„Willkommen in der Sowjetunion!“

Heute habe ich es endlich – nach zwei Jahren anderweitiger Aufregung – geschafft, meinen Erfahrungsbericht zu schreiben, den ich viel eher hätte schreiben sollen, nachdem ich Anfang November 2019 eine Dienstreise nach Lettland angetreten hatte, und das im Rahmen von Erasmus, das hoffentlich vielen von euch ein Begriff ist.

Als ich den Bericht schrieb, kehrten Erinnerungen zurück. Morgens um kurz nach 5 hatte ein Taxi mich abgeholt und zum Flughafen Düsseldorf gefahren, zum Festpreis und mit Kreditkartenzahlung. Von dort sollte ich erst nach Amsterdam-Schiphol fliegen, mit KLM, und von dort weiter nach Riga. Und so geschah es auch.

Ich war unterwegs zu einer Konferenz, einer sogenannten International Staff Week. Einer EU-Veranstaltung.

Es regnete leise, als ich vor dem Haus, in dem ich lebe, auf das Taxi wartete, das alsbald erschien. Und schon rasten wir gen Düsseldorf. Der Fahrer nett, der mich vor dem Abflugbereich in Düsseldorf absetzte. Er meinte noch: „Hier meine Karte. Wenn Sie zurückfliegen, einfach kurz vorher anrufen – dann hole ich Sie auch wieder ab!“ Ich nickte freundlich und bedankte mich, wusste jedoch auch, dass nur eine Fahrt erstattet werden würde. Zurück also besser per Bahn…

Der Abflug von Düsseldorf verspätet, musste ich in Schiphol rennen, um den Anschlussflug nach Riga zu erwischen. Aber ich habe es geschafft und saß schließlich in einer topmodernen Maschine von airBaltic und wartete auf den Start, der dann auch recht bald erfolgte. Und wir flogen in etwas turbulenter Atmosphäre gen Osten, weiter gen Osten, als ich je zuvor geflogen war. Meine Kolleginnen hatten mich bereits für verrückt erklärt, um diese Jahreszeit ins Baltikum zu fliegen, obwohl ich doch auch die Möglichkeit gehabt hätte, eine vergleichbare Konferenz in Valencia mitzumachen. Allerdings zu einem ganz anderen Thema, das mich nicht so reizte – und außerdem liebe ich eher krasse Klimaverhältnisse und kühlere Länder. 😉

Nach einigen Stunden Fluges merkte ich, dass wir uns im Sinkflug befanden, und schon teilte uns der Flugkapitän zunächst auf Lettisch mit, wir befänden uns im Landeanflug auf RIX, auch Starptautiskā lidosta „Rīga“ genannt, ergo Flughafen Riga. Das einzige Wort, das ich verstand, war Riga, und ich kombinierte, dass wir wohl alsbald landen würden. Da ich einen Fensterplatz hatte, blickte ich hinaus und stellte fest, dass wir uns noch immer in der Wolkenschicht zu befinden schienen. Offenbar war die Wolkenschicht hierzulande dicker als anderswo, dachte ich noch, als es auch schon rummste und wir offenbar aufgesetzt hatten – worauf auch immer. Denn wir befanden uns noch immer mitten in den Wolken, so dachte ich, bis mir klar wurde, dass wir offenbar im dicksten Nebel gelandet waren.

Zwar hatte ich bereits vor Abreise die Wetter-App bemüht, und mir war klar, dass das Wetter hier eher rauh sein würde – aber dass hier derartige Verhältnisse herrschen würden, war mir nicht ganz klar gewesen. Aber da ich beim Fliegen immer recht unerschrocken bin, dachte ich nur: „Warum herrschen anderswo eigentlich immer solche Sorgen, wenn hier im dicksten Nebel gelandet wird, ohne dass jemand einen Aufriss veranstaltet?“ Und völlig unerschrocken verließ ich den Flieger und lief zusammen mit den anderen Passagieren polternd durch die Fluggastbrücke, die uns in das Innere des Flughafens führte, wo alles wunderbar klappte – binnen kürzester Zeit waren mein Trolley und ich wiedervereint, und schon stochte ich damit vor das Flughafengebäude.

Vorgewarnt durch meine Schwester, die vier Jahre zuvor auf Recherchereise ganz allein mit einem Mietwagen das Baltikum durchquert hatte, nachdem sie initial in Riga gelandet war, hielt ich Ausschau nach einem rotzgrüngelben Taxi der Firma Baltic Taxi. „Das einzig faire Taxiunternehmen und günstig,“, hatte sie mir gesagt. „Ich selber bin auf einen Halsabschneider hereingefallen – da stehen vor dem Flughafen auch andere, private Taxifahrer, die einen abzocken!“  

Dort hinten stand eines! Und ich stochte mitsamt Trolley durch den strömenden Regen, der aus dem steingrauen – Loriot ließ grüßen! – Himmel stürzte, hin und erklärte dem Fahrer, ich müsse zur Straße des 13. Januar, wo mein Hotel sich befände. Er fuhr mich hin, und auf der etwa zwanzigminütigen Fahrt stellte sich heraus, dass er einige Zeit in Deutschland gelebt hatte und Deutsch mit reizend baltischem bzw. lettischem Akzent sprach. Er fragte mich während der Fahrt, ob ich schon einmal in Lettland gewesen sei und warum um alles in der Welt ich im November erstmalig anreiste! Sein Land sei eigentlich nur im Sommer so richtig schön – unbedingt müsse ich noch einmal im Sommer anreisen!

Ich teilte ihm freundlich mit, ich sei beruflich vor Ort, und er rief begeistert: „Ah! IT!“ – „Äh, nee. Eigentlich gar nicht technologisch. Eher europäisch und EU-mäßig.“ – „Ah! Ist auch wichtig!“ Ich war beruhigt – er fand das auch wichtig. 😉 Und während er mir erklärte, dass ich unbedingt im Sommer bei blauem Himmel, weißen Wolken und blühenden Blumen noch einmal einreisen müsse, fuhr er mich durch die steingraue, verregnete Landschaft, vorbei an Industriebrachen und Plattenbauten, mindestens ebenso grau wie der Himmel. „Vorstädte!“ dachte ich, mich selber beruhigend. „Dein Hotel ist ja zum Glück mitten in Riga, direkt an der Düna!“

Irgendwann wurde die Gegend belebter und städtischer – leider immer noch grau. Und dann fuhr er vor ein modernes und weniger graues Gebäude – mitten an einer Hauptverkehrsstraße, die dadurch auffiel, dass ein echtes Gewirr an Oberleitungen darüber gespannt war. Und mein Fahrer rief: „Voilà! 13. janvāra iela!“ – „Äh, Straße des 13. Januar?“ – „Ja!“ rief er fröhlich und sagte: „Wollten Sie hierher, ne?“ – „Äh, ja…“ – „Ist Hotel Avalon! Ist Ihre Hotel!“

Ich blickte mich um. Überall Oberleitungen, ein Riesengewirr, O-Busse mit beeindruckenden Stromabnehmern, ein hoher, grauer Turm im Sowjetstil, alles ziemlich grau. Netterweise befand sich in Leuchtschrift das Wort Rīga auf der Spitze des Turms, so dass man wenigstens wusste, wo man sich tatsächlich befand. Bis auf das Hotel wirkte alles grau – das war modern, außen verglast, innen farbenfroh. Das Doofe: Es nutzt wenig, wenn das Haus, in dem man sitzt, von außen attraktiv ist, wenn all das, auf das man blickt, wenn man im attraktiven Gebäude sitzt, wenig attraktiv ist. Das Gegenüber im wenig attraktiven Gebäude hat da mehr Glück mit der Aussicht… 😉

Ich konnte gar nichts sagen, als der Fahrer fröhlich zum Kofferraum lief, um meinen Trolley herauszuholen. Mein einziger Gedanke: „Willkommen in der Sowjetunion!“ Und durch meinen Kopf schoss der Text eines Beatles-Liedes von 1968: „The Ukraine girls really knock me out – they leave the West behind. And Moscow girls make me sing and shout – that Georgia’s always on my my my my my my my my my mind… […] Yeah, I’m back in the U.S.S.R., you don’t know how lucky you are, boys – I’m back in the U.S.S.R.!“ Und während mir der Refrain durch den Kopf ging, fiel mein Blick auf ein Heldendenkmal auf der anderen Seite der mehrspurigen Straße, das aus zwei namenlosen Helden mit dramatisch wehenden Haaren bestand, die sich in Kampfpose gegen irgendetwas auflehnten… Vermutlich gegen den Kapitalismus. Oder gegen den von der Düna – lettisch: Daugava – auffrischenden Wind. Es wirkte alles irgendwie sehr sowjetisch, und das wirkt nicht sehr fröhlich, wenn man – wie Billy Joel es einst nannte – ein Cold War kid ist, das 1986 in Ost-Berlin angesichts der freudlosen „Helden“-Atmosphäre schon die Krise bekam und viel früher als geplant die Grenze in den West-Berliner „Inselstaat“ wieder überschreiten musste.

Ich fühlte mich wie ausgesetzt. Ausgesetzt in einem Land, in dem man um Himmels willen niemals ausgesetzt sein möchte…

Ich drückte dem sehr netten Taxifahrer schweigend die Taxe nebst großzügigem Trinkgeld in die Hand, er bedankte sich und sagte dann besorgt: „Alles okay? Sind Sie bisschen blass und so still – anders als bei Fahrt!“ – „Nein, nein, alles okay!“ stammelte ich und lächelte ihn tapfer an, obwohl mir eigentlich danach war, ihn zu bitten, noch mit hineinzukommen, weil ich mich auf einmal so ausgesetzt fühlte. Vielleicht ein kleiner Begrüßungssekt an der Bar? Doch nein – ich war ja groß.

Der Fahrer fuhr mit seinem Taxi weg, und ich ging zur Rezeption. Sehr nette Mitarbeiterin, die mir gleich alles erklärte, mir meine Keycard aushändigte und mir erklärte, mein Zimmer sei im siebten Stock. Ich fuhr mit dem Aufzug hinauf – ein gläserner Aufzug, und ich musste in den siebten Stock, mit Höhenangst… 😉 Während der Fahrt blickte ich gen Aufzugdecke…

Das Zimmer sehr schön, schritt ich gleich zum Fenster. Die Aussicht ist wichtig. 😉 Nach links blickte ich auf den Zentralmarkt, den Turm mit Rīga-Leuchtschrift und Richtung Bahnhof. Ich beschloss, lieber nach rechts zu blicken: Da war die Düna bzw. Daugava. Sehr schön! Unten tobte der Verkehr, aber davon hörte ich oben nichts – sehr gute Fenster! 😉

Dennoch sank ich frustriert mit dem Hintern auf das Hotelbett. Was um alles in der Welt hatte mich geritten, um diese Jahreszeit mutterseelenallein in eine Stadt zu reisen, die von hier aussah wie eine Stadt mitten in der Sowjetunion? Ich gestehe, ich fühlte mich in dem Moment sehr allein. 😉

Doch da meldete sich mein Magen, der seit 5 Uhr früh bis auf einen Snack von airBaltic, drei Tassen Kaffee, eine von KLM, zwei von airBaltic, wo man immerhin Lavazza serviert hatte, nichts geboten bekommen hatte. Da ich ziemlich erledigt war, wollte ich nicht essen gehen, mir aber zumindest etwas Essbares besorgen und den Abend eher leger im Hotelzimmer verbringen. Und so packte ich meinen Trolley aus, schnappte meinen Regenschirm und stürzte mich ins graue Abenteuer.

Ich war drei Stunden unterwegs – und gelangte dabei auch in die Altstadt. Die war zwar auch grau, weil der Himmel so grau war, aber wunderschön – das sah man auch bei dem bescheidenen Wetter und Sturzregen. Zumindest noch solange, bis es dunkel wurde – und das passierte recht früh. Klar, so weit östlich… Sehr früh einsetzende Dunkelheit und wolkenbruchartiger Regen – eine besonders schöne Kombination… Zum Glück hatte ich passende Kleidung und Schuhe dabei. Ich kaufte ein, unterhielt mich nett und auf Englisch mit mehreren Menschen – und schon sah alles irgendwie besser aus, obwohl mir diese netten Letten allesamt sagten, besser wäre es gewesen, wäre ich im Sommer angereist. Aber das könne ich ja noch machen, wenn ich das nächste Mal käme, und dass ich das tun würde, setzten sie voraus. 😉

Und so ging dieser erste Tag doch recht nett aus.

Nach fünf Tagen – einer davon, der vorletzte, war völlig regenfrei gewesen, während alle anderen von Sturzregen und Steingrau geprägt waren – war ich derart verliebt in die Stadt, dass ich richtig traurig war, wieder abreisen zu müssen. Begeistert von den Menschen dort, der Altstadt, der Stimmung – und auch von der Konferenz, bei der ich war, zu der ich jeden Morgen fuhr. Natürlich mit der Straßenbahn. Es fuhren dort sowohl hypermoderne Bahnen mit zweisprachigen Ansagen – lettisch und russisch -, als auch eher rudimentär wirkende, altmodische Bahnen, in denen ausschließlich lettische Ansagen erfolgten. Die Bahnen eher „elementar“, aber ich zog sie den modernen vor und ließ die modernen ziehen, um auf die nächste „olle“ Bahn zu warten, mit der ich dann zu der Universität rumpelte, in der die Konferenz stattfand; die alten Bahnen hatten viel mehr Charme, und die Ansagen waren so liebenswert, auch wenn ich kein Wort verstand. Aber die Intonation dieser Sprache, sehr melodiös, war so sympathisch. Man hätte wahrscheinlich auf Lettisch mein Leben bedrohen können – ich hätte den Klang der Sprache noch immer als sympathisch empfunden. 😊 Und am vorletzten und letzten Tag verstand ich zumindest einzelne Wörter und Straßennamen, konnte sogar einer Touristin helfen, an der richtigen Haltestelle auszusteigen, obwohl es ja nur Haltestellenansagen gab, keine visuelle Anzeige.

Ich hoffe, dass ich Riga noch einmal unter diesen Bedingungen besuchen kann… Die Stadt ist sehens- und liebenswert, ebenso ihre Bewohner.

Auch im November. 😊 Möge es so bleiben!


Glaubenskrieg – es geht um die Wurst!

Ich bin ja jemand, der immer dafür plädiert, aufgeschlossen zu sein, was sich auch nicht nur auf Mitmenschen, Einstellungen, Kulturen generell bezieht, sofern diese nicht Menschenrechten zuwiderlaufen, sondern auch auf Untersektionen der Einstellungen und Kulturen. Ich gebe zu, nicht immer gelingt mir das selbst, aber ich gebe mir stets allergrößte Mühe.

Heute jedoch hatte ich eine sehr lebhafte Diskussion in einem Sozialen Medium, und dies in einer Gruppe, in der es ums Kochen geht. Ja, ich weiß: Das klingt bescheuert und ist es auch. 😉 Doch es wird noch bescheuerter, denn es ging um ein Heiligtum der Region, in der ich hier lebe, und ich spreche nicht vom FC Schalke 04. 😉

Nein, es geht um etwas, das bereits von Herbert Grönemeyer, dem Til Schweiger der Musikszene, was nachvollziehbare Artikulation anbelangt – obwohl Herr Grönemeyer im Gegensatz zu Herrn Schweiger nicht nuschelt, sondern eine ganz eigene Art schwer verständlicher Artikulation pflegt, die mich bisweilen an den Klang der japanischen Sprache erinnerte („Harakiri?“ – „Hai!“) -, besungen wurde, und das eigentlich recht sympathisch: die Currywurst! 😉

Und einmal mehr stellte ich fest, dass dieses schlichte Imbissgericht die Nation zwar irgendwie hinsichtlich ihrer Beliebtheit zu einen scheint, aber genauso spaltet. Die Currywurst ist eine echte Spalterin – und ich mache auch noch mit! 😉

Vielleicht liegt es daran, dass ich den größeren Teil meiner Kindheit im „Pott“ verbracht habe und den kleineren, der in Franken stattfand, kulinarisch eher damit zubrachte, wunderbares fränkisches Essen zu mir zu nehmen und gar nicht auf die Idee kam, dass es auch dort Currywurst – oder so etwas Ähnliches – gebe. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich als Kind nur selten in Kontakt mit Fastfood kam und dann, wenn es dazu kam, mehr auf Pommes abfuhr und mir alles andere eher im wahrsten Sinne völlig wurscht war, so dass ich bereits 10 Jahre alt war, als ich meine allererste Currywurst zu mir nahm. Und ich war begeistert. 😊

Natürlich kannte ich Currywurst nur im Ruhrgebiets-Style – der eigentlich aus Berlin stammte, wo die Currywurst anno dazumal erfunden wurde, von Frau Herta Heuwer, die damit einen echten Boom auslöste – und das nicht nur in Berlin, sondern auch im Ruhrgebiet. Und nicht nur dort, denn es gab lange Streit, in welcher Metropole das gewürzte, im Grunde recht schlichte Imbissgericht nun erfunden worden sei, denn auch die Hansestadt Hamburg meldete Ansprüche an. Und viele „Ruhris“ waren fest überzeugt davon, es sei hier aus der Taufe gehoben worden. Aber es blieb bei Berlin – was Recht ist, muss Recht bleiben. 😊

Und so nahm die Currywurst den gleichen Weg wie fish and chips in Großbritannien bzw. England. Es war ein einfaches Essen, das man schnell zwischendurch verspeisen konnte, und beide Gerichte entwickelten sich zu echten Arbeitergerichten, denn die Arbeiter mussten schnell zwischendurch etwas essen können, da sie wenig Pausen hatten und schwere Arbeit leisten mussten. Oder rasch nach dem späten Feierabend noch etwas Warmes „auffe Hand“ essen wollten.

Beide Gerichte schwappten dann aber auch auf andere Menschen über und nahmen einen Siegeszug durch die gesamte Bevölkerung – auch wenn mancher es nur ungern zugab. 😉

Ich esse ab und an mal Currywurst – alle paar Monate muss das einfach sein -, und das muss dann bitte genauso sein, wie ich es hier aus dem „Pott“ gewohnt bin. Da bin ich wirklich Puristin. 😉 Ich erinnere mich noch, wie entsetzt ich war, als mich vor Jahren in Aachen an einem Sonntagmittag plötzlich das Gefühl übermannte, unbedingt eine Currywurst essen zu müssen und ich mich rasch zur nächstgelegenen Pommesbude, die in Aachen jedoch Frittenbude geheißen wird, aufmachte.

Selbstbewusst orderte ich in der Frittebud, die auf einer Art Mittelinsel zwischen König- und Mauerstraße stand, „eine Currywurst und einmal Fritten mit Mayo zum Mitnehmen, bitte“, und die Imbiss-Maid machte sich sofort daran, alles zuzubereiten. Sie packte schließlich die Fritten ein und machte sich dann daran, die Bratwurst zu zerschneiden, mit Currysauce zu übergießen – es muss schwimmen! – und Currypulver darüberzustreuen. Dann griff sie zu einem Behälter, in dem sich diese ätzenden gefriergetrockneten „Röstzwiebeln“ befanden, die ich seit jeher hasse, und schickte sich an, davon großzügige Mengen über die Currywurst zu kippen!

Ich schickte mich ebenfalls an und rief: „Nein! Lassen Sie das, bitte! Nicht diese Dinger!“ – „Ja, ävver – die jehüre doch da dräauf!“ – „Nein! Das tun sie nicht. Lassen Sie das, bitte! Ich hasse diese Unsitte – das kenne ich nur hier aus Aachen!“ – „Ja, waill dat su jehürt!“ – „Nein! Aachen ist mir nicht als Hochburg der Currywurst bekannt, wohl aber das Ruhrgebiet, woher ich komme. Und da gibt es keine gefriergetrockneten Röstzwiebeln auf die Wurst!“ – „Ja, ävver, dat jehürt …“ – „Nein. Wenn Sie die Dinger drüberstreuen, können Sie die Wurst selber essen – dann bezahle ich nur die Pom…, ääh, Fritten!“ Das sah sie dann ein, und so wurde meine Currywurst nicht kontaminiert. Ich habe dann später noch öfter mal dort eingekauft, und sie grinste immer und meinte: „Ävver ohne Zwiebel, wa?“ – „Ja, genau. Danke!“ Wir haben einander dann gut verstanden, und ich begegnete ihr auch ein paarmal auf der Straße, wenn sie zur Schicht ging – wir grüßten einander dann immer fröhlich, und manchmal rief sie sogar: „Die Frau ohne Zwiebeln!“ Und ich rief zurück: „Jenau!“

Und heute geriet ich in einer fränkischen Kochgruppe auf einem bekannten Sozialen Medium mit einem Franken aneinander, der darauf beharrte, eine echte Currywurst gehe nur mit Bockwurst. Mit Bockwurst! Das muss man sich mal vorstellen – bäh… Bockwurst geht nur mit Senf. Mit viel Senf. Und es ist ja nicht nur der Eigengeschmack dieser eher roten Wurst, sondern auch die Konsistenz. Herta Heuwer würde im Grabe rotieren! 😉 Und ich möchte mir gar nicht vorstellen, was hier im Ruhrgebiet geschehen würde, würde man jemandem, der in einer Pommesbude eine Currywurst ordert, eine Bockwurst mit Ketchup und Currypulver auf den Tresen stellen und dann noch Geld dafür verlangen! 😉 Auf genau diese Kombination schwor der Franke – okay, aus Unterfranken – jedoch und nannte das ernsthaft „Currywurst“ – der Ruhri in mir kam zum Vorschein und erklärte, das sei eine Art Sakrileg. Der Unterfranke erklärte, eine echte Currywurst sei mit Bockwurst, und ich erklärte, da das Original aus Berlin komme, könne er sich damit gar nicht auskennen.

Zwischenzeitlich schalteten sich ein Ober- und ein Mittelfranke ein. Die waren mir beide gleich sympathisch, denn der Oberfranke meinte, im Grunde gehe nur eine sogenannte „Wollwurst“, auch als „Nackerte“ oder „G’schwollne“ oder „Oberländer“ bekannt, und der Mittelfranke meinte, hier solle man etwas verwenden, das in Franken zwar seinerseits ein Sakrileg, in diesem Falle jedoch hilfreich und notwendig sei: eine vorgebrühte Bratwurst. Die beiden wussten, wovon sie sprachen. 😉

Der Unterfranke beharrte jedoch darauf, dass nur eine Bockwurst eine adäquate Wurst zur Herstellung einer Currywurst sei. Ich verwies auf die ober- und mittelfränkischen Expertisen und darauf, dass eigentlich Berlin der Ursprung der Currywurst sei.

Erst dann fiel mir auf, dass ich gerade einem mir eigenen Grundsatz zuwiderlief: „Sei aufgeschlossen gegenüber anderen Bräuchen!“ Möglich, dass es daran lag, dass ich die letzten drei Tage krank darniedergelegen habe, dass ich nicht eher daran gedacht hatte, denn momentan bin ich nicht ganz so tolerant, wie ich es eigentlich sein möchte. Und das kann auch durchaus so wahnsinnig wichtige Aspekte wie Currywurst betreffen. 😉

Eines weiß ich auf alle Fälle: In Franken werde ich sicherlich nie eine Currywurst essen, zumal ich in der fränkischen Kochgruppe dann noch Fotos von „Currywurst“ in Gestalt von Bockwurst sah, auf der noch Mengen gefriergetrockneter Röstzwiebeln prangten. Aber auf die Idee käme ich in Süddeutschland auch gar nicht, schon gar nicht in Franken: Da gibt es so schöne Gerichte, die es hier nicht gibt, dass es Frevel wäre, eine Currywurst essen zu wollen. 😉

Dass ein einfaches, aus Berlin stammendes, Imbissgericht in der Lage sein könnte, die Nation derart zu spalten, hätte ich vorher auch nicht gedacht. Heißgeliebte Currywurst, du bist gar keine Wurst, sondern ein Pilz: ein Spaltpilz! 😉

Und ich lasse mich auch noch auf Diskussionen ein – das ist das Allerschlimmste. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich mich stets zwischen zwei „Heimaten“ hin- und hergerissen fühle. Dabei sollten mir solche Diskussionen wirklich Wurst sein! 😉

Kommen wir getz im Fääahnsehn? 😉

Als Kind und Jugendliche fand ich die Idee faszinierend, berühmt zu sein. An die Nachteile dessen dachte ich ja nicht. Auch nicht daran, dass meine Begabungen nicht ganz so publikumsträchtig seien. Ich spiele recht gut Klavier, wenn ich im Training bin, aber ich bin nicht Lang Lang. Ich spreche sehr gut Englisch, mein Französisch ist auch nicht schlecht, wenn ich diese Sprache regelmäßig spreche, und auf Italienisch kann ich mich ebenso verständigen – obwohl auch hier Training dringend nottäte. Sogar auf Niederländisch könnte ich im Restaurant bestellen und mich einigermaßen verständigen, und auf Schwedisch könnte ich erklären, dass ich Ali heiße und mein Gegenüber fragen, wie sein Name sei. Auf Polnisch erklären, dass die Katze Milch trinke und der Elefant Plätzchen esse – einige reizende Anfängersätze. Aber ich kann mich wunderbar entschuldigen, und das mit richtig viel Verve, zerknirschtem Gesicht und wunderbarem gerolltem Zungenspitzen-R: „Stokrotnie przepraszam!“ – „Ich bitte vielmals um Entschuldigung!“  

Ich kann einige Dialekte nachahmen. Ich bin als Dozentin gut gewesen und gelte, obwohl ich selbst sehr gern spreche, auch bisweilen und gar nicht einmal selten als verständnisvolle Zuhörerin und durchaus hilfsbereit. Ich kann jedoch nicht durch brennende Reifen springen, Ungerechtigkeit macht mich sehr zornig, und – abgesehen von der Dozententätigkeit – Geduld ist ein Fremdwort für mich.

