 😉 Mein Fall ist es nicht, aber ich verstand, was mein Vater mir damit mitteilen wollte. Und dann eben vice versa genauso. Beide Autoren gesellschaftskritisch, wenn auch auf völlig unterschiedliche Weise. Schön, dass mein Vater und ich trotz aller Unterschiede an einem Strang ziehen – Gesellschaftskritik ist wichtig. Und wir beide mögen einander sehr, auch wenn wir verschieden sind. 😉

Weihnachten kann kommen. Zumal ich heute auch noch ein Geschenk für meine Kollegin Kerstin besorgt habe. Besser vor dem „harten“ Lockdown, der uns sicherlich ereilen wird. 😊

Endlich im A-Team ;-)


Der herkömmliche Montag war heute ein Dienstag.

Seit wir in zwei verschiedenen Teams und Schichten arbeiten, ist das öfter so. Nicht, dass ich am jeweiligen Home-Office-Tag – auch wenn Montag – weniger arbeitete als im Büro; nun beileibe nicht. Es fühlt sich trotzdem anders an, und so war mein „eigentlicher“ Wochenbeginn heute der Dienstag.

Dabei hatte ich gestern tüchtig rangeklotzt – nur eben nicht im Büro. Irgendwie kann ich mich trotz des letzten Dreivierteljahres nicht davon lösen, dass nur Arbeit am Ort des eigentlichen Geschehens – in meinem Falle Bürotätigkeit – echte Arbeit sei. Dabei arbeite ich zu Hause in der Tat meist mehr und länger. Wäre nur dieses Gefühl der Unsicherheit nicht – hoffentlich habe ich auch alles richtig gemacht und war aufmerksam genug!

Dieses Gefühl gipfelt bisweilen darin, dass ich – mein Handy klingelt, und eine mir unbekannte Nummer steht auf dem Display – um 20 vor 8 wie angestochen aus dem Bett hechte, stimmliche Übungen mache und ein paar Dissonanzen in die Gegend trällere, bevor ich den Anruf beantworte. (Bloß nicht so klingen, als wäre ich gerade der Bettstatt entstiegen! Und – zugegeben – die beiden Anrufe von 7:30 und 7:35 unter derselben Nummer ignoriert, obwohl Unruhe aufkam. Daher den Anruf von 7:40 unter derselben Nummer auch nicht mehr. Ich bin und bleibe ein „Telefon-Junky“, der es nicht erträgt, nicht zu wissen, wer da anruft. 😉 )

Natürlich im Esszimmer entgegengenommen, da ich dort den besten Empfang habe. (Als ich dies kürzlich einmal mehr tat, hätte ich mich kurz nach dem unerfreulichen Telefonat am liebsten selber links und rechts abgewatscht. Im Home-Office darf man, wenn man ab 9 Uhr Sprechzeit hat, um halb 8 durchaus noch im Bett liegen, zumal dann, wenn man auch in Präsenz erst um kurz vor 9 im Büro aufschlägt.)

Vor einer Woche gab es wieder die zweiwöchentliche Teamsitzung, die bis März dieses Jahres in Präsenz stattfand, seither per Videokonferenz. Und da verkündete unser aller Vorgesetzter, dass die Teams partiell wechseln müssten, da wir eine neue Kollegin haben, die mit meiner Team-B-Kollegin Gina eng zusammenarbeiten und obendrein eingearbeitet werden müsse. Die Folge daraus: Ich musste ins Team A wechseln.

Einerseits fand ich das sehr schade, und fast hätte ich gerufen: „Och nee, Gina! Jetzt können wir gar keinen Kaffee mehr zusammen trinken!“ Ich unterließ es aber, da es doof herübergekommen wäre und ich immerhin den Vorteil sah, dass ich nun meine Kolleginnen Saskia und Jana endlich einmal in natura wiedersehen würde. Und: Endlich war ich im A-Team! 😉 (Okay, verstehen auch nur die, die die 80er irgendwie miterlebt haben. 😉 )

Mein erster „A-Team“-Tag heute war zumindest schon einmal sehr nett. Auch wenn ich danach noch zum Zahnarzt musste, bei dem ich demnächst einen „Sinuslift“ und eine Implantation mitmachen muss und der mir erklärte, das koste mich etwa 3500,- Euro, da eine reine Privatleistung. Zum Glück habe ich meine Zahnzusatzversicherung.

Vielleicht fange ich aber doch wieder mit Lotto an. Oder ich aktiviere den Rest des A-Teams, dem Zahnarzt klarzumachen, dass das so nicht gehe. 😉

Immerhin sollen die folgenden dentalchirurgischen Aktivitäten – „Knochenauffüllung“ et al. – erst ab Mitte Januar stattfinden. Erst im neuen Jahr. Das liegt allerdings auch nur an meiner sehr energischen Intervention, denn wäre es nach meinem Zahnarzt gegangen, hätte das noch dieses Jahr stattgefunden – kurz vor Weihnachten. Da wurde ich allerdings wirklich sehr energisch, denn ich habe nach diesem in tutto gruseligen Jahr nicht auch noch Lust darauf, zu Weihnachten mit einer komplett verbeulten Visage nur Suppe oder breiige Speisen zu mir nehmen zu können.

Hat er auch direkt eingesehen – hat sicher gleich erkannt, dass ich dem A-Team entstamme. 😉

Von kleinen Schritten und „Haftelesmachern“

Ich habe Waden aus Beton. Am Samstagabend bin ich aus dem Allgäu zurückgekehrt, mit eben jenen Waden. Als ich losfuhr, waren sie noch völlig normal gewesen. 😉

Eine Woche zuvor trug sich meine Abreise zu. Ich hatte mich – weise Voraussicht – vom Auftragsdienst per Telefon wecken lassen, zusätzlich zum Handywecker, den ich gern mal überhöre; daher die Auftragsdienst-Maßnahme. Man weiß ja nie, und mein Zug sollte diese Stadt um Punkt 7:15 h verlassen (und tat es auch – und das mit mir an Bord 😉 ).

Pünktlich um 4:30 h klingelte mein Handy los, dessen Klingelton ich sicherheitshalber noch etwas lauter gestellt hatte – man weiß ja nie, siehe oben -, und eine Computerstimme teilte mir mit, dass es halb 5 sei und ich zu dieser unchristlichen Zeit an einem Samstag geweckt werden wolle – so ähnlich jedenfalls. Ich sprang aus dem Bett, ja, wirklich, denn ich freute mich derart, mal hier wegzukommen, dass ich meine morgendliche Schnarchnasigkeit glatt vernachlässigte. Im Bad machte ich mich fertig, zog mich an, warf letzte Dinge in meinen großen blauen Trolley, tat noch dies und das, und gegen 5:45 h war ich fast fertig. Aber es fallen einem ja noch -zig andere Sachen ein, und so war es kurz nach 6, als ich wirklich soweit war. Einen prüfenden Blick aus dem Esszimmerfenster in die Dunkelheit werfend, sah ich, dass es in Strömen regnete. Also nicht mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof – ein Taxi musste her. Mühsam schleppte ich den Trolley die Treppen aus dem ersten Stock hinunter, und das in Wanderschuhen und Winterjacke, denn in Oberstdorf sollte es ja ziemlich kalt sein, und Winterjacke und Wanderschuhe nehmen im Koffer so viel Platz weg…

Der Taxifahrer war sehr nett und lieferte mich pünktlich am Hauptbahnhof ab. Schnell noch einen Kaffee gekauft, und ab ging es zu Gleis 5. Der Zug war pünktlich, ich nahm meine beiden reservierten Plätze ein. Zwei Plätze aus zweierlei Gründen. Im Zug ist es eng, und in Coronazeiten wollte ich nicht so gern so eng neben jemand Fremdem sitzen, zum zweiten ist mein Trolley groß und sperrig, und selbst wenn er in die Gepäckablage passen würde – was er nicht tut -, würde ich es nicht schaffen, ihn hinauf- und hinunterzuwuchten. Ich saß direkt hinter einem Vierersitzbereich mit Tisch. Der und sein Gegenüber wurden allerdings erst in Düsseldorf besetzt – offenbar von einem munteren gemischten Kegelclub, zumindest einer Abordnung. Ich habe rein gar nichts gegen Kegelclubs, aber diese Abordnung hier war doch ein wenig … nervend. Hatten sie überhaupt Kleider und sonstiges Reisezubehör in ihren Gepäckstücken, fragte ich mich nach etwa einer halben Stunde, in der sie zwei Flaschen Sekt leerten und sofort diverse Bierflaschen hervorholten. Später kamen noch diverse Weinflaschen hinzu, und den allgemein bekannten Spruch: „Kein Bier vor 4“ führten die Frohnaturen ad absurdum. 😉 Sie fuhren wie ich bis Augsburg, wo ich umsteigen musste. Sie stiegen auch um. In denselben Zug wie ich … 😉 Zwar saßen sie in einem anderen Teil des Zuges, aber ich hörte sie bis zu meinem Platz singen. 😉

Gegen halb 5 war ich dann in Ob’rrschtdorrf, wie es dort so schön heißt. Es regnete in Strömen, aber zum Glück war es bis zum Hotel nicht weit. Ein wunderschönes Einzelzimmer hatte ich, frisch renoviert, sehr modern und schön. Wie ein Mini-Apartment wirkte es, was mir gefiel.

Meine Schwester und mein Schwager, der ein echter Allgäuer ist, waren noch nicht da, riefen mich aber an und sagten, sie würden sofort nach dem Einchecken ins Restaurant zum Abendessen gehen, wo wir uns dann trafen und zu Abend aßen. Da wir alle schlagskaputt waren, war der Abend dann kurz, aber am nächsten Tag ging es gleich los – in Wanderschuhen und mit viel Verve zogen Stephie und ich los. 😉

Nun ist es im Allgäu – anders als in Norddeutschland – nicht durchgängig flach, ganz im Gegenteil, und bei dieser allerersten Wanderung stellte ich, Raucherin und ziemlich aus der Übung, was Wandern anbelangt, fest, dass Steigungen recht fordernd seien, und mir stellte sich die berühmte „Was soll nur werden“-Frage. 😉 Aber ich hielt durch – es wäre ja lächerlich, zu schwächeln!

Am nächsten Tag machten Schwester, Schwager und ich eine Wanderung mit einem echten Bergwanderführer und anderen wagemutigen Hotelgäschten, ääh, -gästen, mit. Zur Heini-Klopfer-Skiflugschanze ging es. Wir fuhren mit dem Aufzug hinauf, und außer meinem Schwager und mir schafften es alle, noch ein paar Meter weiter bis ganz nach oben auf die Schanze zu gelangen. Helge und ich beschlossen bei etwa drei Vierteln, es sei wahrlich hoch genug, wenn nicht schon zu hoch für Menschen, die zwar gern fliegen, aber ansonsten großer Höhe eher skeptisch gegenüberstehen, um es euphemistisch auszudrücken. Ich fand es von meinem Standort schon sehr, sehr hoch, als ich auf die Schanze starrte, die ziemlich steil hinunterführte. Ganz, ganz weit unten sah ich den Auslauf, der winzig klein erschien – bewunderungswürdig, wer da so knapp bremsen kann. Mir ohnehin ein Rätsel, wie man sich so eine Schanze hinunterstürzen kann! 😉 Dennoch versuchte ich, die paar Stufen bis ganz nach oben hinaufzusteigen, aber dann sah ich nach unten: unmöglich. Und so drehte ich um und prallte mit dem Bergwanderführer zusammen, der seinerseits hinaufsteigen wollte. Er sagte: „Mädle, was isch? Kei Angscht! Isch dir zu hoch, gell?“ – „Ja!“ – „Kei Angscht, ich helf dir!“ – „Nee, danke, isch, ääh, ist schon gut. Ich kenne meine Grenzen. Ich gehe lieber wieder hinein und warte da auf euch.“ – „Na gut, aber mit mir muscht kei Angscht habe.“ Das sah ich zwar ein, aber ich wartete dann doch lieber mit Helge auf diejenigen, die keine Höhenangscht hatten. Darunter natürlich auch Stephie, die begeischtert erzählte, ganz oben gebe es sogar partiell Glasboden, so dass man bis ganz nach unten schauen könne. Und auch die Brüstung sei transparent – ganz toll! Nein, danke! 😉

Stephie, Helge und ich fuhren dann mit dem Schrägaufzug wieder hinunter, und als dann auch der Bergwanderführer wieder nach unten kam, kam er direkt auf mich zu, machte Anstalten, mich in den Arm zu nehmen, bis ihm Corona wieder einfiel, und dann meinte er: „Ach, Mädle, schad, dass du ned bisch nach obe konntesch – du hättscht auch Spaß g‘habt. Ich hätt auf dich aufpascht wie a Haftelesmacher. Weischt du, was des isch?“ Ich lachte – ja, ich wusste, was der Ausdruck bedeutet, den ich lange nicht gehört hatte, und ich fand es total nett und sagte: „Das glaube ich! Aber ihr hättet sehr viel mehr Spaß g’habt, wenn ihr gesehen hättet, wie ich mich kreidebleich und mit geschlossenen Augen am Geländer fescht-, ääh, festgekrallt hätte.“ Der Haftelesmacher bzw. Bergwanderführer lachte sich scheckig.

