Wohin mit dem Klavier?

Heute habe ich meine Eltern endlich mal wieder besucht – es war seit einiger Zeit überfällig. Wir wohnen nur 20 Kilometer voneinander entfernt, und ich wollte sie schon seit einigen Wochen mal wieder länger besuchen, was ich sonst öfter tue – aber es kam dauernd etwas dazwischen.

Erst war meine Mutter krank, und das ansteckend. Das Wochenende darauf war für meine Tante reserviert, die allein ist und sich über Besuch freut, die ich auch sehr gern besuche, weil ich sie sehr mag. Das stand schon länger fest. Letzte Woche lag ich mit einem Magen-Darm-Virus so richtig flach. Flacher ging kaum.

Nun endlich in dieser Woche, und so fuhr ich heute hin. Es gab ein hervorragendes Mittagessen – Kalbsbäckchen mit Klößen und Gemüse. Sehr lecker. Ich hätte mir sicherlich nur einen Salat gemacht, wäre ich nicht gefahren. Schmeckt zwar auch, aber das hier war wirklich hervorragend.

Nach dem Essen gab es Kaffee, von mir gekocht, und meine Mutter rief, ob ich sie umbringen wolle – der Kaffee sei ja derart stark, dass man Sorge um das Herz-Kreislaufsystem haben müsse. Mit Milch ging es dann aber.

Beim Kaffee meinte meine Mutter: „Ali, bist du am Klavier interessiert?“ Und sie deutete auf das wundervolle, alte Klavier, mit dem ich groß wurde. Es ist ein echter Methusalem und über hundert Jahre alt, klingt aber – wenn gestimmt – wunderbar und hat einen schönen, ein wenig weichen Anschlag. Es ist kein besonders hochklassiges Piano, kein Bechstein, aber schon seit vielen Jahrzehnten in der Familie, ein echtes Erbstück, und ich saß schon als etwa Dreijährige daran und klimperte darauf herum, wobei ich behauptete, ich spielte den Rosenkavalier, eine Oper von Richard Strauss. Hatte ich wohl irgendwo aufgeschnappt. Auf dem Notenhalter das alte Grundschul-Liederbuch meiner Mutter, welches auf dem Kopf stand … 😉

Auf diesem Klavier habe ich die ersten Tonleitern und die ersten kleinen Übungsstücke erlernt, und es nahm mir mein überschäumendes Temperament nie übel, wenn ich wieder eine Stufe weiter war und ein Stück üben musste, dessen Technik, Fingersatz und Dynamik noch übungswürdig und -bedürftig war. Es war erfreulich duldsam, wenn ich haareraufend daran saß und – wenn ich so richtig fuchtig wurde, wenn meine Finger sich zu verknoten schienen bei einem besonders schnellen Lauf – mit beiden Händen bzw. allen zehn Fingern auf die Tasten eindrosch, um meinem Zorn Luft zu verschaffen, zumal ich nie Klavier hatte lernen wollen. Auch das nahm das Klavier nie übel. Aber es erlebte auch die Zeiten, da ich voller Freude darauf spielte – da war ich allerdings auch schon so weit, dass ich mich mit Chopin auseinandersetzen konnte.

Ich habe es so kennengelernt, wie es heute aussieht, aber meine Mutter beklagte seit jeher, dass es so ein wunderschönes Jugendstilklavier gewesen sei, bevor mein Vater, der Jugendstil nicht mag, alle floralen Elemente auf beweglichen Teilen des Pianos von einem Schreiner entfernen ließ. Auch die beiden Kerzenhalter, denn es ist ein wirklich altes – und ehrwürdiges – Klavier. Ein Klavierstimmer, der vor einigen Jahren an ihm tätig wurde, als es einen gewissen Dämpfklang aufwies, wollte es meinen Eltern abkaufen, denn er identifizierte es als echtes Zimmermann-Klavier aus Leipzig, das um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert gebaut worden sei. Er war begeistert, monierte lediglich die Tatsache, dass die floralen Jugendstil-Elemente beseitigt worden seien. Meine Mutter lachte dreckig, mein Vater überging den Einwand und erklärte, das Klavier sei nicht zu verkaufen. Der Klavierstimmer bedauerte dies – so ein schönes, altes Instrument, das nach der Stimmung wieder hervorragend ohne Dämpfklang funktioniere! Und er setzte sich an das Piano und spielte einige gefällige Läufe, wobei er meinte, es mache Freude, auf dem so gut erhaltenen und gepflegten Instrument zu spielen. Wenn meine Eltern es sich anders überlegen sollten – sie hätten ja seine Kontaktdaten.

Als meine Mutter mir davon erzählte, rief ich: „Nein, nicht verkaufen!“ – „Aber man musste dich doch früher fast ans Klavier prügeln, bevor du übtest!“ (Zur gefälligen Kenntnis: Ich bin niemals geprügelt worden – und schon gar nicht ans Klavier. Musik soll Freude machen, und das hat man mir auch so vermittelt. Und irgendwann griff der Ehrgeiz. 😉) „Ja, aber ihr könnt das Klavier doch nicht verkaufen! Ich hänge daran! So viele Stunden habe ich daran gesessen, voller Frust, manchmal aber auch mit Spaß! Bitte nicht abgeben!“

Damals meinte meine Mutter schon: „Dann musst du es aber auch irgendwann übernehmen. Wir werden nicht jünger, und einer muss dann das Klavier nehmen.“ – „Ja, ist doch kein Problem! Stephanie hat doch schon Opas Klavier übernommen – dann nehme ich das hier! Ich dachte, das sei klar.“

Und heute kam das Thema erneut zur Sprache. Was ich etwas spooky fand, war die Tatsache, dass ich vor zwei, drei Tagen daran denken musste, was mit dem Klavier werden würde, wenn dereinst mein Elternhaus möbeltechnisch reduziert werden würde (meine Mutter liebt seit einiger Zeit möglichst leere Räume). Keine Ahnung, wie ich darauf kam – ich finde es vor dem heutigen Hintergrund auch ein wenig gespenstisch. Noch gespenstischer, dass ich schon darüber nachgedacht hatte, wie man hier im Wohnzimmer die Möbel derart zusammenrücken könne, dass das Klavier einen geeigneten Platz finden würde. Meine Mutter und ich scheinen telepathisch verbunden zu sein – oder so etwas Ähnliches. 😉

Heute eröffnete sie mir beim Kaffee den Plan zum Klavier: „Ali, hast du Interesse an diesem Klavier?“ – „Ja, sicher – habe ich doch immer gesagt!“ – „Und wohin willst du es dann stellen?“ – „Für das Klavier wird sich Platz finden!“ – „Ansonsten wird es zerlegt und dann zum Wertstoffhof gebracht.“

Ich schnappte nach Luft, dann rief ich: „Mama! Das ist ein Musikinstrument und keine olle Kommode!“ (Man muss dazusagen, dass meine Mutter selber das Klavierspielen beherrscht und kulturbewusst ist – und dann so ein Vorschlag! Ich war entsetzt!) Sie grinste und sagte: „Ja, und?“ – „Das ist ein Musikinstrument, Mama! Das derart zu behandeln, ist Frevel! Das ist, als würde man Bücher zerstören – das geht gar nicht! Ich werde Platz finden – und dann kommt es zu mir!“ – „Was willst du mit dem völlig verstimmten Ding?“ – „Man kann es stimmen lassen, und dann fange ich wieder mit Spielen an! Auf keinen Fall wird es brutal entsorgt – das geht gar nicht!“

Meine Mutter grinste noch mehr. Mein Vater atmete auf. Er hatte die Unterhaltung mit Unbehagen verfolgt – er hängt auch an dem Klavier.

Ich habe eigentlich gar keinen Platz für das Klavier, aber ich werde welchen schaffen. Und irgendwie habe ich den Eindruck, dass ich genauso reagiert habe, wie es auch meiner Mutter recht ist. 😉

Und das Schönste: Ich werde wieder mit dem Klavierspielen anfangen. Obwohl ich das ja nie hatte lernen wollen, fehlte etwas. 😊

Ein Klavierstimmer, der bestenfalls auch noch Klavierbauer ist, sollte allerdings schon her: Die Taste ganz links klemmt, und der angeschlagene Ton erzeugt einen derartigen Dämpfklang, dass man gar kein Pedal benötigt, ihn zu erzeugen. Aber das darf ein Klavier-Senior auch. 😉 Man kann es leicht beheben lassen.

In den nächsten Tagen überlege ich, wie man das Piano hier am besten unterbringen kann. Alles, nur keine Entsorgung! 😊

„Mutter, wir danken dir.“ – „Ein Klavier! Ein Klavier!“ Loriot lässt grüßen … 😉

Ein freier Tag für die Zukunft – Oder: Dieser Tag war nicht der Hit!

Den freien Tag hatte ich heute nicht – ich war brav bei der Arbeit und musste obendrein einen Vortrag halten, was ich aber gern tue, wenn es darum geht, die Arbeitsinhalte meiner Abteilung unters ausbildungswillige „Volk“ zu bringen, da es davon profitieren kann. Und damit wir alle – gut ausgebildete Menschen werden gebraucht –, und das bezüglich jedweder Art von Ausbildung. 😊

Bei meinem Arbeitgeber, einer Einrichtung, die für eine Form der Ausbildung mehr oder minder junger Menschen Sorge trägt, fand ein Informationstag für Leute statt, die kurz vor dem Schulabschluss stehen. Eine Art Messe. Die, die daran teilnehmen wollen, haben an diesem Tag schulfrei.

Bis dato hatte ich diese Veranstaltung eher passiv miterlebt, aber diesmal sollte ich aktiv mitgestalten, indem ich oben erwähnten Vortrag hielt. Um kurz vor 10 war ich am Tagungsort, konnte diesen jedoch kaum betreten, da schon jetzt Massen an Interessenten vorhanden waren, die partiell den Eingang verstopften, während im Inneren des Raumes bereits die gesamte Bestuhlung besetzt war und auch schon viele Leute standen, die keinen Sitzplatz mehr hatten ergattern können.

Jana hatte mich zunächst begleitet, da ich Bedenken hatte, mit unserem bisweilen etwas heiklen Laptop zurechtzukommen, das ich heute erstmalig benutzte und das ein erstaunliches Eigenleben zu führen scheint. Als sie den Raum verließ, sah ich, dass sie mit einem Besucher eine kurze Diskussion hatte, aber es ging unter in der Geräuschkulisse, die aufgrund der Masse der Interessenten herrschte. Und so begann ich meinen Vortrag: „Hat denn jemand von Ihnen schon einmal einen Schüleraustausch mitgemacht?“

Zunächst antwortete niemand, aber das kannte ich schon von meinem früheren Dozentenjob. Im Plenum traut sich oft keiner, aber hinterher kommen sie angerannt und schütten einen mit Informationen zu … 😉

Doch da hinten meldete sich einer! Ich erteilte ihm freundlich lächelnd das Wort, und er erklärte in abfälliger Attitüde, er sei in Italien gewesen. Aber da sei alles Scheiße gewesen. Ich lächelte vorgeblich fröhlich – das fing ja ganz toll an … 😉 „Was war denn so schlimm?“ fragte ich, und es erscholl: „Alles!“ Und nachgeschoben wurde: „Und das Essen da ist auch scheiße!“

Ich lächelte wahrscheinlich noch sanfter als zuvor und dachte: „Ja, mag nicht jedermanns Geschmack sein, auch wenn es mich verwundert, aber du bist offenbar hier, um einfach diese Veranstaltung zu stören.“ Und ich sagte sanft: „Das tut mir sehr leid für Sie.“ Und als ich etwas möglicherweise noch Sanfteres und Verständnisvolleres nachschieben wollte, meldete sich ein junges Mädchen ganz heftig, das freudig und voller Begeisterung erzählte, es habe einen Austausch nach Südamerika gemacht, und der sei so toll gewesen! Seither habe sich ihr Spanisch extrem verbessert, und sie habe ein Land kennengelernt, das sie zuvor nie realistisch habe einschätzen können.

Ich gestehe es: Am liebsten hätte ich das nette Mädchen sofort in den Arm genommen und geknuddelt, denn ich stand da vor einer Horde von Menschen, von denen ein Teil mich derart anstarrte, als sei ich nicht wert, ihnen auch nur einen guten Tag zu wünschen. Als mir dies zu Bewusstsein drang, musste ich unwillkürlich lachen – Galgenhumor -, und ich bedankte mich bei der jungen Dame, das dann aber wirklich aufrichtig. Und nach ihr berichteten auch noch andere Teilnehmer von ihren Austauschen, und das ebenso begeistert.

Das war zuviel für den Störer, der Italien nicht nur ganz bescheiden gefunden, sondern danach auch noch mehrfach recht prollig gestört hatte, und er rief: „Dat ist mir hier zu langweilig!“ Und schon stürmten er und zwei Kumpels abrupt aus dem Raum. Erst hinterher erfuhr ich, dass er sich in anderen Veranstaltungen genauso benommen hatte. Wollte es uns wohl mal so richtig zeigen. Ist aber wohl nicht ganz gelungen. 😉

Im ersten Moment dachte ich noch: „Soll ich jetzt sagen: `Kein Problem, ich will Sie ja nicht langweilen‘?“ Im nächsten Moment war mir klar, dass man so etwas ganz einfach nur ignorieren müsse. Außer ihm und seiner Entourage ging niemand. Im Gegenteil. Sie hörten alle brav zu, und hinterher – sie haben sogar applaudiert, als mein Vortrag beendet war – kamen viele Zuhörer zu mir, um sich beraten zu lassen, was ich gerne tat, zumal die Fragesteller alle sehr nett und sympathisch waren. 😊 Ein Mädel meinte sogar noch: „Ich habe mir Ihren Namen nicht merken können, aber zu Ihnen komme ich gern zur Beratung, sollte ich nach dem Schulabschluss hierherkommen – und ich finde Sie ja sicher auch ohne Namen.“ – „Ich kann ihn auch ganz einfach aufschreiben oder Ihnen eine Visitenkarte geben.“ – „Ach ja – klar. Danke schön! Sollte ich hier landen, melde ich mich sehr gern bei Ihnen!“ Und das Mädel strahlte mich an – ich strahlte zurück und sagte: „Darüber würde ich mich sehr freuen!“. So etwas ist immer schön. 😊

Und so lief der Tag dann doch recht gut. Dachte ich. Zumindest der Vortrag war prima gelaufen.

Ich saß schon wieder im Büro und widmete mich meiner anderen Arbeit – Jana war im Haus unterwegs -, als es von außen an unser Bürofenster klopfte. Ich sah hoch und sah Ulli, einen früheren Nachbarn meines Arbeitgebers, der seit Monaten jedoch schon in einem der Nachbarorte lebt, dennoch mit seiner lieben Luna, einer weißen Schäferhündin, immer noch in vertrautem Terrain spazieren ging.

Luna kenne ich seit ihrer Welpenzeit, und sie war so süß, wie sie da – ein schneeweißes, kleines Schäferhundbaby – in ihrem ersten Winter durch den Schnee sprang! Das habe ich nie vergessen, da es so niedlich war: schneeweißes Hundekind im Schnee, und das so fröhlich! 😊

Ich öffnete das Fenster, als wären wir ein Kiosk, der Zigaretten, Bier und Weingummi verkauft. Und ich sagte: „Ulli – nett, dich mal wieder zu sehen!“ Dabei sah ich, dass hinter ihm ein Fahrrad stand, und ich beugte mich aus dem Fenster, um zu sehen, was neben seinen Füßen war, denn ich hatte eine furchtbare Ahnung, die sich auch sogleich bewahrheitete: kein Hund. Keine Luna. Dabei waren die beiden unzertrennlich.

Ich sah Ulli ins Gesicht und sagte: „Du musst nichts sagen – mir ist es schon klar: Luna ist tot. Nicht wahr?“ Und da fing Ulli fast zu weinen an, und mit erstickter Stimme sagte er: „Ich bin eigentlich nur hierhergekommen, um dir das zu sagen und mich zu verabschieden, denn ich bin mit die Luna ja eigentlich nur noch hier spazieren gegangen, weil sie den Weg kannte und so mochte. Wir mussten sie vorgestern einschläfern lassen. Sie war voller Krebs. Sie ist wieder und wieder zusammengebrochen.“ Da kamen mir auch die Tränen. Luna war so ein liebes Tier, und noch heute finde ich in meinem Auto an den unmöglichsten Stellen relativ lange, weiße Haare, obwohl sie doch nie in meinem Auto gesessen, mich nur immer so begeistert angesprungen hatte, wobei sie Haare an meiner Kleidung hinterließ, die selbst bei gründlicher Reinigung sowohl der Kleider, als auch des Autos auf erschreckende Weise Ewigkeitsanspruch zu haben scheinen und mir einmal mehr beweisen, dass man gar keinen eigenen Hund haben muss, um massive Trauer zu empfinden.

„Ulli, ich bin mir sicher, dass wir uns hier noch häufiger sehen. Er wird Luna niemals ersetzen können, aber ich bin mir ganz sicher, dass du und deine Frau einen neuen Hund haben werden. Das ist nicht pietätlos gemeint.“ – „Nee, ich weiß, watt du meinz. Ohne Huund gehtet nich mehr. Unnich weiß ja auch, datt du die Luna sehr mochtess. Ohne Huund gehtet gaa nich.“ – „Ich mochte Luna sehr und hatte sie in mein Herz geschlossen – ich könnte selber so losheulen! Aber es ist trotzdem nicht verkehrt, wenn ihr euch einen anderen Hund anschafft. Er wird Luna niemals ersetzen können, weil sie einzigartig war. So ein liebes und liebenswertes Tier! Aber er wird euch helfen, und ihr werdet ihn ebenso liebgewinnen, auch wenn er anders als Luna ist.“ – „Danke! Dat habbich getz gebraucht. Ich wollte dir dat aber sagen, weil ich ja weiß, datt du die Luna auch mochtess. Danke!“ Und mit diesen Worten fuhr er ab.

Da erst wurde mir klar, dass er wohl eigens mit dem Fahrrad hergefahren war, um mir all das mitzuteilen! Das berührte mich sehr – er schöpfte wohl Trost daraus, und ich konnte nicht einmal das Büro verlassen, um ihn einfach mal zu drücken! Das tut mir jetzt noch leid. Ich war allerdings auch geschockt von der Nachricht – mir kamen selber die Tränen, und die kommen sogar jetzt noch, obwohl Luna doch nicht einmal mein Hund war.

Der Tag war mit einem Mal bescheiden geworden, und bedrückt ging ich in unsere Teeküche, um frischen Kaffee aufzusetzen.

Als er wohl fertig war, erhob ich mich mitsamt meiner Tasse, um Nachschub zu holen. Als ich in die Teeküche kam, sah ich drei halbwüchsige „Knaben“, eindeutig Besucher der „Schülermesse“, die gerade laut lachend von Janas und meinem privat bezahlten Kaffee, zubereitet von meiner privaten Kaffeemaschine, in ihre Plastikbecher gossen!

Der Tag hatte gut begonnen, war dann aber richtig unschön geworden, und das nun auch noch! Ich staune jetzt noch, aber ich brüllte los: „Ey! Stellen Sie das sofort wieder hin! Geht es eigentlich noch?!? Was haben Sie hier überhaupt zu suchen – das ist eine Küche für Mitarbeiter!“ – „Ja, ey, doof gelaufen, steht nicht drrrann.“ – „Ja, ganz doof gelaufen, aber nicht für mich! Hier steht Teeküche drrrann, und für jeden Menschen, der mitdenkt, ist klar, dass es sich hier um einen Mitarbeiterbereich handelt! Und Ihre Verarsche lassen Sie sofort stecken!“ Und ich holte Luft und brüllte noch lauter: „Sie stellen jetzt sofort alles wieder hin und machen sich unverzüglich hier vom Acker!“

Da stand schon Jana neben mir, und sie sagte zu einem der Eindringlinge: „Sie sind vorhin schon unangenehm aufgefallen, schon vor dem Vortrag unserer Abteilung. Würden Sie also unverzüglich die Küche verlassen?“ – „Ey, wo bin isch unangenehm aufgefallen, Tussi?“ – „Sie wissen genau, was ich meine!“ So Jana. Hui, Jana – total cool! 😊

„Dann geh isch jetz nach Hause!“ „drohte“ der junge Mann, und ich lachte und meinte: „Sie sind ein freier Mensch – Sie können gehen, wohin Sie wollen. Aber Sie verlassen auf alle Fälle unsere Küche – und das sofort!“ – „Ey, aber Dreistischkeit siegt! Den Kaffee haben wir trotzdem!“ – „Möge er Ihnen wohl bekommen!“

Jana und ich sahen einander an, als die drei Typen verschwunden waren. Ich sagte: „Danke, Jana! Du bist im richtigen Moment dazugekommen.“ – „Zum Glück hattest du die Bürotür offengelassen. Und dann hörte ich jemanden brüllen und musste erst einmal überlegen, wer das wohl sein könnte. Ich hatte dich ja zuvor noch nie wütend erlebt, weil es nie notwendig war. Hut ab! Coole Stimme! Und sehr energisch! Und ich bin dann gekommen, weil ich dich unmöglich alleinlassen konnte – du warst in Unterzahl, denn die waren ja zu dritt!“ Ich starrte meine Kollegin an, dann drückte ich sie. Eine bessere Kollegin könnte ich wohl nicht haben. 😊

Wie man eine Fastenphase konsequent durchhält

Bis dato habe ich mein in Intervallen stattfindendes Fastenprogramm nie so ganz durchgehalten, zumal ich auf 5:2 umgestiegen bin – fünf Tage ohne Fasten, zwei Tage Fasten und maximal 600 Kalorien pro Tag (die ich allerdings auch nicht immer einhalte – manchmal werden es auch 700 Kalorien). Dennoch habe ich mit Grund den Eindruck, abgenommen zu haben, und ich wollte noch nie päpstlicher als der Papst sein. Mit dem habe ich eh nix am Hut. 😉

Von gestern 16 Uhr bis heute 16 Uhr fand einmal mehr ein solcher Fastentag statt. Mir graute zugegebener Weise, wie mir vor jedem Fastentag graut, und daran wird sich auch nichts ändern, obwohl ganz viele Mit-Faster behaupten, man gewöhne sich ganz leicht daran. Nein, das konnte ich bis dato nicht bei mir feststellen, obwohl ich mal mehr, mal weniger streng mit mir bin. Hinreichend streng zumeist. Aber vielleicht sollte ich doch einfach öfter mit Grund zum Augenarzt gehen. Dann geht es unter Umständen ganz leicht.

Zumindest mit dem Grund, der mich heute spontan hinführte. Nein, es war keine augenlichtbedrohende Situation, auch keine lebensbedrohliche. Es sieht einfach nur verboten aus, und es tut wirklich ganz gemein weh.

Kurz: Ich verfügte mich irgendwann, als noch Freitag war, ins Bett. Da sah ich ganz normal aus, und ich fühlte mich bestens.

Als ich am Samstag aufwachte, war alles anders. Schmerzen am linken Auge, massive Schmerzen, und als ich vor dem Badezimmerspiegel stand, wollte ich es kaum glauben: Abends zuvor als Ali ins Bett gegangen – morgens darauf als Karl Dall wieder aufgestanden! 😉

Noch kürzer: Mich traf beinahe der Schlag! Mein linkes Oberlid hing zwar nicht, war aber derart angeschwollen, dass sogar der obere Teil der Pupille partiell im Schatten lag. Und so sah ich dann auch … Als wäre eine partiell geschlossene Jalousie vor meinem linken Auge.

Und wie das Lid aussah! Sofort musste ich an die Tochter einer deutschen Prominenten denken, die – zuvor durchaus hübsch – plötzlich mit einem Mund auftrat, der wie ein Schlauchboot aussah, wiewohl sie stets beteuerte, dass Botox nicht im Spiel gewesen sei, was natürlich jeder glaubte. 😉

Es sah grauenhaft aus – als hätte ich mein linkes Oberlid mit Botox pimpen lassen, warum auch immer. Schlauchboot bzw. Ballon wie auch der Vorname der Prominententochter schossen mir als Erstes, Zweites und Drittes durch den Kopf. Und noch schlimmer: Ich musste heute mit meiner Brille zur Arbeit gehen! In dem Zustand noch eine Kontaktlinse ins linke Auge zu friemeln – das leuchtete sogar mir ein, die bisweilen weder Tod noch Teufel scheut -, wäre sicherlich eine ziemliche Scheißidee. 😉

Die Woche fing ganz besonders bescheiden an, und als ich bei der Arbeit ankam, meinte Jana: „Muss ich dich eigentlich immer erst fragen, warum du nicht gleich morgens zu deinem Augenarzt gehst?“ – „Ist ja schon gut! Ich rufe da an!“

Zwischen 14 und 16 Uhr solle ich in der Praxis sein, hieß es, und entsprechend fuhr ich mit dem Bus auch hin. Den kleinen Monty ließ ich auf dem Mitarbeiterparkplatz stehen. Ich wollte ja nur kurz zum Augenarzt.