Und: Ich fahre ungern rückwärts Abhänge hinab. Noch dazu mit einem mir noch relativ fremden Wagen.

Wie ich jetzt auf etwas derart Absurdes komme? Nun, so absurd ist das gar nicht. Das kann jederzeit passieren. 😉

Gestern fuhr ich am Vormittag mit dem kleinen Monty gen D. zu meinen Eltern. Sie können ja beide alters- und gesundheitsbedingt nicht mehr Auto fahren, und so habe ich mich bereiterklärt, mit ihnen zum Einkaufen zu fahren und weitere Dinge dieser Art. Da der kleine Monty innen etwas „sparsam“ konzipiert ist und man eine überdimensionale Saugglocke aus dem Geburtshilfebereich brauchen könnte, den jeweils hinten Sitzenden einigermaßen zügig aus dem „Geburtskanal“ zu „saugen“, fahren wir nun mit dem Wagen meiner Eltern, denn speziell in sehr fortgeschrittenem Alter kann es ohne dieses Hilfsmittel beim kleinen Monty schon weit mehr als nur wenige Minuten dauern – und beherztes Zugreifen kann notwendig werden. 😉

Gestern fuhr ich sehr dynamisch, wenn auch umsichtig in die Straße, in der mein Elternhaus steht und blieb mit leicht quietschenden Reifen vor diesem stehen. Zu meinem Schrecken hatte ich gesehen, dass die Haustür bereits geöffnet war – und meine Mutter hatte um 12 Uhr einen Friseurtermin… Sie stand bereits in der geöffneten Tür… 😉 Ich warf einen hektischen Blick auf mein Handy, auf dem 11:30 h kund und zu wissen gegeben wurde. Ich war also pünktlich.

Schnell stieg ich aus, um einige Umrüstarbeiten vorzunehmen, denn im Beifahrer-Fußraum befand sich ein Luftentfeuchter-Equipment, das ich meiner Mutter nicht zumuten wollte – sie sollte ja bequem sitzen. Ich stellte es rasch in den ohnehin nicht benötigten Rücksitz-Fußraum, als sie mir schon zurief: „Donnerwetter – du bist ja pünktlich! Sollen wir es so machen, dass du mich erst mit deinem Wagen zum Friseur bringst?“ – „Ja, das dachte ich mir jetzt gerade so, und deswegen stehe ich ja auch hier vor dem Haus. Du kannst direkt einsteigen. Soll ich dir helfen?“ – „Sehe ich aus, aus brauchte ich Hilfe?“ – „Aber nein! Nimm einfach Platz, und dann fahren wir gleich los!“

Das taten wir auch, und als wir gerade um die erste Ecke waren, meinte meine Mutter: „Ach, jetzt haben wir Papa gar nicht gesagt, dass wir schon mit deinem Auto zum Friseur fahren!“ – „Und ich fahre jetzt auch nicht zurück, um das Ganze aufzuklären. Ich fahre dich jetzt zum Friseur, und dann fahre ich hierher zurück, und Papa und ich holen dich dann mit Mister Duck-Butt ab und fahren von dort zum Einkaufen nach Hervest. Das erscheint mir am pragmatischsten. Keine Widerrede! Wo soll ich dich absetzen und dann mit Papa abholen?“

Ich setzte sie schließlich in der Tiefgarage eines vor kurzer Zeit dauerhaft geschlossenen Einkaufszentrums in D. ab, die netterweise als Parkraum bis zur weiteren Nutzung unentgeltlich genutzt werden darf, und fuhr dann zu meinem Elternhaus zurück, wo mein Vater mir erzählte, er habe es nicht sehr schön gefunden, dass wir ohne ihn losgefahren wären. „Papa, es musste schnell gehen, und jetzt bin ich ja hier. Und wir beide fahren gleich, wenn Mama anruft, mit Mister Duck-Butt los, holen sie ab und fahren zum Einkaufen!“ – „Ach, so.“ – „Genau.“ – „Wer ist Mister Duck-Butt?“ – „Euer Auto.“ – „Wieso nennst du es so?“ – „Weil es, wenn es in der Garage steht, immer so aussieht, als wäre es etwas untersetzt und hätte einen extradicken Hintern. Wie eine Ente halt. So, dass damit ungeübte Fahrer wie ich sich davor fürchten, es aus der Garage herauszufahren.“ – „Ach, so. Aber das ist Unsinn, Alilein – du kannst den Wagen da wunderbar herausfahren! Immerhin habe ich ihn bei unserer letzten Einkaufsfahrt hineingefahren, und er steht ganz gerade darin.“ – „Okay, verstehe. Ja, dann fahre ich ihn auch hinaus. Vielleicht sollten wir bzw. ich ihn jetzt sofort hinaussetzen, noch bevor Mama anruft. Wer weiß schon, wie lange ich dafür brauche…“

Es hat übrigens wunderbar geklappt, wenn mich auch die ungewohnten akustischen Signale, die vor befürchteter Kollision warnen sollen, fast in den Wahnsinn trieben. Relativ zügig stand Duck-Butt vor der Garage, mein Vater stieg ein, und er betätigte stolz den Garagentorantrieb, während ich vorsichtshalber noch etwas zurücksetzte. Und da rief meine Mutter auch schon an! 😉 Und wir fuhren los.

Sie stand in der Tiefgarage relativ am Anfang bzw. nahe der Einfahrt und feixte, als sie sah, dass ich, obwohl ich es zu vermeiden trachtete, mit dem erheblich größeren Wagen als meinem mit dem rechten Hinterrad über einen Bordstein fuhr, weil ich nicht weit genug ausgeholt hatte. Ich bremste und schaltete vorsichtshalber die Warnblinkanlage ein, bis sie saß. Und ich sagte: „Ja, es ist gut – ich bin über den Bordstein gefahren. Ich habe es dann auch gemerkt. Können wir jetzt ohne Schmähreden diese Tiefgarage verlassen und zum Einkaufen fahren?“

Man muss dazusagen, dass meine Mutter die wohl beste Fahrerin meiner Familie ist – sie hat immer ein Händchen oder Füßchen fürs Fahren gehabt, war stets eine dynamische und hervorragende Fahrerin, und ich kann sogar verstehen, dass es sie ankotzt, dass sie nun nicht mehr fahren kann. Aber Häme sollte sie sich verkneifen – finde ich jedenfalls. 😉 Immerhin fahre ich sie treu und brav und war gestern mit diesem Auto erst zum vierten Mal unterwegs. Mit Monty war ich eine Stunde zuvor ganz ohne Kollisionen und Bordsteinüberfahren schwungvoll dort unterwegs gewesen. 😉

Sie schien es einzusehen und sagte: „Ali, du musst jetzt nicht noch einmal ganz durch die Tiefgarage und nicht rundherum. Dort hinten – das habe ich während der Wartezeit schon gesehen – kannst du an der Rückseite hinausfahren. Das ist obendrein noch eine Abkürzung auf dem Weg nach Hervest.“

Ich vertraue meiner Mutter, fuhr eine halbe Runde und rief: „Ah, da – ich sehe es schon! Da, wo die Schranken offen sind.“ – „Genau!“

Und schon fuhren wir ohne Kontakt zum Bordstein links oder rechts durch die Schranke zur hinterwärtigen Ausfahrt und die recht steile Auffahrt hinauf. Mein Vater meinte noch: „Du solltest etwas mehr Gas geben, Ali.“ Das tat ich, wir fuhren eine erstaunlich langgezogene Kurve ohne Kollisionen mit jedwedem Bordstein – und fuhren auf ein verschlossenes Tor am Gipfel der steilen Auffahrt zu…

Gut, ich hätte früher bremsen und anhalten können – aber das hätte wenig Unterschied gemacht, denn: zu ist zu! Und steile – und kurvige – Auffahrt ist steile und kurvige Auffahrt… Aus meiner Perspektive in jenem Moment allerdings eher steile und kurvige Abfahrt, denn von hier aus ging es nur noch bergab. Und das im reverse mode – ergo rückwärts. Mit einem Auto, an das man noch nicht bis zum Letzten gewöhnt ist. 😉 Ich trat die Bremse durch, zog die Handbremse an und stellte den Wählhebel auf P, indem ich erstaunlich sachlich sagte: „Das Tor ist zu!“ (Dabei litt ich unter spontaner Tachykardie, ergo Herzrasen, welches erstaunlich rasch einsetzte, nachdem ich das brachiale und verschlossene Tor gesehen hatte… 😉 )

Gern hätte ich im Nachhinein mein Gesicht gesehen, zumal ich zunächst den Eindruck gehabt hatte, meine Eltern hätten den Ernst der Lage noch nicht so recht erkannt. Und ich sagte: „Was auch immer passieren mag: Ich fahre diesen Wagen hier nicht rückwärts hinunter! Meinen ja. Den kenne ich ja auch. Den hier nicht.“

Meine Mutter rief aus dem Fond: „Das verstehe ich nicht – wieso sind unten die Schranken offen, wenn hier oben das Tor verschlossen ist?“ Ich rief zurück: „Das verstehe ich auch nicht – aber das ist in dieser Situation auch völlig irrelevant und nicht diskussionswürdig, denn es ist einfach so!“ Hinter mir lag eine sehr langgezogene, enge Kurve, ich fuhr den Wagen erst zum vierten Mal und hatte den kalten Schweiß im Genick und sonstwo.

Da kam der große Einsatz meines Vaters, der sicherlich gern auch bis zu seinem Hundertsten noch selber mit dem Auto unterwegs wäre, den recht stressigen Alltagsverkehr aber wohl nicht mehr so gewandt bewältigen würde. Aber hier – auf der Auffahrt? Da ich echtes Muffensausen und wenig Übung mit diesem recht großen Automatikwagen hatte? Er würde sicherlich als Einziger von uns dreien die notwendige Ruhe haben.

Ich stieg – zugegeben: mit nicht allzu gutem Gefühl – aus, mein Vater nahm den Platz links vorne ein, und ich, die ich – wusste ich vorher auch nicht – offenbar eine recht gute Einweiserin bin, begab mich mit Sicherheitsabstand hinter das Auto. Und er machte das richtig gut, und mit einigem Rangieren seiner- und Gestikulieren und Schreien meinerseits schaffte er es bis nach unten, schwenkte jenseits der Schranken rückwärts auf zwei freie Parkplätze, und dann übernahm ich wieder. In meinem Gedächtnis vermerkte ich: „Dringend kurvige Rückwärtsfahrten bergab mit Duck-Butt üben!“ Mit Monty hätte ich da erheblich weniger Bedenken gehabt. Aber der ist ja auch viel kleiner und wendiger.

Als wir gerade unten standen, bog eine Frau mit ihrem Auto in die linke Einfahrt ein und wollte ihrerseits hochfahren. Ich rannte hin und gestikulierte wild und abwehrend. Die arme Frau glaubte wohl zunächst an einen Überfall, so erschrocken sah sie aus. Aber sie fuhr dann doch das Fenster an der Beifahrerseite hinunter, und ich rief atemlos: „Fahren Sie da nicht hoch – das Tor oben ist verschlossen, und man kommt nicht hinaus. Wir haben es gerade von ganz oben mit viel Mühe rückwärts wieder hierher geschafft!“ – „Danke! Danke, dass Sie mich gewarnt haben! Wieso sind aber hier die Schranken offen? Ich wäre nie rückwärts hinuntergekommen! Wahrscheinlich hätte ich die Feuerwehr rufen müssen.“ – „Keine Ahnung, warum die Schranken offen sind, aber fahren Sie bloß nicht nach oben – Sie können da nicht wenden!“ Schnell setzte die Frau zurück und fuhr fast noch einem Pärchen aus Augsburg ins Auto, das auch den Weg nach oben nehmen wollte. Die beiden warnte ich auch noch, und der Fahrer war der Einzige, der fragte, ob wir denn Hilfe brauchten. „Aber nein, wir sind ja schon wieder unten – aber vielen Dank! Sie sind der Erste, der fragt.“ – „Des isch abrrr doch selbschtverrschtändlich!“ – „Hier nicht unbedingt. Darf ich Sie etwas fragen? Was führt Sie aus dem schönen Augschburrg hierher?“ Die beiden lachten und erklärten, sie würden bald hierherziehen. Ich meinte: „Eindeutig ein Gewinn! Vielleicht nicht für Sie, aber für die Leute hier! Fahren Sie trotzdem nicht da rauf!“ Die beiden lachten, und die Beifahrerin meinte: „Isch es so schlimm hier?“ – „Nicht immer, aber ich bin sehr bayernaffin, aus familiären Gründen.“ – „Des isch nett!“ Und sie gaben der Hoffnung Ausdruck, einander vielleicht öfter zu begegnen.

Hoffentlich nicht in dieser Tiefgarage! 😉

Immerhin war der Einkaufsvorgang dann erstaunlich wenig stressig. Aber mir war die ganze Zeit etwas schlecht: Ich war immerhin längere Zeit auf abschüssigem Grund hinter einem Diesel hergetänzelt, -gesprungen und -gelaufen. Mir war zuvor nicht in diesem Ausmaß bewusst gewesen, wie sehr Dieselöl stinkt, wenn es verbrannt wird. Ich kannte den Geruch bis dato nur von der Tankstelle, wenn neben meinem Benziner ein Diesel betankt wurde. Das ist bereits gewöhnungsbedürftig. Noch schlimmer, wenn es verbrannt wird und man sich nicht allzu weit dahinter befindet…

 Meine einzige Hoffnung: Hoffentlich wurden wir nicht von irgendwelchen Überwachungskameras gefilmt! Nicht auszudenken, wenn das Ganze im Internet viral gehen sollte! Wahrscheinlich unter dem Titel: „Wenn Totalausfälle in der Tiefgarage eine Abkürzung nehmen wollen“! 😉

Ich hoffe auf eine komplett ereignislose Einkaufsfahrt nächste Woche… 😉

Von Warnhinweisen und sonstigen Absonderlichkeiten

Ich schwöre, ich war niemals wieder derart verstört wie nach dem Hinweis einer früheren Kollegin aus Aachen, die mir erklärte, ihre kleine Tochter dürfe keine Harry-Potter-Bücher lesen, da dort Magie und Zauberei thematisiert werde. Ich wusste, die ehemalige Kollegin und ihre Familie sind Mitglieder einer speziellen Glaubensgemeinschaft, aber da ich mit Kirche an sich nichts am Kopp habe, zumal ohnehin völlig ungläubig, war ich recht irritiert: Das Kind durfte bei Kindern und auch Erwachsenen beliebte Bücher nicht lesen, weil … nein, nicht wirklich, oder?

Ich gebe zu, ich bin nie ein Harry-Potter-Fan gewesen, aber ich habe zwei Bücher gelesen und fand sie einfach für mich nicht interessant. Fall erledigt. Meine ganz und damit ureigene Entscheidung. Dass ein kleines Mädchen, mit dem laut Mutter lautstarke Diskussionen nötig waren, es davon zu „überzeugen“, „solch schädliche Literatur“ nicht „lesen zu wollen“, nicht lesen durfte, was es offenbar lesen wollte, erschien mir krank. Oder zumindest absonderlich und nicht akzeptabel aus meiner Perspektive. Aber das äußerte ich nicht laut. Nur die Frage, was die Kleine dazu sage – immerhin habe sie ja auch Rechte und Ansprüche und orientiere sich, wie Kinder das stets gemacht hätten, an ihrer peer-group.

Die Kindsmutter sagte dazu nur: „Nicht in unserem Haus!“ Okay. Oder auch nicht. Wie ich vor einiger Zeit erfuhr, hat das inzwischen volljährige Kind in lebensentscheidenden Fragen keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern. Das ist zwar einerseits nicht allzu erfreulich, aber ich applaudierte innerlich – gut gemacht, Nina! Ich weiß, dass sie ihre Eltern sehr liebt, aber einen eigenen Willen hat, und das ist gut so. Mit manchen Menschen kann man eben nur noch übers Wetter sprechen. Zumindest so lange, bis diese Menschen begreifen, dass man ein ganz eigener Mensch mit ganz eigenen Vorstellungen ist. Viel Glück, Nina! 😉

Heute las ich in einem sozialen Medium ähnlich Erschreckendes: Eine mittelenglische und eine schottische Universität haben für Anglistikstudenten, -studierende oder -student*innen Listen erstellt, in denen klassische Werke von Autor*innen wie Charles Dickens, Jane Austen, den Brontë-Schwestern, William Shakespeare und weiteren – ergo klassischen anglistiklastigen – Schriftstellern mit „Warnhinweisen“ versehen wurden, weil die Inhalte dieser klassischen Literatur die Studis „verstören“ könnten, und das unter anderem aus „sexistischen“ Gründen! Hallo? Jemand zu Hause? Das sind Klassiker, die in früheren Zeiten geschrieben wurden! Und niemand hindert die Lesenden daran, sich vor dem Hintergrund heutiger Werte damit auseinanderzusetzen – und daran und damit zu lernen. Oder?

Ich habe Anfang der 90er Germinal von Émile Zola gelesen, im Rahmen meines zweiten Studiennebenfachs, und ich erinnere mich an eine ziemlich grauenhafte Szene, die mich wirklich entsetzte. Ich wusste jedoch: „Zola war Naturalist. Die Szene ist erschreckend, und ich habe ein sehr plastisches Vorstellungsvermögen. Das hier ist wirklich widerlich, und das wirst du auch so schnell nicht vergessen, aber das ist Bestandteil deines Studiums, und du musst es im historischen Kontext sehen. Solch grässliche Dinge sind zu Zolas Zeiten passiert, und er wollte uns damit etwas sagen: Nie wieder!“ Das war damals der etwas hilflose Ansatz, nachdem ich die wirklich ekelhafte Szene gelesen hatte. Ich dachte folgerichtig: „Nie wieder darf so etwas vorkommen!“ Ich hatte keine Alpträume danach, habe es aber auch nie vergessen. Und ich hatte gelernt, es literaturwissenschaftlich zu be- und zu verarbeiten.

Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass man inzwischen bereits erheblich zahmere Werke mit Warnhinweisen versieht, frage ich mich natürlich, ob ich meine Alma Mater oder zumindest den Fachbereich, der mein zweites Nebenfach ausmachte, nicht verklagen sollte. 😉 Und schon zuvor meine Englisch-LK-Lehrerin, die jedoch – leider! – schon seit Jahren verstorben ist. Die hat uns allen Ernstes ohne Warnhinweise Julius Caesar von William Shakespeare lesen und bearbeiten lassen, obwohl da Gewalt, Mord und Totschlag vorkommt! Und zum Teil waren wir nicht einmal volljährig! 😉

Nachdem ich die Nachricht in dem sozialen Medium gelesen hatte, schlug ich mir wiederholt mit der Hand gegen die Stirn, und ich dachte: „Es geht drastisch bergab mit der Kultur.“ Und ich fragte mich, warum „Kinder“, die offenbar nicht in der Lage sind, die Realität zu ertragen, Anglistik oder Vergleichbares zu studieren, so etwas studieren wollen. Bis dato hörte ich immer, Geisteswissenschaften seien nur für Weicheier gemacht. Das ist offenbar falsch. 😉

Gut, ich wusste das immer schon. Nur aus anderen Gründen. Und die haben nichts mit dem zu tun, was heutzutage wohl zu gelten scheint. 😉

Der nächste Supermarktbesuch kann kommen – mit völlig neuem Fahrgefühl…

Nein, ich habe diesen noch nicht hinter mir, bin aber immerhin recht gewappnet, was An- und Abfahrt – Fahrt generell – anbelangt. Der nächste Supermarktbesuch zu dritt steht noch bevor – kann aber kommen.

Silvester habe ich bei meinen Eltern verbracht, und das war nett. Ich hatte eigens einen Nudelsalat angefertigt und zum Kaffee einen Gewürzkuchen gebacken. Ersteren gab es abends zusammen mit anderen Speisen, von meiner Mutter zubereitet, und beiden Elternteilen schmeckte der Salat. Auch der Kuchen zuvor.

Am Neujahrsmorgen zum Frühstück sagte mein Vater: „Ali – eine Bitte habe ich an dich…“ Ich bin mit derlei Ansprachen von klein auf vertraut – meist verbirgt sich wenig Erfreuliches dahinter. 😉 Und so sagte ich: „Ja? Was? Nur heraus damit.“

Es stellte sich heraus, dass man vorgesehen hatte, dass ich eine Probefahrt mit dem recht großen Wagen meiner Eltern absolvieren sollte. Tapfer sagte ich: „Gut. Ich mache mich nur eben fertig – bevor der Wagen mich fertigmacht.“ Denn er ist um einiges größer als der kleine Monty.

Meine Devise ist ja immer: Schnell machen, bevor sich Angstgefühle oder sonstige Hemmungen einstellen. 😉 Und so war ich nur etwa zehn Minuten später abfahrbereit. Nervöses Reizdarm-Syndrom, das ich eigentlich nur von meinen früheren Reitstunden kannte, inklusive. Allerdings ist das sofort beendet, sobald man im Sattel sitzt – das würde hier sicher genauso sein. 😉 Aus der Garage herausfahren musste mein Vater das Wunderwerk der Technik allerdings selber. Es ist wirklich breit, und die Garage wirkt so schmal…

Dann setzte ich mich auf den Fahrersitz – o Gott, wie groß war das Monster denn! Kein Vergleich zu meinem kleinen Fiesta! Aber es musste sein, und so stellte ich rasch Sitz, Spiegel und Lenkrad ein.

Mein Vater hatte den Motor abgestellt, und schon erklärte er mir: „Hier ist der Startbutton, und da das ein Automatikwagen ist, musst du…“ – „Jaaa – auf die Bremse treten und dann von P auf R schalten, weil wir ja zurücksetzen müssen. Dann, wenn wir auf der Straße stehen, auf die Bremse treten und auf D schalten… Papa, ich kann mit Automatikwagen hervorragend umgehen! Mir graut eher vor den größeren Dimensionen! Das ist ja hier wie im Ballsaal im Vergleich zur Abstellkammer, die mein Auto darstellt!“ Mein Vater lachte.

Mit Todesverachtung trat ich das Bremspedal durch und drückte den Startknopf – der Motor startete mit einem tiefen Brummen. Rasch drehte ich meinen Kopf wackeldackelmäßig in Richtung sämtlicher Spiegel, in die ich hineinstarrte, als gäbe es Geld dafür, dann über meine Schulter – hinter uns kam keiner. Klar. Neujahrsmorgen – alle anderen schliefen sicher noch ihren Rausch aus, während ich eine Hemmschwelle abbauen musste. Wer mich kennt, kennt auch mein Verhältnis zum Autofahren. Mit „Monty“ fahre ich gern, aber jedwede Umstellung hinsichtlich des Fahrzeugs kostet erneut Überwindung. 😉

Da die Straße völlig unbelebt war, setzte ich mutig in einer geschmeidigen Kurve zurück, denn neben der Garageneinfahrt meiner Eltern hatte ein Nachbar einen Teil seines „Fuhrparks“ abgestellt. Klappte doch alles prima! Und schon trat ich erneut aufs Bremspedal und setzte den Wählhebel auf D wie „Drive“. Und schon fuhren wir los.