Danach wanderten wir mit der ganzen Gruppe noch in harmlosem Gelände, tranken alle ein Haferl Kaffee – und dann war ich froh, als ich unter der Dusche in meinem Hotelzimmer stand.

Am nächsten Tag wanderten Stephie und ich allein los – wir wollten zur Fellhornbahn und damit auf den Fellhorngipfel. Schade war, dass der von uns ausgewählte, moderat wirkende Wanderweg gesperrt war. Der andere Weg ging über eine lange Strecke steil bergauf, und ich schwöre, ich fühlte mich bisweilen, als wäre ich dem Tode nahe. 😉 Und ich schien jede einzelne Zigarette zu spüren, die ich je geraucht hatte. Was pfiff denn da so? Murmeltiere? Tränenumflorten Blickes – ich war fertig mit der Welt, obwohl die krasse Steigung noch weiterging – blickte ich in die schöne Landschaft. Kein einziges Murmeltier zu sehen. Da wurde mir klar, dass das Pfeifen offenbar aus meinen sogenannten unteren Atemwegen kam … ☹ Mit flatternder Lunge kam ich schließlich am Ende der Steigung an – ab da ging es eben weiter, und zur Belohnung lagen auch zwei Bauernhöfe am Ende des Horroraufstiegs. Alberne Geräusche absondernde Hühner in einem Pferch, dahinter eine Kuhweide. Eine der – im Allgäu etwas kleineren, aber sehr hübschen und selbstbewussten – Kühe graste direkt am Zaun, und Stephie ging neben dem Zaun in die Knie und machte ein Selfie von sich und der Kuh (typisch Touri – als würden wir keine Kühe kennen! 😉 ). Sie wollte dann direkt noch ein zweites machen und achtete nicht so recht auf die reizende Rinderdame, doch ich sah, wie das freundliche Tier blitzschnell seinen Kopf über die Einfriedung streckte, das Maul öffnete, eine beeindruckende Zunge ausrollte und meiner Schwester seitlich sehr liebevoll übers Gesicht leckte und sie ebenso liebevoll noch einmal anstupste! 😉 Ich liebe Tiere sehr, auch Kühe, aber: Wer je in einem Kuhstall war, der weiß, wie Kühe riechen. 😉 (Meine Mutter hat mich vor -zig Jahren – ich war noch ein Kind – in Franken nach einem Besuch in einem Kuhstall nur höchst ungern in ihr Auto gelassen: Ich hatte ein Kälbchen gestreichelt, dessen Mutter es vorher wohl voller Hingabe abgeschleckt hatte … Sie ließ mich zwar ins Auto, aber erst, nachdem ich mir die Hände und sogar die Unterarme gründlichst mit Seife geschrubbt hatte – und selbst danach fuhren wir mit geöffneten Fenstern. Ich vermute ja, der etwas strenge Geruch hänge mit dem ulkigen Verdauungssystem von Rindern zusammen. 😉 )

Stephie lachte jedoch, und auch die Kuh schien zu grinsen, als wollte sie sagen: „Gell, ihr Touri-Tussis – damit habt ihr ned g‘rrechned!“ Ein sehr freundliches Tier mit Wimpern, die fast so lang wie mein Unterarm waren – leiser Neid kam in mir auf. Und erst diese Augen!

Mit der Fellhornbahn fuhren wir bis zum Gipfel des Fellhorns, wo sehr viel Schnee lag und es arschkalt war. Ich machte einige Fotos, aber es lag nicht nur Schnee, sondern war auch noch neblig – die Sicht war suboptimal. Wir fuhren wieder hinunter und tranken unten Kaffee. Und während meine Schwester zu Fuß zurück nach Ob’rrschtdorrf wanderte, nahm ich den Bus. Nach längerer Wanderabstinenz muss man ja nicht gleich komplett übertreiben.

Und obwohl meine Füße wie bezahlt wehtaten, bin ich am nächsten Tag mit Schwester und Schwager bis zur Breitachklamm, durch die Breitachklamm hindurch und dann bis Ob’rrschtdorrf zurückgewandert. Sehr viele heftige Steigungen. Es ist manchmal gut, bis an seine Grenzen zu gehen. Man wird gleich viel demütiger und dankbar, dass man noch am Leben ist. Und: Alle anderen Probleme werden mindestens zweitrangig, wenn man japsend an einer steilen Steigung innehalten muss, sich umsieht und denkt: „Okay, das hier dürfte bis auf Weiteres dein künftiger Lebensmittelpunkt sein, denn weiter schaffst du es nicht. Schickt mir die Post bitte hierher nach.“ 😉 Wie ihr seht, habe ich es aber trotzdem geschafft – es gibt Momente im Leben, da muss man einfach nur mechanisch weitermachen bzw. -gehen. 😉 Und inzwischen weiß ich auch, dass ich mir einen halben Liter Radler in nur drei Schlucken einverleiben kann, ohne mich zu übergeben. Wer hätte das erwartet? 😉

Und nachdem ich danach die Nase noch immer nicht voll hatte, habe ich mitsamt Schwester und anderen Interessenten am nächsten Tag noch eine Wanderung mit unserem bereits an der Skiflugschanze getesteten Bergwanderführer Freddy mitgemacht: Auf die Buchrainer Alpe sollte es gehen, wo wir lernen sollten, wie echter Allgäuer Bergkäse auf traditionelle Art hergestellt werde. Als „leicht“ war diese Wanderung angepriesen worden. Na, also!

Hätte ich geahnt, dass wir kilometerweit mit Steigungen zu ringen, nach dem Besuch auf der Alpe einen halsbrecherischen, schmalen Weg mit Geröll und vielen Baumwurzeln zu überwinden haben würden, neben dem es gleich links hunderte von Metern steil bergab geht, und das ohne Halteseile, wäre ich nicht mitgegangen. Da ich aber ahnungslos war, trat ich diesen „leichten“ Weg an und war schon froh, als wir die Alpe erreicht hatten. Gleich ein Käsbrrood bestellt, dazu einen halben Liter Radler – im Nu weg! -, dann die Sennhütte mitsamt Käse-Kupferkessel besichtigt, die kleinste bzw. jüngste Sennerin im gesamten Allgäu kennengelernt (die total süße, etwa dreijährige Tochter der Sennerin, die sehr aufgeschlossen war und einen Narren speziell an mir gefressen zu haben schien) – und schon ging es weiter. Inzwischen hatte ich erfahren, dass Freddy, der sehr gelassene Allgäuer Bergwanderführer, 82 Jahre alt war – unglaublich, wirkte viel jünger, und ich sollte wohl mehr wandern, wenn das solche Auswirkungen hat. 😉

Wir schlappten unseres Weges – bis wir an diesen schmalen, geröll- und baumwurzelhaltigen Weg kamen, der auch noch anstieg, während linksseitig ein mehrere hundert Meter hinabführender steiler Hang ohne jedwede Sicherung bestand. Da überkam mich doch leise Panik – wie sollte ich den so untrainiert je schaffen? Ich konnte nicht einmal nach links sehen, ohne dass mir schlecht wurde!

Zum Glück war meine Schwester dabei – sonst würde ich sicherlich heute auf diesem Weg kauern, heulend und zähneklappernd, weil ich nicht aufrecht weiterkäme. 😉 Sie ging voraus, fasste meine Hand und meinte: „Nicht hinuntersehen, einfach mitkommen. Achte aber auf den Weg vor dir.“ Ja, das war mir auch klar, denn da waren beeindruckende Baumwurzeln, über die man ohne die nötige Aufmerksamkeit hervorragend gestolpert und geflogen wäre. Ohne Stephie hätte ich diesen blöden, schmalen und hochgelegenen Weg sicherlich nicht in diesem Tempo geschafft. Zumindest nicht aufrecht und auf zwei Füßen. Höchstens kriechend und auf dem Bauch. 😉 Man wird sich in dieser wunderschönen, bisweilen steilen, Landschaft wieder bewusst, wie schön es ist, am Leben zu sein. Nicht unbedingt aus dem Grund, dass die Landschaft so schön und beeindruckend ist, sondern vor allem aus dem Grunde heraus, dass man diese besonders beeindruckenden Landschaftsteile erfolgreich überwunden und unverletzt hinter sich gelassen hat und nie wieder sehen muss. Zumindest nicht von vorn. 😉

Mit weichen Knien schaffte ich auch den Abstieg, und die meisten der Gruppe fuhren mit dem Bus von Birgsau wieder nach Oberstdorf – es gab noch einen bezaubernden Ehekrach zwischen Anke und Horst im Bus, die aber vor uns ausstiegen. Zum Schluss blieben nur noch Freddy, Stephie und ich von der Gruppe übrig und stiegen schließlich an der Ludwigstraße aus. Und da sagte Freddy: „Ihr beiden waarrd cool – euch hat auch der Tobelweg nix ausg‘machd!“ (Der Tobelweg: der geröll- und baumwurzelhaltige schmale Weg, auf dem ich annähernd Todesangst gehabt hatte …) Ich sah Freddy genau an: Meinte er das ironisch? Nee! Er war offenbar der Ansicht, dass ich das wirklich cool hinter mich gebracht hätte, während der Angstschweiß in meinem Dessous gerade verdunstete. Und da meinte er auch schon zu mir: „Dich fand ich besonders cool: Der Weg isch dir nicht leichtg‘falle – aber du hascht ihn g’schafft. Hut ab!“ – „Ja!“ rief ich, froh, noch am Leben zu sein, statt in Einzelteilen und zerschellt am Fuße des Horrorabhangs zu liegen, und ich strahlte über sämtliche Backen. Ich war wirklich froh darüber, wieder in Oberstdorf zu sein, diesem Ort, dessen Namen ich immer mit militärischen Dienstgraden in Verbindung gebracht hatte. (Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich erst jetzt gelernt habe, dass der Ort so heißt, weil er „das oberste Dorf“ ist, das am höchsten von anderen Dörfern gelegene. Hätte eigentlich schon vorher klar sein müssen: Bayern sind keine Preußen und damit nicht derart militärisch orientiert. 😉 )

Von Freddy habe ich auf alle Fälle gelernt, dass kleine Schritte am Hang das einzig Wahre seien. Nicht mit großen Schritten losrennen – da bricht man auf der Hälfte des Weges zusammen. Er sagte uns schon bei der ersten Wanderung, dass man immer im ganz eigenen Tempo gehen müsse und lieber mit mehr und kleineren Schritten – so käme man ans Ziel. Es bezog sich zwar primär aufs Wandern, aber ich bin mir sicher, an einen echten Allgäuer Philosophen geraten zu sein. 😊

Am Freitag bin ich wie ferngesteuert erst gewandert und dann in den Ort gegangen: Seither besitze ich ein echtes Trachten-Oberteil. Nicht ganz so furchtbar „trachtig“, man kann es auch hier tragen, aber schön. Ein Mitbringsel für meine Eltern und weitere „Reminiszenzen“ gekauft – nein, keine Zier-Kuhglocken! So etwas kommt mir nicht ins Haus.

Am Samstag dann wieder abgefahren, aber es fiel schwer. Ich wäre am liebsten dort geblieben. Und heute früh, als ich hier mitten im Ruhrgebiet zur Arbeit fuhr, musste ich erst innehalten: Fast hätte ich automatisch meine Wanderschuhe angezogen. Das sollte ich allerdings hier im Flachland auch machen – nicht, dass meine Betonwaden ihre Spannung verlieren! 😊

Das Allgäu hat mich ganz gewiss nicht zum letzten Mal gesehen – am liebsten würde ich hinziehen. 😊

Endlich…

Nicht mehr lange, dann geht es los gen Allgäu. Morgens um 7:15 h fährt mein Zug hier vom Hauptbahnhof ab, und ich kann gar nicht in Worte fassen, wie froh ich bin, einen kurzen Tapetenwechsel mitzumachen, denn mir fällt hier ungelogen fast die Decke auf den Kopf.

Eigentlich wollte ich ja in Polen sein, aber jetzt wird es das Allgäu. Und „schon“ gegen 16:20 h werde ich am Samstag dort sein. Ein bisschen graut mir vor der langen Zugfahrt – über 7 Stunden bis Augsburg, dann noch einmal knapp 2 Stunden bis Oberstdorf.

Wir haben fast Ende September, und vor etwa fünf Tagen bemühte ich eine Wetter-App, um herauszufinden, wie das Wetter dort im Allgäu sei, denn man muss ja wissen, wie die dortigen Temperaturen seien, um zu entscheiden, was man kleidungstechnisch so einpacken sollte. Kaum hatte die App die Resultate ausgespien, rannte ich auch schon an meinen Kleiderschrank, raffte diverse warme Pullover an mich und rannte mit diesen und anderer anstehender 30-Grad-Wäsche in den Waschkeller, um die Waschmaschine anzuwerfen, die beim Start immer so eine reizende Melodie von sich gibt, um unter Beweis zu stellen, dass sie auch wirklich funktionsfähig sei.