Als ich in der Praxis ankam, stellte ich fest, dass dort Bauarbeiten herrschten, die den normalen Praxisablauf störten. In Folge verschanzten sich die beiden diensthabenden Ophthalmologen schließlich in des einen Behandlungsraum, wo sie wahrscheinlich geraume Zeit über die Innenarchitektur und Beleuchtung der Praxis diskutierten, denn noch bevor sie sich dorthin zurückzogen und der Praxisablauf zum Stocken kam, bekam ich mit, wie einer zum diensthabenden Handwerker sagte: „Wir möchten hier am besten auch LED-Beleuchtung!“ Das hielt ich hinsichtlich einer augenärztlichen Praxis für eine ganz besonders hervorragende Idee, denn es ging wohl um das Wartezimmer. Patienten, die zur Funduskopie kommen und pupillenerweiternde Augentropfen verabreicht bekommen, freuen sich sicherlich ganz besonders über LED-Beleuchtung, denn da kann es ja gar nicht blendend genug sein. 😉

Und so saß, harrte und wartete ich fast eineinhalb Stunden, während derer ich beschloss, künftig nur noch dienstags und freitags – wenn möglich – diese Praxis aufzusuchen, denn da hat der angestellte Augenarzt Dienst, der mich im letzten Jahr so gut betreut hatte, als es um Schlimmeres ging. Der hat auch keine Befugnis, über Beleuchtungskörper zu befinden, und ich bin mir sicher, dass er sich gegen LEDs entschieden hätte. 😉

Als ich schließlich aufgerufen wurde, hieß es, ich litte wohl unter einer Lidrandentzündung. So weit war ich auch schon gewesen. Als der Arzt mich schließlich höchstselbst untersuchte, drückte er wieder und wieder mit einem Wattestäbchen gegen die Innenseite meines nach außen geklappten Oberlids. Ich meinte staccatomäßig, da es wehtat: „Das ist ja herzallerliebst, was Sie da mit mir machen!“ – „Ja, Sie sollten nur etwas ruhiger sein und nicht immer so zucken. Das ist ein klassisches Hordeolum internum, und ich muss jetzt etwas dagegen drücken. Vielleicht haben wir Glück, und es macht gleich platsch!, und dann sind Sie die Schmerzen los. Wissen Sie, wenn es platsch! macht, kommt der ganze Mist heraus, der Druck ist weg, und der Schmerz auch!“

Ich würgte leicht. Es tat höllenmäßig weh, und die Vorstellung, dass es gleich platsch! machen und Sekrete verschiedenster Provenienz in mein Auge laufen würden, machte mir mehr oder minder leise zu schaffen. Blut – kein Problem! Aber diese Vorstellung – nein, danke! 😉

Da nichts platschte, trug man mir auf, zu Hause meinerseits mit Wattepads oder Kosmetiktüchern zu Werke zu gehen. Zusätzlich verschrieb man mir eine antibiotische Augensalbe, die auch Cortison enthält.

Als ich – kalter Schweiß stand auf meiner Stirn – die Praxis verließ, war mir nicht klar, wie man überhaupt je etwas essen könne, zumal mir der Augenarzt nach all den schmerzhaften Wattestäbchen-Bemühungen das letzte noch unter die Nase bzw. Augen gehalten hatte, und das mit den Worten: „Sehen Sie – manchmal muss man einfach nur konsequent sein!“ Danke – ich esse nie! 😉

Und während ich vorhin Augensalbe auf und unter mein Oberlid praktizierte (mit einem Wattestäbchen), hatte ich noch immer keinen Appetit. Er wird wiederkommen, da bin ich mir sicher. Aber nicht heute.

Ist aber eh Fastentag. 😉

„Flight EW 08/15, operated by LGW – do you read me?”

Nachdem seitens einer Gewerkschaft einmal mehr zum Ausstand, vulgo: Streik einer bestimmten Airlines-Kooperation aufgerufen wurde, bin ich schon vorgestern etwas nervös geworden, denn am kommenden Montag gedachte oder -denke ich, gen NUE zu fliegen, wie das Kürzel des entsprechenden Flughafens so hübsch lautet.

Ja, klar, ich hätte auch klimaschonend mit der Deutschen Bahn fahren können, aber das ist – ungelogen – fast doppelt so teuer und dauert mehr als doppelt so lange. Mindestens. (Und ich heiße nicht Krösus. Oder Krösa – wenn man denn besonders genderaffin ist. 😉 )

So berichteten zumindest nicht nur meine Eltern, sondern auch noch diverse andere Menschen, die sich guten Willens auf den Weg im Bahn-Fernverkehr begaben, um das Klima zu schonen, und dabei interessante Erfahrungen machten, auf die sie strenggenommen auch hätten verzichten können, wie sie unisono und trotz unterschiedlicher Toleranzgrenzbereiche verkündeten.

Da war ein Bekannter, der von Amrum im äußeren Norden dieses Landes in die mittelfränkische Peripherie – ausgehend von Nürnberg – zurückreisen wollte, nachdem er drei Wochen auf dieser Insel in Nordfriesland verbracht und sich hervorragend erholt hatte. Im Vertrauen: Die Erholung war dahin, nachdem er die Rückfahrt mit der Bahn endlich überstanden hatte, die ihn auf Umwegen – offenbar sehr beliebt bei der Bahn – sogar über Luxemburg geführt hatte!

Anderen Bekannten erging es ähnlich, und als meine Eltern sich Anfang Oktober gen Franken aufmachten – die Heimat meiner Mutter -, frotzelten sie noch und meinten, so ein Mist könne unmöglich in größerer Häufung geschehen. Ganz falsch!

Zwar durchfuhren sie nicht Luxemburg, kurvten aber auf erstaunliche Weise kreuz und quer und von Süd gen Nord, dann wieder West und Ost und sogar Nordnordwest et al. durch Deutschland, obwohl sie doch eigentlich nur auf kürzestem Wege von Bamberg ins Ruhrgebiet zurückfahren wollten, erster Klasse und nicht wirklich preisgünstig. Zwei unfreiwillige Taxifahrten waren auch noch dabei, da auf der Hinfahrt der ICE unerwartet – und unangekündigt! – eine größere und ungeplante Schleife fuhr und schließlich in SEV mündete. Schienenersatzverkehr. Erfurt stand eigentlich per se nicht auf dem Plan, noch weniger jedoch der schleppende Bus-Ersatzverkehr, während dem meine Eltern viele neue Orte mit spannenden Ortsnamen wie Zimmernsupra kennenlernten. Man fragt sich, wie solche Ortsnamen entstanden seien … Da lachten meine Eltern immerhin noch.

Die Rückfahrt – womit keiner nach dem doofen Einstand auf der schließlich neuneinhalb (statt viereinhalb) Stunden andauernden Hinfahrt gerechnet hatte – war ähnlich blöd, da erneut unerwartete Schleifen und Umwege gefahren, gar mehrere Bahnhöfe angesteuert wurden, die fern der eigentlichen Strecke lagen. Ich vermute, es handle sich um ein besonderes Angebot der Bahn: „Lerne dein Land und die angrenzenden Länder besser kennen!“ Oder so etwas in der Art.

Meine Eltern brauchten zurück jedenfalls auch über acht Stunden, nachdem ihr ICE, der eigentlich bis Dortmund fahren sollte, außerplanmäßig in Düsseldorf endete. Wegen der eklatanten Verspätung – wohl entstanden durch die „Schleifen“ und Umwege, die man gefahren war -, wie man den Reisenden bei Einfahrt ins Düsseldorfer Gleis völlig überraschend mitteilte, die noch ganz gemütlich in den Sitzen lehnten und wähnten, dies auch noch ein wenig länger tun zu können. Meine Mutter meinte zynisch: „Ich weiß zumindest inzwischen, dass außer den ehemaligen Metropolen-Bahnhöfen auch noch ganz viele andere Bahnhöfe, die ich nie kennenlernen wollte, zumal nicht an der Strecke liegend, Kopfbahnhöfe sind. Es wurde einem schon ganz schwindlig bei dem ewigen Richtungswechsel!“

Es tat mir leid, das zu hören. Ich war und bin Kummer gewohnt, aber mehr im ÖPNV. Dass es im Fernverkehr der Bahn inzwischen genauso bescheiden zu sein scheint, war mir nicht bekannt, denn ich versuche, und das aufgrund meiner gruseligen ÖPNV-Erfahrungen, Bahnfahrten nach Möglichkeit per se zu vermeiden.

Daher auch meine schändliche Angewohnheit, von DUS nach NUE zu fliegen, obwohl ich sicherlich Flugscham empfinden sollte. Tue ich aber nicht, solange die Bahn es nicht schafft, die ureigenen Gegebenheiten anständig und kundenfreundlich darzubieten. Und ich sehe partout nicht ein, neuneinhalb Stunden zu fahren, um von A nach B zu kommen, die lächerliche 500 Kilometer voneinander entfernt sind (ja, reißt mir nur den Kopp ab! 😉 ). Und das für einen derart hohen Preis. Monetär. Von den Nerven wollen wir gar nicht erst sprechen. 😉

Aus diesem Grunde buchte ich Anfang des Monats auch ein Ticket – hin und rück – bei einer bekannten Airline, die eine Tochter einer noch viel bekannteren Airline, der deutschen Airline, ist. Dem europäischen Gedanken angelehnt ist ihr Name, obwohl es noch eine weitere Tochtergesellschaft gibt, deren Name ähnlich klingt, aber eher national begrenzt. 😉

Letztere wird am Montag in Streik treten, wie heute bekanntgegeben wurde. Mit einiger Nervosität hatte ich die Kundgebung der Flugbegleiter-Gewerkschaft erwartet, und ich jubelte zwar nicht, als ich hörte, dass nur „Avio German“ betroffen sei, war aber dennoch etwas erleichtert. Es ist doof, kurz vor Toresschluss mitgeteilt zu bekommen, dass man dann doch auf die Bahn umbuchen müsse, die um diese Jahreszeit auch voll ausgebucht sein dürfte und in der man noch von Glück sagen kann, wenn man durch Zufall einen Sitzplatz bekommt – und sei es auf der Zugtoilette! (Wenn man nicht gleich im Einstiegsbereich auf dem Fußboden kampieren muss, dicht an dicht mit anderen Reisenden, was ich als Studentin öfter erlebte, ohne dass dies in den Medien veröffentlicht oder eine von uns „Ölsardinen“ bemitleidet wurde …)

Dann fiel mir ein, dass „Avio German“ ein Drittel der Flüge der anderen, europäisch „benamsten“, Airline durchführt – und da wurde mir kurz noch einmal ganz anders. Bis ich meine Buchungsbescheinigung sichtete, die sich in den Tiefen meiner in Riga gekauften großen Tasche nach einiger Recherche wiederfand (kauft nie große Taschen, wenn es auch praktischer erscheint – man findet darin nichts so schnell wieder!): Operated by LGW stand da! Das bedeutete wohl, dass mein Flug wirklich nichts mit „Avio German“ zu tun habe. Sicherheitshalber aber fragte ich auf der Seite der Airline auf einem bekannten Sozialen Medium noch einmal nach, auf der sich zwei Servicemitarbeiter der Airline gerade von wildgewordenen Kunden verbal die Köppe einschlagen lassen mussten, obwohl sie wieder und wieder beteuerten, ihr Arbeitgeber könne nichts dafür und wolle diesen Streik auch nicht. Man bestätigte mir, mein Flug sei nicht betroffen, und ich wünschte allen Anwesenden, speziell aber den Servicemitarbeitern, nur das Allerbeste und zog mich zurück. Beruhigt.

Ich werde am Montag fliegen. Und hoffentlich am Samstag darauf wieder zurück. Ansonsten bleibe ich einfach in Franken. In einen Zug bekommen mich keine zehn Pferde, auch wenn es sicherlich reizvoll ist, auch noch Abstecher nach Österreich, Luxemburg, Belgien, die Niederlande oder Frankreich zu machen oder alle Kopfbahnhöfe Deutschlands kennenzulernen … 😉

Na, dann – frohe Weihnachten!

Endlich Urlaub! So dachte ich, als ich heute früh zu einer Zeit erwachte, da ich im normalen Arbeitsalltag nie erwache, denn es war zwanzig vor fünf. Mein Unterbewusstsein schien mir signalisieren zu wollen, dass ich vergessen hatte, meinen Wecker zu stellen … (Macht es leider nur in solchen Situationen und nie dann, wenn ich wirklich zur Arbeit muss und tatsächlich vergessen habe, den Wecker zu stellen – so typisch.) 😉

Zunächst fluchte ich leise in mich hinein, dann fiel mir ein, dass ich vom 23. Dezember bis 09. Januar Urlaub habe, und ich freute mich – wenn auch gedämpft, da noch so früh – halbtot und drehte mich auf die andere Seite, um weiterzuschlafen. Das Ausmaß dieser Freude erschließt sich sicherlich nur den Menschen, die exakt in der Vorweihnachtszeit jobtypisch jedes Jahr immer besonderen Stress haben. Und keine Morgenmenschen sind.

Alles war erledigt, was ich noch erledigen wollte – naja, fast alles. Ich konnte tun, was immer ich wollte – im Zweifel auch gar nichts. Gestern hatte ich noch eine Fuhre Wäsche gewaschen, und das mit meiner flammneuen Maschine, die mir mehr und mehr ans Herz wächst, denn sie tut, was man von ihr verlangt, ist nicht aufmüpfig und hat bis dato noch nicht einmal versucht, sich von dem Waschmaschinensockel im Keller zu Tode zu stürzen und im Zuge dessen den Keller zu fluten. Ganz anders als die alte Maschine, die allerdings wirklich alt war. Und eigenwillig, was unter Umständen daran lag, dass sie ein Erbstück meiner Oma Margareta war, die auch einen ausgeprägten eigenen Willen hatte – ich vermisse sie, also die Oma, noch heute sehr, seit sie Anfang Dezember 2011 starb.

Da ich heute tun und lassen konnte, was auch immer ich wollte, hatte ich einen wunderbaren Gammeltag. Bis mir einfiel, dass ja das Paket, das ich einer Bekannten zu Weihnachten hatte schicken wollen, qua Sendungsverfolgung als „nicht zustellbar“ erkannt worden war und als Retoure an meine Wohnadresse zurückgeschickt werden würde. Und wahrscheinlich würde es heute eintreffen. DHL und ich – eine neverending story! Selbst wenn ich einen expliziten Wunschtag zur Auslieferung von Paketen angebe, hat es bis dato noch nie geklappt, dass mal ein DHL-Bote sich die Mühe machte, bei mir zu klingeln. Und ich befürchtete, dass der Nachbar im Hochparterre einmal mehr das Paket angenommen haben könnte – wahrscheinlich schon aus purer Bosheit! 😉

Denn mit dem Nachbarn hatte ich mich neulich anne Köppe gehabt! Und bin ihm seitdem sehr gekonnt aus dem Weg gegangen. Ich hatte mich schon mehrfach über ihn geärgert, sehr sogar, und kürzlich kam es zur Eskalation, als ich abends nach Hause kam, nach einem wirklichen Scheißtag, und da lauerte er mir auf und ging mich wegen einer Sache an, die ohnehin schon spießig-albern war. Ein Wort gab das andere, und ich wünschte ihm, nachdem ich erklärt hatte, dass das Gespräch nunmehr für mich beendet sei, obwohl er noch weiter diskutieren wollte, einen schönen Abend und ging meiner Wege die Treppe hinauf in den ersten Stock. (Nein, es ging nicht um die Treppenhausreinigung, der ich stets nachkomme. Es ging mehr um selbstherrliches Gebaren des vor erst kurzer Zeit hinzugezogenen Nachbarn in puncto Waschkeller, und man kann sich ja nicht alles gefallen lassen. 😉 Ich hasse es wie die Pest, mich über solche Dinge streiten zu müssen, aber alles kann man sich in der Tat nicht gefallen lassen. 😉 )

Und so hatte ich meine Stimme nicht nur gehoben, sondern sogar anklagend mit dem Finger auf ihn gezeigt, als wolle ich ihn erstechen! 😉

Zu Recht war das geschehen, aber ich tue mich bisweilen schwer damit, mein Recht einzufordern und mich trotz der Tatsache, im Recht zu sein, gut zu fühlen. Und so hatte ich es seither erfolgreich geschafft, dem Nachbarn aus dem Weg zu gehen, der, seit er hier wohnt, schon drei Pakete für mich angenommen hat (worum ich beileibe nicht gebeten hatte).

Ich hoffte, der DHL-Bote möge die Retoure einfach an den nächsten DHL-Paketshop geliefert haben, als ich mir ein schönes, warmes Bad einlaufen ließ, gegen 17 Uhr.

Als ich gegen 18 Uhr der Wanne entstieg, klingelte es an meiner Wohnungstür. Ich rief: „Einen Moment, bitte!“ Und rasch wickelte ich ein Handtuch um meine nassen Haare und mich selber in meinen Bademantel. Dann eilte ich gen Tür und öffnete sie … Hoffentlich war es Frau Wolski oder die neue Nachbarin.

„Hallo, Frau B. – ich habe dieses Paket für Sie entgegengenommen. Wollte ich Ihnen nur rasch bringen.“ Es war Herr Fischer, der Nachbar, mit dem ich mich neulich gestritten hatte, wie ich erkannte, obwohl ich weder Kontaktlinsen, noch Brille trug. Ich musste daher auch erst zweimal hinsehen. Herr Fischer sicherlich auch, da ich eher ungewohnt aussah im Vergleich zu den sonstigen Gelegenheiten. „Turban“ auf dem Kopp, Bademantel, eher derangiert. Als ich sah, wer mir da ein Paket brachte, wurde mir ganz anders – ausgerechnet!

Dann aber dachte ich: „Wahrscheinlich bringt er dir das Paket extra – eine Etage höher -, weil er denkt, dass du es sonst niemals bei ihm abholen würdest, trotz Benachrichtigung im Briefkasten. Er findet die Situation wohl auch scheiße.“ Und so sagte ich: „Herzlichen Dank, dass Sie mir das Paket extra bringen. Sorry, dass ich neulich etwas giftig war. Ich war zwar zu Recht verärgert, aber ich war wohl etwas unhöflich. Das hätte man auch anders machen können – es tut mir leid, denn das ist normalerweise nicht meine Art.“ – „Alles okay, Frau B. – vergessen wir das einfach. Okay?“ – „Ja, klar – gerne.“ – „Ich wünsche Ihnen ein schönes Weihnachtsfest und alles Gute fürs neue Jahr.“ – „Ich Ihnen auch. Viel Glück und Gesundheit.“

Ich hätte das Paket zwar auch bei diesem Nachbarn abgeholt, aber es hätte Überwindung gekostet. Umgekehrt gegebenenfalls aber ähnlich. Immerhin. Doof nur, aber typisch, dass ich in Bademantel und Handtuchturban die Tür öffnen musste. Wann auch sonst? 😉

Mein Tipp zum Weihnachtsfest und Jahresende: Verzeiht euren Feinden, auch wenn ihr hinsichtlich des Verzeihungsprozesses in vergleichsweise wenig präsentablem Zustand seid. Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben und/oder Herausforderungen. 😉

Ich hoffe trotzdem oder gerade deswegen, Herrn Fischer in der nächsten Zeit nicht zu begegnen … 😉

Und all das für ein läppisches Unentschieden? ;-)

Ich hatte heute einen schönen Abend. Zumindest, nachdem ich endlich dort angekommen war, wo ich hatte ankommen wollen – in einem Lokal, in dem ich mit Kerstin, einer meiner Lieblingskolleginnen, zum Essen verabredet war. Der Tisch war für 18:30 h reserviert, und wir freuten uns beide auf den Abend, nachdem wir es – anders als geplant – nicht mehr geschafft hatten, Tickets fürs Weihnachtssingen auf Schalke zu bekommen.

Immerhin ist das Lokal, in dem wir uns treffen wollten, nicht weit von der Veltins-Arena entfernt. Gesungen haben wir dennoch nicht. Nein, was ich zuvor im Auto tat, war kein Gesang. Beileibe nicht. Und ich schwöre, das, was da meinen sogenannten Sprechwerkzeugen entfleuchte, habe ich nicht in meinem Elternhaus gelernt. 😉

Ich lebe zwar hier in dieser Stadt, in der der lokale Fußballclub bei vielen eine Art Religion ist, ich bin auch auf dem Laufenden, was die Bundesliga-Tabelle anbelangt, und auch ich freue mich mit, wenn Schalke siegt. Ich bin aber kein Fan, und so habe ich nie auf dem Schirm, wann ein Heimspiel stattfindet. Sollte man als Bewohner dieser Stadt besser wissen …

Denn als ich mich heute für den Abend fertigmachte, zuvor noch die Treppe putzte, kam mir irgendwann zu Bewusstsein, dass die aus einer gewissen Entfernung zu mir gedrungene Geräuschkulisse, aus vielen Kehlen stammend und von mir meist nur beiläufig und als normal wahrgenommen, dafür sprach, dass wohl „auf Schalke“ gespielt wurde. Ich schaltete leider erst, als ich bereits mit Tasche und Weihnachtsgeschenk für Kerstin zur Wohnungstür schritt. Genauer: Es durchzuckte mich – und da klingelte auch schon mein Handy. Mir war sofort klar, dass es sich beim Anrufer nur um Kerstin handeln konnte, die mir garantiert mitteilen wollte, dass Schalke heute gespielt habe und ein riesiges Verkehrschaos herrsche, inklusive Straßensperrungen. Und genauso war es – um 18:10 h.

Ich brauche für die Strecke normalerweise maximal fünfzehn Minuten inklusive Parken. Es war klar, dass ich das nicht schaffen würde, und so bat ich Kerstin, schon einmal den reservierten Tisch in Anspruch zu nehmen – ich käme so schnell, wie möglich (was auch immer das heißen möge).

Und rasant fuhr ich vom Hof und geriet alsbald auf dem konventionellen Weg in einen Stau. Rasch wendete ich auf recht risikofreudige Weise und fuhr erst einmal ein Stück zurück, um dann eine andere Strecke zu wählen. Eine Strecke, die Auswärtige nicht so gut kennen dürften. Da musste ich leider erneut wenden, erneut risikofreudig, und so nahm ich eine dritte, besonders raffinierte Route – wie ich dachte. Dort stand ich dann im Stau, und ich fluchte wie ein Kesselflicker. Wieder gewendet, neue Strecke. Am Marktkauf geparkt, weil ich keine Lust mehr hatte, noch bis zum Parkplatz des Lokals zu fahren, der sicherlich inzwischen proppenvoll war – nach Schalke-Heimspielen nicht ungewöhnlich -, um dort festzustellen, dass ich dann doch nicht dort parken könne, da auch der hinterletzte Platz belegt. Ist mir schon zweimal passiert, und ich kalkulierte, dass das dann noch mehr Zeit in Anspruch nehmen würde, als nun hier etwas weiter entfernt zu parken und zu Fuß zum Lokal zu stochen.

Um 18:55 h enterte ich das Lokal und hatte so immerhin einen kleinen Spaziergang gemacht. 😉 Kerstin saß in Sichtweite, und sie sprang auf, als sie mich kommen sah. Riss mich erst einmal in den Arm und meinte ganz auf Kerstin-Art: „Ich dachte schon, ich müsste eine Suchhundestaffel aussenden! Da sind wir auch ein bisschen spät losgefahren, Frau B., ne?“ – „Wäre mir klar gewesen, dass Schalke heute ein Heimspiel hatte, wäre ich eher losgefahren. Aufgefallen ist es mir auch erst ganz kurz vor deinem Anruf. Normalerweise brauche ich maximal eine Viertelstunde – mit Parken!“ – „Ist doch alles halb so wild – ich wollte nur etwas frotzeln. Hauptsache, du bist jetzt da!“

Und wir bestellten Essen und Getränke und überreichten einander unsere Weihnachtsgeschenke. Meines wirkte nicht ganz so liebevoll wie Kerstins – fand ich zumindest -, aber ich hatte ohnehin vorgehabt, sie zum Essen einzuladen, was sie – auch ganz Kerstin – erst nicht annehmen wollte.

Es war ein sehr schöner Abend mit viel Lachen und grandiosen Geschichten. Als es ans Zahlen ging, holte Kerstin ihr Portemonnaie heraus, aber ich sagte: „Weg damit – zurück in deine Tasche, aber zackig! Ich dachte, wir hätten das geklärt.“ Und ich kniff ihr ein Auge zu. Kerstin meinte zum Kellner: „Die Frau hier ist manchmal echt schwer zu ertragen – man kommt nur selten gegen sie an! Und ich bin darin normalerweise ziemlich gut!“ Ich meinte: „Wir sind beide einzeln schon schwer zu ertragen, und zusammen sind wir unausstehlich, aber ich zahle trotzdem alles zusammen, egal, was sie sagt!“ Der Kellner lachte und meinte: „Ich finde Sie beide sehr nett und sympathisch, und Sie scheinen einander doch sehr gut zu verstehen.“ – „Ja, das tun wir auch!“ rief Kerstin. – „Dann ist doch alles prima, und Sie können sich ja einfach abwechseln.“ – „Das werden wir tun,“, rief Kerstin, „denn das machen wir bald wieder, ne, Ali?“ – „Auf jeden Fall!“

Sie fuhr mich dann noch zum Marktkauf, wir drückten einander, und Kerstin meinte: „Danke für die Einladung, Ali – ich fand den Abend richtig schön.“ – „Ich auch – es war sehr lustig, auch wenn es mir leidtat, dass du so lange warten musstest.“ – „Ach, halb so wild! Ich wusste ja, warum, und ich wusste, du würdest auf alle Fälle kommen. Und das machen wir auf alle Fälle bald wieder – aber dann zahle ich!“ – „Sehr gern – und wir wechseln uns einfach ab.“

Zu Hause eingetroffen – ich war noch an der Packstation, bei der Sparkasse und an der Tanke, da mein Tank fast leer war – erwarteten mich schon einige WhatsApp-Nachrichten von Kerstin. Eine lautete: „Boah, die haben heute nur unentschieden gespielt! Und dafür reißen wir uns den … auf, um einfach nur mehr oder minder pünktlich zum Lokal zu kommen, trotz Schikanen, Sperrungen und Staus!“

Ich schrieb zurück: „Waaas? Für ein läppisches Unentschieden überschreite ich mehrfach die erlaubte Höchstgeschwindigkeit? Da, wo kein Stau herrschte? Mache Wendemanöver unter größter Todesverachtung und drohender Lebensgefahr? Fluche im Auto, bis meine Stimme fast versagt? So nicht, Schalke! So nicht!“

Nein. Sowas nicht noch einmal, denn Kerstin und ich kamen überein, beim nächsten Treffen besser vorbereitet zu sein, was Heimspiele anbelange. Aber sowas von! 😉

Liegt das etwa an Weihnachten? ;-)

Irgendwie lief in letzter Zeit nicht alles so geschmeidig. Tut es ja öfter, aber vielleicht nimmt man es in der Vorweihnachtszeit schwerer – ich weiß es nicht. Sollte denn nicht gerade in dieser Zeit alles besinnlich-muckelig sein? 😉

Immerhin ist zumindest mir nichts wirklich Schlimmes widerfahren – toi, toi, toi! Aber ein Bekannter von mir muss mit einer Trennung zurechtkommen. Das ist immer schlimm, wenn man im Grunde (noch) am Partner hängt. Kurz vor Weihnachten aber ist es die Hölle.