Wir fuhren etliche Kilometer und durch die mehr oder minder nähere Umgebung des Wohnortes meiner Eltern. Einparken musste ich auch noch – diese Fähigkeit braucht man bei Supermarktbesuchen besonders. 😉

Zurück waren wir, als das Mittagessen fertig war. Und nachdem wir gegessen hatten, sagte ich todesmutig, offenbar angefixt, da ich sehr gern mit Automatikwagen fahre: „Nach dem Mittagessen können wir, wenn ihr wollt, noch einmal zu dritt losfahren!“ Huch! Was war mit mir los? Kaum nach Jahren mal wieder mit einer Getriebeautomatik umgegangen, war ich bereits süchtig?

Meine Eltern waren ratz-fatz in ihren Straßenschuhen und -klamotten! Es war fast unheimlich. Aber – wie schon erwähnt – sie kommen, seit sie selber nicht mehr fahren können, nur noch selten wirklich mal vor die Haustür. Zumindest nicht weiter als bis zu dem kleinen Supermarkt, den sie mit Rollator auch noch erreichen können.

Und schon fuhren wir los und über Land – davon gibt es in der Umgebung meines Elternhauses eine ganze Menge. Orte, in denen ich seit meiner Kindheit kaum noch gewesen war. 😉 Und es machte richtig Spaß! Auch wenn ich manchmal erschrak, wenn ich auf den schmalen Alleen in beide Außenspiegel sah und zwischen Wagen und Fahrbahnmarkierungen zur Rechten und zur Linken nur so wenig Platz war – ganz anders als bei meinem im Vergleich putzigen Schaltwagen. „Einfach fahren, nicht gucken!“ dachte ich, und so klappte alles prima. Wie gesagt: Was Autofahren anbelangt, bin ich leider durch sehr unglückliche Umstände, an denen mich keinerlei Schuld traf, vorbelastet.

Wir fuhren so lange, und es gefiel mir so gut, dass ich am liebsten danach den kleinen Monty in die Garage meiner Eltern gefahren hätte und mit ihrem Wagen zurück an meinen Wohnort gefahren wäre. 😉 Ich muss ohnehin diese Woche wieder nach D., da meine Eltern einkaufen müssen. Aber irgendwie hängen meine Eltern so sehr an ihrem Wagen, dass sie ihn nah bei sich wissen wollen. An meiner Fahrweise kann es unmöglich gelegen haben, denn es war wirklich prima. Ich hätte ihnen nur nicht von meiner Stellplatznachbarin in G. erzählen sollen, die oft nur wenig Platz lässt… 😉

Auf der Heimfahrt bockte der kleine Monty einmal – ob er eifersüchtig war? 😉 Fast hätte ich gesagt: „Du weißt doch, dass ich dich niemals abgeben oder eintauschen würde!“ Zum Glück verkniff ich es mir noch – das ist ein Auto! 😉

Immerhin bin ich nun aber für die nächste Supermarktfahrt gewappnet. Hoffentlich bekommen wir einen Rand-Parkplatz… 😉

Euch ein frohes neues Jahr! 😊

Kurz vor Weihnachten in den Supermarkt? Unbedingt zu empfehlen! 😉

Zumindest dann, wenn man masochistische Züge trägt oder gar ein waschechter Vollmasochist ist. Auf mich trifft beides nicht zu, und ich leide nicht gern. Aber manchmal lässt es sich nicht vermeiden.

Bereits gestern musste ich nach Arbeit und Arztbesuch noch schnell in den riesigen Einkaufsmarkt, in dem ich besonders gern einkaufe, weil das Angebot so groß ist, es dort eine riesige Obst- und Gemüseabteilung gibt, in der ich noch nie enttäuscht wurde.

Eigentlich hatte ich gestern gar nicht einkaufen wollen, aber morgens, als ich gerade im Büro saß, klingelte mein Telefon, und Kerstin war dran. Siedendheiß fiel mir ein, dass wir ja abends essen gehen wollten – unsere seit 2018 übliche „Weihnachtsfeier“ – Essen zu zwei Kolleginnen – stand an, und ich hätte es beinahe vergessen! Ich musste dringend noch ein Geschenk für Kerstin kaufen, und so sauste ich schließlich zum Einkaufsmarkt, wo ich ein schönes Duschgel bzw. eine Bodylotion für sie kaufen wollte – und noch ein paar andere Kleinigkeiten aus diesem Bereich, und auch da hat der Markt eine sehr gutsortierte Abteilung mit Marken, die man im normalen Supermarkt nicht bekommt und die auch nicht 1,99 € kosten. Ich mag Kerstin sehr gern – sie ist ein Mensch, der einen auch in Krisensituationen immer motivieren und aufbauen kann, sehr hilfsbereit und sympathisch, und so kaufte ich ein Duschgel höherer Qualität und noch ein weiteres Pflegeprodukt ihrer Lieblingsmarke. Dazu noch eine Fünferpackung Reese’s Peanut Butter Cups – für mich auch eine – und noch ein paar weitere Süßigkeiten.

Für die paar Sachen habe ich reichlich Nerven gelassen, und das fing schon auf dem Parkplatz an, der riesig ist, aber schon fast komplett zugeparkt war. Mir graute bereits vor dem Inneren des Einkaufsmarktes, und es war dann auch nervend hoch drei. So viele Leute anwesend, die an der VHS offenbar den Anfängerkurs: Wie stehe ich besonders effizient im Weg absolviert und danach, weil’s so schön war, auch noch den Fortgeschrittenenkurs angehängt hatten: Wie stehe ich besonders effizient im Weg und blockiere zusätzlich mit meinem anderswo abgestellten Einkaufswagen den Zugang zu mindestens drei Regalsektionen… Es ist nicht sehr nett, aber je weiter ich in den Einkaufsmarkt vordrang, desto genervter war ich davon, und so rammte ich schließlich mit meinem Einkaufswagen mehrere abgestellte Einkaufswagen, die den Weg versperrten, einfach beiseite. Das ist normalerweise nicht meine Art, aber die Zeiten, da ich auf alles und jeden, egal, wie egoistisch er oder sie sich verhielt, Rücksicht nahm, sind – hoffentlich – vorbei. 😉

Es war dann ein sehr schöner und lustiger Abend, und Kerstin freute sich sehr über die Geschenke, die ich zu Hause noch in eine Geschenktüte gepackt hatte, wie ich mich auch über ihre freute. Das Duschgel fand sie besonders klasse – es roch nach Marzipan. Klar, es waren ja auch Mandelextrakte drin. Ich fand es selber total toll und werde es mir wohl auch kaufen müssen. 😉 Dann erzählten wir einander noch einige Schwänke aus unserem jeweiligen Leben, und gegen 22 Uhr fuhren wir unserer Wege – nachdem wir beschlossen hatten, das bald zu wiederholen, sofern möglich.

Heute war mein erster Urlaubstag, und ich hatte meinen Eltern versprochen, mit ihnen zum Einkaufen zu fahren, da inzwischen beide alters- und gesundheitsbedingt nicht mehr Auto fahren können. Die Fleischbestellung, die meine Mutter getätigt hatte, musste abgeholt und noch weitere Dinge gekauft werden. Ich freute mich schon unbändig auf das Gedrängel und die Menschenmassen in diesem großen Supermarkt in D., in dem wir erst kürzlich gewesen waren. Da war zwar noch kein Weihnachtsstress, aber ich war trotzdem völlig erschlagen, als wir den Supermarkt verließen. Meine Mutter hatte nur kurz etwas aussuchen wollen, während ich durch den Markt sauste und noch dies und das aus den Regalen holte, was meine Mutter noch brauchte: So ging es schneller. Mein Vater, der unbedingt mitgewollt hatte, gehört eher zu den Leuten, die dann irgendwo „abgestellt“ und geheißen werden, zu warten. Auf diese Weise geschah es, dass meine Mutter wie vom Erdboden verschwand und ich den Laden wirklich richtig gut kennenlernte, da ich wiederholt kreiste und meine Mutter suchte. Zwar habe ich ein Smartphone, und auch meine Eltern haben Handys. Problem nur: Sie benutzen sie nie. Die Handys sind auch so gut wie nie eingeschaltet. Ansonsten hätte ein kurzer Anruf genügt – ganz normal…

Doch so kam ich in den „Genuss“, ausgerufen zu werden – wie früher, bevor es diese praktischen Mobiltelefone gab. Ich holte meinen Vater, der in der Ecke zwischen dem Tchibo- und einem Süßigkeitenregal wartete, ab, und nachdem ich noch rasch an einer SB-Kasse die Artikel, die ich noch immer in den Händen hielt, gezahlt hatte, kam es zu einer Familien-Réunion hinter dem Kassenbereich. Da meine Mutter gesundheitlich angeschlagen ist, hatte ich grässliche Bilder vor Augen, wie sie gerade reanimiert wurde, gestürzt war, Becken- oder Oberschenkelhalsbruch, Herzinfarkt, Schlaganfall… Ich gebe zu, vielleicht etwas übertrieben, aber sie erzählen mir nie, wenn etwas passiert ist, einer von ihnen gestürzt oder Vergleichbares. Sie wollten mir keine Sorgen machen, sagen sie immer wieder treuherzig. Mir die Haare raufend, habe ich ihnen wieder und wieder gebetsmühlenartig erklärt, dass ich mir noch viel mehr Sorgen mache, wenn ich erst im Nachhinein erfahre, dass mein Vater eine Treppe hinuntergestürzt sei oder Ähnliches. Ich überlege immer noch, temporär zu ihnen zu ziehen – aber viel nutzt das auch nicht, denn ich muss ja arbeiten, und das nicht in D., sondern an meinem Wohnort.  

Meiner Mutter ging es übrigens prima. Sie hatte nur – so ist sie – schon einmal gezahlt. Auf die Idee war ich zwar auch sehr schnell gekommen, sie aber in dem Gewimmel an den Kassen nicht gesehen, und da sie noch von anderen Artikeln gesprochen hatte, die sie noch suchen wollte, war nicht klar ersichtlich, was geschehen war.

Nach dem Einkauf sagte ich: „Künftig fahre ich jeweils nur mit einem von euch zum Einkaufen. Das ist ja schlimmer, als einen Sack Flöhe zu hüten! Die eine entscheidet sich spontan gegen die eigenen Vorgaben, der andere klebt in der Ecke zwischen Tchibo- und Süßigkeitensektion und weicht nicht einen Schritt, während ich wie ein Hütehund versuche, die Herde wieder zusammenzutreiben! Unglaublich!“ Meine Mutter lachte. Ich lachte dann auch, aber es klang etwas hysterisch. 😉

Und heute ging es wieder in diesen Supermarkt. Einen Tag vor Heiligabend. Ich überlegte schon bei der Anfahrt, ob es nicht attraktiver gewesen wäre, heute noch ins Büro zu fahren, mir einen Weisheitszahn ziehen zu lassen oder ein Zahnimplantat mit Knochenauffüllung im Oberkiefer an mir durchführen zu lassen.

Ich fahre einen relativ kleinen Dreitürer und habe mich einmal probehalber hinten auf den Rücksitz gesetzt. Danach lachte ich schallend und beschloss, mich nie wieder hinten in dieses Auto zu setzen. Es ist sogar für jüngere Menschen ein elendes Gefriemel, hinein- und wieder herauszukommen. Aber mein Vater wollte unbedingt mitfahren, obwohl ich sagte: „Wir bringen dir auch etwas ganz Schönes mit, wenn du zu Hause bleibst! Sieh mal – mein Auto ist im Grunde nur für zwei Personen ausgelegt.“ Es klingt nicht schön, und ich kann es ja verstehen: Sie kommen, seit sie selber nicht mehr fahren können, kaum noch vor die Haustür, und zum Glück war kürzlich meine Schwester zu Besuch, die mit den beiden einige Ausflüge gemacht hat. Aber mein Vater ist eherner Westfale und eher eigenwillig – ich bin jetzt noch ganz erstaunt darüber, wie schnell er hinten im Auto saß! Meine Mutter stieg auch noch ein – und schon ging es los!

Mit Mühe fanden wir noch einen freien Parkplatz – immerhin. Meine Mutter war auch relativ schnell aus dem Auto heraus und stand daneben, sich auf ihren Stock stützend. Mein Vater hingegen brauchte einige Minuten – er steckte noch im „Geburtskanal“ fest. Zumindest schwebte mir dieser Vergleich vor, was den extrem mühevollen Aussteigeprozess aus dem Fond des kleinen Ford Fiesta anbelangte. Ich sagte nur, indem ich mir an den Haaren riss: „Ich habe es mehrfach gesagt – es ist einfach schwierig. Komm jetzt da raus, Papa – ich halte dich doch fest. Ansonsten musst du hier warten. Und das möchtest du ja nicht – und ich auch nicht.“

Endlich war es geschafft, und wir gingen auf den Supermarkt zu. Meine Mutter meinte zu mir: „Warum sehen deine Haare eigentlich so strippig aus?“ – „Weil ich sie mir gerade gerauft habe, als ich glaubte, Papa käme nie aus diesem Auto heraus! Dabei hatte ich wiederholt auf das Problem hingewiesen. Wieso hört eigentlich nie jemand auf mich?“ – „Ach so. Auf mich hört auch nie jemand. Zumindest kein Westfale wie dein Vater.“ Und meine Mutter lachte einmal mehr und sagte: „Es ist ärgerlich, aber zum Ausgleich gewöhnt man sich auch nie daran.“ Der Satz hätte von mir sein können, bewusst absurd. Es fing schon gut an… 😉

Immerhin fanden wir auch einen freien Einkaufswagen aus dem Restbestand dieser Einkaufshilfsmittel. Da nur noch so wenige verfügbar waren, hatte ich bereits ein sehr plastisches Bild vor Augen, wie hektisch es im Inneren des Supermarkts werden würde…

Und es war kein Trugbild, denn innen war es noch schlimmer, als ich – anerkannte Pessimistin – angenommen hatte. Ich stand an der Fleischtheke und sah, wie Menschen für vier Personen, wie sie angaben, allein für Heiligabend, wie sie ebenfalls angaben, 16 Rouladen, groß wie Duschtücher, kauften. Und für den ersten und zweiten Feiertag dann noch Gänse und große Braten. Ich bin beileibe keine Vegetarierin oder Veganerin, aber da überkamen mich doch leise Zweifel. Im Vergleich dazu nahmen sich unsere Hirschkeule und die schlesischen Bratwürste in ihrer Verpackung recht zahm und zierlich aus.

Während mein Vater – beruhigend – an der Seite meiner Mutter blieb, sauste ich durch den Laden und holte dies und das. Ich holte auch einige Dinge für mich, unter anderem Bacon English Style, also keine schmalen Baconstreifen, sondern so zugeschnitten wie in Großbritannien und Irland, ergo breiter. Sehr schön – gibt ein schönes „Frühstück“ für mich, zusammen mit gebratenen Pilzen, Tomaten, Rührei und Baked Beans. Auf die Würste, die eigentlich auch dazugehören, verzichte ich.

Dann fiel der Satz meiner Mutter: „Für die Hirschkeule brauchen wir noch einen schönen Rotwein. Einen Bordeaux oder Burgunder. Wir suchen den nur kurz aus.“ Woher kannte ich diesen Satz, modifiziert, nur? Immerhin wollten sie zu zweit in die Weinabteilung gehen, und sie hatten ja auch ihre Handys dabei. Ich sagte noch: „Bleibt bitte dort. Ich hole nur noch rasch die restlichen Sachen von der Liste. Ich kenne mich im Laden ja schon recht gut aus, obwohl ich erst das zweite Mal hier bin. Aber beim letzten Mal bin ich so oft hier gekreist, dass ich mich wahrscheinlich besser auskenne als ihr. Bleibt bitte in der Weinabteilung. Ich komme dann dorthin, und dann gehen wir gemeinsam zur Kasse.“ – „Ja, so machen wir das.“ So tönte an mein Ohr.

Als ich mit mehreren Artikeln im Arm in der Weinabteilung anlangte, sah ich dort… ausschließlich fremde Menschen. Durch vorherige Erfahrungen – siehe oben – bereits geschult, lief ich zum Kassenbereich und scannte mit meinen Blicken sämtliche Kassenschlangen: Meine Eltern waren nirgendwo zu sehen.

„Das kann doch nicht wahr sein!“ rief ich empört, lud sämtliche Artikel, die ich bei mir trug, auf einen Stapel 1-Kilogramm-Zuckertüten und holte mein Handy aus meinem Rucksack. Rasch die Nummer meiner Mutter gewählt, und schon tönte an mein Ohr: „Der gewünschte Teilnehmer ist zurzeit nicht zu erreichen.“

„Das kann doch nicht wahr sein!“ rief ich erneut – ich hatte in der letzten Zeit eindeutig zu viel Stress gehabt. Ein Mann sprach mich an: „Kann ich Ihnen helfen?“ – „Mir ist nicht zu helfen. Haben Sie auch ältere Eltern, mit denen Sie zum Einkaufen fahren? Ich bin heute zum zweiten Mal mit meinen hier: Beim letzten Mal verschwand meine Mutter zunächst spurlos, dieses Mal sind beide weg. Dabei hatten wir doch vereinbart, uns in der Weinabteilung zu treffen – da sind sie aber nicht. Und beide haben Handys – die sind aber nie eingeschaltet! Ich liebe meine Eltern – aber sie machen mich noch wahnsinnig! Zumindest beim Einkaufen. Vielleicht sollte ich sie ausrufen lassen: ‚Die kleine Ali hat ihre Eltern verloren und weint in der Nährmittelabteilung‘ oder so.“ Der Mann lachte sich scheckig und meinte: „Machen Sie sich nichts draus – ich kenne das sehr gut. Meine Eltern sind auch sehr eigenwillig, wenn wir zusammen einkaufen. Ich fahre sie nämlich auch öfter zum Einkaufen und begleite sie. Ich würde Ihnen ja helfen, aber meine Frau wartet dort hinten irgendwo auf mich. Ich sollte noch eine Dose Birnen und ein Glas Preiselbeeren holen.“ – „Gehen Sie schnell zu Ihrer Frau, bevor sie auch noch verschwunden ist. Dieser Laden hier scheint ein als Supermarkt getarntes Schwarzes Loch zu sein.“ Der Mann lachte noch mehr und meinte: „War nett, Sie kennenzulernen – Sie haben einen netten Humor. Frohe Weihnachten!“ – „Ja, Ihnen und Ihrer Frau auch.“ – „Und Ihren Eltern.“ – „Wenn ich sie je wiederfinde…“

Ich steuerte ein weiteres Mal die Weinabteilung an, bog um ein Weinregal und sah … meine Mutter! Sie stand dort und hantierte mit ihrem Handy… Ich rief leicht empört: „MUTTI!“ – „Ach, da bist du ja!“ – „Ja! Ich bin hier! Wie auch schon zuvor – da warst du aber nicht hier!“ – „Ach, ich wollte dich gerade anrufen…“ – „Und ich habe dich vor nicht einmal fünf Minuten angerufen! Dein Handy war nicht eingeschaltet.“ – „Ja, ich wollte es gerade einschalten…“ – „Egal. Wo ist Papa?“ – „Der steht an der Kasse.“ – „Gott sei Dank!“ Denn mir war klar, dass er sich dort nicht leichtfertig wegbewegen würde, wenn ausgemacht war, dass er dort warten solle. 😉

Auf dem Weg zur richtigen Kasse, was aufgrund des vorweihnachtlichen Gewusels nicht einfach war, erklärte mir meine Mutter: „Es tut mir leid, aber ich hatte gar nicht mehr daran gedacht, dass du ja auch noch da seist. Und da habe ich zu Papa gesagt: ‚Lass uns schnell zur Kasse gehen, Karl-Heinz!‘“ – „Ja. Absolut nachvollziehbar. Immerhin hast du daran gedacht, dass du ein Handy hast, und ich musste nicht erneut ausgerufen werden. Du musst das Handy nur einschalten, wenn wir losfahren. Das wäre prima.“ – „Das mache ich dann beim nächsten Mal.“ – „Ich bitte darum.“

Wir zahlten und gingen zum Auto. Als wir es erreicht hatten, sagte ich: „Wir packen jetzt die Sachen in den Kofferraum, und dann bringe ich den Einkaufswagen zurück. Wenn ich zurückkomme, sitzt ihr bitte beide im Auto, Papa vorne. Beide angeschnallt. Und dann fahre ich euch nach Hause. Keine Widerrede!“

Ja, ich weiß, das klingt respektlos. Aber es ist nicht so gemeint, denn ich liebe meine Eltern. Nur beim Einkaufen sind sie bisweilen sehr stressig. 😉 Ich werde mich in den nächsten Tagen mit dem Fahrgefühl des erheblich größeren Wagens meiner Eltern vertraut machen müssen. Immerhin: ein Automatikwagen. Damit fahre ich im Allgemeinen ja sehr gern. 😉

Frohe Weihnachten Euch allen! 😊 Und geht kurz vor Weihnachten niemals einkaufen! 😉

Von wegen: „Stock und Stein brechen mein Gebein, doch Worte bringen keine Pein“…

Ein nicht nur albernes, sondern obendrein komplett dümmliches und unwahres Sprichwort, das ich schon immer ziemlich bescheuert fand, denn Sprache bzw. gesprochene Worte können mindestens ebenso schwer wiegen wie physische Übergriffe.

Doch darum soll es hier gar nicht gehen, denn es soll eher um Wörter, nicht um Worte gehen, die hinreichend Pein bringen: mir zumindest. Manchmal sind es nicht nur Wörter, sondern größere sprachliche Gebilde, Grammatik und weitere Aspekte eingeschlossen.

Ich habe – wenn auch nicht schriftlich niedergelegt, denn das wäre ziemlich verstörend, sondern mehr in meinem Kopf – eine Schwarze Liste, „neudeutsch“ auch Blacklist genannt, auf der sich Wörter, Begriffe und sonstige sprachliche Aspekte befinden, bei denen ich rotsehe, mir das Messer in der Tasche aufgeht und ich die Faust in der Tasche machen muss – um das Messer wieder zu schließen bzw. einzuklappen. 😉 Zum Glück bin ich zwar ein bisweilen etwas impulsiver, aber zum größten Teil friedliebender und friedlicher Mensch. Ich kann mich auch beherrschen, flippe nicht wie Rigby Reardon im Film Tote tragen keine Karos aus den frühen Achtzigern aus, der stets ausflippte, wenn er das Wort Reinemachefrau hörte – zumindest in der deutschen Synchronisation -, was ich übrigens verstehen kann: Reinemachefrau ist wirklich ein ziemlich beknacktes Wort. Genauso wie Großreinemachen. Warum nicht Hausputz? Viel kürzer, und trotzdem weiß jeder, was gemeint ist. 😉

Ja, ich weiß, es gab schon immer eine „Jugendsprache“, und dagegen habe ich im Allgemeinen rein gar nichts – habe ich selber benutzt, damals. Und, ja, ich weiß, dass Sprache einem steten Wandel unterworfen ist – es wäre traurig, wüsste just ich es nicht. Aber ich bekomme trotzdem eine mittelschwere Krise, wenn ich manche Kreationen höre, die einem dieser Tage inflationär um die Ohren wehen.

„Gönnen Sie sich!“ sagte neulich jemand zu mir, nachdem ich ähnliche Sätze dieses sprachlich interessanten Musters bereits mehrfach gelesen hatte, ungläubig, denn da fehlte doch etwas? Ja, das Objekt! Und als ich: „Gönnen Sie sich!“ hörte, fragte ich mit schneidender Stimme: „WAS?“ – „Wie bitte?“ – „WAS soll ich mir gönnen?“ – „Wie getz? Versteh ich nich. Sie sollen sich gönnen, meinte ich.“ – „Ja, okay – ach, ich befürchte, ich habe gleich den nächsten Termin…“ Ich habe lange aufgegeben, zu erklären, was an manchen „modernen“ sprachlichen Phänomenen bei manchen Menschen, offenbar immer weniger werdenden, nahezu Augen- und Ohrenkrebs auslöse. Dazu gehören auch Phänomene wie: „Er war mit nen Auto unterwegs“ oder „Ich habe ein Hund“.

Nein, falsch! Ich bin gar nicht so intolerant, wie es scheinen mag, und ich habe als Jugendliche auch das benutzt, was damals als Jugendsprache angesagt war – siehe oben. Aber immerhin bekamen wir das mit der Grammatik noch hin. 😉 Wir konnten auch „das“ und „dass“, „als“ und „wie“, „seit“ und „seid“ unterscheiden und richtig verwenden.

Höre ich, wie jemand sagt: „Je länger das dauert, je schlimmer wird es“, wird mir auch gleich ganz schlimm zumute. Ähnlich verhält es sich mit: „Desto/Umso mehr ich arbeite, desto/umso müder werde ich.“ Ist die sinnstiftende Kombination von je und desto bzw. je und umso wirklich so schwierig? Offenbar bin ich ein Genie – denn ich beherrsche sie. Und was, bitte, soll „wohlmöglich“ sein? Ich kenne nur womöglich, was mit „wohl“ rein gar nichts zu tun hat. Es bedeutet eher: „wenn es möglich ist“ – nix mit „wohl“! Alternative wäre: „so es möglich ist“, aber damit sollte man wohl besser gar nicht erst anfangen. 😉

Doch weg davon – lieber hin zu einzelnen Begriffen, die bei mir nervöse Reaktionen auslösen.