Nicht nur das. Sie wiegt die jeweilige Wäscheladung auch vor jedem Waschgang sehr sorgfältig, aber ich habe noch nie darauf gewartet, dass sie mir das Ergebnis kundtue, denn sie gibt dabei so schräge Geräusche von sich, dass ich nicht unbedingt Zeuge der daraus resultierenden Erkenntnis werden muss. Hauptsache, das Ding macht, wozu es angeschafft wurde – und das tut es. 😉

Soeben habe ich auch meinen „Irish sweater“ aus dem Schrank geholt – einen originalirischen Pullover aus Schafwolle, vor Jahren in Galway erworben, in dem man sich immer fühlt, als wäre man hineingeschweißt worden, da die Schafwolle ein wenig sperrig ist, und das trotz stets liebevoller Handwäsche. Der unglaubliche Vorteil: Dieser Pullover in meiner Lieblingsfarbe Blau ist der wärmste, den ich überhaupt besitze, und nachdem ich heute erneut las (ich hatte gehofft, es werde sich etwas an der vor fünf Tagen eruierten Wettervorhersage ändern …), dass an meinem Anreisetag vor Ort 3 Grad Celsius herrschen würden, hielt ich die Mitnahme dieses Monstrums für nicht unangebracht. Die App tröstete mich jedoch damit, dass die de facto 3 Grad über Null sich anfühlen würden wie 4 Grad über Null. Da atmet man doch gleich erleichtert auf, denn zwischen de facto 3 Grad über Null und gefühlten 4 Grad über Null besteht ein wirklich erheblicher Unterschied. 😉

Gerade habe ich noch wetter-kein-problem.com konsultiert – ich hoffe offenbar noch immer auf ein Wunder. Dort zu lesen für den Tag meiner Ankunft:

In Oberstdorf schneit es den gesamten Morgen bei Temperaturen von 0°C. Am Mittag bleibt der Himmel grau, und Regen stellt sich ein. Die Temperaturen erreichen maximal 5 °C. Am Abend ist in Oberstdorf der Himmel bedeckt, und die Temperatur liegt bei 0 °C. In der Nacht kommt es zu Schneefällen bei Tiefsttemperaturen von -1 °C. Böen können Geschwindigkeiten zwischen 14 und 27 km/h erreichen.

Die Sonne ist fast nicht zu sehen.

Sogleich begann ich zu jubeln: 5 Grad über Null! Also richtig warm! 😊 Warum wird man mit 3 Grad erschreckt, die sich wie 4 Grad Celsius anfühlen, wenn dann doch warme 5 Grad auf den Plan treten! Und im Vergleich zum Morgen fällt immerhin kein Schnee, sondern Regen – das ist richtig toll! 😉 Gleich fügte ich dem morgen zu packenden großen Trolley ein stabiles „Rrreegedach“ bei.

Die 16-Tage-Vorschau enthüllte bereits bei Erstbetrachtung vor fünf Tagen, dass die Niederschlagswahrscheinlichkeit bis auf wenige Ausnahmen bei 90 Prozent liege. Und da mein Anreisetag der einzige mit derart niedrigen Temperaturen ist, scheint es sich bei dem Niederschlag der Folgetage um massiven Regen zu handeln. Die Sonne scheint sich außerdem stets durchgängig beschämt im Hintergrund zu halten. Erst an meinem Abreisetag soll sie wieder scheinen – danke, Allgäu! 😉

Heute rief meine Schwester an, mit der ich den Urlaub verbringen werde. Auf meine Frage, ob sie sich mal die Wettervorhersage fürs Allgäu angesehen hätte, meinte sie nur: „Nein. Warum?“ Ich berichtete von den drei, vier, fünf Grad am Anreisetag, aber sie reagierte unbegeistert – davon wollte sie wohl lieber nichts wissen, was ich durchaus verstehen konnte. Ich verschwieg daher diplomatisch den vorhergesagten Dauerregen. 😉

Da es hier derzeit recht warm ist, stehe ich nun vor der berechtigten Frage, was ich auf der endlos scheinenden Zugfahrt anziehen soll. Ich kann doch nicht bei hier recht warmen bis moderaten Temperaturen in Skiunterwäsche und einer Winterjacke losmarschieren.

Als ich gerade darüber nachdachte, fiel mir mein früherer Chorkollege Peter aus dem Zweiten Bass ein, der im Chor stets halblinks hinter mir saß oder stand. Aus meiner Perspektive. Aus dem Publikum halbrechts. 😉 Peter war Maschinenbauingenieur, und für gewöhnlich wirkte er relativ normal. Niemand hätte ihm etwas Schräges zugetraut.

Bis zu jenem Chorkonzert in der Passionszeit, also vor Ostern, das in Essen-Kray stattfinden sollte und von uns, einem Aachener Chor, zusammen mit vier Solisten, also Profi-Sängern, und einem Streicher-Ensemble in einer Krayer Kirche gestaltet werden sollte.

Wir – der Aachener Chor – reisten mit der Bahn an, und meine Alt-Kollegin Ute und ich saßen mit zwei Bass-Kollegen in einem Vierer-Sitzbereich und fuhren über Aachen-Rothe Erde, Köln und weitere Städte bis Essen Hauptbahnhof.

Kaum hatte der Zug den Bahnhof AC-Rothe Erde verlassen, entschuldigte Peter sich und verschwand auf der Toilette. Zurück kam er schließlich mit etwas Giftgrünem, eindeutig textiler Natur, in der Hand, das er – für einen Bass erstaunlich theatralisch – fein säuberlich in eine Plastiktüte und diese dann in seine Tasche packte, während sein Bass-Kollege, Ute und ich zusahen und uns fragten, was es damit wohl auf sich habe.

Ute fasste sich ein Herz und fragte ihn: „Was ist das, Peter?“ Peter sah uns verschwörerisch und auch ein wenig stolz an, und dann verkündete er: „Das ist eine lange Unterhose. Genauer: meine wärmste lange Unterhose [o Gott – er besaß mehrere davon!]. Draußen ist es kalt, aber hier im Zug ist es ja warm. Meine Mutter hat mir die zu Weihnachten geschenkt. Sie hat öfter eine Blasenentzündung, und sie meinte, man könne sich so leicht verkühlen.“ (Ich Naivling! Bis dato war ich der festen Überzeugung gewesen, dass Schlips-Oberhemd-Socken das grauenhafteste Geschenk sei, das man Männern im Allgemeinen machen könne… Es ging offenbar noch schlimmer, wenn ich auch die mütterliche Sorge im Prinzip durchaus rührend fand – Peter wohl noch mehr.)

Ute und ich wagten kaum, einander anzusehen, denn die Gefahr, dass wir beide in einen apokalyptischen Lachanfall ausbrechen würden, war nicht gering. Ute war ohnehin unfähig, etwas zu sagen, während ich hervorwürgte: „Donnerwetter – ich wusste gar nicht, dass es lange Unterhosen auch in so peppigen Farben gibt!“, was mir einen Ellbogencheck seitens Ute einbrachte. Ich drehte mich zu ihr und meinte: „Ja, was?! Wusstest du, dass es lange Unterhosen in solch coolen Farben gibt?“ Sie sah mich an, Tränen des unterdrückten Lachens in den Augen, und ihr Blick flehte mich förmlich an, den Mund zu halten. Ich tat ihr den Gefallen, denn ich mochte Ute sehr.

Zwei Stationen vor Essen Hauptbahnhof verschwand Peter wieder in der Zugtoilette, nachdem er das giftgrüne Etwas erneut aus der Tasche gezogen hatte. Ute raunte mir zu: „Peter ist doch eigentlich ein ziemlich attraktiver und netter Typ. Jetzt stell dir bitte mal vor, du lernst den irgendwo auf einer Party oder sonstwo kennen, ihr verabredet euch ein paarmal, und dann gehst du mit ihm nach Hause. Und dann soll es zur Sache gehen, und er reißt sich vor deinen Augen die Klamotten vom Leib, oder du tust das, und dann steht er da in einer giftgrünen langen Unterhose und preist Mama, weil die ihn vor einer Blasenentzündung bewahren will! Ein Alptraum!“

Das war zu viel! Da konnte ich dann auch nicht mehr an mich halten, und ein lauter Lachanfall überwältigte mich. Ute fiel ein, und Peters Bass-Kollege lachte ebenfalls und meinte: „Ich bin zwar keine Frau, aber ich kann absolut verstehen, was euch umtreibt. Ich hatte große Mühe, als er das mit seiner Mutter erzählte.“ Ich riss mich zusammen und meinte: „Aber irgendwie ist es ja auch lieb, dass er das Geschenk so wertschätzt – ich habe als Kind schon diese ätzenden dicken Strumpfhosen gehasst, die ich damals immer im Herbst und Winter anziehen musste. Ganz schlimm mit Kleidern oder Röcken!“ – „Ja, die Scheißdinger rutschten immer!“ schrie Ute angewidert, und ich fügte hinzu: „Und manche kratzten obendrein!“ – „Und es gab welche für Sonn- und Feiertage und welche für alltags!“ – „Und ich bin grundsätzlich immer mit denen sofort hingeflogen, die für Sonn- und Feiertage waren!“ rief ich. Das stimmte. Erstaunlicherweise waren es auch just immer die Sonn- und Feiertagsstrumpfhosen in Weiß oder Beige, die am meisten kratzten und die meistgehassten waren.

Da kam Peter zurück, und er strahlte und sagte: „So, wieder gerüstet fürs feindliche Leben!“ Da fuhr der Zug glücklicherweise in Essen Hauptbahnhof ein, und es entstand geschäftiges Treiben.

Die Generalprobe in der Kirche musste dann auch einmal unterbrochen werden, da ein Zweiter Bassist sich rasch seiner warmen Unterhose entledigen musste – er hatte die Temperaturen im gut geheizten Gotteshaus eindeutig unterschätzt. Er hatte auch keinerlei Scheu, für alle hörbar zu verkünden, dass er schnell mal seine lange Unterhose ausziehen müsse, da es wärmer sei, als er erwartet habe. Und so bekamen auch noch die Chorkollegen, die während der Zugfahrt nicht in unserer Nähe gesessen hatten, mit, dass Bassist Peter offenbar ein Fan giftgrüner langer Unterhosen war, denn er brachte sie aus der Sakristei wieder mit und deponierte sie stolz hinter dem Altar. Es hätte mich allerdings nicht gewundert, hätte er sie mitten darauf gelegt und noch einmal liebevoll gestreichelt. 😉

Vielleicht sollte ich auf der langen Zugfahrt ja auch so vorgehen und kurz vor Augsburg, wo ich den EC verlassen muss, um umzusteigen, auf der Zugtoilette eine lange Unterhose anziehen. Oder?

Ach, Mist – ich besitze so etwas gar nicht! Ob ich morgen noch einmal einkaufen gehen sollte? 😉

Über Schutz- und Warnsysteme

Seit vielen Jahren schon wollte ich mich gegen Grippe – also Influenza – impfen lassen, seit ich erstmalig von dieser wirklich abschreckenden Krankheit heimgesucht worden war: mitten in meiner Examensvorbereitung. Von jetzt auf gleich ohne allzu schlimme Vorboten mit „40 Fieber“ hingerafft zu werden, ist ziemlich beeindruckend. Vor allem dann, wenn man zwar ein Fieberthermometer besitzt, aber – nach Feststellung der Temperatur spätabends – keinen Fiebersenker im Hause hat, sondern die ganze Nacht über wankenden Fußes Wadenwickel machen muss und sich morgens gegen 6 freut, wenn die Temperatur auf 39,5 gesunken ist. Eine Temperatur, die man unter anderen Voraussetzungen morgens um 6 mit großer Sorge betrachtet hätte. Ich erinnere mich noch heute an die Gardinenpredigt meiner damaligen Hausärztin, die – ihrer sonstigen Natur zuwider – sehr laut und impulsiv rief: „Ja, bist du denn bescheuert? Warum hast du mich nicht gleich gerufen? ‚40 Fieber‘ ist kein Witz – das ist wirklich ernst!“

Immerhin – ich habe das Ganze überlebt und mein Examen gut abgelegt. 😉 Dennoch hatte ich danach zweimal noch eine echte Virusgrippe, und das ist wirklich kein Spaß. Spaßig jedoch immer, dass ich mich im Verlaufe verschiedener Jahre impfen lassen wollte, ungelogen aber jedes Jahr irgendeine doofe Erkältung hatte, weswegen der jeweilige Arzt sich weigerte, mich zu impfen. Verständlich zwar, aber irgendwann gab ich auf und mich dem Risiko hin, Influenza No. 4 zu erleiden, denn ungelogen litt ich stets bei Impftermin unter irgendeinem blöden Infekt.

