Von kleinen Schritten und „Haftelesmachern“

Ich habe Waden aus Beton. Am Samstagabend bin ich aus dem Allgäu zurückgekehrt, mit eben jenen Waden. Als ich losfuhr, waren sie noch völlig normal gewesen. 😉

Eine Woche zuvor trug sich meine Abreise zu. Ich hatte mich – weise Voraussicht – vom Auftragsdienst per Telefon wecken lassen, zusätzlich zum Handywecker, den ich gern mal überhöre; daher die Auftragsdienst-Maßnahme. Man weiß ja nie, und mein Zug sollte diese Stadt um Punkt 7:15 h verlassen (und tat es auch – und das mit mir an Bord 😉 ).

Pünktlich um 4:30 h klingelte mein Handy los, dessen Klingelton ich sicherheitshalber noch etwas lauter gestellt hatte – man weiß ja nie, siehe oben -, und eine Computerstimme teilte mir mit, dass es halb 5 sei und ich zu dieser unchristlichen Zeit an einem Samstag geweckt werden wolle – so ähnlich jedenfalls. Ich sprang aus dem Bett, ja, wirklich, denn ich freute mich derart, mal hier wegzukommen, dass ich meine morgendliche Schnarchnasigkeit glatt vernachlässigte. Im Bad machte ich mich fertig, zog mich an, warf letzte Dinge in meinen großen blauen Trolley, tat noch dies und das, und gegen 5:45 h war ich fast fertig. Aber es fallen einem ja noch -zig andere Sachen ein, und so war es kurz nach 6, als ich wirklich soweit war. Einen prüfenden Blick aus dem Esszimmerfenster in die Dunkelheit werfend, sah ich, dass es in Strömen regnete. Also nicht mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof – ein Taxi musste her. Mühsam schleppte ich den Trolley die Treppen aus dem ersten Stock hinunter, und das in Wanderschuhen und Winterjacke, denn in Oberstdorf sollte es ja ziemlich kalt sein, und Winterjacke und Wanderschuhe nehmen im Koffer so viel Platz weg…

Der Taxifahrer war sehr nett und lieferte mich pünktlich am Hauptbahnhof ab. Schnell noch einen Kaffee gekauft, und ab ging es zu Gleis 5. Der Zug war pünktlich, ich nahm meine beiden reservierten Plätze ein. Zwei Plätze aus zweierlei Gründen. Im Zug ist es eng, und in Coronazeiten wollte ich nicht so gern so eng neben jemand Fremdem sitzen, zum zweiten ist mein Trolley groß und sperrig, und selbst wenn er in die Gepäckablage passen würde – was er nicht tut -, würde ich es nicht schaffen, ihn hinauf- und hinunterzuwuchten. Ich saß direkt hinter einem Vierersitzbereich mit Tisch. Der und sein Gegenüber wurden allerdings erst in Düsseldorf besetzt – offenbar von einem munteren gemischten Kegelclub, zumindest einer Abordnung. Ich habe rein gar nichts gegen Kegelclubs, aber diese Abordnung hier war doch ein wenig … nervend. Hatten sie überhaupt Kleider und sonstiges Reisezubehör in ihren Gepäckstücken, fragte ich mich nach etwa einer halben Stunde, in der sie zwei Flaschen Sekt leerten und sofort diverse Bierflaschen hervorholten. Später kamen noch diverse Weinflaschen hinzu, und den allgemein bekannten Spruch: „Kein Bier vor 4“ führten die Frohnaturen ad absurdum. 😉 Sie fuhren wie ich bis Augsburg, wo ich umsteigen musste. Sie stiegen auch um. In denselben Zug wie ich … 😉 Zwar saßen sie in einem anderen Teil des Zuges, aber ich hörte sie bis zu meinem Platz singen. 😉

Gegen halb 5 war ich dann in Ob’rrschtdorrf, wie es dort so schön heißt. Es regnete in Strömen, aber zum Glück war es bis zum Hotel nicht weit. Ein wunderschönes Einzelzimmer hatte ich, frisch renoviert, sehr modern und schön. Wie ein Mini-Apartment wirkte es, was mir gefiel.

Meine Schwester und mein Schwager, der ein echter Allgäuer ist, waren noch nicht da, riefen mich aber an und sagten, sie würden sofort nach dem Einchecken ins Restaurant zum Abendessen gehen, wo wir uns dann trafen und zu Abend aßen. Da wir alle schlagskaputt waren, war der Abend dann kurz, aber am nächsten Tag ging es gleich los – in Wanderschuhen und mit viel Verve zogen Stephie und ich los. 😉

Nun ist es im Allgäu – anders als in Norddeutschland – nicht durchgängig flach, ganz im Gegenteil, und bei dieser allerersten Wanderung stellte ich, Raucherin und ziemlich aus der Übung, was Wandern anbelangt, fest, dass Steigungen recht fordernd seien, und mir stellte sich die berühmte „Was soll nur werden“-Frage. 😉 Aber ich hielt durch – es wäre ja lächerlich, zu schwächeln!

Am nächsten Tag machten Schwester, Schwager und ich eine Wanderung mit einem echten Bergwanderführer und anderen wagemutigen Hotelgäschten, ääh, -gästen, mit. Zur Heini-Klopfer-Skiflugschanze ging es. Wir fuhren mit dem Aufzug hinauf, und außer meinem Schwager und mir schafften es alle, noch ein paar Meter weiter bis ganz nach oben auf die Schanze zu gelangen. Helge und ich beschlossen bei etwa drei Vierteln, es sei wahrlich hoch genug, wenn nicht schon zu hoch für Menschen, die zwar gern fliegen, aber ansonsten großer Höhe eher skeptisch gegenüberstehen, um es euphemistisch auszudrücken. Ich fand es von meinem Standort schon sehr, sehr hoch, als ich auf die Schanze starrte, die ziemlich steil hinunterführte. Ganz, ganz weit unten sah ich den Auslauf, der winzig klein erschien – bewunderungswürdig, wer da so knapp bremsen kann. Mir ohnehin ein Rätsel, wie man sich so eine Schanze hinunterstürzen kann! 😉 Dennoch versuchte ich, die paar Stufen bis ganz nach oben hinaufzusteigen, aber dann sah ich nach unten: unmöglich. Und so drehte ich um und prallte mit dem Bergwanderführer zusammen, der seinerseits hinaufsteigen wollte. Er sagte: „Mädle, was isch? Kei Angscht! Isch dir zu hoch, gell?“ – „Ja!“ – „Kei Angscht, ich helf dir!“ – „Nee, danke, isch, ääh, ist schon gut. Ich kenne meine Grenzen. Ich gehe lieber wieder hinein und warte da auf euch.“ – „Na gut, aber mit mir muscht kei Angscht habe.“ Das sah ich zwar ein, aber ich wartete dann doch lieber mit Helge auf diejenigen, die keine Höhenangscht hatten. Darunter natürlich auch Stephie, die begeischtert erzählte, ganz oben gebe es sogar partiell Glasboden, so dass man bis ganz nach unten schauen könne. Und auch die Brüstung sei transparent – ganz toll! Nein, danke! 😉

Stephie, Helge und ich fuhren dann mit dem Schrägaufzug wieder hinunter, und als dann auch der Bergwanderführer wieder nach unten kam, kam er direkt auf mich zu, machte Anstalten, mich in den Arm zu nehmen, bis ihm Corona wieder einfiel, und dann meinte er: „Ach, Mädle, schad, dass du ned bisch nach obe konntesch – du hättscht auch Spaß g‘habt. Ich hätt auf dich aufpascht wie a Haftelesmacher. Weischt du, was des isch?“ Ich lachte – ja, ich wusste, was der Ausdruck bedeutet, den ich lange nicht gehört hatte, und ich fand es total nett und sagte: „Das glaube ich! Aber ihr hättet sehr viel mehr Spaß g’habt, wenn ihr gesehen hättet, wie ich mich kreidebleich und mit geschlossenen Augen am Geländer fescht-, ääh, festgekrallt hätte.“ Der Haftelesmacher bzw. Bergwanderführer lachte sich scheckig.

Danach wanderten wir mit der ganzen Gruppe noch in harmlosem Gelände, tranken alle ein Haferl Kaffee – und dann war ich froh, als ich unter der Dusche in meinem Hotelzimmer stand.

Am nächsten Tag wanderten Stephie und ich allein los – wir wollten zur Fellhornbahn und damit auf den Fellhorngipfel. Schade war, dass der von uns ausgewählte, moderat wirkende Wanderweg gesperrt war. Der andere Weg ging über eine lange Strecke steil bergauf, und ich schwöre, ich fühlte mich bisweilen, als wäre ich dem Tode nahe. 😉 Und ich schien jede einzelne Zigarette zu spüren, die ich je geraucht hatte. Was pfiff denn da so? Murmeltiere? Tränenumflorten Blickes – ich war fertig mit der Welt, obwohl die krasse Steigung noch weiterging – blickte ich in die schöne Landschaft. Kein einziges Murmeltier zu sehen. Da wurde mir klar, dass das Pfeifen offenbar aus meinen sogenannten unteren Atemwegen kam … ☹ Mit flatternder Lunge kam ich schließlich am Ende der Steigung an – ab da ging es eben weiter, und zur Belohnung lagen auch zwei Bauernhöfe am Ende des Horroraufstiegs. Alberne Geräusche absondernde Hühner in einem Pferch, dahinter eine Kuhweide. Eine der – im Allgäu etwas kleineren, aber sehr hübschen und selbstbewussten – Kühe graste direkt am Zaun, und Stephie ging neben dem Zaun in die Knie und machte ein Selfie von sich und der Kuh (typisch Touri – als würden wir keine Kühe kennen! 😉 ). Sie wollte dann direkt noch ein zweites machen und achtete nicht so recht auf die reizende Rinderdame, doch ich sah, wie das freundliche Tier blitzschnell seinen Kopf über die Einfriedung streckte, das Maul öffnete, eine beeindruckende Zunge ausrollte und meiner Schwester seitlich sehr liebevoll übers Gesicht leckte und sie ebenso liebevoll noch einmal anstupste! 😉 Ich liebe Tiere sehr, auch Kühe, aber: Wer je in einem Kuhstall war, der weiß, wie Kühe riechen. 😉 (Meine Mutter hat mich vor -zig Jahren – ich war noch ein Kind – in Franken nach einem Besuch in einem Kuhstall nur höchst ungern in ihr Auto gelassen: Ich hatte ein Kälbchen gestreichelt, dessen Mutter es vorher wohl voller Hingabe abgeschleckt hatte … Sie ließ mich zwar ins Auto, aber erst, nachdem ich mir die Hände und sogar die Unterarme gründlichst mit Seife geschrubbt hatte – und selbst danach fuhren wir mit geöffneten Fenstern. Ich vermute ja, der etwas strenge Geruch hänge mit dem ulkigen Verdauungssystem von Rindern zusammen. 😉 )

Stephie lachte jedoch, und auch die Kuh schien zu grinsen, als wollte sie sagen: „Gell, ihr Touri-Tussis – damit habt ihr ned g‘rrechned!“ Ein sehr freundliches Tier mit Wimpern, die fast so lang wie mein Unterarm waren – leiser Neid kam in mir auf. Und erst diese Augen!

Mit der Fellhornbahn fuhren wir bis zum Gipfel des Fellhorns, wo sehr viel Schnee lag und es arschkalt war. Ich machte einige Fotos, aber es lag nicht nur Schnee, sondern war auch noch neblig – die Sicht war suboptimal. Wir fuhren wieder hinunter und tranken unten Kaffee. Und während meine Schwester zu Fuß zurück nach Ob’rrschtdorrf wanderte, nahm ich den Bus. Nach längerer Wanderabstinenz muss man ja nicht gleich komplett übertreiben.

Und obwohl meine Füße wie bezahlt wehtaten, bin ich am nächsten Tag mit Schwester und Schwager bis zur Breitachklamm, durch die Breitachklamm hindurch und dann bis Ob’rrschtdorrf zurückgewandert. Sehr viele heftige Steigungen. Es ist manchmal gut, bis an seine Grenzen zu gehen. Man wird gleich viel demütiger und dankbar, dass man noch am Leben ist. Und: Alle anderen Probleme werden mindestens zweitrangig, wenn man japsend an einer steilen Steigung innehalten muss, sich umsieht und denkt: „Okay, das hier dürfte bis auf Weiteres dein künftiger Lebensmittelpunkt sein, denn weiter schaffst du es nicht. Schickt mir die Post bitte hierher nach.“ 😉 Wie ihr seht, habe ich es aber trotzdem geschafft – es gibt Momente im Leben, da muss man einfach nur mechanisch weitermachen bzw. -gehen. 😉 Und inzwischen weiß ich auch, dass ich mir einen halben Liter Radler in nur drei Schlucken einverleiben kann, ohne mich zu übergeben. Wer hätte das erwartet? 😉

Und nachdem ich danach die Nase noch immer nicht voll hatte, habe ich mitsamt Schwester und anderen Interessenten am nächsten Tag noch eine Wanderung mit unserem bereits an der Skiflugschanze getesteten Bergwanderführer Freddy mitgemacht: Auf die Buchrainer Alpe sollte es gehen, wo wir lernen sollten, wie echter Allgäuer Bergkäse auf traditionelle Art hergestellt werde. Als „leicht“ war diese Wanderung angepriesen worden. Na, also!

Hätte ich geahnt, dass wir kilometerweit mit Steigungen zu ringen, nach dem Besuch auf der Alpe einen halsbrecherischen, schmalen Weg mit Geröll und vielen Baumwurzeln zu überwinden haben würden, neben dem es gleich links hunderte von Metern steil bergab geht, und das ohne Halteseile, wäre ich nicht mitgegangen. Da ich aber ahnungslos war, trat ich diesen „leichten“ Weg an und war schon froh, als wir die Alpe erreicht hatten. Gleich ein Käsbrrood bestellt, dazu einen halben Liter Radler – im Nu weg! -, dann die Sennhütte mitsamt Käse-Kupferkessel besichtigt, die kleinste bzw. jüngste Sennerin im gesamten Allgäu kennengelernt (die total süße, etwa dreijährige Tochter der Sennerin, die sehr aufgeschlossen war und einen Narren speziell an mir gefressen zu haben schien) – und schon ging es weiter. Inzwischen hatte ich erfahren, dass Freddy, der sehr gelassene Allgäuer Bergwanderführer, 82 Jahre alt war – unglaublich, wirkte viel jünger, und ich sollte wohl mehr wandern, wenn das solche Auswirkungen hat. 😉

Wir schlappten unseres Weges – bis wir an diesen schmalen, geröll- und baumwurzelhaltigen Weg kamen, der auch noch anstieg, während linksseitig ein mehrere hundert Meter hinabführender steiler Hang ohne jedwede Sicherung bestand. Da überkam mich doch leise Panik – wie sollte ich den so untrainiert je schaffen? Ich konnte nicht einmal nach links sehen, ohne dass mir schlecht wurde!

Zum Glück war meine Schwester dabei – sonst würde ich sicherlich heute auf diesem Weg kauern, heulend und zähneklappernd, weil ich nicht aufrecht weiterkäme. 😉 Sie ging voraus, fasste meine Hand und meinte: „Nicht hinuntersehen, einfach mitkommen. Achte aber auf den Weg vor dir.“ Ja, das war mir auch klar, denn da waren beeindruckende Baumwurzeln, über die man ohne die nötige Aufmerksamkeit hervorragend gestolpert und geflogen wäre. Ohne Stephie hätte ich diesen blöden, schmalen und hochgelegenen Weg sicherlich nicht in diesem Tempo geschafft. Zumindest nicht aufrecht und auf zwei Füßen. Höchstens kriechend und auf dem Bauch. 😉 Man wird sich in dieser wunderschönen, bisweilen steilen, Landschaft wieder bewusst, wie schön es ist, am Leben zu sein. Nicht unbedingt aus dem Grund, dass die Landschaft so schön und beeindruckend ist, sondern vor allem aus dem Grunde heraus, dass man diese besonders beeindruckenden Landschaftsteile erfolgreich überwunden und unverletzt hinter sich gelassen hat und nie wieder sehen muss. Zumindest nicht von vorn. 😉

Mit weichen Knien schaffte ich auch den Abstieg, und die meisten der Gruppe fuhren mit dem Bus von Birgsau wieder nach Oberstdorf – es gab noch einen bezaubernden Ehekrach zwischen Anke und Horst im Bus, die aber vor uns ausstiegen. Zum Schluss blieben nur noch Freddy, Stephie und ich von der Gruppe übrig und stiegen schließlich an der Ludwigstraße aus. Und da sagte Freddy: „Ihr beiden waarrd cool – euch hat auch der Tobelweg nix ausg‘machd!“ (Der Tobelweg: der geröll- und baumwurzelhaltige schmale Weg, auf dem ich annähernd Todesangst gehabt hatte …) Ich sah Freddy genau an: Meinte er das ironisch? Nee! Er war offenbar der Ansicht, dass ich das wirklich cool hinter mich gebracht hätte, während der Angstschweiß in meinem Dessous gerade verdunstete. Und da meinte er auch schon zu mir: „Dich fand ich besonders cool: Der Weg isch dir nicht leichtg‘falle – aber du hascht ihn g’schafft. Hut ab!“ – „Ja!“ rief ich, froh, noch am Leben zu sein, statt in Einzelteilen und zerschellt am Fuße des Horrorabhangs zu liegen, und ich strahlte über sämtliche Backen. Ich war wirklich froh darüber, wieder in Oberstdorf zu sein, diesem Ort, dessen Namen ich immer mit militärischen Dienstgraden in Verbindung gebracht hatte. (Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich erst jetzt gelernt habe, dass der Ort so heißt, weil er „das oberste Dorf“ ist, das am höchsten von anderen Dörfern gelegene. Hätte eigentlich schon vorher klar sein müssen: Bayern sind keine Preußen und damit nicht derart militärisch orientiert. 😉 )

Von Freddy habe ich auf alle Fälle gelernt, dass kleine Schritte am Hang das einzig Wahre seien. Nicht mit großen Schritten losrennen – da bricht man auf der Hälfte des Weges zusammen. Er sagte uns schon bei der ersten Wanderung, dass man immer im ganz eigenen Tempo gehen müsse und lieber mit mehr und kleineren Schritten – so käme man ans Ziel. Es bezog sich zwar primär aufs Wandern, aber ich bin mir sicher, an einen echten Allgäuer Philosophen geraten zu sein. 😊

Am Freitag bin ich wie ferngesteuert erst gewandert und dann in den Ort gegangen: Seither besitze ich ein echtes Trachten-Oberteil. Nicht ganz so furchtbar „trachtig“, man kann es auch hier tragen, aber schön. Ein Mitbringsel für meine Eltern und weitere „Reminiszenzen“ gekauft – nein, keine Zier-Kuhglocken! So etwas kommt mir nicht ins Haus.

Am Samstag dann wieder abgefahren, aber es fiel schwer. Ich wäre am liebsten dort geblieben. Und heute früh, als ich hier mitten im Ruhrgebiet zur Arbeit fuhr, musste ich erst innehalten: Fast hätte ich automatisch meine Wanderschuhe angezogen. Das sollte ich allerdings hier im Flachland auch machen – nicht, dass meine Betonwaden ihre Spannung verlieren! 😊

Das Allgäu hat mich ganz gewiss nicht zum letzten Mal gesehen – am liebsten würde ich hinziehen. 😊

Endlich…

Nicht mehr lange, dann geht es los gen Allgäu. Morgens um 7:15 h fährt mein Zug hier vom Hauptbahnhof ab, und ich kann gar nicht in Worte fassen, wie froh ich bin, einen kurzen Tapetenwechsel mitzumachen, denn mir fällt hier ungelogen fast die Decke auf den Kopf.

Eigentlich wollte ich ja in Polen sein, aber jetzt wird es das Allgäu. Und „schon“ gegen 16:20 h werde ich am Samstag dort sein. Ein bisschen graut mir vor der langen Zugfahrt – über 7 Stunden bis Augsburg, dann noch einmal knapp 2 Stunden bis Oberstdorf.

Wir haben fast Ende September, und vor etwa fünf Tagen bemühte ich eine Wetter-App, um herauszufinden, wie das Wetter dort im Allgäu sei, denn man muss ja wissen, wie die dortigen Temperaturen seien, um zu entscheiden, was man kleidungstechnisch so einpacken sollte. Kaum hatte die App die Resultate ausgespien, rannte ich auch schon an meinen Kleiderschrank, raffte diverse warme Pullover an mich und rannte mit diesen und anderer anstehender 30-Grad-Wäsche in den Waschkeller, um die Waschmaschine anzuwerfen, die beim Start immer so eine reizende Melodie von sich gibt, um unter Beweis zu stellen, dass sie auch wirklich funktionsfähig sei.

Nicht nur das. Sie wiegt die jeweilige Wäscheladung auch vor jedem Waschgang sehr sorgfältig, aber ich habe noch nie darauf gewartet, dass sie mir das Ergebnis kundtue, denn sie gibt dabei so schräge Geräusche von sich, dass ich nicht unbedingt Zeuge der daraus resultierenden Erkenntnis werden muss. Hauptsache, das Ding macht, wozu es angeschafft wurde – und das tut es. 😉

Soeben habe ich auch meinen „Irish sweater“ aus dem Schrank geholt – einen originalirischen Pullover aus Schafwolle, vor Jahren in Galway erworben, in dem man sich immer fühlt, als wäre man hineingeschweißt worden, da die Schafwolle ein wenig sperrig ist, und das trotz stets liebevoller Handwäsche. Der unglaubliche Vorteil: Dieser Pullover in meiner Lieblingsfarbe Blau ist der wärmste, den ich überhaupt besitze, und nachdem ich heute erneut las (ich hatte gehofft, es werde sich etwas an der vor fünf Tagen eruierten Wettervorhersage ändern …), dass an meinem Anreisetag vor Ort 3 Grad Celsius herrschen würden, hielt ich die Mitnahme dieses Monstrums für nicht unangebracht. Die App tröstete mich jedoch damit, dass die de facto 3 Grad über Null sich anfühlen würden wie 4 Grad über Null. Da atmet man doch gleich erleichtert auf, denn zwischen de facto 3 Grad über Null und gefühlten 4 Grad über Null besteht ein wirklich erheblicher Unterschied. 😉

Gerade habe ich noch wetter-kein-problem.com konsultiert – ich hoffe offenbar noch immer auf ein Wunder. Dort zu lesen für den Tag meiner Ankunft:

In Oberstdorf schneit es den gesamten Morgen bei Temperaturen von 0°C. Am Mittag bleibt der Himmel grau, und Regen stellt sich ein. Die Temperaturen erreichen maximal 5 °C. Am Abend ist in Oberstdorf der Himmel bedeckt, und die Temperatur liegt bei 0 °C. In der Nacht kommt es zu Schneefällen bei Tiefsttemperaturen von -1 °C. Böen können Geschwindigkeiten zwischen 14 und 27 km/h erreichen.

Die Sonne ist fast nicht zu sehen.

Sogleich begann ich zu jubeln: 5 Grad über Null! Also richtig warm! 😊 Warum wird man mit 3 Grad erschreckt, die sich wie 4 Grad Celsius anfühlen, wenn dann doch warme 5 Grad auf den Plan treten! Und im Vergleich zum Morgen fällt immerhin kein Schnee, sondern Regen – das ist richtig toll! 😉 Gleich fügte ich dem morgen zu packenden großen Trolley ein stabiles „Rrreegedach“ bei.

Die 16-Tage-Vorschau enthüllte bereits bei Erstbetrachtung vor fünf Tagen, dass die Niederschlagswahrscheinlichkeit bis auf wenige Ausnahmen bei 90 Prozent liege. Und da mein Anreisetag der einzige mit derart niedrigen Temperaturen ist, scheint es sich bei dem Niederschlag der Folgetage um massiven Regen zu handeln. Die Sonne scheint sich außerdem stets durchgängig beschämt im Hintergrund zu halten. Erst an meinem Abreisetag soll sie wieder scheinen – danke, Allgäu! 😉

Heute rief meine Schwester an, mit der ich den Urlaub verbringen werde. Auf meine Frage, ob sie sich mal die Wettervorhersage fürs Allgäu angesehen hätte, meinte sie nur: „Nein. Warum?“ Ich berichtete von den drei, vier, fünf Grad am Anreisetag, aber sie reagierte unbegeistert – davon wollte sie wohl lieber nichts wissen, was ich durchaus verstehen konnte. Ich verschwieg daher diplomatisch den vorhergesagten Dauerregen. 😉

Da es hier derzeit recht warm ist, stehe ich nun vor der berechtigten Frage, was ich auf der endlos scheinenden Zugfahrt anziehen soll. Ich kann doch nicht bei hier recht warmen bis moderaten Temperaturen in Skiunterwäsche und einer Winterjacke losmarschieren.

Als ich gerade darüber nachdachte, fiel mir mein früherer Chorkollege Peter aus dem Zweiten Bass ein, der im Chor stets halblinks hinter mir saß oder stand. Aus meiner Perspektive. Aus dem Publikum halbrechts. 😉 Peter war Maschinenbauingenieur, und für gewöhnlich wirkte er relativ normal. Niemand hätte ihm etwas Schräges zugetraut.

Bis zu jenem Chorkonzert in der Passionszeit, also vor Ostern, das in Essen-Kray stattfinden sollte und von uns, einem Aachener Chor, zusammen mit vier Solisten, also Profi-Sängern, und einem Streicher-Ensemble in einer Krayer Kirche gestaltet werden sollte.

Wir – der Aachener Chor – reisten mit der Bahn an, und meine Alt-Kollegin Ute und ich saßen mit zwei Bass-Kollegen in einem Vierer-Sitzbereich und fuhren über Aachen-Rothe Erde, Köln und weitere Städte bis Essen Hauptbahnhof.

Kaum hatte der Zug den Bahnhof AC-Rothe Erde verlassen, entschuldigte Peter sich und verschwand auf der Toilette. Zurück kam er schließlich mit etwas Giftgrünem, eindeutig textiler Natur, in der Hand, das er – für einen Bass erstaunlich theatralisch – fein säuberlich in eine Plastiktüte und diese dann in seine Tasche packte, während sein Bass-Kollege, Ute und ich zusahen und uns fragten, was es damit wohl auf sich habe.

Ute fasste sich ein Herz und fragte ihn: „Was ist das, Peter?“ Peter sah uns verschwörerisch und auch ein wenig stolz an, und dann verkündete er: „Das ist eine lange Unterhose. Genauer: meine wärmste lange Unterhose [o Gott – er besaß mehrere davon!]. Draußen ist es kalt, aber hier im Zug ist es ja warm. Meine Mutter hat mir die zu Weihnachten geschenkt. Sie hat öfter eine Blasenentzündung, und sie meinte, man könne sich so leicht verkühlen.“ (Ich Naivling! Bis dato war ich der festen Überzeugung gewesen, dass Schlips-Oberhemd-Socken das grauenhafteste Geschenk sei, das man Männern im Allgemeinen machen könne… Es ging offenbar noch schlimmer, wenn ich auch die mütterliche Sorge im Prinzip durchaus rührend fand – Peter wohl noch mehr.)

Ute und ich wagten kaum, einander anzusehen, denn die Gefahr, dass wir beide in einen apokalyptischen Lachanfall ausbrechen würden, war nicht gering. Ute war ohnehin unfähig, etwas zu sagen, während ich hervorwürgte: „Donnerwetter – ich wusste gar nicht, dass es lange Unterhosen auch in so peppigen Farben gibt!“, was mir einen Ellbogencheck seitens Ute einbrachte. Ich drehte mich zu ihr und meinte: „Ja, was?! Wusstest du, dass es lange Unterhosen in solch coolen Farben gibt?“ Sie sah mich an, Tränen des unterdrückten Lachens in den Augen, und ihr Blick flehte mich förmlich an, den Mund zu halten. Ich tat ihr den Gefallen, denn ich mochte Ute sehr.

Zwei Stationen vor Essen Hauptbahnhof verschwand Peter wieder in der Zugtoilette, nachdem er das giftgrüne Etwas erneut aus der Tasche gezogen hatte. Ute raunte mir zu: „Peter ist doch eigentlich ein ziemlich attraktiver und netter Typ. Jetzt stell dir bitte mal vor, du lernst den irgendwo auf einer Party oder sonstwo kennen, ihr verabredet euch ein paarmal, und dann gehst du mit ihm nach Hause. Und dann soll es zur Sache gehen, und er reißt sich vor deinen Augen die Klamotten vom Leib, oder du tust das, und dann steht er da in einer giftgrünen langen Unterhose und preist Mama, weil die ihn vor einer Blasenentzündung bewahren will! Ein Alptraum!“

Das war zu viel! Da konnte ich dann auch nicht mehr an mich halten, und ein lauter Lachanfall überwältigte mich. Ute fiel ein, und Peters Bass-Kollege lachte ebenfalls und meinte: „Ich bin zwar keine Frau, aber ich kann absolut verstehen, was euch umtreibt. Ich hatte große Mühe, als er das mit seiner Mutter erzählte.“ Ich riss mich zusammen und meinte: „Aber irgendwie ist es ja auch lieb, dass er das Geschenk so wertschätzt – ich habe als Kind schon diese ätzenden dicken Strumpfhosen gehasst, die ich damals immer im Herbst und Winter anziehen musste. Ganz schlimm mit Kleidern oder Röcken!“ – „Ja, die Scheißdinger rutschten immer!“ schrie Ute angewidert, und ich fügte hinzu: „Und manche kratzten obendrein!“ – „Und es gab welche für Sonn- und Feiertage und welche für alltags!“ – „Und ich bin grundsätzlich immer mit denen sofort hingeflogen, die für Sonn- und Feiertage waren!“ rief ich. Das stimmte. Erstaunlicherweise waren es auch just immer die Sonn- und Feiertagsstrumpfhosen in Weiß oder Beige, die am meisten kratzten und die meistgehassten waren.