„Schnutenpulli“ ist einer der aktuellen, denn so lange – erst über ein Jahr – gibt es die „Maskenpflicht“ bzw. die Vorschrift, einen sogenannten Mund-Nasen-Schutz, kurz auch MNS genannt, zu tragen, noch nicht, und vor einem Dreivierteljahr las ich „Schnutenpulli“ das erste Mal und fand den Begriff schon damals irgendwie kindisch. Es erinnerte mich an eine frühere Bekannte, die statt „ursprünglich“ stets „urhüpflich“ sagte, weil sie das so süß fand und sie so stolz auf ihre Kreation war. Zwar ging sie damit rasch ganz vielen Leuten auf die Nerven, aber sie fand es immer noch süß. Eines muss ich dem „Schnutenpulli“ jedoch zugestehen: Er ist sympathischer als der „Maulkorb“, den besonders „kritische“ Mitmenschen als Begriff für einen harmlosen MNS verwenden.

„Fellnase“, „Regenbogenbrücke“: „Fellnase“ erzeugt in mir allergrößte Abwehr – dabei liebe ich Tiere sehr. Aber es sind immer ganz „besondere“ Menschen, die den Begriff verwenden. Die ziehen ihren Hunden auch Dirndl an. Nein, danke. Übrigens: Die meisten Tiere haben kein Fell in der Nase. Da lobe ich mir eine frühere Freundin, die meine Kaninchen immer als „Pelzwichte“ bezeichnete. 😉

Ich kann mich erinnern, einmal in meinem bisherigen Leben das Wort „Regenbogenbrücke“ benutzt zu haben, um einem kleinen Jungen über den Tod seines Haustieres hinwegzuhelfen. Ich studierte noch und gab nebenbei Nachhilfe in Aachen-Hanbruch. Der beste Freund meines kleinen Nachhilfeschülers, gerade zehn Jahre alt, saß öfter dabei, wenn mein Schüler von mir unterrichtet wurde, und einmal sah ich, dass er, sonst immer fröhlich, ein wenig trübselig wirkte. Nachdem die Stunde beendet war, sprach ich den Kleinen an: „Hey, Sebastian, ist alles okay?“ – „Nein,“, meinte der kleine Kerl, und ich sah Tränen in seinen Augen aufsteigen – o Gott! -, „Franz ist krank.“ Ich wusste inzwischen, dass „Franz“ eine Ente war, genauer: ein Erpel, und des kleinen Sebastian Augenstern, sein eigenes Tier. Sein erstes eigenes Tier, an dem sein Herz hing. Ich konnte das verstehen, und so sagte ich teilnahmsvoll: „Das tut mir leid – was hat er denn?“ – „Eine Lungenentzündung, Frau B.!“ – „Ihr habt doch sicher einen Tierarzt hinzugezogen, oder?“ – „Ja, aber der sagt, dass es nicht gut aussieht.“ Ich schloss umgehend sowohl den kleinen Franz als auch den kleinen Sebastian in meine guten Wünsche ein und hoffte nur das Beste. Ich wusste, was es bedeutet, ein Tier zu verlieren – vor allem, wenn man noch so klein ist.

Bei der nächsten Nachhilfestunde wenige Tage später fragte ich den kleinen Sebastian arglos, wie es „Franz“ gehe – und da liefen die Tränen. „Frau B. – er ist tot!“ – „O nein! Das tut mir so leid, Sebastian – das wollte ich nicht. Ich hatte gehofft, er würde es schaffen!“ Und schon hing der kleine Kerl an meinem Hals, und da habe ich ihm etwas von der „Regenbogenbrücke“ erzählt. Er tat mir so leid, und ich wollte ihm doch etwas Tröstliches sagen. Ich verstehe auch, dass man sich das genauso vorstellen möchte – das Tier rennt über irgendeine Brücke und spielt dann mit seinen Artgenossen, Löwen liegen neben Lämmchen, lecken denen liebevoll die wolligen Köpfchen, während die Lämmchen bähend und mähend Dornen aus der Löwen Pfote ziehen, und alles ist Friede, Freude, Eierkuchen. Für noch recht kleine Kinder sicherlich die richtige Art und Weise. Aber selbst der kleine Sebastian sagte mir damals: „Frau B., das ist sehr lieb, aber Franz ist einfach tot. Aber danke, dass Sie mir das mit der Regenbogenbrücke gesagt haben. Franz muss auf alle Fälle nicht mehr leiden.“ Und er drückte mich. Ich sagte: „Du bist ein cooler Kerl.“

Großer „Beliebtheit“ erfreut sich bei mir auch der Begriff der „Outdoorjacke“. Das impliziert, dass es auch „Indoorjacken“ gebe. Ich kenne zum Glück niemanden, der in seiner Wohnung eine Jacke tragen würde. Obwohl… Ich erinnere mich, dass ich einmal noch relativ zu Beginn meines Studiums aus einem Wochenende in heimatlichen Gefilden nach Aachen zurückkehrte – an einem Sonntagabend im Spätherbst/Winter – und zu meiner Bestürzung feststellte, dass in meiner Studentenwohnung in der Ottostraße die Heizung defekt war. Die Tage vorher hatte sie noch funktioniert… Klar – da waren die Temperaturen ja auch noch höher gewesen, die übers Wochenende stark gefallen waren. In Aachen war es sowieso immer etwas kälter als im Ruhrgebiet.
Ich musste bis Montagmorgen ausharren, bis ich etwas unternehmen konnte, denn ich war relativ spät am Sonntag nach Aachen zurückgekehrt. In meiner Not habe ich in der Küche sogar den Backofen eingeschaltet und ihn geöffnet, damit es zumindest in einem Raum etwas erträglicher war. An diesem Sonntagabend und Montag habe ich in meiner Wohnung tatsächlich eine Jacke getragen. Aber wirklich nur in diesem Falle. Meine Außenbereichsjacke war gewissermaßen zur „Indoorjacke“ geworden – also ein Multifunktionsgerät! 😉 Vergesst daher die „Outdoorjacke“ – der Ausdruck ist Tinnef. 😉

(Ja, ich weiß, dass es auch „Indoorjacken“ gibt: Bei mir heißen sie Blazer bzw. Strickjacke…)

Richtig nervend sind Begriffe wie „Kindi“, „Schlafi“ oder sonstige Verdächtige, wenn doch nur der Kindergarten oder Schlafanzug gemeint sind. Früher hieß es, wenn man Kinder habe, werde man erwachsener. Heute hat man bisweilen den Eindruck, nicht wenige Eltern entwickelten sich zurück – obwohl ich mir als Kind schon nicht hätte vorstellen können, zu einem Schlafanzug „Schlafi“ zu sagen. Das war ein Schlafanzug, und basta! Aber damals starben Haustiere auch noch und gingen nicht über die „Regenbogenbrücke“. Ich erinnere mich noch heute, wie meine Mutter mein Meerschweinchen im Garten begrub. Da war ich sechs Jahre alt und stand heulend wenige Meter hinter ihr. Von einer „Regenbogenbrücke“ war keine Rede, aber meine Mutter sagte mir, dass es der kleinen Susi nun besser gehe als zuvor, da sie so krank gewesen sei. Das war zwar alles furchtbar, aber ich kam damit nach einiger Zeit klar. Ganz ohne bunte Brücke.

Höre ich „Kids“ oder gar „Kiddies“ oder – am allerschlimmsten! – „Mini-me“, sehe ich rot. Noch schlimmer: „Sohnemann“. Ähnlich schlimm wie „Göttergatte“ oder – von Ehemännern geäußert – „die Regierung“, wenn die Ehefrau bzw. Familienmutter gemeint ist. Möglich, dass meine Abneigung daran liegt, dass mir Augenhöhe in Partnerschaften wichtig ist – auch sprachlich. 😉

Richtig gruselig sind dann: „Wir (!) sind schwanger!“ oder „Bauchzwerg“ und „Kugelzeit“. Liebe Leute, schwanger ist nur eine: die Frau. Und der „Bauchzwerg“ ist ein Embryo bzw. Fötus, im Zweifel euer (werdendes) Kind; die „Kugelzeit“ nennt sich unter Erwachsenen und sonstigen normalen Menschen Schwangerschaft.

Und wenn ihr etwas begrüßt oder mögt, dann „appreciatet“ [„äpprieschiäitet“] ihr das nicht, sondern schätzt es – und das ist auch nicht „nice“, sondern „schön“, „angenehm“ oder meinetwegen „prima“. Und ihr seid auch nicht „fein“ damit, sondern es ist kein Problem, sondern in Ordnung für euch. [„I’m fine with it.“ Das ist Englisch, nicht Deutsch.]

Es mag intolerant klingen, aber was Sprache anbelangt, bin ich eigen und weiß, ich bin nicht die Einzige. Eine gute Freundin ist Übersetzerin und damit auch sehr sprachaffin – die leidet ähnlich wie ich und offenbar mehr Menschen, als ich bis dato annahm. Bis ich heute eine Umfrage las, deren Ergebnis mich beruhigte: Ich scheine wahrhaftig nicht die einzige Person zu sein, die bisweilen Augen- und Ohrenkrebs zu erleiden befürchtet angesichts nicht weniger sprachlicher Auswüchse. 😉 Zum Glück weiß ich jedoch auch, dass auch ich selber nicht auszunehmen bin: Jeder hat sprachliche – und sonstige – Angewohnheiten, die bei anderen allergische Reaktionen auslösen. Eine Freundin von mir sagt immer: „Hach, das Essen ist köstlich!“ – bei „köstlich“ ereilt mich stets eine Adrenalinausschüttung, denn ich mag aus unerfindlichen Gründen dieses Wort nicht. Meine Mutter bekommt die Krise, wenn sie mich sagen hört, dass mir etwas „in der Seele weh“ tue. Ich verkneife mir daher nach Möglichkeit diesen Ausdruck, wenn ich mit ihr spreche.

Mein Fazit: Redet und schreibt, wie euch der Schnabel gewachsen ist – aber bitte mit Sinn und Verstand. Und zumindest einem bisschen (Mit-)Gefühl für Sprache. 😉

Come un cane bastonato

Genau – wie ein geprügelter Hund fühle ich mich, und mir tun sämtliche Glieder sowie der Kopf weh, und ich fühle mich, als wäre ich gegen den Vier-Uhr-Bus gelaufen. Seit Sonntag stets ab Mittag. Warum das?

Ich vermute ja, dass mein Immunsystem auf die dritte Impfung gegen Covid-19 so reagiere. Denn ich hatte am vergangenen Samstag das Glück, in der Hausarztpraxis meiner Eltern in D., wohin ich meine Mutter gefahren hatte, eine Dosis verimpft zu bekommen, die ansonsten hätte weggeworfen werden müssen, da sich außer mir kein Interessent fand. 😉 Zwar recht früh nach Zweitimpfung, aber besser früh, als zu spät oder nie.

Offenbar verfüge ich noch über hinreichend Antikörper, denn seit Drittimpfung benimmt sich mein Immunsystem so, als müsse es mir beweisen, dass es seiner Aufgabe mehr als nur hinreichend nachkomme. Am Sonntag wollte ich eigentlich einen schönen und langen Spaziergang machen, wogegen auch gar nichts sprach. Zumindest theoretisch.

Praktisch schon, denn eine Jacke war aufgrund der relativ niedrigen Temperaturen notwendig. Die konnte ich jedoch nicht anziehen, da mein linker Arm derart fies schmerzte, dass ich ihn nicht so weit heben konnte, wie nötig war, die Jacke anzuziehen. Alles klar – also kein Spaziergang. 😉

Am Montag fuhr ich ins Büro und tat, wozu ich dort angestellt bin, und alles lief prima. Zumindest bis mittags, denn da nervten mich bereits Gliederschmerzen. Ich schob diese jedoch beiseite – Arbeit stand an.

Am Dienstag fuhr ich frühmorgens zur KFZ-Werkstatt, um endlich den Räderwechsel von Sommer zu Winter vollziehen zu lassen. Danach raste ich nach Hause – Home-Office-Tag, und da gab es einiges zu tun, mit dem ich nicht gerechnet hatte. 😉

Gestern, Mittwoch, wurde mir erst richtig klar, dass das Immunsystem wohl auf Hochtouren lief, denn da war ich im Büro und wollte besonders viel erledigen – ich hatte einen genauen Plan. Große Teile konnte ich auch erfüllen, aber gegen Mittag dachte ich: „Noch einer, der mit einer selbsterklärenden Frage kommt, einer völlig redundanten, und ich schreie!“

So kenne ich mich nicht. Im Gegenteil. Ich habe und hätte auch nicht geschrien, aber sämtliche Knochen taten mir weh, mein Kopf schmerzte aufs Possierlichste, und am wohlsten fühlte ich mich, wenn ich einfach in Ruhe alleingelassen meine Arbeit vollbringen konnte, soweit es ging.

Als ich schließlich zu Hause eintraf, habe ich mich ohne große Umstände auf die Couch gelegt und einen anspruchslosen Film angesehen. Bloß nichts Anspruchsvolles – blanke Berieselung war angesagt. Meine beiden Wärmflaschen habe ich in Betrieb und mitgenommen, denn mir war eiskalt.

Heute früh ging es mir blendend, und das blieb auch so bis zum Mittag. Danach – ja – leider wieder cane bastonato, wenn auch nicht mehr so schlimm wie gestern. Ich bin heute früher von der Arbeit abgehauen und hoffe, dass es morgen besser sein möge.

Dennoch: Ich bereue nichts – und schon gar nicht den Impfboost. Mein Immunsystem scheint mir nur zeigen zu wollen, wer hier der Herr oder die Dame des Hauses sei und dass er bzw. sie durchaus arbeite. Und das soll es/er/sie ja auch. 😉

Euch und uns allen alles Gute! 😊

Up, up and away? Nein: Auf nach Thüringen!

Mein diesjähriger Jahresurlaub ist in etwa so „exotisch“ wie der letztjährige. Da war ich im Allgäu, wo ich eigentlich auch gern mal wieder hinmöchte, aber das hat leider diesmal nicht geklappt.

Anders als geplant, musste ich meinen Jahresurlaub um eine Woche in den Oktober verschieben. Es war nicht ganz freiwillig, und ich bin auch gar nicht so glücklich darüber, und wahrscheinlich habe ich mich deswegen sehr spontan entschieden, schnell zur Tat zu schreiten und eine der zwei Wochen zu verplanen: Zwei Tage Weimar, die restlichen Tage dann in meine Zweitheimat Bamberg, was von Weimar aus ein Katzensprung ist.

Ursprünglich hatte ich auch noch nach Sachsen fahren wollen, um meine Schwester zu besuchen. Da die aber ohnehin bald in NRW ist, strich ich Sachsen und folgte dem, was meine liebe Kollegin Johanna, die ich vor zwei Jahren bei einer dienstlichen Fortbildung in Bonn kennengelernt habe, schon öfter vorschlug: „Wir sollten uns unbedingt mal wieder treffen!“ Au ja!

Und so schlug ich ihr vor, ich könne ja mal nach Weimar kommen, und sie meinte: „Super, das wäre toll!“ – „Und besser so als andersherum.“ (Immerhin lebe ich mitten im „Pott“ in einer Stadt, die hinsichtlich ihrer Attraktivität in jedweder Bedeutung Weimar quasi diametral entgegensteht. 😉 ) Ich berichtete von meiner Urlaubsverschiebung, und sie rief sofort: „Dann kommst du zum Weimarer Zwiebelmarkt!“ Das klang gut, und ich suchte sofort nach einem Hotel.

Das war gar nicht so einfach, denn in der Zeit, in der ich Weimar bereisen wollte, gab es nur fünf Hotels zur Auswahl, die noch nicht bis zum Bersten ausgebucht waren: Vier davon befanden sich im sehr hochklassigen Bereich, und wenn ich auch gern im berühmten Hotel Elephant absteigen würde, fürchte ich, dass über 300 Euro pro Nacht mein Budget doch sprengen würden. Es sei denn, ich würde wieder Lotto spielen und ausnahmsweise mal etwas günstiger tippen, als ich das sonst so tue: entweder rechts oder links von der Zahl, die dann schließlich gezogen wird – es muss eine Art Fluch auf mir lasten. 😉

Mit viel Glück ergatterte ich das letzte Zimmer im „Hotel Alt Weimar“. Das sah im Internet nett aus, und man verspricht viel Bauhaus. Klar: Wenn nicht in Weimar, der Bauhaus-Wiege, wo dann sonst? (Okay, in Dessau – aber dahin reise ich ja nicht.) 😉

Johanna hinterließ mir eine begeisterte Whatsapp-Sprachnachricht, nachdem ich ihr mittels einer solchen mitgeteilt hatte, ich hätte das letzte erschwingliche Hotelzimmer in Weimar gebucht: „Ali – das ist cool! Ich sehe uns beide schon auf dem Zwiebelmarkt – das wird lustig!“ Das glaube ich auch. 😊

Schändlicher Weise ist Weimar – neben Gera – die einzige größere Stadt in Thüringen, die ich noch nicht kenne. Aber das hole ich ja nun hoffentlich nach. Ich kenne Eisenach, Gotha, Erfurt und Jena – und viel, viel Umland. Thüringen ist schön.

Meinen allerersten Kontakt damit hatte ich, als ich etwa fünf Jahre alt war. Damals war Deutschland noch geteilt, und ich war in Franken bei meiner Oma, zusammen mit Stephie. Eines Tages fuhren wir mit Freunden meiner Oma nach Coburg und besichtigten diese sehr schöne Stadt. Die lag nicht weit von dem entfernt, was damals als Zonengrenze bekannt war. Und da einer der Bekannten meiner Oma Verwandte, unter anderem seinen jüngeren Bruder, in der DDR hatte, fuhren wir dann noch in einen Ort, der heute Bad Rodach heißt. Früher nur Rodach. Dort verlief diese Zonengrenze. Dort kam man ihr ganz nah. Und das hat mich damals als Kind schier überwältigt: Wir standen da in Rodach, heute: Bad Rodach, inmitten von Grün und einem kleinen Wäldchen, und vor uns lag eine wunderschöne, große Wiese, die zum Losrennen einlud. Weiter hinten sah man die für Franken typische Mittelgebirgslandschaft. Die Sonne knallte vom strahlendblauen und wolkenlosen Himmel, und hinter uns hörte man einen kleinen Bach rauschen. Ergo all das, was man in der Literatur als locus amoenus bezeichnen würde, als einen Ort reinster Idylle.

Wären da nur nicht dieser schwarz-rot-goldene Grenzpfahl, der Stacheldrahtzaun und all diese erschreckenden Warnschilder gewesen…

Halt! Zonengrenze! stand da, zwei Wörter mit Satzzeichen, die einen anbrüllten und laut maßregelten, als wäre man unmündig. Und es wurde ebenso knapp an Worten drastisch darauf hingewiesen, dass bei Betreten Lebensgefahr aufgrund von Minen bestünde. Der Bekannte, der Familie in der DDR hatte, sagte traurig: „Hinter dem Zaun ist alles vermint. Es ist alles zum Greifen nah und doch unerreichbar.“ Ich sah zu ihm hoch und bemerkte, dass er Tränen in den Augen hatte. Seine Verwandten lebten gar nicht so weit von unserem Standort entfernt, aber das wusste ich damals noch nicht.

Mich hat das als Kind ziemlich schockiert, obwohl ich wusste, dass Deutschland geteilt war. Aber so richtig war das als Kind nicht zu begreifen, und hier war doch alles so nah – und so surreal. Eine wunderschöne Waldwiese an einem Tag mit strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel, auf die man nicht rennen und auf der man nicht spielen durfte oder konnte. Ein anderes Land hinter all den Warnschildern – das wollte mir auch nicht einleuchten. Meine Oma erklärte mir geduldig, dass das, was hinter dem Stacheldraht liege, nicht mehr Franken bzw. Bayern sei, sondern Thüringen. Ja, aber! Das war doch im Grunde das Gleiche – es sah doch genauso aus wie auf der Seite, auf der wir standen! Es war landschaftlich alles so wie in Franken. Es war zum Greifen nah. Ich war eindeutig überfordert mit der Teilung. Aber wer war das nicht? Es war im Grunde so, als hätte man Geschwister auseinandergerissen, die einander sehr ähnelten…

Das erste Mal war ich 2001 in Thüringen, als ich Richie besuchte, der sich in Eisenach beruflich niedergelassen hatte. In Ratingen losgefahren, in Düsseldorf umgestiegen und über Warburg und Kassel-Wilhelmshöhe gefahren, bis die Ansage kam: „Nächster Halt: Bebra.“ Bebra war im geteilten Deutschland von Bedeutung, da eine hessische Stadt direkt an der Grenze, ein deutsch-deutscher Grenzübergang. Und obwohl ich doch nun schon seit 1989/90 mit den zum Glück geänderten Verhältnissen vertraut war, hielt ich doch inne. Gelernt ist gelernt. Wir passierten Bebra, und in Eisenach holte Richie mich vom Gleis ab.

Er zeigte mir Eisenach und die Umgebung, und ich war begeistert: „Das ist so schön hier! Ich fühle mich hier fast wie zu Hause.“ – „Ja, ich finde es auch schön hier – aber wieso fühlst du dich hier fast wie zu Hause? Du kommst aus dem ‚Pott‘! Hier sieht es ganz anders aus, und es sieht auch ganz anders aus als bei mir zu Hause.“ – „Das kommt davon, wenn man aus Neuss kommt und keine zweite Heimat hat.“ – „Ach, ja, stimmt – du Halbfränkin! Klar, dass du dich hier wie zu Hause fühlst. Deswegen mochtest du Aachen ja auch immer so gern – wegen der Hügel.“

Ich freue mich jedenfalls riesig, wieder einmal nach Thüringen zu kommen. Es ist von den vier „neuen“ Bundesländern – in Mecklenburg-Vorpommern war ich als einziges noch nicht –, die ich kenne, dasjenige, das ich am liebsten mag. Und von allen Bundesländern, die ich kenne, liegt es auf Platz 2. (Neben MeckPomm kenne ich nur das Saarland nicht persönlich…) 😊 Ich vermute, meine Vorliebe habe mit Kindheitserfahrungen zu tun. Und nicht zuletzt damit, dass die thüringische Küche der fränkischen in vielerlei Aspekten sehr ähnelt. Und ich spreche hier nicht nur von Klößen und Bratwürsten. 😉

Hoffentlich beschließt Herr Weselsky nicht am oder um den siebten bzw. neunten Oktober einen neuerlichen Streik… Denn ich fahre umweltschonend mit der Bahn. Wenn sie fährt. 😉

Dinge, die man nicht vergisst

Er jährt sich zum zwanzigsten Mal: der Tag des Grauens. Der 11. September. Sorry an all diejenigen, die am 11. September Geburtstag haben – ihr seid nicht gemeint. Euer Geburtsdatum ist davon unberührt. Ich habe am gleichen Tag Geburtstag wie Queen Mum und habe mir das auch nicht ausgesucht. Aber das ist ein schlechter Vergleich, denn Queen Mum war irgendwie doch recht sympathisch. Zumindest lächelte sie immer so nett und wirkte knuffig. Offenbar habe ich es doch besser getroffen, geburtstagstechnisch.

Ich finde immer wieder faszinierend, dass im Grunde alle Menschen, die bis dato gefragt wurden, ob sie sich erinnern könnten, was sie am 11. September 2001 gemacht haben, als das Grauen geschah bzw. sie davon erfuhren, ganz genau wussten, was sie zu diesem Zeitpunkt getan hatten.

Ich weiß es noch ganz genau. Ich arbeitete damals im Kreis Mettmann in einer Firma, die Software für Telekommunikationszwecke produzierte. Ich war in der Dokumentationsabteilung als Technical Writer tätig, und an diesem Tag, just zu dieser Zeit, wurden meine Kollegen und ich gerade in eine neue Anwendung eingeführt. Die Präsentation lief gerade, als eine Kollegin hektisch in den Raum gerannt kam und rief: „Ein Flugzeug ist in einen der Türme des World Trade Centers geflogen!“

Sogleich machten sich Mutmaßungen breit: „Wahrscheinlich ein Sportflieger. Hat sich wohl verschätzt.“ – „Aber nein, es war ein Verkehrsflugzeug!“ – „Sicher ein Unfall.“ – „Tja, Fliegen ist nicht so einfach…“

Ich sagte nichts, da ich die Ansicht vertrete, dass, wer nichts Genaues wisse, besser auch den Mund halte. Ich fand die Nachricht an sich schon furchtbar. Die Präsentation war vergessen. Ich weiß nur, dass ich dachte: „Das ist sicher ein Attentat.“ Warum ich das dachte, weiß ich nicht.