Es ist schon einige Jahre her, da musste ich diese wahrlich verzichtbare Erfahrung auch machen: Eine Woche vor Heiligabend teilte mein damaliger Freund mit, dass er „eine alte Flamme“ – so sagte er – wiedergetroffen habe, und nun gehe es halt nicht mehr. Gut, in der Beziehung hatte es bereits gekriselt, aber das war dann doch ein Schlag. Noch dazu, da er es mir bei der Arbeit sagte, direkt morgens. (Seither sehe ich Beziehungen mit Arbeitskollegen erheblich kritischer als vorher – man läuft denen danach unter Umständen tagtäglich über den Weg, und ganz gleich, von wem die Trennung ausging: Das ist nicht angenehm.)

Damals taumelte ich nach der Verkündigung des Status quo ziel- wie blicklos als erstes in die Teeküche, wo ich auf Lydia traf. Sie rief: „Ali! Hallo – na, wie geht es dir?“ Sofort brach ich ob der freundlichen Ansprache in Tränen aus, und Lydia sah mich erschrocken an, nahm mich sofort in den Arm und fragte mit gedämpfter Stimme: „Was ist passiert?“ Ich brachte schluchzend und stockend hervor, was passiert sei, und sie wurde wütend: „Warum das denn? Und wenn es schon so ist: Warum bei der Arbeit? Ist der bescheuert?“ Sie sah mich an und meinte: „Ali, wenn du möchtest: Ich gehe sofort zu ihm und sage ihm meine Meinung dazu! Schlimm genug, dass er das gemacht hat! Aber auch noch bei der Arbeit – ist der total bekloppt? Du musst jetzt hier achteinhalb Stunden sitzen – mit Publikumsverkehr! Und du darfst nicht einmal weinen! Der Typ hat sie doch wohl nicht mehr alle – wie unsensibel ist das denn?“

Ich drückte Lydia und meinte, sie solle das vielleicht besser nicht tun – schade eigentlich, und ich habe es hinterher bereut. 😉 Lydia meinte, falls ich meine Meinung ändern sollte: Sie säße bereit, denn das fände sie so arschig, dass sie es nicht einmal adäquat in Worte fassen könne. Und sie sah danach mehrfach nach mir, die ich wie gelähmt, aber so tränenlos an meinem damaligen Arbeitsplatz saß, dass nicht einmal Kollege Birger mitbekam, was passiert war. Einzig Giacomo, der mich überraschend gegen Mittag anrief, um zu fragen, wie es mir denn gehe und ob ich mich schon auf Weihnachten freue, sagte ich, was geschehen sei (da war Birger gerade essen), und er rief: „Wann machst du Feierabend? Du kannst unmöglich allein sein – das ist ja wohl der Hammer!“ – „Keine Ahnung, mir ist alles egal. Warum willst du das wissen?“ – „Weil ich dich abhole. Nein, keine Widerrede!“ – „Ich widerspreche doch gar nicht. Mir ist eh alles egal.“ – „Gut, dann stehe ich um 17 Uhr vor dem Gebäude deines Arbeitgebers. Oder soll ich dich im Büro abholen?“ – „Nein, ich komme raus. Aber wieso holst du mich ab – du arbeitest in Alsdorf und wohnst in der Nähe von Düsseldorf, und ich arbeite in Gelsenkirchen.“ – „Weil mir das leidtut und ich finde, dass dich wenigstens jemand abholen sollte, wenn du schon so einen Scheißtag hattest. Ich rufe an, kurz bevor ich ankomme. Gib mir bitte die Adresse.“

Gegen 17 Uhr wankte ich mit zitternden Knien aus dem Gebäude. Da stand Giacomo schon, nahm mich in den Arm und führte mich wie eine Invalidin zu seinem noblen Dienstwagen. Im Auto brach ich in Tränen aus und schluchzte: „Wir wollten Weihnachten doch zusammen feiern – ich wollte kochen. Er hat sich Wildschweinbraten gewünscht, und der ist auch schon bestellt! Und die meisten anderen Zutaten habe ich auch schon gekauft! Das kann ich jetzt alles wegschmeißen!“ – „Aber nein! Das kann man doch noch verwerten!“ Typisch Giacomo – er liebt Kochen und Essen. Wahrscheinlich würde er auch noch an Essen denken, wenn das Jüngste Gericht kurz bevorstünde. Er ist Italiener. Mir hingegen hatte es komplett den Appetit verschlagen.

Giacomo meinte: „Und wenn ich mal mit ihm spreche? Wir kennen einander ja recht gut.“ – „Ich glaube kaum, dass das etwas bringt.“ – „Ich versuche es trotzdem – ich kann nicht ertragen, dich so zu sehen! Mir bricht das Herz!“ (Das mag übertrieben klingen, aber Giacomo ist Italiener, und manchmal treffen Klischees zu. 😉)

Und er stieg aus und rief meinen Ex an. Ich sah, wie er via Handy auf ihn einredete und dabei wild und sehr energisch gestikulierte. Als er wieder einstieg, meinte er: „Und jetzt fahren wir los und kaufen einen Weihnachtsbaum!“ – „Was hat er denn gesagt?“ – „Ihr beide feiert zumindest Heiligabend zusammen! Das ist das Mindeste, was er tun sollte! Denk an das Wildschwein!“ Na, großartig … 😉

Wir fuhren los, kauften einen Weihnachtsbaum und viel Bier. Giacomo rief seine Freundin an und sagte, er müsse die Nacht durcharbeiten. Dahinter steckte nichts Böses, nur mochte sie mich nicht, und Giacomo wollte mich nicht alleinlassen, obwohl die übergroße Sorge unbegründet war. Mir war eh alles egal. Wir schmückten den Weihnachtsbaum und leerten dabei die eine oder andere Bierflasche.

Eine Woche später, es war Heiligabend, schob ich am späten Nachmittag einen Bräter mit dem Wildschweinbraten bei Niedertemperatur in den Backofen. Mein Ex öffnete eine Flasche Rotwein. Als nach der Vorspeise das Wildschwein und die Klöße nebst Beilage fertig waren, speisten wir durchaus diszipliniert, aber die drei Gläser Rotwein über Vorspeise und Hauptgang verteilt machten sich sehr unschön bemerkbar, als ich aus der Küche das Dessert holen wollte. Ich hatte die Woche davor kaum essen können, hatte diverse Kilos verloren und war darob recht geschwächt. Außerdem vertrage ich keinen Rotwein – aber mir war ja eh alles egal. Kurz: Mir wurde schwindlig, und ich stürzte wie ein gefällter Baum um, als ich die Türschwelle gerade überschreiten wollte. Immerhin bekam ich noch mit, dass mein Ex wie angestochen aufsprang und – offenbar besorgt – zu mir hechtete. Danach lag ich mit einem kalten, nassen Waschlappen im Gesicht auf der Couch, um die Blutung zu stillen, die aus einer Platzwunde über meiner Nase resultierte. O Gott! Wie bei Prolls! Mama sternhagelvoll – und das schon vor dem Dessert! 😉  Durchaus und absolut nicht üblich bei mir – daher auch die geschockte Reaktion meines Ex.  Recht geschah ihm.

Mein Ex blieb über Nacht, schlief auf der Couch und machte sich am nächsten Tag grauenvolle Vorwürfe, als er meine zerbeulte Visage sah. 😉 Mir war eh alles egal – mein Leben vorbei. 😉

Abends machte er sich dann vom Acker, nachdem er mehrere mysteriöse Anrufe entgegengenommen und geführt hatte, und er gebot mir, sofort anzurufen, wenn es mir schlecht gehe. Ich lachte dreckig und fragte, ob ich ihn jetzt gleich und sofort anrufen solle oder erst, wenn er schon weg sei … Eine Standleitung vielleicht …?

Ich bereute sehr, Weihnachten nicht bei meiner in Sachsen lebenden Schwester verbracht zu haben, wo auch meine Eltern zu Besuch aus NRW waren, und der Rest des ersten sowie der zweite Weihnachtstag gehören bis heute zu den schlimmsten Tagen, die ich überhaupt je erlebt habe. Hätten Giacomo und Richie, der inzwischen auch im Bilde war, mich nicht mehrfach angerufen, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen, wäre es noch schlimmer gewesen.

Am zweiten Feiertag riefen meine Eltern aus Sachsen an und legten mir nahe, doch Silvester nach Dresden zu kommen – da wäre ich wenigstens nicht allein. Ich solle sofort einen Hin- und Rückflug buchen. Da es in der Tat das Vernünftigste war, das ich zu dem Zeitpunkt tun konnte, setzte ich mich an den PC und buchte …

Und am 28., als ich gerade einmal mehr düsteren Gemüts blicklos auf den Bildschirm des Fernsehers starrte, klingelte mein Telefon. Giacomo war dran, und er sagte: „Was machst du gerade?“ – „Ich sitze hier herum …“ – „… und deine Gedanken kreisen, und du bist wahrscheinlich nicht zurechtgemacht?“ – „Wozu auch?“ – „Du machst dich jetzt fertig. In einer Stunde bin ich bei dir und hole dich ab.“ – „Wohin?“ – „Zu mir.“ – „Aber das wird Sylvana nicht passen.“ – „Doch. Es tut ihr leid, was dir passiert ist – sie findet das auch nicht schön. Ich hole dich ab, und dann koche ich etwas. Du hast doch, wie ich dich kenne, sicher noch nichts gegessen.“ – „Das ist vergebliche Liebesmühe – ich bekomme eh nichts hinunter.“ – „Ah, komm, etwas Pasta geht immer. Du machst dich jetzt fertig – in einer Stunde stehe ich vor der Tür! Pack etwas für die Nacht ein – heute kommst du nicht mehr nach Hause.“

Sylvana nahm mich in den Arm, als wir in der Nähe von Düsseldorf ankamen, zog sich dann aber dezent zurück, und Giacomo kochte für mich Strozzapreti („Die magst du doch so gerne!“) mit einer wunderbaren Pilz-Tomatensauce. Er gab sich solche Mühe, aber ich konnte kaum etwas essen und brach erneut in Tränen aus. „Nicht weinen! Hier – etwas Weißwein! Und deine Nase sieht doch auch gar nicht so schlimm aus. Gar nicht so geschwollen, wie du behauptet hast. Nur bist du erschreckend dünn geworden – versuch doch noch einmal von der Pasta! Komm, nur ein bisschen!“

Da ich nicht nur nicht essen, sondern auch nicht schlafen konnte, schlug sich Giacomo die Nacht mit mir um die Ohren, und wir redeten und hörten Musik. Und am nächsten Tag bekam ich Kaffee an die Couch geliefert, und am späten Nachmittag fuhr mich Giacomo nach Hause. „Wenn es dir schlecht geht, rufst du sofort an!“ gebot er mir.

Silvester war ich dann in Dresden und litt dort ebenso wie zuvor – nur mit mehr Leuten um mich herum, die mich abzulenken trachteten. So richtig gelungen ist es ihnen nicht, aber ich fand rührend, dass sie es versuchten, und ich gab mir große Mühe.

Am besten gelang die Ablenkung übrigens dem Hund, der den Vermietern meiner Schwester und meines Schwagers gehörte: einer Colliehündin. Am Silvesterabend hatte sie, die offenbar sehr kommunikativ und menschenfreundlich war, an der Wohnungstür gekratzt, war eingelassen worden und hatte alle Anwesenden freundlich begrüßt. Meine Mutter wusste zu berichten, dass sie bereits Heiligabend dagewesen sei, um ihr Weihnachtsgeschenk zu präsentieren: ein Stofftier, einen kleinen Fuchs aus Plüsch, den sie stolz allen Anwesenden zeigte, indem sie rund um den Tisch schritt und das Plüschtier jedem präsentierte! 😉

Bei mir blieb sie Silvester länger, sah mich lange an, setzte sich neben mich, legte mir die Schnauze aufs Knie und leckte wiederholt meine Hand. Und am nächsten Tag begegnete ich ihr im Garten, wo sie mich freudig begrüßte und mich dazu animierte, mit ihr Fangen zu spielen. In einer kurzen Pause ging ich vor ihr in die Knie, um sie zu streicheln, und sie legte mir eine Vorderpfote auf den Arm, sah mich an und leckte mir über die Nase. Offenbar spürte das Tier, dass hier Ansprache dringend vonnöten war. 😊 Am liebsten hätte ich es mitgenommen, als ich nach Hause reiste. 😉

Ich hatte hervorragende Unterstützung damals, und ich habe das Ganze auch überstanden. Es war scheußlich, aber ich bin noch heute ganz gerührt, wenn ich daran denke, wie sich -zig Leute, darunter gar ein Hund, bemüht haben. 😉 Und heute greife ich mir an die Stirn, wenn ich an diese exorbitante Trauer denke – im Grunde war es verschwendete Energie gewesen, aber das weiß man ja immer erst später. Nicht, wenn man jemanden noch liebt. Erst hinterher fragt man sich oft, warum eigentlich. Aber das braucht seine Zeit. 😉

Dennoch – und wenn Trennungen immer Scheiße sind – sollte man sich nicht gerade kurz vor Weihnachten trennen. Das macht alles noch schlimmer. Ich weiß, wovon ich spreche. Zum Glück aber kann mir das derzeit immerhin nicht passieren. Wenn es nur solche Petitessen sind, wie sie mir kürzlich passiert sind, ist es nicht so schlimm.

Euch ein schönes Weihnachtsfest ohne Stress, Streit oder gar Trennungen! 😊

„Miss Hochdruck“ – Oder: Immer unter Strom

Heute früh um 8 Uhr stand ich im Hausflur vor der Eingangstür meiner bis dato verschlossenen Hausarztpraxis. Meine linke Hand hielt ein Folterinstrument umklammert, das ich erst eine knappe Stunde zuvor selbsttätig abgelegt bzw. mich davon „entkabelt“ hatte. Denn gestern stand mein LZ-RR-Termin an, kurz: die Langzeit-Blutdruckmessung, die man noch vor meiner Dienstreise als dringend vonnöten deklariert hatte. Und so hatte ich mir gestern um 8 Uhr das Gerät, das sich als Folterinstrument entpuppte, anlegen lassen und alle Maßgaben beachtet, denn die Messung sollte ja genau sein und Aufschluss über das mir innewohnende Problem leisten.

Die erste Messung gestern, als Testmessung bezeichnet, war bereits ein Schlag ins Kontor, da viel zu hoch. Mir graute. Wie würde das weitergehen, wenn der erste Wert am frühen Morgen schon so bescheiden hoch war? Allerdings habe ich seit dem Besuch bei meinem Gyn, da das Problem entdeckt wurde, auch ein massives Problem, was das Messen meines Blutdrucks anbelangt. Kurz: Ich habe den Eindruck, dass dieser bereits eklatant hochschnelle, wenn ich nur ein Blutdruckmessgerät sehe … 😉 Das Phänomen ist rasch erklärt: Ich rechne seit erstem Auftreten bei Anblick eines Messgerätes bereits mit dem Schlimmsten, und schon haben wir das altbekannte Phänomen der self-fulfilling prophecy. Ich scheine für so etwas durchaus anfällig zu sein, und sogar meine Hausärztin meinte heute: „Sie sind einfach ein sehr sensibler Mensch, Frau B. – Sie strahlen das bereits aus!“

Echt? Es gibt Menschen, die mich für einen unsensiblen Klotz und Haudegen halten – vermutlich liegen die falsch. 😉

Heute früh nahm man noch ein EKG vor, das laut Ärztin „sehr gut“ aussehe. Dann gingen wir die Langzeit-Blutdruckmessung durch, und ich reichte ihr mein dazu erstelltes Protokoll. Sie lachte mehrfach und rief: „Faszinierend, Ihr Arbeitstag! Sie haben einen Blutdruck von 178:100 mmHg, wenn Sie in die Finanzabteilung gehen? Und kaum sitzen Sie wieder an Ihrem Arbeitsplatz, sinkt Ihr Blutdruck schlagartig auf 129:81 mmHg? Der Gang war wohl nicht angenehm?“ – „Ach, eigentlich völlig harmlos – aber wenn ich jetzt sehe, wie da die Unterschiede beim Blutdruck sind, scheine ich erheblich nervöser vor dem Gang gewesen zu sein, als mir bewusst war. Völlig zu Unrecht! Aber … Sagten Sie ernsthaft 178:100? Das ist ja grauenhaft! Das sind ja völlig abstruse Werte! Solche Werte kenne ich von mir nicht. Abstruse Werte schon – aber eher in die andere Richtung gehend! So etwas wie 90:45 mmHg und bei maximaler Aufregung 110:70 – aber doch so etwas nicht!“

Sie lachte noch mehrfach, als sie meine Werte sah und ich versuchte, ein entsprechendes Tagesereignis zuzuordnen, was beileibe nicht immer gelang, versicherte mir jedoch, dass das keine wirklich entgleisten Werte seien, wenn auch immer ein bisschen zu hoch. Meine Nachtwerte seien hervorragend normal, bis auf einen kleinen Ausreißer (wahrscheinlich hatte ich schlecht geträumt) – nur tagsüber sei mein Blutdruck das kalte Grauen, da er stets zu hoch sei bzw. – in manchen Fällen – schlagartig von zu hoch auf vergleichsweise normale Werte stürze. (Bei allen normalen Werten befand ich mich laut Protokoll in meinem Büro. 😉 )

„Und nun?“ fragte ich. Sie meinte: „Ihre Werte sind im Schnitt etwas zu hoch, aber nicht im wirklich schlimmen Bereich. Dennoch sollten wir etwas tun.“ Und sie schrieb ein Rezept aus: „Ich schreibe Ihnen hier einen Betablocker auf – da Ihre Nachtwerte so erfreulich normal und nur Ihre Tageswerte kritikwürdig sind, nehmen Sie den bitte morgens. Es kann sein, dass Sie zunächst etwas abgedämpft sind, aber das spielt sich schon ein! Da Sie ohnehin ein kleiner Hibbel zu sein scheinen, kann das sicherlich nicht schaden. Und messen Sie bitte regelmäßig Ihren Blutdruck, damit wir sehen können, ob die Dosierung reicht!“

Na, hervorragend! „Kleiner Hibbel“! Ja, ich bin eine etwas hektische Person, aber „kleiner Hibbel“? Das klingt nicht nett, und das sagte ich der Ärztin auch. Da lachte sie und meinte: „Das war nicht böse gemeint. Ich glaube einfach nur, dass Sie sich manchmal etwas zu viele Gedanken machen und sich selber derart pushen, dass das den Blutdruck noch mehr steigert.“ Na, dann … 😉

Ich fuhr nach dem Arztbesuch zur Arbeit, und als ich mich einstempelte, rief der diensthabende Pförtner: „Mahlzeit, Frau B.! Kommen Sie heute auch noch mal vorbei?“ Ich rief zurück: „Ich komme vom Arzt, Herr Schnäther! Da ist das ja wohl erlaubt.“ Und ich grinste.

Herr Schnäther kam zu mir herüber und meinte: „Was sagt denn die Langzeit-Blutdruckmessung?“ (Er hatte gestern mitbekommen, dass ich den ganzen Tag mit dem Messgerät herumrannte, zumal Herr Schnäther und ich ohnehin ein lustiges Frotzelverhältnis pflegen und ich im Zuge dessen weiß, dass er auch unter Bluthochdruck leidet.) – „Nix Gutes – ich muss einen Betablocker nehmen!“ – „Was bekommen Sie denn da?“ – „Hier, das! Habe ich gerade aus der Apotheke geholt!“ Und ich zeigte das Präparat.

Herr Schnäther nickte anerkennend und meinte: „Das Zeug ist okay – damit kommt man klar. Ich glaube, ich bekomme das Gleiche.“ Ich stutzte, dann wurde mir die Absurdität der Situation klar, und ich lachte laut: „Cool, Herr Schnäther! Da kennen wir uns so lange, und jetzt können wir endlich die uns verschriebenen Medikamente vergleichen!“ Herr Schnäther stutzte ebenfalls, und dann lachten wir beide los. Es war wirklich grotesk. 😉

Nachmittags rief meine Mutter mich an, die von dem unangenehmen Langzeit-Blutdruck-Ding wusste: „Und? Wie lief es?“ – „Bescheiden. Mein linker Arm ist zwar unerwarteter Weise nicht grün und blau, aber er tut weh, und ich muss einen Betablocker nehmen.“ – „Um Himmels willen! Mach das nicht – das ist ganz großer Mist! Ich habe den einzigen Betablocker, den ich je nehmen sollte, nach zwei Wochen abgesetzt, weil es mir derart bescheiden ging!“ – „Danke! Das hat mir jetzt noch gefehlt! Vielen Dank! Ich muss den nehmen, sagte man mir!“ – „Ach so … Naja, dann wird sicher alles gut werden, mach dir keine Sorgen …“ Ja. Das wirkte sehr überzeugend. 😉

Ich werde morgen früh die erste Tablette nehmen und dann sehen, was mit mir passiert. 😉

Zur Not rufe ich meine derzeit krankgeschriebene Kollegin Kerstin an, die mich heute überraschend anrief und meinte, unsere ansonsten täglichen Gespräche fehlten. 😉 Wir unterhielten uns über eine Stunde lang und planten unseren Besuch beim Weihnachtssingen auf Schalke. Beide derzeit angeschlagen, aber wir singen trotzdem auf Schalke! 😉

Drückt mir die Daumen für morgen, bitte … Ich habe ein bisschen Angst … 😉

Ein echter „Lauf“! ;-)

Vorgestern war ein Tag, an dem ich etwa 22 Stunden am Stück auf den Beinen und mehr oder minder geistig anwesend war.

In Riga war ich um halb vier morgens aufgestanden – da war es hier halb drei. Schnell unter die Dusche, schnell angezogen und fertiggemacht. Schnell noch die letzten Teile in den Trolley geworfen, der – als Handgepäck deklariert – 12 kg nicht überschreiten durfte. So die Vorgaben meines Flugtarifes der Koninklijke Luchtvaart Maatschappij, kurz KLM, mit der ich nicht zum ersten Mal unterwegs war. In Kooperation mit airBaltic. Der Hinflug war auch wirklich gelungen, und auch bei vorherigen Flügen hatte es keinen Anlass zu Beschwerden gegeben.

Als ich um 05:25 Uhr aus dem rotzgrüngelben Baltic Taxi sprang, das mich fünfundzwanzig Minuten zuvor vom Hotel abgeholt hatte – die Fahrt war sehr nett gewesen, da der Fahrer und ich einander blendend verstanden und einen ganz ähnlich schwarzen Humor hatten -, mir Rinalds, der Fahrer, noch alles Gute gewünscht und gemeint hatte, es wäre sehr nett, mich einmal wieder zu treffen, stochte ich mit meinem kleinen roten Trolley gen Flughafenlobby. Schnell eingecheckt – der kleine rote Trolley wurde entgegen den Bestimmungen, die mit meinem Ticket einhergingen, einmal mehr als Aufgabegepäck behandelt und diesmal bis Düsseldorf durchgebucht -, ging es direkt zum Security Check. Wusste der Henker, wie lange es da dauern würde … Und das war eine blendende Entscheidung, denn dort tobte bereits der Bär. 😉

Ich hasse den Security Check aus ganzem Herzen. Zumindest habe ich immer ein ziemlich schlechtes Gefühl, obwohl ich mich sicherheitshalber stets an die Regeln halte. Und obwohl ich ganz harmlos aussehe – wie ich zumindest glaube -, werde ich wieder und wieder hinausgewinkt, muss nicht nur Hände vorzeigen und Arme heben, um daraufhin abgetastet zu werden, nein! Meist muss ich auch noch meine Schuhe ausziehen, denn es könnten ja Handgranaten oder Spionagematerial darin enthalten sein – ganz sicher, und man weiß ja nie …

So auch Samstag früh, gegen 06:00 Uhr, als die Uhr hier noch 5 schlug und ihr alle zu Recht in tiefem Schlaf lagt. 😉 Zur Entspannung musste ich dringend den Duty-Free-Shop aufsuchen und ein Parfum von Burberry kaufen. 😉

Der Flug von Riga nach Amsterdam startete einigermaßen pünktlich – erheblich pünktlicher jedenfalls als alles, was ich von deutschen Flughäfen und anderen Airlines kenne. Der Pilot hieß Andreij Wassilijew und war offenbar Russe. So nahm ich zumindest an, und sofort schlug der kleine Klischeedetektor an: „Der kann sicher besonders gut fliegen, weil er beim russischen Militär war und ganz hervorragend Jagdbomber geflogen hat!“ (Ja, ich schämte mich auch sofort! Zumal Andreij Wassilijew wirklich hervorragend flog und ich ihn von ganzem Herzen beneidete, dass er etwas konnte, was ich so gerne können würde. 😊 ) Andreij flog uns aufs Beste die knapp 1500 Kilometer, steuerte uns durch wundervolle Wolkenformationen gen Boden, und als wir gelandet waren, war noch hinreichend Zeit, sich zum Nachfolge-Gate zu begeben. Anders als beim Hinflug, wo ich rennen musste. Danke, Andreij! 😉 Nie wieder werde ich blöde Klischees bemühen, wenn ich auf einem Flug einen russischen Namen höre, der den Piloten betrifft. (Bisher war es allerdings auch nicht dazu gekommen, da ich innereuropäisch noch nie so weit östlich geflogen war.) 😊

In Amsterdam-Schiphol angekommen (was die lettischen/russischen Flugbegleiterinnen immer so reizend als „(Chch-)Hamsterdam“ deklariert hatten), eilte ich sogleich ans Folge-Gate, und es war völlig klar – da in Riga so angekündigt -, dass mein kleiner roter Trolley bis Düsseldorf durchgebucht sei. Also stieg ich vertrauensvoll in den Cityhopper, und er und ich landeten auch in Düsseldorf voller Zuversicht.