Da kam Peter zurück, und er strahlte und sagte: „So, wieder gerüstet fürs feindliche Leben!“ Da fuhr der Zug glücklicherweise in Essen Hauptbahnhof ein, und es entstand geschäftiges Treiben.

Die Generalprobe in der Kirche musste dann auch einmal unterbrochen werden, da ein Zweiter Bassist sich rasch seiner warmen Unterhose entledigen musste – er hatte die Temperaturen im gut geheizten Gotteshaus eindeutig unterschätzt. Er hatte auch keinerlei Scheu, für alle hörbar zu verkünden, dass er schnell mal seine lange Unterhose ausziehen müsse, da es wärmer sei, als er erwartet habe. Und so bekamen auch noch die Chorkollegen, die während der Zugfahrt nicht in unserer Nähe gesessen hatten, mit, dass Bassist Peter offenbar ein Fan giftgrüner langer Unterhosen war, denn er brachte sie aus der Sakristei wieder mit und deponierte sie stolz hinter dem Altar. Es hätte mich allerdings nicht gewundert, hätte er sie mitten darauf gelegt und noch einmal liebevoll gestreichelt. 😉

Vielleicht sollte ich auf der langen Zugfahrt ja auch so vorgehen und kurz vor Augsburg, wo ich den EC verlassen muss, um umzusteigen, auf der Zugtoilette eine lange Unterhose anziehen. Oder?

Ach, Mist – ich besitze so etwas gar nicht! Ob ich morgen noch einmal einkaufen gehen sollte? 😉

Über Schutz- und Warnsysteme

Seit vielen Jahren schon wollte ich mich gegen Grippe – also Influenza – impfen lassen, seit ich erstmalig von dieser wirklich abschreckenden Krankheit heimgesucht worden war: mitten in meiner Examensvorbereitung. Von jetzt auf gleich ohne allzu schlimme Vorboten mit „40 Fieber“ hingerafft zu werden, ist ziemlich beeindruckend. Vor allem dann, wenn man zwar ein Fieberthermometer besitzt, aber – nach Feststellung der Temperatur spätabends – keinen Fiebersenker im Hause hat, sondern die ganze Nacht über wankenden Fußes Wadenwickel machen muss und sich morgens gegen 6 freut, wenn die Temperatur auf 39,5 gesunken ist. Eine Temperatur, die man unter anderen Voraussetzungen morgens um 6 mit großer Sorge betrachtet hätte. Ich erinnere mich noch heute an die Gardinenpredigt meiner damaligen Hausärztin, die – ihrer sonstigen Natur zuwider – sehr laut und impulsiv rief: „Ja, bist du denn bescheuert? Warum hast du mich nicht gleich gerufen? ‚40 Fieber‘ ist kein Witz – das ist wirklich ernst!“

Immerhin – ich habe das Ganze überlebt und mein Examen gut abgelegt. 😉 Dennoch hatte ich danach zweimal noch eine echte Virusgrippe, und das ist wirklich kein Spaß. Spaßig jedoch immer, dass ich mich im Verlaufe verschiedener Jahre impfen lassen wollte, ungelogen aber jedes Jahr irgendeine doofe Erkältung hatte, weswegen der jeweilige Arzt sich weigerte, mich zu impfen. Verständlich zwar, aber irgendwann gab ich auf und mich dem Risiko hin, Influenza No. 4 zu erleiden, denn ungelogen litt ich stets bei Impftermin unter irgendeinem blöden Infekt.

Dieses Jahr war alles anders, und inzwischen bin ich gegen Grippe geimpft. Aber die letzten Tage waren ein schweres Los. Letzten Montag war ich anderer Gründe wegen bei meinem Gyn, und wenn ich doch schon einmal dort war, konnte ich mich doch gleich gegen Influenza impfen lassen, was der Gyn auch anbietet, mir dieses Jahr sogar dazu riet, was er bis dato nie getan hatte. Erfreulicherweise war ich absolut fit, und ich zuckte nicht einmal mit der Wimper, als mir die Arzthelferin die Kanüle der niedlichen, kleinen Anti-Influenza-Impfspritze in den linken Oberarm jagte. Und anders als bei der Tetanus-Impfung blieb ich auch fit. Zumindest an diesem Abend.

In der Nacht darauf verfluchte ich nicht nur mich selber, sondern auch meinen Gyn und den Rest des Universums. Denn offenbar hatte mein Immunsystem eine Ladehemmung gehabt und reagierte erst recht spät auf die Impfung, das dafür aber etwas heftiger. Denn ich bekam nachts kein Auge zu, sondern rang mit Grippesymptomen. Fieber, massive Gliederschmerzen – alles tat weh, und an Schlaf war nicht zu denken, obwohl ich eher vor mich hin „vegetierte“.

Morgens ging es erheblich besser, und das Fieber war auch weg. Sehr erfreulich. Ich fuhr zur Arbeit, denn ich hatte viel zu tun. Und erst gegen Mittag holten mich die Gliederschmerzen und der Rest wieder ein. Meine Temperatur habe ich nicht gemessen, da ich eher selten mit einem Fieberthermometer zur Arbeit fahre. Es war mir aber auch egal, da es mir en tout bescheiden ging. Woher kannte ich das nur? Ach, ja! Von der echten Grippe! Die ersten Tage stets durchgängig grauenhaft, ab Tag 4 dann morgens ein Lichtblick, und das so sehr, dass man schon glaubt, man könne etwa zwei Tage später wieder zur Arbeit gehen. Und pünktlich gegen 13 Uhr kommt der Typ mit dem Baseballschläger, und dann weiß man wieder, worin der Unterschied zwischen einer schnöden Erkältung und Grippe besteht. Und das kann etwa zwei, drei Wochen so gehen …

Und so war es die ganzen letzten Tage. Offenbar leidet mein Immunsystem unter einer Art Ladehemmung. 😉 Seit heute ging es aber erheblich besser und wieder recht gut. Zumindest im Vergleich zu den vorausgegangenen Tagen.

Mal abgesehen davon, dass ich heute den Tag hatte, der stets das Grauen ist, denn es war der letzte Arbeitstag vor dem Urlaub. Warum auch immer das so ist, aber der letzte Arbeitstag vor dem Urlaub ist immer das Grauen – und heute war es besonders scheußlich, denn obwohl ich mir einen sehr präzisen Plan gemacht hatte – wider besseres Wissen -, ereigneten sich Dinge, die sich im ganzen Jahr sonst nicht auftun. Dinge, die nicht einkalkulierbar waren, meist Petitessen, die einen dennoch aufs Zünftigste aufhalten.

Nach der Arbeit war ich etwa eine halbe Stunde beim Einkaufen und dann auch schon gegen 20 Uhr zu Hause … 😉

Aber wieso sollte an meinem letzten Arbeitstag vor dem Urlaub alles glattgehen, wenn doch gestern schon der bundesweite „Warntag“, seit geraumer Zeit großspurig angekündigt und seit noch „geraumerer“ Zeit vorbereitet, ein echtes Fiasko gewesen zu sein scheint? 😉

Gestern telefonierte ich in meiner Home-Office-Schicht dienstlich mit einer Kollegin an einem anderen Standort so, wie wir es immer tun: sehr produktiv, aber bisweilen ins Private abdriftend. Eigentlich immer produktiv – möglich, dass es auch am Privaten liegt. Zumindest lagen wir bis dato mit unseren Entscheidungen immer richtig. 😉 Irgendwann rief sie: „Gleich geht es los!“ – „Was geht los?“ – „Na, der ‚Warntag‘! Was meinst du – muss ich dann aus dem Büro rennen und zum Sammelplatz laufen?“ – „Nee, ist doch keine Evakuierungsübung. Das ist nur ein allgemeiner Probealarm. Da werden die Sirenen getestet – so wie früher in der Schule. Und zusätzlich sollen die Warn-Apps getestet werden und Lautsprecherwagen von der Polizei und Ansagen in Radio und TV stattfinden. Niemand muss irgendwo hinausrennen!“ So sagte ich im Brustton der Überzeugung, überzeugt, dass alles hervorragend klappen würde. 😉

Eine halbe Stunde später war ich recht irritiert: Ich hatte zwar zwei Sirenen heulen hören, aber erstaunlich leise. Und Lautsprecherwagen? Der einzige Wagen, der mit Lautsprecher durch die Gegend kurvte, war der von „Il Gelataio Francesco“, dem lokalen Eisverkäufer, der mit einem Lautsprecher straßenweit die Leute aufscheucht, die dann gleich auf die Straße rennen, um Eis bei ihm zu kaufen.

Das kannte ich aus meiner Kindheit anders – da war ich zweimal mitten in der Nacht von Sirenengeheul aus den zwei angrenzenden Orten wachgeworden. Feueralarm. Und gestern hier, obwohl zwei Sirenen gar nicht so weit entfernt sind? Das war recht mau. Und da hatte sich Kollegin Angelika um ihre Katze Sorgen gemacht! Die hatte sicherlich selig weitergeschnarcht und vom bundesweiten „Warntag“ gar nix gemerkt. 😉 Anders als Angelika und ich, die wir dagesessen und gewartet hatten, als würden wir gleich ins All geschossen. 😉

Nachdem es Entwarnung gegeben hatte – oder auch nicht -, rief Angelika mich wieder an und rief: „Was war das denn für ein lahmer Zock?“ – „Ich warte auch darauf, dass es endlich losgeht“ – „Ali, da geht nix los – das war es schon.“ – „Ja, das befürchte ich auch. Das also ist Katastrophenschutz. Die einzige Katastrophe scheint mir im Grunde dieser ‚Warntag‘ zu sein.  Oder hat deine Katastrophen-App sich irgendwie gemeldet?“ – „Nee!“ – „Nicht einmal mehr Probealarm funktioniert noch! Wenn ich da an meine Schulzeit denke!“ – „Ja, das war wirklich beeindruckend!“ rief Angelika. Offenbar hatten wir dieselbe Art von Schulzeit durchgemacht. 😉

Ich tat doch gut daran, mein Smartphone und dessen Akku nicht mit einer dieser „Katastrophen-Warn-Apps“ zu belasten. Stattdessen dachte ich an meine Schulzeit zurück. Auf dem Dach des Schulgebäudes, das das Gymnasium beherbergte, das ich – gemäß dem Willen meiner Eltern – letzten Endes mit Erfolg besuchte, prangte unübersehbar eine Sirene. Und zweimal im Jahr – einmal im frühen Frühjahr, einmal im frühen Herbst, wurden wir von einem Probealarm „überrascht“. Immer um 10 Uhr eine Minute durchgehender „Entwarnungs“-Heulton, kurz darauf auf- und abschwellender Heulton, der uns als Warnung der Bevölkerung verkauft wurde, den mein Vater, der als kleiner Junge den Zweiten Weltkrieg miterlebt hatte, als Fliegeralarm definierte. Und mein damaliger Klassenlehrer, etwa der gleiche Jahrgang wie mein Vater, der auch als Kind den Krieg erlebt hatte, fing immer zu zittern an, wenn er den auf- und abschwellenden Alarm hörte. Das tat mir leid – so etwas wird man wohl nicht mehr los. Ab 10:20 Uhr konnte er sich aber wieder beruhigen, denn da kam wieder eine Minute „Entwarnung“ und durchgehender Heulton.

Nur etwas laut war es halt, wenn man eine Sirene direkt über dem Kopf hatte, und obwohl wir es doch besser wussten, zogen wir immer unsere Köpfe ein, sobald die Sirene über die ersten kehlig klingenden und tiefen Laute dann zu voller „Schönheit“ erblühte. Sensiblere Gemüter hielten sich dann die Ohren zu, aber ich schwöre, wir alle haben bei den ersten hohen und gellenden Tönen unseren Kopf eingezogen. 😉

Der „Warntag“ gestern war eher eine Art Enttäuschung für eingeschworene „Probealarm“-Kinder. Auf der anderen Seite hätten Angelika und ich wohl gute Chancen, zu überleben, weil es zu unserer Schulzeit noch hinreichend Sirenen gab und wir deren Signale noch verstehen. Ansonsten wäre es wohl besser, sich einen „Sirenenverstärker“ anzuschaffen. 😉 Ergo einen Hund, der sofort mitzuheulen beginnt, wenn die erste Sirene loslegt, und sei diese auch leiser. Sogar mein Dackel früher schmiss den Kopp immer in den Nacken und fühlte sich wohl wie ein Wolf, wenn eine Sirene heulte und er glaubte, er müsse mitheulen.

Nur klang im direkten Vergleich sogar die Sirene angenehmer, aber das hätte der Hund niemals zugegeben. 😉

Das Arsenal des Grauens

Ich staune ja immer wieder, was manche Mitmenschen an Geld ausgeben, um Dinge anzuschaffen, die ich eigentlich eher im Profi-Bereich verorten würde. Nicht selten sind diese Dinge im Bereich von Hof- und Gartenarbeiten anzutreffen – das aber wahrscheinlich auch nur, weil man nicht weiß, was sich in der jeweiligen „Behausung“, sprich: Haus oder Wohnung dieser Menschen noch so alles befindet. 😉

Im Grunde habe ich weder etwas dagegen, noch geht es mich etwas an, zumal auch ich bisweilen Geld für Dinge ausgebe, über die andere sicherlich das weise Haupt schütteln würden. Obwohl mein letzter Kauf durchaus sinnvoll war, da ich ins Allgäu zu reisen gedenke, wo ich nicht nur auf dem Hotelzimmer sitzen oder durch den Ort tingeln möchte. Kurz: Ich habe mir Wanderschuhe gekauft. Ich! Wanderschuhe! 😊 Aber nicht so doofe Schluffen – nee, die sehen für Wanderschuhe richtig gut aus, sind bequem, stützen sowohl Fuß, als auch Knöchel und sind von einem bekannten Outdoor-Hersteller. Dabei waren sie recht günstig – Sommerschlussverkauf oder, wie es heute bisweilen heißt, „Summer Sale“.

Also eine durchaus vernünftige Investition. Auch – und wahrscheinlich gerade – für Nicht-Profis. 😉

Letztes Jahr staunte ein Nachbar darüber, dass ich allen Ernstes mittels eines ausrangierten Küchenmessers dem Unkraut auf meinem Miet-Stellplatz zu Leibe gerückt war, und er meinte, dafür sähe es aber ziemlich gut aus. Wie lange ich denn dafür gebraucht hätte? Ich antwortete, indem ich mich ausgiebig streckte und meine Arme und Beine ausschüttelte – leises Knacken von meinen Halswirbeln erklang -, es habe mich etwa eine Stunde in gebückter Haltung gekostet. Er lachte und meinte: „Ich kippe da ja immer Unkraut-Tod drüber!“ Und er nannte mir das von ihm genutzte Präparat. Glyphosat in Reinkultur – nein, danke. Ein anderer Nachbar schwärmte mir vor, er fackle nicht lange, sondern das Unkraut immer ab und präsentierte mir voller Stolz die dafür genutzte Abfackel-Gerätschaft. Er nannte auch den Preis. Ich pries daraufhin im Geiste mein ausrangiertes Küchenmesser.

Dieses Jahr rückte ich dem Unkraut mit einem Präparat auf den dreisten Leib, das – auf Milchsäurebasis – relativ günstig zu bekommen ist. Ungünstig jedoch, wenn der Wind nicht günstig steht, denn mehrfach wehte mir der ebenfalls „ungünstige“ Geruch der Brühe in die empfindliche Nase. Keine Frage – das Zeug wirkt schnell und ist nicht umweltschädlich. Es sei denn, man sieht sich selber als Umwelt, denn mich würgte es mehrfach. Milch- wie auch Buttersäure haben einen durchaus ein- wie auch aufdringlichen Geruch. Das ist ein Euphemismus, denn: Es stinkt zum Himmel! 😉 Inzwischen ist eine praktikable und angenehme Lösung gefunden, doch dazu später.

Zurück zum anderen Hof- und Gartenarsenal. Bis vor einigen Jahren glaubte ich allen Ernstes, der sogenannte Rasenkantentrimmer, der die widerborstigen Rasenkanten, die der Mäher nicht erreicht hat, mittels einer rotierenden Schnur brutal kappt, sei das schlimmste Instrument, das man im Garten benutzen könne, da es ein lautes und widerliches Geräusch macht. Ähnlich wie die Zweiräder, die mein Ex Henrik immer als „Zwiebacksäge“ bezeichnete, da sie so ein infernalisch lautes und kreischendes Motorengeräusch absondern.  

Aber diese Art Rasenkantentrimmer ist im Grunde nur das zweitschlimmste Instrument für Freunde der Gartenarbeit.

Mein absoluter Favorit ist … der Laubbläser! 😊

Es ist ja durchaus einleuchtend, dass diese Gerätschaft von Städten bzw. Kommunen genutzt wird, um Wege, Parkanlagen und sonstig eher weitläufige Areale von Laub zu befreien oder dieses auf diese Art zusammenzutragen, so dass man es bequem an einem Ort verklappen kann. Und da nervt das penetrante Geräusch schon, ist aber noch einigermaßen zu ertragen, da die Notwendigkeit einleuchtet.

Gruselig, wenn Privatleute glauben, für ihre jeweils handtuchschmalen und -großen Rasenflächen, Mini-Terrassen oder -Höfe auch so etwas haben zu müssen. Ich merke erst seit der Home-Office-Zeit – jeden zweiten Tag -, wie schön es im Büro ist! (Es sei denn, die Wiese neben meinem Büro wird gemäht – und mit ihr die Rasenkanten …) 😉

Denn in den letzten drei Wochen erlebte ich im Home-Office diverse Einsätze mit – und jeder einzelne dauerte mehr oder minder weit über eine halbe Stunde. Kürzlich gab es sogar zwei Einsätze innerhalb dreier Tage. Mindestens zwei Einsätze, denn ich weiß ja nicht, ob an den Tagen, an denen ich im erholsamen Büro war, nicht auch laubgeblasen wurde.

Ich gebe zu, es mag sein, dass ich besonders geräuschempfindlich bin, aber aus Interesse habe ich mal gegoogelt und herausgefunden, dass offenbar das Gros der Menschen dieses Geräusch hasse. Und damit dieses Gerät. Wie schön – ich bin offenbar nicht die Einzige, bei der der Adrenalinspiegel drastisch steigt, sobald das Mistding gestartet wird. 😉

Besonders interessant fand ich kürzlich das Phänomen, das ich bei Freunden miterlebte: Kaum hatte deren direkter Nachbar seinen Laubbläser gestartet, um seine übersichtliche Rasenfläche und die kleine Terrasse von dem wenigen Laub zu befreien, das darauf lag, starteten kurz darauf noch weitere Laubbläser in der Nachbarschaft. Meine Bekannten rollten mit den Augen und äußerten ihr Missfallen – ich pflichtete ihnen bei und fand es auch grauenhaft. Jeder Benzin-Rasenmäher erschien wie eine Wohltat dagegen.

Immerhin entspannte sich die Lage wieder, als ich meinte – eher: schrie, um gegen den Laubbläser-Lärm anzukommen -, das erinnere mich an die Kommunikationsart von Weißstörchen: Fange einer zu klappern an, klapperten alle zurück. Ja, so verständigen sich Störche. 😉

Meine Freundin brüllte gegen den Lärm an: „Ich glaube eher, wir haben es eher mit dem ‚Meiner ist größer als deiner‘-Phänomen zu tun!“ Ich schrie zurück: „Das wollte ich jetzt nicht so sagen, aber ich vermute das Gleiche!“ Und dann lachten wir schallend, was Außenstehende jedoch nur an unserer Mimik und Körperhaltung erkannt hätten, denn die mehrstimmigen Laubbläser übertönten alles. 😉

Mein Miet-Stellplatz wird übrigens künftig vom Gärtner der Wohnanlage hier gegen einen kleinen Obulus von Unkraut befreit. Der ist Profi und verfügt aufgrund dessen über das für Profis, nicht für Amateure, notwendige Instrumentarium. 😉

„Singen und Schlafen“ :-)

So hieß das Babysitting-Programm, das mein Onkel Christoph Stephie und mir immer angedeihen ließ, als wir – noch recht klein – in Bamberg Ferien machten, woher meine Mutter stammt. Und natürlich auch Onkel Christoph selber.

In Bayern fangen die Sommerferien traditionell erst sehr spät an, und so musste mein Onkel Christoph, seines Zeichens Lehrer, immer noch arbeiten, wenn wir bereits Omas Wohnung mehr oder minder bereicherten, wo er, als ich ziemlich klein war, noch lebte, als er unverheiratet und noch sogenannter „Junglehrer“ war, kurz nach dem Staatsexamen.

Ich erinnere mich daran, dass Oma und meine Mutter wiederholt auf Onkel Christophs Rückkehr von seinem Arbeitsplatz warteten wie der Löwe aufs Futter: Sie wollten in die Stadt, und das ohne zwei quengelnde Kinder. Und kaum war Onkel Christoph in all seiner Respekt gebietenden Größe – 1,97 m – durch die Wohnungstür gekommen, zu meiner großen Freude stets, indem er seinen Kopf einzog, um mit diesem nicht anzustoßen, was mich als Kind stets zu Heiterkeitsausbrüchen hinriss, weil alle anderen Menschen in meiner Familie schon stolz waren, die 1,75-m-Grenze überschritten zu haben (ich blieb 10 Zentimeter darunter …), wurde er auch schon von Mama und Oma damit überrascht, dass sie ja nun unbedingt … Und er würde doch sicherlich gern auf seine zwei kleinen Nichten aufpassen – nicht wahr?

Ich sehe auch noch immer das Gesicht Onkel Christophs vor mir: So richtig begeistert wirkte er nicht, und er rief auch mehrfach, er sei „fei müd“. Aber dann sah er Stephie und mich an und meinte stets: „Na, denn …“. Und während Mama und Oma eiligen Fußes die Wohnung verließen, wurden Stephie und ich auf das weitere Programm eingeschworen. 😉

Das nannte sich sehr dezidiert Singen und Schlafen. Beim ersten Mal fremdelten wir noch ein wenig: Singen leuchtete ja noch ein – aber Schlafen? Wir wollten eigentlich viel lieber mit Onkel Christoph herumtoben und waren doch schon so groß, dass ein Mittagsschlaf als albernes Unterfangen erschien. Herumtoben wollte er aber nicht – hatte ja auch schon sehr viel seines Arbeitstages hinter sich, was wir als Kinder jedoch nicht verstanden. Da wir es uns aber nicht mit Onkel Christoph verscherzen wollten, den wir beide heiß und innig liebten, da er auch so gut mit Kindern umgehen konnte, fügten wir uns in unser Schicksal. 😉 Und dann lernten wir es schätzen – und auch meine Mutter fand es cool, die zumindest mit mir immer heftig zu ringen hatte, was den Mittagsschlaf anbelangte. Man muss den einfach nur gut als etwas ganz anderes verpacken – schon wird er eingehalten. 😉

Zuerst wurde gesungen, und wir lernten sehr viele Lieder von unserem Onkel kennen, die wir ohne dieses spezielle Programm sicherlich nie kennengelernt hätten. Unvergessen: der Seeschlangen-Song, der Favorit überhaupt! Ein sehr mitreißendes Kinderlied, der Text von James Krüss. Eindeutig einer der Favoriten. Weniger beliebt bei mir: „Sabinchen war ein Frauenzimmer, gar hold und tugendhaft“. Ziemlich blutrünstig, aber auch das gehörte zum Programm, und weder Stephie noch ich heulten. Wir fanden den Inhalt des Liedes zwar gruselig, aber irgendwie einleuchtend und haben keine Neurosen davongetragen. 😉

Zumal es ja das Lied vom „hübschen, wachsamen Hahn“ gab. Und das von „Sascha“, der „mit den Worten geizte“. Ganz zu schweigen von „Gregor“, der nicht zum „Abendtanz“ gehen sollte – das war ein Lied, das ich besonders liebte, da es so geheimnisvoll war: „Weiße Hand wie Schnee braut dir Tee aus Zauberkräutern“ hieß es da – das war spannend! Das war ein Lied, das sonst keiner kannte.

Und dann noch das Lied, dessen Refrain „Hejom, fejom, Schnee fiel in der Nacht!“ lautete. All diese fremdartigen Lieder lernten wir von Onkel Christoph, und wir sangen sie voller Inbrunst, bis wir müde wurden. Dann begann der zweite Teil von Singen und Schlafen. 😉 Auf diesen hatte Onkel Christoph wohl die ganze Zeit hingearbeitet. 😉

Und wenn meine Mutter und meine Oma zurückkehrten, fanden sie sowohl meinen Onkel, als auch Stephie und mich schlafend vor. Quasi bis zum Umfallen gesungen. Ziel erreicht. Die „Nichtchen“, wie er uns immer nannte, hielten Mittagsschlaf, und auch er hatte endlich seine Ruhe.😉

All die Lieder, die keiner sonst kannte, als ich ein Kind war, habe ich irgendwann gegoogelt, wann immer mir mal wieder die entsprechende Melodie durch den Kopf schoss. Und „Gregor“, dem vom „Abendtanz“ abgeraten wurde, entpuppte sich als ukrainisches Volkslied. „Sascha“ war russisch. Und „hejom, fejom“ habe ich erst kürzlich gegoogelt und unter „schnee fiel in der nacht“ gefunden: Ein schwedisches Volkslied ist es, und es heißt „Bonden och Kråkan“ – „Der Bauer und die Krähe“. Naheliegend, denn sowohl auf Deutsch als auch auf Schwedisch war stets von einer Krähe die Rede, die lachte. 😉 Der Bauer hatte sowohl auf Deutsch wie auch auf Schwedisch weniger zu lachen. 😉

Meinen Onkel habe ich zuletzt vor einigen Jahren gesehen – wir wohnen recht weit voneinander entfernt. Inzwischen ist er krank, und ich habe mich weniger gekümmert, als ich hätte tun können und müssen. Als mir neulich dieses schwedische „Krähen“-Lied durch den Kopf ging, fiel mir ein, wie er sich immer so lieb um uns gekümmert hat, obwohl das sicherlich nicht sein vordringliches Interesse gewesen war. Und er konnte auch so schön Geschichten erzählen. Es wird höchste Zeit, dass ich ihm mal eine schöne Geschichte erzähle. 😊

Mein Orthopäde hat Humor! 😉

Zumindest einer der beiden verfügt über eine Art Humor, die meinem Humorverständnis sehr entgegenkommt. Ich bin unregelmäßiger „Gast“ in einer orthopädischen Gemeinschaftspraxis und wurde bis dato mal von dem einen, mal von dem anderen Arzt behandelt. Einer von ihnen war früher Stabsarzt bei der Bundeswehr – merkwürdigerweise jedoch derjenige, der eher charmant herüberkommt, nicht der, der zwar stets höflich und bisweilen auch freundlich – wenn auch nicht herzlich – aber eher sarkastisch ist und meiner Vorstellung eines Stabsarztes der Bundeswehr erheblich näherkommt als der „Charmeur“.

Heute hatte ich um 16 Uhr einen Termin dort. Warum? Nun, seit etwa einem Vierteljahr bin ich mir sicher, dass jeder im Haus hören könne, wenn ich die Treppen hinab Richtung Haustür gehe, um das Haus zu verlassen oder im Waschkeller meine Waschmaschine zu be- oder entladen, denn exakt so lange knackt und knirscht es in meinem linken Knie; und das so sehr, dass ich den Eindruck habe: „Jeder kann hören, wie du die Treppe hinunterknarrst! Das ist ja furchtbar!“

Es trat ganz plötzlich auf – quasi von einem Tag auf den anderen. Es tut nicht weh, aber es ist einfach widerlich. Allein dieses Geräusch! Und das Gefühl im Knie! Keine Ahnung, ob ihr das nachvollziehen könnt, aber es fühlt sich einfach unangenehm an. Mir sträuben sich jedenfalls regelmäßig die Nackenhaare, und es läuft mir wechselweise warm und kalt den Rücken hinunter, wenn es wieder einmal knackt und knirscht. Das ist so wie früher in der Schule, wenn man an der Tafel stand und im Mathe-GK dort etwas vorrechnen sollte. Nicht nur, dass Mathe – zumindest für mich – in der Schule ohnehin der Horror war: Noch schlimmer wurde es, brach die Kreide ab, und im Eifer des Gefechts schrappte dann der Zeigefingernagel über die Tafel und erzeugte ein Mittelding aus quietschendem und kreischendem Geräusch. Das ging einem auch durch und durch – und in etwa so fühlt es sich an, wenn es in meinem linken Knie knackt und knirscht.😉

Um 15:30 h verließ ich das Büro – heute war Büroschicht. Ich ließ den Rechner an, ließ auch meine Lesebrille und andere Dinge vor Ort, da ich derzeit so viel zu tun habe, dass ich nach dem Arztbesuch noch einmal zurückzukehren beabsichtigte. 😉 Und schon stürzte ich gen Bus, denn in der Nähe der orthopädischen Gemeinschaftspraxis sind Parkplätze Mangelware, und da wollte ich doch lieber die gut funktionierende ÖPNV-Möglichkeit zwischen meinem Arbeitgeber und der Praxis benutzen.