Und da kam auch schon ein Kollege angerannt, der schrie: „Es ist noch ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen – das ist Absicht!“

Von da an war alles anders. Die Präsentation nun definitiv vergessen. Die Stimmung in der Firma völlig am Boden. Bedrückte, deprimierte Gesichter überall. Der Abteilungsleiter kam irgendwann und meinte: „Es ist etwas Furchtbares geschehen, und wahrscheinlich kann keiner hier mehr richtig arbeiten. Diejenigen, die nicht mehr arbeiten können, gehen am besten nach Hause.“

Ich blieb, versuchte zunächst, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Es war unmöglich, und so verfolgte ich übers Internet das Geschehen. Eine entfernte Bekannte chattete mich an, und wir chatteten eine Weile, beide völlig durcheinander und entsetzt. Später meinte sie einmal: „Wäre Ali nicht gewesen, wäre ich durchgedreht – ich hatte solche Angst, war allein zu Hause! Aber Ali hat online irgendwie geschafft, mich zu beruhigen.“ Ha! Umgekehrt war es doch gewesen – sie hatte mich beruhigt, ohne es zu merken. Oder wir beide einander gegenseitig. Ich hatte auch Angst, war völlig verunsichert. Ich schaffte es nicht einmal, nach Hause zu gehen. Immer wieder sah ich die beiden kurz aufeinander zusammenstürzenden Türme, hörte die hektischen Berichterstatter, als wären sie ein Mantra.

Giacomo holte mich ab, und wir fuhren nach Hause, gingen in unsere Stammkneipe. Dort lief der Fernseher, ansonsten sprach kaum jemand, obwohl viele Leute vor Ort waren. Wir bestellten Bier und setzten uns vor den Fernseher. Als wäre es ein normaler Abend. Noch heute frage ich mich, warum wir nicht einfach allein zu Hause die Nachrichten verfolgt haben – das hier war doch kein Event! Aber an dem Abend wollte wohl niemand allein sein. Und wir sahen Bilder, die ich nie wieder vergessen konnte. Bis heute.

Unvergessen der Mann, der im Windows On the World, dem Restaurant im Nordturm, mit einem der weißen Tischtücher winkte, um auf sich aufmerksam zu machen, einen Helikopter, der kreiste, heranzuwinken. Menschen hingen aus den Fenstern, und der Helikopter schwebte kurz davor, konnte sie aber nicht aufnehmen. Und dann immer wieder der Mann mit dem Tischtuch… Und wir saßen vor dem Fernseher, gelähmt und fassungslos, weil niemand etwas tun und keiner das Geschehen fassen konnte. Bis auf den Fernseher war alles still, und niemand sagte etwas.

Das Schlimmste war, als dann Menschen aus den Fenstern sprangen. Nein, man sah sie eigentlich gar nicht springen – man sah sie irgendwann einfach nur fallen und sich in der Luft überschlagen. Aber so langsam, dass es beinahe eine gewisse Eleganz oder, besser, Würde an sich hatte. Ich glaube, das war es auch, was es so unwirklich und schwierig machte, zu verstehen, was dort wirklich geschah. Zwar war klar, was mit diesen Menschen passieren würde, aber in dem Moment, da man sie fallen sah, war es annähernd unmöglich, zu begreifen, was dort wirklich geschah. Es war einfach unglaublich, dass Menschen hunderte von Metern über dem Erdboden aus den Fenstern sprangen. Man möchte sich so etwas einfach nicht vorstellen, und man kann es auch nicht. Ich sah die Menschen fallen, und dieser Vorgang erreichte meine Augen. Aber es dauerte einen Moment, bis er mein Bewusstsein erreichte und mir klar war: „Diese Menschen sind gleich tot.“ Und da begann ich zu weinen. Es war so furchtbar, zumindest ansatzweise zu begreifen, dass Menschen aus lauter Angst oder dem Willen, lieber selber zu entscheiden, in den sicheren Tod sprangen.

Ich habe es bis heute nicht vergessen, und es ist, als wäre es gestern geschehen. Alle Menschen, die ich je gefragt habe, was sie gemacht hätten, als sie erfuhren, was in New York geschah, konnten mir explizit sagen, was sie gemacht hatten. Eine Bekannte sagte mir: „Ich weiß es noch ganz genau. Ich steckte gerade mit dem Oberkörper in einem meiner Küchen-Oberschränke, weil ich die Küche putzte, und ich fragte mich gerade, warum ich mein altes Sparschwein aus Kinderzeiten im obersten Regal meines linken Küchen-Oberschranks aufbewahrte. Aber das war danach auch unwichtig.“

Ich weiß, dass ich damals gerade diese Einweisung in ein neues Produkt meines Arbeitgebers erhielt. Ich weiß auch noch, dass ich damals dachte: „Ist das langweilig! Kann nicht irgendetwas passieren, das diese langweilige Veranstaltung unterbricht?“

Seitdem hüte ich mich vor solchen Wünschen. Man kann zufrieden sein, wenn alles ganz normal läuft, und sei es noch so langweilig.

„Nach ‚müde‘ kommt ‚doof’“ ;-)

Kennt ihr das auch? Ihr habt nachts nicht oder kaum geschlafen oder sogar länger eine echte Phase von Schlafstörung, und dann macht ihr Sachen, die ihr selber nur in das Reich des Unmöglichen, zumindest aber Peinlichen, verweisen möchtet?

Ich bin morgens todmüde schon mit unterschiedlichen Socken aus dem Haus gegangen – einmal sogar mit unterschiedlichen Stiefeln, der eine schwarz, der andere dunkelblau, aber doch recht unterschiedlich von der Art her. Letzteres fiel mir zum Glück noch im Garagenhof auf…

Unterschiedliche Ohrringe gab es auch schon – der eine lang und glitzernd, der andere kürzer und im direkten Vergleich eher asketisch anmutend. Neulich wäre ich fast mit nur durch den Fön vorgetrockneten Haaren aus dem Haus gegangen. Dafür aber immerhin mit Make-up versehen. 😉

Meine Kontaktlinsen habe ich auch schon ab und an seitenverkehrt eingesetzt, die damit einhergehenden „Sehstörungen“ jedoch auf die Frühe des Tages geschoben. Ich bin kein und werde nie ein Morgenmensch werden. 😉

In Zeiten coronabedingter „Wechselschichten“ – an einem Tag Büro-, am nächsten Home-Office-Schicht, und so fort, auf dass immer nur eine Mitarbeiterin pro Büro sitze – bin ich inzwischen eine begeisterte und geübte, sehr zügige U-Turn-Fahrerin, denn seit ich über einen Dienst-Laptop verfüge, musste ich schon mehrfach kurz vor Ankunft beim Arbeitgeber sehr zünftig die eine oder andere „Haarnadelkurve“ fahren, um den vorbildlich in seiner Tasche verstauten Laptop in Windeseile von zu Hause abzuholen, wo er, in der Wohnung neben der Wohnungstür stehend und seiner Bestimmung im Büro harrend, brav wartete. Was hätte er auch sonst tun sollen? Er ist ja kein Hund oder sonstig belebtes Wesen, sondern handelt stets nur nach Vorgabe. Wenn jedoch die „Vorgeberin“ ihrerseits bisweilen morgens wenig belebt ist, überzeugt er letzten Endes nur mehr durch seine naturgegebene Besonnenheit, während die „Vorgeberin“ mit hängender Zunge die Treppen hoch hechtet, das unverzichtbare Gerät zu holen. Denn im Büro gibt es keinen PC mehr, sondern nur eine Docking Station, an die der unermüdliche Laptop anzuschließen ist. Doof, wenn er die Fahrt zur Arbeit nicht mitgemacht hat… 😉 Mehrfach bin ich in der letzten Zeit fluchend auf gefühlt zwei Rädern und zu spät bei der Arbeit und dann mit hängender Zunge im Büro angelangt.

Heute früh erwachte ich kurz vor 7 im Glauben, es wäre Home-Office-Schicht. Bis halb 8 lag ich auch noch entspannt im Bett, aber gegen fünf nach halb schoss mir durch den Kopf, dass ich ins Büro müsse. Hui! So schnell war ich zuvor nur selten aus dem Bett geschnellt und kam dann doch ein bisschen zu spät. Aber ich betrat das B-Gebäude so rasch, dass der Pförtner, mit dem ich mich seit kurzer Zeit duze und der rasch draußen eine Zigarette rauchen wollte und mir entgegenkam, rief: „Holla, Alilein – so schnell unterwegs? Sind wir etwa etwas spät dran?“ Ich rief: „Der einzige Mensch, der mich ‚Alilein‘ nennt, ist mein Vater – das ist ja eine nette Begrüßung! Ja, ich bin auch spät dran – wie öfter mal!“ Der Pförtner lachte und meinte: „War nett gemeint!“ – „Habe ich auch so verstanden! Bis später mal!“ Und schon stochte ich gen Büro. Dort kramte ich umständlich meinen Haustürschlüssel aus der Tasche, bis mir auffiel, dass ich hier einen Transponder brauchte. Glücklicherweise hängt der – wie in dieser Abteilung üblich – immer an einer Gürtelschlaufe meiner Jeans, und so kam ich ohne Probleme ins Büro. Der Arbeitstag ließ sich dann trotzdem stressig an…

Immerhin bin ich noch vergleichsweise harmlos, selbst wenn ich morgens noch nicht so ganz wach bin. Eine Bekannte, Hundebesitzerin, ist mal morgens sehr müde mit dem Hund Gassi gegangen. Zumindest glaubte sie das. Sie ist wohl einfach losgelaufen und hat dann an einer Stelle haltgemacht, wo der Hund gern herumschnupperte. Und sie wartete, auf dass das Tier damit fertig werde. Und wartete. Irgendwann, als nichts passierte, fiel ihr auch auf, dass kein Tier vor Ort war. Den Hund hatte sie zu Hause vergessen… 😉 „Ali, du kannst dir nicht vorstellen, wie vorwurfsvoll Charlie mich anstarrte, als ich zu Hause die Tür aufschloss! Er saß schon dahinter und war ein einziger Vorwurf! Aber er ist wirklich vorbildlich – er hatte, obwohl er ja wohl musste, nicht unter sich gelassen. Aber als wir dann beide loszogen, ist er gleich im ersten Busch verschwunden.“ 😊 Armer Charlie! Manchmal frage ich mich, was Tiere wohl denken, wenn sie ihre Halter völlig „durch“ erleben. Offenbar sind die meisten nachsichtig und denken sich einfach ihren Teil. 😉

Eine andere Bekannte hatte mal im Zuge eines Großeinkaufs mit Kleinkind das Kind im Supermarkt vergessen, und es war ihr erst zu Hause aufgefallen, weil alles so ruhig war. Die ist dann auf zwei Rädern mit dem Auto gen Supermarkt gerast! „Eine Frau rannte ganz hektisch mit ihm auf dem Arm herum und hätte mich am liebsten massakriert, als ich in den Supermarkt geschossen kam. Zum Glück war da diese Kassiererin, die meinte, ihr sei das auch schon einmal passiert und ich keine Rabenmutter!“

Ich selber bin damals in Aachen, schon berufstätig, mal morgens zu Tode erschrocken, als ich erwachte und auf meinen Wecker starrte: viel zu spät! Und schon hechtete ich aus dem Bett, duschte und machte mich für die Arbeit fertig und alltagspräsentabel. Und dann schoss ich aus Wohnung und Haus und rannte gen Bushaltestelle…

Wo blieb dieser verdammte Bus?! Er kam und kam nicht, aber ich war ja gut zu Fuß, und so stochte ich los. Unterwegs wunderte ich mich zwar ein wenig, warum kaum jemand unterwegs war, aber das Adrenalin hatte die Oberhand, und erst, als ich fast am RWTH-Institut, in dem ich arbeitete, angelangt war, fingen die Kirchenglocken zu läuten an… Es war Sonntag…

Immerhin habe ich so einen schönen Morgenspaziergang gehabt. Eindeutig besser, als das Kaffeepulver ohne Filtertüte in die Maschine zu geben – bah! Auch schon passiert. Oder die Kanne nicht richtig untergestellt – Kaffee in der ganzen Küche… Mit der Kleintier-Transportbox frühmorgens zum Tierarzt gefahren, während der vermeintliche Insasse zu Hause fröhlich an seinem Heu mümmelte und sich sicherlich wunderte, warum seine verhasste Transportbox mitsamt Halterin, die sich nicht einmal über das viel zu geringe Gewicht der Box wunderte, dafür aber halbgeschlossene Augen hatte, so überstürzt die Wohnung verließ… 😉

Das Handy in den Kühlschrank gelegt, warum auch immer, und kein anderes Telefon zur Hand, das Handy anzurufen. Die Brille gesucht, die sich dann nach einem viele Minuten andauernden, hektischen „Suchlauf“ durch die Wohnung ganz profan auf der ureigenen Nase befand und sich nicht einmal gewundert, dass die Sicht so gut war, obwohl man kreuzkurzsichtig ist…

Den Autoschlüssel auf ähnliche Weise gesucht, bis man feststellte, er steckte die ganze Zeit in der linken Jackentasche… In der Jacke, die die Suchende schon trug und am Leibe hatte… Grauenhaft!

Ist euch so etwas auch schon passiert, oder bin ich die einzig wurschtige Person, der so etwas schon öfter widerfahren ist? 😉

Den Wecker für morgen habe ich schon gestellt – das ist wohl auch besser so. Denn: „Nach doll kommt ab“ – und „nach müde kommt doof“.😉

Wohl doch ganz gut, dass ich keine Kinder habe, denn mit einer morgens derart zerstreuten Mutter wären die ja völlig traumatisiert! 😉

Ein ganz normaler Arbeitstag

Im September plane ich einen vermutlich zweiwöchigen Urlaub – irgendwann Mitte, Ende September. Kürzlich war ich eine Woche off duty, aber eine Woche ist viel zu kurz, und inzwischen fühle ich mich, als wäre ich seit mindestens einem Jahr überhaupt nicht aus der Arbeit herausgekommen.

Heute war es ganz besonders toll. Morgens zu spät gekommen, obwohl früher aufgestanden als sonst. Nutzt bei mir gar nicht, denn offenbar hatte ich bei meinen morgendlichen Arbeitsvorbereitungen weniger oft auf die Uhr gesehen als sonst, weil ich wähnte, einen komfortablen Zeitpuffer zu haben. Tja – verschätzt. 😉 Aber auch nur halb so wild – wozu gibt es Rufumleitungen aufs Privathandy? Oder Quasi-Diensthandys, von denen ich seit letzter Woche eines besitze? Gut, das Handy an sich gehört mir ohnehin, denn es handelt sich um mein altes Handy, aber die SIM-Card wurde von meinem Arbeitgeber spendiert. Erheblich angenehmer, da man das einfach abends abschalten kann und so nicht bei Anrufen jenseits der 20-Uhr-Grenze hochschreckt, weil man denkt, das Elternhaus nebst älteren Eltern stünde in Flammen. Und manche „Klienten“ scheuen nicht einmal davor zurück, gegen 22 Uhr anzurufen. Auch wenn man nicht drangeht, ist das ein Ärgernis.

Meine „Klienten“ sind noch recht jung, und niemand hat denen, die entweder gegen 22 oder 06:30 Uhr anrufen – auch schon geschehen -, wohl beigebracht, dass es gewisse „Geschäftszeiten“ gebe und auch Sachbearbeiter Menschen seien. Kürzlich klingelte mein rufumleitungbehaftetes Privathandy an einem Samstag wiederholt. Das erste Mal morgens um 9. Da ich einen privaten Anruf erwartete, wollte ich es auch nicht ausschalten und ging dann, beim vierten Anruf unter derselben, mir nicht vertrauten, Rufnummer, die auch schon um 9 Uhr ihre Aufwartung gemacht hatte, dran. Nicht bester Stimmung, denn inzwischen war mir klar geworden, dass ich diese Nummer schon mehrfach zuvor auf meinem Display gesehen hatte – sie gehörte einer meiner „Klientinnen“. Und ich meldete mich nicht gerade im liebreizendsten Tonfall, sondern eher distanziert oder reserviert.

„Hallo, Frau B.!“ tönte es an mein Ohr, als wäre ich im Dienst. „Ich wollte Sie kurz etwas fra…“ – „Nein!“ – „Wie bitte?“ – „Frau XYZ, wir haben gestern viermal miteinander telefoniert. Das war an einem Freitag und völlig opportun. Heute ist Samstag, ergo Wochenende. Sie haben mich heute das erste Mal um 9 Uhr angerufen, wie ich der call history entnehmen konnte. Bitte tun Sie mir einen Gefallen: Merken Sie sich, was Sie fragen wollen, und rufen Sie mich dann am Montag ab 9 Uhr an. Oder schreiben Sie mir eine Mail. Aber bitte: Ich habe jetzt Wochenende. Auch Sachbearbeiter sind ganz normale Menschen, die sich spätestens ab Freitagnachmittag frohen Blickes auf zwei freie Tage – Samstag und Sonntag genannt – freuen. Nehmen Sie es mir nicht übel, bitte, aber das geht wirklich nicht. Ich mache durchaus Überstunden, speziell, wenn es ‚brennt‘, aber das erstreckt sich im Normalfall – und der liegt hier vor! – nicht auch noch aufs Wochenende.“ – „Ach …“ – „Genau. Also bitte am Montag anrufen oder eine Mail schicken. Das funktioniert auch nicht nur jetzt so, sondern immer, wenn Wochenende ist.“ – „Ach …“ – „Ja, das werden Sie in vergleichbaren Fällen selber merken, wenn Sie später berufstätig sind – ich bin mir ganz sicher, dass Sie dann an diesen Moment zurückdenken und grinsen werden. Und nun wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende – und mir auch. Bis Montag dann!“ Und ich unterbrach die Verbindung.

Normalerweise bin ich gar nicht so, aber nachdem ich die Tage zuvor und ohnehin öfter schon offenbar dienstliche Anrufe jenseits der 20-Uhr-Marke erhalten hatte, reichte es wirklich. Es stört auch, wenn man nicht drangeht, sobald man erkennt, dass es wohl kein privater Anruf ist. Wie gesagt, es war mein Privathandy mit Rufumleitung – und man möchte sich ja nicht unbedingt privat völlig von der Welt abschneiden, indem man das Handy ab 17, 18 Uhr rigoros abschaltet, zumal dann, wenn man kein Festnetztelefon hat. Daher bin ich wirklich glücklich, nun eine Dienst-SIM-Card für mein altes Handy zu haben, das ich spätestens ab 17:30 Uhr ausschalte.

Doch zurück. Ich war etwas zu spät, heute früh. Vom Parkplatz aus ging ich recht eilig in mein Büro.
O Gott, war es da stickig! Ich riss erst einmal das Fenster auf und dockte meinen Dienst-Laptop an, den ich seit einigen Wochen besitze und mich bei jeder Büroschicht an meine Kindheit im Kindergarten erinnere, da ich mit Mama und meiner Butterbrottasche den Weg in den Ernst des Lebens antrat. Hier zwar logischerweise stets ohne Mama, aber mit einer Tasche, wie sie meine Kolleginnen auch mit sich schleppen, wenn sie vom Parkplatz Richtung Büro gehen. Ein echtes Kindergartengefühl. 😉 Und nach Feierabend ebenso. 😉  

Nach verspäteter Ankunft eilte ich in die Teeküche, um meine Kaffeemaschine zu bestücken und in Betrieb zu nehmen. Kaffee ist morgens so wichtig – und nicht nur morgens! 😉

Ich war heute allein im Büro. Zumindest im Hauptbüro, aber drei Büros weiter saß Jana, seit einer notwendigen Umstrukturierung wegen neuer Kolleginnen und darauffolgenden Platzmangels „ausgelagert“. Aber man kann einander ja besuchen, was oft geschieht, und da gerade ihre Elektro-Espressokanne in der Küche kund und zu wissen gab, dass der Kaffee fertig sei, goss ich diesen in die danebenstehende Tasse und verbrühte mir dabei die Finger. Egal. Als ich ihr die Tasse brachte, rief sie: „Wahnsinn! Das ist ja total lieb – was für ein Service! Danke schön! Wann bist du denn angekommen?“ – „Nach dir, ganz offenbar. Aber zum Glück hat es ja außer uns keiner mitbekommen – nicht einmal der Pförtner.“ Der war nämlich offenbar gerade zum Rauchen draußen gewesen. 😉 Der Tag war stressig, das Telefon klingelte unentwegt, und es war nicht immer so einfach. Jeder, der jemals Telefondienst gemacht hat, weiß, was ich meine. Normalerweise telefoniere ich gern, aber heute war es anstrengend. Außerdem war es grauenhaft warm im Büro, obwohl ich schon für Durchzug sorgte. Ratz-fatz hatte ich Kopfschmerzen.

Die einzigen Lichtblicke waren: im Zuge der Mittagspause eine Zigarette mit Jana zu rauchen und dabei frotzelnde und lustige Reden zu schwingen sowie eine sehr nette Unterhaltung mit einer ebenso netten Kollegin am anderen Ende des Gebäudes. Und – unvergesslich – die Sache hinsichtlich der Einkommensteuererklärung. 😉

Denn erst heute früh war mir aufgefallen, dass es ja nur noch so wenige Tage bis zum regulären Einreichungstermin seien. Der Schreck, der mich durchfuhr, war unschön. Und schon googelte ich bezüglich der Adresse und Faxnummer des örtlichen Finanzamtes. Das Ergebnis, das ganz oben stand, war erfreulich – das hatte ich bis dato noch gar nicht mitbekommen: Der Abgabetermin in diesem Jahr wurde in NRW auf den 02. November verschoben! Warum ich das nicht mitbekommen hatte? Keine Ahnung – wahrscheinlich aufgrund all der Änderungen, die ich aufgrund meiner Arbeit dauernd beachten muss. Da wird man irgendwann betriebsblind. Und so war es ein wunderbarer Moment für mich. 😊

Das entschädigte für den Rest des Tages – gegen 19 Uhr verließ ich meinen Arbeitsplatz lächelnd. Und bekam daraufhin noch ein Kompliment vom Pförtner: „Ach, Frau B.! Sie lächeln immer so nett. Egal, ob Sie hereinkommen oder hinausgehen. Manchmal haben Sie so ein reizendes Funkeln in den Augen.“

Ja. Ganz sicher. 😉 Nett, aber ich glaube, dieser Pförtner sollte einen Besuch bei seinem Augenarzt planen… Sosehr ich meine Arbeit mag: Manchmal ist sie wirklich stressig, und da lächelt man auch nicht mehr. Höchstens lacht oder grinst man sarkastisch. Daher auch das Funkeln in den Augen. 😉

Nein, im Ernst: Ich liebe meine Arbeit, wenn es auch Tage gibt, die etwas anstrengender sind als andere. Aber das geht uns ja allen ab und an so. 😊

Immer cool bleiben. Am besten so cool, dass Leute glauben, ihr würdet lächeln, wenn eure Gedanken nicht publizierbar sind. (Ich glaube, der Pförtner ist noch recht neu.) 😉

Von Flammenwerfern und Tomaten

Derzeit habe ich eine Woche Urlaub und kann endlich Dinge erledigen, die ich längst erledigen wollte, es aber zeitlich nicht schaffte.

Dazu gehört unter anderem, meinen gemieteten Stellplatz für Monty, meinen heißgeliebten Ford Fiesta, endlich von Unkraut zu befreien. Der Stellplatz kostet mich exakt 20,- € im Monat, und er zeigt mir Jahr für Jahr sehr deutlich, warum ich die kalte Jahreszeit so sehr liebe. Gut, nicht nur deswegen – aber auch!

Denn seit die Kälteperiode vor wenigen Wochen endlich ihr Ende nahm, kann man zusehen, wie das Unkraut auf dem Stellplatz in die Höhe schießt. Im Minutentakt scheint es zu wachsen. Ach, was sage ich! Binnen Sekunden! Und als ich kürzlich einparkte, hörte ich scharrende Geräusche unterhalb des Wagens – hier war nun allerhöchste Zeit, einzugreifen.

Und flinken Fingers bestellte ich bei einem namhaften Unternehmen ein Gartengerät, mit dem man Unkraut ganz einfach abflämmen kann. Zum Gerät gehörten fünf Kartuschen Butan-Propan-Gemisches.