Aber die Zuversicht nahm ab, je mehr unabgeholte Gepäckstücke auf dem unentwegt kreisenden Gepäckband zirkulierten und keines hinzukam. Als das Band dann stoppte, war auch mir klar, dass da nichts mehr kommen würde. 😉

Ich begab mich an den entsprechend zuständigen Schalter, und nachdem ich diverse Angaben getätigt hatte, versicherte man mir, dass mein Trolley und ich alsbald wieder vereint sein würden – sobald man ihn gefunden habe, werde er mir mit dem entsprechenden Lieferservice nach Hause gebracht. (Inzwischen hatte ich diverse Angaben erhalten: Mein Trolley sei kurz nach mir von AMS nach DUS gereist, inzwischen gelandet, und man werde sich alsbald melden. Kurz darauf die Nachricht, mein Gepäck sei gefunden worden und nun alsbald nach DUS unterwegs – ich solle warten.)

Innerlich fluchend, äußerlich immer schlimmer erkältet machte ich mich gen Flughafenbahnhof auf, um den RE Richtung Hamm zu nehmen, der über GE fährt. Am Bahnhof angelangt, stellte ich fest: Dieser Zug fuhr heute … nicht. Warum? Keine Ahnung, denn es gab keine Erklärung dafür. Also nahm ich den nächsten Zug, der über Essen fuhr und auch erst eine knappe halbe Stunde später kam, in der ich frierend und fröstelnd ausharrte, mit eklatanten Gliederschmerzen: Es ging mir gar nicht gut.

Endlich fuhr der Zug ein, und mit Mühe zwängte ich mich hinein, denn er war zum Bersten voll. Da dachte ich: „Danke, KLM, dass mein Trolley nicht mitgekommen ist! Nicht auszudenken, hätte ich jetzt noch einen Koffer bei mir!“ 😉

Beim nächsten Halt in Duisburg war auch noch alles okay. Aber beim übernächsten in Mülheim standen wir schon erstaunlich lange am Gleis, als eine Durchsage kam: „Meine Damen und Herren, es klingt vielleicht bescheuert, aber: Die Türen lassen sich nicht öffnen!“ Wir, die wir dort im Einstiegsbereich unseres Wagens standen, starrten einander ungläubig an – wie bitte? Die neben mir stehende Frau meinte lachend: „Das ist doch kaum zu glauben!“ Und sie grinste mich an. Ich sagte: „Nun ja, ich habe heute eh einen Lauf – mich würde daher gar nicht wundern, würde gleich die Feuerwehr kommen, um uns alle aus diesem Zug hier zu schneiden, weil sich die Türen nicht öffnen lassen.“ Die Frau lachte schallend, ich grinste etwas gequält. Ich wollte nur nach Hause. Es war nach halb 1 – ich war seit vielen Stunden auf den Beinen, eine Stunde länger als alle Mitreisenden, die hier in Deutschland auch mitten in der Nacht um halb vier aufgestanden waren, denn in Lettland gehen die Uhren eine Stunde vor.

Nachdem wir endlich hatten weiterfahren können, in Essen das gleiche Spiel. Mein zuvor als hervorragend angesehener ziemlich rascher Anschluss weg. Aber ich versuche immer, möglichst pragmatisch vorzugehen, und da ich ohnehin noch hatte einkaufen wollen, dies nun eben in Essen. Der nächste Anschluss in einer Dreiviertelstunde. Ich stürmte die Kettwiger Straße und dort die erste Apotheke, deren ich ansichtig wurde – es mussten Mittel gegen diese immer schlimmer werdende Erkältung her. Meine Stimme war bereits da etwas brüchig, und der Apotheker hatte wohl Mitleid mit mir und rückte ganz freiwillig einen Kalender für das kommende Jahr heraus. Wahrscheinlich dachte er: „Arme Frau – die klingt so scheiße, dass sie sich sicher freut, wenn ich ihr zutraue, noch das nächste Jahr zu erleben.“ 😉

Dann rasch in einen Supermarkt und das Nötigste erworben, bevor es zurück zum Hauptbahnhof ging. Noch fünf Minuten bis zur Abfahrt des Zuges an einem entlegenen Gleis. Doch da! Da stand am Zugang zum Gleis ein Schild, auf dem stand: „Der Tunnel zu den Gleisen […] und […] ist derzeit gesperrt. Sie erreichen die Gleise durch […]“ Und ein Weg wurde genannt, der zu weit war, den in fünf Minuten abfahrenden Zug noch zu erreichen, vor allem mit meinem durch die Erkältung kurzatmigen Handicap.

Ich bin ein friedliebender Mensch, gestehe jedoch, in diesem Moment das Bedürfnis verspürt zu haben, dem nächsten Menschen, der mich aus Unachtsamkeit anrempeln würde, lachend rechts und links ins Gesicht zu schlagen. (Ich würde so etwas nie tun. Das Bedürfnis war dennoch da.)

Ich bin schließlich mit der U11 nach GE-Horst gefahren – ein Akt der Verzweiflung, da die U11 die letztpriorisierte Möglichkeit war, die ich überhaupt in Betracht zog, da ich die U11 sehr gut kenne. Ein Erlebnis, das ich auch nicht jeden Tag haben muss. Neben mir saßen zwei ältere Frauen, die darüber sinnierten, dass „die Heidi“ sich nun einen Hund anschaffen wolle und auch schon einen Vertrag auf einen Abkömmling bzw. einen Welpen aus einem Züchterwurf abgeschlossen hatte – „iiiaagendsone Jagdhundart, und der Hund heißt Leo – den hatt se auch schon zweimal besucht. Bekloppt, ey!“ – „Ja, vooaa allem, weil sonn Hund doch Haare väaaliiaat!“ Ja, nee, is klar – total bescheuert! So’n Hund verliert doch Haare! Wie kann man sich nur einen Hund anschaffen, wenn der doch Haare verliert – und dann liegen die aum Sofa rum, ne! (Ich fragte mich, ob „die Heidi“ keinen Staubsauger besitze und wie oft die beiden um Heidis Sofa besorgten Damen denn selber so staubsaugten, aber schon kam Ablenkung …)

Denn im Einstiegsbereich, der dem Vierersitzbereich, auf dem die beiden Damen und ich saßen, am nächsten lag, standen zwei stark alkoholisierte Personen. Die eine weiblich, die andere männlich, beide eine Flasche Bier in der Hand bzw. wechselweise am Kopp. Und an einer Haltestelle bremste die U11 etwas stärker … Und da ließ der Mann sich eben etwas noch einmal durch den Kopp gehen und trank rückwärts … Ein erhebender Moment. Nach dem ersten Schock dachte ich: „Wenn du irgendjemandem das alles erzählst, wird der sagen: ‚Amüsant, aber unwahrscheinlich – in der Häufung gibt es doch solch doofe Ereignisse gar nicht!‘“ Doch. Gibt es. Ich war auch verblüfft.

Ich machte drei Kreuze, als ich in GE-Horst in die Straßenbahn umsteigen konnte, und noch mehr Kreuze machte ich, als ich in meiner Wohnung war und die Schuhe von den schmerzenden Füßen ziehen konnte. Für den restlichen Samstag hatte ich Ruhe – ein Gefühl wie Weihnachten. Und zum Glück rief mich auch niemand mehr an – meine Stimme war kurz vor dem Versagen.

Am Sonntagmorgen, ich erwachte noch schlimmer erkältet als zuvor, wollte ich meine Stimme testen, denn mein Handy hatte mir für diesen Tag den Anruf des KLM-Gepäck-Lieferservice prophezeit, der meinen Trolley bringen sollte. Es ereilte mich das Grauen, denn es kam … nichts. Nur heiße Luft und jämmerliche quietschende Laute, die klangen, als solle eine Katze ersäuft werden, die mit letzter Kraft um Hilfe ruft. In dem Moment hoffte ich, der Lieferservice möge sich noch einen Tag Zeit lassen – so dringend war das mit meinem Trolley ja nun auch nicht. Immerhin waren keine verderblichen Dinge darin. 😉

Keine zehn Minuten später klingelte mein Handy. Eine mir unbekannte Nummer stand auf dem Display – mit höchster Wahrscheinlichkeit war das der Lieferservice! 😉 Ich raffte mich nebst Stimmbändern zusammen und meldete mich, indem ich trotzig und massiv Luft durch die Stimmwerkzeuge stemmte, aber es kam nur ein armseliges Quieken. Mein Gesprächspartner legte direkt auf. Ich konnte es ihm nicht verdenken – ich hätte mich auch verarscht gefühlt. Er versuchte es noch einmal – ich desgleichen, aber das Ergebnis war das gleiche. Ich sank ermattet aufs Sofa – übrigens ganz hundehaarfrei, da ich keinen Hund besitze. Würde ich meinen kleinen roten Trolley je wiedersehen? Ich hackte eine Whatsapp an KLM und schickte sie ab, aber man teilte mir nur mit, ich solle den Lieferservice anrufen. Hallo? Ich hatte doch mitgeteilt, dass ich erkältungsbedingt keine Stimme hatte … 😉

Wie durch ein Wunder meldete sich mein bester Freund Fridolin über den Messenger eines Sozialen Mediums: Wie es denn in Riga gewesen sei, wollte er wissen. Ich schrieb: „Dazu später. Könntest du mir einen Gefallen tun? […]“ Und ich schilderte ihm meine absurde Situation. Er fand es lustig und fragte, warum mir so oft solch völlig groteske Dinge passierten wie Sprachlosigkeit, wenn ausnahmsweise mal Sprachfähigkeit zwingend vonnöten, versprach jedoch, die von mir übermittelte Nummer anzurufen und mitzuteilen, dass ich in freudiger Erwartung meines Trolleys zu Hause sei. Und keine fünf Minuten später wusste ich: Zwischen 18 und 20 Uhr würde mein Trolley geliefert werden.

Doof war dann nur, dass der Lieferant zehn Minuten vor Auslieferung noch einmal anrief, wohl, um mir mitzuteilen, dass die Lieferung alsbald stattfinden würde. Als ich mich stimmlos meldete, legte er auf, und mich wundert noch jetzt, dass er danach tatsächlich noch angefahren kam, um mir das Gepäck zu bringen. 😉

Eine Kette unangenehmer Dinge, die grotesk endete – so etwas Bescheuertes war mir in dieser Häufung auch noch nie passiert. Aber immerhin sind mein Gepäck und ich wieder vereint. 😉

Und in Riga war es wirklich schön gewesen – am liebsten wäre ich gleich dageblieben, obwohl es die meiste Zeit wie aus Eimern schüttete. Mir wäre dann wohl auch der Samstag/Sonntag in dieser Form erspart geblieben. 😉

„There was a young lady of Riga” … ;-)

So fängt ein Limerick an, der einst in einem meiner Unterstufen-Englischbücher stand und den ich nie vergessen habe:

There was a young lady of Riga
Who rode with a smile on a tiger.
They returned from the ride
With the lady inside
And the smile on the face of the tiger.

Wie gut, dass ich mehr oder minder aus dem Raster der young lady  herausfalle. 😉 Wie auch immer: Am kommenden Montag werde ich in aller Herrgottsfrühe aufbrechen, um nach Riga zu reisen. Natürlich nicht auf dem Rücken eines Tigers, sondern zunächst mit einem profanen Taxi gen Flughafen Düsseldorf, das ich heute zum Festpreis von 78,- € und mit der Kondition Kreditkartenzahlung buchte. Bei meinem plötzlichen Aufbruch gen Baltikum handelt es sich um eine Dienstreise, da dort – am Geburtsort Heinz Erhardts in Lettland – eine Tagung stattfindet, die mit dem Inhalt meines Berufs konform geht.

All die Menschen, die mich mit all meinen Macken und Schrullen kennen, zumindest die, die bei meiner Taxi-Buchung anwesend waren, lachten sich scheckig, als ich ganz selbstbewusst und mit fröhlichem Timbre am Telefon sagte: „Ihr Fahrer holt mich also um 5 Uhr 10 morgens ab – sehr gut! Ich warte vor der Haustür.“

Saskia brach in helles Lachen aus, als ich aufgelegt hatte; Gina fiel ein, und sie meinten: „Hast du gerade von dir gesprochen, als du sagtest, die Person, die da transportiert werden soll, stünde um 5 Uhr 10 vor der Haustür?“ – „Ja, lacht ihr nur – ich bin ganz sicher pünktlich!“ Gina rief: „Sagt die, die erst kürzlich hier proklamiert hat, dass regelmäßiges Zuspätkommen auch eine Art von Zuverlässigkeit sei!“

Wir lachten alle laut, und ich meinte: „Und wenn ich die ganze Nacht wachbleibe! Ich werde um 5 Uhr 10 vor der Haustür stehen – mit all meinem Gepäck!“ (Und ich hoffe, dass es wirklich so sei! 😉 )

Außerdem bin ich immer pünktlich, was die Öffnungszeiten meiner Abteilung anbelangt, und ich kann meist sogar noch Kaffee aufsetzen, bevor das zu erwartende Publikum eintrifft. Meist mindestens zwei Minuten vor Öffnung der „Tore“. Und fast immer mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht. 😉 Gut, man könnte etwas eher eintreffen, zumal man sich dann nicht so abhetzen müsste … 😉

Mit dem Abhetzen wird es sowieso ein Ende haben müssen, seit ich am vergangenen Montag bei meinem Gyn war, der mir hinsichtlich der diesjährigen MRT-Untersuchung zweier Anhängsel meiner Wenigkeit eine Überweisung ausstellen sollte. Standardmäßig wurde mein Blutdruck gemessen. Und als ich nach Ende der Messung auf das Display des digitalen Messgerätes blickte, stockte mir erst der Atem, doch dann rief ich selbstbewusst: „Ihr Messgerät ist wohl defekt!“ Denn das, was da abzulesen war, konnte unmöglich stimmen: 151:106! Ein dreistelliger diastolischer Wert konnte nur ein Gerätefehler sein – ebenso der systolische Wert!

Man maß erneut. Ähnliche Werte, und ich stutzte. Ich hatte seit jeher eher niedrige Werte und war froh, wenn ich den Standard 120:80 mmHg erreichte. Die Arzthelferin meinte: „Nach der Untersuchung kommen Sie noch einmal ins Labor, bitte. Dann alles in Ruhe. Ich kann das unmöglich so in Ihre Akte schreiben – der Arzt reißt mir die Ohren ab!“ Ich sagte: „Ja, klar.“ Aber so richtig klar war mir das alles nicht – ich hatte doch immer eher niedrige Werte gehabt. Und ich wollte ganz gewiss nicht, dass der Arzt dieser immer so netten Helferin die Ohren abrisse.

Nach der Untersuchung dann eine weitere Messung, und ich sagte unheilschwanger: „Ich glaube nicht, dass das niedriger sein wird!“ Aber ein wenig niedriger war es schon, wenn auch immer noch im ziemlich kritischen Bereich, und mein polnischer Gyn, der hinzugekommen war, sagte nur: „Frrraauuu B., gäähäään Sie unväärrzieglich zu Ihrräääm Haauuusaarzt!“

O Gott! Das sagte dieser ruhige Mensch, der stets deeskalierend agiert – hier bestand wohl wirklich Handlungsbedarf! 😉

Ich fuhr nicht sonderlich ruhig zum Einkaufen und danach nach Hause, und am nächsten Morgen rief ich um 8 gleich in meiner Hausarztpraxis an und schilderte mein Problem. Man gab mir einen Termin für heute. Da der mich regulär behandelnde Arzt – es ist eine Gemeinschaftspraxis – nicht zur Verfügung stand, wurde ich der einzigen Ärztin in diesem Dreierbund zugeteilt, bei der ich vor zwei Jahren schon einmal war, als ich einen kurzfristigen Termin benötigte.

Und ganz ehrlich: Bei dieser Ärztin möchte ich bitte auch bleiben. Kein paternalistisches „Ach, Frau B., alles wird gut, machen Sie sich keine Sorgen! Ganz ruhig …“ Sie hörte zu, grinste mich an und meinte: „Sie gefallen mir, da Sie Ihre Aufgaben wohl ernstnehmen. Willkommen in der Liga der Betablocker.“ – „Betablocker?“ rief ich entsetzt. – „Ja. Was ist so schlimm daran?“ – „Aber die bekommen nur alte Leute!“ – „Nee, die bekommen alle Leute, die genauso sympathisch-hibbelig hier vor mir sitzen, einen bisweilen etwas zu hohen Blutdruck haben und ein kleines bisschen gedimmt werden müssen, damit der Blutdruck wieder normal ist. Aber das checken wir nach Ihrer Rückkehr erst einmal mit einer 24-Stunden-Blutdruckmessung und sehen dann, was Sache ist. Nehmen Sie Ihr Blutdruck-Messgerät nach Riga mit, und wenn es nötig sein sollte, nehmen Sie eine Tablette hiervon. Aber erst ab 180:110 mmHg, was Sie bisher ja beileibe nicht erreicht haben.“ („Hiervon“ ist ein ACE-Hemmer, wie ich erst erfuhr, nachdem ich ihn aus der Apotheke abholte, nach Hause trug und googelte. Wir breiten mal besser den Mantel des Schweigens über die Nebenwirkungen – besser nie googeln! Und beileibe: Solche Werte wie die oben genannten sind mir bis dato fremd! 😉)

Großartig. Genauso habe ich mir diese Dienstreise und auch den Rest meines Lebens vorgestellt: Ich messe meinen Blutdruck und werfe nach Bedarf Tabletten ein. 😉

Wahrscheinlich aber ist es gut, sich möglichst früh daran zu gewöhnen – dann fällt es leichter, wenn es wirklich nötig ist. Meine Ärztin fand übrigens gut, dass ich immerhin in der Lage zu sein scheine, Hochdruck-Symptome zu verspüren, nachdem sie mir erklären wollte, dass die nicht spürbar seien. Ich lachte und meinte: „Sorry, aber dieses Dröhnen und Druckgefühl im Kopp und das Rauschen in den Ohren kann doch ein normaler Mensch kaum nicht spüren!“ 😉 Da sagte sie: „Sie glauben kaum, was manche Menschen nicht spüren! Sie scheinen da feinfühliger zu sein.“ – „Nicht freiwillig!“ Und dann lachten wir beide.

Ich fliege nun als „medium old lady“ nach Riga, werde ganz sicher weder von einem Tiger gefressen noch sonstwie „vernascht“ werden, aber ich freue mich unbändig auf diese Dienstreise. Und natürlich messe ich brav meinen Blutdruck! 😉

Euch ein schönes langes Wochenende, falls Ihr ein solches haben solltet. Und mir einen schönen Hinflug, eine wunderschöne Zeit in Riga und einen noch besseren Rückflug. 😊

Recken und Strecken – nur ein wenig zur Entspannung, natürlich … ;-)

Gestern fragte mich Saskia: „Kommst du morgen mit zum Kurs Immer fit – immer fröhlich? Ich wollte da mal hingehen – und etwas Recken und Strecken bei der Arbeit kann ja nicht falsch sein!“ – „Klar!“ rief ich fröhlich (und das bereits, ganz ohne fit zu sein! 😉 ), denn ein beim Arbeitgeber angebotener Kurs mit allgemein gymnastizierendem Effekt kann nur gut sein, vor allem, wenn man tagein, tagaus in Vollzeit im Büro sitzt. Und vor diesem Hintergrund trompetete ich erneut: „Klar – Superidee!“

Saskia fand es auch super, und so machten wir uns heute um kurz vor halb eins auf den Weg zum Sportraum unseres Arbeitgebers. Außer uns kamen noch zwei weitere reck- und streckwillige Kollegen und warteten brav mit uns vor der Tür des Sportraums, in dem der 12-Uhr-Kurs gerade tätig war.

Als die Tür aufging, kamen diverse Kolleginnen und Kollegen heraus, die ich mehr oder minder gut kannte. Sie alle sahen völlig normal aus, völlig normal hinsichtlich des Stylings und der Gesichtsfarbe. Na, also – das konnte ja gar nicht so anstrengend sein … 😉

Und schon schoben wir vier Musketiere uns in den Raum, mussten uns auf einer Liste verewigen, und schon wies uns die sehr junge und sympathische „Schleiferin“ an, uns jeweils eine der im Kreis angeordneten Gymnastikmatten auszusuchen. Ich nahm die Matte in der linken Ecke – weit von der Kursleiterin entfernt.

Es fing im Grunde ganz harmlos an, aber ich hatte (zu) lange keinen Sport gemacht, und ich konstatierte, dass speziell in vertikaler Körperhaltung meine Balance nicht mehr das ist, was sie mal war, vermute jedoch, dass hier der allseits bekannte Vorführeffekt zum Tragen kam, denn vorhin habe ich hier zu Hause – ganz ohne Publikum und „Schleiferin“ – ganz bequem mit nach oben gezogenem Knie, rechts wie links – minutenlang auf einem Bein gestanden, ohne mich abstützen zu müssen. Cool! (Ausprobieren musste ich es doch noch einmal!) 😊

Nur halt im Kurs nicht, was mich ärgerte. Ganz so ungymnastiziert bin ich ja nun auch nicht! 😉 Als ich die Kursleiterin grinsen sah, meinte ich, ebenfalls grinsend: „Ja, ich muss auch lachen – zu lange nix gemacht, und es ist allerhöchste Zeit. Ich komme jetzt regelmäßig, denn so geht es ja nicht weiter!“ Die Kursleiterin lachte und meinte, binnen kurzer Zeit würde ich feststellen, dass ich viele Dinge wieder könne, die durch den zwischenzeitlich eingetretenen Mangel eingerostet seien. Ja, sehr schön – nächste Woche bin ich auf alle Fälle wieder dort, und dann alle zwei Wochen, da der Kurs ab dann nur zweiwöchentlich stattfindet. Ha! Danach reden wir weiter! 😉

Dennoch war ich froh, als wir uns in Vierfüßerposition begaben – ab da funktionierte alles weitgehend prima, und bei einer Übung wurde ich sogar mehrfach gelobt! Sie ähnelte einer der Basisdisziplinen bzw. -figuren, die man beim Voltigieren lernt. Meine Lieblings-Basisübung vor vielen Jahren auf dem Pferderücken: die Fahne (Leistungsklasse L). Einziger Unterschied: Man verharrt auf dem Rücken des galoppierenden Pferdes in dieser Position mit optimaler Körperspannung. Heute mussten wir uns erst fahnenartig strecken, dann kurz beugen, dann wieder strecken. Aber meine gestreckte Haltung gefiel der Kursleiterin wohl: „Wow! Das beherrschen Sie richtig prima! Das sieht sehr gut aus!“ – „Habe früher voltigiert …“ japste ich und fügte hinzu: „Man mag es kaum glauben – ist auch ewig lange her …“ – „Das sieht sehr gut aus!“

Manches bleibt wohl ewig haften … 😉

Blöd waren die kurzen Entspannungspausen, denn da konzentrierte man sich weder auf die Körperspannung, noch auf sonstige Dinge. Und just in einer dieser kurzen Pausen fiel mir auf, dass meine Herzfrequenz ziemlich hoch war. Kurz: Mein Herz hämmerte derart gegen die Rippen, dass es ungesund erschien. Sicher normal für mehr oder minder untrainierte Menschen, und doch dachte ich in diesem Moment: „Wäre jetzt blöd, würdest du mangels Trainings umkippen, denn du bist hier die einzige Ersthelferin. Und was ist das da? Läuft dir schon Blut in die Augen? Wo ist ein weiterer Ersthelfer?“ (Nein. Es war kein Blut; Schweiß war es – aber auch nicht angenehm für Kontaktlinsenträger. 😉 )

Doch dann fiel mein erschöpfter Blick auf die beiden rechts neben mir: Die kannte ich doch aus den Ersthelfer-Lehrgängen …  Gut, der gleich rechts neben mir wirkte jetzt auch nicht so durchtrainiert, aber Anne Wirschmann, eine sehr nette Kollegin rechts von ihm, sah zu allem entschlossen aus. 😉

Die halbe Stunde, die der Übungskurs andauert, fühlte sich für mich viel, viel länger an. Aber: Nächste Woche gehe ich wieder hin – und danach alle zwei Wochen. Das wollen wir doch mal sehen! 😉 (Aber ich bringe mir dann Kleidung zum Wechseln mit – wie auch Saskia für sich beschloss, obwohl die regelmäßig Sport macht – mich wundert jetzt noch, dass ich durchgehalten habe. 😉 )

Wie eine Erlösung aus dem Schlund der Hölle fühlte es sich an, als ich um 13:01 Uhr aus dem Sportraum taumelte, hinter mir Saskia. Als wir die Treppe aus den Katakomben ins Erdgeschoss hochschritten, rief Saskia hinter mir: „Ali – die Übungen sind vorbei! Wow! Wie kannst du jetzt noch die Treppen so voller Schwung hochstochen?“ Ich fragte sie, ob sie mich veräppeln wolle, aber sie rief: „Nein, ernsthaft – du läufst wirklich voller Schwung und viel schneller als ich!“ Da fiel es mir auch auf: So schwungvoll war ich noch nie eine Treppe hinaufgelaufen. 😉

Und genauso beschwingt ging es zurück ins Büro. Und danach in den Vorraum der Damentoilette, bewaffnet mit einem Deo, das ich – man muss stets gewappnet sein – in einer meiner Rollcontainerschubladen habe.