Da kam auch schon der Bus! Ein Gelenkbus, der schwungvoll von einer Fahrerin um die Kurve vor der Haltestelle gesteuert wurde. Ich stülpte mir meinen MNS über – ein hellblaues Modell aus der „I love Oche“-Reihe (ins Hochdeutsche übersetzt gleich viel weniger charmant: „Ich liebe Aachen“. 😉 ) Zusammen mit mir stiegen zwei junge Männer ein, die sich gleich in den hinteren Teil des Busses verzogen. Ich blieb im Mittelteil, aber da rief die Fahrerin von vorn: „Hallo? Darf ich Sie um etwas bitten?“

Da ich mich angesprochen fühlte, rief ich: „Klar! Wie kann ich Ihnen helfen?“ Die Fahrerin rief: „Ich bin noch neu und vorhin auf der Linie hier eingesprungen, und ich habe nur eine ungefähre Vorstellung, wie ich fahren muss! Mein Kollege hat es mir zwar erklärt, aber ich bin ins kalte Wasser geworfen worden, weil ich nicht aus dieser Stadt hier stamme. Kennen Sie das?“ – „Ins kalte Wasser geworfen zu werden? Das kenne ich! Ich kann Ihnen bis zur Wörthstraße helfen und auch noch erklären, wie Sie danach fahren müssen, aber es wäre sicherlich besser, wäre jemand bis zur Endhaltestelle dabei. Es sind zwar nur fünf Haltestellen bis dorthin, aber es wäre doch besser, wäre jemand dabei, der auch bis dorthin mitfährt.“ – „Ja! Aber total nett, dass Sie mir weiterhelfen wollen. Wartense, ich frag mal die beiden Jungs da hinten – vielleicht fahren die bis zum Busbahnhof mit!“

Und schon rief sie die beiden jungen Männer herbei, die auch bereitwillig ankamen, jedoch zum einen aus Bayern, zum anderen aus Hessen stammten – und erst wenige Tage hier lebten. Das Erbe meiner Mutter wurde in mir wach, und ich rief: „Nein! Aus Bayern und aus Hessen – und es hat Sie hierher verschlagen!“ Die beiden jungen Männer lachten sich schlapp und sagten: „Ist nur zum Studium.“ Ich lachte auch, ebenso die Fahrerin. Ich rief: „Das ist jetzt zwar nicht die optimale Situation, aber wir bekommen Sie schon bis zur Endhaltestelle. Und dann fahren Sie die ganze Strecke zweimal – dann läuft es!“

Und schon fuhren wir los, und ich unterhielt mich mit dem Bayern und dem Hessen. Zwischendurch rief die Fahrerin: „Ich muss hier jetzt aber nicht rechts abbiegen, oder? Wenn ich das richtig im Hinterkopp habe, muss ich hier doch noch geradeaus, oder?“ Ich rief: „Ja, hier noch geradeaus!“

Und dann näherten wir uns auch schon meiner Ausstiegshaltestelle, und ich drückte den Halteknopf. Bevor ich knackend und knirschend ausstieg, rief ich der Fahrerin noch zu: „Hier über die Kreuzung noch drüber, an der nächsten Kreuzung rechts und bis zur Hauptstraße fahren. Dort dann links – die nächste Haltestelle ist identisch mit der nächsten Straßenbahn-Haltestelle. Das sehen Sie sofort!“ Und als ich ausstieg, stiegen zwei etwa zwölfjährige Jungs ein, die gleich von der Fahrerin als Lotsen engagiert wurden.

Als der Bus an mir vorbeifuhr, drehte ich mich halb um, und da sah ich, wie die Fahrerin mich anstrahlte und mir fröhlich zuwinkte. Mit der wäre ich sofort ein Bierchen trinken gegangen – die wirkte total cool. Ähnlich wie meine gute Freundin Andrea in Aachen – stundenlange, nächtelange Gespräche über Freunde, Ex-Freunde und Männer, aber auch ganz allgemeine Themen gab es da, und es war immer lustig. 😉

Der Weg zur Arztpraxis war mit diversen starken Windböen versehen – wozu eigentlich hatte ich meine Haare vor Weggang aus dem Büro noch einmal „gepimpt“? Immerhin war ich pünktlich – nicht unbedingt typisch für mich. 😉 Und ich kam auch schnell dran. Der Arzt, nicht der ehemalige Stabsarzt, begrüßte mich auf seine Art, und ich schilderte ihm meine Beschwerden. Es erfolgte sogleich das, was nicht selten in dieser Praxis erfolgt …

„Gehen Sie mit dem Zettel hier zur Anmeldung, und dann machen wir eine Aufnahme von Ihrem linken Knie!“ Ich tat, was man mir befohlen hatte, und recht schnell führte man mich aus der Um- bzw. Entkleidekabine in den Röntgenraum. Etwas anders als außerhalb von Corona-Zeiten, denn man drückte mir eine Bleischürze in die Hand, aus einiger Entfernung, und meinte: „Hier. Anlegen.“ Ah, ja. 😉

Und schon lag ich auf dem Röntgentisch, und es wurden zwei Aufnahmen aus verschiedenen Perspektiven vorgenommen. Beide Male sagte die Röntgenassistentin: „Versuchen Sie einfach, ganz ruhig zu liegen und nicht zu wackeln.“ Ich wackle für gewöhnlich nie bei Röntgenaufnahmen, und ich grinste noch in mich hinein. Aber kaum war die Maid aus dem Raum und löste die strahlenbewehrte Aufnahme aus, stellte ich fest, dass mich ihre Aufforderung eher zum „Wackeln“ triggerte. Zum Glück kann ich mich gut zusammenreißen, wenn es um bildgebende Verfahren geht, wie das so schön heißt. 😉

Schließlich untersuchte mich der Arzt, drückte und drehte an meinem Knie und Bein herum, nachdem er die Röntgenaufnahmen betrachtet hatte. Natürlich knackte und knirschte da … nichts. Der Arzt sah mich an und sagte: „Schöne Beine, aber nichts Außergewöhnliches zu erkennen, Knie in Ordnung, Rest auch. Wahrscheinlich passiert das immer, wenn Sie die Knie beugen?“ – „Ja, und es nervt!“ – „Glaube ich Ihnen. Aber es ist im Grunde alles in Ordnung. Keine Kniebeugen machen, nicht in die Hocke gehen, nicht hinknien. Wenn es schlimmer wird, kommen Sie wieder. Ansonsten: Lassen Sie’s knacken!“ Und er kniff mir ein Auge zu, und ich lachte pflichtschuldig und kniff zurück. Na, toll! Wahrscheinlich hält mich zumindest der eine Teil meiner orthopädischen Praxis für durchgeknallt – aber bei dem knarren die Knie sicher auch nicht. 😉

Aber entgegen den vorherigen Terminen dort wurde wenigstens nichts Übles entdeckt, und es sollen mir auch keine Spritzen in knochenreiche Regionen gegeben werden. Ich habe dort schon Schlimmeres erlebt. Ich werde also künftig einfach nicht mehr hinhören und -fühlen, wenn ich das linke Knie beuge und die Treppen hinabsteige. Am besten wird sein, ich singe einfach: „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“, sobald ich das nächste Mal die Treppe hinabknarre … 😉

Wenn heute eine Fee käme …

… und mir sagen würde: „Liebe Ali, du hast drei Wünsche frei – was auch immer du dir wünschst: Es wird in Erfüllung gehen“, würde ich zunächst sicherlich meinen Augen und Ohren nicht trauen, mir erstere reiben und dann – wäre die gute Fee noch immer da – völlig überwältigt als erstes rufen: „Eine Reise die gesamte Panamericana entlang – von Alaska bis Feuerland! Eine reibungslose Reise, ohne Probleme!“

Als zweites – denn inzwischen hätte ich die initiale Überraschung überwunden – würde ich sagen: „Dauerhafte Gesundheit, verbunden mit dem wirtschaftlichen Hintergrund, mir stets solche Reisen und andere Dinge leisten zu können.“ Nein, ich bin durchaus nicht materialistisch eingestellt, aber es lebt sich einfach leichter, wenn man sich keine Gedanken um Geld machen muss, und bei mir handelt es sich mehr um Sicherheitsdenken als um materialistisches Gedankengut. 😉 Und den dritten Wunsch verrate ich ganz gewiss nicht (er ist eigentlich auch der erste – die Panamericana kommt im Grunde erst auf Platz 3). 😉

Ich reise sehr gern, und ich lerne sehr gern neue Länder und Menschen kennen. Auf meiner bucket list, was das Thema Reisen anbelangt, steht eine Region dieser Erde auf Platz 1: Südamerika.

„Schuld“ daran ist der jüngere Bruder meiner Mutter: Onkel Christoph. Denn er – stets eine Art „Weltenbummler“ gewesen – ging als Expat für fünf Jahre nach Ecuador, lebte und arbeitete dort als Lehrer in Guayaquil an der dortigen deutschen Schule. Damals war ich etwa elf, zwölf Jahre alt – und ich las fortan alles, was mir über Südamerika in die Finger kam. Mein Onkel und ich pflegten überdies einen regen Briefkontakt per Luftpost (leider gab es damals noch nicht die Möglichkeit, E-Mails zu schicken, aber die Freude über einen Luftpostbrief war wahrscheinlich größer als die Freude über eine Mail). Er schickte mir Fotos, beschrieb das Leben dort sehr interessant, reiste während der dortigen Ferien nach Peru, nach Bolivien, Kolumbien, Chile … Ich war angefixt – und diese Faszination hat mich nie wieder verlassen. 😉

Onkel Christoph lud mich mehrfach nach Ecuador ein. Aber ein inzwischen dreizehn-, vierzehnjähriges Mädchen allein nach Südamerika zu schicken, fanden meine Eltern nicht so toll, und ich schmollte damals. 😉 Und dann war die Expat-Zeit vorbei.

Vorbei aber nicht die Faszination meinerseits. Und noch heute reizt mich diese Region der Erde sehr, und eine Reise die gesamte Panamericana entlang reizt mich ganz besonders, denn auch in Nordamerika gibt es eine Region, die ich sehr gern besuchen würde: Alaska. Und dann durch beide Teile des Kontinents hindurch. Von Alaska bis Feuerland. Und natürlich durch Patagonien.

Onkel Christoph lebte danach als Expat auch noch einige Jahre in Shanghai. Das hat mich allerdings nie so gereizt wie Südamerika. Keine Frage – Asien ist auch sehr interessant, aber nicht die Region auf der Welt, die mich über Gebühr reizt. Da hat ja jeder offenbar seine ganz eigenen Vorlieben. Außerdem ist Spanisch sicherlich leichter zu erlernen als Mandarin oder gar Wu. 😉 Und was Onkel Christoph mir aus Shanghai schrieb, gefiel mir – sehr tierlieb – überhaupt nicht.

Wahrscheinlich sollte ich doch besser Lotto spielen und auf mein Glück hoffen, denn eine Fee wird sicherlich nicht vorbeikommen. Und wenn doch, sollte ich meine Wünsche noch einmal abändern, denn Reisen in die Tropen beinhalten auch die Akzeptanz der dortigen Insekten, Spinnen und sonstiger Tiere – und da musste ich schon in der Dominikanischen Republik sehr viel Selbstbeherrschung mitbringen, denn in den Tropen gibt es ganz viele Insekten, die zwar von ihrer „Grund-Machart“ her auch hier bekannt sind – nur halt dort viel größer und wirklich furchteinflößend.

Unvergessen in der DomRep: der Abend, als ich mit leichtem Fieber und Bronchitis – eindeutig durch die eiskalt eingestellte Klimaanlage entstanden – im Bett lag, während Frank zur Bar gehen wollte. Kein Problem – er musste ja nicht im Zimmer bleiben, nur weil ich kränkelte. Ich bin da im Allgemeinen großzügig. Als er sich gerade zum Gehen wandte und schon an der Zimmertür stand, hörte ich ein merkwürdiges, „vielstimmiges“ Geräusch von rechts neben dem Bett, und als ich hinsah, traf mich fast der Schlag: Etwa zwanzig riesige Viecher saßen da – offenbar eine besonders große Zikadenart. Ich sagte, um Ruhe bemüht: „Frank, du kannst noch nicht gehen.“ – „Wieso?“ – „Ich bleibe hier nicht allein, wenn das hier mit mir im Raum ist.“ – „Was denn?“ – „Hörst du das nicht? Komm mal ums Bett herum.“

Er tat es und freute sich nicht. „Wie soll ich die denn beseitigen?“ – „Mir völlig egal – tot oder lebendig, die Viecher müssen weg! Ich bleibe hier nicht allein, wenn die im selben Raum sind wie ich!“

Die gigantischen Zikaden, die übrigens als „Singzikaden“ bekannt sind und vor dem Bett saßen, sorgten dafür, dass ich wie schockgefrostet im Bett saß. Der Name kommt nicht von ungefähr – die etwa zwanzig „kleinen“ Musiker begannen auch gerade schon damit, ihre Instrumente zu stimmen, als Frank gerade das Parterre-Hotelzimmer (mit Terrasse) verlassen wollte. Wie gut, dass sie das taten, denn ansonsten hätte ich sie ja erst nach Franks Weggang bemerkt… 😉

Sie waren zwischen 7 und 10 Zentimetern lang und kohlrabenschwarz. Vermutlich wollten sie der Kränkelnden, also mir, nett Gesellschaft leisten und ein kleines Konzert darbieten. Ich bat Frank, langsam und vorsichtig um das Bett herumzukommen – ich hegte die Befürchtung, einer oder gleich mehrere dieser wenig attraktiv wirkenden Gesellen könne bei schnelleren Bewegungen erschrecken und wild herum- und dann mich anspringen oder -fliegen! Ich bin mir sehr sicher, dass ich in diesem Falle die gesamte große Massentourismus-Knastanlage zusammengeschrien hätte. 😉 Nun steht man ja manchmal ganz gern im Mittelpunkt, z. B., wenn man etwas gut gemacht hat. Aber ich würde nur sehr ungern aufgrund eines Angriffs zahlreicher Riesenzikaden auf mich im Mittelpunkt stehen, obwohl mich sicherlich einige Leute um meine kräftige und durchdringende Stimme beneiden würden. 😉

Er schaffte es tatsächlich, die Tiere zu beseitigen, wollte allerdings erst einen meiner Schuhe dazu benutzen („Nicht mit meinem Schuh!“), aber ich muss zu meiner Schande gestehen: Mein Horror vor Insekten hat etwa zwanzig Singzikaden das Leben gekostet … ☹

Ergo: Neuauflage der Wünsche an die Fee, die sicherlich niemals erscheint. 😉

Wunsch 1: Wird nicht bekanntgegeben.

Wunsch 2: Alles Sonstige, was ich mir wünsche, inklusive Gesundheit, Panamericana und so viel anderes.

Wunsch 3: Wozu bei präziser Ausformulierung von Wunsch 1 und 2 noch Wunsch 3?

Okay, wäre ich noch präziser gewesen, hätte es nur eines Wunsches bedurft – die Äußerung hätte sicherlich aber etwas mehr Zeit in Anspruch genommen. Kann ich Wunsch 3 als Reservewunsch offenhalten, falls ich etwas vergessen habe? 😉

Kuba in meinem Auto

Ich glaube, ich habe in meinem Auto, dem kleinen Monty, bis dato noch nie Radio gehört, denn ich nutze immer den CD-Player oder mein Smartphone, um Musik zu hören. Nachrichten will ich vor allem auf dem Weg zur Arbeit gar nicht hören – mir reichen Zeitung, Fernsehen und Internet als Lieferanten dessen, was großenteils die Stimmung sinken lässt. Im Auto höre ich ausschließlich Musik, gern auch lauter.

Heute fuhr ich nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause, dabei „Chan Chan“ mitsingend – und das, obwohl ich gar kein Spanisch kann! 😉 Es handelt sich um ein kubanisches Lied, und ich kann es trotz mangelnder echter Spanischkenntnisse so schön mitschmettern, weil ich dieses Lied liebe und mir den Text eingeprägt habe, nachdem ich es das erste Mal gehört und den Text dann gegoogelt hatte, mitsamt Übersetzung, als ich vor Jahren mit Giacomo die Doku „Buena Vista Social Club“ angesehen hatte, die ich mir kurz darauf auch auf DVD kaufte. Der Text wirkt – wenn man weiß, was da gesungen wird – auf den ersten Blick etwas frugal, ist im Grunde aber sehr poetisch und passt zum melancholisch-schönen Gesamtbild dieses Liedes. 😉

Nun besitze ich zur DVD auch die CD, und das ist zwar gewissermaßen „Mainstream“, aber dennoch kubanisch, poetisch und schön, und die letzten Tage waren so, dass ich dachte, ein bisschen Kuba im Auto könne gar nicht schaden. 😉

Auf Kuba selber war ich noch nie. Aber auf der nächsten Insel südöstlich davon. Vor -zig Jahren. Ich hatte gar nicht hingewollt, da auf dieser „geteilten Insel“, zumindest in ihrem östlichen Staat, eher Massentourismus angesagt ist. Aber mein damaliger Freund wollte unbedingt hin.

Wir wollten endlich einmal zusammen Urlaub machen, damals in Aachen. 😉 Frankie war berufstätig, ich noch Studentin. Er meinte: „Du machst einen Vorschlag, und ich mache einen Vorschlag.“ Das klang fair, und ich schlug Cornwall vor. England. Ich liebe England. Da Cornwall aber teuer ist und ich finanziell schlechter gestellt war als Frankie und mein durch Jobben verdientes Geld so gerade und nur ganz knapp gereicht hätte – und das für nur eineinhalb Wochen! – und er großzügig meinte, er würde dann für uns beide zahlen, er obendrein meinte, im März nach England zu reisen, sei doch ziemlich gruselig, obwohl ich den Golfstrom und die Palmen in Teilen Cornwalls erwähnte, wurde es dann – tätää! – die Dominikanische Republik, kurz: DomRep. Ein Kontrastprogramm, das kontrastreicher nicht hätte sein können. Frankies bester Freund, mit dem ich nicht so harmonierte, weil ich Aufschneider nicht so mag, war ein großer Fan, und Frankie vertraute seinem besten Freund blind. Offenbar mehr als mir, dabei bin ich durchaus vertrauenswürdig. 😉

Da aber Urlaub wirklich notwendig war und wir zusammen reisen wollten, sagte ich ja, obwohl mir das Urlaubsmodell nicht so gut gefiel. Aber ich bin durchaus kompromissfähig, und Frankie meinte: „Und wenn es dir wirklich absolut nicht gefällt, reisen wir da nie wieder hin.“ Okay. Haben wir auch nie wieder getan.

Ich gebe zu, es reizte mich ja schon ein wenig, auf die „Großen Antillen“ zu reisen – aber musste es ausgerechnet die Dominikanische Republik sein? Dann doch lieber Kuba – das hätte wenigstens Stil! Aber davon wollte Frankie gar nichts wissen, obwohl ich ihm wiederholt ganz reizend – und natürlich völlig ohne Hintergedanken – Guantanamera vorsang (den Text kann ich ebenfalls ohne nennenswerte Spanischkenntnisse auswendig) und er es auch sehr schön fand und meinte, seine vorherigen Freundinnen hätten im Gegensatz zu mir nicht singen können – und auch nicht kochen. Ich gab zurück, er solle sich weniger mit Gregor treffen, denn dessen Möchtegernmacho-Art färbe inzwischen ab. 😉

Zweieinhalb Wochen vor unserem Flug in die DomRep wurde ich plötzlich krank – eine richtig fiese Angina hatte mich erwischt, und das so schlimm, dass ich nachts kein Auge zutun konnte und mir vor jedem Schluck Wasser graute, so weh tat es. Fieber hatte ich auch nicht zu knapp, und ich sah den Urlaub schon scheitern.

Das Grauen dauerte etwas über eine Woche an, aber es zeichnete sich ab, dass ich würde reisen können. An dem Tag, da ich mich erstmalig meines Bettes fieberfrei enthob, fiel mir schlagartig Furchtbares ein: Reisepass! Ich würde einen Reisepass brauchen! Und meiner, den ich aus der linken Schreibtischschublade holte, war seit einem Jahr abgelaufen! Zitternd und mit immer noch rauher Stimme rief ich beim Aachener Einwohnermeldeamt an und schilderte mein Problem. Kein Problem, beschied man mir, ich solle mitsamt abgelaufenem Pass einfach vorbeikommen, um mir einen Notfallpass ausstellen zu lassen. So geschah es, und mitsamt Notfallpass und abgelaufenem Pass – der musste dabei sein, zumal ein unbegrenztes Visum für die Vereinigten Staaten darin prangte – trat ich zusammen mit Frankie die Reise an.

Der Flug war problemlos, die Landung etwas härter, aber wir waren endlich in Puerto Plata, und unser Gepäck war auch auf dem Gepäckband. Mit selbigem durchquerten wir den wunderbar klimatisierten kleinen Flughafen, denn davor sollte der Zubringerbus warten.

Und da stand er auch schon! Wir strebten nach draußen, die gläsernen Schiebetüren öffneten sich – und wir prallten gegen eine schier undurchdringliche „Wand“ aus feuchtheißer Luft! O Gott! Nun ja, wir hatten ja damit gerechnet (womit auch sonst?), aber wenn man aus dem noch winterlich kalten Aachen kam, war es schon ein ziemliches Kontrastprogramm.

Der Bus war zum Glück aber auch hervorragend klimatisiert, und er fuhr uns und andere Pauschaltouristen über Land.

Ich weiß noch, dass ich mich fast bis auf die Knochen schämte, als ich sah, woran wir vorbeifuhren: Wellblechhütten, bis zum Boden durchhängende Überlandleitungen, allerdings ummantelt mit Kunststoffisolierung, an deren „Produkt“ die Bewohner der wellblechernen Verschläge jedoch gar keinen Anteil hatten, denn dort wurde auf offenem Feuer in Kesseln gekocht. Vor den Wellblechhütten tummelten sich Ziegen, Schweine und schmutzige Kinder sonder Zahl. Ich kam mir wie eine ignorante Erste-Welt-Idiotin vor, die all das in Kauf nimmt – Hauptsache, der Urlaub ist günstig und gut, wenn man nur die Augen vor allem verschließt. Ich hatte ja ohnehin nicht dorthin gewollt, war aber überstimmt worden. Als ich Frankie darauf aufmerksam machte, dass ich mir wie ein Arschloch vorkäme, meinte er nur: „Ja, aber diese Leute profitieren doch vom Tourismus!“ – „Das ist nicht dein Ernst! Du glaubst doch nicht im Ernst daran, dass die Bewohner dieser Wellblechverschläge vom Tourismus profitieren! Die sehen doch keinen roten Heller! Die sehen hier dauernd die klimatisierten Touri-Busse vorbeifahren und leben weiterhin im Elend – sieh dich doch um!“

Wir kamen nicht bester Stimmung in unserem „Touristenbunker“ in Cabarete an, einem mehrere Hektar großen, mit sehr hohen Zäunen eingefassten Areal mit vielen drei- und mehrstöckigen Häusern, die die Touristenzimmer enthielten, Bars, Speisesälen, „Restaurants“, Fitnessräumen, Pools, Liegewiesen, Pferdeställen, Tennisplätzen und all dem an, was man westlichen Touris mindestens anbieten muss. Natürlich auch Animateuren, einer Disco und sonstigen Dingen, auf die man – zumindest ich – im Urlaub gut und gern verzichten kann.

Als erstes tackerte man uns ein grünes Armband ans rechte oder linke Handgelenk, damit man auch gleich erkennen könne, dass wir Einwohner dieser „Anstalt“ waren. Fast „all inclusive“, denn wir hatten uns dazu entschlossen, zumindest mittags anderswo zu essen. Die Vollpensionisten, die das Areal gar nicht verlassen wollten, hatten rote Armbändchen. Und: Damit man uns, sollten wir das von verschiedenen Security-Mitarbeitern mit Maschinenpistolen bewachte Areal temporär verlassen wollen, auch problemlos wieder einlassen und nicht gleich über den Haufen schießen würde.

„Super!“ sagte ich zu Frank. „Warum haben wir uns nicht gleich in Deutschland einknasten lassen? Das wäre sicherlich preisgünstiger gewesen. Wir hätten nur ganz dilettantisch eine Tankstelle überfallen müssen. Die Esso-Tankstelle am Europaplatz, zum Beispiel. Nun, immerhin haben wir Freigang!“ Und ich hob den linken Arm, an dem das grüne Bändchen prangte und lachte dreckig. Ich kann leider manchmal nicht aus meiner Haut. 😉 Frank war sauer: „Was hast du denn zu meckern – ist doch alles gut organisiert.“ – „Ja, so kann man es natürlich auch sehen, wenn man ohnehin daran glaubt, dass die arme Bevölkerung in Wellblechhütten ganz sicher an den Einnahmen durch den Tourismus partizipiere. Allein diese MP-Securities irritieren mich. Was, wenn die da nicht stehen würden? Ich meine, das ist doch völlig surreal!“ Kaum angekommen und mit grünen Bändchen versehen, gab es schon Krach! 😉 Aber mich hatte bereits die Überlandfahrt mit dem Bus nachhaltig verstört, obwohl ich schon nicht viel Positives erwartet hatte. Ich bin mir sicher, Frank ging es ähnlich, aber da er unbedingt in die DomRep gewollt hatte, konnte er nicht anders.

Nachdem wir ausgepackt hatten, begaben wir uns relativ zügig in den Speisesaal, aßen zu Abend, und danach suchten wir eine Bar auf dem Gelände auf, die nicht ganz so überlaufen war. Dort bediente eine junge Frau. Da Frank noch weniger Spanisch als ich spricht, musste ich bestellen, und obwohl ich nur frugale Spanischkenntnisse präsentieren konnte, freute sich die junge Einheimische sehr, dass sich jemand bemühte und nicht von ihr verlangte, Deutsch zu verstehen, und da sie des Englischen einigermaßen mächtig war, unterhielten wir uns sehr nett, sie gab uns Tipps und wollte das Trinkgeld erst nicht annehmen, bis ich – manche Redewendungen und Floskeln hatte ich schnell gelernt – sagte: „Esta bien así!“ Sie bedankte sich erst auf Spanisch, dann auf Englisch, als sie mein freundliches Lächeln sah, das besagte, dass ich kein Wort verstünde, und sagte, sie freue sich sehr darüber, aber das sei nicht nötig, da wir so nett zu ihr seien. Das sei für sie schon Dank genug. Ich starrte sie an wie eine Erscheinung und dachte: „O Gott, was muss sie denn sonst alles mitmachen!“ Dann sagte ich, es sei uns eine Freude, und wir würden auch sehr gern wiederkommen. Es sei nett gemeint, und sie würde uns eine echte Freude machen, würde sie es einfach als Anerkennung für eine so nette Bedienung sehen. Da strahlte sie und nahm das Trinkgeld an, meinte jedoch, wir seien ihr auch ohne dies stets sehr willkommen, denn wir würden so nett mit ihr sprechen.

Ziemlich verstört ging ich zu Bett und dachte: „Der Tourismus scheint die Dinge hier in der Tat nicht besser zu machen. Die junge Frau freute sich einfach, dass es Menschen gibt, die zwar kein Spanisch sprechen, es aber zumindest versuchen, und die ihr nicht gleich sonstwohin grabschen.“

Am nächsten Abend gab sie uns gleich ein Bier aus. Das wollten wir zwar nicht, wollten sie aber auch nicht vor den Kopf stoßen. Sie freute sich immer, wenn sie uns sah und meinte, solche deutschen Touristen hätte sie noch nie erlebt – so nett. Und sie gab uns Tipps, was wir uns unbedingt ansehen müssten, ebenso, wohin wir besser nicht gehen sollten.

Am dritten Morgen – ich kam von einem Ausritt zurück und hatte gerade den für Touristen angeratenen Rum zu mir genommen, der Montezumas Rache entgegenwirken soll und dies offenbar auch tat, wenn man nur daran glaubte, obwohl ich es gruselig fand, um 11 Uhr am Vormittag so etwas zu mir zu nehmen, wurde ich Augen- und Ohrenzeugin eines schrillen Szenarios: Ein prolliger deutscher Tourist hatte sich einen einheimischen Mitarbeiter „gekrallt“ und laberte diesen in sehr frugalem Englisch zu, dieser solle mit aufs Zimmer kommen, um den Fernseher so einzustellen, dass der deutsche Touri – kam aus Hannover – das nächste Formel-1-Rennen mit Michael Schumacher sehen könne! „Maikel Shoemaker! Formel 1! Ju kamm wiss mi tu mei Ruum!“ Und schon griff er den Mitarbeiter beim Arm und wollte ihn wegzerren.