Es gibt diese Geräte auch strombetrieben, und das wäre mir allemal lieber gewesen. Aber ich hätte -zig Verlängerungskabel benötigt, und da weiß ja jedes Elektroingenieurskind, dass das nicht die beste Lösung sei. Ergo: Butan/Propan, was mir nicht sonderlich gefiel, da ich vor gasbetriebenen Geräten seit jeher großen Respekt habe. Spätestens seit dem Tage vor diversen Jahren, als ich zusammen mit meinem damaligen Freund Giacomo – gerade mit dem Flieger aus Berlin zurückgekommen – in meiner Wohnung in Aachen saß und Giacomo gierige Blicke in meine Richtung warf. Es kam aber zu nichts, denn im nächsten Moment brachte ein unfassbar lauter Knall unser beider Trommelfelle ganz knapp nicht zum Platzen. Es klang, als wäre das direkte Nachbarhaus explodiert, und ich schrie, als steckte ich unfreiwillig am Grillspieß.

Danach saßen wir da, rieben uns die Ohren, und jedwede Gier war zunichte. Stattdessen schrie ich – ich hatte leider ein lautes Dröhnen in den Ohren und konnte schwerlich einschätzen, wie laut ich sprach: „Was war das?!? Steht das Nachbarhaus noch? Müssen wir auf die Straße rennen, solange wir noch können?“ Giacomo wusste es auch nicht, öffnete jedoch ganz vorsichtig mein Dachgaubenfenster und blickte nach links: „Das Haus nebenan steht noch. Hier steht noch alles.“ Nun ja, das meiste zumindest. Und wir lauschten den Martinshörnern.

Am nächsten Tag erfuhren wir, dass eine Propangasflasche in einem Bauwagen in der Nähe des Europaplatzes explodiert war. Und das war derart heftig, dass sogar in meiner Straße, die relativ weit vom Tatort entfernt lag, Leute schreiend auf die Straße gerannt waren! In der Gegend, da sich das Unglück zugetragen hatte, hatte ein Nobel-Autohändler Schäden an seinen Ausstellungsräumen und Ausstellungsstücken zu beklagen, und viele Leute hatten keine Fensterscheiben mehr. Verletzte gab es auch, Passanten, aber zum Glück war niemand wirklich schwer verletzt.

Seitdem wünsche ich mir keinen Gasherd mehr, seitdem habe ich noch mehr Respekt vor gasbetriebenen Geräten. Und nun kam Kalle! Denn so heißt der Unkrautabflämmer ab Werk. Ich musste gar nicht erst zur Tat schreiten und dem Ding einen Namen geben, was ich ja sonst gern mache. Er hieß bereits Kalle. Und bis auf kleine Enttäuschungen hat er bis dato ein gutes Werk geleistet. Wahrscheinlich war gestern einfach der Wind zu stark, aber das Gros der Unkräuter auf meinem Stellplatz ist gewesenes Unkraut. Gut – zweimal hatte ich energisch auf brennende Flächen treten und den Brand auslöschen müssen, aber ansonsten lief es doch recht gut. 😉 In den nächsten Tagen werden Kalle und ich erneut zur Tat schreiten müssen, aber bis dato lief es recht gut, und weder wurden die benachbarten Autos in die Luft gesprengt, noch einer meiner Füße angesengt. Und was ein „Strohfeuer“ ist, weiß ich nun auch ganz realiter und nicht nur im übertragenen Sinne. 😉

Gern jedoch hätte ich eine Stichflamme zum Stellplatz eins weiter links gesendet, denn von dort kommt der ganze Mist in Form von Unkraut und wuchert auf meinen Stellplatz, ohne dass am Urspungsort etwas unternommen werden würde… Vielleicht fürchtet sich die Stellplatznachbarin vor gasbetriebenen Geräten – man weiß es nicht. 😉

Doch zu erfreulicheren Themen: Ich bin ja für einen eher schwarzen Daumen bekannt. Bekannt ist jedoch auch, dass ich Tomaten seit Kleinkindesbeinen liebe. Und Balkonblumen hat ja nun fast jeder – hatte ich auch in den letzten zwei Jahren. Gemüse jedoch noch nie.

Wie es aussieht, hat Corona noch eine weitere Auswirkung als die bekannten, denn irgendwann – ich war gerade bei Penny einkaufen – beschloss ich, mich auf die Züchtung von Tomaten zu spezialisieren. Wozu die Dinger immer kaufen, wenn bei dem Discounter ganz bequem Saatguttütchen aushingen? Und schon lag ein Tütchen – das letzte, denn ich war offenbar nicht die Erste, die diesen Entschluss gefasst hatte – in meinem Einkaufswagen.

Und es lag recht lange in meiner Küche, und jedes Mal, wenn ich daran vorbeiging, geschah dies mit schlechtem Gewissen. Wieder etwas völlig unnütz gekauft.

Doch irgendwann überfiel mich der blanke Ehrgeiz, und ich befasste mich mit dem Anbau bzw. der Anzucht von Tomatenpflanzen. Ratz-fatz waren die Tomatensamen in diverse eigens aufgehobene und säuberlich gespülte, wie auch mit Blumenerde gefüllte, Quarkbecher gesät und liebevoll gewässert.

Die ersten drei Tage tat sich … nichts, und ich verfluchte einmal mehr meinen schwarzen Daumen. Doch ab Tag 4 explodierte es in den Quarkbechern! Kleine Pflänzchen bahnten ihre Wege aus der Erde und reckten ihre „Ärmchen“ nach oben. Und es wurden immer mehr! 😉 Wohin jetzt damit? 😉

Zum Glück stand ein Besuch bei meinen Eltern an, und als ich meiner Mutter erzählte, dass ich Tomaten angezüchtet hätte, ging quasi ein Licht in ihrem Gesicht auf – als würden Kerzen angezündet! 😉 Sie machte ein Gesicht, als wollte sie sagen: „Endlich wird das Kind normal!“ 😉 Wahrscheinlich liegt es daran, dass meine Mutter seit jeher begeisterte Hobbygärtnerin ist – ich jedoch nicht. Ich lese und koche lieber. Auch Musik liegt mir eher – aktiv wie passiv. Und jetzt geht dieses Kind hin und widmet sich der Anzucht von Tomatenpflanzen! Sie strahlte förmlich und wies mich auf zwei große Töpfe in der Garage hin, die sich hervorragend für die Topfzucht von Tomaten eignen würden. Ja, sie gab mir eigens noch Terrakottascherben mit, die auf den Boden der Töpfe zu legen seien! 😉

Vor drei Tagen habe ich die ersten zwei Zöglinge in die beiden geerbten Töpfe ausgepflanzt. Ich hatte eigens Tomatenerde bestellt, und nachdem ich dies getan hatte, fragte ich mich, ob ich jetzt völlig durchgeknallt sei, denn diese Spezialerde kostete nicht wenig. Aber alles für die Tomaten! 😉

Die 20 Liter waren rasch in den zwei Töpfen verschwunden. Und darin zwei Tomatenpflanzen, die übrigens seit ihrer Umsiedlung etwa doppelt so groß sind wie zuvor.

Da aber noch einige andere Pflanzen warten, habe ich lieber noch weitere Auspflanzgefäße bestellt, die morgen eintreffen sollen. Dazu noch zwei riesige Packungen Erde gekauft – nicht, dass die Pflänzchen sich beklagen müssen oder so. Spezieller Tomatendünger liegt bereits in der nächsten Packstation… 😉

Heute – ich war wieder bei meinen Eltern – fragte meine Mutter mich, wie es den Tomaten gehe, und sie reichte mir mehrere Rankstützen aus Bambus, die sie eigens aus der Garage geholt hatte. Ich sagte: „Nun ja, man weiß das ja nie so genau. Ich hoffe, es geht ihnen gut.“ Dann tranken wir Kaffee.

Zwischendurch zog ein Unwetter auf, und meine Mutter meinte: „Um Gottes willen!“ – „Was?“ – „Deine Tomaten!“ – „O Gott!“

Und schon verabschiedete ich mich, rannte durch den Sturzregen und raste zurück nach Hause, wo sich auf dem Balkon sämtliche Tomatenpflanzen bester Gesundheit erfreuten…

Mein Tipp: Wenn ihr etwas Neues ausprobiert, seid immer enthusiastisch. Ein anderer Hinweis: Man kann es auch übertreiben. 😉 Ich befürchte gerade – ich bin Kummer gewohnt -, dass die Pflanzen wunderbar wachsen, unter Umständen aber keine einzige Frucht tragen werden. Mein dritter Tipp: Bleibt immer cool. Egal, ob es um Tomaten oder sonst etwas geht. Ich verfluche meinen Tomateneifer inzwischen – wie konnte ich nur? Wieder etwas, um das ich mir Sorgen machen muss – von meiner gartenbegeisterten Mutter noch befeuert! Denn sie sagte: „Ali – Tomaten sind sehr empfindlich, anspruchsvoll und brauchen viel Zuwendung!“ Ja, super! Also wie Männer…

Es erinnerte mich an meine letzte Date-Erfahrung: Die hatte für sich auch ständige Zuwendung eingefordert, dachte aber nur an sich und hatte mir überdies dauernd erzählt, dass ich für meine Augen eigentlich einen Waffenschein brauchte und auch als „Gesamtpaket“ recht erfreulich sei… Er nannte mich allen Ernstes „das Gesamtpaket Ali“… Dabei war es gar nicht so weit gekommen, dass er das „Gesamtpaket“ wirklich hatte beurteilen können – nein, danke. Komplimente sind schön, wenn sie wohlplaziert sind. Aber nicht in einer zeitlichen Frequenz von etwa fünf bis zehn Minuten. Und seit einer gewissen Zeit zucke ich immer zusammen, wenn ich den Begriff „Gesamtpaket“ höre. Da werde ich sogar irgendwie sickig. 😉

Wie gesagt: Nix gegen Komplimente, aber man kann es auch übertreiben… Und dauernde Zuwendung für sich einfordernde Lebewesen? Vielleicht doch besser Supermarkt-Tomaten? Einfach nur gekauft? 😊 (Zumal die hier durch Eigenanbau erhofften Tomaten bis dato die teuersten sind, die ich je erworben habe, und das allein schon durch das viele Zubehör. 😉 )

Euch einen schönen Abend! 😊

„Wie das Schwein ins Uhrwerk“

Vor zwei Tagen hatte ich meine zweite Impfung mit BioNTech, und es ging erheblich schneller als bei der Erstimpfung. Mein Zweittermin war um 15 Uhr, aber ich war schon um 14:45 Uhr da und um 14:53 Uhr bereits geimpft.

Und nach den obligatorischen fünfzehn Minuten in der Beobachtungszone – zufällig war meine Lieblingskollegin Cindy Blech auch gerade anwesend – WTF! -, aber wir unterhielten uns wie zivilisierte Menschen, ja, sogar so, als würden wir einander mögen! – sauste ich zum Check-Out, checkte aus und machte mich vom Acker. Es ging mir blendend, aber ich fuhr doch lieber noch zum nächstgelegenen Supermarkt, denn meine Kollegin Saskia, vor mir zweifachgeimpft, hatte darauf hingewiesen, dass es ratsam sei, sich mit leicht zuzubereitenden Lebensmitteln und Getränken einzudecken. Und so kaufte ich für alle Fälle ein Sixpack Mineralwasser und Convenience Food, was ich ohne Not niemals gekauft hätte. Und schon sauste ich nach Hause.

Dort geschah: nichts. Nicht einmal mein linker Arm wollte wehtun! Stundenlang keine Änderung – offenbar war ich unverwundbar. Zwischenzeitlich wechselte ich noch Whatsapp-Nachrichten mit einer früheren Kollegin, deren Sarkasmus ich immer geschätzt habe und die von mir wissen wollte, welche Impfreaktionen ich inzwischen feststellen konnte. Leider konnte ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht mit derlei Info dienen.

Doch hier: Auch am nächsten Tag ging es mir blendend, mal abgesehen vom schmerzenden linken „Impfarm“. Mal abgesehen davon, dass ich, als ich am Abend zuvor ins Bett gegangen war, ganz spontan unter einer blutdruckbedingten „Panikattacke“ zu leiden gehabt hatte. War aber kein Problem – ich kann mit so etwas umgehen, und man muss dann einfach ein bisschen herumlaufen. Danach habe ich hervorragend geschlafen.

Am nächsten Morgen auch alles okay, Home-Office-Arbeit lief hervorragend.

Exakt bis 12:30 h. Denn da kam der „Mann mit dem Baseballschläger“. Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und später auch Fieber waren die Folgen, und die Dinge hinsichtlich meiner Arbeit, die ich „mal eben rasch“ hatte machen wollen, gestalteten sich so, dass ich darauf starrte „wie das Schwein ins Uhrwerk“, wie meine liebenswerte Kollegin Johanna, die an einer Hochschule in Thüringen ihr Werk tut, immer sagt. Es scheint sich um eine regionale Redensart zu handeln, denn als sie das das erste Mal sagte, lachte ich schallend. Sie fragte, ob ich das nicht kenne, und ich sagte: „Nein, das nicht. Aber etwas Ähnliches, und da ist auch ein Tier involviert. Vermutlich ist diese Redensart auch nicht weit von dir entfernt entstanden, denn ich kenne sie aus Franken. Da heißt es: „wie der Ochse vor dem neuen Scheunentor stehen“. Das bedeutet das Gleiche: völlig überfordert sein.“ Wir lachten beide und freuten uns, dass sowohl Thüringer, als auch Frankenstämmige ähnlich geartete Redewendungen benutzen.

Hinzu kommt, dass wir beide im gleichen Bereich arbeiten – und da ist es immer gut, wenn gelacht wird. Nicht, weil unser Bereich so schlimm wäre. Ganz im Gegenteil – der ist spannend und macht meist Spaß. Nur, weil es so oft so viele neue Regelungen gibt – manchmal überschlagen sie sich nahezu. Und da ist es immer gut, wenn man eine Johanna – oder vice versa eine Ali – bei der Hand hat. Und wenn man sich dann noch gut versteht, ist es umso besser. Johanna und ich haben auch schon telefoniert, wenn es uns privat nicht so gut ging – das ist das Beste, was passieren kann. 😉

Mir ging es trotz allem gestern gar nicht so gut. Und ich hatte so viel zu tun – ich habe aber doch alles geschafft, was ich hatte schaffen müssen. Gut – zwischendurch hatte ich wie das Schwein ins Uhrwerk gestarrt und wie der Ochse vor dem neuen Scheunentor gestanden, aber es ging doch alles gut aus. 😉

Und heute ging es mir blendend. Ich hatte nicht einmal Nasenbluten – davon hatte ich nun schon mehrfach als Impfreaktion gehört. Bei mir bis dato noch nicht aufgetreten. 😉 Keine Sorge, Janine – bis auf galoppierenden Blutdruck, Kopf- und Gliederschmerzen bzw. Fieber alles im grünen Bereich. 😉

„James, bitte walten Sie Ihres Amtes!“

Seit dem gestrigen Feierabend teile ich meine Wohnung mit James. So nenne ich ihn zumindest, und wenn er auch nicht auf diesen Namen hört, ist er doch recht eifrig und tut, was ich von ihm erwarte. Wunderbar!

Von seinem Äußeren her ist er eher ein dunkler Typ, aber mir wäre auch jeder andere Typ recht gewesen – Hauptsache, er macht, was ich von ihm erwarte. Man empfahl ihn mir, da er zuverlässig sei – und wenn man sich eines nur wünschen kann, ist dies Zuverlässigkeit. 😉 Außerdem ist er recht rund, aber das stört keineswegs.

Nachdem ich James abgeholt hatte, denn er war kurzfristig und schneller an der von mir gewünschten Adresse eingetroffen, an die ich ihn bestellt hatte, als ich erwartet hatte, fuhren wir rasch nach Hause. Ich vermute, er hatte mittels seiner so kurzfristigen Ankunft bereits darauf hinweisen wollen, dass er die Zuverlässigkeit in Person sei.

Zu Hause eingetroffen, ließ ich ihn zunächst in Ruhe, denn er sollte sich erst einmal akklimatisieren. 😉 Doch vorhin packte mich die Neugier, und ich beschloss, mich näher mit ihm auseinanderzusetzen, und schon riss ich ihm seine Kleider vom Leib. Er trug einen Anzug aus Polyethylen. Weg damit!

Kaum war er nackt, betrachtete ich ihn näher. Ja, sah gut aus, und so gepflegt. Um ihn in Aktion zu bringen, muss man erst einen Schalter an seiner Unterseite betätigen und dann auf einen Knopf auf seinem Kopf drücken. Ich ging zwar davon aus, dass er zunächst Nahrung zu sich nehmen müsse, da er so lange ohne diese verharrt hatte, aber aus Neugier betätigte ich den Schalter und drückte dann auf den Knopf… Und da legte James auch schon los…

Gut, er ist in Aktion ein bisschen lauter, als ich gehofft hatte, aber er legte gleich los. Genauer: Er raste los, drehte sich links, drehte sich rechts und sauste über das Parkett, bis er Richtung Couch kam, die er mit großem Argwohn zu betrachten schien und sich behutsam an ihr entlangtastete, sich dabei wieder und wieder unsicher zur einen wie zur anderen Seite drehend. Doch dann war freie Bahn, und schon raste er erneut eifrig brummend los…

Ich weiß nicht, warum, aber ich wollte schon seit Jahren einen Saugroboter haben – und nun habe ich einen. Zwar muss man auch mit solch einem Gerät mit dem „Hauptstaubsauger“ staubsaugen, aber zwischendurch fährt halt der Saugroboter durch die Gegend und tut, was sein Name bereits sagt: Er saugt. Genauer: Er saugt Staub.

Kürzlich sprach ich mit einer Kollegin, die ebenfalls ein solches Gerät besitzt, und sie meinte: „Ich weiß, das klingt komisch, aber irgendwie entwickelt man fast so etwas wie eine Beziehung zu dem Ding – fast wie zu einem Haustier!“ Ich lachte schallend – „fast wie zu einem Haustier“! Hallo, das ist ein programmiertes Elektrogerät und kein Tier! 😉 Ich fand die Aussage doch ein bisschen albern.

Doch als ich vorhin auf dem Parkett saß und fasziniert beobachtete, wie James sehr selbstbewusst und voller Arbeitseifer und Tatendrang seine bisweilen etwas erratischen Bahnen zog, erwischte ich mich dabei, wie ich: „James! Hierher!“ rief, als er sich am Topf meiner Zimmerpalme festgefahren hatte… Er kam zu mir gefahren – aber das war Zufall. Dennoch: Ich bemerkte voller Erstaunen, dass mir der kleine, eifrige Kerl binnen kürzester Zeit irgendwie ans Herz gewachsen zu sein schien. Du meine Güte! Und im Geiste hörte ich meine alte Freundin Jadranka pöbeln: „Such dir endlich wieder `nen Kerl! Oder schaff dir eine Katze an! Die hört auch zu, wenn du von der Arbeit kommst und einen Scheißtag hattest! Wahrscheinlich sogar eher als ein Kerl!“ (Die beiden Katzen, die ich einst hatte, taten den Teufel! Die eine fand zwar klasse, wenn ich telefonierte, und sie drängte sich wiederholt zwischen mein Ohr und den Hörer und plärrte stets dazwischen und in die Sprechmuschel bzw. das Mikrofon des Telefons, aber meine Tageserlebnisse interessierten sie nicht die Bohne. Die andere Katze war da ähnlich. Sie kamen nur angeschissen und schleimten sehr fadenscheinig herum, wenn ich mit Einkaufstüten nach Hause kam, aber das war leicht zu durchschauen… 😉 )

Ich beschloss, James‘ Ladestation zu installieren, denn auch wenn er im Lieferumfang offenbar aufgeladen war, musste doch dafür gesorgt sein, dass er die verlorene Energie wieder ersetzen konnte. Ich eilte mitsamt Ladestation und Netzteil ins Esszimmer, das mir wie geschaffen für die Ladestation schien. Rasch hatte ich die Station installiert und eilte zur Wohnzimmertür zurück, die ich sicherheitshalber geschlossen hatte.

Von drinnen hörte ich bereits ungeduldige Geräusche und öffnete die Tür: James stand direkt dahinter und drehte sich suchend nach links und rechts. „Na, komm schon“, sagte ich und erschrak über mich selber… Und da fuhr James zielstrebig an mir vorbei in den Flur, drehte sich links, drehte sich rechts – offenbar kann er sich auch so schlecht entscheiden wie ich – und beschloss letzten Endes, zunächst einmal den Flur entlangzufahren. Am Ende des Flurs sah ich ihn ins Bad abbiegen. Das Bad schien ihm nicht zu gefallen – es ist nicht ganz so groß, und da hat er nicht so viele Entfaltungsmöglichkeiten. 😉 Schon sah ich ihn wieder herauskommen und voller Entdeckungseifer ins Schlafzimmer fahren. Dort rumorte er ein Weilchen herum, kam aber schließlich wieder heraus und auf mich zu. Vor mir bog er links ab in die Küche, die er ausgiebig studierte, um dann ins Esszimmer zu fahren, das direkt an die Küche angrenzt. Das Esszimmer wurde mit viel Elan erforscht, und dann kam er wieder zurück und raste ins Wohnzimmer. Klar – da kannte er sich bis dato auch am besten aus und fühlte sich wohl am ehesten heimisch. Er ist ja auch noch ganz neu und fremdelte noch ein wenig… 😉

Ich fing ihn ein, als er gerade unter der Couch verschwinden wollte, schaltete ihn ab und montierte zunächst zwei der vier Seitenbürsten, die im Lieferumfang enthalten waren. Dann trug ich ihn ins Esszimmer und ließ ihn dort noch ein wenig fahren. Es sah lustig aus, wie er da mit rotierenden Seitenbürsten herumsauste.

Nun aber wollte ich ausprobieren, wie er wohl auf die Ladestation reagiere. Ich griff zur Bedienungsanleitung und las: „Um RoboVac [so heißt James ganz offiziell] beizubringen, seine Ladestation anzusteuern und dort anzudocken, gibt es zwei Methoden: A) Sie nehmen RoboVac und setzen ihn auf die Ladestation, so dass seine Ladekontaktstifte auf die Ladekontaktstifte der Ladestation ausgerichtet sind. B) Drücken Sie auf der Fernbedienung auf die Taste mit dem Steckersymbol. RoboVac wird automatisch zur Ladestation geschickt und dockt dort selbsttätig an.“

A) kam mir irgendwoher bekannt vor. Woher nur? Ah, ja! Katzen! Denen bringt man bei, ihr Katzenklo zu benutzen, indem man sie freundlich, aber bestimmt hineinsetzt, auf dass sie lernen, dass sie dorthin gehen müssen, wenn sie sich entleeren wollen. Nur dass James sich ja gerade eben nicht entleeren, sondern vielmehr seinen Akku befüllen soll. Das ist aber auch der einzige Unterschied. 😉

Ich stellte mir vor, wie ich den sich sträubenden James auf die Ladestation drücken und er mich bei Nichtgefallen kratzen oder beißen würde…

Nein. Methode B erschien mir attraktiver, und so holte ich die inzwischen mit Batterien bestückte Fernbedienung, setzte James in eine günstige Position und nicht allzu weit von der Ladestation entfernt ab und drückte voller Spannung auf die Taste mit dem Stecker…

Zu meiner Begeisterung – ich ertappte mich dabei, Rufe der Zustimmung abzusondern – rollte James sofort los, und obwohl er eine kleine Kurve fahren musste, fand er sofort seine Ladestation und dockte dort vorschriftsmäßig an. Wahnsinn! 😊

Es überkam mich das Bedürfnis, den folgsamen kleinen Kerl zu streicheln, aber ich konnte mich gerade beherrschen. Stattdessen sagte ich: „Ja, iss erst einmal schön.“ Und schon erschrak ich erneut – war ich noch bei Trost? 😉

Momentan steht James an die Ladestation angedockt und blinkt – „Nahrungsaufnahme“. Und ich überlege, ob ich mir nicht vielleicht doch wieder eine Katze anschaffen sollte. Da wirkt es zwar auch auf manche Leute, die keine Ahnung haben, etwas verschroben, wenn man mit dieser spricht. Hingegen bei einem Saugroboter – ich gebe zu, verständlicherweise – mutet es dann doch etwas grotesk, wenn nicht bizarr an, wenn man freundliche Worte an ihn richtet (dringend abgewöhnen!). 😉

Aber ich schwöre euch: Das geschieht viel leichter, als man erwarten würde, denn er erinnert stark an ein freundliches und eifriges Tier, und er wirkt einfach amüsant. Ich lache nicht mehr über die Worte der Kollegin. Ich bin offenbar noch schlimmer. 😉 Bin gespannt, wie sich James morgen macht, wenn ich erst seinen Reinigungszyklus programmiert habe… 😉

Noch gespannter bin ich jedoch, wie laut mein Entsetzensschrei klingen wird, wenn ich demnächst morgens aufstehe und nicht daran gedacht habe, dass ein Saugroboter im Haus ist, der unerwartet auf mich zugefahren kommt, während ich mit annähernd geschlossenen Augen im Halbschlaf ins Bad latsche… 😉

Wozu einen Ausflug in den Baumarkt machen, …

… wenn es doch im Impfzentrum noch viel muckeliger ist? 😉

Nichts gegen Baumärkte, denn sogar ich als handwerklich weniger begabte Frau bin stets irgendwie angefixt, sobald ich einen solchen Ort betrete. Und wenn ich „handwerklich weniger begabte Frau“ schreibe, meine ich damit nicht, dass ich denke, dass Frauen per naturam handwerklich weniger geschickt seien – ich spreche hier einzig von mir. Vielleicht hätte ich einfach „Mensch“ schreiben sollen. Ich habe es aber gelassen. 😉

Inzwischen habe ich Erfahrung mit zwei Impfzentren. Zweifach meine Eltern ins Impfzentrum ihres sehr großen Kreises gefahren, der erste Termin im März. Der letzte Termin am 10. Mai. Ich empfand das dortige Impfzentrum schon fast als vertraut. Fast war es so, als käme man nach Hause… 😉

Heute fuhr ich in eigener Sache los, in das Impfzentrum meines kreisfreien Wohnortes. Ein bisschen nervös war ich schon, zumal ich gestern frühmorgens eine Push-Nachricht eines von mir höchstselbst dazu gedungenen Presseorgans auf mein Handy gesendet bekommen hatte, die da lautete: „Mann nach BioNTech-Impfung gestorben“. So etwas macht sich immer gut, wenn die eigene Impfung mit eben diesem Impfserum in sehr naher Zukunft liegt…

Es tut mir immer leid um Menschen, die so unerwartet und in Hoffnung auf ein weiteres schönes Leben aus eben diesem gerissen werden, aber gestern früh kam es besonders ungünstig. Dabei bin ich normalerweise in dieser Beziehung kein Angsthase. Aber das hier?