Dieses Jahr war alles anders, und inzwischen bin ich gegen Grippe geimpft. Aber die letzten Tage waren ein schweres Los. Letzten Montag war ich anderer Gründe wegen bei meinem Gyn, und wenn ich doch schon einmal dort war, konnte ich mich doch gleich gegen Influenza impfen lassen, was der Gyn auch anbietet, mir dieses Jahr sogar dazu riet, was er bis dato nie getan hatte. Erfreulicherweise war ich absolut fit, und ich zuckte nicht einmal mit der Wimper, als mir die Arzthelferin die Kanüle der niedlichen, kleinen Anti-Influenza-Impfspritze in den linken Oberarm jagte. Und anders als bei der Tetanus-Impfung blieb ich auch fit. Zumindest an diesem Abend.

In der Nacht darauf verfluchte ich nicht nur mich selber, sondern auch meinen Gyn und den Rest des Universums. Denn offenbar hatte mein Immunsystem eine Ladehemmung gehabt und reagierte erst recht spät auf die Impfung, das dafür aber etwas heftiger. Denn ich bekam nachts kein Auge zu, sondern rang mit Grippesymptomen. Fieber, massive Gliederschmerzen – alles tat weh, und an Schlaf war nicht zu denken, obwohl ich eher vor mich hin „vegetierte“.

Morgens ging es erheblich besser, und das Fieber war auch weg. Sehr erfreulich. Ich fuhr zur Arbeit, denn ich hatte viel zu tun. Und erst gegen Mittag holten mich die Gliederschmerzen und der Rest wieder ein. Meine Temperatur habe ich nicht gemessen, da ich eher selten mit einem Fieberthermometer zur Arbeit fahre. Es war mir aber auch egal, da es mir en tout bescheiden ging. Woher kannte ich das nur? Ach, ja! Von der echten Grippe! Die ersten Tage stets durchgängig grauenhaft, ab Tag 4 dann morgens ein Lichtblick, und das so sehr, dass man schon glaubt, man könne etwa zwei Tage später wieder zur Arbeit gehen. Und pünktlich gegen 13 Uhr kommt der Typ mit dem Baseballschläger, und dann weiß man wieder, worin der Unterschied zwischen einer schnöden Erkältung und Grippe besteht. Und das kann etwa zwei, drei Wochen so gehen …

Und so war es die ganzen letzten Tage. Offenbar leidet mein Immunsystem unter einer Art Ladehemmung. 😉 Seit heute ging es aber erheblich besser und wieder recht gut. Zumindest im Vergleich zu den vorausgegangenen Tagen.

Mal abgesehen davon, dass ich heute den Tag hatte, der stets das Grauen ist, denn es war der letzte Arbeitstag vor dem Urlaub. Warum auch immer das so ist, aber der letzte Arbeitstag vor dem Urlaub ist immer das Grauen – und heute war es besonders scheußlich, denn obwohl ich mir einen sehr präzisen Plan gemacht hatte – wider besseres Wissen -, ereigneten sich Dinge, die sich im ganzen Jahr sonst nicht auftun. Dinge, die nicht einkalkulierbar waren, meist Petitessen, die einen dennoch aufs Zünftigste aufhalten.

Nach der Arbeit war ich etwa eine halbe Stunde beim Einkaufen und dann auch schon gegen 20 Uhr zu Hause … 😉

Aber wieso sollte an meinem letzten Arbeitstag vor dem Urlaub alles glattgehen, wenn doch gestern schon der bundesweite „Warntag“, seit geraumer Zeit großspurig angekündigt und seit noch „geraumerer“ Zeit vorbereitet, ein echtes Fiasko gewesen zu sein scheint? 😉

Gestern telefonierte ich in meiner Home-Office-Schicht dienstlich mit einer Kollegin an einem anderen Standort so, wie wir es immer tun: sehr produktiv, aber bisweilen ins Private abdriftend. Eigentlich immer produktiv – möglich, dass es auch am Privaten liegt. Zumindest lagen wir bis dato mit unseren Entscheidungen immer richtig. 😉 Irgendwann rief sie: „Gleich geht es los!“ – „Was geht los?“ – „Na, der ‚Warntag‘! Was meinst du – muss ich dann aus dem Büro rennen und zum Sammelplatz laufen?“ – „Nee, ist doch keine Evakuierungsübung. Das ist nur ein allgemeiner Probealarm. Da werden die Sirenen getestet – so wie früher in der Schule. Und zusätzlich sollen die Warn-Apps getestet werden und Lautsprecherwagen von der Polizei und Ansagen in Radio und TV stattfinden. Niemand muss irgendwo hinausrennen!“ So sagte ich im Brustton der Überzeugung, überzeugt, dass alles hervorragend klappen würde. 😉

Eine halbe Stunde später war ich recht irritiert: Ich hatte zwar zwei Sirenen heulen hören, aber erstaunlich leise. Und Lautsprecherwagen? Der einzige Wagen, der mit Lautsprecher durch die Gegend kurvte, war der von „Il Gelataio Francesco“, dem lokalen Eisverkäufer, der mit einem Lautsprecher straßenweit die Leute aufscheucht, die dann gleich auf die Straße rennen, um Eis bei ihm zu kaufen.

Das kannte ich aus meiner Kindheit anders – da war ich zweimal mitten in der Nacht von Sirenengeheul aus den zwei angrenzenden Orten wachgeworden. Feueralarm. Und gestern hier, obwohl zwei Sirenen gar nicht so weit entfernt sind? Das war recht mau. Und da hatte sich Kollegin Angelika um ihre Katze Sorgen gemacht! Die hatte sicherlich selig weitergeschnarcht und vom bundesweiten „Warntag“ gar nix gemerkt. 😉 Anders als Angelika und ich, die wir dagesessen und gewartet hatten, als würden wir gleich ins All geschossen. 😉

Nachdem es Entwarnung gegeben hatte – oder auch nicht -, rief Angelika mich wieder an und rief: „Was war das denn für ein lahmer Zock?“ – „Ich warte auch darauf, dass es endlich losgeht“ – „Ali, da geht nix los – das war es schon.“ – „Ja, das befürchte ich auch. Das also ist Katastrophenschutz. Die einzige Katastrophe scheint mir im Grunde dieser ‚Warntag‘ zu sein.  Oder hat deine Katastrophen-App sich irgendwie gemeldet?“ – „Nee!“ – „Nicht einmal mehr Probealarm funktioniert noch! Wenn ich da an meine Schulzeit denke!“ – „Ja, das war wirklich beeindruckend!“ rief Angelika. Offenbar hatten wir dieselbe Art von Schulzeit durchgemacht. 😉

Ich tat doch gut daran, mein Smartphone und dessen Akku nicht mit einer dieser „Katastrophen-Warn-Apps“ zu belasten. Stattdessen dachte ich an meine Schulzeit zurück. Auf dem Dach des Schulgebäudes, das das Gymnasium beherbergte, das ich – gemäß dem Willen meiner Eltern – letzten Endes mit Erfolg besuchte, prangte unübersehbar eine Sirene. Und zweimal im Jahr – einmal im frühen Frühjahr, einmal im frühen Herbst, wurden wir von einem Probealarm „überrascht“. Immer um 10 Uhr eine Minute durchgehender „Entwarnungs“-Heulton, kurz darauf auf- und abschwellender Heulton, der uns als Warnung der Bevölkerung verkauft wurde, den mein Vater, der als kleiner Junge den Zweiten Weltkrieg miterlebt hatte, als Fliegeralarm definierte. Und mein damaliger Klassenlehrer, etwa der gleiche Jahrgang wie mein Vater, der auch als Kind den Krieg erlebt hatte, fing immer zu zittern an, wenn er den auf- und abschwellenden Alarm hörte. Das tat mir leid – so etwas wird man wohl nicht mehr los. Ab 10:20 Uhr konnte er sich aber wieder beruhigen, denn da kam wieder eine Minute „Entwarnung“ und durchgehender Heulton.

Nur etwas laut war es halt, wenn man eine Sirene direkt über dem Kopf hatte, und obwohl wir es doch besser wussten, zogen wir immer unsere Köpfe ein, sobald die Sirene über die ersten kehlig klingenden und tiefen Laute dann zu voller „Schönheit“ erblühte. Sensiblere Gemüter hielten sich dann die Ohren zu, aber ich schwöre, wir alle haben bei den ersten hohen und gellenden Tönen unseren Kopf eingezogen. 😉

Der „Warntag“ gestern war eher eine Art Enttäuschung für eingeschworene „Probealarm“-Kinder. Auf der anderen Seite hätten Angelika und ich wohl gute Chancen, zu überleben, weil es zu unserer Schulzeit noch hinreichend Sirenen gab und wir deren Signale noch verstehen. Ansonsten wäre es wohl besser, sich einen „Sirenenverstärker“ anzuschaffen. 😉 Ergo einen Hund, der sofort mitzuheulen beginnt, wenn die erste Sirene loslegt, und sei diese auch leiser. Sogar mein Dackel früher schmiss den Kopp immer in den Nacken und fühlte sich wohl wie ein Wolf, wenn eine Sirene heulte und er glaubte, er müsse mitheulen.

Nur klang im direkten Vergleich sogar die Sirene angenehmer, aber das hätte der Hund niemals zugegeben. 😉

Das Arsenal des Grauens

Ich staune ja immer wieder, was manche Mitmenschen an Geld ausgeben, um Dinge anzuschaffen, die ich eigentlich eher im Profi-Bereich verorten würde. Nicht selten sind diese Dinge im Bereich von Hof- und Gartenarbeiten anzutreffen – das aber wahrscheinlich auch nur, weil man nicht weiß, was sich in der jeweiligen „Behausung“, sprich: Haus oder Wohnung dieser Menschen noch so alles befindet. 😉

Im Grunde habe ich weder etwas dagegen, noch geht es mich etwas an, zumal auch ich bisweilen Geld für Dinge ausgebe, über die andere sicherlich das weise Haupt schütteln würden. Obwohl mein letzter Kauf durchaus sinnvoll war, da ich ins Allgäu zu reisen gedenke, wo ich nicht nur auf dem Hotelzimmer sitzen oder durch den Ort tingeln möchte. Kurz: Ich habe mir Wanderschuhe gekauft. Ich! Wanderschuhe! 😊 Aber nicht so doofe Schluffen – nee, die sehen für Wanderschuhe richtig gut aus, sind bequem, stützen sowohl Fuß, als auch Knöchel und sind von einem bekannten Outdoor-Hersteller. Dabei waren sie recht günstig – Sommerschlussverkauf oder, wie es heute bisweilen heißt, „Summer Sale“.

Also eine durchaus vernünftige Investition. Auch – und wahrscheinlich gerade – für Nicht-Profis. 😉

Letztes Jahr staunte ein Nachbar darüber, dass ich allen Ernstes mittels eines ausrangierten Küchenmessers dem Unkraut auf meinem Miet-Stellplatz zu Leibe gerückt war, und er meinte, dafür sähe es aber ziemlich gut aus. Wie lange ich denn dafür gebraucht hätte? Ich antwortete, indem ich mich ausgiebig streckte und meine Arme und Beine ausschüttelte – leises Knacken von meinen Halswirbeln erklang -, es habe mich etwa eine Stunde in gebückter Haltung gekostet. Er lachte und meinte: „Ich kippe da ja immer Unkraut-Tod drüber!“ Und er nannte mir das von ihm genutzte Präparat. Glyphosat in Reinkultur – nein, danke. Ein anderer Nachbar schwärmte mir vor, er fackle nicht lange, sondern das Unkraut immer ab und präsentierte mir voller Stolz die dafür genutzte Abfackel-Gerätschaft. Er nannte auch den Preis. Ich pries daraufhin im Geiste mein ausrangiertes Küchenmesser.

Dieses Jahr rückte ich dem Unkraut mit einem Präparat auf den dreisten Leib, das – auf Milchsäurebasis – relativ günstig zu bekommen ist. Ungünstig jedoch, wenn der Wind nicht günstig steht, denn mehrfach wehte mir der ebenfalls „ungünstige“ Geruch der Brühe in die empfindliche Nase. Keine Frage – das Zeug wirkt schnell und ist nicht umweltschädlich. Es sei denn, man sieht sich selber als Umwelt, denn mich würgte es mehrfach. Milch- wie auch Buttersäure haben einen durchaus ein- wie auch aufdringlichen Geruch. Das ist ein Euphemismus, denn: Es stinkt zum Himmel! 😉 Inzwischen ist eine praktikable und angenehme Lösung gefunden, doch dazu später.

Zurück zum anderen Hof- und Gartenarsenal. Bis vor einigen Jahren glaubte ich allen Ernstes, der sogenannte Rasenkantentrimmer, der die widerborstigen Rasenkanten, die der Mäher nicht erreicht hat, mittels einer rotierenden Schnur brutal kappt, sei das schlimmste Instrument, das man im Garten benutzen könne, da es ein lautes und widerliches Geräusch macht. Ähnlich wie die Zweiräder, die mein Ex Henrik immer als „Zwiebacksäge“ bezeichnete, da sie so ein infernalisch lautes und kreischendes Motorengeräusch absondern.  