Ich war derart entgeistert, dass ich stehenblieb. Der Angestellte der Hotelanlage war sichtlich irritiert und starrte hilfesuchend zu mir herüber, und ich rief: „Excuse me, I’ve inadvertently and – moreover – unwillingly overheard your conversation. To my mind, this sir would like you to come to his room in order to select and fix some television channel so that he is able to watch the upcoming Formula 1 car race with Michael Schumacher. Don’t ask me why he travels to the other end of the world for that. Whatever, he is harmless and does not intend to do you any harm. I do not understand either why he has to come here to watch this car race – and he does not belong to me; I just wanted to help.“ Der Mitarbeiter strahlte mich an und kniff mir ein Auge zu, während der deutsche Tourist mir zurief: „Ey, stellt der mir jetzt den Sender ein?“ Ich ließ den Deppen einfach stehen, während der einheimische Mitarbeiter einen bedauernswerten Untergebenen instruierte, mit dem deutschen Touri aufs Zimmer zu gehen, um den entsprechenden Sender einzustellen. Da drehte ich mich allerdings noch einmal um und rief dem Touri zu: „Ein Trinkgeld ist auf alle Fälle angemessen!“ Darauf rief der Idiot zurück: „Ey, is alles inklusive!“ Ich fühlte mich schon morgens um 11 erschöpft – so ähnlich hatte ich mir immer die Hölle vorgestellt. 😉

Es gab aber auch sehr nette Touris dort. Die meisten dieser Sorte machten auch erstmalig Urlaub unter solchen Bedingungen. (Ja, auch wenn ich total motzig klinge: Ich war doch immer nett und freundlich zu den anderen Menschen, wenn mir auch die Bedingungen dieses Urlaubs nicht ganz so gut gefielen. Immerhin schien die Sonne.)

Sogar einen Abstecher in die Karibik machten wir, und das Meer ist wirklich wunderschön türkis, warm und traumhaft. Vor allem, wenn man sich die vielen deutschen und englischen Touris wegdenkt (und trotz des schlechten Rufs der englischen Touris fand ich die deutschen schlimmer). 😉 Ebenso die geschäftstüchtigen Strandverkäufer, die einen „chica linda“ nennen – zumindest damals 😉 – und einem ratz-fatz -zig billige Ketten um den Hals schlingen, wenn man quasi „unbewacht“ am Strand liegt, weil der zugehörige Freund sich gerade in einem Strandpavillon seine Badehose anzieht. Ich musste wirklich energisch werden, mir die Verkäufer vom Leib zu halten, war aber dennoch froh, als Frank endlich ankam, denn just da hatten mich auch zwei „Ich flechte dein Haar ratz-fatz in zahlreiche kleine Zöpfchen, egal, ob es dir steht oder nicht“-Mädels entdeckt. Eine hatte sogar schon nach meinen Haaren gegriffen und bewunderte sie, weil sie blond waren, während ich zweisprachig „Nein!“ sagte („No!“ englisch und „No!“ spanisch, allerdings lächelnd und im ersten Falle mit „thank you“, im zweiten mit „gracias“ versehen). 😉 Immerhin war ich erfolgreich, während mehrere weibliche Touris, die den Ausflug mitgemacht hatten, wohl weniger hartnäckig gewesen waren. Speziell an eine Deutsche erinnere ich mich, die ohnehin schon recht „spack“ aussah, mit den zahlreichen, winzigen und enganliegenden Zöpfen auf dem Kopp fortan aber einem Schwein glich. Sorry, aber anders kann man das kaum sagen – mir hätte es auch ganz und gar nicht gestanden. Sie war aber offenbar noch stolz auf ihre „einheimische“ Frisur (ich muss wahrscheinlich nicht erwähnen, dass keine einzige Einheimische so herumlief 😉 ).

Ich mag diese „Touristenbunker“ nicht. Aber das Land mochte ich, ebenso die Menschen dort. So nett und gastfreundlich, wenn man außerhalb des „Knasts“ in Kontakt mit ihnen kam. Man musste manchmal einfach nur nach dem Weg fragen, in defizitärem Spanisch und mit einzelnen Worten,  und wurde schon willkommen geheißen, fand sich in einem Gespräch wieder, das trotz Verständigungsschwierigkeiten und dank viel Gestik und rudimentärem Spanisch- wie etwas besseren Italienischkenntnissen dann doch zu einer Art Konsens führte. Frankie und ich saßen jedenfalls mehrfach mit Getränken und Speisen in den Heimen bzw. Gärten Einheimischer. 😊 Und obwohl wir wahrscheinlich über völlig unterschiedliche Dinge sprachen und einander zumindest rein verbal nicht optimal verständigen konnten, schien die Chemie so zu stimmen, dass man uns nur ungern wieder ziehen ließ. Glücklicherweise sind Spanisch und Italienisch in mancher Hinsicht recht ähnlich, und so verstand ich auch einiges – zumindest so viel, dass man uns wohl mochte. 😊
Nur wenn man beim Frühstück, gefragt von einer vornehmlich hispanophonen Kellnerin, ob etwas fehle, was man noch versteht, nach burro verlangt, muss man sich darauf gefasst machen, dass man angesehen wird, als habe man etwas Unanständiges gesagt. Auf einen sogenannten false friend hereingefallen, denn burro ist Butter im Italienischen, im Spanischen jedoch Esel. Aber seit diesem Fauxpas brachte die junge Frau immer von sich aus Nachschub an Butter an den Tisch, wenn sie uns auszugehen schien, und sie sagte immer „más burro“ und kniff mir ein Auge zu. Unverlangt, aber sie hatte verstanden, was ich ihr in einem gruseligen Gemisch aus Italienisch und Spanisch erklärt hatte, nachdem mir das richtige Wort – mantequilla – wieder eingefallen war: dass ich zwar Italienisch sprechen könne, leider aber kein Spanisch. Sie freute sich und erklärte in sehr gebrochenem Englisch mit Spanisch, dass sie das sehr nett finde. Ich erklärte ihr jeden Morgen, wenn sie Dienst hatte und mit Nachschub-Butter an unseren Tisch kam, dass sie das nicht tun müsse. Natürlich bekam sie ein Trinkgeld. 😉

Nie wieder Urlaub in einem Touristenknast, aber abgesehen davon erinnere ich mich doch ganz gern daran. Und als wir nach Aachen zurückkehrten, wo es schneite, wurde ich öfter auf meine eigentümliche Bräune angesprochen: Ich bin blond und relativ hellhäutig mit Sommersprossen. Ich kam – völlig ungewohnt – relativ gebräunt von dort zurück, in besonderem Maße jedoch auf dem Nasenrücken, von dem sich wie zwei Flügel zwei besonders gebräunte „Rallyestreifen“ bis zu den Schläfen zogen. Sah man genau hin, sah man, dass diese Streifen aus hunderten, kleinen Sommersprossen bestanden. Das habe ich erst- und einmalig beim Urlaub in der DomRep „erlitten“. 😉 Sah schräg aus. Wahrscheinlich meine Strafe für viel Lästerei über den „Touristenknast“. 😉 Mein Ex Frankie war zwar nach Rückkehr von dort krank, aber keineswegs gebräunt – gegen ihn sah ich sehr exotisch aus.

Unser nächster gemeinsamer Urlaub fand auf Texel statt, obwohl ich Kuba vorgeschlagen hatte. Das wollte Frankie aber nicht – das sei ja wie eine Provokation, da die Leute dort arm seien. Ah, ja  … 😉 Immerhin gibt es auf Texel nicht so grauenerregend große Insekten – und auch keine Geckos, die, wenn auch freundlich gesinnt, einem nachts übers Gesicht latschen. 😉

Und bevor ihr mich für einen furchtbaren weiblichen Motzkopp haltet: Ja, mir war im Grunde klar, dass das kein Urlaub werden würde, den ich mir freudig lachend sofort aussuchen würde. Mir war klar, worauf ich mich einließ, zu Hause zumindest in Ansätzen. Und da hatte ich mich mit den „Ansätzen“ schon abgefunden, wenn ich mich auch wiederholt fragte, ob das wirklich eine gute Idee sei. Ich hatte berechtigte Zweifel. Vor Ort war es aber noch schlimmer, als erwartet. Und da ich bisweilen nur ganz schwer meinen Mund halten kann, quoll es vor Ort dann definitiv aus mir heraus, denn vom heimischen rosa Sofa aus sieht Elend weniger schlimm aus. Ich bin keine Sozialromantikerin, versuche, Dinge meist realistisch zu sehen. Dort musste ich sie sogar realistisch sehen – sie waren nicht zu übersehen. Und ich fand die Gegensätze ziemlich bizarr. Das überschattete den Urlaub auch – die Wellblechhütten waren nicht so leicht zu vergessen, auch wenn man am Pool lag und einen frischen Ananassaft schlürfte. 😉  Selbst wenn man die Augen schloss, hörte man doch so manchen Touri die einheimischen Angestellten herumkommandieren, die dort wahrscheinlich den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie verdienten, und das beileibe nicht einfach.

Das Land an sich ist wunderschön, die Bewohner liebenswert. Aber unter diesen Umständen noch einmal dort Urlaub machen? Wohl eher nicht.

Was ich auf alle Fälle voller Begeisterung mitgenommen habe, ist die Art der Musik dieser Region und die Zuneigung zu den Menschen dort – beide einfach nur sympathisch und liebenswert. Und deswegen höre und singe ich derzeit auch „Chan Chan“ im Auto. 😉

Alis Urlaub dieses Jahr: total „exotisch“! ;-)

Ich gestehe, ich lebe derzeit auf meinen Jahresurlaub hin, der ab Mitte September seinen Lauf nehmen soll, und dies bis Anfang Oktober. Eigentlich wollte ich dann nebst Schwester in Polen sein und diesmal Danzig, Gdánsk, und eher nördliche Gefilde dieses Landes besuchen, aber dann kam – genau! – Corona, was an euch sicherlich nicht unbemerkt vorbeigegangen ist. 😉

Letztes Jahr urlaubstechnisch schon ohne nennenswerten Auslandsaufenthalt vergangen, und das, obwohl ich sehr gern andere Länder und Kulturen kennenlerne. Dieses Jahr nun offenbar auch.

Das letzte halbe Jahr war zwar einerseits aufregend, zumal ich im März/April einer diffusen Erkrankung wegen zwei Wochen aus dem Verkehr gezogen wurde – bis heute weiß ich nicht, ob es ein harmloser grippaler Infekt oder nicht doch die Erkrankung, deren Namen man kaum noch hören möchte, wenn auch immer noch präsent, war. Andererseits aber ist Home-Office beileibe nicht so toll, wie sich manch Mitmensch das vorstellt, der diese Art des Arbeitens wahrscheinlich nicht kennt.

Ich ertappe mich jedenfalls immer öfter dabei, dass ich im Home-Office sitze und arbeite und irgendwann nachmittags nach -zig Telefonaten, bearbeiteten Mails und anderen Dingen, die anliegen  – aufgrund der Rufumleitung in besonders „guter“ Qualität – auf die Uhr schaue und dann denke: „Bald ist Feierabend – und dann fährst du nach Hause!“ Und dann wird mir klar: Hey – ich bin ja zu Hause! 😉 Aber es fühlt sich gar nicht mehr so unbedingt danach an – die Grenzen verschwimmen, und ich habe mich schon dabei erwischt, dass ich am späten Abend meine Dienstmails checkte, um nur ja nichts zu verpassen, nur ja niemanden zu kurz kommen zu lassen und allen und allem gerecht zu werden. Im Home-Office arbeite ich teils länger als im echten Büro, bin im Grunde immer in Bereitschaft.

Ich dachte erst, dies sei mein ureigener Fehler, aber dann hörte ich, dass es auch Kollegen so gehe, was einerseits beruhigend war. Andererseits finde ich beunruhigend, dass ich nachts hochschrecke und: „O Gott! Ich habe Frau Müllers Antrag noch gar nicht bearbeitet!“ im Hinterkopf habe. Immerhin nehme ich meine Arbeit ernst, aber schön ist anders. 😉

Liebenswert aber meine „Klienten“, die, wenn wir einander trotz diverser Interferenzen und „Hallo! Hallo? Frau B.? Sind Sie noch da? Hören Sie mich?“- ihrer- und „Bleiben Sie dran, bitte – es liegt an der Rufumleitung! Legen Sie nicht auf! Hallo? Hören Sie mich?“-Rufen meinerseits sehr geduldig bleiben und sich stets sehr herzlich bedanken, wenn wir das Gespräch – ich meist mit unnatürlich geneigtem Haupt, weil so die Verbindung am störungsärmsten war – dann doch erfolgreich beenden können. 😉 (Trotz dieser Misshelligkeiten liebe ich meinen Job, und ich rufe im Zweifel auch zurück. 😊)

Aber: Ich bin ganz offenkundig und definitiv urlaubsreif. Ich habe diese Feststellung immer gehasst und meinerseits ungern benutzt, weil ich Kollegen hatte, die ständig „urlaubsreif“ waren, obwohl sie erst zwei Wochen zuvor aus dem mehrwöchigen Urlaub zurückgekommen waren, während man selber schon fast auf dem Zahnfleisch ging, da man wirklich lange keinen Urlaub gehabt hatte.

Mitte September endlich soll es soweit sein. Mein letzter Urlaub im Juli war keiner, und dies aufgrund einer kieferchirurgischen OP, deren Folgen dafür sorgten, dass ich keineswegs entspannen konnte. Wer achtet schon gern unentwegt darauf, ob eine ungewollt bei OP eröffnete und dann zugenähte Kieferhöhle auch wirklich dicht sei oder nicht noch weiteres Notfall-Nahtkunstwerk nötig sei? Wer hat gern aufgrund dessen wiederholt Nasenbluten und ernährt sich gern von eher breiigen Gerichten oder durchgängig Suppe?

Also drei Wochen Urlaub im September/Oktober, und die letzte davon ganz „exotisch“. Denn da verreise ich – es sei denn, Corona macht einen Strich hindurch. Doch wenn alles gutgeht, verlasse ich in der Tat meinen derzeitigen Lebensmittelpunkt. 😉 Und das in Richtung einer Gegend, die ich erst- und – bis dato – letztmalig im zarten Alter von zwei, drei Jahren besucht habe: das Allgäu.

Zwar waren wir damals in einer völlig anderen Gegend dieses in meiner Erinnerung wunderschönen Landstrichs als der, die ich künftig heimsuchen werde, aber der damalige Aufenthalt ist und bleibt unvergessen. 😊

Die Unterkunft, die wir gebucht hatten, war entgegen der Anpreisung extrem schlicht. Ein knapp dreijähriges Kind mit einem Plumpsklo zu konfrontieren, dessen Sickergrube meterweit unter dem Ort des eigentlichen Geschehens liegt, war – zumindest für mich damals – unzumutbar. Die gesamte Unterkunft extrem frugal.

Meine Oma Margareta, der ich offenbar ähnlicher bin, als gedacht, trug ihr Herz immer auf der Zunge, und so ließ sie, als wir gerade des frugalen Frühstücks in der Unterkunft wegen einige Hörnchen in der nächstgelegenen Bäckerei kauften, um wenigstens etwas im Magen zu haben, deutliche Worte in eben jener Bäckerei los, als sie gefragt wurde, wo wir denn untergekommen seien. Doof war, dass die Bäckereibesitzerin die Schwägerin unserer Vermieterin war, und so kam es, dass wir am nächsten Morgen, meinem dritten Geburtstag, hochkant aus der Pension flogen bzw. hinausgeworfen wurden. Kurz nach meinem Geburtstagsständchen – immerhin hatte die „alte Frau Geißentreter“, wie sie im Ort genannt wurde und ein echter Kinderschreck war, so lange noch abgewartet. Habe ich ihr nie vergessen – immerhin ließ sie das Geburtstagsständchen noch zu, bevor wir überstürzt ausziehen mussten. 😉

Richtig doof war, dass der Ort im Prinzip untereinander verwandt bzw. so gut befreundet war, dass es schwierig war, eine neuerliche Unterkunft zu finden. Doch netterweise gab es die Familie Vogler, die uns aufnahm. Auf einem Bauernhof, für mich als Kind höchst attraktiv. Da gab es Kühe, Kälbchen – und auch einen gemeingefährlichen Stier, der eines Morgens ausbrach. Also echte Action! 😉 Zum Glück konnte der Stier eingefangen und wieder eingestallt werden, was mit dem Gewitter in der Nacht zuvor nicht gelungen war. Unvergessen ist dieses Gewitter. Ich habe keine Angst vor Gewitter, aber dieses ist mir sehr unangenehm in Erinnerung geblieben – es war so laut, es knallte erschreckend und wirklich bedrohlich. Lag wohl an den Bergen drumherum. 😉

Unvergessen aber das Frühstück am nächsten Morgen, als eine der Vogler-Töchter in die Küche kam und ihre Mutter fragte: „Mama? Wo isch mei Rrreegedach?“ Draußen regnete es, und den „Rrreege“-Teil hatte ich noch verstanden. Meine Mutter, zwar keine gelernte bayerische Schwäbin, aber sehr sprachbegabt, klärte mich auf, die Resi vermisse ihren Regenschirm. Ich lachte über das „Regendach“, und da lachten auch Resi und ihre Mutter, und dann durften wir auch bleiben – man hatte uns zunächst nur für eine Nacht aufgenommen, und das auch nur unter Vorbehalt, weil wir wohl aufgrund der durchaus berechtigten Beschwerde über „die alte Frau Geißentreter“ bzw. ihre Pension verbrannte Erde hinterlassen hatten. 😉

Wir besichtigten von dort aus Schloss Neuschwanstein, ein, wie meine Mutter meinte, extrem kitschiges Schloss. Der Museumsführer, der uns durchs Schloss führte, war sehr nett, aber nach diversen Räumen und Sälen wurde ich müde und ließ mich auf einem Polstersessel nieder, der hinter einer durch ein breites Band gekennzeichneten Absperrung stand – endlich ein Sessel! Als meine Mutter das sah, kam sie direkt angerannt und rief: „Sofort aufstehen! Du kannst dich doch nicht einfach dahinsetzen!“ Doch der Schlossführer sagte zu ihr und zu mir: „Das kleine Mädle darf da sitzen – die Kronprinzessin hätte sicherlich nix dagegen. Das Mädle ist doch noch so klein und müde, und da hätte die Marie sicher nix dagegen.“ Der netteste Museumsführer, den ich je kennengelernt habe, und ich kann mich noch heute daran erinnern, was besonders erstaunlich ist. 😉

Das Allgäu habe ich immer sehr positiv in Erinnerung behalten – mal abgesehen von der „Geißentreter“-Geschichte -, aber ich war seit damals nie wieder dort. Und das, obwohl mein Schwager Allgäuer Schwabe (und damit nicht nur Schwabe, sondern aus Bayern stammend 😉) ist und der Rest meiner Familie aufgrunddessen das Allgäu mehrfach bereist hat. Daher besteht der Rest meiner Familie auch aus Allgäu-Fans. 😉

Ich hatte leider nie Zeit – aber jetzt! 😉 Und ich hoffe, dass dieser Corona-Mist mir keinen Strich durch die Rechnung machen werde.

So sieht es aus – ein extrem „exotischer“ Urlaub dieses Jahr. Wenn ich allerdings an den „Rrreegedach“-Dialog denke, wird es wirklich exotisch. Denn die Dialekte im Allgäu sind bisweilen wirklich krass, und das geht weit über „Regendächer“ hinaus. Aber ich lerne ja gern hinzu, speziell dann, wenn es Sprache(n) anbelangt. 😉

Niemals wieder aber würde ich mich auf Maries, der Kronprinzessin von Bayern, Sessel setzen! Oder doch? Vielleicht so zum Wiedererkennen? 😉

Nein, ich denke, es reicht, wenn ich die Umgebung meines künftigen Aufenthaltsortes erkunde und nicht etwa irgendwelche lange vergilbte Adlige in ihrem Tiefschlaf störe. 😉 (Obwohl mich die damalige Geschichte mit dem Museumsführer noch immer amüsiert: Kinder haben offenbar überhaupt kein Gespür für lange verstorbene Adlige – und das ist auch gut so, denke ich. ;-))

Auf Du und Du mit den Geschöpfen des Waldes ;-)

Im Allgemeinen sind Rehe sehr schöne Tiere, sehr anmutig und liebenswert. Freundlich, hübsch und durchweg positiv laufen oder springen sie ihrer Wege, und es wird nur dramatisch, wenn ein Rehkitz in einen Mähdrescher gerät oder seine Mutter umkommt und das Kitz dann verwaist ist. Das ist sehr traurig, aber im zweiten Falle finden sich zum Glück wenigstens Menschen, die das Rehbaby dann per Hand mit der Flasche aufziehen. Sicherlich nicht der optimale Lebenseinstieg für ein Rehkind, aber besser, als als Halbwaise – der Vater sonstwo unterwegs, der sich naturgemäß ohnehin nicht um seine Nachfahren kümmert – umzukommen. Dramatisch selbstverständlich auch das Erlebnis, das ein Jogger vor einigen Jahren hatte, als er am Waldrand entlanglief und ein brünftiger Rehbock durchs Gebüsch brach, der im arglosen Läufer einen Rivalen sah und ihn umgehend und ohne jedwede Vorwarnung rehbocktypisch attackierte. Glücklicherweise beherrschte der Jogger eine Kampfsportart – ich glaube, es war Taekwondo – und konnte den Rehbock mit einigen gezielten Tritten dazu bewegen, sich in den Wald zurückzuziehen. Ernsthaft verletzt wurde zum Glück niemand, wenn auch der Rehbock sicherlich das Gefühl hatte, sein Gesicht verloren zu haben. Natürlich nur im übertragenen Sinne. 😉

Vor einigen Jahren meinte mein bester Freund Fridolin: „Rehe sind leider offenbar strunzhageldoof!“ Ich rief: „Aber nein – wie kannst du so etwas sagen! Die armen Tiere! Warum sagst du so etwas? Vielleicht sind sie keine Einsteins – aber doof?“

Es geschah, kurz nachdem er mich zu Hause abgesetzt hatte, nachdem ich ihn und seine Frau in Unterfranken für ein paar Tage besucht hatte. Er musste zu einer Messe irgendwo im Rheinland und meinte: „Ich kann dich auf dem Weg zu Hause absetzen.“ Klar, sehr gern – alles besser als eine öde Zugfahrt! Und so geschah es.

Zwei Stunden, nachdem er mich hier abgesetzt hatte, schickte Mona, seine Frau, mir eine SMS: „Ich kann Fridolin nicht erreichen. Weißt du, was passiert ist? Er müsste doch längst in seiner Unterkunft sein.“ Ich schrieb zurück, er habe mich abgesetzt und sei dann weitergefahren. Dann versuchte ich, ihn auf dem Handy zu erreichen. Ohne Erfolg.

Dann kam eine weitere SMS von Mona: „O Gott! Ein Reh ist Fridolin ins Auto gerannt! Sein Tagungshotel ist am Waldrand.“ Ja, da kommen Rehe durchaus vor … Mir wurde ganz anders – mein bester Freund! Ich sah ihn im Rettungswagen, im künstlichen Koma, mit schwersten Verletzungen, das Reh in vollem Lauf durch die Windschutzscheibe geflogen! Nichts ist unmöglich. Ich schickte Fridolin mehrere SMS: „Geht es dir gut?“

Irgendwann rief er mich an: „Ja, ich bin es – es geht mir gut. Das dumme Vieh rennt mir direkt vor dem Hotel seitlich ins Auto!“ – „Ist das Reh verletzt?“ – „Super, Ali! Du fragst nach dem Reh! Aber keine Sorge – ich bin auch unverletzt, und das Reh ist danach in den Wald gerannt. Ich habe eine Riesenbeule im Auto.“ – „O Gott, das arme Reh! Sicher ist es verletzt – so ein heftiger Aufprall! Am Ende hat es ein Kitz und sich mit letzter Kraft hingeschleppt und ist gerade neben seinem Kind verendet! Und das Kleine fiept hilflos neben seiner toten Mutter!“ „Ali! Du hast zu oft Bambi gesehen! Das Tier ist auf allen vier Beinen und ohne zu hinken in den Wald gerannt!“ – „Ja, aber es kann doch innere Verletzungen haben! Und außerdem ist Bambi gar kein Reh, sondern ein Weißwedelhirsch!“ beckmesserte ich.

Fridolin stöhnte und meinte: „Es freut mich, dass du dir solche Sorgen um mich machst.“ – „Ja, aber ich höre ja, dass es dir gut geht. Das Reh …“ – „… ist im Wald. Ich bin sofort ausgestiegen und habe extra nachgesehen, weil es mir auch leidtat, aber da rannte es weg. Sorry, ich kann es nicht anders sagen, aber Rehe sind strunzhageldoof! Und ich wollte auch nur sagen, dass es mir gut geht – da kommt gerade die Polizei, um den Unfall aufzunehmen. Rehe sind schön, aber strunzdumm!“ Das fand ich ein bisschen hart, denn das arme Tier hatte doch sicherlich Angst gehabt, aber ich sagte lieber nichts mehr. 😉

Ich gebe zu, ich habe da etwas emotional reagiert. 😉 In erster Linie war ich froh, dass meinem besten Freund nichts passiert war, und auch für Mona war ich froh, die wohl so richtig Angst gehabt hatte.

Vor etwa fünf Jahren besuchte ich meine Eltern zum Muttertag. Wir saßen auf der Terrasse und fuhren gegen Mittag in den Nachbarort zu einem Restaurant. Auf dem Weg dorthin unterhielten meine Mutter – sie fuhr – und ich uns lebhaft. Mein Vater saß rechts, ich hinten, und sie drehte den Kopf nach rechts in meine Richtung, als ich, die geradeaus auf die Straße blickte, plötzlich schrie: „Bremsen, Mama!“

Denn vor uns stand ein Polizeiwagen quer auf der Straße, quasi als Straßensperre. Rechts davon zwei Autos mit Warnblinkern am Straßenrand. Mama bremste, und wir hielten knapp hinter den Autos, und sie ordnete sich dahinter ein, ebenfalls mit Warnblinker. Ein Polizist lief mit gezückter Dienstpistole auf der Straße herum – was war da los?

Muttern meinte – allerdings im Scherz: „Was geht denn hier ab? Seht ihr, was da los ist? Suchen die jemanden? Wird hier etwa gleich geschossen?“ Und sie lachte, wie man lacht, wenn man mit so etwas nicht wirklich rechnet. Ich starrte nach draußen und sah zwischen den vorderen Autos am Straßenrand etwas hervorragen, das wie ein hingeworfener Sack aussah, der mehrfach zuckte. Was war das? „Ich glaube, da ist ein Tier angefahren worden,“, sagte ich noch beklommen, als wir auch schon einen Schuss peitschen hörten. Wir sahen einander betroffen an – meine ganze Familie ist sehr tierlieb.

Und als die Polizei die Straße freigab und wir langsam an den anderen Autos vorbeifuhren, sahen wir, dass das vordere Auto eine eingedrückte Front hatte. Davor lag ein kleiner Rehbock, der wohl so schwer verletzt worden war, als er über die Straße und dabei in das Auto gerannt war, dass die Polizei nicht erst auf den zuständigen Jäger hatte warten können, sondern das schwerverletzte Tier lieber schnellstmöglich erlöste. Wir fuhren beklommen weiter, und trotz des angepriesenen Rehbratens wählten wir im Restaurant alle instinktiv etwas Vegetarisches, obwohl niemand von uns echter Vegetarier ist.

Heute besuchte ich meine Eltern, zumal meine Schwester zu Besuch war, die recht weit entfernt lebt und endlich einmal wieder zu Besuch war. Wir saßen in der Sonne, tranken Kaffee, aßen später selbstgemachte Pizza, und wir unterhielten uns. Wie wir auf das Thema kamen, weiß ich nicht mehr, nur noch, dass ich sagte: „Toi, toi, toi! Bis dato habe ich glücklicherweise noch nie ein Tier über- oder angefahren. Von Menschen ganz zu schweigen. Aber auch ein über- oder angefahrenes Tier möchte ich mir nicht vorstellen – zum Glück ist mir so etwas bisher nicht passiert.“

Achtet immer genau auf das, was ihr sagt – möglicherweise beschwört ihr eine Art self-fulfilling prophecy herauf. 😉

Denn als ich mich gegen halb neun abends auf den Heimweg machte, hatte ich mitten auf der Bundesstraße eine Begegnung der Dritten Art

Die Sonne stand tief, ich fuhr die erlaubten 70 Stundenkilometer – das Auto vor mir weit entfernt, das hinter mir genauso. Wie gut, denn plötzlich sah ich, wie aus einem Seitenweg zur Linken vor mir ein braunes Tier, dessen Fell in der tiefstehenden Sonne fast gülden leuchtete, auf die Bundesstraße trabte. Es trabte federnd und elegant wie ein edles Dressurpferd in diese überirdisch wirkend beleuchtete Szenerie hinein – voller Selbstbewusstsein und unter Missachtung der Vorfahrt. Da alles so überirdisch ausgeleuchtet war und wirkte, war ich im ersten Sekundenbruchteil auch eher fasziniert, trat dann aber umgehend das Bremspedal durch. O Gott! Ein Reh! Mitten auf der Bundesstraße! Und ich verdammt nah dran!

Mein Wagen geriet leicht ins Schlingern, während das Reh auf der Straße stehenblieb und am Boden schnupperte – vielleicht wuchs da ja etwas Leckeres? Das nahm ich zumindest noch wahr, während ich durch Gegenlenken die Schlingerbewegung zum Glück abfangen konnte. Irgendwann trat ich auch die Kupplung.