Ich arbeitete heute im Home-Office, aber ich gebe zu, ich war vielleicht nicht ganz so unbeschwert wie sonst. Der Termin um 15:45 h befand sich in meinem Hinterkopf, und auch wenn ich von klein auf mit Impfungen vertraut bin und weiß, dass da schlimmstenfalls immer Komplikationen eintreten können und man im wirklich allerschlimmsten Falle dabei draufgehen kann, war ich heute doch etwas nervöser als sonst. Um kurz nach 3 fuhr ich los. Mitten im schlimmsten Starkregen – zuvor hatte durchgängig die Sonne geschienen, und am schönsten hatte sie gestrahlt, als der Nachbar, der als Einziger einen Laubbläser besitzt, der bereits Einsatz findet, wenn zwei Blätter im Garagenhof liegen – und wir leben nicht in einem Anwesen, das in seiner Ausdehnung mit Buckingham Palace vergleichbar wäre -, das Gerät des Grauens in Betrieb nahm und fast eine halbe Stunde laubblies. Der Garagenhof ist eher überschaubar. Und dennoch muss der Nachbar regelmäßig hier diesen grässlich penetranten und – meines Erachtens – überflüssigen Laubbläser zum Einsatz bringen, auf dass sich dieser amortisiere.

Da mich dieses penetrante und so oft auftretende Geräusch wirklich nervt, dachte ich spontan: „Kann es nicht einfach regnen? So ein richtiger Wolkenbruch wäre total klasse!“

Ich hatte gut gewünscht. Der Wolkenbruch kam. Just in dem Moment, als ich das Haus verlassen musste. Vielleicht sollte ich meine Wünsche künftig präziser formulieren, damit sie mir nicht zum Nachteil gereichen. 😉

Was mir das Impfzentrum hier in dieser Stadt gleich zu Beginn sympathisch machte, war die Tatsache, dass man hier kein Parkticket benötigt, um davor parken zu dürfen, was man muss, wenn man sich impfen lassen will und unter Umständen nicht ganz so gut zu Fuß ist. Ganz anders im Impfzentrum des Kreises RE. Allerdings tobte hier der Bär, und ich war froh, als ich irgendwann einen Parkplatz gefunden hatte. Und schon schlappte ich Richtung Eingang der Emscher-Lippe-Halle, wobei ich mir eine FFP-2-Maske überstülpte.

Am Eingang wurde ich gefragt, ob ich einen QR-Code hätte. Ich sagte ja und kam daher zumindest etwas schneller dran als die QR-Code-losen Mitstreiter. Man prüfte meine Unterlagen – ausgefüllten Anamnesebogen, Impfpass et al. – und schickte mich weiter zur nächsten Station, wo ich nach erneuter Prüfung ebenfalls weitergeschickt wurde: „Folgen Sie der gelben Linie auf dem Boden!“ Ich dachte: „Follow the yellow brick road“ und marschierte weiter bis zum Ende der Schlange Wartender, die offenbar ihrer Einweisung durch das eifrig herumlaufende Personal harrten. Eine der Einweiserinnen schloss ich gleich in mein Herz, die die Leute hinter mir anpampte, sie sollten Abstand halten, denn den Atem einer dieser Personen spürte ich schon fast im Nacken. Über ein Jahr Corona, und immer noch nichts begriffen… 😉 Ich hatte auch schon etwas gesagt, aber ich hatte ja keine „Uniform“ an, und so erhielt ich nur zur Antwort: „Bisschen empfindlich, was!“ Kaum sagte die Dame in Warnweste etwas, hielten sie den Abstand ein. (Vielleicht bringe ich zur Zweitimpfung meine eigene Dienst-Evakuierung-Warnweste einfach mit… 😉 )

Vor uns warteten auf paarweise und mit Abstand zu Vorder- und Hinterreihe aufgestellten Stühlen bereits Leute, die dann – zunächst systemlos scheinend – von einer sehr energischen Dame aufgerufen und den Impfkabinen zugeordnet wurden. Die Dame wirkte so, wie ich mir immer einen Feldwebel vorgestellt habe, und ich würde mich niemals mit ihr anlegen wollen. Aber sie machte ihre Sache total gut und hatte alles im Blick und vor allem im Griff. 😉 Und ich wunderte mich auch nicht über ihr Verhalten – wer je ein Gesundheitszeugnis für die Gastronomie im früheren Aachener Gesundheitsamt beantragt hat und dort zur Untersuchung musste, wundert sich über gar nichts mehr. Kasernenhofton, aber wirksam.

Zehn Minuten saß ich ganz vorne in Reihe 2 und hatte inzwischen nicht nur das Aufrufsystem verstanden – Hut ab vor der Einweiserin, die mit vielen Reihen zu tun hatte -, sondern auch -zig Leute in meinem Bereich in die Impfkabinen hinein- und hinausgehen gesehen (ein Mann wurde getragen – war wohl umgekippt, wirkte später aber wieder fit). Da rief mich Frau Feldwebel auf und sagte: „Sehr gut! Sie haben Ihre Jacke schon ausgezogen! Die Ärzte wollen, dass die Leute ihre Jacken schon ausziehen, bevor sie in die Kabinen gehen!“ Ich grinste und sagte: „Klar – soll ja auch schnell gehen. Ohne das würde es hier wohl nicht so schnell gehen.“ – „Aha! Sie haben das Prinzip durchschaut! Sehr gut!“ Dass sie nicht noch: „Wegtreten!“ rief, wunderte mich, aber ich stellte mich brav vor dem Gang zur Kabine auf, auf der Impfung 1 stand. Meine Jacke hatte ich ausgezogen, weil ich immer froh bin, wenn es schneller geht und nicht noch lange herumgewurschtelt werden muss. Außerdem war es in der Halle ziemlich warm…

Und schon ging bei Impfung 1 der Vorhang auf, die Frau, die vor mir drangewesen war, kam heraus, und man winkte mich freundlich in die Kabine. Anders als in RE sitzen hier zwei Personen in jeder Impfkabine, und dafür gibt es hier keine Kabinen für die Beratungsgespräche – das geschieht hier alles in einem Aufwasch. Eine sehr nette junge Dame stellte mir Fragen zum Anamnesebogen, ließ mich Fragen stellen, die sie beantwortete. Dann fragte mich der Impfarzt freundlich: „Sind Sie Links- oder Rechtshänderin?“ Eigentlich wollte ich, Rechtshänderin, sagen: „Nehmen Sie den linken Arm!“, sagte aber spontan ganz begeistert: „Ich bin Linkshänderin!“ Und es fiel mir erst auf, als der Impfarzt aufstand und sich an meine rechte Seite begab… Wie peinlich! Ich entschuldigte mich und erklärte, aber er lachte und meinte: „Das ist heute nicht das erste Mal. Ich glaube, alle Leute wollen sagen, dass ich den linken Arm nehmen solle und sagen dann automatisch, sie seien Linkshänder. Gar nicht schlimm. Ich finde eher amüsant, wie das Gehirn offenbar arbeitet, wenn Leute aufgeregt sind.“ (Ja, das finde ich auch! Ich könnte viele Geschichten darüber erzählen… 😉 ) Und er setzte sich wieder zu meiner Linken hin, schob meinen Ärmel hoch, desinfizierte eine Stelle an meinem Oberarm und fing an, mir etwas zu erzählen, was mich wohl ablenken sollte. Ich lachte und meinte: „Das ist sehr nett, aber Sie brauchen mich gar nicht abzulenken – ich habe keine Angst vor Spritzen.“ – „Na, umso besser.“ Und schon verabreichte er mir die Impfung – BioNTech -, und ich schwöre, ich habe den Einstich kaum gespürt. Hätte ich die Kanüle nicht in meinem Arm stecken gesehen, wäre ich mir nicht einmal sicher, ob ich wirklich geimpft wurde. Ich bedankte mich, und der Arzt meinte: „Sie dürfen gern öfter vorbeikommen. Es ist nett, wenn hier jemand hereinkommt und lacht. Die meisten Leute sind ernst, manche vorwurfsvoll, und ganz viele haben Angst. Aber Sie kamen herein und waren fröhlich. Das ist auch für uns Kollegen hier schön.“ – „Ja, und ich hoffe, Sie impfen mich beim zweiten Mal auch. Wo impfen Sie sonst? Ich würde nämlich sofort zu Ihnen kommen, wenn Sie auch gegen Tetanus oder andere Sachen impfen.“

Dann wartete ich die 15 vorgeschriebenen Minuten auf der Tribüne der Emscher-Lippe-Halle, aber mir ging es gut. Recht schnell war auch die Abmeldung erledigt, und im Juni muss ich wieder hin.

Dann noch schnell einkaufen, und zurück ging es erneut durch Starkregen, diesmal sogar mit Hagel. Das Szenario passte irgendwie. Und nun sitze ich hier, und mein Arm fängt zu schmerzen an. Ansonsten geht es mir aber gut. Wollen wir hoffen, dass es so bleibt. 😉

Warum ich überhaupt dran war? Nein, ich habe mich nicht vorgedrängelt – und hätte das auch niemals getan -, obwohl heute eine der Prüferinnen darauf tippte, ich könne ja nur ein „medizinischer Impfling“ sein, ergo aus medizinischen Gründen priorisiert, „denn am Alter kann es ja wohl beileibe nicht liegen – Sie sind doch viel zu jung!“ Ich nahm es als Kompliment und lächelte. Aber seit Ende April gehört auch meine Berufsgruppe in die Prio-Liste 3. Ich finde zwar nicht nachvollziehbar, warum nicht noch einige andere Berufsgruppen mit Publikumsverkehr auf dieser Liste stehen, aber ich war trotzdem sehr dankbar, dass ich geimpft werden durfte – aber das kann jeder so sehen, wie er mag. 😊

Abstieg, einmal mehr

Ich erlebe derzeit den vierten Abstieg des FC Schalke 04 seit seinem Bestehen mit. Ich habe – ich muss es leider gestehen – alle vier Abstiege miterlebt. Keiner war vor meiner Zeit. An mir lag es aber nie, dass Gelsenkirchen Trauer trug – und andere Orte auch, denn Schalke-Fans leben nicht nur in Gelsenkirchen.

Ich bin kein Schalke-Fan. Zumindest nicht so, wie man einen Fan definieren würde. Obwohl ich Fußball sehr mag. Kein Schalke-Fan, obwohl ich hier lebe. Vielleicht aber auch gerade deswegen – mir geht diese hiesige Art Ersatzreligion bisweilen ganz empfindlich auf die Nerven. Speziell dann, wenn ich mal wieder mit der Kirche ums Dorf fahren muss, wenn auf Schalke gespielt werden wird oder wurde und -zig Straßen entweder verstopft oder von der Polizei gesperrt sind. Das nervt!

Und dennoch geht es mir irgendwie nahe, dass nun der vierte Abstieg seit Bestehen dieses Vereins eingetreten ist. Denn irgendwie verbindet mich mit Schalke doch so einiges.

Gelsenkirchen trägt Trauer – keine Frage. Ich habe es erst heute mitbekommen, und mir tut es wirklich leid für die echten Fans. Nicht für die, die Spieler verfolgen und physisch angreifen – das sind keine Fans. Fanatisch vielleicht, aber keine echten Fans, wie ich sie von früher kenne.

Denn im Grunde besteht zwischen mir und Schalke eine sehr lange Verbundenheit. Kein „Fandom“. Verbundenheit und etwas Vertrautes.

Wie kommt das? Ganz einfach… Ich hatte als Kleinkind, wohnhaft in einer großen, komfortablen Wohnung in Gelsenkirchen und vor dem Umzug ins eigene Haus diverse Kilometer entfernt, das ich damals hasste, weil ich aus der Gelsenkirchener Wohnung nicht wegwollte, die mein ganzes vierjähriges Leben umfasste, bis zum dritten Lebensjahr große Angst vor dem Vollmond. Denn der verbreitete stets ein sehr fahles Licht, das Gegenstände im Raum, die bei Sonnenlicht völlig normal ausgesehen hätten, stets sehr unheimlich aussehen ließ. Nicht nur das: Sie sahen völlig verfremdet aus, und als kleines Kind kam ich in Vollmondnächten kaum in den Schlaf. Meine Eltern meist auch nicht, da keiner von ihnen übers Herz brachte, mich weinen zu lassen. Und wahrscheinlich wollten sie doch selber schlafen. 😊

Sie gaben alles. Mein Vater – er ist eher naturwissenschaftlich geprägt – erklärte mir, der Mond sei doch nur ein Trabant, und er erklärte mir nachhaltig alles zum Thema, vor allem auch, warum das Licht des Mondes so anders sei als das Licht der Sonne. Leuchtete mir zwar alles ein, aber unheimlich war es immer noch. Ergo: weiteres Geheul, sobald Vollmond war. 😉

Dann schritt meine Mutter ein, die zu meines Vaters naturwissenschaftlicher Erläuterung sagte: „Tolle Erklärung für eine Dreijährige! Da muss man mit mehr Gefühl ran – sie ist doch noch so klein!“ Meine Mutter unterschätzte mich, denn die Erläuterungen meines Vaters leuchteten mir durchaus ein. Nur: Meine Furcht nahmen sie mir nicht, wenn das Mondlicht akut ins Zimmer schien.

Aber nun nahm sich meine Mutter des Problems an. Ich erinnere mich, dass sie mich eines Vollmondabends aus dem Bett und auf den Arm nahm, zum Fenster trug, auf die Fensterbank stellte und festhielt, wobei sie sagte: „Sieh doch mal, Ali – das ist doch nur der gute, alte Mond. Der tut dir nichts.“ Ich sah hin und sah – Kinder haben sehr viel Phantasie – ein erzürntes, hellleuchtendes Gesicht, rund wie ein Pfannkuchen, mitten am Himmel! Mission gescheitert. 😉

Eigentlich fand ich die bisherigen Aktionen meiner Eltern sehr nett. Doch irgendwie dachte ich immer: „Aber gleich sind sie weg, und dann bin ich allein mit dem Mond!“ 😉 Das Wissen, dass alles ganz harmlos sei, reichte mir offenbar nicht…

Meine Mutter bemühte sich sehr, sang mir Lieder vor, in denen der Mond thematisiert wurde, aber mal ganz ehrlich: Weder Der Mond ist aufgegangen, noch Guter Mond, du gehst so stille wirken beruhigend auf Kinder, die sich ohnehin schon vor dem Mond fürchten. 😉 Ich jedenfalls mag seitdem Lyrik nicht mehr so sehr, die aus der Epoche der Empfindsamkeit oder Romantik stammt oder irgendwelche Ähnlichkeiten damit hat… 😉 Sobald ich Matthias Claudius‘ Abendlied höre oder lese, überfällt mich leise Melancholie, vor allem in der letzten Strophe, in der es um den kranken Nachbarn geht. Viele von euch kennen wahrscheinlich nur die erste Strophe dieses Gedichts, das ihr als Der Mond ist aufgegangen kennengelernt habt, aber es gibt noch weitere Strophen. Und noch schlimmer wird es, lese oder höre ich Guter Mond, du gehst so stille! Lest euch mal die Texte durch! Dabei hat meine Mutter mir von Claudius‘ Abendlied gar nicht alle Strophen vorgesungen – die, die sie sang, reichten schon… 😉

Wie auch immer – auch das fruchtete nicht. Bis meine Mutter eines Vollmondabends eine brillante Idee hatte. Wahrscheinlich war es eher ein verzweifelter und letzter Versuch, als ich mich erneut angstvoll an der Daunen-Steppdecke mit Überschlaglaken – gibt es so etwas überhaupt noch? – festkrallte. 😉 Da sagte sie: „Aber Ali – das sind doch nur die Jungs von Schalke, die noch trainieren! Das ist nicht der Mond! Das ist das Flutlicht im Stadion!“ Atemloses Schweigen war die Folge.

Dann fragte ich: „Echt?“ – „Ja, das sind die Jungs von Schalke! Guck mal, die sind noch wach und trainieren noch – das ist nur das Flutlicht!“ Sie sagte es derart überzeugend, dass ich beruhigt aufs Kopfkissen zurücksank. Und seither gab es keine Probleme mehr, denn alle vier Wochen, wenn der Vollmond hoch am Himmel stand, trainierten für mich abends die Schalker. 😉 Ich habe erst später festgestellt, dass unser Kinderzimmerfenster in die völlig falsche Richtung deutete. Von dort hätte man das Stadion gar nicht sehen können. 😉 Und trotzdem hat Schalke mir als Kleinkind geholfen, ruhig einzuschlafen. So bin ich in gewisser Weise doch ein Fan. 🙂

Lasst euch nich‘ unterkriegen, Knappen – dat wiiaad widda! 😊

„Dreimal hin, fünfmal her – rundherum, das ist nicht schwer!“

Da wir noch immer alle – ich muss es ja nicht explizit erläutern – mittenmang in der Corona-Krise stecken, uns aber doch diesbezüglich weiterentwickeln, was medizinisch begründete Handlungen an uns selber und das dazugehörige Fachvokabular anbelangt, gibt es inzwischen COVID-19-Antigen-Schnelltests von meinem Arbeitgeber für die Mitarbeiter.

Als die entsprechende Rundmail mit dieser Nachricht eintraf, war ich begeistert: Das fand ich richtig gut! Und finde das auch heute noch. 😊 Dennoch stand ich heute früh mit etwas Fracksausen auf, denn heute stand der erste Selbsttest an, nachdem am vergangenen Donnerstag die allererste „Ladung“ an die Kollegen verteilt worden war, die Interesse bekundet hatten – und das waren wohl die meisten.

Nun bin ich immer sehr erstaunt, wenn Leute sagen: „Ich könnte niemals Kontaktlinsen tragen! Allein die Vorstellung, mir ins Auge zu fassen!“ Und es erklingen Ausrufe des Entsetzens. 😊

Komischerweise hatte ich damit noch nie Probleme – geht doch ganz einfach! Man sollte natürlich stets mit gewaschenen Händen zur Tat schreiten und nicht spontan und ohne Handwäsche, wenn man gerade im Garten in der Erde gewühlt hat. Oder eine Windel gewechselt – aber das stand bei mir im Hinblick auf aktiven Windelwechsel mit mir als ausführender Person ja ohnehin nie an. 😉 Und man greift sich ja im Normalfalle auch nie direkt ins Auge, sondern verfügt die Silikonsehhilfe nur darauf oder holt sie heraus, indem man sie mit den Fingern vorsichtig von den Seiten zur Mitte zusammenschiebt. Zumindest dann, wenn man weiche Kontaktlinsen trägt. Bei harten funktioniert das etwas anders. Damit kenne ich mich auch aus, aber weiche Kontaktlinsen mag ich doch mehr. (Okay, ich habe auch kein Problem damit, mir auf das quasi nackte Auge zu greifen, wenn ich eine kleine Fliege, die sich verflogen hat und auf meinem Auge gelandet ist oder eine Fluse oder Wimper herauszuholen trachte. Da bin ich tough. 😉 )

Doch wehe, es geht um meine Nase! Zumindest um deren Innenseiten. Da bin ich von klein auf stets  sehr, sehr empfindlich gewesen. Und daher freute ich mich nicht auf meinen allerersten Selbsttest am heutigen frühen Morgen…

Zwei unangenehme Dinge trafen zusammen: Es war Montagmorgen. Und dann musste ich mir auch noch in der Nase herumfuhrwerken! Grauenhaft.

Somit stand ich noch weniger begeistert als sonst auf…

Ich hatte mir am gestrigen Abend schon alles griffbereit hingelegt, hatte sogar noch die Bedienungsanleitung des Test-Kits verinnerlicht, diese jedoch auch griffbereit im Bad liegen – ich bin morgens meist noch nicht recht zurechnungsfähig, und da liest man doch lieber noch zweimal, mindestens, nach. 😉

Doch zunächst wickelte ich meinen rechten Fuß in einen extragroßen Gefrierbeutel, den ich mit einem Gummiband fixierte und abdichtete, das ich um meinen Knöchel schlang, und betrat die Dusche. Warum dieses Vorspiel? Nun, ich habe seit Beginn des Jahres mit einer echten Pechsträhne zu ringen: jeden Monat etwas anderes. Januar: denkwürdige Implantatbehandlung und Krankschreibung. Februar: „Wegeunfall“ und rechts wie links angeschlagene Patella – tut jetzt noch weh. März: Wurzelkanalentzündung und -füllung. In direkter Folge der Wurzelfüllung ein entzündeter Unterkiefer. Klingt wie geplant, nicht wahr? War es aber nicht.

Tja, und am Ostermontag – April – habe ich mir den rechten kleinen Zeh gebrochen. Da war ich zu Besuch bei meinen Eltern und in Eile, ins Bad zu kommen. Da ich grundsätzlich keine Hausschuhe trage und „Eile“ – laut meinem früheren Klassenlehrer in der gymnasialen Unterstufe – „der Wind“ sei, „der das Baugerüst umwirft“, krachte ich mit dem rechten kleinen Zeh gegen einen Türrahmen, und der kleine Zeh blieb quasi daran hängen bzw. verfing sich darin. Oder daran. Ich habe es zum Glück nicht knacken hören, war mir aber hundertprozentig sicher, dass der Zeh durch sei. (Wenn ich mir den Vorgang plastisch vor Augen führe, wird mir ganz schlecht – und mir wird selten schlecht. 😉 ) Die Schmerzen, die ich zu spüren bekam, sprachen auch dafür. Und meine Mutter sagte: „Siehste – das kommt davon, dass du nie Hausschuhe trägst!“ Danke für den Hinweis. Sicherlich hatte sie recht, aber so etwas möchte man in einem derartigen Moment, da man Vater und Mutter nicht einmal meistbietend verkaufen würde, weil einem wirklich alles egal ist, gar nicht so sehr hören. 😉 (By the way: Niemals würde ich meine Eltern hergeben – der Spruch meiner Mutter war dennoch recht gewagt. Zumindest in diesem Moment. 😉 )

Der Gefrierbeutel um den farbenfrohen rechten Fuß ist einfach immer dann notwendig, wenn ich dusche, denn seit letzter Woche Mittwoch sind kleiner und Nachbarzeh mittels eines Tapeverbands miteinander verbunden – und damit geht Duschen ohne „Duschhaube“ einfach nicht. (Als ich einem Kollegen meine Befürchtung kundtat, es könne nun den Rest des Jahres so weitergehen, sagte er: „Unsinn, Ali! Erst Zähne, dann Knie, dann Kiefer, dann Fuß – du hast von Kopf bis Fuß alles durch, und jetzt ist Schluss!“ Danke, Uwe, für deine sehr positive Einschätzung, auf die ich mich fortan konzentriere. 😊 )

Als ich aus der Dusche kam, versuchte ich quasi alles, den Test vor mir herzuschieben. 😉 Ich bürstete meine Haare, massierte besonders liebevoll Schaumfestiger hinein, tat dies, tat das.