Der Blick in den Spiegel wirkte ernüchternd: Ich sah nahkampfmäßig geschafft aus! 😉 Danach beschloss ich, wirklich – und ich meine: wirklich – von nun an regelmäßig diesen Kurs zu besuchen.

So geht es ja nicht weiter! 😉 Und doch blickte ich Saskia, nachdem meine Gesichtsfarbe wieder normal wirkte, mit leise grimmigem Humor an und meinte: „Recken und Strecken, ne?“ Und dann lachten wir beide. 🙂

Wat de Buer nich kennt …

Wat de Buer nich kennt, dat frett he nich ist ein Satz in Niederdeutsch, gemeinhin auch als Platt bekannt. Was der Bauer nicht kennt – und so fort. Kennt sicherlich jeder.

Es schwingt eine vermeintliche Herabsetzung darin mit, die den Beruf des Landwirts zu betreffen scheint, was jedoch unzutreffend ist. Es ist wohl nicht der Landwirt als solcher gemeint, sondern eher ein Mensch, der sich – egal, welchen Beruf er ausübt – gegen alles sträubt, was er nicht kennt und sich somit in einem gegebenenfalls vergleichsweise engen Erfahrungsraum bewegt.

Bezogen auf Essen, bin ich ja der Ansicht, dass man beileibe nicht alles mögen müsse, dass man manches auch nicht vertrage. Um Letzteres festzustellen, muss man allerdings mindestens einmal probiert haben. Überhaupt finde ich, sollte man doch zumindest probieren und ehrlich zu sich und anderen sein, bevor man ein bestimmtes Gericht, eine Angewohnheit oder einen Brauch ablehnt. Es sei denn, man ist Allergiker hinsichtlich einer bestimmten Zutat in einer Speise. Die dann nicht essen zu wollen, leuchtet ein, und dafür hat jeder mit einem gewissen Restverstand Verständnis.

Ich hingegen reagiere allergisch darauf, wenn Leute hingehen und aus bloßer Verwöhntheit und – sorry – Engstirnigkeit Essen ablehnen, weil sie es nicht kennen. Ich war noch klein, als meine Eltern mal verschiedene Gäste zum Essen hatten. Eine Frau fiel ständig dadurch auf, dass sie zu allem und jedem sagte: „Ach, tut mir leid, das mag ich gar nicht!“ Sie mochte offenbar nicht viel, und dabei ist meine Mutter eine sehr gute Köchin, und es standen weder gegrillte Heuschrecken, noch Schneckenschleim auf dem Tisch. Den anderen schmeckte es offenbar sehr, dem männlichen Part dieses Pärchens war es offenkundig peinlich, und meine Mutter rannte hin und her und versuchte, der verwöhnten Dame, deren einzige Begabungen darin zu bestehen schienen, dass sie nichts mochte und wiederholt ein penetrantes Lachen absonderte, etwas ihr Genehmes zu essen zu bieten, etwas, mit dem der offenbar limitierte Gaumen sich zufriedenstellen ließ. Sie bereitete ihr sogar eigens etwas zu.

Ich war noch so klein, dass ich mich mit Diplomatie überhaupt noch nicht auskannte, und so warf ich der Dame, die beim nächsten Besuch in etwa gleicher Besetzung nicht mehr dabei war, sehr böse Blicke zu. Eigentlich hätte sie tot vom Stuhl stürzen müssen, so böse starrte ich sie an. Es leuchtete mir ums Verrecken nicht ein, warum um eine Vollzeitzicke ein solches Gewese gemacht wurde, während ich dazu erzogen wurde, dass Mäkelei an weniger genehmen Gerichten nicht angemessen sei und dass man zumindest probieren müsse, bevor man feststellen könne, dass einem eine bestimmte Speise in der Tat nicht schmecke. Und schon öffnete ich meinen Mund, um etwas Entsprechendes zu sagen, doch ein Studienfreund meines Vaters, der das Ganze wohl beobachtet hatte, meinte: „Ali, sag mal, was willst du denn später mal werden, wenn du groß bist?“ Ich blickte irritiert hinüber – was sollte die Störung? Gerade eben hatte ich doch eine dumme Ziege … „Sag doch mal, Ali“, ertönte die Aufforderung erneut. Und da sagte ich leicht verärgert: „Tierärztin!“ – „Ach, interessant – warum?“ – „Weil ich Tiere mag.“ – „Welche Tiere magst du denn besonders?“ – „Hunde! Und Pferde! Ziegen nicht so!“ rief ich, dabei mochte ich auch Ziegen. Zumindest tierische solche, aber irgendwie musste heraus, was herausmusste. Über das Gesicht des Studienfreundes meines Vaters lief ein leises Grinsen, das sich im Gesicht meines Vaters zu spiegeln schien, und die Mundwinkel zuckten. Er war aber so klug, nicht zu fragen, warum ich Ziegen – vorgeblich – nicht mochte. 😉 Stattdessen bat er darum, doch mal rasch meinen Malblock und die Wachsmalstifte aus dem Kinderzimmer zu holen – er würde sich so sehr über ein Tierbild von mir freuen. Ich fand das irgendwie albern – wieso sollte ich just jetzt ein Bild malen? Aber wenn es denn gewünscht wurde … 😉 Und ich zog ab, während meine Mutter, die – nur für Eingeweihte – ebenfalls leicht verärgert wirkte, aber sehr charmant lächelte, das eigens bereitete Essen für die verwöhnte Dame ins Esszimmer trug.

Gut, dass ich einen Auftrag hatte, denn ansonsten hätte ich wahrscheinlich sehr empört zum Ausdruck gebracht, dass ich sogar Graupensuppe essen müsse, obwohl die total ätzend sei! Es hätte peinlich werden können, denn ich trug bereits als Kleinkind mein Herz auf der Zunge. 😉

Mir nutzte solch zickiges Verhalten nie, aber ich bin sehr dankbar dafür. Es müsse zumindest probiert werden, so die Maxime in meinem Elternhaus, bevor man entscheiden könne, dass einem etwas wirklich absolut nicht schmecke. Und auch, wenn einem etwas nicht schmecke, habe man – speziell als Gast – keine „langen Zähne“ zu machen. Daher esse ich bis heute Graupensuppe und mache die „langen Zähne“ auch nur innerlich.

Ich finde total spannend, Gerichte aus anderen Ländern und Kulturen zu probieren und zu essen und bin dank der elterlichen Anleitung auch sehr aufgeschlossen und nicht mäkelig. 😉 Es gibt nur wenige Gerichte, die ich – und das aus Prinzip – nicht probieren würde, und wären sie noch so schmackhaft. Dazu gehören Froschschenkel und Schildkrötensuppe. Bei foie gras bin ich leider schon schwach geworden, aber bei dem einen der beiden Male stand ein belgischer Sternekoch hinter mir, der den Eindruck machte, er werde unverzüglich jeden mit dem Küchenbeil dahinmetzeln, der sich auch nur einem der verschiedenen Gänge des Abendmenüs entziehen würde. Zweimal gegessen, aber nicht begeistert, speziell der Entstehung dieser Gänse- oder Entenfettleber wegen. Schnecken esse ich, aber ich würde sie mir nicht eigens bestellen. Austern habe ich einmal gegessen, aber ich mag sie nicht, und auch die Art und Weise, die armen Viecher zu konsumieren, hält mich davon ab, ein zweites Mal folgen zu lassen.

Aber ich bin zumindest recht unerschrocken, was mir unbekannte Speisen anbelangt. Der Grundstein wurde in meinem Elternhaus gelegt. Und damals in Jugoslawien.

Da war ich 10 Jahre alt und über Ostern mit Onkel, Tante, Schwester und Cousine in Kroatien bzw. Dalmatien. Eines Abends waren wir von den Betreibern der Pension, Freunde meines Onkels und meiner Tante, zum Essen eingeladen. Ein privates, regionales Essen in der Wohnung der Pensionsbetreiber. Und meine Tante und mein Onkel schwärmten davon, was für wunderbares regionales Essen es doch gebe – beide ganz gespannt, was man uns kredenzen würde.

Und schon saßen wir im Esszimmer der Gastgeber am schön gedeckten Tisch. Es gab eine durchaus schmackhafte Vorspeise, die nur noch durch die Hauptspeise getoppt werden konnte. Und da wurde sie auch schon hereingetragen, in einem großen Topf.

Gespannt blickten wir hinein, nachdem der Deckel gelupft worden war und dem Topf wahrhaft wunderbarer Duft entströmte! Aber … was war das?

Merkwürdige, weißliche Gebilde schwammen in der duftenden Brühe – was war das? Der die deutsche Sprache beherrschende Gastgeber erklärte, das sei eine lokale Spezialität: gekochte Tintenfische. Genauer: Kalmare. Die Tiere, die jeder zumindest in Ringe geschnitten kennt, der frittierte Kalamares bzw. Calamari mit Knoblauchsauce liebt. Nur: Hier schwammen sie im Ganzen gänzlich unfrittiert in einer Brühe und sahen – sorry! – aus wie Wasserleichen.

Stephanie und meine Cousine Christina waren plötzlich auf Diät und wollten „nur eine ganz kleine Portion, bitte, wenn überhaupt“. Mein Onkel hatte wie aus dem Hut gezaubert schon den ganzen Tag ominöse Magenprobleme. Nur meine Tante und ich blieben übrig, und wir waren tapfer. Keine Frage: Die Brühe war wunderbar! Aber diese wachsartigen Kalmare waren eine Herausforderung. Ich aß einen großen Teller voll. Dann war ich gesättigt … Meine Tante nahm noch zwei Nachschläge – es war ihr peinlich, dass drei Teile der fünfköpfigen Reisegesellschaft ausfielen. Leider konnte sie vom Nachtisch dann nur noch wenig essen, und mein Onkel, Stephie und Christina gar nichts – es hätte etwas blöd ausgesehen. Die drei Letztgenannten gingen hungrig zu Bett, aber ich konnte immerhin noch vom Dessert essen. 😉

Und derart gestählt war ich vor einigen Jahren, kurz nach dem Urlaub mit Johann, Sabrina und meinem Ex-Freund Dirk in Skandinavien, auch bereit, eine ur-nordschwedische Spezialität zu probieren: Surströmming! Das ist jener vergorene Ostseehering, auch Strömling genannt, der in Nordschweden erfunden wurde und in Dosen verkauft wird. Dosen, die hierzulande nur kurz vor dem Verhungern Stehende allen Ernstes öffnen würden und die von zwei mir bekannten Fluggesellschaften als Fracht ausdrücklich ausgeschlossen sind, denn durch die Gärung sind die Dosen aufgebläht, was schon nichts Gutes ahnen lässt. Dirk und ich aber waren voller Elan, auch diese schwedische Spezialität zu probieren – immerhin hatten wir bereits älgkorv, Elchwurst, und Rentierschinken wie auch tunnbröd versucht. Ganz zu schweigen vom schwedischen Brot, das es in heller und dunkler Variante gab. Die Konsistenz: schwammartig, und die Brotsorten, die wir probierten, unterschieden sich nur in der Farbe. Und merkwürdig süß war das Brot, auf das wir salzige Butter strichen. (Gesalzene Butter esse ich aber auch hierzulande. Ungesalzene kaufe ich nur, wenn ich mal backen will, was selten genug der Fall ist.)

Dirk bestellte den vergorenen Ostseehering im Internet, weil man ihn sonst nirgendwo bekam. Und als er eingetroffen war, bestaunten wir die aufgeblähte Konservendose von allen Seiten. Wir hatten uns kundig gemacht, wie man das Ganze optimal öffne: in einem Zehnliter-Eimer, zu zwei Dritteln voll mit Wasser. Man muss die Dose unter Wasser drücken und dort öffnen. Und während Dirk sich dergestalt auf dem Balkon zu schaffen machte, stand ich in der Balkontür, jederzeit bereit, ins Innere der Wohnung zu fliehen. 😉 Immerhin schaffte es Dirk, die Dose zu öffnen, und die leichte Brise, die aus westlicher Richtung wehte, trug den odeur, der aus dem Eimer drang, auch zu mir. Ich hegte starke Zweifel, ob das, was in der Dose war, wirklich essbar sei, nachdem ich nach der Geruchsattacke wieder in die Balkontür trat und rief: „Wir müssen die Fische erst wässern – die sind ja sonst nicht genießbar!“ Und so legten wir die sehr schön und bläulich schimmernden Heringe in frisches Wasser und warteten. Und warteten. Und warteten, während wir an diesem schönen Sommerabend auf dem Balkon saßen und Wein tranken.

Nach dreieinhalb Stunden trauten wir uns. Dirk holte Vollkornbrot und Butter dazu und kredenzte – woher hatte er den denn? – Wodka.

Wir probierten den Fisch simultan. Er war ja lange gewässert worden. Ich glaube aber, ich wurde grün im Gesicht, und ich mühte mich, den Fisch, ohne noch lange darauf herumzukauen, hinunterzuschlucken. Dann trank ich ein Pinnchen Wodka auf ex – ich hasse Wodka! 😉 Und nicht einmal der konnte helfen – dieser Fisch roch schweflig, und er schmeckte schweflig, und trotz des Wodkas hatte ich diesen widerlichen Geruch in der Nase. Ich aß mehrere Scheiben Vollkornbrot – schließlich hatte ich auch Hunger. Und ich sagte zu Dirk: „Dein Fisch! Du kannst gern alles allein essen, wenn du mir nur das Brot und die Butter lässt.“ – „Nein, danke – ich glaube, das ist auch für mich nichts. Ich habe noch eine Pizza im Tiefkühlfach.“ – „Aber hoffentlich nicht mit Fisch!“

Da hörten wir ein scharrendes Geräusch vom Dach knapp über uns. War bereits der Mond aufgrund des Gestanks heruntergefallen und kratzte am Dach? Doch nein! Es war eine Katze aus der Nachbarschaft, die mit großen Augen begierig auf das reichhaltige Fischangebot blickte. Wir riefen ihr katzengerecht und sanftmütig zu, sie solle ruhig zu uns kommen, und schon sprang sie auf meinen Schoß, und wir hielten ihr den appetitlich blauschimmernden Fisch hin …

So schnell habe ich nie eine Katze abhauen sehen! Ich sah so etwas wie einen schwarzweißen Blitz, und schon war sie verschwunden. Von ferne hörten wir sie beleidigt miauen: Was für eine Frechheit, einer unbescholtenen und freundlichen Katze so ein schwefliges Ekelzeug anzubieten, das wie Fisch aussah! Verarschung einer arglosen Katze – wo war der Tierschutzverein, wenn man ihn brauchte? 😉

Dirk und ich aßen das ganze Vollkornbrot auf und bereiteten auch noch die Pizza zu. Danach waren wir wenigstens satt. Nur ein Problem hatten wir noch: Wohin mit den Fischresten? „Wir können das unmöglich in den Hausmüll werfen – das wäre sicherlich ein Kündigungsgrund!“ rief ich. „Und in die Toilette können wir es auch nicht werfen und spülen – sämtliche Kanalratten Duisburgs würden aus deiner Toilette springen und sich an uns rächen wollen.“

Ich gestehe: Wir haben am nächsten Tag einen Spaziergang gemacht und das ganze Gebinde, gut verpackt und in drei Plastiktüten geschnürt, in einen städtischen Müllbehälter geworfen. Und wir hofften, dass dieser bald geleert werden würde, denn es war sehr warm in jenen Tagen. 😉

Ich vermute seitdem, dass Surströmming wahrscheinlich keinem einzigen Menschen schmecke und einfach nur als Grund zum Saufen herhalten müsse … 😉

Und dennoch: Gebt fremden Speisen immer eine Chance. Bei manchen solltet ihr allerdings wirklich vorsichtig sein – man macht sich so schnell Feinde … 😉

Sich sägen bringt Regen

Ja, okay, es handelt sich dabei um eine Verballhornung des altbekannten Sprichworts: Sich regen bringt Segen. Vor vielen Jahren hörte ich sie erstmalig und fand sie ein wenig albern.

Seit dem Wochenende finde ich sie einfach nur folgerichtig. Denn seit dem Wochenende hat es hier mehrfach zünftig geregnet. Wahrscheinlich just seit dem Zeitpunkt, da ich am Samstagabend ein Stück von einem nicht tagesfrischen Baguette abschneiden wollte. Mit einem Sägemesser mit recht feinem Wellenschliff.

Die relativ kurze Version: Das Messer rutschte vom Brot ab und rammte sich – noch in der Sägebewegung – in meinen linken Zeigefinger. Von oben und direkt in die Beugefalte am obersten Fingerglied. Noch kürzer: Es hätte nicht viel gefehlt, den Finger an dieser Stelle gekonnt zu durchsägen … Glücklicherweise war der Widerstand der Gegebenheiten dann doch zu groß. Hautschichten sind zäher, als viele Menschen annehmen. Und recht dicht darunter ja immerhin Knochen. 😉

Ich bin Ersthelferin und durchaus in der Lage, anderen, auch blutenden, Menschen schnell zu helfen – ohne Probleme. (Die entstehen höchstens später, wenn mir ganz kodderig wird, sobald ich mir die Rettungssituation wieder vor Augen führe.) Bei mir selber jedoch …?

Und so starrte ich wie gelähmt auf die Schnittwunde und sah, dass sie klaffte. Da waren klaffende Hautschichten, durch den Wellenschliff ganz ausgefranst! Iiiiiiih! 😉

Es war wohl der erste Schreck – oder Schock -, der dafür sorgte, dass ich die Wunde klaffen sah, so ganz ohne jedwedes Blut. Kaum gewahr geworden, dass das eine echt ekelhafte Schnittwunde sei, fing das Blut auch schon zu strömen an – und wie! Ich ließ das Messer fallen und griff schleunigst nach Zewa, riss gleich vier Tücher ab, die ich um die Wunde schlang. Dann wankte ich ins Wohnzimmer und Richtung Couch – erst einmal hinsetzen. Mir war ganz flau.

Mit der rechten Hand drückte ich das Zewa auf die Wunde und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Erstaunlich, wie unterschiedlich sich das darstellt, wenn man andere Menschen verarztet. 😉 Da weiß ich sofort, was zu tun ist. Hier starrte ich fasziniert auf das mehrschichtige Zewa, das immer nasser wurde und sich mehr und mehr rötete. Dann riss ich mich zusammen, wankte ins Bad und drehte den Wasserhahn auf – kaltes Wasser war vonnöten. Und als es kalt genug war, hielt ich die linke Hand darunter, und das in der Hoffnung, die Blutung werde gestillt werden. Die dachte gar nicht daran, und ich wankte in die Küche zurück – mehr Zewa war vonnöten.

Das Schlimmste lag noch vor mir: Die Wunde musste desinfiziert werden! Normalerweise tue ich das mit Wasserstoffperoxid, aber das war alle. Sonstiges Wunddesinfektionsspray? Auch nicht vorhanden, und so griff ich kühnen Blickes nach einem Parfum, das ich selten nutze, da ich es nicht so mag. Ich wusste, dass das gar nicht schön werden würde, aber es musste sein: Und so sprühte ich tapfer und voll böser Vorahnung eine große Ladung auf die klaffende Wunde …

Nachdem ich wieder in der Lage war, normal zu atmen und einigermaßen klar zu denken, legte ich mir einen kleinen Druckverband aus Heftpflastern an – leider waren keine Mullbinden im Haus, und ich verspürte keinerlei Neigung, in den Garagenhof zu meinem Auto zu laufen, um den Verbandkasten im Kofferraum zu plündern. Der kleine Druckverband blutete trotz aller Mühen durch, und ich legte einen neuen an, ein bisschen fester. Hielt bombenmäßig, und es blutete auch gar nicht mehr durch. Zur Entspannung legte ich eine DVD ein und mich selber auf die Couch.

Eine halbe Stunde später warf ich einen Blick auf meinen linken Zeigefinger. Was war denn das? Und ich hielt den rechten Zeigefinger vergleichshalber daneben. Der linke war erheblich dicker als dieser. Mir wurde ein wenig angst und bange, und ich löste meinen tollen, kleinen Pflaster-Druckverband lieber. Viel zu fest – nicht, dass der Finger abstarb! Immerhin hatte die Blutung aufgehört, und aufatmend klebte ich ein kleines Pflaster quer über die Wunde und Leukoplast längs darüber, mit ein bisschen Zug, um die Wunde zusammenzuhalten.

Am nächsten Tag sah ich mir die Wunde an. Sah gar nicht so schlecht aus, wenn man davon absah, dass die Umgebung bläulich verfärbt war. Sicherlich nur Einblutungen – das würde weggehen. Doch irgendwann schoss mir durch den Kopf, dass meine letzte Tetanus-Immunisierung schon ziemlich lange zurückliege. (Manchmal bereue ich, Ersthelferin geworden zu sein – wenn man nicht ohnehin schon über viele Dinge nachdenkt, lernt man es da verstärkt …) Und ich wechselte das Pflaster noch mehrfach – jedes Mal schien die Wunde schlimmer auszusehen, und wer wusste, was sich da in ihr und dem Blutkreislauf bereits abspielte … 😉 Ich beschloss, am Montag zum Arzt zu gehen – es könne unmöglich schaden, diesen einen Blick auf die zickzackförmige und angeblaute Wunde werfen zu lassen … 😉

Ich machte am Montag gleitzeittechnisch Minus, als ich mich um Viertel vor drei auf den Weg begab. Und ich kam erschreckend schnell dran! Normalerweise sitze ich bei meinem Hausarzt trotz Termins mindestens eine halbe Stunde im Wartezimmer – am Montag hatte ich gerade meinen Hintern auf einen der Wartezimmerstühle verfügt, als ich auch schon wieder aufspringen musste, denn man hatte: „Herr B. in Zimmer 2“ gerufen. (Angesichts meines Vornamens und der entsprechenden Assoziationen reagiere ich auf beides. Ehe ich da stundenlang sitze und gar nicht mehr drankomme, weil „Herr B.“ nicht erschienen ist – vermeintlich.) Und tatsächlich war ich gemeint gewesen.

„Haben Sie Ihren Impfpass dabei, Herr … ääh … Frau B.?“ – „Ja. Heute früh noch im Schweiße meines Angesichts gesucht – und gefunden. Ich brauche den nicht oft.“ (Ich war froh gewesen, dass es wirklich meiner gewesen war, den ich da in meiner Schlafzimmerkommode säuberlich abgelegt gefunden hatte, nicht der uralte Impfpass meines früheren Hundes – die Impfpässe sehen einander so ähnlich, und mein Hausarzt wäre sicherlich verwundert gewesen, hätte er in meinem vermeintlichen Impfpass etwas von einer Staupe-Impfung gelesen … 😉)

Dann kam der Arzt, ein ausgesprochener Sarkastiker. Er sah sich die Wunde an und meinte: „Wann ist das passiert – am Samstagabend? Sieht doch inzwischen ziemlich cool aus. Gute Wundversorgung – waren Sie im Krankenhaus damit?“ – „Nee, das habe ich selber gemacht.“ – „Cool! Sieht wirklich gut aus. Wir machen jetzt nur zwei Klammerpflaster drüber, denn wenn Sie den Zeigefinger unerwartet zu sehr beugen, könnte es passieren, dass …“ – „Nein! Nicht sagen! Ich kann mir vorstellen, was Sie meinen!“ Und ich bekam die beiden Klammerpflaster und darüber noch einen sehr beeindruckenden Mullverband.