Aber diese Art Rasenkantentrimmer ist im Grunde nur das zweitschlimmste Instrument für Freunde der Gartenarbeit.

Mein absoluter Favorit ist … der Laubbläser! 😊

Es ist ja durchaus einleuchtend, dass diese Gerätschaft von Städten bzw. Kommunen genutzt wird, um Wege, Parkanlagen und sonstig eher weitläufige Areale von Laub zu befreien oder dieses auf diese Art zusammenzutragen, so dass man es bequem an einem Ort verklappen kann. Und da nervt das penetrante Geräusch schon, ist aber noch einigermaßen zu ertragen, da die Notwendigkeit einleuchtet.

Gruselig, wenn Privatleute glauben, für ihre jeweils handtuchschmalen und -großen Rasenflächen, Mini-Terrassen oder -Höfe auch so etwas haben zu müssen. Ich merke erst seit der Home-Office-Zeit – jeden zweiten Tag -, wie schön es im Büro ist! (Es sei denn, die Wiese neben meinem Büro wird gemäht – und mit ihr die Rasenkanten …) 😉

Denn in den letzten drei Wochen erlebte ich im Home-Office diverse Einsätze mit – und jeder einzelne dauerte mehr oder minder weit über eine halbe Stunde. Kürzlich gab es sogar zwei Einsätze innerhalb dreier Tage. Mindestens zwei Einsätze, denn ich weiß ja nicht, ob an den Tagen, an denen ich im erholsamen Büro war, nicht auch laubgeblasen wurde.

Ich gebe zu, es mag sein, dass ich besonders geräuschempfindlich bin, aber aus Interesse habe ich mal gegoogelt und herausgefunden, dass offenbar das Gros der Menschen dieses Geräusch hasse. Und damit dieses Gerät. Wie schön – ich bin offenbar nicht die Einzige, bei der der Adrenalinspiegel drastisch steigt, sobald das Mistding gestartet wird. 😉

Besonders interessant fand ich kürzlich das Phänomen, das ich bei Freunden miterlebte: Kaum hatte deren direkter Nachbar seinen Laubbläser gestartet, um seine übersichtliche Rasenfläche und die kleine Terrasse von dem wenigen Laub zu befreien, das darauf lag, starteten kurz darauf noch weitere Laubbläser in der Nachbarschaft. Meine Bekannten rollten mit den Augen und äußerten ihr Missfallen – ich pflichtete ihnen bei und fand es auch grauenhaft. Jeder Benzin-Rasenmäher erschien wie eine Wohltat dagegen.

Immerhin entspannte sich die Lage wieder, als ich meinte – eher: schrie, um gegen den Laubbläser-Lärm anzukommen -, das erinnere mich an die Kommunikationsart von Weißstörchen: Fange einer zu klappern an, klapperten alle zurück. Ja, so verständigen sich Störche. 😉

Meine Freundin brüllte gegen den Lärm an: „Ich glaube eher, wir haben es eher mit dem ‚Meiner ist größer als deiner‘-Phänomen zu tun!“ Ich schrie zurück: „Das wollte ich jetzt nicht so sagen, aber ich vermute das Gleiche!“ Und dann lachten wir schallend, was Außenstehende jedoch nur an unserer Mimik und Körperhaltung erkannt hätten, denn die mehrstimmigen Laubbläser übertönten alles. 😉

Mein Miet-Stellplatz wird übrigens künftig vom Gärtner der Wohnanlage hier gegen einen kleinen Obulus von Unkraut befreit. Der ist Profi und verfügt aufgrund dessen über das für Profis, nicht für Amateure, notwendige Instrumentarium. 😉

„Singen und Schlafen“ :-)

So hieß das Babysitting-Programm, das mein Onkel Christoph Stephie und mir immer angedeihen ließ, als wir – noch recht klein – in Bamberg Ferien machten, woher meine Mutter stammt. Und natürlich auch Onkel Christoph selber.

In Bayern fangen die Sommerferien traditionell erst sehr spät an, und so musste mein Onkel Christoph, seines Zeichens Lehrer, immer noch arbeiten, wenn wir bereits Omas Wohnung mehr oder minder bereicherten, wo er, als ich ziemlich klein war, noch lebte, als er unverheiratet und noch sogenannter „Junglehrer“ war, kurz nach dem Staatsexamen.

Ich erinnere mich daran, dass Oma und meine Mutter wiederholt auf Onkel Christophs Rückkehr von seinem Arbeitsplatz warteten wie der Löwe aufs Futter: Sie wollten in die Stadt, und das ohne zwei quengelnde Kinder. Und kaum war Onkel Christoph in all seiner Respekt gebietenden Größe – 1,97 m – durch die Wohnungstür gekommen, zu meiner großen Freude stets, indem er seinen Kopf einzog, um mit diesem nicht anzustoßen, was mich als Kind stets zu Heiterkeitsausbrüchen hinriss, weil alle anderen Menschen in meiner Familie schon stolz waren, die 1,75-m-Grenze überschritten zu haben (ich blieb 10 Zentimeter darunter …), wurde er auch schon von Mama und Oma damit überrascht, dass sie ja nun unbedingt … Und er würde doch sicherlich gern auf seine zwei kleinen Nichten aufpassen – nicht wahr?

Ich sehe auch noch immer das Gesicht Onkel Christophs vor mir: So richtig begeistert wirkte er nicht, und er rief auch mehrfach, er sei „fei müd“. Aber dann sah er Stephie und mich an und meinte stets: „Na, denn …“. Und während Mama und Oma eiligen Fußes die Wohnung verließen, wurden Stephie und ich auf das weitere Programm eingeschworen. 😉

Das nannte sich sehr dezidiert Singen und Schlafen. Beim ersten Mal fremdelten wir noch ein wenig: Singen leuchtete ja noch ein – aber Schlafen? Wir wollten eigentlich viel lieber mit Onkel Christoph herumtoben und waren doch schon so groß, dass ein Mittagsschlaf als albernes Unterfangen erschien. Herumtoben wollte er aber nicht – hatte ja auch schon sehr viel seines Arbeitstages hinter sich, was wir als Kinder jedoch nicht verstanden. Da wir es uns aber nicht mit Onkel Christoph verscherzen wollten, den wir beide heiß und innig liebten, da er auch so gut mit Kindern umgehen konnte, fügten wir uns in unser Schicksal. 😉 Und dann lernten wir es schätzen – und auch meine Mutter fand es cool, die zumindest mit mir immer heftig zu ringen hatte, was den Mittagsschlaf anbelangte. Man muss den einfach nur gut als etwas ganz anderes verpacken – schon wird er eingehalten. 😉

Zuerst wurde gesungen, und wir lernten sehr viele Lieder von unserem Onkel kennen, die wir ohne dieses spezielle Programm sicherlich nie kennengelernt hätten. Unvergessen: der Seeschlangen-Song, der Favorit überhaupt! Ein sehr mitreißendes Kinderlied, der Text von James Krüss. Eindeutig einer der Favoriten. Weniger beliebt bei mir: „Sabinchen war ein Frauenzimmer, gar hold und tugendhaft“. Ziemlich blutrünstig, aber auch das gehörte zum Programm, und weder Stephie noch ich heulten. Wir fanden den Inhalt des Liedes zwar gruselig, aber irgendwie einleuchtend und haben keine Neurosen davongetragen. 😉

Zumal es ja das Lied vom „hübschen, wachsamen Hahn“ gab. Und das von „Sascha“, der „mit den Worten geizte“. Ganz zu schweigen von „Gregor“, der nicht zum „Abendtanz“ gehen sollte – das war ein Lied, das ich besonders liebte, da es so geheimnisvoll war: „Weiße Hand wie Schnee braut dir Tee aus Zauberkräutern“ hieß es da – das war spannend! Das war ein Lied, das sonst keiner kannte.

Und dann noch das Lied, dessen Refrain „Hejom, fejom, Schnee fiel in der Nacht!“ lautete. All diese fremdartigen Lieder lernten wir von Onkel Christoph, und wir sangen sie voller Inbrunst, bis wir müde wurden. Dann begann der zweite Teil von Singen und Schlafen. 😉 Auf diesen hatte Onkel Christoph wohl die ganze Zeit hingearbeitet. 😉

Und wenn meine Mutter und meine Oma zurückkehrten, fanden sie sowohl meinen Onkel, als auch Stephie und mich schlafend vor. Quasi bis zum Umfallen gesungen. Ziel erreicht. Die „Nichtchen“, wie er uns immer nannte, hielten Mittagsschlaf, und auch er hatte endlich seine Ruhe.😉

All die Lieder, die keiner sonst kannte, als ich ein Kind war, habe ich irgendwann gegoogelt, wann immer mir mal wieder die entsprechende Melodie durch den Kopf schoss. Und „Gregor“, dem vom „Abendtanz“ abgeraten wurde, entpuppte sich als ukrainisches Volkslied. „Sascha“ war russisch. Und „hejom, fejom“ habe ich erst kürzlich gegoogelt und unter „schnee fiel in der nacht“ gefunden: Ein schwedisches Volkslied ist es, und es heißt „Bonden och Kråkan“ – „Der Bauer und die Krähe“. Naheliegend, denn sowohl auf Deutsch als auch auf Schwedisch war stets von einer Krähe die Rede, die lachte. 😉 Der Bauer hatte sowohl auf Deutsch wie auch auf Schwedisch weniger zu lachen. 😉

Meinen Onkel habe ich zuletzt vor einigen Jahren gesehen – wir wohnen recht weit voneinander entfernt. Inzwischen ist er krank, und ich habe mich weniger gekümmert, als ich hätte tun können und müssen. Als mir neulich dieses schwedische „Krähen“-Lied durch den Kopf ging, fiel mir ein, wie er sich immer so lieb um uns gekümmert hat, obwohl das sicherlich nicht sein vordringliches Interesse gewesen war. Und er konnte auch so schön Geschichten erzählen. Es wird höchste Zeit, dass ich ihm mal eine schöne Geschichte erzähle. 😊

Mein Orthopäde hat Humor! 😉

Zumindest einer der beiden verfügt über eine Art Humor, die meinem Humorverständnis sehr entgegenkommt. Ich bin unregelmäßiger „Gast“ in einer orthopädischen Gemeinschaftspraxis und wurde bis dato mal von dem einen, mal von dem anderen Arzt behandelt. Einer von ihnen war früher Stabsarzt bei der Bundeswehr – merkwürdigerweise jedoch derjenige, der eher charmant herüberkommt, nicht der, der zwar stets höflich und bisweilen auch freundlich – wenn auch nicht herzlich – aber eher sarkastisch ist und meiner Vorstellung eines Stabsarztes der Bundeswehr erheblich näherkommt als der „Charmeur“.

Heute hatte ich um 16 Uhr einen Termin dort. Warum? Nun, seit etwa einem Vierteljahr bin ich mir sicher, dass jeder im Haus hören könne, wenn ich die Treppen hinab Richtung Haustür gehe, um das Haus zu verlassen oder im Waschkeller meine Waschmaschine zu be- oder entladen, denn exakt so lange knackt und knirscht es in meinem linken Knie; und das so sehr, dass ich den Eindruck habe: „Jeder kann hören, wie du die Treppe hinunterknarrst! Das ist ja furchtbar!“

Es trat ganz plötzlich auf – quasi von einem Tag auf den anderen. Es tut nicht weh, aber es ist einfach widerlich. Allein dieses Geräusch! Und das Gefühl im Knie! Keine Ahnung, ob ihr das nachvollziehen könnt, aber es fühlt sich einfach unangenehm an. Mir sträuben sich jedenfalls regelmäßig die Nackenhaare, und es läuft mir wechselweise warm und kalt den Rücken hinunter, wenn es wieder einmal knackt und knirscht. Das ist so wie früher in der Schule, wenn man an der Tafel stand und im Mathe-GK dort etwas vorrechnen sollte. Nicht nur, dass Mathe – zumindest für mich – in der Schule ohnehin der Horror war: Noch schlimmer wurde es, brach die Kreide ab, und im Eifer des Gefechts schrappte dann der Zeigefingernagel über die Tafel und erzeugte ein Mittelding aus quietschendem und kreischendem Geräusch. Das ging einem auch durch und durch – und in etwa so fühlt es sich an, wenn es in meinem linken Knie knackt und knirscht.😉

Um 15:30 h verließ ich das Büro – heute war Büroschicht. Ich ließ den Rechner an, ließ auch meine Lesebrille und andere Dinge vor Ort, da ich derzeit so viel zu tun habe, dass ich nach dem Arztbesuch noch einmal zurückzukehren beabsichtigte. 😉 Und schon stürzte ich gen Bus, denn in der Nähe der orthopädischen Gemeinschaftspraxis sind Parkplätze Mangelware, und da wollte ich doch lieber die gut funktionierende ÖPNV-Möglichkeit zwischen meinem Arbeitgeber und der Praxis benutzen.