Knapp vor dem Reh, das überhaupt nicht irritiert reagierte, kam ich zum Stehen, und es hätte mich in dem Moment auch kaum gewundert, wäre es ans Seitenfenster getreten, um mich um einen Euro oder eine Zigarette und Feuer zu bitten. Ich bin mir auch sicher, ich hätte ihm dies in diesem unglaublichen Falle sogar gewährt … 😉

Ein Rehbock war es, wie ich aus der Nähe erkannte, als er mir seinen Kopf zuwandte. Sicherheitshalber schaltete ich die Warnblinkanlage ein – und dann hupte ich! Denn der Kerl stand immer noch auf der Bundesstraße. Auch der Gegenverkehr hupte, der zwar noch etwas weiter entfernt war, aber wohl bemerkt hatte, dass da etwas auf der Straße stand, das besser nicht dort stehen sollte. Das Auto hinter mir war so weit entfernt, dass keine Gefahr bestand, und im Rückspiegel bemerkte ich, dass sein Fahrer wohl zusätzlich sein Tempo gedrosselt hatte – wahrscheinlich schon, als er sah, dass ich eine Vollbremsung machen musste.

Das Hupen ging dem Rehbock dann wohl so auf die Nerven, dass er seinen Standort lieber wechseln wollte, ansonsten aber wenig beeindruckt in elegant federndem Trab seinen Weg fortsetzte. Auf dem Seitenweg, der rechts von der Bundesstraße wegführte, während mir der kalte Schweiß auf der Stirn stand. So ein Knalldepp! 😉

Ich fuhr dann weiter und sah, dass einige Kilometer hinter der Stelle mehrere „Achtung: Wildwechsel!“-Schilder installiert waren, weil dort wohl ein bekannter Wildwechsel ist, zumal dort Felder sind.

Offenbar aber zieht der moderne Rehbock dieser Tage gepflasterte Seitenstraßen vor, statt dort, wo man ihn eher erwartet – an Feldrainen – durch die Ähren zu brechen. 😉 Man macht sich auf Straßen auch die Hufe nicht so schmutzig wie mitten in Feld und Wald, und der Rehbock von Welt achtet heutzutage auf so etwas. 😉

Ich hingegen achte demnächst mehr auf meine Worte, wenn ich mich auch gegen Aberglauben stets sträube. 😉 Und leider muss ich Fridolin recht geben: Die allerhellsten Kerzen auf der Torte scheinen Rehe wirklich nicht zu sein. Denn quietschende Bremsen und herannahende Autos sollte doch auch ein Reh irgendwie als Gefahr wahrnehmen können – oder etwa nicht? Da es noch nicht dunkel war, war das Tier auch nicht geblendet, sondern hielt völlig entspannt inne und sah mich, als ich schweißgebadet in geringer Entfernung zu ihm hielt, auch eher neugierig an.

Versteht mich nicht falsch, denn ich liebe Tiere sehr, auch Rehe, aber ich war doch ein bisschen irritiert, als er mitten auf der Bundesstraße stehenblieb wie ein Fels in der Brandung, um am Straßenbelag zu schnuppern … Ein wirklich schönes Tier – und erst dieser elegante Trab, mit dem es sich entfernte! Ich war froh, dass er und ich unverletzt geblieben waren, und ich wünsche ihm nur das Beste.

Im Wald. 😉

Zwei auf einen Streich

Ja, ich weiß, der Schneider im Märchen Das tapfere Schneiderlein fing sieben auf einen Streich – aber das waren Fliegen. Bei mir wurden heute zwei gezogen, und das annähernd auf einen Streich bzw. mit nur geringem zeitlichem Versatz, aber das fand ich erheblich beeindruckender als sieben blöde Fliegen. 😉

Denn heute war meine kieferchirurgische OP, von deren Notwendigkeit ich letzte Woche erstmalig und zu meiner großen und durchaus unangenehmen Überraschung gehört hatte. Und das auch noch im Oberkiefer, was ich besonders besch…eiden finde, denn da haben die Backenzähne allesamt drei Wurzeln – im Unterkiefer nur zwei. Außerdem wird man mitsamt Zahnarztstuhl bei Eingriffen im Oberkiefer immer so unangenehm „kopflastig“ in Position gefahren, sprich: Das Kopfende wird immer so sehr nach unten gefahren, dass man denkt: „Wahrscheinlich habe ich gleich nicht nur eine gigantische und fies schmerzende Wunde im Mund, sondern auch noch mindestens eine Beule am Hinterkopf oder gleich einen Schädelbruch, nachdem ich sang-, klang- und ruhmlos mit dem Hinterkopf voran vom Stuhl gesaust und auf dem Boden aufgeschlagen sein werde. Ah! Nein! Nicht noch weiter hinunterfahren!“

Ich hatte zwar keine unruhige Nacht, aber ein unruhiges Erwachen hinter mir, als ich mich schleppenden Schrittes auf den Weg zur nicht weit entfernt gelegenen Zahnarztpraxis machte.
Denn ich hatte geträumt, dass mich ein Anruf der Zahnarztpraxis ereilt hätte: Der Termin müsse leider um vier Wochen verschoben werden. Als mein Wecker klingelte und ich langsam zu mir kam, dachte ich: „Wieso klingelt der Wecker? Der Termin wurde doch verschoben!“ Und dann kam peu à peu die schaurige Erkenntnis, dass es nur ein Traum gewesen sei. Ich hasse solche Träume, und auch heute fühlte ich mich entsetzlich verarscht. Was soll so etwas? Da muss ich wohl mal Tacheles mit mir selbst reden, denn der Traum wurde ja von meinem höchsteigenen Unterbewusstsein speziell für mich kreiert. 😉

Bevor ich unten an der Tür des Hauses klingelte, in dem die Praxis sich befindet, installierte ich den geräumigsten Mund-und-Nasenschutz, den ich besitze: Zwei davon hat meine Krankenversicherung mir geschenkt. Ich fand sie erst etwas groß, aber seit letzter Woche bin ich froh und dankbar um ihre Existenz und ihre Größe: seit ich von der OP wusste. Und so konnte mein Zahnarzt auch sofort sehen, wo ich versichert bin, denn linksseitig prangt – erstaunlich klein – das blauweiße Logo der KV. 😉

Die Helferin an der Anmeldung erwiderte mein „Guten Morgen“ fröhlich und sagte: „Frau B. – Sie sehen etwas zweifelnd aus. Und Sie klingen auch so. So kenne ich Sie gar nicht.“ – „Das liegt unter Umständen an dem unbeschreiblich schönen Eingriff, der mir bevorsteht.“ Die Helferin grinste und meinte: „Ach, Frau B. – das ist alles schnell vorbei, und dann sind Sie froh. O Gott – jetzt zieht sie auch noch eine Augenbraue hoch! Sie weiß zu viel! Aber ich sehe trotz Maske, dass Sie auch grinsen. Man sieht es an den Augen.“ – „Verdammt! Nicht einmal mit Maske habe ich ein Pokerface – auch diese Illusion dahin!“ Die Zahnarzthelferin brach in lautes Lachen aus, und ich lachte mit. Besser lachen vor dem Mist, der mir bevorstand. Denkt immer an die Glückshormone! Davon brauche ich beim Zahnarzt immer ganz besonders viele. 😉

Kaum hatte ich meinen Hintern im Wartezimmer auf einer Couch geparkt, kam auch schon eine andere Helferin und holte mich ab. Und sie führte mich in meinen allerliebsten Behandlungsraum: den mit dem gelben Zahnsymbol, das außen auf die Glastür geklebt ist. Es gibt vier Behandlungsräume: den blauen (blaues Zahnsymbol), den roten, den grünen und … den gelben. Er unterscheidet sich von seinen Kollegen nicht nur dadurch, dass der Stuhl um 180 Grad anders steht als in den anderen Räumen und man vom Stuhl aus schon sieht, wenn der Zahnarzt kommt, um sich schmerzhaft an einem zu schaffen zu machen, er ist auch kleiner, aber dafür mit anderen Dingen ausgestattet als die anderen Räume. Dingen, die man sich besser nicht so genau ansehen sollte. Es ist der OP-Raum, und ich mag ihn noch weniger als die anderen Räume.

„Frau B. – nehmen Sie doch schon einmal Platz,“, rief die Helferin fröhlich, als würde sie mich zu einem Kaffee einladen, und ich sagte: „Ja. Ich nehme Platz in meinem ‚Lieblings‘-Behandlungsraum. Sagen Sie, kann es sein, dass der Behandlungsstuhl hier nur deswegen andersherum positioniert ist, weil so der Rettungsdienst, den man ggf. herbeirufen muss, besser, da direkt und von vorne, an den kollabierten Patienten herankommt?“ Die Helferin, die mich noch nicht kannte, starrte mich entsetzt an, aber dann – ich hatte meine Maske inzwischen abnehmen dürfen – sah sie, dass ich heftig grinste. Und sie fing auch zu lachen an und meinte: „Mein Gott, ich dachte erst, Sie meinten das ernst!“ – „Nee, nur so halb.“ – „Ach, keine Sorge, das geht ruck-zuck!“ – „Ich weiß. Ruck-zuck – passt perfekt zur Situation, so als Ausdruck.“ Da sagte die Helferin: „Ich schalte erst jetzt! Mein Chef sagte schon vorher zu mir: ‚Gleich kommt Frau B. zur Extraktion einer Wurzel und eines Weisheitszahns, der noch im Kiefer liegt. Wappnen Sie sich.‘ Und da sagte ich noch: ‚O je – eine Angstpatientin?‘ – ‚Nein, durchaus nicht. Sie können Frau B. den halben Kiefer aufstemmen, wenn betäubt – die zuckt nicht mal mit der Wimper. Da Sie sie aber noch nicht kennen: Sie hat einen bisweilen schwarzen Humor, und sie kann sehr gut über sich selbst lachen. Eine angenehme und nette Patientin. Ich musste mich an ihren Humor aber erst gewöhnen, denn ich rechne selten mit Sarkasmus, wenn ich Patienten hier im Stuhl liegen habe, denn die meisten haben einfach Angst. Mitleid mag sie nicht. Das war für mich anfangs völlig ungewohnt, aber im Verlauf sehr nett. Nur bei Abformungen wird sie heikel. Wäre das nicht, wäre sie der perfekte Patient.‘“ – „Wie bitte? Ihr Chef hat sich derart über mich geäußert, und Sie erzählen das so offen?“ – „Ja, aber das ist doch nett gemeint. Wirklich. Sonst hätte ich Ihnen das nie gesagt! Aber sagen Sie doch mal: Wie reagieren Sie auf Abformungen?“ – „Das möchten Sie nicht wissen. Absolut scheußlich und nicht wie ich selbst.“

Da kam der Zahnarzt auch schon, und fröhlich rief er: „Guten Morgen! So, Frau B. – dann wollen wir mal sehen, ob ich es gegebenenfalls doch schaffe, die Wurzel und den Weisheitszahn herauszuholen!“ – „Sie machen mir doch immer wieder Freude mit Ihren Sprüchen! Zum Glück weiß ich ja aufgrund langjähriger Erfahrung, dass Sie das alles aus dem Handgelenk machen und können. Würde ich Sie nicht so lange kennen, würde ich mir jetzt leise und immer lauter werdende Sorgen machen und mich fragen, ob Sie sich gerade selbst beruhigen.“ – „Gott sei Dank – da ist die Frau B., die ich kenne. Letzte Woche, als Sie so still waren, habe ich mir Sorgen gemacht. Übrigens ist ‚aus dem Handgelenk‘ sehr treffend, denn so zieht man Zähne am besten.“ – „Ja. Wäre trotzdem schön, würden Sie einfach loslegen.“ – „Gut. Ich gebe Ihnen hier eine kleine Spritze.“

Ich lachte dreckig. „Kleine Spritze“! Spritzen beim Zahnarzt sehen immer monströs aus. Da wird eine Art Ampulle mit einer feinen Kanüle in einer Art Gestell installiert, das erschreckend aussieht und hinten zwei „Ohren“ hat – wie eine Schere. Sicherlich dient dies der besonders feinfühligen Applikation der Anästhesie. Schön ist anders, aber es schreckt mich nicht wirklich. Das Ganze aber als „kleine Spritze“ zu bezeichnen, ist irreführend, zumal man weiß, dass gleich der halbe Kiefer nebst Lippe durch Lidocain lahmgelegt sein wird und man mit mehreren Ladungen davon in verschiedene Teile des Kiefers und auch in den zahnnahen Bereich des Gaumens – besonders angenehm! – versehen wird. Der einzige Trost: Im Oberkiefer wirkt die Anästhesie schnell. Und heute war es auch kein Problem, eine zusätzliche Anästhesie in die Wurzelkanäle zu geben: Da war eh alles tot, denn ansonsten wäre ich vom Behandlungsstuhl abgehoben. Zweimal erlebt, zwei Leute – Zahnarzt und Helferin – mussten mich an den Schultern festhalten und auf den Behandlungsstuhl drücken, und ich schwöre, ich hätte sie in dem Moment beide gern hingemetzelt. Nach vorheriger Folter. Hatte ich schon einmal erwähnt, dass ich gemeinhin Pazifistin bin? 😉

Als man auf dem Tischchen, das am Zahnarztstuhl im Gesichtsbereich des Patienten angebracht ist, die notwendigen Instrumente aufbaute bzw. ablegte, fuhr man mich sicherheitshalber mit dem Kopf so weit hinunter, dass ich protestierte: „Hallo? Das ist nicht nötig – ich habe keine Angst davor. Fahren Sie mich bitte wieder hoch!“ Mein Zahnarzt lachte und fuhr mich wieder hoch, grinste mich an und meinte: „Der reine Gewöhnungseffekt – den meisten Patienten ist das lieber so. Ging nicht gegen Sie.“ – „Sie können mir alles vor die Nase legen – nur keine Abformlöffel. Das Skalpell hatte ich eh schon gesehen, bevor Sie mich nach unten fuhren. Bescherung war schon.“ – „Sehen Sie,“, rief der Zahnarzt der Helferin zu: „Das meinte ich! Frau B. ist wirklich absolut cool und abgebrüht – sie beschwert sich sogar, wenn man ihr OP-Instrumente vorenthält.“ Dann strich er mir über die Schulter und meinte: „Sorry. Sie wissen ja ohnehin, was auf Sie zukommt. Und daher wissen Sie auch, dass das alles gar nicht so schlimm ist.“ Ich grinste schief, und das auch aus dem Grunde heraus, dass meine linke Gesichtshälfte betäubt war.

Dann ging es auch schon los: Ich sah das Skalpell, ich spürte, dass etwas an meinem Zahn scharrte, aber keinen Schmerz. Offenbar eine bombige Anästhesie! Dann sagte der Zahnarzt: „Jetzt wird es gleich etwas laut, Frau B.!“ Es wurde laut, es drückte unschön im Kiefer, als er an der Wurzel herumfräste – angenehm oder schön ist anders. Aber es tat nicht weh und war erträglich, und was will man in solch einer Situation mehr? 😉

Dann rief er nach einer Zange, und es drückte, krachte und bohrte in meinem Kiefer aufs Possierlichste, aber da rief der Zahnarzt schon: „Frau B. – glatt herausgeholt, und das an einem Stück!“ Ich freute mich, wenn auch etwas verhalten. Gern hätte ich ja laut gejubelt, aber so fröhlich ist der Verlust einer Zahnwurzel nun auch nicht, und das schon gar nicht, wenn der linke Mundwinkel bis zum Abwinken durch einen von der Stuhlhelferin geführten Haken noch weiter nach links gezogen wird, als die Natur vorsah. Noch dazu, wenn man in kopflastiger Position hängt und der Zahnarzt dann ruft: „Oh! Die Kieferhöhle ist offen!“

Das kann passieren, wenn im Oberkiefer Zähne gezogen werden, da dort alles sehr dicht beieinander liegt. Daher schicken herkömmliche Zahnärzte Patienten zu solchen Eingriffen auch gern zu spezifizierten Kieferchirurgen. Meine letzte Erfahrung mit einem solchen führte mich dann zu meinem jetzigen Zahnarzt, der eine Zusatzausbildung und Spezifikation zum Oralchirurgen belegen, der also auch unbeabsichtigt eröffnete Kieferhöhlen fachgerecht schließen kann. Eine sehr pragmatische Lösung, finde ich.

Und so rief er auch schon seiner Helferin zu: „Plastische Deckung!“ Und er rief nach Nahtmaterial, während er meine Schulter tätschelte und sagte: „Kriegen wir alles hin, Frau B.!“ – „Davon gehe ich aus,“, nuschelte ich zurück, „ich mache mir keine Sorgen – ich wusste, dass das passieren kann!“ – „Das weiß ich – Sie sind kampferprobt. Halten Sie sich mal die Nase zu, und dann pusten Sie ganz kräftig! Mund offenlassen!“

Kein Problem – mein Mund stand eh offen, da die Stuhlhelferin nebst Haken ihres Amtes waltete. Keine Chance, ihn zu schließen. Außerdem bin ich im Hinblick auf ärztliche Behandlungen – egal, welcher Art – kaum noch erstaunt, wenn ich niesen, husten oder mir die Nase zuhalten und dann pusten soll. 😉 Ich tat, wie mir befohlen, und selbst ich hörte dieses komische Pfeifen, das daraufhin ertönte und zur Folge hatte, dass der Zahnarzt rief: „Plastische Deckung bereit? Nahtmaterial!“
Ich frage mich allerdings jetzt, was zur „plastischen Deckung“ benutzt wurde. Das wird gemeinhin mit Mundschleimhaut verschlossen und dann genäht. Wahrscheinlich hingen durch die Extraktion der Wurzel noch so viele Fetzen herum, dass man die dazu benutzen konnte. Es wurde jedenfalls rasch geschlossen und genäht.

Dann kam der Weisheitszahn dran, der ja noch im Kiefer lag, da er sich bis dato nicht dazu hatte durchringen können, durchzubrechen. Erneutes „Scharren“ mit dem Skalpell, und dann rief der Zahnarzt begeistert: „Da komme ich leicht dran! Zange!“ Er rief auch noch die genaue Bezeichnung des Instruments, aber damit kenne ich mich nicht so aus. Zu mir sagte er: „Frau B. – ich muss jetzt mal ganz beherzt werden, nicht wundern!“ – „Noch beherzter als zuvor?“ nuschelte ich zwischen Haken und Absauger hindurch, und der Zahnarzt lachte und meinte: „Ja.“ – „O Gott!“

Und dann krachte es beängstigend im Dachgebälk, es drückte, knirschte und war einfach nur unangenehm, obwohl nichts wehtat.

Als es ganz besonders krachte und ich gerade dachte, dass es nun aber wirklich allmählich reiche und ich mich schon beschweren wollte, rief der Zahnarzt: „Frau B. – alles gut! Das Ding ist raus, und auch an einem Stück.“ Und schon rief er seiner Helferin zu: „Naht!“

Dann wurde das Ganze genäht, und ich wünschte, ich hätte mitgezählt, denn dann könnte ich zumindest sagen, wie viele Nähte angelegt wurden. Ich habe aber irgendwann den Überblick verloren, aber die beiden verlorenen Zähne können sich immerhin damit rühmen, dass man sie durch zahlreiche, wenn auch nicht -lose, Nähte gewürdigt habe. 😊

Den Weisheitszahn habe ich mir mitgeben lassen, denn er sieht so unschuldig aus, zumal der Zahnarzt noch sagte: „Glück im Unglück, Frau B. – der Weisheitszahn war zum Glück ein echtes ‚Lämmchen‘. Und er sieht auch so unschuldig aus. Sie hatten Glück im Unglück, denn die meisten Weisheitszähne muss ich in Fragmenten herausholen. Und Ihrer kommt an einem Stück heraus, als wäre er dazu bestimmt! Genial!“ – „Ja. Dafür sind die Gebrauchszähne alle Scheiße!“

Und da hat mein Zahnarzt mich in den Arm genommen und gedrückt. Und gelacht. Ich habe auch gelacht, und da meinte mein Zahnarzt: „Den Rest kriegen wir auch hin.“ – „Ja, das Implantat. Kriegen wir auch hin. Ich fange dann schon einmal wieder mit Lotto an.“

Wenn ich allerdings den mitgegebenen Weisheitszahn so betrachte, finde ich ihn auch ganz lieb. 😉 Nichts Böses erlebt, recht klein, nur drei Spitzen – wie ein Kinderzahn. Irgendwie süß. War aber trotzdem doof und unangenehm, als man ihn zog. 😉

Die nächste unangenehme Zahnarztbehandlung wird wohl die Implantatbehandlung sein. Ansonsten muss ich mir dringend noch etwas anderes einfallen lassen. Ich wüsste allerdings nichts Gruseligeres. 😉

Adrenaline Surges 

Ich mache drei Kreuze, wenn ich ab nächstem Montag ganze acht Arbeitstage Urlaub habe, denn den letzten Urlaub hatte ich vor inzwischen einem halben Jahr, und das macht sich allmählich bemerkbar und hinterlässt Spuren.

Als ich heute ins Büro kam, fragte ich meine Team-B-Kollegin Gina: „Gina, kann es sein, dass ich seit gestern graue Haare bekommen habe?“ Gina sah genau hin, sagte jedoch: „Dein Ansatz ist eher dunkelblond. Aber du siehst ein bisschen müde aus.“ – „Alles klar – ich rufe noch diese Woche bei meiner Friseurin an …“ – „Nein, nein, ich meine wirklich dunkelblond und keineswegs grau, und der Ansatz ist minimal. Ach, was sage ich! Minimalst! Aber wie gesagt: Ein bisschen müde siehst du aus.“

Kein Wunder – ich hatte so gut wie gar nicht geschlafen in der letzten Nacht. Ich schlafe ohnehin schlecht in der letzten Zeit, seit gestern jedoch in besonderem Maße. Ich hatte einen Homeoffice-Tag, und an all die, die glauben, „Homeoffice“ sei Entspannung pur, gleich dies: Ich arbeite im Homeoffice oft noch länger als im Büro, da ich stets die Befürchtung hege, etwas zu verpassen oder zu übersehen. Und von meiner Tätigkeit – erst recht aber unverzeihlicher Untätigkeit – hängen andere Menschen ab. Da bin ich dann besonders aufmerksam und mache speziell im Homeoffice öfter Überstunden, und die nicht einzeln. Ich schreibe sie allerdings nicht auf – sollte ich aber vielleicht einmal tun. Doch dazu später. 😉

Gestern habe ich besonders früh angefangen – um sieben Uhr! Das ist eine für meine Verhältnisse völlig unübliche Zeit, aber ich musste gestern sehr früh Feierabend machen, da um 15:45 h ein Zahnarzttermin dräute. Die Brücke oben links, die aus drei Elementen bestand (man beachte das Präteritum 😉 ), hatte sich gelockert, und da geht man besser schnellstmöglich zum Zahnarzt. Daher mein völlig ungewöhnlicher Arbeitsbeginn.

Zunächst arbeitete ich Mails ab, bearbeitete darüber hinaus das, was außerdem dringend bearbeitet werden musste, und dann nahm ich an einem Zoom-Meeting mit einer Kollegin und diversen unserer Klienten teil. Eine Stunde war angesetzt – es wurden dann zwei daraus. Zwischendurch brummte mein Handy mehrfach – Rufumleitung über meine Büronummer -, aber ich konnte nicht drangehen.

Hinterher sah ich dann: O Gott – mindestens ein Notfall war darunter, der mir auch schon eine Mail geschickt hatte. Ich kümmerte mich umgehend um Lösung, und dann klingelte das Handy ununterbrochen …

Ich fühlte mich bereits ziemlich abgespannt, als ich zum Zahnarzt ging. Nur durch eine gewisse Überbeanspruchung meiner Wenigkeit ist zu erklären, dass ich dort schließlich so reagierte, wie ich reagierte … 😉

Denn der Zahnarzt wollte die gelockerte Brücke abnehmen – was harmlos klingt, eigentlich auch ist, jedoch mit dem Einsatz zwar nicht von Hammer und Meißel, aber etwas Ähnlichem einhergeht. Der Zahnarzt und die „Stuhlhelferin“ – klingt nach etwas ganz anderem, als gemeint ist – begaben sich ans Werk, und bereits beim zweiten Versuch löste sich die Brücke, und da rief mein Zahnarzt: „Oh! Jetzt haben wir ein Problem!“ („Wieso das?“ dachte ich. „Das Ding ging doch glatt heraus!“ Aber genau das war das Problem …)

Denn der Zahnarzt sagte: „Frau B. – das Problem besteht darin, dass der hintere der beiden Brücken-Pfeilerzähne abgebrochen ist. Der ist hin. Nur noch die Wurzel im Kiefer.“ O Gott!
Mein Zahnarzt sah mir ins Gesicht und meinte: „Frau B. – was ist los? So kenne ich Sie gar nicht! Sie sind ganz blass geworden und sagen kein Wort. Sie wirken, als stünden Sie unter Schock! So kenne ich Sie nicht, denn ansonsten reagieren Sie immer mit einem gewissen Sarkasmus und schwarzem Humor auf derlei Hiobsbotschaften. Ist alles in Ordnung?“ – „Nee. Aber wenn Sie schwarzen Humor wünschen, kann ich Ihnen sagen, dass ich wohl wieder anfangen werde, Lotto zu spielen, denn sechs Richtige werde ich brauchen, nachdem der Zahn ganz hinten nun verloren ist. Denn das bedeutet doch sicher, dass ich ein Implantat benötige, nicht wahr?“ – „Es gibt noch eine andere Möglichkeit – aber die ist nicht so haltbar.“ – „Sehen Sie – und da wundern Sie sich, dass ich keinen Ton sage.“ – „Es tut mir sehr leid.“ – „Wieso habe ich nicht gemerkt, was da passierte – ich wäre doch sofort hier in der Praxis gewesen! Aber es tat nichts weh, es gab kein Anzeichen – ich bin wirklich etwas geschockt.“ Ja, und ich war völlig durch den Wind, denn sonst wäre mir eingefallen, dass der hintere Pfeilerzahn ja nicht nur wurzelbehandelt war, sondern auch schon eine Wurzelspitzenresektion mitgemacht hatte. Der war tot, und da konnte nichts mehr wehtun.

Der Zahnarzt rief einen Zahntechniker herbei, drückte dem die dreigliedrige Brücke in die Hand und sagte: „Bitte trennen, damit wir zumindest den Fünfer wieder überkronen können. Der ist absolut in Ordnung.“ Der Zahntechniker verschwand mit meinen drei „Zähnen“, während ich noch immer völlig konsterniert im Zahnarztstuhl lehnte und Zahnarzt und Helferin voller Hingabe ein Panorama-Röntgenbild meines Gebisses betrachteten … In der Zwischenzeit rasten meine Gedanken: „Die Wurzel des abgebrochenen Zahnes muss gezogen werden – das wird richtig bescheiden! Denn ohne Schneiden und Ausgraben geht da nichts! Und dann kommt wieder dieser Miniatur-Trennschleifer zum Einsatz, und jede Wurzelspitze wird einzeln herausgeholt …“ Wobei herausholen ein echter Euphemismus ist.

Das hatte ich schon einmal mitgemacht, und gegen Ende des reizenden Eingriffs hatte ich damals gedacht: „Wie gut, dass es nun vorbei ist! Lieber noch einmal mein Magister-Examen: Magisterarbeit über sechs Monate, davor mindestens sechs Monate Recherche, drei Prüfungsklausuren und drei mündliche Prüfungen, in denen du alles wissen musst, was du je im Studium gelernt hast.“ Das war damals großer Stress – aber ich hätte es sofort erneut in Angriff genommen, wäre mir nur der dentalchirurgische Eingriff erspart geblieben. 😉‘‘

Dann trat der ZA wieder an mich heran und verkündete das Verdikt: „Die Wurzel muss ausgegraben werden, und hinter diesem Zahn liegt auch noch ein Weisheitszahn im Kiefer. Wir machen den Schnitt dann einfach etwas länger und sehen zu, dass wir den Weisheitszahn auch noch herausholen. Klotzen, nicht kleckern, denn wenn wir schon einmal dabei sind, Frau B. …“ Und er fügte hinzu: „Und das machen wir dann in der kommenden Woche.“

Wie praktisch, denn da habe ich ja Urlaub … 😉 Ich hatte mich auf ruhige Tage gefreut, wenn schon mein Auslandsurlaub dieses Jahr ausfallen müsse. Und dann am Mittwoch so etwas! 😉

Ich ging dann recht schnell nach Hause – es wartete noch Arbeit, und die lenkt ja immer von Misshelligkeiten ab, nicht wahr? Denn heute musste ich einen Live-Vortrag im Rahmen einer kleinen „Messe“ halten. Natürlich dieses Jahr virtuell, während diese Infoveranstaltung sonst immer als Präsenzveranstaltung stattgefunden hatte.

Für gewöhnlich habe ich kein Problem damit, auch vor größerem Publikum zu sprechen – im Gegenteil, denn das macht mir sogar Spaß. Aber heute musste ich per Zoom quasi „in den weiten Weltenraum“ hinein sprechen, ohne jedwedes Feedback, ohne Augenzwinkern, ohne Mimik, ohne Gestik.

Zunächst lief es gut, denn da war nur mein Kollege Pepe anwesend, der die Messe logistisch betreut. Ein total netter und lockerer Mensch, und ich plauderte ebenso locker drauflos. Lief doch prima! 😊

Auf einmal machte es „ding-dong“ – ein weiterer Teilnehmer kündigte sich an. O Gott – es war mein Chef! 😉 Ich hätte ja zu gern mein Gesicht gesehen, aber wohlweislich hatte ich nur Bildschirmpräsentation ausgewählt und festgelegt, und ich riss mich zusammen und gewährte meinem Chef Eintritt zu dem Vortrag.