Dann sprach ich das Tetanus-Impf-Problem an – letzte Auffrischung 1996 – und erwähnte brav, dass ich anno 2011 einen Antikörper-Titer-Test hätte erstellen lassen, der besagte, dass ich erst 2021 erneut geimpft werden müsse. Ich hatte sogar den Laborausdruck dabei, was für mich wirklich ungewöhnlich ist. Aber der Arzt winkte nur ab: „Zu unsicher. Wir impfen Sie jetzt sofort – es muss ja auch nur eine Auffrischung sein. Aber wir machen gleich eine Vierfachimpfung – danach sind Sie immunisiert hinsichtlich Tetanus, Diphtherie, Polio und Pertussis!“ – „Toll! Aber können wir das besser am Freitag machen?“ – „Wieso das?“ – „Weil ich nach der Tetanusimpfung immer flachliege.“ – „Ach, da machen Sie sich keine Gedanken! Ich weiß, dass manche Patienten auf die Tetanusimpfung immer recht heftig reagieren, aber diese Vierfachimpfung wird im Allgemeinen recht gut vertragen. Und zur Not kommen Sie morgen vorbei – dann schreibe ich Sie krank.“

Widerspruch zwecklos, Aufschub unmöglich. Dabei wusste ich, wovon ich sprach. Hätte ich mir nicht den halben Finger durchgesägt, hätte ich auf Freitag bestanden. 😉 So aber wurde ich umgehend vierfachgeimpft.

Zwei Stunden nach der Impfung ging es mir auch noch gut. Aber eine halbe Stunde später war ich nicht mehr ich selbst: Mein Kopf fühlte sich an, als sei er mit Matsch gefüllt, ich bekam – ich kannte das ja schon – Fieber und Schüttelfrost, und ich hatte Gliederschmerzen, als wäre ich verprügelt und getreten worden. Bei den ersten Anzeichen hatte ich mich schon hingelegt und vegetierte im Bett vor mich hin. Diebe hätten mir zwischenzeitlich die Wohnung ausräumen können: Es wäre mir völlig wurscht gewesen. Das zum Thema: Wird im Allgemeinen recht gut vertragen. 😉 (Man beachte die beiden Einschränkungen: im Allgemeinen und recht gut …)

Gestern war ich noch immer ausgeknockt – heute ging es einigermaßen. Interessant: Mein Finger ist wieder ziemlich fit, aber ich spüre noch immer die Auswirkungen der im Allgemeinen recht gut verträglichen Impfung. 😉 Vermutlich liegt es wohl daran, dass ich tatsächlich noch so viele Antikörper hatte, dass die im Zuge der Impfung – vielleicht ist die Aussage des Labors, das anno 2011 den Antikörper-Titer bestimmte, doch nicht so unsicher gewesen, sondern vielmehr höchst präzise – laut riefen: „Hurra – eine Herausforderung! Endlich passiert hier mal was! Seit Jahren gammeln wir hier herum wie bestellt und nicht abgeholt, und endlich geschieht hier mal etwas! Mobilmachung! An die Gewehre!“ Und schon griffen sie den vermeintlichen Eindringling in Form der Aktiv-Immunisierung an und zwangen mich dabei in die Knie … Das höchst eigene Immunsystem scheint bisweilen völlig separat vom Willen seines „Wirtes“ zu handeln! 😉

Immerhin aber bekomme ich nun garantiert neben den anderen Verdächtigen keinen Keuchhusten, denn derzeit bildet mein sehr eigenmächtig handelndes Immunsystem Antikörper auch dagegen.  Und wehe, wenn ich doch je daran erkranke! Dann bin ich sofort bei meinem Arzt und stecke den an! 😉

Sägt Euch bloß nie in die Hand! Das zieht so viel Ungemach nach sich. Und es regnet auch schon wieder … 😉

Mit gespaltener Zunge

Mit einer derartigen Zunge zu sprechen, ist eine Redensart hinsichtlich Mitmenschen, die einen anlügen. Woher kommt das? Ganz klar: von Schlangen, die seit jeher als nicht vertrauenswürdig gelten und vielen Menschen suspekt sind. Es gibt da eindeutig Berührungsängste, und im Vertrauen: Speziell bei Giftschlangen sollte man Berührungen auch besser vermeiden. Wie schnell ist ein Missverständnis entstanden, zumal Schlangen so ganz anders reagieren als Hunde, Pferde und Katzen – und selbst da kommt es bisweilen zu Missverständnissen. Speziell bei Katzen … 😉

Kürzlich ist in einer der Nachbarstädte eine Kobra aus Privathaltung entwichen, wurde zunächst im Treppenhaus des Gebäudes, in dem ihr Halter lebt, von Nachbarn gesichtet und von diesen umgehend abgelichtet (es glaubt einem ja leider nicht jeder sofort, wenn man erzählt, man hätte im Hausflur eine Giftschlange entdeckt), und die beiden Nachbarn alarmierten die Polizei. Leider hatte sich das giftige Tier, das sich der Gefahr, die von ihm ausgeht, sicherlich gar nicht bewusst war, zwischenzeitlich verdünnisiert, und alle Häuser, die zu dem Gebäudekomplex gehören, mussten unverzüglich evakuiert werden. (Ich gestehe, ich hätte meine Wohnung in dem Falle sofort völlig freiwillig und sehr zügig, wahrscheinlich im Laufschritt, verlassen – allerdings stark verärgert über den Nachbarn, der glaubt, es sei eine supertolle Idee, als Privatmensch Giftschlangen unter einem Dach zu halten, unter welchem auch andere Menschen leben.)

Inzwischen – nach Tagen der Ratlosigkeit – ist das Tier lebend eingefangen worden, obwohl es sich noch zu verstecken trachtete, als man nach eben jenen Tagen der Ratlosigkeit auch endlich darauf kam, das Gras hinter dem Haus, das offenbar etwas höher stand, mähen zu lassen. Verschreckt hatte sich die Schlange, die offenkundig in all den Tagen orientierungslos in direkter Nähe des Gebäudes herumgetaumelt war, daraufhin in einer Kelleröffnung an der Außenwand verstecken wollen, war jedoch bei dem Versuch gesichtet und überführt worden. Ein Schlangenexperte – ein echter solcher, kein sorgloser Privathalter – fing das giftige Tier dann ein, und es wurde von der Feuerwehr abtransportiert. Hoffentlich findet es ein gutes und ausbruchssicheres Zuhause bei sachkundigen Menschen.

Ich frage mich ja seit geraumer Zeit, was manche Menschen an Giftschlangen oder anderen giftigen Tieren als „Haustiere“ reize. Sind Kobras und andere Giftschlangen die „Pitbulls“ der jüngeren Zeit? (Nichts gegen Pitbulls an sich – es gibt ganz reizende Tiere darunter, und das ist ohnehin meist vom Halter abhängig. Nur leider wurden und werden diese Hunde bisweilen von Menschen gehalten, die manches Defizit zu verspüren scheinen. Nein – das kann man nicht verallgemeinern, und das möchte ich auch nicht. Aber Pitbulls sind offenbar ja nun auch out als Respekterzeuger und Prestigeobjekt – und auch das möchte ich nicht verallgemeinert sehen, wohlgemerkt.) Macht einen die Haltung giftiger Schlangen und anderer giftiger Tiere zu einem besonders tollen und respektablen Menschen? Fast könnte man es meinen. „Seht her – ich bin so cool, ich halte sogar extrem giftige Schlangen! Ich bin so cool – ich pinkle Eiswürfel!“ Ich persönlich verstehe das nicht so ganz …

Vielleicht liegt mein Unverständnis auch daran, dass ich einfach keinen Draht zu Terrarien habe. Ich hatte noch nie die Idee, mir ein solches zuzulegen. Ich würde mir lieber einen Terrier anschaffen. Meine Meinung änderte sich auch nicht, als ich vor Jahren, mitten im Studium, Martin kennenlernte.

Ich hatte Martin im Zuge meiner Studentenjob-Tätigkeit in der Studentenkneipe kennengelernt, die in der Straße lag, in der sowohl Martin, als auch ich wohnten. Er setzte sich mit seinen beiden Kumpels Fritte und Hauke an den Tresen, hinter dem ich gerade Schicht schob. Und bei den nächsten Schichten – ich machte Urlaubsvertretung an zwei weiteren Tagen in derselben Woche – war er wieder da, und es dauerte drei Wochen und mehrere Einladungen zum Essen und zum Biertrinken, bis wir zusammen waren.

Ich war zuvor nie in seiner Wohnung gewesen, in diesem Haus, in dem auch Fritte und Hauke sowie einige andere Kumpels von Martin wohnten – eine sehr sympathische und lockere Hausgemeinschaft. Die Wohnung war klein, die Küche aber recht muckelig (ich liebe ja Wohnküchen). Im Nebenraum, dem kombinierten Wohn-/Schlafbereich, stieß ich dann auf diesen ziemlich großen gläsernen Kasten, aus dem mich – zur Gänze unerwartet – ein Tier anstarrte, wobei seine gespaltene Zunge mehrfach gespenstisch aus der Fressluke geschlängelt kam …

Ich bin normalerweise keine Tussi und war das auch damals nicht, aber ich hatte nicht damit gerechnet, und so schrie ich vor Schreck laut auf! Die Schlange blickte so starr und ungerührt wie zuvor, aber Martin kam hinzu und meinte: „Ach, herrje, ich hatte gar nicht erzählt, dass ich Terrarienliebhaber bin und ein Terrarium habe. Das ist ein Königspython. Der tut nichts. Und seine zwei Kumpels ebenso.“

Welche zwei Kumpels? Es gab noch mehr davon?!? Und ich starrte in das durchaus liebevoll wie abwechslungsreich gestaltete Terrarium. Es war wie eines dieser Suchbilder: „Finden Sie die Maus auf diesem Bild!“ Und man starrt auf ein Chaos von Objekten in dem Bild …

Doch dann sah ich sie: Eine lag im Wasserbecken am Boden des gläsernen Behältnisses, die andere hatte sich hinter einer ausladenden Grünpflanze versteckt. Ich gebe zu, ich war ein wenig hin- und hergerissen. Vielleicht war ich ja spießig, und es war ein Zeichen von Individualismus, Schlangen zu halten? Ich verwarf den Gedanken jedoch recht schnell bzw. wurde er abgelöst davon, dass ich dachte: „Ob den armen Viechern das da drin gefällt? Das Terrarium ist zwar groß, aber es ist doch eine erzwungene Gemeinschaft. Vielleicht mögen die einander ja gar nicht, sind aber gezwungen, auf vergleichsweise engem Raum zusammenzuleben.“ Mir kam eine Lektüre aus dem Französisch-LK in den Sinn: Huis clos von Jean-Paul Sartre. 😉

„Keine Sorge – das Terrarium ist festverschlossen,“, tönte es an mein Ohr, „und falls du fragen wolltest: Es ist ausreichend groß für drei Königspythons.“ Na – dann war ja alles gut! Menschen hatten beschlossen, wie groß ein Schlangenknast sein müsse, in dem sich die Insassen durchaus nicht zu beschweren hätten (übrigens sind Königspythons Einzelgänger …) – und dann war das eben so. Aber ich war verliebt, und so nahm ich es hin, war aber immer anderer Meinung als mein Ex Martin, der mir gleich versicherte, die Schlangen seien ja ungefährlich, da Würgeschlangen. Okay, beißen könnten sie auch, und das tue auch richtig fies weh und könne sich schlimmstenfalls entzünden oder eine Blutvergiftung zur Folge haben. Aber ich müsse ja nicht mit ihnen hantieren. Aber nein! Nie! 😉

Eines Abends, da waren wir schon einige Wochen zusammen, und Martin war für sechs Wochen von montags bis freitags zum zweiten Teil seines Studienpraktikums in  Süddeutschland, wollten wir einen Zug durch die Gemeinde machen, nachdem er in Aachen eingetroffen sein würde. Er hatte mir auch die Uhrzeit genannt, zu der er zu Hause sein würde. Er würde mich dann sofort anrufen.

Es kam aber nichts, und so rief schließlich ich an. Als er sich meldete, hörte ich bereits eine gewisse Hektik aus seinen Worten. „Äh, es gibt hier gerade ein kleines Problem – ich weiß noch nicht, ob und wann wir losziehen können. Bitte komm vorbei.“

Und so ging ich die drei Häuser weiter, klingelte und wurde eingelassen. Kaum hatte ich die Treppen bis zum vierten Stock erklommen und an die Wohnungstür geklopft, ging diese auf, und ich wurde hineingezogen: „Pssst!“ – „Was zum Henker geht hier vor? Was soll das alles?“ rief ich hochgradig irritiert. „Pssst! Nicht so laut! Komm mit!“

Und schon wurde ich ins Wohn-/Schlafzimmer gezogen. Es sah eigentlich alles ganz normal aus – nur war das Bett von der Wand abgerückt und das Kopfende mehr als einen halben Meter von dem Heizkörper entfernt, der sich dahinter befand. (Erst da fiel mir definitiv auf, dass ein Heizkörper direkt hinter dem Kopf gar nicht so günstig sei – zuvor hatte ich das Ding kaum beachtet.)

„Wieso ist das Bett abgerückt? Was geht hier vor? Und wieso muss ich annähernd flüstern?“ insistierte ich – ich kann manchmal recht hartnäckig sein, wenn ich wissen will, was Sache sei. 😉

Martin deutete stumm auf den Heizkörper. Es war einer dieser älteren Rippen-Heizkörper, und zunächst sah ich nichts. Erst als ich den unteren Teil betrachtete, war alles klar: Eine Schlange hatte sich um den unteren Teil und zwischen die Rippen dort gewunden. Es war das einzige Weibchen aus dieser Schlangen-Zwangs-WG und damit das größte Tier – über zwei Meter lang und relativ dick. Mir schauderte.

„Ich versuche schon seit einer Stunde, die von der Heizung loszubekommen,“, sprach Martin mit gesenkter Stimme, „und bis jetzt hat es nicht geklappt.“ Ich stand noch immer stumm daneben. Dann brach es aus mir heraus: „Wie ist sie aus dem Terrarium herausgekommen? Und wo sind die beiden anderen?“ Und ich sah mich hektisch im Zimmer um. In der Erwartung, dass sich gleich eines der beiden Männchen von der Deckenlampe abseilen und auf mich werfen würde, während sein Kollege mir von unten in eines der Hosenbeine kröche … 😉

„Die sind im Terrarium. Als ich vorhin die Wohnungstür aufschloss, kam mir eines der Männchen schon entgegengekrochen, und das zweite war im Terrarium. Das Weibchen schien verschwunden, und es hat echt gedauert, bis ich es gefunden hatte. Es hat sich um die Heizung geschlungen, weil die ja warm ist und sie das mag.“ Ich blickte auf die Schlange, die spiralartig um den unteren, horizontalen Teil des Heizkörpers gewickelt war und meinte: „Offenbar ist das Weibchen erheblich schlauer als seine beiden männlichen Mitbewohner. Was nun?“ – „Ich versuche schon die ganze Zeit, es vom Heizkörper abzulösen, aber das ist gar nicht so einfach.“ Und Martin demonstrierte mir die Richtigkeit seiner Worte, indem er nach dem kapriziösen Schlangenweibchen griff, das sofort anfing, ihn böse anzuzischen. Ich grinste. „Hast du den Heizkörper abgedreht?“ fragte ich. „Ja, natürlich – für wie blöd hältst du mich?“ Ich sagte nichts, sondern grinste und meinte: „Und wenn du den Heizkörper volle Kanne aufdrehst? Vielleicht lässt sie dann los?“ – „Ali! Das wäre grausam! Weißt du, wieviel die gekostet hat?“ – „Ach, es geht um Geld? Armes Viech!“ – „Pssst! Nicht so laut!“ – „Was soll das denn eigentlich? Fritte, Hauke und Andreas wissen doch, dass du drei Schlangen hältst!“ – „Ja, aber der Neue im Haus noch nicht! Und der Vermieter auch nicht – ich will keinen Ärger haben!“

Just in jenem Moment löste sich der weibliche Python vom Heizkörper – offenbar war dieser inzwischen so abgekühlt, dass er unattraktiv geworden war. Martin nahm die Schlange und sperrte sie zu ihren WG-Genossen. Dann begutachtete er auf mein Geheiß das Terrarium – nirgendwo eine erkennbare Öffnung. Er sah sich alles dreimal an. Nichts zu erkennen – und so zogen wir dann los.

Als wir zurückkehrten, wollten wir noch einen Tee trinken. Martin betrat die Küche und ging auf das Regal zu, in dem sein Geschirr stand. Ich hörte, wie er: „O nein!“ sagte. Bei einem Blick in die Küche sah ich, dass im Regal, vor den Tellern, eines der beiden Python-Männchen lag, so richtig schön im Chill-Modus. Ich ging ahnungsvoll und vorsichtig ins Schlafzimmer, wobei ich sehr darauf achtete, wohin ich trat: Das Pythonweibchen grinste mich verschwörerisch vom Dach des Terrariums an, wo es sich bequem niedergelassen hatte. Auf dem Schreibtisch schlängelte das zweite Männchen umher …

„Martin!“ rief ich tonlos, aber der war schon da, den Küchen-Python in den Händen. „Schließ das Terrarium auf, Ali!“ Ich tat, wie mir geheißen, und er verfrachtete die Schlange in den Glaskasten. Sogleich schloss ich die Tür wieder ab und meinte todesmutig: „Du übernimmst das Weibchen – liegt auf dem Terrarium -, und ich kümmere mich um das andere Männchen!“ Hier war rasche Handlung notwendig, aber nur ums Verrecken hätte ich mich mit dem erheblich größeren Weibchen abgegeben. Bei der Wahl zwischen Pest und Cholera entschied ich mich für die Cholera (ist leichter zu heilen). 😉

Und während Martin mit dem aufmüpfig zischenden Weibchen einen Konsens schließen wollte, griff ich nach dem Männchen auf dem Schreibtisch. Ich griff es erst falsch: in der Körpermitte, also bei etwa 75 cm, und da zischte es mich sehr böse an, und ich sah, wie es die vordere Körperhälfte nebst Kopf in meine Richtung bewegte. Ich ließ sofort los und griff es dann – nach Sekundenbruchteilen der Überwindung – so, wie man Giftschlangen packen sollte, wenn keine anderen Hilfsmittel da sind: direkt hinter dem Kopf. Mit der anderen Hand nahm ich es an der Körpermitte hoch und trug das zischende und verärgerte Tier („So ein Scheiß! Ist der Ausflug schon wieder vorbei?“) zum von Martin geöffneten Terrarium und warf es – Strafe und Abkühlung bei erhitztem Gemüt muss sein – ins Wasserbecken am Boden des Terrariums. Das Weibchen war auch schon wieder im Schlangenknast und wirkte beleidigt. Es blickte demonstrativ weg.

„Danke für deine Hilfe,“, sagte Martin, aber ich schnaubte ihn an: „Jaha! ‚Das Terrarium ist total dicht – ich habe es dreimal genau untersucht.‘ Deine Worte! Ich schlafe hier nicht, wenn nicht geklärt ist, wie die Viecher da immer hinausfinden!“ – „Beruhige dich – keine der Schlangen kann dir gefährlich werden.“ – „Ja, die Männchen sicher nicht. Aber das Weibchen ist über 2 Meter lang und ziemlich dick – dem traue ich nicht über den Weg, zumal es intelligenter als seine männlichen WG-Genossen scheint.“ – „Pass auf: Wir sehen noch etwas fern und beobachten dann, wie sich die Schlangen verhalten und ob wir sehen können, wo sie immer herauskommen. Bitte! Und wenn sich das nicht erschließt, schlafen wir bei dir – versprochen!“

Martin sah fern, doch ich konnte mich auf den Film nicht recht konzentrieren, und umso konzentrierter starrte ich ins Terrarium und sah, wie die drei Schlangen, in der Natur Einzelgänger, sich plötzlich gemeinsam und den drei Musketieren nicht unähnlich auf eine bestimmte Stelle im Terrarium zubewegten. Genauer: auf einen Lüftungseingriff an der Seite zu. Und schon drückte die forscheste der drei – das Weibchen, wer sonst? – mit der Schnauze dagegen, und das normalerweise fixierte Ding bewegte sich wie eine Katzenklappe nach vorn, worauf das Weibchen bereits voller Begeisterung begann, sich durch diese Öffnung nach außen zu bewegen …

Ich schrie: „Martin! Es ist die Lüftungsklappe! Die hat sich gelöst!“ Und Martin hechtete aus dem Bett, verfügte das Weibchen erneut in das Terrarium und gebot mir, einen Stuhl aus der Küche zu holen. Diesen stemmte er vor die Lüftungsklappe. Und während er sich schon wieder dem Fernseher zuwandte, wurde ich faszinierte Augenzeugin davon, dass Schlangen – zumindest in Gefangenschaft – durchaus zu Teamwork in der Lage sein können, denn die drei Tiere versuchten gemeinschaftlich und in absolutem Einklang – wie beim Wasserballett! -, die Klappe wieder aufzustemmen!

Das war der Moment, in dem ich Martin erklärte, ich würde nun in meine Wohnung gehen. Keine Beschwichtigung konnte mich halten. Immerhin kam er mit. 😉

Nur einmal noch hatte ich echte Berührungspunkte mit einer der Schlangen: dem Weibchen, dem ich noch nie über den Weg getraut hatte. Ich weiß bis heute nicht, wieso ich mich darauf eingelassen habe.

Wir waren zu einer Party eingeladen, und ich holte Martin dazu aus seiner Wohnung ab. Richtig gut sah ich aus, die Haare schön frisiert, und ich trug ein kurzes, schwarzes Kleid. Als Martin, der gerade das Terrarium reinigte und fast fertig war, meiner ansichtig wurde, rief er: „Wow! Warte mal, ich hole meine Kamera!“ Und kaum war er wieder da, meinte er: „Was meinst du, was das für coole Fotos werden, wenn du jetzt noch eine Schlange …“ – „Im Leben nicht!“ rief ich, aber irgendwie hat er es geschafft, mich zu überreden. Und schon stand ich da, ausgerechnet mit meiner Erzfeindin auf dem Arm, da die aufgrund ihrer Größe und Länge am meisten hermachte (wobei „auf dem Arm“ irgendwie nicht den Punkt trifft, da sie hier- und dorthin schlängelte, denn ich durfte sie, anders, als ich gewollt hätte, keineswegs direkt hinter dem Kopf greifen …), dabei: „Los, mach schon – jetzt fotografier doch endlich, damit ich das Vieh wieder loswerde!“ rufend.

Irgendwie hat das Tier mir das übelgenommen. Nachdem mir sein vorderes Ende mehrfach durch die Haare geschlängelt war, ohne dass ich auch nur irgendeine Kontrolle hatte, während ich wie gelähmt und mit garantiert schreckgeweiteten Augen dastand und der „Fotograf“ mich nachdrücklich aufforderte, „doch mal etwas entspannter und natürlicher“ zu erscheinen, was gar nicht so leicht ist, wenn man eine Schlange hält, deren Kopf sich dauernd neben und hinter dem eigenen Kopf aufhält und deren gespaltenes Witterungsorgan einem ständig am linken Ohr herumzüngelt, muss ich mich wohl etwas verspannt und daher einen Tick zu fest zugegriffen haben …

Im nächsten Moment erlitt ich eine Art Blutstau im linken Arm, und mein Oberarm schwoll erschreckend an, während ich mit negativer Faszination wahrnahm, wie das treue Tier sich offenbar verärgert um diesen, meinen linken Arm wickelte und diesen dabei mit einer Kraft abdrückte, dass ich fast in Panik geriet: „Martin! Tu etwas!“ – „Ach, herrje – offenbar hat sie sich wohl geärgert …“ – „Martin!!!“ – „Nein, nicht den Arm schütteln! Sie drückt dann noch fester zu. Oder – o Gott! – du könntest sie verletzen!“ – „Du Arsch! Mach die sofort von mir los! Sofort!!!“ – „Ja, nur ganz ruhig …“

Zur Party bin ich dann allein gegangen. Naja, zumindest ohne die Schlange, die sich gar nicht so gern von mir hatte trennen wollen. Martin rühmte noch lange danach die tollen Fotos: „Sieh nur, was für tolle, große Augen du hast, Ali!“ Ja. Angst war der Auslöser … 😉

Mit Martin war ich letzten Endes nicht mehr so lange zusammen. Es lag allerdings weniger an seinen Haustieren, obwohl auch die sehr gewöhnungsbedürftig waren. 😉

Allerdings fällt es mir seither besonders schwer, nachzuvollziehen, wie man Schlangen halten kann. Bei Würgeschlangen kann ich es schon nicht recht verstehen. Bei Giftschlangen ganz und gar nicht.

Warum keine Katze – die sind bisweilen individualistisch genug. 😉

It’s slippery …

Heute war der Betriebsausflug meines Arbeitgebers, und da hatte ich zunächst partout nicht mitgewollt. Warum?

Nun – es ging in eine Skihalle in einer der Nachbarstädte, und wenn ich auch so manche Dinge beherrsche: Skifahren gehört leider nicht dazu. Beileibe nicht. Ich würde es gerne können, keine Frage, aber ich habe wohl zu viel Schiss. Ich erinnere mich an zwei Gelegenheiten, da ich als Kind Skier unter den Füßen gehabt hatte. Skilehrer: mein Onkel. Zumindest beim ersten Mal. Es endete in Tränen und mit blauen Flecken. Beides auf meiner Seite. Und mein Onkel monierte noch, ich hätte mich nicht an seine Anweisungen gehalten. Ich war noch klein und verunsichert. Wäre ich schon größer und wortgewandter gewesen, hätte ich sicherlich gelacht und gesagt: „Ja, können vor Lachen! Alles, was ich tat, wurde direkt in Zweifel gezogen und gleich lautstark als völlig beknackt kommentiert. Vor Publikum. Wie soll man da noch mit echtem Vertrauen loslegen!“ Mein Onkel war ein hervorragender Skifahrer, und als Kind dachte ich: „Alles, was du hier machst, ist der totale Schwachsinn – Onkel Christoph sagt es ja auch!“

Kurze Zeit darauf der nächste Versuch – diesmal mit meiner Mutter als Skilehrerin. Endete leider nicht besser als Versuch No. 1.