Da kam auch schon der Bus! Ein Gelenkbus, der schwungvoll von einer Fahrerin um die Kurve vor der Haltestelle gesteuert wurde. Ich stülpte mir meinen MNS über – ein hellblaues Modell aus der „I love Oche“-Reihe (ins Hochdeutsche übersetzt gleich viel weniger charmant: „Ich liebe Aachen“. 😉 ) Zusammen mit mir stiegen zwei junge Männer ein, die sich gleich in den hinteren Teil des Busses verzogen. Ich blieb im Mittelteil, aber da rief die Fahrerin von vorn: „Hallo? Darf ich Sie um etwas bitten?“

Da ich mich angesprochen fühlte, rief ich: „Klar! Wie kann ich Ihnen helfen?“ Die Fahrerin rief: „Ich bin noch neu und vorhin auf der Linie hier eingesprungen, und ich habe nur eine ungefähre Vorstellung, wie ich fahren muss! Mein Kollege hat es mir zwar erklärt, aber ich bin ins kalte Wasser geworfen worden, weil ich nicht aus dieser Stadt hier stamme. Kennen Sie das?“ – „Ins kalte Wasser geworfen zu werden? Das kenne ich! Ich kann Ihnen bis zur Wörthstraße helfen und auch noch erklären, wie Sie danach fahren müssen, aber es wäre sicherlich besser, wäre jemand bis zur Endhaltestelle dabei. Es sind zwar nur fünf Haltestellen bis dorthin, aber es wäre doch besser, wäre jemand dabei, der auch bis dorthin mitfährt.“ – „Ja! Aber total nett, dass Sie mir weiterhelfen wollen. Wartense, ich frag mal die beiden Jungs da hinten – vielleicht fahren die bis zum Busbahnhof mit!“

Und schon rief sie die beiden jungen Männer herbei, die auch bereitwillig ankamen, jedoch zum einen aus Bayern, zum anderen aus Hessen stammten – und erst wenige Tage hier lebten. Das Erbe meiner Mutter wurde in mir wach, und ich rief: „Nein! Aus Bayern und aus Hessen – und es hat Sie hierher verschlagen!“ Die beiden jungen Männer lachten sich schlapp und sagten: „Ist nur zum Studium.“ Ich lachte auch, ebenso die Fahrerin. Ich rief: „Das ist jetzt zwar nicht die optimale Situation, aber wir bekommen Sie schon bis zur Endhaltestelle. Und dann fahren Sie die ganze Strecke zweimal – dann läuft es!“

Und schon fuhren wir los, und ich unterhielt mich mit dem Bayern und dem Hessen. Zwischendurch rief die Fahrerin: „Ich muss hier jetzt aber nicht rechts abbiegen, oder? Wenn ich das richtig im Hinterkopp habe, muss ich hier doch noch geradeaus, oder?“ Ich rief: „Ja, hier noch geradeaus!“

Und dann näherten wir uns auch schon meiner Ausstiegshaltestelle, und ich drückte den Halteknopf. Bevor ich knackend und knirschend ausstieg, rief ich der Fahrerin noch zu: „Hier über die Kreuzung noch drüber, an der nächsten Kreuzung rechts und bis zur Hauptstraße fahren. Dort dann links – die nächste Haltestelle ist identisch mit der nächsten Straßenbahn-Haltestelle. Das sehen Sie sofort!“ Und als ich ausstieg, stiegen zwei etwa zwölfjährige Jungs ein, die gleich von der Fahrerin als Lotsen engagiert wurden.

Als der Bus an mir vorbeifuhr, drehte ich mich halb um, und da sah ich, wie die Fahrerin mich anstrahlte und mir fröhlich zuwinkte. Mit der wäre ich sofort ein Bierchen trinken gegangen – die wirkte total cool. Ähnlich wie meine gute Freundin Andrea in Aachen – stundenlange, nächtelange Gespräche über Freunde, Ex-Freunde und Männer, aber auch ganz allgemeine Themen gab es da, und es war immer lustig. 😉

Der Weg zur Arztpraxis war mit diversen starken Windböen versehen – wozu eigentlich hatte ich meine Haare vor Weggang aus dem Büro noch einmal „gepimpt“? Immerhin war ich pünktlich – nicht unbedingt typisch für mich. 😉 Und ich kam auch schnell dran. Der Arzt, nicht der ehemalige Stabsarzt, begrüßte mich auf seine Art, und ich schilderte ihm meine Beschwerden. Es erfolgte sogleich das, was nicht selten in dieser Praxis erfolgt …

„Gehen Sie mit dem Zettel hier zur Anmeldung, und dann machen wir eine Aufnahme von Ihrem linken Knie!“ Ich tat, was man mir befohlen hatte, und recht schnell führte man mich aus der Um- bzw. Entkleidekabine in den Röntgenraum. Etwas anders als außerhalb von Corona-Zeiten, denn man drückte mir eine Bleischürze in die Hand, aus einiger Entfernung, und meinte: „Hier. Anlegen.“ Ah, ja. 😉

Und schon lag ich auf dem Röntgentisch, und es wurden zwei Aufnahmen aus verschiedenen Perspektiven vorgenommen. Beide Male sagte die Röntgenassistentin: „Versuchen Sie einfach, ganz ruhig zu liegen und nicht zu wackeln.“ Ich wackle für gewöhnlich nie bei Röntgenaufnahmen, und ich grinste noch in mich hinein. Aber kaum war die Maid aus dem Raum und löste die strahlenbewehrte Aufnahme aus, stellte ich fest, dass mich ihre Aufforderung eher zum „Wackeln“ triggerte. Zum Glück kann ich mich gut zusammenreißen, wenn es um bildgebende Verfahren geht, wie das so schön heißt. 😉

Schließlich untersuchte mich der Arzt, drückte und drehte an meinem Knie und Bein herum, nachdem er die Röntgenaufnahmen betrachtet hatte. Natürlich knackte und knirschte da … nichts. Der Arzt sah mich an und sagte: „Schöne Beine, aber nichts Außergewöhnliches zu erkennen, Knie in Ordnung, Rest auch. Wahrscheinlich passiert das immer, wenn Sie die Knie beugen?“ – „Ja, und es nervt!“ – „Glaube ich Ihnen. Aber es ist im Grunde alles in Ordnung. Keine Kniebeugen machen, nicht in die Hocke gehen, nicht hinknien. Wenn es schlimmer wird, kommen Sie wieder. Ansonsten: Lassen Sie’s knacken!“ Und er kniff mir ein Auge zu, und ich lachte pflichtschuldig und kniff zurück. Na, toll! Wahrscheinlich hält mich zumindest der eine Teil meiner orthopädischen Praxis für durchgeknallt – aber bei dem knarren die Knie sicher auch nicht. 😉

Aber entgegen den vorherigen Terminen dort wurde wenigstens nichts Übles entdeckt, und es sollen mir auch keine Spritzen in knochenreiche Regionen gegeben werden. Ich habe dort schon Schlimmeres erlebt. Ich werde also künftig einfach nicht mehr hinhören und -fühlen, wenn ich das linke Knie beuge und die Treppen hinabsteige. Am besten wird sein, ich singe einfach: „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“, sobald ich das nächste Mal die Treppe hinabknarre … 😉

Wenn heute eine Fee käme …

… und mir sagen würde: „Liebe Ali, du hast drei Wünsche frei – was auch immer du dir wünschst: Es wird in Erfüllung gehen“, würde ich zunächst sicherlich meinen Augen und Ohren nicht trauen, mir erstere reiben und dann – wäre die gute Fee noch immer da – völlig überwältigt als erstes rufen: „Eine Reise die gesamte Panamericana entlang – von Alaska bis Feuerland! Eine reibungslose Reise, ohne Probleme!“

Als zweites – denn inzwischen hätte ich die initiale Überraschung überwunden – würde ich sagen: „Dauerhafte Gesundheit, verbunden mit dem wirtschaftlichen Hintergrund, mir stets solche Reisen und andere Dinge leisten zu können.“ Nein, ich bin durchaus nicht materialistisch eingestellt, aber es lebt sich einfach leichter, wenn man sich keine Gedanken um Geld machen muss, und bei mir handelt es sich mehr um Sicherheitsdenken als um materialistisches Gedankengut. 😉 Und den dritten Wunsch verrate ich ganz gewiss nicht (er ist eigentlich auch der erste – die Panamericana kommt im Grunde erst auf Platz 3). 😉

Ich reise sehr gern, und ich lerne sehr gern neue Länder und Menschen kennen. Auf meiner bucket list, was das Thema Reisen anbelangt, steht eine Region dieser Erde auf Platz 1: Südamerika.

„Schuld“ daran ist der jüngere Bruder meiner Mutter: Onkel Christoph. Denn er – stets eine Art „Weltenbummler“ gewesen – ging als Expat für fünf Jahre nach Ecuador, lebte und arbeitete dort als Lehrer in Guayaquil an der dortigen deutschen Schule. Damals war ich etwa elf, zwölf Jahre alt – und ich las fortan alles, was mir über Südamerika in die Finger kam. Mein Onkel und ich pflegten überdies einen regen Briefkontakt per Luftpost (leider gab es damals noch nicht die Möglichkeit, E-Mails zu schicken, aber die Freude über einen Luftpostbrief war wahrscheinlich größer als die Freude über eine Mail). Er schickte mir Fotos, beschrieb das Leben dort sehr interessant, reiste während der dortigen Ferien nach Peru, nach Bolivien, Kolumbien, Chile … Ich war angefixt – und diese Faszination hat mich nie wieder verlassen. 😉

Onkel Christoph lud mich mehrfach nach Ecuador ein. Aber ein inzwischen dreizehn-, vierzehnjähriges Mädchen allein nach Südamerika zu schicken, fanden meine Eltern nicht so toll, und ich schmollte damals. 😉 Und dann war die Expat-Zeit vorbei.

Vorbei aber nicht die Faszination meinerseits. Und noch heute reizt mich diese Region der Erde sehr, und eine Reise die gesamte Panamericana entlang reizt mich ganz besonders, denn auch in Nordamerika gibt es eine Region, die ich sehr gern besuchen würde: Alaska. Und dann durch beide Teile des Kontinents hindurch. Von Alaska bis Feuerland. Und natürlich durch Patagonien.

Onkel Christoph lebte danach als Expat auch noch einige Jahre in Shanghai. Das hat mich allerdings nie so gereizt wie Südamerika. Keine Frage – Asien ist auch sehr interessant, aber nicht die Region auf der Welt, die mich über Gebühr reizt. Da hat ja jeder offenbar seine ganz eigenen Vorlieben. Außerdem ist Spanisch sicherlich leichter zu erlernen als Mandarin oder gar Wu. 😉 Und was Onkel Christoph mir aus Shanghai schrieb, gefiel mir – sehr tierlieb – überhaupt nicht.

Wahrscheinlich sollte ich doch besser Lotto spielen und auf mein Glück hoffen, denn eine Fee wird sicherlich nicht vorbeikommen. Und wenn doch, sollte ich meine Wünsche noch einmal abändern, denn Reisen in die Tropen beinhalten auch die Akzeptanz der dortigen Insekten, Spinnen und sonstiger Tiere – und da musste ich schon in der Dominikanischen Republik sehr viel Selbstbeherrschung mitbringen, denn in den Tropen gibt es ganz viele Insekten, die zwar von ihrer „Grund-Machart“ her auch hier bekannt sind – nur halt dort viel größer und wirklich furchteinflößend.