Nur kurz zur Erklärung: Ich mag meinen Chef sehr, aber seine Anwesenheit verunsicherte mich dennoch – und dann hakte auch noch die Präsentation! Hätte ich Blickkontakt zum Publikum gehabt, hätte es mich nicht verunsichert. Aber hier sprach ich quasi ins Nichts, und das ist dann doch ein ganz  anderes Gefühl. Es kamen noch weitere Teilnehmer, und irgendwann war ich froh, als mein Vortrag beendet war, und ich stoppte die Aufzeichnung.

Pepe schaltete sich ein, und er rief: „Das war klasse, Ali – ein ganz dickes Schulterklopfen von mir!“ – „Danke, nett, aber es war grauenhaft!“ – „Unsinn!“ – „Nein, wirklich – es war furchtbar! Ich habe irgendwann den roten Faden verloren! Und dieses Gestammel! Das kenne ich von mir nicht – das kann ich besser!“ – „Findest du? Ich fand dich ziemlich locker, und der rote Faden war auch da!“

Und da schaltete sich mein Chef ein, und das im wahrsten Sinne, denn er schaltete die Videofunktion für seinen Part ein. Ich sah, wie er fröhlich lachte, und ich schlug die Hände vors Gesicht und rief: „Was für eine Schmach!“ Da rief mein Chef: „Ali! Du spinnst! Ich fand dich cool, und der Vortrag war gut – du bist immer viel zu selbstkritisch!“ – „Mir fehlte das reale Publikum, und dann kamst du auch noch – es war furchtbar!“ Und da meinte mein Chef: „Ach, Ali, das tut mir leid! Ich bin eigentlich nur gekommen, weil ich dachte, dass dich das beruhigen würde!“ Ich lachte und meinte: „Falsch. Ich konnte es als Kind schon nicht leiden, wenn ich Klavier übte und sich jemand danebensetzte, weil er es so nett fand, mir zuzuhören. Ich spielte immer besser, wenn ich allein war.“ – „Das merke ich mir. Aber der Vortrag war gut und wirkte sehr natürlich.“

Ja. Davon bin ich überzeugt, denn ich habe derart oft „äh“ gesagt, dass es natürlicher kaum geht. 😉 Und die mehrfach hängende Präsentation wirkte auch sehr natürlich – da bin ich mir ganz sicher. 😉

Aber immerhin habe ich die virtuelle Premiere hinter mir. Beim nächsten Mal läuft alles reibungslos – da bin ich mir absolut sicher. Nur frage ich mich gerade: Wozu habe ich gestern noch bis zum Erbrechen geprobt? Ach ja … Ablenkung von der Zahnkatastrophe! Somit doch für etwas gut. 😉

Euch einen schönen Abend, und drückt mir bitte für den nächsten Mittwoch die Daumen! Ich bin ja irgendwie froh, dass wir noch Maskenpflicht haben und ich zwei Masken von meiner Krankenversicherung geschenkt bekommen habe, bei denen ich erst dachte: „Huch! Dahinter verschwindet ja sogar mein Gesicht fast komplett!“ Echt nützlich ab der kommenden Woche, wenn ich meine nach der OP zerbeulte Visage und die unvermeidlichen Hämatome verbergen möchte.

Wenn das kein perfektes Timing ist! 😉 Fast wie geplant.

Aber eben auch nur fast. 😉

DAS will ich sehen!

Als ich gestern – ich hatte Büroschicht – den kleinen Monty auf dem vorderen Parkplatz meines Arbeitgebers parkte und gen Arbeitsstätte strebte, wurde ich hinterrücks gerufen: „He, Ali!“ Ich drehte mich um und sah Kollegin Ines aus einer anderen Abteilung angelaufen kommen. „Guten Morgen!“ rief sie fröhlich, und ich erwiderte ihren Gruß ebenso fröhlich. Wir gingen zusammen weiter, und ich nahm einen anderen Eingang als sonst, so dass wir noch ein wenig plaudern konnten.

Auf dem Weg zu unseren jeweiligen Büros begegneten wir zwei Kollegen, die in der Nähe der Pforte standen und sich unter gebührendem Abstand miteinander unterhielten. Beide grüßten, wir grüßten zurück, und da rief der eine: „Im nächsten Leben komme ich als Frau zur Welt – ihr habt es ja immer gut! So gut will ich es auch mal haben!“

Man muss sich dabei nichts Böses denken – er sagt immer so etwas in der Art und meint es lustig, wenn es auch inzwischen vorhersagbar ist, und so lachten wir auch. Ich rief: „Viel Spaß schon einmal!“ Und Ines rief lachend: „Das will ich sehen!“

Im Weitergehen sagte sie gut hörbar zu mir: „Wird der eh schnell bereuen: Spätestens dann, wenn er sich wiederholt einmal im Monat vor Schmerzen krümmt. Ich wünsche ihm, dass es dann nur Binden gebe und er dauernd Angst hat, sie könnten nicht halten, was sie versprechen.“ Ich lachte schallend und fügte hinzu: „Und dann verträgt er die Pille nicht und wird völlig ungeahnt und ungewollt schwanger. Oder es geschieht ein Verhütungsunfall mit einem leicht anzuwendenden mechanischen Verhütungsmittel, das man überall ohne Rezept bekommt, und er muss die Pille danach nehmen, weil es gerade so überhaupt nicht passt und der beteiligte Typ sich direkt nach Entdeckung des Unfalls vom Acker gemacht hat. Der wird sich umgucken, danach aber auf andere Verhütungsmethoden umsteigen. Zum Beispiel eine Spirale – und das wird dann richtig lustig, vor allem beim Einsetzen. Das Gejammer möchte ich mir gar nicht vorstellen, nachdem der Arzt sagte: ‚Jetzt bitte husten!‘“ Ines lachte sich scheckig, ich mich desgleichen, und schaurig hallte unser Gelächter von den Wänden wider. 😉

Ines meinte: „Als alleinerziehende Mutter kann ich ihn mir auch nicht so gut vorstellen, falls er sich dafür entscheiden sollte, das Kind aus dem von dir genannten One-Night-Stand tatsächlich zu bekommen.“ – „Ich auch nicht.“ Und schon wieder lachten wir, was allerdings etwas unfair war, denn ich war nie in solch einer Situation und kann daher nicht sagen, ob ich das besser gemacht hätte. 😉

Zugegeben, auch mit dem ONS-Verhütungsunfall habe ich keinerlei Erfahrung. Aber so etwas gehört einfach zu den einzukalkulierenden Risiken, über die der Kollege sich wohl bei seinem spontan-leichtfertigen Ausruf so gar keine Gedanken gemacht hatte. Möglich, dass man sich als Frau da eher Gedanken macht, weil man ja die Person ist, die danach möglicherweise noch aktiver als in der Situation werden muss, die zu der Notwendigkeit, dies zu tun, erst führte. 😉

Ich drehte mich um und sah den Kollegen da völlig stupéfait stehen – offenbar hatte das von Ines und mir ausgemalte Szenario ihn geschockt. Ich winkte fröhlich und wünschte einen schönen Arbeitstag. Ines lachte erneut und meinte: „O je – wahrscheinlich steht er gleich bei mir im Büro und fragt mich, warum wir so gelacht haben.“ – „Dann sag ihm doch einfach, dass wir uns vorgestellt hätten, wie überrascht er wäre, würde er herausfinden, dass er mit Zitronen gehandelt habe. Ich vermute, im umgekehrten Falle wäre es ähnlich.“ – „Ich habe mir eigentlich nie vorgestellt, dass Männer es leichter hätten.“ – „Ich auch nicht. Ich habe mir auch nie gewünscht, ein Mann zu sein.“ – „Dasselbe hier,“, sagte Ines, „ich finde es okay so, wie es ist. Ich will mir aber keine Sprüche anhören müssen, wir hätten es leichter.“ – „Ach, ich glaube, er meinte das gar nicht so ernst. Falls doch, wäre so eine Art ‚Bodyswitching‘ sicherlich hilfreich, und er würde so etwas nie wieder sagen.“

Dessen bin ich mir sicher. 😉 Ich habe Männer eigentlich nie beneidet. Höchstens als Kind, wenn „die Jungs“ mal wieder geschont wurden, wenn sie eine Fensterscheibe beim Fußballspielen zerschossen hatten. „Sind doch Jungs – die müssen sowas machen!“ hieß es damals, und ich hätte mir das Donnerwetter gar nicht vorstellen mögen, hätten wir Mädels das Gleiche getan. 😉

Glücklicherweise heißt es heute: „Sind doch Kinder – die müssen sowas machen!“ Und von daher werde ich auch milde lächelnd und frauentypisch (denn gemäß altertümlicher Vorstellung, die bei manchen Menschen noch heute Bestand hat, seien Frauen ja viel duldsamer … ) über den Kratzer an meinem kleinen Monty hinwegsehen, den Kinder – allesamt Jungs – gestern bei ihrem kindgerecht-impulsiven Versteckspiel in unserem Garagenhof an ihm und zwei anderen Autos hinterließen. Die Jungs wohnen einige Häuser weiter, haben zwar einen eigenen Hof, aber unser Garagenhof scheint besonders verlockend zum Versteck- und Fußballspielen zu sein. Dabei ist er so gut einsehbar. Gut möglich, dass sie mit Gründen in ihrem Hof nicht spielen dürfen. Ich ärgerte mich, regte mich aber nur minimal auf – ich kann es eh nicht ändern, denn: „Sind halt Jungs… ooops… Kinder“ 😉 Und die sind ja sakrosankt. 😉

Ich glaube, ich wünsche mir, im nächsten Leben eine Katze zu sein – eine echte Hauskatze, natürlich. Die werden im Allgemeinen gehätschelt und gepampert – sie müssen sich keine Gedanken um ihre Versorgung machen und haben auch kein Auto. 😉

„Ich bin der Eugen – ich schneid‘ hier die Wurst!“

Drückt mir bitte die Daumen, dass ich übermorgen nicht an diesen Satz denken muss, wenn ich – erstmalig in meinem Leben – als Interviewerin tätig werde, und das per Zoom, der Corona-Situation wegen. Ich habe schon als Übersetzerin gearbeitet. Auch als Dolmetscherin auf einem dreitägigen Kongress. Als Interviewerin indes noch nie.

Zu Anfang jedes Jahres und in dessen Mitte veranstaltet mein Arbeitgeber eine Art kleine Messe für Interessierte, während derer unsere Angebote vorgestellt und daran Interessierte beraten werden. Bis dato und vor Corona als Präsenzveranstaltung. Dieses Jahr anders. Dieses Jahr virtuell. Da mein Arbeitsbereich heftig involviert ist, muss ich – ausgerechnet ich! 😉 – nun zwei Interviews mit ehemaligen Klienten führen, die dann online zu sehen sind. Also: die Klienten, ich – und die Interviews en tout.

Aber warum so negativ? Es ist einfach eine völlig neue Herausforderung. Speziell für jemanden, der kamerascheu ist. Gut möglich, dass ich mich als „Stimme aus dem Off“ einfach besser mache, aber wer weiß das schon? 😉

Übermorgen – Brückentag – habe ich zwar eigentlich frei, aber da es sich, so der Koordinator dieser Veranstaltung, ein sehr netter Kollege, um eine „sportliche Punktlandung“ handle und die Zeit daher drängt, habe ich mich mit meiner ersten Klientin für just diesen Tag zum Video-Interview verabredet. Mit viel Zeit im Gepäck. 😉

Gestern „trainierte“ ich bereits, um mich vorzubereiten. Ich startete ein Zoom-Meeting mit mir als Host. Es war kurz nach elf, und ich saß in meinem Esszimmer. Verbindlich lächelnd und wie eine gute Gastgeberin sprach ich meine kurze Einleitung gen Kamera, wobei ich das Ganze mitschnitt.

Kaum zum Ende gekommen, überfiel mich das Grauen: Ich klang so wie ein Typ, den ich in Aachen eher unfreiwillig kannte und am liebsten von hinten sah, ergo im Abschiedsmodus, und meine Ansprache klang wie: „Ich bin der Eugen – ich schneid‘ hier die Wurst!“

Der Typ tauchte während meiner Studentenjob-Zeit in einer Studentenkneipe unregelmäßig auf und wirkte stets irgendwie … derangiert. Nicht wie die hellste Kerze auf der Torte. Er war es wohl auch nicht, sondern eher eine unverschämte und penetrante Nervensäge. Es waren immer alle froh, wenn er wieder ging, ich – hatte ich Thekenschicht – zuvörderst. Denn war Eugen da, waren Beleidigungen an der Tagesordnung, Beleidigungen in alle nur denkbaren Richtungen, und ich musste mehrfach an mich halten, ihm nicht den Inhalt des Eiswürfelbehälters über den Kopf zu schütten und mit dem leeren Eiswürfelbehälter seinen Scheitel noch einmal korrekt nachzuziehen. Aber nach außen blieb ich stets so cool wie der Inhalt des Eisbehälters, der niemals über Eugens Haupt ausgeleert wurde. 😉

Die einzig lustige Geschichte, die aber auch wie „Arsch auf Eimer“ zu ihm passte, war folgende: Eugen hatte all seine angefangenen Lehren nie beendet, aber da der Mensch von etwas leben muss und andere Menschen bisweilen (zu) gutmütig sind, stellte ein Metzger in einer recht zentral gelegenen Straße ihn ein, in seinem Ladengeschäft zu arbeiten. Hinter den Kulissen. Und ungelernt. Man stellte Eugen an die Wurstschneidemaschine in den Raum hinter dem Verkaufslokal, und nach einiger Einarbeitungszeit beherrschte Eugen das Wurst-in-Scheiben-verschiedener-Stärke-Schneiden auch mehr oder minder gut. 😉

Eines unschönen Tages kam die Gewerbeaufsicht in Gestalt zweier Beamter in den Metzgerladen, natürlich unangekündigt. Man prüfte im Verkaufsraum hier, man prüfte da – alles glücklicherweise (für den Metzger) zur Zufriedenheit. Dann strebte man in die hinteren Räume, in deren einem Eugen seiner schnittigen Tätigkeit nachkam …

Dem Metzger graute. O Gott! Eugen war in seiner Gänze nicht zwingend publikumspräsentabel. Aber die beiden Beamten drängten darauf, auch die Hinterräume zu besichtigen. Verständlich. Wenn schon, denn schon, und man muss ja auch prüfen, ob in Gänze alles okay sei. 😉

Ich kann mir die Not des Metzgers lebhaft vorstellen, auch den gesteigerten Blutdruck und das Gefühl von Ohnmacht und Verlust der geschäftlichen Existenz. 😉 Aber was sollte er tun? Und schon betraten die beiden Beamten den Wurstschneideraum, in dem Eugen stupide grinsend seines Amtes waltete …

Einer der beiden Beamten sprach ihn an: „Wie heißen Sie, und was ist Ihre Aufgabe in diesem Betrieb?“ – „Hä?“ – „Wie heißen Sie, und was ist Ihre Aufgabe in diesem Betrieb?“ – „Ääh …“ – „Haben Sie meine Frage verstanden?“ – „Ääh, ja.“ – „Ja, und?“

Und da kam, nicht ohne Stolz: „Ich bin der Eugen! Ich schneid‘ hier die Wurst!“

Auf Fragen nach seinem Nachnamen und seiner entsprechenden Ausbildung wie Arbeitsvertrag kam keine Antwort, aber so präzise wie ein Uhrwerk schnitt Eugen Cervelatwurst … Das konnte er, das tat er. 😉 Man hatte es ihm so gezeigt. 😉

Nach diesem Besuch der Gewerbeaufsicht bekam der Metzger eine Geldstrafe, und Eugen war erneut joblos und noch weniger erträglich als zuvor.

Nachdem ich gestern bei dem „Video-Testlauf“ meine reizende, kleine Einleitung absolviert hatte, kam mir dieser „Ich bin der Eugen – ich schneid‘ hier die Wurst“-Satz in den Sinn, und dann musste ich mich wirklich sehr zusammenreißen, platzte leider aber doch heraus. Lieber noch einmal ganz von vorn anfangen …

So geschah es. Erneute Einleitung, und ich sprach sogar weiter, um elf Uhr zehn. War doch gar nicht so schwer – immer diese Anstellerei!

Doch da ertönte aus dem Nachbarhaus ein dröhnendes „Wrrroooom“! Eine Bohrmaschine. Größeres Kaliber. Meine Mundwinkel hoben sich, fingen zu beben an, und schon platzte ich heraus. 😉

Dritter Versuch – da noch der Überzeugung, dass die von den Klienten  und meine davon unabhängig (Corona!) getätigte Aufzeichnung einfach zusammengeschnitten werden würden – wenige Minuten später. Die Bohrmaschine pausierte offenbar. Mittels freundlicher und einladender Attitüde erklärte ich, was meine Aufgabe sei, und ich stellte die Fragen, die abgesprochen waren.

Danach betrachtete ich das Video. O Gott! Meine Augen schweiften hilf- und ziellos wie erschreckend groß von links nach rechts und retour! Es ist – hat man nicht eine Ausbildung als Schauspieler hinter sich – wirklich schwierig, sich einen nichtvorhandenen Gesprächspartner zu imaginieren. Und selbst dann, wenn man weiß, dass man sich das doch einfach nur vorstellen müsse, kann es passieren, dass die Augen des Interviewers hin und her schweifen, als würden sie erwarten, dass endlich jemand durch die Tür oder wie ein Hirsch „durchs Gebüsch gebrochen“ komme, der auch Antworten gebe. 😉

Versuch No. 4: Ich reminiszierte heftig den Film Cast Away mit Tom Hanks, als der nach einem Flugzeugabsturz eine Art Robinson Crusoe darstellt, ganz allein auf einer kleinen Insel. Sein einziger Freund: ein Volleyball der Marke Wilson. Mit „Wilson“ spricht der Verschollene, weil er sonst keinen Ansprechpartner hat. Offenbar half ihm das – warum also mir nicht? 😉

Ich holte einen Blumentopf herbei, aus dem fröhlich-buntes Gewächs leuchtet, und ich stellte diesen schräg neben mich. Das war jetzt der nette Fabian! Und schon nahm ich ein neues Test-Video auf! 😉

Erfolg: null. Das Gewächs ist nun einmal nicht Fabian und ist einfach stumm – meine Augen schweiften wie zuvor, als hingen sie plan- und ziellos in den Wanten eines Segelschiffs, auf der Suche nach dem echten Interview-Partner. 😉

Immerhin war gestern ein sehr lustiger Homeoffice-Tag – ich hatte viel zu lachen, weil ich stets dachte: „Cool! Was soll nur werden?“ Immerhin bin ich zum Schluss gekommen, dass zwei separate Zoom-Meetings unter Mitschnitt derselben das Beste seien, was ich tun könne. Und so habe ich übermorgen ein solches Meeting mit Madeleine, die ich interviewen muss. Madeleine ist ein wunderbarer Mensch, sehr liebenswert und freundlich, und das wird sicher lustig. Hoffe ich zumindest. 😉

Drückt mir trotzdem die Daumen, dass ich bei meiner freundlichen Einleitung nicht an den wurstschneidenden Eugen denken muss, denn ich kenne mich: An völlig unpassenden Stellen breche ich schon einmal gern in überbordendes und schier unstillbares Gelächter aus … 😉

Drückt mir die Daumen – auch wenn diese Schilderung beileibe nicht wirklich ernst gemeint ist. 😉

Dann doch lieber fliegen!

Manchmal staune ich darüber, wie unterschiedlich sich persönliche Schwächen und Eigenheiten auswirken können. Ich leide anerkannter- und zugegebenermaßen unter Höhenangst. Auf ziemlich lächerliche Art und Weise.

Kürzlich hatte ich mir einen neuen, zusätzlichen Rauchmelder angeschafft, der nun schon seit etwa vier Wochen in seiner Verpackung seiner Bestimmung harrte. Immerhin hatte ich pragmatisch gedacht und diesmal ein Produkt angeschafft, dessen Batterie zwölf Jahre hält und das zusätzlich mit einem praktischen Magnet-Klebepad befestigt wird. Ist die Batterie „um“, muss das gesamte Gerät ausgetauscht werden. Aber man muss eben auch nur alle zwölf Jahre mit zitternden Knien auf eine Leiter steigen und dann ein ganz neues Gerät anbringen (nachdem man das alte mühsam und – in meinem Falle – unter Stoßgebeten von dem praktischen Magnet-Klebepad gelöst hat).

Heute war der Tag, da ich das noch immer unangetastete Päckchen nicht mehr sehen konnte: Der verdammte Rauchmelder musste endlich installiert werden, koste es, was es wolle.

Mit Todesverachtung stellte ich im Flur meine Haushaltsleiter auf, öffnete das Päckchen, zerrte den Rauchmelder heraus, las die Bedienungsanleitung, aktivierte den Rauchmelder und kletterte dann – ebenfalls mit Todesverachtung – auf die Leiter, den Rauchmelder zunächst in der rechten Hand. Bis ich feststellte, dass ich sogar, zumindest mit einem Fuß, auf die Plattform der Haushaltsleiter steigen musste, die nicht ganz so niedrig ist. Zumindest aus meiner Perspektive – ich bin, zumindest physisch, beileibe nicht die Größte. 😉

Oben angekommen, wechselte ich die aktive Hand lieber gen links, um mich mit der rechten am Türrahmen des Badezimmers festzukrallen. 😉 Den doofen Rauchmelder würde ich doch locker mit links anbringen! Vergessen alle von unten als optimal angesehenen Plazierungen oder Positionen des Gerätes! Ich blickte kurz gen Decke, richtete die linke Hand einigermaßen aus und presste mit selbiger dann das Gerät mit der Klebefläche fest an die Flurdecke. Und schon wurde mir schwindlig – nicht nach oben sehen! „Sieh nach unten!“ war der logische Schluss, der mir durch den Kopf schoss.

Völlig falsch, denn mir wurde noch viel schwindliger. Und so heftete ich meinen Blick stur auf die Wohnungstür, während meine Knie zu zittern begannen, und das so sehr, dass sogar die stabile Leiter in Schwingung versetzt wurde. Aber ich musste den Rauchmelder hinreichend lange an die Flurdecke drücken, damit die Klebemasse des Pads auch eine geschmeidige Einheit mit der Decke einginge. Ich gebe zu, meine Knie schlotterten, und ich hatte kalten Schweiß auf der Stirn, als ich schließlich von der Leiter stieg, und von unten sah das Resultat nicht sonderlich befriedigend aus. Aber: Wo gehobelt wird, fallen Späne – und Hauptsache, das Ding klebt an der Decke und versieht seine Aufgabe pflichtbewusst. Oder besser nicht, denn ich möchte eigentlich gar nicht, dass es Alarm schlagen müsse. 😉

Ich staune nur immer wieder darüber, wie es sein könne, dass ich auf Leitern und in nur geringer Höhe derart schwächele, während ich mit Begeisterung in Flugzeuge steige – je weiter, je höher, desto besser! Kann mir das jemand erklären?

Ja, ich gerate da nicht einmal in Panik, wenn um mich herum schon Chaos herrscht, während ich auf einer simplen Haushaltsleiter schon hyperventiliere und zitternde Knie habe, weil die Decke dann doch höher ist, als ich sie von unten einschätzte. 😉
Gut, meine erste grenzwertige Flugerfahrung hatte ich, als ich zwanzigjährig erstmalig in den USA war und von New York nach Brüssel flog. Mit reichlich Verspätung flogen wir von JFK los, und ich war froh, als wir endlich in der Luft waren. Alles lief prima, und nach einiger Zeit wies der Kapitän dann darauf hin, dass unter uns gerade Boston liege, besonders gut zu sehen von der linken Seite des Fliegers aus.

Ich saß links, hatte einen Fensterplatz, und ich blickte nach unten – wunderschön, all diese Lichter! Ich weiß noch, dass ich dachte: „Das sieht so schön aus – und Boston! Wie gerne wäre ich jetzt da!“ Ein bisschen haderte ich ja damit, dass der Teil meiner weitläufigen Familie, den ich damals besucht hatte, an der Westküste lebte – am Tag zuvor war ich von Seattle nach New York geflogen – und nicht an der Ostküste, die mich immer mehr gereizt hatte (aber ich war jung und hatte kein Geld – stimmt zwar, aber meine amerikanische Familie ist total lieb und nett, und ich habe sie gern besucht! 😊). Aber kurz darauf machte ich mir darüber nur noch wenig Gedanken. 😉

Kurz „hinter Boston“ hatte der Kapitän bereits eine Ansage gemacht, dass über dem Atlantik möglicherweise mit Turbulenzen zu rechnen sei und wir uns bitte anschnallen sollten. Das hatten eigentlich auch alle gemacht, nur einer nicht, wie sich später herausstellte.

Da es zwar draußen schon dunkel, aber noch Restlicht vorhanden war, blickte ich interessiert aus dem Fenster (zumal mein Nachbar zur Rechten ein – Verzeihung! – arroganter Armleuchter aus Amherst war, der zu einem Austauschsemester an die Uni „Bahn“ unterwegs war, was sich als „Bonn“ herausstellte. 😉 Eine Unterhaltung mit ihm wurde erst möglich, nachdem das Grauen passiert war). Der Himmel war sternklar – aber was war das da vor uns? Eine Nebelbank, so solide aussehend wie eine Schrankwand! Ich prüfte lieber noch einmal meinen Sitzgurt. Ich hatte damals noch nicht so viel Flugerfahrung, aber solide aussehende Nebelbänke bei ansonsten klarem Himmel und angekündigten möglichen Turbulenzen schienen recht dubios.

Und da ging es auch schon los! Kaum waren wir in diese Nebelbank geflogen, wurde es dramatisch: Die Maschine sackte nicht nur durch, sie schien im freien Fall zu stürzen, und um den arroganten Amherst-Studi und mich schrien zahlreiche Menschen in Todesangst. Der arrogante Amherst-Adept saß stumm auf seinem Platz, ebenso wie ich, keiner von uns in der Lage, auch nur einen kleinen Ton von sich zu geben, und ich krallte mich lediglich an den Armlehnen fest. Mein einziger Gedanke: „Das ist jetzt aber irgendwie doof und schade. Du wirst deinen Geburtstag gar nicht mehr erleben.“ (Denn ich würde während des Fluges Geburtstag haben.)

Es schien kein Ende zu nehmen, das Gefühl, dass wir stürzten und stürzten, und eigentlich wartete ich nur auf den Aufprall auf dem brettharten Atlantik. Und um mich herum nur dieses panische Geschrei … Als ich dachte, dass nun doch gleich der finale Aufprall kommen müsse, fing der Pilot den Flieger ab, und wir stiegen wieder. Pheoowww …

Als alles wieder stabil war, wollte ich zur Toilette. Im Toilettenbereich war die Deckenverkleidung partiell zerstört, und Blut klebte daran. Der einzig nicht angeschnallte Passagier war da wohl während des Sturzes unter die Decke gekracht und verletzt worden. Ich hatte das gar nicht mitbekommen – ich war wohl, wenn auch nach außen ruhig, mehr mit mir selber beschäftigt gewesen.

Der Amherst-Adept hat dann, wohl auch erleichtert, erst einmal eine Flugbegleiterin herangerufen, als ich ihm erzählte, ich hätte Geburtstag und fühlte mich inzwischen, als sei dies auch mein zweiter solcher. Er bestellte zwei Gläser Sekt, um mit mir anzustoßen. Und irgendwann später sah ich, wie die Sonne aufging, und so etwas Schönes hatte ich zuvor nie gesehen. War im Flieger etwas besonders Schönes. 😊

Danach flog ich öfter, aber stets ohne Komplikationen. Bis auf den Rückflug von London mit meinem besten Freund Fridolin, als wir über Weihnachten in dieser Stadt gewesen waren.

Wir flogen beide wohl nicht gern zurück nach Düsseldorf an jenem dreißigsten Dezember. Und so waren wir mit unserem Gepäck zunächst noch in einem Restaurant, um ein Abschiedsessen zu uns zu nehmen. Dann schlenderten wir ein letztes Mal die Oxford Street entlang, und Fridolin wollte noch einen Kaffee trinken. Danach drängte ich zum Aufbruch – wir mussten ja noch die ganze Strecke bis Heathrow fahren. Fridolin meinte, ich solle doch nicht so drängeln, es sei Zeit genug, aber schließlich saßen wir doch in der Piccadilly Line auf dem Weg zum Flughafen.