Und so beschloss ich, den diesjährigen Betriebsausflug nicht mitzumachen. Aber eine Kollegin überredete mich: „Sieh mal – du bekommst einen Skikurs! Das ist doch toll! Wann ergibt sich schon einmal so eine Gelegenheit?“ Irgendwie einleuchtend. Und auf dem letzten Drücker meldete ich mich an, zusammen mit einer anderen Kollegin, die auch nicht so recht wusste …

Übrigens hat sich die Kollegin, die uns beide überredet hatte, letzten Endes anders entschieden und kam dann heute doch nicht mit … Na warte! 😉

Wir waren auch gar nicht so viele, wie sich herausstellte, als ich einen der Koordinatoren anrief, weil ich gern wissen wollte, wie viele andere Kollegen an dem mir bevorstehenden Skikurs teilnehmen würden. Es waren sehr wenige Teilnehmer generell …

Am heutigen Morgen fuhr ich recht früh los, und das mit dem ÖPNV. Besser nicht mit dem Auto, denn ich habe laut einigen Leuten ohnehin schon einen Bleifuß. Wie erst würde sich der Bleifuß machen, wenn er noch von einem stattlichen Gipsverband ummantelt wäre? 😉 Und mein Auto im schlimmsten Falle dort stehenlassen? Nein. Ich gebe zu, das ist etwas übertrieben. Ich fuhr mit dem ÖPNV, weil ich ja gegebenenfalls noch ein oder zwei Biere trinken wollte. 😉

Unterwegs traf ich meine frühere Flurkollegin Brigitte, der ein Snowboard-Kurs bevorstand. Skifahren kann sie. Wir versicherten einander, dass wir wohl beide vom Wahnsinn angefallen wären, und ich meinte: „Du kannst ja wenigstens noch umswitchen, falls das Snowboard nichts für dich sein sollte. Ich kann nur auf Après-Ski umswitchen.“ Brigitte lachte und meinte, Après-Ski sei aber doch auch schön, und falls ich den Skikurs wirklich nicht bis zum Ende mitmachen würde, wäre das beileibe keine Schande. Aber sicherlich würde ich auf den Geschmack kommen. Ich nickte und lächelte, aber in meinem Hinterkopf rief ein kleines, aber garstiges Stimmchen hämisch: „Ja, klar! Das ist sehr wahrscheinlich. Hahahaha!“

Und so langten wir an der Skihalle an. Genauer: an der Talstation. Zum Glück fährt dort ein Förderband bis zur Bergstation, und Brigitte sprang gleich fröhlich darauf, wankte zwar ein paarmal, hatte dann aber einen festen Stand gefunden. Ich sprang auch todesmutig hinauf, wankte und schwankte, aber zum Glück gab es ja einen Handlauf … Leider endete der nach wenigen Metern, und das Förderband war recht schmal … Nach etwa sechs, sieben Metern sprang ich wieder hinunter und legte den Weg bis zur Bergstation per pedes zurück. Erheblich langsamer als Brigitte war ich dabei nicht, aber es war erheblich anstrengender.

Dann standen wir in der Sonne, die bereits morgens ziemlich brannte, und wir beobachteten verschiedene Kollegen, die gerade bequem mit dem Auto anfuhren. Meine zunächst ebenfalls unentschlossene, dann überredete Kollegin, die mir Handschuhe mitbringen wollte, da ich unter dem seltsamen Phänomen leide, dass ich Handschuhe grundsätzlich verliere oder verbasele, besser gesagt: meist nur einen davon, hatte per Whatsapp geschrieben, sie sei aufgehalten worden und komme später. (Sosehr ich meine Kollegin mag: In dem Moment hoffte ich, sie möge erneut aufgehalten werden und dann schreiben, dass sie es leider nicht schaffe: Denn ohne Handschuhe darf man nicht auf die Piste … Ich wünschte nichts Schlimmes, ich mag meine Kollegin sehr, aber so ein klitzekleiner Fall von höherer Gewalt …? Nichts Schlimmes, nur ein temporär nicht anspringender Motor – natürlich reversibel und ohne Werkstattbesuch! So unter dem Motto: „Ich kann mir das auch nicht erklären – der springt doch immer an! Tut er auch jetzt wieder! Wie verhext!“ 😉 )

Doch dann traf sie ein – mit Handschuhen für mich. Und schon ging es los …

Zunächst erhielten wir einen nicht zu vernachlässigenden Teil der für den Ausflug berappten Summe zurück: Der Chef hatte netterweise subventioniert, und da nur so wenige sich angemeldet hatten, bekamen wir einiges zurück. Ich nehme an, das machte mir meine spätere Entscheidung auch etwas leichter. 😉

Dann hieß es: Umziehen! Ich gab zu bedenken, dass ich eine Skihose und -jacke brauchte und mich gewiss nicht vorab umziehen und dann in meinem Unterzeug auf den „Laufsteg“ treten würde. Ich war zum Glück nicht die Einzige. Ein Kollege aus meiner Abteilung benötigte ebenfalls eine Skihose, und so gingen wir zur Kasse zurück, erhielten einen Bon, und auf Nachfrage erstellte man uns anderweitig einen Bon für einen Helm. Und schon ging es zur Ausleihe, wo der Kollege alsbald eine Hose, ich Jacke wie Hose erhielt. Kaum umgezogen, raste ich los, mir Skischuhe zu leihen.

Als ich mir die Skischuhe genauer ansah, fragte ich mich, ob meine ernsthaft vorgetragene Antwort auf die Frage nach meiner Schuhgröße wirklich gut gewesen sei. Die 38 sah verdammt klein aus, und ich war schon knapp in der Zeit. Keine Frage: Die Größe war richtig, aber als ich damit bei meinen Kolleginnen Stine und Jana ankam, meinten die beiden: „Viel Spaß! Es ist schon eine Herausforderung, die Dinger anzuziehen.“ Und es stimmte: Es war eine Herausforderung! Jeder, der regelmäßig Ski fährt, wird lachen, aber blutige Anfänger wie ich fühlen sich bereits zum Zeitpunkt, da sie diese „Biester“ von Schuhen fest – und festverschlossen – an den Füßen haben, als hätten sie bereits einen Viertel-Arbeitstag hinter sich. 😉  Immerhin war die 38 goldrichtig. Nur das Laufen in den klobigen Tretern war gewöhnungsbedürftig, und ich fühlte mich, als sei ich einige Entwicklungsstufen zurückgeworfen worden: Vom homo erectus zu einer Stufe, da man erheblich gebeugter ging.

Noch rasch die Skier und einen Helm ausgeliehen, und schon standen wir vor der Skischule. Da rann der Schweiß bereits …

Die Skilehrerin tauchte alsbald auf und zeigte uns den aufrechten Ga.. – nein. Sie zeigte uns, wie man Skier richtig trägt. Und so schleppten wir das Material gen Piste, eigneten uns unterwegs noch Skistöcke an, und los ging es! (Da hatte ich bereits den Eindruck, dass ich völlig fehl am Platze sei. Und: Ich tendiere zu teils unberechenbarem Umknicken in den Fußknöcheln. Würde ich mit diesen Schuhen, die ein Umknicken eigentlich vermeiden sollen, aufgrund meiner blöden Knöchel dennoch umknicken, wäre sicherlich gleich der entsprechende Knöchel durch. Kurz: Richtig wohl fühlte ich mich nicht, als ich in etwa derselben Gangart wie der erste Mensch auf dem Mond gen Piste schritt. Nein, eher „eierte“.)

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen, und ebenso setzte ich meine beiden Betonfüße auf die Piste, als auch schon – huiii! – ein offenbar durchaus versierter Skifahrer derart an mir vorbeisauste, dass sogar meine durch den Helm fixierten Haare noch wehten! Das gab mir bereits fast den Rest, aber tapfer eierte ich in das Terrain, in dem verschiedene Kleinstkinder geschult wurden und erheblich besser fuhren, als ich je in der Lage sein werde. 😉

Unsere Skilehrerin brachte uns bei, wie die Skier anzuziehen seien. Mit entsprechendem Druck klappte es, und der Völkl-Ski saß wie einbetoniert an meinem „Betonschuh“. Völlig unpassenderweise schoss mir durch den Kopf: „Diese Kombination aus ‚Betonschuh‘ und erstaunlich schwerem Objekt darunter würde den Einsatz echter Mafia-Betonschuhe überflüssig machen. Wieso ist die Mafia noch nie darauf gekommen? Würde man mich in dieser Montur in den Rhein werfen, naja …“

Dann lernten wir, den Ski wieder vom Schuh zu lösen. Das Gleiche dann mit der anderen Seite. Und danach folgten ein paar nette gymnastische Übungen, die ohne die beiden Gewichte am Fuß erheblich leichter gefallen wären. Dann mussten wir mit je nur einem Ski, den Stöcken und dem unbe-ski-ten Betonfuß eine größere Runde fahren. Anschließend Fußwechsel. Und als ich gerade auf der linken Seite mit dem Ski versehen los“stochen“ wollte, was mir – ich bin offenbar auch kein Linksfüßer – ohnehin schwerer fiel, raste erneut ein offenbar versierter Skifahrer an mir vorbei. Haarscharf und für mein Gefühl etwas zu dicht.

Und da ist wohl irgendetwas passiert. Jedenfalls löste ich – erstaunlich versiert – den Ski von meinem Skischuh, lächelte die Skilehrerin an und sagte: „Ganz herzlichen Dank – Sie haben das total toll gemacht. Nur ich bin hier falsch und werde die Skier jetzt zurückbringen. Ich würde Sie ohnehin nur aufhalten.“ – „Aber nein!“ – „Doch, doch. Aber vielen Dank.“

Irgendwie habe ich viel zuviel Schiss, wenn es ums Skifahren geht. Als ich mit den Skiern abzog, fühlte ich mich wie eine komplette Versagerin. Und ich bin mir sicher, um mich herum dampfte es, als ich den Helm abnahm – wahrscheinlich verdunstete der Angstschweiß. 😉 Aber tapfer und über mich selber Witze machend retournierte ich das Material. Immerhin hatte ich eine halbe Stunde durchgehalten! 😉

In der Umkleide warf ich einen Blick in meinen Taschenspiegel: Ich sah aus, als käme ich aus einem Nahkampf! Meine Haare hingen herum, als wäre ihre Hauptaufgabe, die Trägerin möglichst unvorteilhaft aussehen zu lassen – zum Glück hatte ich eine Bürste dabei. Überhaupt schwitzte ich auf Teufel, komm raus. Erst einmal die Schuhe loswerden, was schwer genug war. (Nicht, dass doch noch jemand kam, der mich in den nächsten Tümpel werfen wollte! 😉 ) Dann aus Skihose und
-jacke gepellt. Das Unterzeug vom Leib gerissen, atmete ich auf – Luft! 😉 Und nach gefühlt einer Stunde – es waren realiter 10 Minuten – brachte ich noch die Skischuhe und -kleidung weg.

Dann gesellte ich mich zu einigen Kollegen, die gleich so schlau gewesen waren, das „Sommerpaket“ zu buchen. Immerhin saßen wir draußen im Biergarten, und es war sehr lustig. Warum hatte ich mich nicht gleich für diese Möglichkeit entschieden? 😉

Ich muss bei alldem sagen, dass meine Skikurs- und auch diverse andere Kollegen sehr nett waren, denn sie meinten, dass ich es doch immerhin versucht hätte. Ja, das stimmt. Ich kam mir trotzdem doof vor. 😉

Es war trotz allem ein netter Betriebsausflug, und ich war sehr erstaunt, wie viele Kollegen ich noch gar nicht kannte. Bei entsprechend großer „Firma“ lernt man einige erst beim Betriebsausflug kennen. 😉

Skifahren werde ich wohl in diesem Leben nicht mehr lernen. Schade. Lieber setzte ich mich auf ein mir unbekanntes und hibbeliges Pferd. 😉

Under pressure …

Ganz bald ist wieder einer jener Tage, auf die ich mich als Kind, Jugendliche und junge Erwachsene noch sehr gefreut habe. Mein Geburtstag. Heute sehe ich diesem Tag – wie auch dem letzten Tag des Jahres – mit eher gemischten Gefühlen entgegen.

Bis zum 25. – strenggenommen dem 26., wenn man den allerersten Geburtstag, den im Kreißsaal, mitzählt – war das für mich in der Tat ein Freudentag, und ich weiß aus verlässlicher Quelle, dass ich mit dieser Einschätzung nicht allein dastehe. Ab da wird alles ein bisschen anders. 😉 Die böse 3 an erster Stelle lauert in einer dunklen Toreinfahrt, und man fragt sich, wie es eigentlich komme, dass die Jahre als Kind so unendlich lang erschienen und diese Wahrnehmung nun plötzlich ganz anders ist. Alles scheint irgendwie schneller zu gehen. Das ist zwar völlig subjektiv, aber es ist doch nicht von der Hand zu weisen.

Das betrifft nicht nur Zeitliches. Auch räumliche Aspekte sind davon betroffen. Als ich das erste Mal nach Jahren die Straße, in der ich ab meiner Geburt bis zum vierten Lebensjahr lebte, wiedersah, war ich verblüfft: Diese Straße war mir als Kleinkind stets wie ein breiter Boulevard vorgekommen, – gut, vielleicht nicht ganz wie eine echte Prachtstraße, denn sie befand sich schließlich im „Pott“ und mittenmang in Gelsenkirchen -, doch was ich im wahnsinnig erwachsenen Alter von 17 Lenzen sah, war eine sehr provinziell anmutende, schmale Straße. Sehr ernüchternd. Gut, es mag daran liegen, dass man selber ja wächst, aber mit 165 Zentimetern vom Scheitel bis zur Sohle bin ich ja nun nicht wirklich das, was man hochgewachsen nennt. 😉

Den Dreißigsten ging ich mit einer Gelassenheit an, dass die Menschen, die mich kannten, bass erstaunt waren. Sie kannten mich als Hibbel. Als Menschen, der sich stets irgendwelche Gedanken macht, nicht selten nervös. Doch ich blieb ruhig und äußerte auf Nachfrage nur ganz abgeklärt: „Ach, nein, ich fürchte mich nicht vor der 30. Zumal ich es ja eh nicht ändern kann, nicht wahr?“ Und dann lachte ich. Kurz vor meinem Geburtstag tönte mein Lachen dann allerdings zunehmend hektisch – ich gebe es zu. 😉

Ich hatte abends vorher in die Studentenkneipe in Aachen geladen, in der ich gejobbt hatte, denn ich wollte hineinfeiern. Drei Stichfässer Bier vorbestellt, und das ganz abgeklärt. Ich war ganz ruhig und staunte über die interessiert-besorgten Nachfragen, ob ich denn keine Panik hätte. Warum Panik? Alles gut!

Und so war es auch. Der Abend superentspannt. Ha! Ihr Angstmacher! Und ich lachte über die anderen, die mich offenbar völlig falsch eingeschätzt hatten. Und so blieb es auch.

Bis exakt 23:30 h. Ab diesem Zeitpunkt war ich nicht mehr ich selbst. Ich starrte auf die Wanduhr, als hinge mein Leben davon ab. Obwohl das falsch ist, da es ja noch eine gewisse Aktivität erfordert hätte. Ich aber war wie gelähmt. Ich merkte zwar, wie um mich herum plötzlich Hektik ausbrach – etwa gegen 23:45 h -, aber mir war alles egal. Ich fühlte mich, als stünde ich an meinem eigenen Grab. Ich sah zwar noch, wie Christina – sie war barfuß, wie ich noch wahrnahm, aber nicht einmal staunte, da man in Trance des Staunens offenbar nicht fähig ist – wie von der Tarantel gestochen plötzlich rennend die Kneipe verließ und dabei schrie: „Wartet auf mich! Ich komme gleich wieder!“. Aber irgendwie berührte es mich nicht. Das ging mich doch gar nichts an – zumindest fühlte es sich so an.

Um 23:55 h war Christina wieder da, hielt etwas in der Hand, und alle scharten sich um sie und Tisch 2. Sie schienen etwas zu unterschreiben. Völlig wurscht. Ich blickte lieber wieder auf die Uhr, die gnadenlose.

Um 00:00 h jubelten dann alle los, sangen, und alle wollten mich gleichzeitig drücken, während ich mühsam die Tränen unterdrückte. Sie überreichten ihr Geschenk mitsamt der Geburtstagskarte, die sie ganz vergessen hatten, Christina jedoch nicht, die sie auf dem letzten Drücker noch aus ihrer Wohnung geholt hatte. Sie hatte sie besorgt, weil sie besorgt gewesen war, dass niemand daran gedacht haben könne – zu Recht. Ich drückte sie besonders fest, und das, obwohl wir nie die besten Freundinnen gewesen waren. Aber es berührte mich, dass sie daran gedacht und dann extra losgerannt war. Vielleicht stand ich auch unter Schock. 😉

Und dann wurde es doch ein ganz normaler und sehr netter Geburtstag. Naja – bis auf den nächsten Morgen, als ich von einem kleinen Mädchen als „alte Frau“ bezeichnet wurde … 😉 Kam nicht so gut. 😉

Beim überübernächsten Geburtstag lebte ich bereits in Ratingen, und an jenem Tag fuhr ich mit meinem damaligen Freund zu meinen Eltern. Ein sehr warmer Tag, und wir verbrachten ihn bei gutem Essen im Garten. Nach einer wilden Party stand mir nicht der Sinn, und es war sehr schön so. Abends fuhren wir wieder zurück, über Essen Hbf. Die S6 mal wieder leicht verspätet – aber was erwartet man von der S6 Richtung Köln … 😉

Als wir wartend am Bahnsteig standen, unweit einer der Treppen, die auf den Bahnsteig führen, bekam ich mit, wie eine kleine, zierliche Frau sich die Treppe hochschleppte. Sie war hochschwanger, und das augenscheinlich so sehr, dass sich ihr Bauch schon wieder absenkte. Ich kenne mich damit mangels eigener Erfahrung nicht so aus, aber eines war mir klar: Die Frau stand kurz vor der Niederkunft! Ich machte Henrik aufmerksam, aber der meinte: „Sie wird schon wissen, was sie tut. Das geht uns nichts an.“ Ich könnte mich noch heute ohrfeigen, dass ich mich wieder abwendete! „Das geht uns nichts an“ ist eigentlich gar nicht meine Einstellung, und ich verstehe mich bis heute nicht. Das geht mir heute noch nach. Hätte ich besser reagiert, wäre der armen Frau einiges erspart geblieben, und man hätte sich direkt im Essener Zentrum um sie gekümmert.

Stattdessen stieg sie wie wir in die S6, als diese endlich eingefahren war. Sie saß wenige Meter vor uns, als sich die Türen schlossen. Henrik las in einem Buch, und ich hielt meine Augen auf die Frau gerichtet, die sich in einem Vierersitz halb hinlegte, als die Bahn auch schon ruckelnd anfuhr. Die Frau schrie laut auf, und ich sagte: „Um Himmels willen, Henrik – die arme Frau! Die hat wirklich Wehen! Wir müssen etwas tun!“ – „Was sollen wir denn tun?“

Ich erhob mich von meinem Sitz, um zur Frau zu laufen, als auch schon eine andere Frau hinstürzte. Offenbar eine Landsmännin, denn sie konnte sich mit der werdenden Mutter verständigen. Ich lief ebenfalls hin und sah, wie sich die werdende Mutter hochstemmte. Sie wollte sich hinstellen, aber ich rief: „Nicht aufstehen! Um Himmels willen! Sagen Sie ihr bitte, dass sie nicht aufstehen darf! Sonst kommt das Baby noch hier in der S-Bahn – und es ist hier doch so schmutzig! Das ist keine Umgebung dafür, ein Kind zur Welt zu bringen. Übersetzen Sie ihr das, bitte!“ Und zusammen mit der anderen Frau gelang es dann, die werdende Mutter wieder halb liegend zu plazieren. Es muss furchtbar für sie gewesen sein, und an mir nagte das schlechte Gewissen.

Die andere Frau meinte: „Bleiben Sie bei ihr? Ich renne los und suche den Sicherheitsdienst. Die müssen einen Rettungswagen rufen – sie muss sofort in ein Krankenhaus!“ – „Ja, sicher, ich bleibe hier!“ Und während die andere Frau losrannte, blieb ich bei der werdenden Mutter und redete vorsichtig und beruhigend auf sie ein, hielt sie fest, da sie erneut aufspringen wollte. „Nein! Nicht aufstehen!“ rief ich und schüttelte beschwörend meinen Kopf. Da kam auch schon die andere Frau mit den beiden Security-Leuten zurück.

Einer davon war schon etwas älter, und er schien sich auszukennen: „Sie darf nicht aufstehen! Das Baby kommt sonst noch hier während der Fahrt! Und es ist doch hier so schmutzig!“ Und sein jüngerer Kollege, aufgrund des Szenarios recht blass um die Nase, rief: „Ich gebe dem Lokführer Bescheid, dass er die Feuerwehr ruft!“ Wuuusch, war er weg, während drei Leute sich um die werdende Mutter kümmerten. Ich hatte in meiner Tasche noch ein Päckchen Feuchttaschentücher gefunden, fast leer, aber zwei Tücher waren noch darin. Damit wischten die andere Frau und ich der armen werdenden Mutter über die Stirn und die Handgelenke. Sie schrie jedes Mal, wenn die S-Bahn bremste oder wieder anfuhr, gellend – die andere Frau und ich hatten die Tränen des Mitgefühls in den Augen stehen. Richtig helfen konnten wir nicht, aber wir hielten schließlich beide Hände der werdenden Mutter, und sie drückte bei jedem Brems- und neuerlichem Anfahrvorgang so fest zu, dass ich dachte, sie würde uns die Handknochen brechen.

Und so passierten wir nach Essen-Süd auch noch Essen-Stadtwald und Essen-Hügel. Es kam mir so vor, als fahre die S6 erheblich schneller als sonst. So rasten wir gen Essen-Werden und hielten schließlich dort im S-Bahnhof. Es waren bereits Martinshörner zu hören, man sah den Widerschein von Blaulicht, und dann sahen wir einen RTW und einen Notarztwagen heranrasen. Der Lokführer hatte den Rettungsdienst nach Essen-Werden bestellt, da dies der erste S-Bahnhof nach dem Hauptbahnhof war, da der Rettungsdienst quasi neben den Gleisen halten konnte.

Wir waren in einem der vorderen Wagen, der Rettungsdienst stand weiter hinten, und während der Security-Mitarbeiter sich darum kümmerte, die werdende Mutter, die immer massiver aufstehen wollte, festzuhalten, rannte ich zur Tür, öffnete sie und stellte mich hinein, dabei beide Arme schwenkend und schreiend: „Hierher! Hier ist der Notfall!“

Und da schepperten sie mit ihrem Equipment heran – es erinnerte mich an die „Blechbüchsenarmee“ aus zwei Stücken der Augsburger Puppenkiste. 😊

Die Notärztin war sehr lieb zu der Frau, die inzwischen verzweifelt weinte. „Wo ist der Vater?“ fragte sie schließlich, und die werdende Mutter weinte und sagte mühsam: „Nix Vaterrr. Weg!“ – „Wir bringen Sie jetzt erst einmal ins Krankenhaus, machen Sie sich keine Sorgen.“

Und schon stand eine fahrbare Trage im Einstiegsbereich, man half der armen Frau vorsichtig auf die Füße, und mir kamen die Tränen, als sie ihre Schuhe ausziehen wollte, als man ihr auf die Trage half. „Nein, lassen Sie die ruhig an,“, sagte die Notärztin und strich der Frau über den Arm, aber die meinte: „Schmutz!“ – „Das macht nichts.“

Die andere Frau, die sich besser mit ihr verständigen konnte, meinte sofort: „Ich fahre mit – sie versteht und spricht kaum Deutsch.“ Und schon wurde die Trage zur Tür geschoben. Die werdende Mutter sah mich noch an, nickte mir zu und hob leicht ihre Hand. Ich winkte ihr zu und sagte zu der Begleiterin: „Sagen Sie ihr bitte, dass ich ihr die Daumen drücke und ihr alles Gute wünsche. Auf den Tag genau vor etlichen Jahren bin ich genau hier zur Welt gekommen – vielleicht sogar im selben Krankenhaus wie ihr Kind. Es wird sicher alles gut! Ich bin auch gut zur Welt gekommen. Vielleicht beruhigt sie das.“ – „Ach, das ist ja klasse – das sage ich ihr! Alles Liebe und danke!“

Und schon waren sie aus der Bahn und auf dem Weg zum RTW, der auch kurz darauf losraste.

Mich hat das damals ziemlich berührt, und ich denke jedes Jahr an meinem Geburtstag daran. Auch daran, dass ich eher hätte reagieren können. Und sollen.