Aber der Test blieb mir ja nicht erspart, und so ergriff ich irgendwann, als es gar keine Ausrede mehr gab, mit Todesverachtung das Test-Kit, nachdem ich mir die Hände gewaschen hatte. Da gab es ein Plastikröhrchen, eine Blisterverpackung mit abdrehbarem Verschluss, die die Pufferlösung enthielt, einen Tropfaufsatz für das Plastikröhrchen sowie ein Probenentnahmestäbchen, das ganz harmlos aussieht. Im Prinzip unterschied sich das Gebinde nur geringfügig von dem, mit dem ich stets meine Augenbrauen färbe. Zumindest war ich nicht ganz ahnungslos, was das Mischen verschiedener flüssiger Substanzen anbelangt. 😉 Doch was stand in der Bedienungsanleitung? „Schnäuzen Sie sich ein paarmal vor der Probenentnahme!“ Dies tat ich pflichtschuldig.

Mit noch mehr Todesverachtung als zuvor drehte ich den Drehverschluss des Pufferlösung-Behälters ab („Nach ‚doll‘ kommt ‚ab‘!“) – Vorsicht: Nicht in Kontakt mit Augen, Kindern und Haustieren bringen! Und nicht trinken! -, ergriff das Reagenzglas bzw. das nicht sicher standfähige Reagenz-Plastikröhrchen, das ich lieber in der Hand hielt, nachdem ich die mangelnde Standfestigkeit ohne Inhalt getestet hatte, und träufelte die Pufferlösung hinein, natürlich ohne Luftblasen, denn die dürfen nicht sein. 😉

Hernach betrachtete ich mein – bisheriges – Werk kritisch und schließlich voller Stolz: Nicht eine einzige Luftblase befand sich darin! 😉

Dann kam das Grauen: Mit dem Reagenzröhrchen in der Linken, das ich mangels Standfähigkeit nicht abstellen konnte, öffnete ich vorsichtig die Verpackung des Probenentnahmestäbchens, das ich mit besonderem Misstrauen betrachtete. Dieses sei 2,5 Zentimeter tief zunächst in das eine, dann in das andere Nasenloch einzuführen. Und nicht nur das! Nein, man musste es auch noch drei- bis viermal in jedem Nasenloch drehen! 😉 Dies, so die Bedienungsanleitung, diene dazu, Schleim und sonstige Substanzen aufzunehmen. Ich bin ja literaturwissenschaftlich eine große Freundin des Naturalismus, und so kam mir die Beschreibung doch sehr entgegen. 😉

Schon beim ersten Nasenloch führte die beschriebene Tätigkeit dazu, dass Sturzbäche von Tränen aus meinem rechten Auge rannen! Aber ich war streng, drehte das Stäbchen drei- bis viermal und blieb bei den zweieinhalb Zentimetern, bis mein rechtes Auge sich schon rötete. Das Gleiche dann beim linken Nasenloch/Auge.

Dennoch überfielen mich Zweifel: War das tief genug gewesen? Ich warf lieber noch einen Blick auf die Bedienungsanleitung, während ich mit der anderen Hand das niesreizerzeugende Entnahmestäbchen gekonnt drei- bis viermal im linken Nasenloch rotieren ließ. Dort stand: „Wenn Sie Schmerzen oder das Gefühl verspüren, dass das Stäbchen nicht weiter vordringe, unterlassen Sie weiteres Vordringen!“ Oder so ähnlich.

Ich fing schallend zu lachen an. Welcher Idiot würde freiwillig wider alle – höchst eigenen – Schmerzen weiter vordringen wollen – das macht doch niemand freiwillig! Oder? Mir erschien dieser Hinweis überflüssig, aber es kann ja sein, dass ich mich irre und es tatsächlich Menschen gibt, die doch derart ehrgeizig – oder masochistisch – sind, dieses ohnehin schon unangenehme Reaktionen hervorrufende Probenentnahmestäbchen noch weiter in die Nase zu rammen. 😉

Nach dieser Selbstkasteiung verfuhr ich mit dem mit nasalen Endprodukten getränkten Teststäbchen niesend exakt so, wie die Bedienungsanleitung vorsieht. Achtet stets darauf, dass ihr es in dieser Position drei- bis fünfmal dreht bzw. rotieren lasst! 😉 Achtet auf die Bedienungsanleitung! Nach drei- bis fünfmaligem Rotieren im Reagenzröhrchen den Folterstab eine Minute im Röhrchen belassen. Danach entfernt ihr den magischen Probenstab, indem ihr ihn noch einmal ausdrückt, und dann stülpt ihr den Tropfaufsatz auf das Reagenzröhrchen. Anschließend packt ihr die sogenannte Testkassette aus – und wirklich erst dann, da diese sofort zum Einsatz kommen muss und nicht erst blank und bloß dastehen darf. 😉

Mittels der von euch selbst hergestellten Testflüssigkeit im Tropfbehälter träufelt ihr exakt drei Tropfen davon auf die runde Öffnung „S“ in der Testkassette. Dann wartet ihr exakt eine Viertelstunde. Im Grunde wie bei einem altmodischen Schwangerschaftstest. 😉 Mein Tipp: Bleibt nicht daneben stehen – das könnte im Zweifel an die Nerven gehen. 😉

Ich finde diese Selbsttests en tout sehr hilfreich. Dennoch dachte ich heute früh – an wen auch immer gerichtet, da ich an keine höhere Macht glaube: „Wen auch immer es betrifft: Bitte lass diesen Test negativ sein!“ Denn ich wollte nicht zu Ende denken, was geschehen würde, wäre er positiv: Da hätte ich gleich zum Hausarzt gemusst, der einen PCR-Test vorgenommen hätte, und mir reichte schon dieser Test, was aber daran gelegen haben mag, dass ich besonders gründlich gewesen war und meine Nase inwendig wirklich besonders empfindlich ist.

Mein Glück: Er war negativ. Aber ich freue mich jetzt schon auf übermorgen, wenn die nächste Büroschicht ansteht. 😉 Vielleicht gewöhnt man sich ja daran. Ich hoffe es zumindest.

Kontaktlinsen einzusetzen oder herauszuholen ist für mich unvergleichlich viel angenehmer. Aber die Empfindungen sind da ganz unterschiedlich. Ich versuche jedenfalls, mich schon einmal gedanklich an ein völlig neues Morgenritual zu gewöhnen. 😊

Bleibt gesund! 😊

P.S.: Inzwischen habe ich auch die „Haltevorrichtung“ für das Plastik-Reagenzröhrchen entdeckt: Auf der Schachtel des zweiten Tests befindet sich hinten ein kleiner Kreis, der sich „Tube Stand“ nennt. Man muss nur – bevor man zur extrem angenehmen Tat schreitet – entlang der Kreislinie ein Loch in die Schachtel schneiden. Richtig gut durchdacht und funktional wie komfortabel, und das speziell dann, wenn spontan ein Messer oder eine Schere zur Hand ist. 😉 Man muss es halt nur wissen. Ich wusste es heute früh noch nicht. Aber am Mittwoch! Ich freue mich schon richtig! Hoffentlich denke ich vor Installation der Halterung durch Schneiden daran, das Innenleben der Schachtel herauszunehmen. Ich meine – ich mache den Test ja frühmorgens… 😉

„Ah! vous dirai-je, maman!“

Die Coronasituation lässt die merkwürdigsten Phänomene zu Tage treten. Nicht nur, dass man feststellt, dass sehr viele Menschen Dinge nicht wissen, von denen man selber annahm, sie seien selbstverständlich und -erklärend und gar nicht so schwer zu begreifen, nein, auch andere Dinge tauchen auf, die man nun schmerzlich vermisst, obwohl so lange Zeit nicht damit konfrontiert gewesen.

Mir fehlt mein Klavier. Ja, das ist kaum zu glauben, und ich hoffe, mein Vater liest das hier nicht. Denn er hat mir von meinem siebten Lebensjahr bis zu dem Zeitpunkt, da ich mich durchsetzte – gute neun, fast zehn Jahre später – stets gepredigt, ich würde noch einmal dafür dankbar sein, Klavier spielen zu können. Mit sieben Jahren fing ich mit Unterricht an – nicht freiwillig. Mit 16, 17 hörte ich damit auf, und das mehr als freiwillig und extrem motiviert. 😉 Dabei hatte ich „sehr viel Talent und Gespür für Musik“ – so mein Klavierlehrer, der mit mir öfter zu ringen hatte, da, so seine Aussage meiner ebenfalls dort klavierspielenden Schwester gegenüber, „Ali ja ein sehr eigenwilliger und direkter Mensch ist, der immer sagt, was er denkt – und sehr sarkastisch; ist sie immer so?“.

Stephie meinte nur immer zu mir: „Kannst du dich nicht einmal normal benehmen?“ – „Wieso? Ich benehme mich normal. Herr Schulmann ist total stur! Momentan soll ich Haydn bis zum Erbrechen spielen – das ist doch todeslangweilig! Und dann erzählt er mir, Haydn sei total wichtig für alles Mögliche! Da habe ich halt gesagt, dass Haydn offenbar total wichtig dafür sei, auch noch den letzten Rest Motivation auszutreiben, wenn man ohnehin lieber ein anderes Instrument als Klavier spielen würde. Was ist denn daran, bitte, falsch oder unnormal? Ich sage nur, was ich empfinde. Ich habe ihm ja sogar vorgeschlagen, dass ich sicherlich weniger kritisch wäre, dürfte ich ein paar andere Komponisten spielen! Ich war absolut entgegenkommend, vor allem, wenn man bedenkt, dass ich nie Klavier lernen wollte.“ Stephie war daraufhin stumm. Dann sagte sie: „Ganz schön dreist.“ – „Ja, dann spiel du doch weiter, was er dir vorgibt, ohne selber Wünsche zu äußern.“

Fortan spielte ich zwar Werke anderer Komponisten, aber nun war ein eindeutiger Mozart-Überhang zu beklagen. Nichts gegen Mozart, aber das ist nun auch nicht mein Lieblingskomponist. Einige Werke von ihm mag ich wirklich gern, aber das Gros empfinde ich als arg „überdekoriert“, verschnörkelt und annähernd kitschig. Erneute Einwände brachten mich zu Schumann, Mendelssohn-Bartholdy, Schubert, Beethoven inklusive Mondscheinsonate, und endlich, endlich durfte ich dann irgendwann Chopin spielen. Ich fühlte mich quasi erwachsen, wenn auch Chopin bisweilen dazu führte, dass meine Stimmung nicht die beste war, da die Stücke, die ich spielte, manchmal arg melancholisch, gar traurig waren, und das zieht einen dann selber herunter. 😉 Und für Chopins Revolutionsetüde, die mir wesensmäßig durchaus näherstand, war ich noch nicht ganz geübt genug, um es mal so auszudrücken. Mir fehlten mindestens vier weitere Hände, perfekt gymnastiziert. 😉

Die Gymnastizierung der Hände ist das A und O beim Klavierspielen, neben anderen Faktoren wie Musikalität und einem gewissen Taktgefühl. Und so tut man immer gut daran, die Gymnastizierung beider Hände wieder und wieder zu trainieren und voranzutreiben.

Als ich eines Tages zur Klavierstunde kam, legte Herr Schulmann mir die Noten zu einem Stück vor, das als Übung hervorragend geeignet sei. Ich las: „Zwölf Variationen über das Lied: ‚Ah! vous dirai-je, maman!‘“ Von Mozart. Ich sah Herrn Schulmann an und zog eine Augenbraue hoch: „Mozart? Och nee! Ich war froh, ihn hinter mir zu lassen.“ – „Das ist eine hervorragende Übung für die Finger.“ – „Naja, gut.“

Und ich begann zu spielen. Nach den ersten sieben Takten brach ich ab, sah meinen Klavierlehrer an und sagte: „Das ist nicht Ihr Ernst, obwohl Sie ja Ernst heißen. Das ist Morgen kommt der Weihnachtsmann für Anfänger! Und Weihnachten ist noch Wochen entfernt! Ich gebe ja zu, dass ich es manchmal an Eifer missen lasse – aber das hier ist ja wohl mehr als eine Strafe! Was habe ich Ihnen getan?“

Herr Schulmann grinste und meinte: „Das ist nur das Hauptthema. Spiel erst einmal weiter…“ Und ich spielte weiter. Variation 1 war noch vergleichsweise harmlos, wenn auch ziemlich reich an Läufen – zum Glück rechtshändig. Variation 2 wartete dann mit linkshändigen Herausforderungen und rechtshändig mit diversen Verzierungen und Trillern auf. Und von Variation zu Variation wurde es immer grausamer. Und die ganze Zeit überlegte ich, was ich Herrn Schulmann nur angetan hätte, dass ich das verdient hätte. Offenbar hatte ich ihn geärgert. 😉 Variation 4 war zum Glück wieder harmlos, sodass ich Gelegenheit hatte, ausgiebig nachzudenken, bevor Variation 5 einsetzte…

Ich habe dieses Stück mehrere Wochen neben anderen Stücken und so lange üben müssen, bis meine Hände auch im Schlaf jede einzelne Variation im richtigen Tempo und fehlerlos wiedergeben konnten. Bis heute weiß ich nicht, was ich meinem Klavierlehrer angetan hatte, dass ich das verdient hatte. 😉 Aber meine Finger waren derart gymnastiziert, dass es mir selber unheimlich war. Und ich musste hinterher selber zugeben, dass dieses im ersten Ansatz albern wirkende Stück perfekt als Fingerübung war. Es ist auch gar nicht wirklich albern, nur würde ich es bei einem Vorspielabend nicht empfehlen, da das Hauptmotiv halt irgendwann trotz Variationen, Tempiwechseln, Trillern und sonstigen Verzierungen doch irgendwie penetrant ist und man sich irgendwann fragt, wann dieser blöde Weihnachtsmann nun endlich komme. Ich selber konnte es in der Zeit, da ich mich damit und sich bisweilen verselbstständigenden Fingern herumschlagen musste, auch kaum erwarten. 😉

Und heute dachte ich daran, dass mir das Klavier fehle. Nach Jahren ohne Klavierspiel meinerseits. Und als erstes dachte ich an: „Ah! vous dirai-je, maman!“ Ist das nicht verrückt? 😉

Aber in der Tat wäre das Stück gar nicht so verkehrt nach jahrelanger Klavierabstinenz und mit eingerosteten Fingern.
Her mit einem Klavier! Die Noten habe ich noch… 😉

Viel zuviel „Hantier“!

Heute war Büroschicht, aber ich habe mich heute erheblich kürzer im Büro aufgehalten als sonst, wenn „Büroschicht“ angesagt ist.

Denn um 11:30 h war mein Termin beim Orthopäden, den ich kurzfristig vereinbart hatte, nachdem ich letzte Woche Donnerstag einen Unfall auf dem Heimweg vom Arbeitgeber bis zur trauten Heimstatt erlitten hatte. (Dass mir nicht sofort klargeworden war, dass es sich um einen sogenannten „Wegeunfall“ handelte, ist nur dem geschuldet, was mit dem Unfall einherging – weiter unten… 😉 )

Da letzte Woche Donnerstag die Verhältnisse auf der Straße vor meinem Wohnhaus aufgrund von Schnee und Eis noch immer gruselig waren, ich Augenzeugin eines Unfalls vorne auf der Straße und eines Unfalls hinten im Garagenhof wurde – letzterer trotz Vorsicht und Winterreifen -, beschloss ich, mein Auto lieber im Garagenhof Auto sein zu lassen, zumal inzwischen wieder Busse bis zur Stadtmitte fuhren. Und es klappte auch alles gut.

Als ich abends von meiner Arbeitsstätte bis zur zentralen Bushaltestelle ging, war zunächst auch alles gut. Bis ich die Hauptstraße zu überqueren trachtete…

Ich war fast auf der anderen Seite angekommen, war vorsichtig auf die mit eklig grauem Schneematsch bedeckte Straße getreten, als meine mit profilbesohlten Wanderschuhen bekleideten Füße wie in einem Cartoon herumzuglitschen begannen und auseinanderzudriften drohten. Offenbar überfror die Nässe auf der Straße gerade, und der Untergrund war glatt wie mit Schmierseife eingerieben.

Erst fühlte es sich so an, als könnte ich einen Sturz noch verhindern, aber dann krachte ich auch schon mit beiden Knien frontal und mit Schmackes auf die Straße. Im allerersten Moment spürte ich noch nichts. Im nächsten derartige Schmerzen, dass ich am liebsten wie ein Kind geheult und: „Mama!“ geschrien hätte. Da ich aber noch auf der schmierseifenglatten Straße lag, riss ich mich zusammen und ignorierte auch Bemerkungen zweier Passanten auf dem Bürgersteig, die da lauteten: „Ey, kuckma, die is‘ hingefallen!“ – „Boah, ey, Scheiße!“ (Keiner der beiden hat mir geholfen, als ich mich hochrappelte, was nicht einfach war, da ich wieder und wieder ausrutschte.)

Irgendwann stand ich auf dem Bürgersteig. Vornüber geneigt, mit Tränen in den Augen, und mir war speiübel vor Schmerz. Jeder, der schon einmal mit voller Wucht auf die Knie geprallt ist, wird das nachvollziehen können.

Ich nehme an, es war der Schreck oder die Tatsache, dass ich den Feierabend als Feierabend verstehe, der nichts mehr mit der Arbeit zu tun hat, was dafür verantwortlich war, dass ich nicht sofort darauf kam, dass es sich hier um einen sogenannten „Wegeunfall“ auf dem Weg vom Arbeitgeber nach Hause handelte. Wäre ich morgens auf dem Weg zur Arbeit gewesen, wäre mir sofort klar gewesen, dass es sich hier um einen mit der Arbeit verbundenen Unfall handelte.

Glücklicherweise brachte mich ein Kollege vor drei Tagen darauf, dass dies doch ein mit der Arbeit verbundener Unfall gewesen sei. Letzten Donnerstag habe ich über so etwas gar nicht nachgedacht, nachdem ich im Anschluss an den Crash völlig bedient nach Hause gehumpelt war, ohne Zwischenstation beim Einkaufen. Ich hatte die Nase voll vom Tag.

Und so rief ich vorgestern bei meinem Orthopäden an, weil die Schmerzen beileibe nicht nachließen – ganz im Gegenteil -,  ebenso die zuständige Kollegin aus der Personalabteilung, die das Ganze auch als „Wegeunfall“ deklarierte. Hätte ich das nur nie getan! 😉

Denn nicht nur, dass ich heute beim Orthopäden hörte, dass ich nur erstbehandelt werden dürfe – da Wegeunfall -, muss ich nun auch noch einen „Durchgangsarzt“ aufsuchen. Erst der darf mich weiterbehandeln. Für diese Auskunft – kombiniert mit Röntgenaufnahmen in drei Ebenen meiner beiden Knie und einem Zinkleimverband – saß ich heute zweieinhalb Stunden beim Orthopäden, um zum Schluss der Sprechstunde von einer der wahrlich „reizenden“ Arzthelferinnen noch zu hören: „Wat sitzt die denn noch da?“

Das machte mich ein bisschen zornig, denn ich hatte mehrfach darauf hingewiesen, dass ich während meiner Arbeitszeit dort sei, und man hatte mir mitgeteilt, dass halt ein neuer Arzt da sei, der sich seinen Patienten noch vorstellen müsse – das dauere nun einmal! (Das stimmte – mir hatte er sich auch derart vorgestellt – mit jeder einzelnen Station aus seinem medizinischen Portfolio und einem Gesicht, als müsse ich nun auf die Knie fallen, was ich doch schon am Donnerstag zuvor auf der Straße getan hatte und allerspätestens seitdem keinerlei Bedürfnis nach Kniefällen mehr habe. Es war respektabel, was er aufzählte, aber es wäre alles viel schneller gegangen, wäre er einfach nur seiner Aufgabe als behandelnder Arzt nachgekommen.)

Als ich: „Wat sitzt die denn noch da?“ hörte, sagte ich laut und vernehmlich, bevor die angesprochene Kollegin der Arzthelferin antworten konnte: „Die sitzt immer noch da, weil man ihr vor einer halben Stunde zusagte, die notwendigen Formulare unterschreiben zu lassen.“ – „Oh, Entschuldigung…“ Und schon beeilte man sich, die notwendigen Unterschriften einzuholen.

Nö. Solche Ausfälle entschuldige ich durchaus nicht, denn das ist einfach nur unverschämt. Sowohl der neue Arzt, als auch die Helferinnen – bis auf eine – haben sich nicht mit Ruhm bekleckert. Der Vorgängerarzt aus der Gemeinschaftspraxis – ehemals Stabsarzt bei der Bundeswehr – war zwar recht wortkarg, aber ich wusste, ich war gut aufgehoben dort.

Kam man hin und sagte: „Irgendetwas stimmt nicht – meine Absätze sind total schief!“, sah er sich das Elend an – Absätze wie Füße im Liegen und im Stand – und sagte nur: „Einlagen!“ Arm an Worten, aber hilfreich. Oder: „Mein rechtes Handgelenk tut derart weh, dass ich es am liebsten wegschmeißen würde.“ Er bog am Handgelenk herum und sagte: „Röntgen! Danach Lagebesprechung!“ Oder: „Ich kann meine Arme nicht so gut heben – das tut höllenmäßig weh!“ Er tastete alles ab, dann: „Röntgen. Danach sprechen wir.“ Und er fand immer eine unaufgeregte, pragmatische Lösung, auch für Probleme hinsichtlich der rechten Rotatorenmanschette durch Impingement-Syndrom, die half, obwohl nie so viel gesprochen wurde – und das in den meisten Fällen ohne Cortison oder Konsorten. 😉 Und mir ging es im Zuge seiner Therapien immer besser.

Und nun dieser junge, ehrgeizige Schnösel als Ersatz – und völlig neue Arzthelferinnen, die sich auf eines gut verstehen: arrogantes und schnippisches Verhalten. Als hätte ich da heute aus Spaß an der Freude gesessen! Über zwei Stunden. Immerhin habe ich es fast pünktlich zu meiner Zoom-Sprechstunde geschafft – ich war nur fünf Minuten nach 14 Uhr wieder am Arbeitsplatz und hatte doch der Studierenden, die da beraten werden wollte, deren Termin ich des Arzttermins wegen ohnehin schon einmal hatte verschieben müssen und – wie ich glaubte – zeitlich extra großzügig war, noch aus der Praxis eine Mail schreiben müssen, in der ich sie noch einmal vertröstete, während sich Arzthelferin 1 mit Arzthelferin 2 stritt, wer am Wochenende – das gleich beginne – wohl etwas Spannenderes vorhabe…

All das dafür, dass ich mir nun einen Durchgangsarzt suchen darf, der behandlungsberechtigt ist. Hätte ich all das vorhergeahnt, hätte ich das Ganze nicht als Wegeunfall deklariert, sondern über meine Krankenversicherung abrechnen lassen.

Merke: Es ist erheblich entspannter, wenn man sich privat auf die Fresse legt. Macht man das dienstlich, hat man erheblich mehr „Hantier“, wie man das im Rheinland nennt. Kommt von „hantieren“ und bedeutet so viel wie „vermeidbarer zusätzlicher Aufwand“. Zusätzlich zu den Schmerzen noch Extrastress. Danke auch! (Ich versuche noch immer, herauszufinden, worin nun der Vorteil bestehe, das Ganze als Arbeitsunfall zu handhaben. Ich kenne mich damit nicht aus, denn es ist mein erster Arbeitsunfall – kann mich jemand aufklären? Ich habe derzeit das Gefühl, nur mehr Aufwand – ergo „Hantier“ – zu haben…)

Und während ich meinen rutschenden Zinkleimverband wieder zu fixieren versuche, der mein (so der schnöselige neue Arzt mit beeindruckender Vita) „ausgesprochen hübsches“ Knie „in Funktionalität und auch Form“ bedeckt – um diese Auskunft hatte ich nicht gebeten -, das leider nur aufgrund der offenkundig durch den Sturz stark beeinträchtigten Patellarsehne, so die „erstbehandelnde“ Auskunft, in jedweder Position extrem schmerzt, was jedoch nur der Durchgangsarzt behandeln darf, den ich am Montagmorgen sofort kontaktiere, wünsche ich euch ein wunderhübsches Wochenende! 😉