Als wir zum Check-in-Schalter kamen, erklärte uns die Dame vom British-Airways-Bodenpersonal nur kurz und knapp: „You’re late! Neither you nor your luggage can be operated anymore.“ O Gott! Ich wandte mich Fridolin zu und meinte: „Na, super! Jetzt haben wir den Salat! Und alles, weil du so getrödelt hast.“ Fridolin war irritiert und fragte, wo denn das Problem sei – sie habe doch nur gesagt, dass wir ein bisschen spät dran seien. „Nein! Sie sagte, wir seien zu spät und dass sie unser Gepäck nicht mehr einchecken könne – und uns auch nicht! Wir verpassen den Flieger!“ Und ich raufte mir publikumswirksam die Haare und blickte die Dame vom Bodenpersonal ehrlich verzweifelt an. Die griff zum Telefonhörer, wählte eine Nummer, sprach einige kurze Sätze, dann legte sie auf und sagte: „Take your luggage, and hurry! Just show your passports to the officers over there – they will let you pass by! Hurry up!“

Fridolin packte unser Gepäck wieder auf den Trolley, ich rief: „Gib mir deinen Pass, schnell!“ Und mit beiden Pässen in der Hand rannte ich los, Fridolin folgte mit dem Gepäcktrolley. An den Beamten rannte ich vorbei, indem ich ihnen die Pässe entgegenstreckte und rief, der Mann mit dem Trolley gehöre dazu. Sie nickten und riefen: „Hurry on – and good luck!“ Und schon rasten wir weiter – unser Gate war natürlich am Arsch der Welt bzw. des Terminals …

Dort angelangt, fragte ich japsend einen British-Airways-Mitarbeiter: „We’re late! What about our luggage?“ – „Oh, just put it over there.“ Und er deutete freundlich lächelnd auf eine Art Einwurfschacht an der gegenüberliegenden Wand und bedeutete uns, wir sollten es dort abstellen. Ich verabschiedete mich im Stillen von meinem Gepäck, überzeugt, es niemals wiederzusehen. Dann legten wir am Schalter unsere Pässe vor und waren dann tatsächlich die letzten Passagiere, die mit lautem Gepolter durch die Fluggastbrücke zum Flieger rannten, einer Boeing 757. Man wartete schon auf uns, und kaum waren wir drin, wurde auch schon die Einstiegstür geschlossen und die Fluggastbrücke abgedockt und zurückgefahren.

Aufatmend sanken wir auf unsere Sitze, schnallten uns an, und ich sagte zu Fridolin: „Kaum zu glauben, aber wir sind tatsächlich an Bord! Und das Schlimmste haben wir hinter uns – schlimmer kann es ja nicht kommen.“ Im Brustton der Überzeugung. Und ich blickte erleichtert aus dem Fenster – der Abschied fiel nicht ganz so schwer, denn draußen stürmte es jetzt und schüttete wie aus Eimern.

Während wir zur Startbahn rollten, kam die Ansage der Purserette, die uns freundlich begrüßte und erklärte, es werde voraussichtlich ein ruhiger Flug, wenn auch mit einzelnen kleinen Turbulenzen zu rechnen sei. Erfreulicherweise sei seit heute auch der Flughafen Düsseldorf wieder geöffnet, der die vorausgegangenen drei Tage aufgrund von Winterstürmen geschlossen gewesen sei. Was hatten wir doch für ein Glück!

Und dann raste der Flieger auch schon los und hob ab. Aufgrund des stürmischen Wetters war der Start etwas unruhig, aber das würde ja bald erledigt sein, wenn wir erst über den Wolken wären.

So war es dann auch. Aber dann – es wurde draußen immer dunkler – wurde es immer ungemütlicher. Blickte man aus dem Fenster, sah man nicht mehr viel – die linke Tragfläche war im Nebel verschwunden, und dass sie noch da war, sah man nur an einer Positionsleuchte an ihrem Ende, die in regelmäßigen Abständen blinkte. Die konnte man zumindest noch wahrnehmen, wenn auch undeutlich. Vielleicht war auch ganz gut, dass man sie nicht sah, denn als die Umgebung einmal durch einen Blitz – inzwischen gewitterte es – erleuchtet wurde, sah ich, wie sich die Tragfläche durch den Sturm bog … 😉

Je näher wir dem Ärmelkanal kamen, desto unangenehmer wurde es. Es begann damit, dass die Maschine zu rollen anfing und ständig wechselseitig über linke wie rechte Tragfläche schwankte. Ab und an „nickte“ die Maschine auch. Sowohl Rollen, als auch Nicken war zu ertragen, aber über dem Kanal wurde es richtig widerlich, denn die Maschine fing an, Rotationsbewegungen nicht nur über Längs- und Querachse zu vollführen, sondern auch noch über die Gierachse, und da hob es mich trotz Sitzgurtes mehrfach aus dem Sitz, und von dieser Schlingerbewegung wurde mir ganz kodderig. Und obwohl ich stets die Meinung vertrat, dass Fliegen ohne Turbulenzen ja öde sei und ich mich dann ja gleich in die Straßenbahn setzen könne, dachte ich da erstmalig: „Hoffentlich sind wir bald in Düsseldorf!“

Ich war nicht die Einzige, die litt, denn zwei Reihen hinter uns auf der rechten Seite saß eine Japanerin mit ihrem knapp dreijährigen Sohn, der seit Beginn der Eskapaden, die der Flieger vollführte, ununterbrochen schrie und kreischte. Mir tat der kleine Wicht leid, denn für so ein kleines Kind musste es wirklich das Inferno sein, wenn schon die erwachsenen Passagiere schweigend und teils grün im Gesicht in den Sitzen mehr hingen als saßen. Aber ein bisschen nervte es auch, denn es war anstrengend genug, bei diesem „dreidimensionalen“ Geschlinger den Mageninhalt bei sich zu behalten. 😉

Der Flug kam mir viel länger als gewöhnlich vor, aber irgendwann befanden wir uns immerhin im Landeanflug, und da meldete sich der Käpt’n, der uns in sehr freundlichem und positiv klingendem Tonfall mitteilte, bald hätten wir es geschafft. Er müsse allerdings darauf aufmerksam machen, dass die Landung wohl etwas härter ausfallen würde und wir bitte auf sein Kommando die Köpfe herunternehmen, uns an den vorderen Sitzlehnen abstützen und mit den Armen unsere Köpfe schützen sollten, denn die Gefahr bestehe, dass aus den overhead lockers Gegenstände fallen würden.

Und während wir immer weiter sanken, wurde die Maschine von Scher- und Seitenwinden hin und her gerüttelt und geschleudert – wirklich widerlich. Ich starrte aus dem Fenster – mussten wir nicht bald unten sein? Man konnte allerdings draußen wohl die Hand vor Augen nicht sehen, zumal es heftig schneite, und da kam auch schon das Kommando des Kapitäns, und alle nahmen die Köpfe herunter, stützten sich nach vorne ab und schützten ihre Köpfe mit Armen und Händen. Ich hatte mich kurz vorher noch umgedreht und sah, wie die japanische Mutter sich über ihr Kind warf, dessen Geschrei dadurch stark gedämpft wurde.

Dann setzten wir auf, obwohl „Aufsetzen“ die Sache nicht adäquat beschreibt, denn eigentlich krachten wir auf die Landebahn, sprangen wieder hoch und krachten erneut auf die Bahn. Der Hinweis, die Köpfe herunterzunehmen und zu schützen, war eindeutig gerechtfertigt, denn diverse Gepäckfächer sprangen auf, und viele lose Objekte – am meisten beeindruckte mich hinterher beim Aussteigen das große Modell-Segelflugzeug – flogen uns um die Ohren, als der Pilot Schubumkehr einleitete und dann eine Vollbremsung einlegte, wobei der Flieger sich leicht seitlich drehte. Wir wurden erst nach vorn, dann nach hinten gegen die Sitze geschleudert. Doch da ertönte schon die Stimme des Piloten, typisch englisch, gelassen und positiv, und er teilte uns mit, wir könnten nun entspannen. Übrigens seien wir an diesem Tag die letzte Maschine gewesen, die in Düsseldorf gelandet sei – direkt nach unserer Landung sei der Flughafen erneut geschlossen worden. Alle anderen Maschinen würden nach Frankfurt umgeleitet. Zu riskant die Starts und Landungen. Ach …

Unvergessen, dieser Flug, der mir den Spaß aber beileibe nicht verdorben hat – ich liebe Fliegen noch immer. Und unser Gepäck war auch ratz-fatz auf dem Gepäckband – es war trotz Zuspätkommens tatsächlich auf unserer Maschine gewesen.

Nur wenn ich auf eine Leiter steigen muss, wird mir ganz kodderig. Beim Fliegen nur selten. Dann doch lieber fliegen! 😉

Im Hotel

Ich bin ja jemand, der durchaus gern reist. Ich fliege auch gern. Und ich mag auch das, was manche Menschen gar nicht so gern mögen: Ich wohne gern im Hotel. Nix gegen Camping-Urlaub – auch das macht mir viel Spaß, aber wenn man ein schönes Hotel mit nettem Team hat, ist es eben auch schön.

Man steht morgens auf, geht unter die Dusche, macht sich zurecht und geht frühstücken. Für die Zubereitung des Frühstücks sind andere verantwortlich, anders als sonst muss man sich den Kaffee oder Tee nicht selber aufbrühen, nein, er wird einem an den Tisch gebracht. Nicht, dass es eine allzu große Zumutung wäre, sich einen Kaffee aufzusetzen, aber bei mir reicht es – bevor ich zur Arbeit fahre – meist nur zu einem Blick Richtung Kaffee- oder Teedose. Ich bin meist spät dran, zugegeben. 😉

Und so ist es richtig schön, sich hinzusetzen, ganz in Ruhe, der Kaffee wird gebracht, und man trinkt erst einmal eine halbe Tasse, bevor man sich ans Buffet begibt, auf dem sich im Optimalfall dann eine Vielzahl an Dingen befindet, die man – wenn man morgens eben nicht frühstückt – zu Hause eher selten hat.

Mir hat mal ein Zimmermädchen gesagt, ich sei ein sehr angenehmer Gast, da ich Duschhandtücher nicht bereits nach einmaliger Benutzung auf den Fußboden im Bad werfe, sondern zweimal benutze, das Badezimmer nicht komplett unter Wasser setze, sondern zusehe, kein unnötiges Chaos zu hinterlassen. Stattdessen hinterlasse ich in regelmäßigen Abständen ein Trinkgeld, zusammen mit einem freundlichen Schreiben und meinem Dank. Als ich Anfang Januar aus meinem Hotel in Bamberg ausgecheckt hatte und mit meinem Trolley Richtung Bahnhof aufbrach, begegnete mir das Zimmermädchen, das für den Bereich zuständig war, in dem mein Zimmer lag, und gerade auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz war. „Grrüß Gott!“ rief mir die junge Frau zu. „Ssie rreisen ab? Des is obba schod‘ – und des soggich fei ned weecha demm Drringgeldd. Ssie ssan fei immer sso frreundlich zu mei Kolleechinnen und mir g’wes’n – mancha Gäst‘ mooch mer hold lieber als annere.“ Ich rief zurück, ich käme sicherlich wieder vorbei, zumal es nicht mein erster Besuch dort gewesen sei, und sie wünschte mir eine gute Reise. Nett. 😊

Natürlich ist es immer wichtig, eine Unterkunft zu buchen, die nicht einem Horrorkabinett ähnelt, sowohl Einrichtung, als auch Mitarbeiter betreffend. Manchmal erlebt man ja durchaus unangenehme Überraschungen, zumal im Internet auf der Hotelbuchungsplattform die Fotos alle irgendwie viel freundlicher aussahen, als man arglos seine Buchung vornahm, stolz, einen echten „Schnapper“ getätigt zu haben.

Ich erinnere mich an eine Irland-Rundreise anno 2014. Ich liebe Irland. Immer, wenn ich dort bin, würde ich am liebsten gleich bleiben. Ich war mit Stephie unterwegs, und nach der Landung in Dublin fuhren wir zu unserer ersten Unterkunft in Blessington im County Wicklow. Die Hotelanlage lag gut versteckt im Grünen und war für Auswärtige gar nicht so einfach zu finden, da nur ein winziger Wegweiser, leicht zu übersehen, vorhanden war, an dem man so rasch vorbeigefahren ist. Auf dem Weg dorthin und nach meiner ratsuchenden Frage an einer Texaco-Tankstelle, wie man wohl hinkomme, begegneten uns mehrere ebenso ziel-, plan- und hilflos umherkreisende Autos, die wir dann später auf dem großen Parkplatz der Hotelanlage erneut trafen, als ihre Fahrer aufatmend dort einparkten. 😉

Eine tolle Hotelanlage übrigens – ein Golfresort. Sehr schöne Zimmer, sehr schöne Umgebung – alles grün. Nichts zu klagen, gutes irisches Frühstück, nette Mitarbeiter. Alles da, was man braucht, und ich schwöre, ich habe sogar das niedliche kleine Bügeleisen mitsamt niedlichem kleinen Bügelbrett benutzt, obwohl ich so ungern bügle. 😉 Ich war richtig traurig, als wir weiterfuhren. Ins County Waterford ging es, nach Dungarvan. Das Hotel sah bereits von außen so aus, als hätte es mal bessere Tage gesehen. Auf ins Abenteuer! Und schwungvoll parkte Stephie den putzigen Nissan Micra vor dem ehemals noblen Haus.

Schon beim Betreten merkte man, dass man hier bereits am Wasser war. Es roch durchdringend nach … Fisch. Gebratenem Fisch. Es roch wie gebratene grüne Heringe, und das im ganzen Hotel bis ins oberste Stockwerk. Einen Aufzug gab es auch nicht, und so schleppten wir unser Gepäck im Schweiße unserer Angesichter in den dritten Stock, umwabert von dem ein- wie aufdringlichen Fischgeruch. Immerhin war ich, als ich schließlich vor meiner Zimmertür stand, wohl schon so imprägniert, dass mir gar nicht mehr auffiel, dass es in meinem Zimmer ganz sicher auch nach Bratfisch roch. Der Vorteil des Zimmers: Es war recht hell, und wenn man aus den Fenstern sah, blickte man direkt auf das Ästuar, das sich jenseits der Straße, von der wir gekommen waren, ausbreitete. Öffnete man die Fenster, roch es weniger nach Bratfisch, dafür mehr nach Tang. Es klopfte. Stephie wollte sich mein Zimmer ansehen. Es schien ihr besser zu gefallen als das ihre, das ich dann kurz darauf besichtigte. Ich konnte sie verstehen. In ihrem Zimmer hätte ich garantiert Alpträume bekommen: Es war dunkel, das Bett sah aus, als würde man darauf eher aufgebahrt, und das Bad war ebenfalls nicht sonderlich ansprechend. Die Vorliebe für dunkle Farben zeigte sich auch hier: Die Badewanne hatte eine Verkleidung aus sehr dunklem Holz und erinnerte an einen Sarg. Schaudernd wandte ich mich ab. Stephie zeigte anklagend Richtung Fenster: „Hörst du die Lüftungsanlage, oder was das ist?“ Klar hörte ich sie. Man musste mindestens schwerhörig, wenn nicht stocktaub sein, um sie nicht zu hören. „Möchtest du tauschen?“ fragte ich großherzig, aber Stephie lehnte ab: „Danke, das ist nett, aber wir bleiben ja nur eine Nacht.“ Es klang wie die famous last words, und ich warf noch einen letzten zweifelnden Blick auf das monströse Bett, das den Anschein erweckte, als würde es jeden, der sich arglos hineinlegte, heimtückisch mit Haut und Haaren verschlingen. Wir machten erst einmal einen langen Spaziergang, auf dem ich mehrfach äußerte, sosehr ich Irland liebte: Hierher würde mich nicht so viel ziehen. Dann tranken wir noch zwei Bier und schlichen auf unsere Zimmer. Meines war in der Tat das bessere, wenn auch die Badezimmertür immer ein unheilvolles Quietschen und Knarren absonderte, wenn man sie öffnete – wie in einem Horrorfilm.

Nach dem Frühstück am nächsten Tag, eingenommen in einem relativ dunklen Frühstücksraum, reisten wir ab. Stephie meinte im Auto: „Wir sollten die Fenster öffnen, sogar hier im Auto stinkt es nach Fisch. Fandest du nicht auch, dass es heute früh im Hotel noch schlimmer danach roch als gestern? Meinst du, die frischen den Geruch täglich auf, weil es das Markenzeichen des Hotels ist?“ Ich vermutete, dass es sich um einen Bestandteil des Frühstücks handelte: kipper, gebratenen Bückling …

Und weiter ging es nach Cork, mit einem mehr oder minder kurzen Abstecher ins County Tipperary bzw. zum Rock of Cashel. Wir mussten uns danach ziemlich beeilen, nach Cork zu kommen (denn Stephie hat ein Faible für historische Monumente, und der Rock of Cashel ist in der Tat sehr beeindruckend, so dass unser Aufenthalt dann doch länger als geplant ausfiel).

Dort, in Carrigaline, bezogen wir ein relativ großes Hotel und bekamen je ein Vierbettzimmer … Das Hotel-Abendessen war aber gut, nur das dargebotene Wasser war Leitungswasser und stark gechlort. Dann doch lieber ein Weiß- (ich) und ein Rotweinchen (Stephie). Dafür war es in Cork am nächsten Tag richtig schön – die Sonne strahlte.

Von Cork aus ging es ins County Kerry, genauer: nach Tralee. Dort wartete das Hotel auf uns, das ich am gemütlichsten fand. Es war richtig „cosy“ dort, und Stephie und ich hatten einander gegenüberliegende Zimmer, die richtig nett und gemütlich eingerichtet waren. Gut, zu Hause würde ich mir solche Möbel nicht aufstellen, aber hier war es total gemütlich. Tagsüber fuhren wir durch die Gegend, besichtigten dies und das, fuhren über den Ring of Kerry – wunderschön. Ganze zwei Übernachtungen in diesem muckeligen Hotel mit total netten Angestellten und gutem Frühstück. Nur den Tee – in England, Schottland, Irland trinke ich meist Tee statt Kaffee, weil der Tee gemeinhin besser schmeckt – bekam ich nicht hinunter. Das Wasser, mit dem er zubereitet worden war, war so stark gechlort, dass sich in mir alles sträubte. Also doch Kaffee, und der war hervorragend und so gut, dass man kein Fitzelchen Chlor mehr durchschmeckte. 😉

Die erste Nacht war auch prima gewesen, und sehr erholt war ich aufgewacht. Die zweite Nacht, am nächsten Tag war mein Geburtstag, war dann … ganz anders. Noch heute vermute ich, es fand dort eine hen party oder etwas Vergleichbares statt: also ein Junggesellinnenabschied. Bis in die frühen Morgenstunden hatte ich den Eindruck, mein Zimmer befinde sich direkt über einem Großraum-Club, und die Bässe schienen das gesamte Zimmer in Schwingung zu versetzen. Sogar die Vorhänge zitterten. Dazu lautes Grölen und Johlen. Ich stopfte mir mein In-ear-Headset in die Ohren und übertönte das Ganze mit anderer Musik. Irgendwann muss ich erschöpft eingeschlafen sein.

Doch morgens um halb sieben riss mich mein Handy aus dem Schlaf. Was zum Henker … Es waren meine Eltern, die mir zum Geburtstag gratulieren wollten. Bei ihnen war es eine Stunde später. Ja, wieder ein Jahr älter – obwohl ich nach dieser weniger „cosy“ Nacht das Gefühl hatte, um mindestens zwei, wenn nicht fünf Jahre gealtert zu sein … 😉

Nach dem Frühstück – ich nahm wohlweislich gleich Kaffee – ging es weiter. Unsere nächste Station war ein kleiner Ort nahe Galway. In Galway selber hatten wir leider kein Quartier mehr bekommen – ausgerechnet in meiner irischen Lieblingsstadt. Aber der kleine Nachbarort hieß Claregalway, immerhin eine Gemeinsamkeit.

Und das war dann auch die einzige solche. Wir kamen in ein schmuckloses Kaff, das mich zu denken bewog: „Wenn ich zwischen Dungarvan und dem hier als Lebensmittelpunkt entscheiden müsste, würde ich mit fliegenden Fahnen nach Dungarvan rennen und dort um Asyl bitten.“ Es hatte etwas Deprimierendes an sich, dieses Claregalway. Und dabei hatte ich das Hotel nebst Zimmer noch nicht einmal gesehen!

Es war ein mittelschwerer Schock. Das Zimmer war nicht wirklich sauber, das Fenster ging zur Straße hinaus, und just unter meinem Fenster war eine Leuchtreklame in Pink, die in regelmäßigen Abständen auch noch blinkte! O Gott! Und nur so dünne Vorhänge … Das Zimmer wirkte so schmuddelig, dass ich am liebsten im Stehen geschlafen hätte. Als ich dann auch noch das Bad sah, beschloss ich, besser erst im nächsten Hotel wieder zu duschen. Immerhin blieben wir hier ja nur eine Nacht, dachte ich, als ich niedergeschlagen in die Dusche blickte: abgesprungene Fliesen, Haare vom Vor- oder gar Vor-Vorbewohner dieses Zimmers – und Schimmel. Nein, danke. Lieber notdürftig waschen. Nichts bekäme mich in diese Dusche, die auch noch über einen stockfleckigen Duschvorhang verfügte. Wenn ich badtechnisch eines hasse, speziell in Hotels, sind dies Duschvorhänge. Die machen oft einen versifften Eindruck und haben während des Duschens die unschöne Angewohnheit, sich ganz anhänglich an die Beine oder sonstwohin zu schmiegen. Iih!

Irgendwie zog mich das Ganze so herunter – zumal Stephie aus Zeitgründen auch Galway aussparen wollte, obwohl sie gemeint hatte, an meinem Geburtstag dürfe ich mir aussuchen, wohin wir fahren würden -, dass ich auf das Bett sank und in Tränen ausbrach. Das ist sonst gar nicht meine Art, aber hier passierte es. Blöd, dass just da meine Patentante anrief, die mir zum Geburtstag gratulieren wollte. Ich riss mich zusammen und meldete mich einigermaßen normal. Als sie aber dann fragte: „Na, ist es denn schön dort? Erzähl doch mal – was macht ihr denn heute noch Schönes?“, ließ ich meinen trüben Blick über die Einrichtung des Zimmers schweifen. An einer unsagbar kitschigen Nachttischlampe, die in allen Farben schillerte, ebenso schillernde Fransen hatte und meines Erachtens nur ein Trostpreis einer Kirmes-Losbude gewesen sein konnte, blieb er hängen, und schon plärrte ich erneut los. Meine Tante war schockiert: „Alichen, was ist denn los?“ – „Ach, nichts, es ist nur so furchtbar hi-hi-hier …“ – „Aber du hast dich doch so auf Irland gefreut!“ – „Aber nicht auf das hier …“, schluchzte ich. Doch ich riss mich schnell zusammen und schilderte meiner Tante, dass Claregalway nun mal nicht Galway sei und dieses Hotel einfach gruselig und schmuddelig. Und dann nicht einmal nach Galway, weil Stephie auf dem Weg von Tralee hierher so viele Kirchen und sonstige Bauwerke wie Souvenirläden gesehen hatte, die sie unbedingt besuchen wollte, dass nun für Galway keine Zeit mehr sei. Und das Ganze auch noch ein Jahr älter – irgendwie hatte mich all dies in Kombination umgehauen, nachdem ich die Alternative zum Besuch Galways in Gestalt des Hotelzimmers gesehen hatte. 😉

Immerhin war ich dann später in der Lage, zwei, drei Bier auf meinen Geburtstag zu trinken. Mit geröteten Augen. Und am nächsten Tag waren wir dann immerhin noch drei Stunden in Galway, bis es weiter ging.

Genauer: ins County Mayo, nach Belmullet, das auf Irisch Béal an Mhuirthead heißt und etwa 950 Einwohner hat. Und doch so ein großes Hotel! Man konnte sich glatt darin verlaufen, vor allem ich, die ein Zimmer in einem weiter entfernten Gebäudetrakt hatte, wo ich zuallererst unter die Dusche stürzte. Stephie bekam ein Zimmer mit einem normalen Bett, während ich in einem riesigen Zimmer mit vier Betten residierte. Mit Blick auf das hoteleigene Kinderschwimmbecken, das in einem Nebengebäude lag. Neben dem großen Pool. (Ich erzählte einem Freund, der anrief, um mir nachträglich zu gratulieren, ich blickte von meinem Hotelzimmer aus direkt aufs Wasser … 😉)

Frühstück gut, die Bar abends auch gut – ansonsten sehr viel Torfmoore, Wasser, Gegend und Gelegenheit zum Wandern. Es war doch etwas einsamer in dieser Gegend des Countys Mayo, und trotzdem mochte ich es. Auch das Hotel – es war ganz anders als das in Claregalway, auch wenn ich mich in meinem riesigen Zimmer etwas verloren fühlte. 😉

Drei Tage blieben wir in Belmullet. Stephie meinte, vielleicht hätten wir besser drei Tage in Tralee bleiben sollen – ich glaube, sie fand es im County Mayo etwas sehr einsam … 😉 Dann fuhren wir zurück gen Dublin, sahen uns Ballina an, was schnell ging, besichtigten unterwegs noch einiges, tranken Tee in verschiedenen tea rooms und langten schließlich in Dublin an, wo wir die letzte Nacht in einem sehr großen Hotel in Flughafennähe verbrachten. Da gab es rein gar nichts zu bemängeln, nur war es halt etwas „steril“. Aber besser das als so etwas wie in Claregalway … 😉

Mein Lieblingshotel in Irland befindet sich natürlich in … Galway. Da habe ich damals während einer Dienstreise gewohnt, und es war so hübsch verwinkelt. In den wenigen Tagen habe ich sogar einen Zimmerwechsel mitgemacht und mich eindeutig verbessert: größeres Zimmer, gemütlicher noch als das erste, mit Badewanne. Da ich im November dieses erste Mal in Galway und es draußen kalt war, habe ich das damals gleich ausgenutzt und ein schönes Bad genommen. Und da hat mich dann nicht einmal gestört, dass aus der Wasserleitung auch das eine oder andere Stückchen Torf kam. Wenn ansonsten alles stimmt, kann einen auch Torf im Badewasser nicht schrecken. 😉

Ich liebe diese individuellen Hotels – Hotelketten, wo jedes Zimmer gleich aussieht, egal, ob in Sydney oder München, sind auch nicht so mein Ding.

So, und jetzt haben wir den Salat: Ich habe Fernweh. Und das in Zeiten von Corona … 😉

Über Missverständnisse

Ich gebe zu, nicht der geduldigste Mensch zu sein. En gros war ich bis dato aber eher ungeduldig mit mir selber. Inzwischen bin ich allerdings mit mir selber gar nicht mehr so ungeduldig. Eher mit dem „Umfeld“.

Die Situation ist derzeit bescheiden – keine Frage. Warum manche derzeit aber derart bescheuert und ungeduldig reagieren, ist mir dennoch nicht klar. Und ich staune darüber, wie viele Mitmenschen davon sprechen, dass wir unter „Quarantäne“ seien. Ich mache mir Sorgen um die Allgemeinbildung – das allerdings auch nicht erst jetzt.

Viele Menschen sprechen derzeit von Quarantäne, wenn sie diese Kontaktsperre meinen, die wir seit einiger Zeit durchmachen. Eine echte Quarantäne ist etwas ganz anderes.

Ich war als dreijähriges Kind einmal ein echtes Quarantäne-„Opfer“. Mehrere Wochen lang, nicht nur maximal zwei. Diverse Wochen vor Weihnachten mit unklarem Befund ins Krankenhaus eingeliefert worden. Aus Übereifer des diensthabenden Chef-Chirurgen meines Appendix beraubt, danach dann die Diagnose Paratyphus. Anschließend isoliert. Immerhin durften Mama und Papa mich besuchen, wenn sie Kittel und Mundschutz wie Handschuhe trugen. Niemand anderes durfte mich besuchen, und die Tür meines Krankenhauszimmers ließ sich nur von außen öffnen.

Heiligabend wurde ich entlassen. Laut Krankenhaus seit einer Woche negativ getestet, aber das Gesundheitsamt war misstrauisch. Die wollten, dass ich noch länger im Krankenhaus bleiben sollte, und nur dem Einsatz eines Arztes des Krankenhauses und meiner Mutter ist zu verdanken, dass ich an jenem Heiligen Abend entlassen wurde. Ich erinnere mich übrigens heute noch daran, wie Schwester Felicitas mich in den Arm nahm und mir eine weihnachtliche Tüte mit Süßigkeiten in die Hand drückte und sagte: „Mach’s gut, Kleine – du bist gesund!“ und wie wir dann durch das Foyer liefen und dann endlich im Auto saßen. Und obwohl ich noch so klein war, wurde mir damals schon einigermaßen klar, dass es Dinge gebe, gegen die im Zweifel nicht einmal die eigenen Eltern ankommen, nachdem ich die Erleichterung in den Gesichtern meiner Mutter und meines Vaters gesehen hatte. Nach dem zuvor erfolgten erleichterten Entlassungsgespräch mit Arzt und Schwestern.

Und so war ich total glücklich, wieder in mein gewohntes Umfeld zu kommen – vor allem am Heiligen Abend! Ich kann mich sogar noch an zwei Geschenke erinnern, die ich just da bekommen habe. Eines besitze ich heute noch: einen Steiff-Teddybären von meinem Onkel Christoph. 😊 Das zweite war ein „Bausatz“ von Lego.  Den habe ich – lange gesund – mit allen anderen Legosteinen, die ich besaß, anderweitig verbaut. 😉 Den Teddy besitze ich heute noch, obwohl er nicht mehr brummen kann. Seine Stimme hat er schon lange verloren. 😉

Was ich nie vergessen habe, waren die Wochen nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus. Ich war einfach nur froh, wieder bei Mama und Papa zu sein – und sogar bei meiner Schwester. 😉 Mir war zunächst nicht klar, was damit verbunden war. Ich wunderte mich damals allerdings nicht nur darüber, dass ich meine Hände nach dem normalen Waschen in einer Lösung baden musste, die ekelhaft roch. Den Namen „Sagrotan“ habe ich nie vergessen, ganz zu schweigen von dem Geruch,  und ich fühlte mich schon als Kind irgendwie schuldig, dass jeder, der mit mir zu tun gehabt hatte, seine Hände in diesem ekelhaften Zeug baden musste.