Unvergessen in der DomRep: der Abend, als ich mit leichtem Fieber und Bronchitis – eindeutig durch die eiskalt eingestellte Klimaanlage entstanden – im Bett lag, während Frank zur Bar gehen wollte. Kein Problem – er musste ja nicht im Zimmer bleiben, nur weil ich kränkelte. Ich bin da im Allgemeinen großzügig. Als er sich gerade zum Gehen wandte und schon an der Zimmertür stand, hörte ich ein merkwürdiges, „vielstimmiges“ Geräusch von rechts neben dem Bett, und als ich hinsah, traf mich fast der Schlag: Etwa zwanzig riesige Viecher saßen da – offenbar eine besonders große Zikadenart. Ich sagte, um Ruhe bemüht: „Frank, du kannst noch nicht gehen.“ – „Wieso?“ – „Ich bleibe hier nicht allein, wenn das hier mit mir im Raum ist.“ – „Was denn?“ – „Hörst du das nicht? Komm mal ums Bett herum.“

Er tat es und freute sich nicht. „Wie soll ich die denn beseitigen?“ – „Mir völlig egal – tot oder lebendig, die Viecher müssen weg! Ich bleibe hier nicht allein, wenn die im selben Raum sind wie ich!“

Die gigantischen Zikaden, die übrigens als „Singzikaden“ bekannt sind und vor dem Bett saßen, sorgten dafür, dass ich wie schockgefrostet im Bett saß. Der Name kommt nicht von ungefähr – die etwa zwanzig „kleinen“ Musiker begannen auch gerade schon damit, ihre Instrumente zu stimmen, als Frank gerade das Parterre-Hotelzimmer (mit Terrasse) verlassen wollte. Wie gut, dass sie das taten, denn ansonsten hätte ich sie ja erst nach Franks Weggang bemerkt… 😉

Sie waren zwischen 7 und 10 Zentimetern lang und kohlrabenschwarz. Vermutlich wollten sie der Kränkelnden, also mir, nett Gesellschaft leisten und ein kleines Konzert darbieten. Ich bat Frank, langsam und vorsichtig um das Bett herumzukommen – ich hegte die Befürchtung, einer oder gleich mehrere dieser wenig attraktiv wirkenden Gesellen könne bei schnelleren Bewegungen erschrecken und wild herum- und dann mich anspringen oder -fliegen! Ich bin mir sehr sicher, dass ich in diesem Falle die gesamte große Massentourismus-Knastanlage zusammengeschrien hätte. 😉 Nun steht man ja manchmal ganz gern im Mittelpunkt, z. B., wenn man etwas gut gemacht hat. Aber ich würde nur sehr ungern aufgrund eines Angriffs zahlreicher Riesenzikaden auf mich im Mittelpunkt stehen, obwohl mich sicherlich einige Leute um meine kräftige und durchdringende Stimme beneiden würden. 😉

Er schaffte es tatsächlich, die Tiere zu beseitigen, wollte allerdings erst einen meiner Schuhe dazu benutzen („Nicht mit meinem Schuh!“), aber ich muss zu meiner Schande gestehen: Mein Horror vor Insekten hat etwa zwanzig Singzikaden das Leben gekostet … ☹

Ergo: Neuauflage der Wünsche an die Fee, die sicherlich niemals erscheint. 😉

Wunsch 1: Wird nicht bekanntgegeben.

Wunsch 2: Alles Sonstige, was ich mir wünsche, inklusive Gesundheit, Panamericana und so viel anderes.

Wunsch 3: Wozu bei präziser Ausformulierung von Wunsch 1 und 2 noch Wunsch 3?

Okay, wäre ich noch präziser gewesen, hätte es nur eines Wunsches bedurft – die Äußerung hätte sicherlich aber etwas mehr Zeit in Anspruch genommen. Kann ich Wunsch 3 als Reservewunsch offenhalten, falls ich etwas vergessen habe? 😉

Kuba in meinem Auto

Ich glaube, ich habe in meinem Auto, dem kleinen Monty, bis dato noch nie Radio gehört, denn ich nutze immer den CD-Player oder mein Smartphone, um Musik zu hören. Nachrichten will ich vor allem auf dem Weg zur Arbeit gar nicht hören – mir reichen Zeitung, Fernsehen und Internet als Lieferanten dessen, was großenteils die Stimmung sinken lässt. Im Auto höre ich ausschließlich Musik, gern auch lauter.

Heute fuhr ich nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause, dabei „Chan Chan“ mitsingend – und das, obwohl ich gar kein Spanisch kann! 😉 Es handelt sich um ein kubanisches Lied, und ich kann es trotz mangelnder echter Spanischkenntnisse so schön mitschmettern, weil ich dieses Lied liebe und mir den Text eingeprägt habe, nachdem ich es das erste Mal gehört und den Text dann gegoogelt hatte, mitsamt Übersetzung, als ich vor Jahren mit Giacomo die Doku „Buena Vista Social Club“ angesehen hatte, die ich mir kurz darauf auch auf DVD kaufte. Der Text wirkt – wenn man weiß, was da gesungen wird – auf den ersten Blick etwas frugal, ist im Grunde aber sehr poetisch und passt zum melancholisch-schönen Gesamtbild dieses Liedes. 😉

Nun besitze ich zur DVD auch die CD, und das ist zwar gewissermaßen „Mainstream“, aber dennoch kubanisch, poetisch und schön, und die letzten Tage waren so, dass ich dachte, ein bisschen Kuba im Auto könne gar nicht schaden. 😉

Auf Kuba selber war ich noch nie. Aber auf der nächsten Insel südöstlich davon. Vor -zig Jahren. Ich hatte gar nicht hingewollt, da auf dieser „geteilten Insel“, zumindest in ihrem östlichen Staat, eher Massentourismus angesagt ist. Aber mein damaliger Freund wollte unbedingt hin.

Wir wollten endlich einmal zusammen Urlaub machen, damals in Aachen. 😉 Frankie war berufstätig, ich noch Studentin. Er meinte: „Du machst einen Vorschlag, und ich mache einen Vorschlag.“ Das klang fair, und ich schlug Cornwall vor. England. Ich liebe England. Da Cornwall aber teuer ist und ich finanziell schlechter gestellt war als Frankie und mein durch Jobben verdientes Geld so gerade und nur ganz knapp gereicht hätte – und das für nur eineinhalb Wochen! – und er großzügig meinte, er würde dann für uns beide zahlen, er obendrein meinte, im März nach England zu reisen, sei doch ziemlich gruselig, obwohl ich den Golfstrom und die Palmen in Teilen Cornwalls erwähnte, wurde es dann – tätää! – die Dominikanische Republik, kurz: DomRep. Ein Kontrastprogramm, das kontrastreicher nicht hätte sein können. Frankies bester Freund, mit dem ich nicht so harmonierte, weil ich Aufschneider nicht so mag, war ein großer Fan, und Frankie vertraute seinem besten Freund blind. Offenbar mehr als mir, dabei bin ich durchaus vertrauenswürdig. 😉

Da aber Urlaub wirklich notwendig war und wir zusammen reisen wollten, sagte ich ja, obwohl mir das Urlaubsmodell nicht so gut gefiel. Aber ich bin durchaus kompromissfähig, und Frankie meinte: „Und wenn es dir wirklich absolut nicht gefällt, reisen wir da nie wieder hin.“ Okay. Haben wir auch nie wieder getan.

Ich gebe zu, es reizte mich ja schon ein wenig, auf die „Großen Antillen“ zu reisen – aber musste es ausgerechnet die Dominikanische Republik sein? Dann doch lieber Kuba – das hätte wenigstens Stil! Aber davon wollte Frankie gar nichts wissen, obwohl ich ihm wiederholt ganz reizend – und natürlich völlig ohne Hintergedanken – Guantanamera vorsang (den Text kann ich ebenfalls ohne nennenswerte Spanischkenntnisse auswendig) und er es auch sehr schön fand und meinte, seine vorherigen Freundinnen hätten im Gegensatz zu mir nicht singen können – und auch nicht kochen. Ich gab zurück, er solle sich weniger mit Gregor treffen, denn dessen Möchtegernmacho-Art färbe inzwischen ab. 😉

Zweieinhalb Wochen vor unserem Flug in die DomRep wurde ich plötzlich krank – eine richtig fiese Angina hatte mich erwischt, und das so schlimm, dass ich nachts kein Auge zutun konnte und mir vor jedem Schluck Wasser graute, so weh tat es. Fieber hatte ich auch nicht zu knapp, und ich sah den Urlaub schon scheitern.

Das Grauen dauerte etwas über eine Woche an, aber es zeichnete sich ab, dass ich würde reisen können. An dem Tag, da ich mich erstmalig meines Bettes fieberfrei enthob, fiel mir schlagartig Furchtbares ein: Reisepass! Ich würde einen Reisepass brauchen! Und meiner, den ich aus der linken Schreibtischschublade holte, war seit einem Jahr abgelaufen! Zitternd und mit immer noch rauher Stimme rief ich beim Aachener Einwohnermeldeamt an und schilderte mein Problem. Kein Problem, beschied man mir, ich solle mitsamt abgelaufenem Pass einfach vorbeikommen, um mir einen Notfallpass ausstellen zu lassen. So geschah es, und mitsamt Notfallpass und abgelaufenem Pass – der musste dabei sein, zumal ein unbegrenztes Visum für die Vereinigten Staaten darin prangte – trat ich zusammen mit Frankie die Reise an.

Der Flug war problemlos, die Landung etwas härter, aber wir waren endlich in Puerto Plata, und unser Gepäck war auch auf dem Gepäckband. Mit selbigem durchquerten wir den wunderbar klimatisierten kleinen Flughafen, denn davor sollte der Zubringerbus warten.

Und da stand er auch schon! Wir strebten nach draußen, die gläsernen Schiebetüren öffneten sich – und wir prallten gegen eine schier undurchdringliche „Wand“ aus feuchtheißer Luft! O Gott! Nun ja, wir hatten ja damit gerechnet (womit auch sonst?), aber wenn man aus dem noch winterlich kalten Aachen kam, war es schon ein ziemliches Kontrastprogramm.

Der Bus war zum Glück aber auch hervorragend klimatisiert, und er fuhr uns und andere Pauschaltouristen über Land.

Ich weiß noch, dass ich mich fast bis auf die Knochen schämte, als ich sah, woran wir vorbeifuhren: Wellblechhütten, bis zum Boden durchhängende Überlandleitungen, allerdings ummantelt mit Kunststoffisolierung, an deren „Produkt“ die Bewohner der wellblechernen Verschläge jedoch gar keinen Anteil hatten, denn dort wurde auf offenem Feuer in Kesseln gekocht. Vor den Wellblechhütten tummelten sich Ziegen, Schweine und schmutzige Kinder sonder Zahl. Ich kam mir wie eine ignorante Erste-Welt-Idiotin vor, die all das in Kauf nimmt – Hauptsache, der Urlaub ist günstig und gut, wenn man nur die Augen vor allem verschließt. Ich hatte ja ohnehin nicht dorthin gewollt, war aber überstimmt worden. Als ich Frankie darauf aufmerksam machte, dass ich mir wie ein Arschloch vorkäme, meinte er nur: „Ja, aber diese Leute profitieren doch vom Tourismus!“ – „Das ist nicht dein Ernst! Du glaubst doch nicht im Ernst daran, dass die Bewohner dieser Wellblechverschläge vom Tourismus profitieren! Die sehen doch keinen roten Heller! Die sehen hier dauernd die klimatisierten Touri-Busse vorbeifahren und leben weiterhin im Elend – sieh dich doch um!“

Wir kamen nicht bester Stimmung in unserem „Touristenbunker“ in Cabarete an, einem mehrere Hektar großen, mit sehr hohen Zäunen eingefassten Areal mit vielen drei- und mehrstöckigen Häusern, die die Touristenzimmer enthielten, Bars, Speisesälen, „Restaurants“, Fitnessräumen, Pools, Liegewiesen, Pferdeställen, Tennisplätzen und all dem an, was man westlichen Touris mindestens anbieten muss. Natürlich auch Animateuren, einer Disco und sonstigen Dingen, auf die man – zumindest ich – im Urlaub gut und gern verzichten kann.

Als erstes tackerte man uns ein grünes Armband ans rechte oder linke Handgelenk, damit man auch gleich erkennen könne, dass wir Einwohner dieser „Anstalt“ waren. Fast „all inclusive“, denn wir hatten uns dazu entschlossen, zumindest mittags anderswo zu essen. Die Vollpensionisten, die das Areal gar nicht verlassen wollten, hatten rote Armbändchen. Und: Damit man uns, sollten wir das von verschiedenen Security-Mitarbeitern mit Maschinenpistolen bewachte Areal temporär verlassen wollen, auch problemlos wieder einlassen und nicht gleich über den Haufen schießen würde.

„Super!“ sagte ich zu Frank. „Warum haben wir uns nicht gleich in Deutschland einknasten lassen? Das wäre sicherlich preisgünstiger gewesen. Wir hätten nur ganz dilettantisch eine Tankstelle überfallen müssen. Die Esso-Tankstelle am Europaplatz, zum Beispiel. Nun, immerhin haben wir Freigang!“ Und ich hob den linken Arm, an dem das grüne Bändchen prangte und lachte dreckig. Ich kann leider manchmal nicht aus meiner Haut. 😉 Frank war sauer: „Was hast du denn zu meckern – ist doch alles gut organisiert.“ – „Ja, so kann man es natürlich auch sehen, wenn man ohnehin daran glaubt, dass die arme Bevölkerung in Wellblechhütten ganz sicher an den Einnahmen durch den Tourismus partizipiere. Allein diese MP-Securities irritieren mich. Was, wenn die da nicht stehen würden? Ich meine, das ist doch völlig surreal!“ Kaum angekommen und mit grünen Bändchen versehen, gab es schon Krach! 😉 Aber mich hatte bereits die Überlandfahrt mit dem Bus nachhaltig verstört, obwohl ich schon nicht viel Positives erwartet hatte. Ich bin mir sicher, Frank ging es ähnlich, aber da er unbedingt in die DomRep gewollt hatte, konnte er nicht anders.

Nachdem wir ausgepackt hatten, begaben wir uns relativ zügig in den Speisesaal, aßen zu Abend, und danach suchten wir eine Bar auf dem Gelände auf, die nicht ganz so überlaufen war. Dort bediente eine junge Frau. Da Frank noch weniger Spanisch als ich spricht, musste ich bestellen, und obwohl ich nur frugale Spanischkenntnisse präsentieren konnte, freute sich die junge Einheimische sehr, dass sich jemand bemühte und nicht von ihr verlangte, Deutsch zu verstehen, und da sie des Englischen einigermaßen mächtig war, unterhielten wir uns sehr nett, sie gab uns Tipps und wollte das Trinkgeld erst nicht annehmen, bis ich – manche Redewendungen und Floskeln hatte ich schnell gelernt – sagte: „Esta bien así!“ Sie bedankte sich erst auf Spanisch, dann auf Englisch, als sie mein freundliches Lächeln sah, das besagte, dass ich kein Wort verstünde, und sagte, sie freue sich sehr darüber, aber das sei nicht nötig, da wir so nett zu ihr seien. Das sei für sie schon Dank genug. Ich starrte sie an wie eine Erscheinung und dachte: „O Gott, was muss sie denn sonst alles mitmachen!“ Dann sagte ich, es sei uns eine Freude, und wir würden auch sehr gern wiederkommen. Es sei nett gemeint, und sie würde uns eine echte Freude machen, würde sie es einfach als Anerkennung für eine so nette Bedienung sehen. Da strahlte sie und nahm das Trinkgeld an, meinte jedoch, wir seien ihr auch ohne dies stets sehr willkommen, denn wir würden so nett mit ihr sprechen.

Ziemlich verstört ging ich zu Bett und dachte: „Der Tourismus scheint die Dinge hier in der Tat nicht besser zu machen. Die junge Frau freute sich einfach, dass es Menschen gibt, die zwar kein Spanisch sprechen, es aber zumindest versuchen, und die ihr nicht gleich sonstwohin grabschen.“

Am nächsten Abend gab sie uns gleich ein Bier aus. Das wollten wir zwar nicht, wollten sie aber auch nicht vor den Kopf stoßen. Sie freute sich immer, wenn sie uns sah und meinte, solche deutschen Touristen hätte sie noch nie erlebt – so nett. Und sie gab uns Tipps, was wir uns unbedingt ansehen müssten, ebenso, wohin wir besser nicht gehen sollten.

Am dritten Morgen – ich kam von einem Ausritt zurück und hatte gerade den für Touristen angeratenen Rum zu mir genommen, der Montezumas Rache entgegenwirken soll und dies offenbar auch tat, wenn man nur daran glaubte, obwohl ich es gruselig fand, um 11 Uhr am Vormittag so etwas zu mir zu nehmen, wurde ich Augen- und Ohrenzeugin eines schrillen Szenarios: Ein prolliger deutscher Tourist hatte sich einen einheimischen Mitarbeiter „gekrallt“ und laberte diesen in sehr frugalem Englisch zu, dieser solle mit aufs Zimmer kommen, um den Fernseher so einzustellen, dass der deutsche Touri – kam aus Hannover – das nächste Formel-1-Rennen mit Michael Schumacher sehen könne! „Maikel Shoemaker! Formel 1! Ju kamm wiss mi tu mei Ruum!“ Und schon griff er den Mitarbeiter beim Arm und wollte ihn wegzerren.

Ich war derart entgeistert, dass ich stehenblieb. Der Angestellte der Hotelanlage war sichtlich irritiert und starrte hilfesuchend zu mir herüber, und ich rief: „Excuse me, I’ve inadvertently and – moreover – unwillingly overheard your conversation. To my mind, this sir would like you to come to his room in order to select and fix some television channel so that he is able to watch the upcoming Formula 1 car race with Michael Schumacher. Don’t ask me why he travels to the other end of the world for that. Whatever, he is harmless and does not intend to do you any harm. I do not understand either why he has to come here to watch this car race – and he does not belong to me; I just want to help.“ Der Mitarbeiter strahlte mich an und kniff mir ein Auge zu, während der deutsche Tourist mir zurief: „Ey, stellt der mir jetzt den Sender ein?“ Ich ließ den Deppen einfach stehen, während der einheimische Mitarbeiter einen bedauernswerten Untergebenen instruierte, mit dem deutschen Touri aufs Zimmer zu gehen, um den entsprechenden Sender einzustellen. Da drehte ich mich allerdings noch einmal um und rief dem Touri zu: „Ein Trinkgeld ist auf alle Fälle angemessen!“ Darauf rief der Idiot zurück: „Ey, is alles inklusive!“ Ich fühlte mich schon morgens um 11 erschöpft – so ähnlich hatte ich mir immer die Hölle vorgestellt. 😉

Es gab aber auch sehr nette Touris dort. Die meisten dieser Sorte machten auch erstmalig Urlaub unter solchen Bedingungen. (Ja, auch wenn ich total motzig klinge: Ich war doch immer nett und freundlich zu den anderen Menschen, wenn mir auch die Bedingungen dieses Urlaubs nicht ganz so gut gefielen. Immerhin schien die Sonne.)

Sogar einen Abstecher in die Karibik machten wir, und das Meer ist wirklich wunderschön türkis, warm und traumhaft. Vor allem, wenn man sich die vielen deutschen und englischen Touris wegdenkt (und trotz des schlechten Rufs der englischen Touris fand ich die deutschen schlimmer). 😉 Ebenso die geschäftstüchtigen Strandverkäufer, die einen „chica linda“ nennen – zumindest damals 😉 – und einem ratz-fatz -zig billige Ketten um den Hals schlingen, wenn man quasi „unbewacht“ am Strand liegt, weil der zugehörige Freund sich gerade in einem Strandpavillon seine Badehose anzieht. Ich musste wirklich energisch werden, mir die Verkäufer vom Leib zu halten, war aber dennoch froh, als Frank endlich ankam, denn just da hatten mich auch zwei „Ich flechte dein Haar ratz-fatz in zahlreiche kleine Zöpfchen, egal, ob es dir steht oder nicht“-Mädels entdeckt. Eine hatte sogar schon nach meinen Haaren gegriffen und bewunderte sie, weil sie blond waren, während ich zweisprachig „Nein!“ sagte („No!“ englisch und „No!“ spanisch, allerdings lächelnd und im ersten Falle mit „thank you“, im zweiten mit „gracias“ versehen). 😉 Immerhin war ich erfolgreich, während mehrere weibliche Touris, die den Ausflug mitgemacht hatten, wohl weniger hartnäckig gewesen waren. Speziell an eine Deutsche erinnere ich mich, die ohnehin schon recht „spack“ aussah, mit den zahlreichen, winzigen und enganliegenden Zöpfen auf dem Kopp fortan aber einem Schwein glich. Sorry, aber anders kann man das kaum sagen – mir hätte es auch ganz und gar nicht gestanden, und ich hätte, wenn auch damals sehr schlank, ebenso unvorteilhaft ausgesehen. Sie war aber offenbar noch stolz auf ihre „einheimische“ Frisur (ich muss wahrscheinlich nicht erwähnen, dass keine einzige Einheimische so herumlief 😉 ). Seitdem heißen solch enganliegende Zöpfchen bei mir nur noch „Schweinezöpfchen“.

Ich mag diese „Touristenbunker“ nicht. Aber das Land mochte ich, ebenso die Menschen dort. So nett und gastfreundlich, wenn man außerhalb des „Knasts“ in Kontakt mit ihnen kam. Man musste manchmal einfach nur nach dem Weg fragen, in defizitärem Spanisch und mit einzelnen Worten,  und wurde schon willkommen geheißen, fand sich in einem Gespräch wieder, das trotz Verständigungsschwierigkeiten und dank viel Gestik und rudimentärem Spanisch- wie etwas besseren Italienischkenntnissen dann doch zu einer Art Konsens führte. Frankie und ich saßen jedenfalls mehrfach mit Getränken und Speisen in den Heimen bzw. Gärten Einheimischer. 😊 Und obwohl wir wahrscheinlich über völlig unterschiedliche Dinge sprachen und einander zumindest rein verbal nicht optimal verständigen konnten, schien die Chemie so zu stimmen, dass man uns nur ungern wieder ziehen ließ. Glücklicherweise sind Spanisch und Italienisch in mancher Hinsicht recht ähnlich, und so verstand ich auch einiges – zumindest so viel, dass man uns wohl mochte. 😊
Nur wenn man beim Frühstück, gefragt von einer vornehmlich hispanophonen Kellnerin, ob etwas fehle, was man noch versteht, nach burro verlangt, muss man sich darauf gefasst machen, dass man angesehen wird, als habe man etwas Unanständiges gesagt. Auf einen sogenannten false friend hereingefallen, denn burro ist Butter im Italienischen, im Spanischen jedoch Esel. Aber seit diesem Fauxpas brachte die junge Frau immer von sich aus Nachschub an Butter an den Tisch, wenn sie uns auszugehen schien, und sie sagte immer „más burro“ und kniff mir ein Auge zu. Unverlangt, aber sie hatte verstanden, was ich ihr in einem gruseligen Gemisch aus Italienisch und Spanisch erklärt hatte, nachdem mir das richtige Wort – mantequilla – wieder eingefallen war: dass ich zwar Italienisch sprechen könne, leider aber kein Spanisch. Sie freute sich und erklärte in sehr gebrochenem Englisch mit Spanisch, dass sie das sehr nett finde. Ich erklärte ihr jeden Morgen, wenn sie Dienst hatte und mit Nachschub-Butter an unseren Tisch kam, dass sie das nicht tun müsse. Natürlich bekam sie ein Trinkgeld. 😉

Nie wieder Urlaub in einem Touristenknast, aber abgesehen davon erinnere ich mich doch ganz gern daran. Und als wir nach Aachen zurückkehrten, wo es schneite, wurde ich öfter auf meine eigentümliche Bräune angesprochen: Ich bin blond und relativ hellhäutig mit Sommersprossen. Ich kam – völlig ungewohnt – relativ gebräunt von dort zurück, in besonderem Maße jedoch auf dem Nasenrücken, von dem sich wie zwei Flügel zwei besonders gebräunte „Rallyestreifen“ bis zu den Schläfen zogen. Sah man genau hin, sah man, dass diese Streifen aus hunderten, kleinen Sommersprossen bestanden. Das habe ich erst- und einmalig beim Urlaub in der DomRep „erlitten“. 😉 Sah schräg aus. Wahrscheinlich meine Strafe für viel Lästerei über den „Touristenknast“. 😉 Mein Ex Frankie war zwar nach Rückkehr von dort krank, aber keineswegs gebräunt – gegen ihn sah ich sehr exotisch aus.

Unser nächster gemeinsamer Urlaub fand auf Texel statt, obwohl ich Kuba vorgeschlagen hatte. Das wollte Frankie aber nicht – das sei ja wie eine Provokation, da die Leute dort arm seien. Ah, ja  … 😉 Immerhin gibt es auf Texel nicht so grauenerregend große Insekten – und auch keine Geckos, die, wenn auch freundlich gesinnt, einem nachts übers Gesicht latschen. 😉

Und bevor ihr mich für einen furchtbaren weiblichen Motzkopp haltet: Ja, mir war im Grunde klar, dass das kein Urlaub werden würde, den ich mir freudig lachend sofort aussuchen würde. Mir war klar, worauf ich mich einließ, zu Hause zumindest in Ansätzen. Und da hatte ich mich mit den „Ansätzen“ schon abgefunden, wenn ich mich auch wiederholt fragte, ob das wirklich eine gute Idee sei. Ich hatte berechtigte Zweifel. Vor Ort war es aber noch schlimmer, als erwartet. Und da ich bisweilen nur ganz schwer meinen Mund halten kann, quoll es vor Ort dann definitiv aus mir heraus, denn vom heimischen rosa Sofa aus sieht Elend weniger schlimm aus. Ich bin keine Sozialromantikerin, versuche, Dinge meist realistisch zu sehen. Dort musste ich sie sogar realistisch sehen – sie waren nicht zu übersehen. Und ich fand die Gegensätze ziemlich bizarr. Das überschattete den Urlaub auch – die Wellblechhütten waren nicht so leicht zu vergessen, auch wenn man am Pool lag und einen frischen Ananassaft schlürfte. 😉  Selbst wenn man die Augen schloss, hörte man doch so manchen Touri die einheimischen Angestellten herumkommandieren, die dort wahrscheinlich den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie verdienten, und das beileibe nicht einfach.

Das Land an sich ist wunderschön, die Bewohner liebenswert. Aber unter diesen Umständen noch einmal dort Urlaub machen? Wohl eher nicht.

Was ich auf alle Fälle voller Begeisterung mitgenommen habe, ist die Art der Musik dieser Region und die Zuneigung zu den Menschen dort – beide einfach nur sympathisch und liebenswert. Und deswegen höre und singe ich derzeit auch „Chan Chan“ im Auto. 😉