Was aber noch krasser war, war die Tatsache, dass regelmäßig Stuhlproben abzugeben waren. Von der ganzen Familie. Glücklicherweise hatten wir damals einen sogenannten Flachspüler. 😉 Und mehr oder minder regelmäßig kam ein „Inspektor“ vom Gesundheitsamt, sich davon zu überzeugen, dass die Quarantänemaßnahmen in meiner Familie eingehalten würden. Die waren derart gelagert, dass zwar meine Eltern das Haus für Arbeit und Einkaufen verlassen durften, meine Schwester und ich aber nur in unserem Kinderzimmer bleiben sollten. Und das Zugeständnis an meine Eltern – Arbeiten und Einkaufen – auch nur unter der Voraussetzung, dass dann eben Proben eingesammelt werden würden. Und nicht nur das – ich glaube, meine Mutter hat damals jeden Tag mindestens einmal die Waschmaschine anwerfen müssen. Ganz zu schweigen von dieser Sagrotan-Maßnahme. Ich weiß nur, dass ich damals ein schlechtes Gewissen hatte – das geschah alles meinetwegen. (Und danach war ich auch nicht mehr im Kindergarten …) 😉

Regelmäßig kam Herr Fischer-Voor zu uns. Ein freundlicher Mensch, und er war eigentlich ziemlich cool. Während meine Mutter die vier in adäquate Vorrichtungen gefüllten Stuhlprobenbehältnisse noch in einer Extrapackung in Gestalt einer Plastikverpackung verstauen wollte, sagte Herr Fischer-Voor nur: „Nein, alles okay!“ und steckte sich die vier Proben relativ „nackt“ völlig ungerührt in die Tasche seines Jacketts. Das Gesicht meiner Mutter werde ich nie vergessen! 😉

Herr Fischer-Voor war im Grunde immer pünktlich, und wenn er seinen Besuch angekündigt hatte, erreichte er meine Familie auch immer so, wie sie zu erreichen war, ganz nach Vorgabe. 😉

Nur einmal kam er unangekündigt. Da tobten Stephie und ich, die wir gemäß Auflagen des Gesundheitsamtes nicht nur das Haus, sondern sogar das Kinderzimmer nicht verlassen durften, mit Mama, die meinte, man könne Kinder doch nicht wochenlang in ein kleines Zimmer sperren (so die Vorgabe des Gesundheitsamtes: „Die Kinder dürfen das Kinderzimmer nicht verlassen!“), laut lachend quer durch die Wohnung, als es an der Tür klingelte. Mein Vater öffnete die Tür, und ich habe ihn nie wieder so laut und vermeintlich freudig den Besucher an der Tür begrüßen hören. 😉 So laut, dass auch Mama, Stephie und ich das hören konnten. Und sofort waren wir stumm, während wir meinen Vater sagen hörten, dass die Kinder leider gerade schliefen, als Herr Fischer-Voor angab, nachsehen zu wollen, ob die Kinder auch brav in ihrem Zimmer seien … Mein Vater hat irgendwie geschafft, dem Gesundheitsamt-Inspektor die vier Proben auszuhändigen, ohne dass dieser noch darauf bestand, „nach dem Rechten“ zu sehen. Mein Vater behauptete hinterher, es sei hart an der Grenze gewesen, gab allerdings auch zu, der Inspektor habe gegrinst. 😉

Ich habe das nie vergessen, denn das war einschneidend. In der Tat wurde man überwacht. Was mich derzeit stark verwundert, ist die Tatsache, dass es Menschen gibt, die sich allen Ernstes einbilden, unter Quarantäne zu stehen, obwohl doch nur eine Kontaktsperre besteht. Die finde ich auch unangenehm, da ich – unter anderem – meine Eltern nicht besuchen kann oder darf. Aber eine echte Quarantäne ist das nicht. Das ist noch viel krasser. 😉 Und so verstehe ich auch das vielerlei anzutreffende „Geheul“ nicht. Liebe Leute – ihr habt keine Ahnung, was Quarantäne wirklich bedeutet. 😉

Bleibt gesund und munter! 😊

„Ali the Kid“ ;-)

Letztes Wochenende ließ sich eigentlich ganz normal an nach der inzwischen als normal akzeptierten Arbeitswoche. Wir arbeiten inzwischen in Wechselschicht: den einen Tag im Büro, den nächsten zu Hause, modern Homeoffice genannt – auch so ein „schöner“ Anglizismus. 😉 Denn das Home Office ist in Großbritannien das Innenministerium. In amerikanischem Englisch der Hauptsitz eines Unternehmens. Wahrscheinlich daher die im deutschen Sprachgebrauch übliche Zusammenschreibung. 😉

Nach zwei Wochen im Wechsel und nach zwei Wochen, in denen ich zwischen GE und dem Wohnort meiner Eltern mehrfach hin und her raste, um für sie einzukaufen, da ich nicht will, dass sie in den Geschäften herumturnen, ereilte mich am Samstag etwas, das mich normalerweise niemals derart in Unruhe stürzen würde: Ich hatte Halsschmerzen. Echte Halsschmerzen, nicht etwa Halskratzen, wie Ex-Kollege Birger es genannt hätte.

Ich beschloss, das Ganze zunächst zu ignorieren, verließ aber vorsichtshalber das Haus auch nicht.

Am Sonntag litt ich sowohl unter Hals-, als auch Kopf- und Gliederschmerzen. Alles normal bei einem grippalen Infekt. Doof nur, dass ich gedacht hatte, die Erkältungssaison längst hinter mir gelassen zu haben. Im Laufe des Tages 37,8°C Temperatur – war am Tag davor höher und knapp jenseits der 38°C gewesen – 38,2°C.

Am nächsten Morgen – inzwischen nur noch 37,6 Grad und Homeoffice-Tag – rief ich lieber bei der Arbeit an und fragte, wie hier vorzugehen sei. Nachdem ich bereits meine Hausärztin zu erreichen versucht hatte. Kein Durchkommen – dauernd besetzt.

Mein Vorgesetzter meinte, ich solle zunächst und auch am nächsten Tag zu Hause bleiben und von dort arbeiten, bitte aber auch noch meinen Hausarzt anrufen. Auf keinen Fall am nächsten Tag mit den genannten Symptomen zur Arbeit kommen. Leuchtete ein, und meine Team B-Kollegin Gina will ich ganz gewiss nicht mit irgendetwas anstecken, was auch immer es sei. 😊

Gegen 15 h erreichte ich jemanden in der Praxis. Die sehr nette junge Dame fragte nach meinen Daten und nach meinen Symptomen. Ihre Stimme klang dabei zunächst völlig normal. Doch nachdem ich ihr die Symptome aufgezählt hatte, nahm die Stimme plötzlich einen recht schrillen Ton an, und sie schrie: „Frau B. – Sie dürfen die Praxis nicht betreten!“ Ja, das wusste ich theoretisch auch schon. Ebenso theoretisch hatte ich dafür absolutes Verständnis gehabt – war ja auch völlig logisch.

In der Praxis (damit ist keineswegs die des Arztes gemeint, die man ja nicht betreten darf) und wenn einem das höchstselbst gesagt wird, fühlt sich das auf wundersame Weise und ganz plötzlich ganz anders an. Egal, was es ist: Ab in die Leprastation am ganz anderen Ende des Dorfs! Dahin, wo niemand hingehen will. Sorry, ich weiß, wie geschmacklos das klingen mag, aber exakt so fühlte sich das an. Ich wurde direkt und am Telefon aus dem Verkehr gezogen. Als ich sagte, dass ich niemanden hätte, der die AU abholen könne, sagte man mir hektisch, man würde sie mir schicken – bis heute nichts da.

Immerhin hatte man mir noch gesagt, ich dürfe auf gar keinen Fall zur Arbeit gehen. Und ich solle bitte die Wohnung am besten gar nicht verlassen. Ich fragte noch, ob man mir nicht etwas verschreiben könne, woraufhin ich die Antwort bekam: „Wir verschreiben doch nichts! Nehmen Sie halt die Mittel, die sonst bei grippalem Infekt und Bronchitis helfen – die helfen dann am ehesten auch bei Corona!“

Ehrlich gestanden: Danach war ich doch ein bisschen schockiert. Mich schockte nicht die Aussicht, in der Wohnung bleiben zu müssen, denn ich habe als Kind schon eine mehrwöchige echte Quarantäne erleben müssen und habe sie überlebt. Eigentlich war ich schockiert darüber, dass man so schrill und schnoddrig reagierte. (Auf der anderen Seite und nach dem ersten Schrecken war mir dann auch klar, dass die arme Frau sicherlich an diesem Tag wie vielen Tagen zuvor schon -zig Anrufe dieser Art angenommen hatte. Im Grunde kenne ich Ähnliches ja selber. Schön war es trotzdem nicht.)

Immerhin teilte mir die Dame noch mit, dass ich umgehend anrufen solle, wenn es schlimmer werden würde. Nun, immerhin. (Allerdings fragte ich mich, was dann wohl passieren würde: Fernheilung per Telefon? Oder würde man mir gleich eine Abordnung des zuständigen Gesundheitsamtes schicken, die in Schutzanzügen ankommen und mich in Frischhaltefolie gewickelt in einen Sonder- und Isolier-Krankenwagen schaffen würde, dessen Türen sich nur von außen öffnen lassen? 😉)

Danach telefonierte ich mit meinem Chef, der meinte: „Wenn du irgendetwas brauchst, sag Bescheid, Ali! Dann fahre ich los, bringe es zu dir und stelle es dir vor die Tür – und das meine ich absolut ernst! Mach dir keine Sorgen! Ruf mich einfach an – ich meine das ernst.“ Das fand ich total klasse. 😊

Danach durchforstete ich meinen Badezimmerschrank, wo ich auch Medikamente ablege. Nur noch geringe Vorkommen derjenigen, die gegen Bronchitis und sonstige Erkältungserscheinungen helfen. Was jetzt? Meinen Chef anrufen?

Nein. Ich zog meine Jacke an, wickelte mir einen langen Webschal zweimal um den Hals und zog ihn dann doppelt über Mund und Nase. Billy the Kid hätte mich sofort engagiert! Ich sah echt cool aus. 😉

Die nächste Apotheke ist nicht weit entfernt. Auf dem Weg dorthin hielt ich mich von entgegenkommenden Leuten fern, nahm sogar einen kleinen Umweg. Am Eingang der Apotheke ein Riesenschild: „Bitte betreten Sie die Apotheke nur, wenn weniger als drei Kunden darin sind!“ Ich spähte hinein: Die Apotheke war leer, und ich öffnete die Tür und ging hinein.

Der Apotheker, der an den mit Plexiglas von den Kunden abgeschotteten Tresen trat, rief trotz meiner Maskerade nicht die Polizei, und ich zog rasch den Schal hinunter und rief: „Bronchipret, Bronchoforton und ein digitales Fieberthermometer, bitte!“ (Mein eigentliches Thermometer hatte ich kurz zuvor unwiederbringlich zerstört, indem ich mich draufgesetzt hatte.)

22 Euro bezahlte ich und eilte maskiert nach Hause zurück, froh, dass mir im Hausflur niemand begegnete, denn ich ähnelte wirklich einem Outlaw und hatte keine Lust auf Erklärungen.

Die letzten Tage ab 8 Uhr Arbeit von zu Hause. Morgens immer alles prima und konzentriert immer bis Mittag bzw. bis zum frühen Nachmittag. Dann kam immer der Typ mit dem Baseballschläger …

Will heißen: Ab Mittag/frühem Nachmittag ereilte mich stets eine Art Rückfall. Ab dann Fieber, massive Gliederschmerzen, Kopfschmerzen – seit Montag jeden Tag das Gleiche. Seit Dienstag auch noch Husten, aber ganz anders als bei einer Bronchitis.

Testen will mich trotzdem niemand, obwohl ich am Mittwoch telefonisch in meiner Hausarztpraxis nachfragte. Es hieß nur: „Nein, Frau B. – das ist nicht vorgesehen, und das wird auch nicht gemacht. Nehmen Sie einfach nur die Medikamente, die Ihnen bei einem grippalen Infekt helfen.“

Vermutlich werde ich auch die kommende Woche durchgängig von zu Hause aus arbeiten müssen, wenn es so weitergeht, denn richtig gut geht es mir wirklich nicht. Ganz toll! Ich hätte auch nie damit gerechnet, dass ich je sagen würde, dass mir das Büro fehle!

Tut es aber. Da habe ich nicht nur Zugriff auf die notwendigen Akten, nein. Da sitzt im Nebenbüro jemand, mit dem ich – natürlich mit Sicherheitsabstand – wunderbar quatschen und ein Käffchen trinken kann. Ich sage nur: Team B rules! Immerhin habe ich meine Team-B-Kollegin Gina heute bei unserer Team-Videokonferenz gesehen, und nachdem ich mich angemeldet und eingeklinkt hatte, winkte sie auch schon begeistert und schrie: „Hey, Ali! Hoffentlich bist du bald wieder im Büro! Ich hab‘ zwar gut zu tun – aber ganz allein ist es doch doof! Werd‘ schnell gesund, Trulla!“ Ich lachte und hustete direkt – Gina darf „Trulla“ zu mir sagen. Ich weiß, wie sie es meint, und ich würde sie umgekehrt ebenso ungestraft so nennen dürfen. 😊

Corona geht mir auf den Senkel – jetzt fangen meine qua „Hausarrest“ massiv unterforderten Eltern schon aus Langeweile an, Masken zu nähen, die Mund und Nase bedecken, von denen meine Mutter meinte: „Besser als nix!“ Zwei davon haben sie heute an mich geschickt – total lieb, und darüber freue ich mich auch. Gespannt bin ich, wie lang meine Haare wohl gewachsen sein werden, wenn gefahrlos die Restriktionsmaßnahmen, in Teilen durchaus zu begrüßen, zurückgefahren werden und man wieder zum Friseur gehen kann. Ich habe den Eindruck, meine Haare wachsen derzeit besonders drastisch, und eine meiner Kolleginnen meinte heute bei der Videokonferenz: „Ich wusste gar nicht, dass du so relativ dunkle Haare hast, Ali!“ Tja … 😉 Immerhin: dunkel. Nicht grau. 😉

Euch alles Liebe und Gute – und erkältet Euch nicht oder werdet sonstwie krank! Das ist immer unangenehm, im Moment aber so richtig doof.

Ich weiß, wovon ich spreche. 😉

„Bella ciao!“

Es ist erstaunlich, welche Auswirkungen die Corona-Krise hat. Ich rase seit kurzem jede Woche nach D. und kurz darauf wieder zurück nach G., nachdem ich den Wocheneinkauf für meine Eltern vor deren Haustür gestellt und gewartet habe, dass sie diesen aus dem Mehrweg-Einkaufskarton geholt haben, den ich dann wieder in Montys Kofferraum stelle. Sie legen Geld in den Karton, auch mal einen Brief, den ich in den Briefkasten werfen soll. Sie – immer sehr selbstbestimmt – finden zum Kotzen, dass sie nunmehr zu Hause bleiben sollen, und ihnen wie mir ist klar, dass sie irgendwann sterben werden – aber bitte nicht so, nicht an diesem Virus!

Ich könnte losheulen, wenn ich sie da in der Tür stehen sehe. Ich kann sie nicht einmal in den Arm nehmen, kann sie nicht drücken, nur so gut einkaufen, wie es eben möglich ist. Letzten Samstag war ich zur rechten Zeit am rechten Ort und habe das letzte Stück Tafelspitz ergattert – ich glaube, so stolz war ich zuletzt am Tage meines Uni-Examens. Sie geben mir Geld, das ich eigentlich gar nicht haben möchte. Aber sie sind korrekt, und so kaufe ich von meinem Geld immer ein paar kleine Dinge, von denen ich hoffe, dass sie sich darüber freuen. Auseinanderrechnen muss ich es anschließend, denn beim allerersten Einkauf, bei dem ich ihren und meinen Einkauf bereits an der Kasse trennen wollte, stellte ich fest, dass es nicht gut möglich sei, da immense Hektik im Supermarkt herrschte.

Man besinnt sich in dieser Krise auf die wirklich notwendigen Dinge – und doch kann man ein bisschen „Luxus“ dazupacken. Denn vom Luxus gibt es nach wie vor reichlich. Weniger dann von wirklich wichtigen Dingen. Ich habe am Samstag auf der Rückfahrt von D. tanken müssen. Im Tankstellen-Shop sah ich ein Achterpack Toilettenpapier bei den Hygieneartikeln, wie es politisch korrekt heißt. Klopapier! Ein ungewohnter Anblick, zumindest im Verkauf! Da mein Bestand empfindlich zur Neige ging, stürzte ich mich – zu meinem eigenen Schrecken – wie ein Aasgeier darauf und sagte zur Verkäuferin noch mit annähernd fassungs- und schier atemlosem Timbre: „Klopapier!“ (In etwa so ähnlich, wie Verdurstende mit letzter Kraft: „Wasser …“ absondern. Ich schämte mich auch sogleich.) Sie lachte und sagte: „Ja, greifen Sie schnell zu! Es sei denn, Sie hamstern! Das finde ich nämlich abstoßend!“ – „Ich auch! Nein, ich hamstere nicht – ich finde das massiv unsozial, und ich möchte nur diese acht Rollen, weil ich selber nur noch wenig habe. Ich würde sogar teilen!“

Ich habe für acht Rollen zweilagiges „Nein!“-Toilettenpapier 3,99 € bezahlt! Aus purer Verzweiflung. Hätte man mir das vor zwei Monaten gesagt, hätte ich gönnerhaft grinsend mit meinem Zeigefinger gegen meine Stirn getippt. Als ich den Tankstellen-Shop verließ, zog ich meine Jacke aus und verbarg das Corpus delicti lieber darunter. Naja – so ähnlich zumindest. Nicht ganz so, und doch sah ich die kritischen Blicke derer, die draußen noch ihre Autos betankten. Ich fuhr mit quietschenden Reifen davon … 😉

Kürzlich haben einige Leute in Bamberg, um den extrem schwer geschlagenen Menschen in Italien Solidarität zu bekunden, Bella ciao! gesungen und das Ganze im entsprechenden Medium gepostet. Die Aktion fand Anklang in den Medien – und auch in Italien, wie ich hörte. Und prompt trat der Typus Mensch auf den Plan – häufig als typisch deutsch bezeichnet -, der an allem etwas zu motzen und zu meckern hat! Zum Kotzen!

„Das ist ein Kommunistenlied!“ – „Da will man sich nur in Szene setzen!“ – „Da könnte ja jeder kommen – ein linkes Lied, ekelhaft!“

Aha. Ekelhaft also eine Aktion, in der Solidarität bekundet wird. Bella ciao! ist ein Partisanenlied. Das Lied italienischer Partisanen speziell aus dem Zweiten Weltkrieg. In der Tat waren Partisanen wohl eher das Gegenteil von „rechts“, und, ja, es gab auch Trittbrettfahrer, aber in Gänze weiß ich nicht, was derart gegen ein Lied von Partisanen zu sagen ist, die ihr Land und ihre Freiheit verteidigt haben. Ein Kampflied in der Tat, ja, eines, das anfeuert, aber vielleicht sollten die Kritiker – so des Italienischen mächtig – sich den Text mal genau ansehen und vielleicht ein paar Geschichtsbücher studieren. Und es einfach doch selber besser machen, statt gar nichts zu tun oder nur zu motzen.

Aus mehreren berufenen italienischen Quellen hörte ich jedenfalls, dass man das toll und sehr sympathisch und aufmunternd gefunden hätte. Und genau darum ging es ja auch. Nicht um mehr.
Was mich dieser Tage total ankotzt, ist diese defätistische Haltung, die besagt: „Ach ja, an irgendwas sterben wir doch alle!“ Ja, richtig, aber ich möchte eigentlich jetzt noch nicht sterben! Kopp hoch, nicht so negativ! Das nervt.

Und richtig wütend werde ich, wenn ich höre: „Ach, ja, aber das trifft doch eh hauptsächlich die Alten!“ Ganz toll! Wie arschig muss man sein, so etwas zu sagen! Egal, wie alt – keiner möchte sterben, wenn er nicht ohnehin schon todkrank darniederliegt und Schmerzen leidet. Kopp einschalten, liebe Leute – möchtet ihr denn jetzt so einfach ohne vorheriges Leiden sterben? Sterben, wenn es euch ansonsten gut geht? Sicherlich nicht. Und ich schwöre Euch: Auch wenn ihr älter werdet, werdet ihr im Normalfalle gern noch weiterleben wollen, wenn ihr nicht an einer schlimmen Krankheit leidet und/oder massive Schmerzen habt. Wie ignorant, so damit umzugehen – und wie dumm!

Haltet Abstand, wenn ihr zum Einkaufen müsst – nicht einmal das schaffen alle, obwohl es recht einfach ist! Bleibt zu Hause, so oft es geht.

Ich hoffe, dieser Spuk möge bald zu Ende sein. Ich finde es auch nicht schön. Aber das Gejammer und die Verschwörungstheorien, die inzwischen wie Pilze aus dem Boden sprießen, helfen niemandem.

Alles Gute für euch – und bleibt gesund und munter! 😊

„Boom!“  

Meine neue Brille ist da. Gestern habe ich sie abgeholt, und heute sollte die Premiere bei der Arbeit sein, denn normalerweise kennt man mich nur ohne Brille und mit Kontaktlinsen. Aber diese Brille finde ich so schön, dass ich sie sogar in der Öffentlichkeit tragen möchte. 😊

Und so machte ich mich heute mit exakt dem gleichen Gefühl auf den Weg, mit dem ich früher zur Grundschule ging, wenn ich ein neues T-Shirt besaß. Ein schönes Gefühl war es, und völlig sorglos bog ich, kaum aus dem Hof gefahren, nach links ab. Ich fuhr mit Tempo 30 durch die Kurve, ich fuhr mit Tempo 30 weiter – da, Rechts vor Links, aber es kam keiner. Und fröhlich fuhr ich weiter Richtung Kreisverkehr.

Da kam mir von weit vorn ein Auto entgegen. Ein alltägliches Phänomen, und vorsichtshalber nahm ich meinen Fuß vom Gas, schaltete in den zweiten Gang und tuckerte mit 20 km/h weiter, während der Entgegenkommende unbeirrt weiterbretterte, und das gewiss mit mehr als 30 Kilometern in der Stunde.

Auf meiner Seite parkten zur Rechten Autos, aber so, dass sie fast zur Gänze auf dem Bürgersteig standen. Auf der anderen Seite können sie so nicht parken, sondern ragen in die Fahrbahn hinein. Der Fall war klar: Ich hatte Vorfahrt, aber ich war bereit, diese notfalls zu opfern – warum hielt der Entgegenkommende nicht oder bremste wenigstens ab?! Und ich stieg auf die Bremse und wollte rechts einscheren. Aber da gab es nichts einzuscheren – keine Ausweichmöglichkeit.

Und so konnte ich nur innehalten und hoffen: „Vielleicht passt es ja doch so haarscharf!“ Kaum zu Ende gedacht, knallte und rummste es auch schon, und fasziniert und wie in Trance sah ich zu, wie mein linker Außenspiegel in erstaunlich viele Einzelteile zerlegt wurde. Die Glühbirne, die sich im Inneren befindet, nur noch an ihrer Leitung und ansonsten albern heraushängend, leuchtete zumindest zuerst noch, erlosch dann jedoch … Es ging alles so schnell, und mein erster Gedanke war: „Ich muss zur Arbeit!“ Mein zweiter: „Fahr vor den ersten Parkenden, Warnblinkanlage an, und dann steigst du aus und killst den Idioten, der so bescheuert fährt!“

Ich stieg aus, hob das Hinterteil meines linken Außenspiegels auf, das auf der Straße lag, bevor ein nachfolgendes Auto es völlig in Schutt und Asche legen konnte, und stürmte auf die Frau zu, die hinter mir auf der anderen Seite mit eingeschalteter Warnblinkanlage rechts angehalten hatte. Ich rief ihr zu: „Sehen Sie das? Das kommt davon, wenn man einfach weiterbrettert! Danke auch! Mein Außenspiegel ist völlig fratze – ganz herzlichen Dank! Sie hatten keine Vorfahrt!“

Ich gebe zu, dass ich in derlei Ausnahmesituationen nicht immer das an den Tag lege, was mir seitens meiner Eltern in puncto Höflichkeit für den Alltag beigebracht wurde. Ich muss allerdings dazusagen, dass es so laut geknallt hatte, dass ich im Grunde mit Schlimmerem gerechnet hatte und unter Adrenalin stand.

Die Frau deutete ebenso hektisch auf ihren linken Außenspiegel, und nachdem längs der Häuserfronten zur Rechten und zur Linken ein Fenster nach dem anderen geöffnet worden war und immer mehr Köpfe sichtbar wurden, kamen die Frau und ich überein, dass ich zunächst wenden und hinter ihr parken würde, bevor die Polizei – von uns gerufen – käme. Und so geschah es dann auch.

Als ich hinter ihr geparkt hatte, sah ich, dass sie die hintere Tür auf der Fahrerseite geöffnet hatte, aus der infernalisches Geschrei in den höchsten Tönen quoll. Ich trat hinter sie und sah zu meinem Entsetzen, dass ein Kleinkind in einem Kindersitz an Bord war, das so infernalisch schrie, dass mir ganz schlecht wurde: O Gott – ein Kleinkind involviert. Hoffentlich war der kleine Wicht nicht verletzt! Immerhin hatte es doch einen heftigen Knall gegeben.

Sowohl meine Stimmung, als auch meine Stimme veränderten sich sofort, und ich sagte: „O mein Gott, Sie haben ein Kleinkind im Auto! Ist alles in Ordnung?“ Die junge Frau war inzwischen auch ruhiger geworden, und sie sagte: „Ich glaube, sie hat sich nur erschreckt.“

Und von da an war zwar nicht alles tutti, aber wir unterhielten uns freundlich, und die kleine Janina wurde immer fröhlicher. Ich glaube, sie war die Einzige, die das Ganze sogar total spannend und lustig fand. Jedenfalls lachte sie die ganze Zeit fröhlich und schenkte mir sogar die Abdeckung ihres Teefläschchens, während ihre Mutter und ich, inzwischen unter meinem Regenschirm vereint, auf die Polizei warteten.

Da kam auch endlich ein VW-Bus mit Polizei-Aufschrift und -Lackierung. Ein Polizeibeamter, der sowohl Janinas Mutter als auch mich nicht nur bei weitem überragte, sondern im Gegensatz zu dem Weiberclub, bestehend aus Janina, Janinas Mutter und mir, auch noch über erheblich mehr Testosteron verfügte, stieg aus, begrüßte uns und sah sich dann die Schäden an den beiden noch immer warnblinkenden Autos an. Und dann sagte er: „Tja, das ist ja wohl einmal mehr ein völlig vermeidbarer Unfall.“ Ach! Nee! Im Ernst? Ist das jetzt die neue Formulierung für „Frau am Steuer“?

Ich schnaubte leicht und sagte: „Ja, das ist uns auch klar, und wir haben das auch nicht aus Spaß oder Absicht getan! Es ist nun einmal passiert, und wir finden das beide selber richtig blöd, zumal wir beide keinen linken Außenspiegel mehr haben, was ärgerlich genug ist!“ Da grinste der Polizist und meinte: „Sorry, war nicht böse gemeint. Wie ist das Ganze denn passiert, und wer kam aus welcher Richtung?“

Und nachdem er das von uns Erklärte analysiert hatte, erklärte er Janinas Mutter: „So, wie Sie beide das beschrieben haben, sind Sie die Unfallverursacherin. Sie haben Frau B. die Vorfahrt genommen und dadurch diesen Unfall verursacht – Frau B. hatte keine Möglichkeit, auszuweichen. Und Sie hätten hinter den parkenden Autos anhalten müssen.“ Und nachdem er das Ganze noch einmal zusammengefasst hatte, fragte er sie: „Haben Sie eine EC-Karte dabei?“ – „Ja.“ – „Denn Sie müssen ein Verwarngeld zahlen, da Sie den Unfall verursacht haben. Hiermit verwarne ich Sie.“ Janina lachte fröhlich dazu, und sie griff nach des Polizisten Hand, der sie wohl auch süß fand und meinte: „Na, immerhin konnte heute einer hier eine Freude gemacht werden.“ Dann kniff er mir ein Auge zu. Ich kniff zurück.

Ich bekam ein Formular in die Hand gedrückt, vorzulegen bei meiner Werkstatt, die anhand des gegnerischen Autokennzeichens die entsprechende Versicherung in Kenntnis setzen werde.

Am Freitag habe ich den Termin zum Wechsel meines Außenspiegels. Mir war nach alldem so kodderig, dass ich von der Werkstatt direkt nach Hause fuhr – nicht ganz so angeschlagen wie mein Außenspiegel, aber ähnlich …

Ich hoffe, ich habe nie einen schwereren Unfall, und das aus ganz verschiedenen Gründen.

Immerhin hatte Janinas Mutter zum Abschied gesagt: „Das ist zwar alles totaler Mist, aber wenn dieser Unfall schon passiert ist, bin ich froh, dass Sie meine Gegnerin sind, denn Sie sind sehr nett gewesen. Nicht auszudenken, wäre ich an jemand anderen geraten!“ Na, dann! 😉