Ich habe mir damals geschworen, nur noch auf mein Bauchgefühl zu hören, wenn ich so etwas sehe. 😊

Euch ein schönes Wochenende, und ich werde meinen Geburtstag – kein runder – sicherlich gut überstehen. 😉

Tempi passati (III)

Bisweilen erinnert man sich aufgrund eines bestimmten Ereignisses – egal, ob lustig, traurig oder gar tragisch – an Vergangenes. Und auch ich wurde kürzlich davon eingeholt. Danach war ich wehmütig, ein Zustand, den ich nach Möglichkeit zu vermeiden trachte. Nur lässt er sich nicht immer vermeiden. Besonders weise Menschen würden nun sagen, dass das Leben so sei – wer aber wüsste das nicht selber …

Es begab sich vor einigen Jahren im September, dass ich eine Tätigkeit als lehrbeauftragte Dozentin in Nebentätigkeit an einer Hochschule in einer der Städte in der näheren oder weiteren Umgebung antrat. Da ich zu dem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahren mit Erfolg an einer Uni hier im Pott Studis quäl…, nein, ausbildete, hatte man mich sehr gern engagiert, und trotz einiger Unterschiede zwischen den „Lehranstalten“ erinnere ich mich gern an beide. 😊

Warum man mich jedoch zuvor zu einem Beratungstermin gebeten hatte, um meine professionelle Meinung dazu zu hören, wie denn solch ein fachsprachliches Seminar am besten zu gestalten sei – wobei man viel Wert auf meine Erfahrung zu legen schien -, und mir dann doch insgesamt über 50 Studis in einem Kurs vor die Nase setzte, obwohl ich kleine Gruppen empfohlen und entsprechende Zahlen genannt hatte, die nicht zu überschreiten seien, erschließt sich mir bis heute nicht. 😉 Die Hochschule war aber noch brandneu – vielleicht lag es daran. 😊

Recht schnell stellte sich heraus, dass der Job, gutbezahlt, erheblich stressiger war als der vergleichbare an der Uni, und ich frotzelte, dass das vergleichsweise hohe Honorar wohl eher Schmerzensgeld sei. 😉 Die Studis in der Gruppe oder – besser – Masse in diesem Seminar doch besonders „lebhaft“, um es mal so zu nennen.

Einige schienen den Sinn und Zweck einer Hochschule noch nicht so recht verinnerlicht zu haben – vielleicht gefiel ihnen auch der Inhalt meines Seminars nicht. (Im Vertrauen: Mein Lieblingsthemenbereich war er wahrlich auch nicht, ich aber zum Glück professionell genug, mir das nicht anmerken zu lassen. Wenn ich daran denke, wie fröhlich ich immer vorn im großen „Seminarraum“ herumsprang und den Studis Dinge beizubringen trachtete, die ich selber fad fand, mir das aber nicht anmerken lassen durfte, muss ich heute noch grinsen. 😉)

Zweimal pro Woche hetzte ich von meiner Hauptarbeitsstätte mit dem ÖPNV an diesen Ort, von dem ich einmal in der Woche dann auch direkt im Anschluss mit dem ÖPNV an die oben genannte Uni rasen musste – das Seminar dort dann die reine Erholung. 😉

Denn nicht wenige meiner „Zöglinge“ an der neuen Hochschule waren anstrengend. Da wurde gequasselt, was das Zeug hielt, man befasste sich mit dem Handy, dem Netbook, und man störte damit nicht nur mich, sondern auch diejenigen, die mitmachen wollten. Die waren zwar in der Mehrheit, aber gegen stetes Gequassel und weitere Dinge dieser Art hatten auch sie keine Chance.

Ich versuchte es zunächst mit Vernunft. Dann mit Sarkasmus. Ich sagte: „Einige von Ihnen scheinen mit dem Thema Hochschule noch überfordert zu sein. Aber ich habe eine tolle Idee! Da wir hier ja einen besonders großen Raum haben, schlage ich vor, dort hinten rechts eine Spielecke für diejenigen einzurichten, die sich noch nicht so lange am Stück konzentrieren können.“ Da waren die Angesprochenen empört und verkündeten, dass sie durchaus erwachsen seien. Ich grinste und meinte: „Im biologischen Sinne ist dies sicherlich zutreffend.“

Nichts half bei diesen Studis, und während einer „Sitzung“ ist mir dann der Kragen geplatzt, und ich tat etwas, das ich nie hatte tun wollen und nie zuvor getan hatte (und danach nie wieder getan habe): Ich brüllte die Seminargruppe derart an, dass man es besser wahrheitsgemäß so definiert, dass ich sie extrem heftig zusammenschiss. Die Worte „Kindergarten“, „infantil“, „Unverschämtheit“ und „Rücksichtslosigkeit“ wie auch „sondergleichen“ fanden Erwähnung in meiner erstaunlichen Arie bzw. Suada. Und nicht nur diese – es war eine lange Suada, eine sehr laute dazu. Es reichte einfach.

Immerhin hatte diese zur Folge, dass sie mit großen Augen und völlig sprachlos dasaßen. Und während meine Pulsfrequenz langsam wieder abfiel, sortierte ich meine Stimmbänder und meinte schließlich: „Sehr schön. Dann können wir ja wohl weitermachen. Eines nur: Sie haben mich zu etwas gebracht, das ich nie tun wollte. Darauf sollten Sie nicht stolz sein. Ich bin es jedenfalls ganz und gar nicht.“

Nach der Veranstaltung kamen einige Studis zu mir und wollten mit mir sprechen. Es waren naturgemäß ausschließlich Studis, die ohnehin schon mitmachten. Einer sagte: „Wow, Frau B.! Wir hätten nicht gedacht, dass Sie so brüllen können – das war cool! Und auch gerechtfertigt. Wir wollten Ihnen nur sagen, dass wir Sie unterstützen – wir sind die Mehrheit. Und wir machen das gewiss nicht nur der Noten wegen. Wir mögen Sie und finden, dass Sie das wirklich toll machen. Wir wollten Ihnen nur sagen, dass Sie auf uns zählen können. Zur Not schmeißen wir die anderen demnächst raus!“ Ich sah mir die Studis an – einige davon baumlange und kräftige Jungs – und fing zu lachen an. „Ich komme eventuell darauf zurück, hoffe dennoch darauf, dass man mit Vernunft agieren kann,“, meinte ich und kniff ihnen ein Auge zu.

Das Seminar lief danach aber recht geschmeidig, nachdem ich in der nächsten Sitzung zu Anfang ein paar deutliche Worte abgelassen hatte: dass mir klar sei, dass der Themenbereich nicht unbedingt der spannendste sei, man aber doch im Sinne einer guten Gemeinschaft bitte an einem Strang ziehen solle und sie nicht mehr in der Schule seien. Und sie sollten bitte nie vergessen: Auch ich müsse da durch … 😉

Danach hatte ich die beste Seminargruppe aller Zeiten, und als es dann zum Ende des zweiten Semesters ging, ich alle ihre Seminararbeiten korrigiert und ihnen die Noten mitgeteilt hatte, wobei ich natürlich die Möglichkeit gab, Einsicht zu nehmen und ein persönliches Gespräch zu führen, fragte einer der Teilnehmer, ob wir denn nicht zum Abschluss im Rahmen dieses Seminars eine kleine Grillparty machen könnten – es sei doch ihr erstes Jahr gewesen, und wir hätten uns doch letzten Endes auch alle gut verstanden. Ich meinte: „Sofern Sie mich nicht grillen wollen – ich bin dabei, wenn Sie die Erlaubnis einholen, hier auf dem Gelände zu grillen und auch Alkohol zu trinken. Ich spendiere einen Kasten Bier. Da Sie ja alle schon groß sind, vertraue ich Ihnen diese Aufgabe an, denn Sie wissen ja, dass ich dafür keine Zeit habe, da ich ständig auf dem Sprung bin. Suchen Sie von daher einen Tag aus, an dem ich meinen Nebentätigkeiten nicht nachgehe.“

Das taten sie auch, und so trafen wir uns an einem Freitagmittag auf dem Hochschulgelände. Als ich eintraf, war das Gelage schon in vollem Gange: Einige spielten „Flunkyball“ und wollten mich sogleich zum Mitspielen zwangsverpflichten. Ich rief, dass ich eine absolut miese Werferin sei, dafür aber eine hervorragende Zuschauerin und außerdem erst einmal mit ein paar Jungs und Mädels zur nahegelegenen Tanke müsse, den versprochenen Kasten Bieres käuflich zu erwerben, und so kam ich davon. Und schon eilte ich mit Julius, Thomas, den alle nur Tommek nannten, Sven und Timo gen Tanke. Zurück kamen wir mit zwei Kästen Bier, einer davon von mir bezahlt, Chips und einer Flasche Wodka nebst Softdrinks. Nicht, dass der ohnehin schon vorhandene Vorrat allzu schnell zur Neige ginge … 😉

Wir wurden unter großem Hallo begrüßt und nahmen Platz: erst einmal ein Begrüßungsbier für die bisweilen brüllende Dozentin … 😉

Kaum saß ich, klebte sich ein bis dato amüsanter, netter und sympathischer Studi an meine linke Seite. Aber er belaberte mich, dass er mit seiner Note für die Seminararbeit nicht zufrieden sei. Ich sagte ruhig und sachlich: „Nun, Sie haben mit einer Drei doch eine annehmbare Note bekommen.“ – „Aber ich bin nicht zufrieden damit.“ – „Das mag sein, das verstehe ich auch. Aber die Dinge sind, wie sie sind, und ich gedenke auch nicht, hier über Noten zu diskutieren, die ich beileibe nicht nebenbei und aus Spaß so vergeben habe, wie es geschehen ist. Sie hatten mehrere Wochen Zeit, mich während des Semesters zu kontaktieren. Sie hätten Einsicht nehmen können – das Angebot bestand von meiner Seite und wurde wiederholt so kommuniziert. Sie sind aber nicht gekommen oder haben sich bei mir gemeldet. Sie haben die Gelegenheit versäumt – das Semester ist vorbei, und ich bin heute als Privatperson hier. Es gab eine längere Zeitspanne, sich bei mir zu melden, und wir hätten in Ruhe sprechen können, obwohl ich sagen muss, dass Ihre Arbeit eine Drei ist und ich auch nicht zaubern kann. Jetzt aber nicht mehr, und schon gar nicht zu dieser Gelegenheit.“ Der Studi klagte mir sein Leid – seine Eltern seien mit dem Ergebnis auch nicht zufrieden. Ich blieb standhaft und meinte, es sei hinreichend Zeit und Möglichkeit gewesen, mich anzusprechen, und es sei seine Note und nicht die seiner Eltern. Er sei erwachsen. Es mag herzlos klingen, war es aber beileibe nicht. Irgendwo gibt es Grenzen, und ich hatte über mehrere Wochen Gelegenheit für ein Gespräch geboten.

Der Studi hatte wohl vor meinem Eintreffen schon einiges an Alkohol und anderem konsumiert, und ich spürte, dass er wohl innerlich immer aggressiver wurde. Ich hatte ein mulmiges Gefühl, obwohl ich mir sicher war, von meiner Entscheidung nicht abzuweichen. Nicht, weil ich stur oder rechthaberisch wäre, nein. Nur gab seine Arbeit wirklich nicht mehr her. Ich wiederholte, ich sei als Privatperson da und sah mich vorsichtig in der Runde um, in der wir saßen. Da saßen noch immer Sven, Julius, Timo und Tommek gegenüber und neben uns, die zuvor noch versucht hatten, vom Gesprächsthema abzulenken. Ich versuchte unauffällig, Blickkontakt aufzunehmen, weil mir mulmig zumute war und ich befürchtete, der unzufriedene Studi könne mir eins auf die Zwölf hauen, aber das gelang nicht: Die vier saßen sehr angespannt und hochkonzentriert auf der äußersten Kante ihrer Sitzgelegenheiten. Ich sah noch einmal genau hin: Sie saßen wirklich unter großer Spannung da, als würden sie jeden Moment abgeschossen werden, und da begriff ich: Sie schätzten die Situation wohl ähnlich ein wie ich und waren quasi sprungbereit, sollte ihr Kommilitone übergriffig werden! Sie erinnerten mich an meine beiden früheren Katzen, wenn die ein Objekt fixierten, auf das sie sich nach langer Tarnung stürzten. Da fühlte ich mich etwas besser, und glücklicherweise haute der unzufriedene Studi dann auch ab: seine Bierflasche war leer, und die nächste Ladung Würstchen auf dem Grill war fertig …

Ich blickte in die Runde, in der sich die vier Jungs wieder bequem zurücksetzten: „Was war das denn jetzt gerade? Ich hoffe, dass das nicht so weitergeht!“ – „Keine Sorge, Frau B. – wir passen auf Sie auf! Der hat sich ja gerade so blöd benommen, dass wir Sorge hatten, der würde gegen Sie übergriffig werden, Ihnen gar eine knallen! [Genau das war auch meine Befürchtung gewesen.] Aber keine Sorge! Wir hätten den sofort unschädlich gemacht!“ – „Das fiel mir schon auf – herzlichen Dank, ich weiß das zu schätzen!“ Und Tommek meinte: „Keiner von uns würde zulassen, dass jemand unserer Frau B. etwas tut!“ Ich war gerührt, und da die Studis nun nicht mehr als „Abhängige“ galten, bot ich ihnen allen, die schon öfter nachgefragt hatten, ob das nicht möglich sei, das Du an. Immerhin würde ich sie ja nicht mehr unterrichten.

Das stimmte dann zwar nicht, da Tommek und Timo auch noch einen allgemeinsprachlichen Sprachkurs bei mir besuchten und mich in selbigem auch brav siezten, sofern überhaupt Deutsch gesprochen wurde – also zu Anfang und gegen Ende der jeweiligen Stunde. Ich war erstaunt, dass sie überhaupt kamen und meinte: „Da machen Sie freiwillig noch einen Englischkurs bei mir?“ Und die beiden meinten: „Ja, man kann nicht genug Englisch können – und bei Ihnen macht das wenigstens Spaß, und wir sehen Sie so außerdem noch öfter.“ Ich war schon wieder gerührt.

Und nun erfahre ich über ein Soziales Medium, dass Tommek tot sei. Dabei gehörte er gar nicht einmal zu den Ex-Studis, mit denen ich bis heute Kontakt habe. Ich erfuhr es durch Zufall, und es war, als hätte man mir einen Baseballschläger ins Gesicht geschmettert. Mir wurde schlecht, als ich es las. Ich wollte es erst gar nicht glauben.

Dabei habe ich all die Studis seit geraumer Zeit nicht gesehen, aber man vergisst sie doch auch nicht. Daher arbeite ich ja auch so gern mit Menschen. Aber manchmal hat das seine Schattenseiten.

Ruhe in Frieden – ich kann es immer noch nicht fassen. ☹

„Azzurro“ … 😉

Irgendwie hatte ich für die italienische Sprache schon immer ein Faible. Schon von relativ klein auf. Keine Ahnung, woher das kam, aber ich vermute, dass meine Vorliebe für diese Sprache dazu führte, dass ich mich in der siebten Klasse für Latein statt Französisch entschied, als es um die zweite Fremdsprache nach Englisch ging. Italienisch ist da naturgemäß und aufgrund seiner historischen wie geographischen Lage ja ziemlich nahe dran. 😉 (Gut, wenn man Französisch beherrscht, sind auch ziemlich viele italienische Begriffe gleich klar – sind halt beides romanische Sprachen, die mehr oder minder direttamente aus dem Lateinischen stammen. 😉)

Ich vermute fast, dass ich von dieser Sprache schon als kleines Kind so fasziniert war, da Mama, Stephie und ich, als ich noch ziemlich klein war, so oft mit dem Zug – einem D-Zug – in Mamas Heimat nach Franken fuhren, wenn Ferien waren. Das hat zwar mit Italien nicht so viel zu tun, aber im Zug standen Anweisungen damals immer in vier Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch und … Italienisch. Da stand zum Beispiel: „Non sporgersi dal treno!“ Und das versehen mit diversen Warnzeichen, die ich auch als Kind schon kannte. Oder: „Non aprire la porta prima che il treno si ferma!”. Das las sich wie eine Geheimsprache. 😊

Ich fragte meine Mutter, ob sie das mal vorlesen könne – sie las es mit dem ihr eigenen fränkisch gerollten Zungenspitzen-R, sehr gekonnt und als hätte sie von klein auf Italienisch gesprochen (meine Mutter spricht Hochdeutsch, Englisch, Französisch – und Fränkisch, weswegen sie „China“ und „Chemie“ auch mit einem K anlauten lässt und nicht mit einem Sch oder dem normalen Ich-Laut.) Ich war fasziniert – diese Sprache klang so schön. Und schon war ich angefixt. 😉

Und das blieb lange Zeit so, und als es aufs Abitur zuging, überlegte ich, ob ich nicht Romanistik studieren sollte. Mit Französisch als erster Sprache und dem noch zu erlernenden Italienisch als zweiter. Mit einem Französisch-LK wäre das auch kein Problem gewesen, aber irgendwie reizte mich Französisch als Hauptsprache nicht so. Und so studierte ich lieber Anglistik.

Dem Italienischen blieb ich jedoch treu, denn ich belegte an der Uni zusammen mit einer Kommilitonin einen Italienischkurs. Auf diese brillante Idee waren außer uns beiden auch noch 98 andere Studis gekommen, und so war es gut, dass wir zur ersten Kursstunde recht früh da waren, denn so bekamen wir immerhin noch Sitzplätze in diesem Hörsaal im Rogowski-Institut an der Schinkelstraße in Aachen. Diejenigen, die später kamen, mussten auf den Treppenstufen oder Fensterbänken Platz nehmen oder gar stehen. Aber wo auch immer wir saßen oder standen: Wir harrten gespannt der Ankunft der Dozentin, die als Dottoressa Nicoletta Vianelli im Vorlesungsverzeichnis stand. Alle hatten irgendwie eine bestimmte Vorstellung von einer italienischen Dozentin.

Und die, die eine besonders klischeehafte hatten, wurden nicht enttäuscht, denn die dottoressa kam nicht nur zu spät, sondern auch noch extrem schwungvoll in den Hörsaal! Sie schritt nicht, nein, sie hechtete quasi hinein und warf funkelnde Blicke mit einem strahlenden Lächeln um sich. Von den fünfzig Prozent der männlichen Kursbesucher war mindestens die Hälfte sogleich rettungslos in sie verliebt! 😉

Sonja raunte mir ins Ohr: „O Gott! Die ist ja extrem energisch! Sicher nimmt die uns dauernd ungefragt dran, wenn wir gerade überhaupt nichts begriffen haben!“ Ich befürchtete zwar das Gleiche, meinte aber: „Ach was, die ist doch nett! Sieh nur, wie fröhlich sie uns alle anlächelt!“ Und ich versuchte, dieses diabolische Funkeln in der Dozentin Augen zu verdrängen. 😉

Glücklicherweise saßen wir in einer der hinteren Reihen, denn nach einer kurzen Vorstellung („Mi chiamo Nicoletta Vianelli e io sono di Mantova!“) schleuderte sie uns auch schon die erste Übung um die Ohren, die von der ersten Reihe sogleich exerziert werden sollte, und das nach Möglichkeit correttamente, per favore! 😉 (Wir saßen in Reihe 7, und so raunte ich Sonja ins Ohr: „Wie gut, dass wir nicht ganz so früh da waren – bis die an Reihe 7 gekommen ist, beherrschen wir das Ganze perfekt! Perfettamente!“ Sonja sah mich eingeschüchtert an. Ich grinste, obwohl mir angesichts der sehr energischen Vorgehensweise der dottoressa mit absoluten Greenhorns auch ein wenig bange war. Und sie ging die Reihen verdammt schnell durch! 😉)

Immerhin haben wir in der ersten Stunde die ersten einfachen Sätze gelernt („Sono un’idiota e anche i miei genitori!“ – Nein, ganz so nicht, obwohl wir uns nach der ersten Stunde so fühlten …). Ich war mir zumindest sicher, dass ich niemals eine casalinga werden wollte und niemals die Anlaute von gialle – gelb – und scialle Schal – durcheinanderwerfen würde. Immerhin wurde ich da gelobt, da mir als Einziger aus Reihe 7 klar war, dass ein gi- wie in gialle wie dsch- und nicht wie sch- wie in scialle zu artikulieren sei. Ganz zu schweigen von einem sk- wie in schianto.
Nach dieser initialen Stunde gingen Sonja und ich erst einmal einen Kaffee – nein! einen caffè! – trinken. Der kalte Schweiß stand uns auf der Stirn. Sonja meinte: „Ich weiß nicht, ob ich nächste Woche noch einmal hingehe – die Dozentin macht mir Angst!“ – „Ach was, die ist doch total nett! Und so lebhaft!“ – „Eben!“

Wir gingen wieder hin. Bis der Kurs geteilt wurde, da 100 Teilnehmer doch recht viel waren. Aber 50 sind für einen Sprachkurs auch zu viele. Allzu viel lernt man da nicht.

Obwohl ich der dottoressa sehr dankbar bin, denn bis heute kann ich Azzurro fehlerfrei singen, und das unter Verständnis dessen, was ich da singe – ein melancholisches Lied, das aber so einen wunderbaren „typisch italienischen“ Schwung hat. 😉 Ich kann den gesamten Text nebst Melodie singen, seitdem wir das bei unserer Dozentin tun mussten – zur Auflockerung, wie sie sagte. 😉 Ich vermute allerdings, dass sie es zu ihrer eigenen Auflockerung tat – wahrscheinlich hat sie sich köstlich amüsiert. (Hätte ich an ihrer Stelle sicher auch. 😉 )

Italienisch ist gar nicht so schwer, stellte ich fest, nachdem ich vier Jahre mit einem Italiener zusammen war. Noch heute kann ich im Restaurant Essen auf Italienisch bestellen. Und den Rest, den ich in dieser Zeit lernte und lange nicht benutzt habe, hole ich auch wieder auf … 😉 Zur Not singe ich halt Azzurro – das beherrsche ich perfettamente! 😉 Aber nicht nur das – erst kürzlich stellte ich fest, dass ich mich durchaus noch einigermaßen verständigen kann. Okay, ich gestikulierte etwas heftiger, aber das tat und tut Giacomo, mein italienischer Ex, auch immer. Er allerdings, um seine – flüssig geäußerten – Worte zu unterstreichen. Ich, um davon abzulenken, dass meine Worte im Italienischen nicht so flüssig sind, wie ich es gerne hätte. 😉

Doch das Beste am Italienischen sind die wunderbaren Flüche – die beherrsche ich aus dem Effeff … 😉

Italienischer Abend

Heute habe ich mir Spaghetti aglio, olio e peperoncino zum Abendessen gemacht – meine absolute Lieblingszubereitungsart für Spaghetti. Und eine der einfachsten: Spaghetti kochen, bis sie al dente sind, zwischenzeitlich mehrere gute Schlucke Olivenöl – natürlich kein minderwertiges und am besten italienisches – gemächlich in einer großen Pfanne erhitzen und darin mindestens (!) eine in Scheiben geschnittene Knoblauchzehe – ich nehme immer mehr – vorsichtig leicht glasig werden lassen. Bloß nicht braun werden lassen, denn dann könnt, nein: müsst! ihr alles wegschütten und neu ansetzen, denn Knoblauch wird, zu scharf erhitzt und gebräunt, bitter und versaut dann das ganze Olivenöl. Also alles con molta sensibilità und mit viel Gefühl – sehr wichtig bei der italienischen Küche, und nicht nur bei der Küche! – angehen. 😉

Zwischenzeitlich solltet ihr schon einen peperoncino rosso, ggf. eine rote Chilischote, in feine Ringe schneiden. (Oder auch zwei – je nach Schotengröße, Schärfegrad und Geschmack.) Falls es nur leicht scharf werden darf, bitte vorher längs aufschlitzen und die Kerne entfernen. Am besten – gilt vor allem für Kontaktlinsenträger – mit Gummihandschuhen. Bei mir gibt es das Ganze immer mit Kernen – wenn, dann, bitte, richtig! (Und auch mit zwei nicht allzu kleinen peperoncini rossi.) 😉 Und ohne Gummihandschuhe. Ich wasche meine Hände danach aber immer sehr, sehr gründlich, wenn auch nicht in Unschuld.

Das Ganze zum Knoblauch ins erhitzte Olivenöl geben. Gegarte Spaghetti ebenfalls hinzu und mit viel Gefühl so schwenken, dass die Pasta mit Olivenöl gut benetzt ist – ergo gut durchmischen. Frischgemahlenen – in meinem Falle: schwarzen – Pfeffer und Salz darauf, vermischen, und schon kann es losgehen. 😉 Wenn ihr Knoblauch mögt, könnte es passieren, dass dieses einfache Nudelgericht bald auch zu euren Lieblingsgerichten zählt. 😉

Hervorragend. Ich hörte heute dazu laut ein altes und bekanntes Lied von Paolo Conte. Im Grunde eher eine Art Sprechgesang, aber eines der schönsten Liebeslieder, die ich kenne, obwohl es in Moll und recht melancholisch ist. Ein echter Ohrwurm. Via con me. Ich sang laut mit – mir war danach: „Via via / Vieni via di qui […]“. 😉 Ob es daran lag, dass die letzten Tage ziemlich stressig waren? Fluchtgedanken hege ich für gewöhnlich nämlich nicht. 😉

Und mir fielen die vielen Abende wieder ein, die damals mit Giacomo und vielen anderen Leuten in Ratingen immer in Giacomos Küche endeten, mit Spaghetti aglio, olio e peperoncino, und da wurde ich fast ein wenig sentimental. 😉

Doch dann fiel mir ein, wie Giacomo, sein bester Freund Ettore, dessen Freundin Raffaela und ich einst in einem italienischen Restaurant gehobener Klasse saßen, das rappelvoll war mit lauter standesbewussten Menschen, die meisten Deutsche, die – wie so viele Deutsche – Italien und die italienische Küche nebst Lebensart so sehr lieben, wie nicht wenige davon kund und zu wissen geben. Es war ein Gehabe der obersten Kategorie um uns herum, ein Getue, das auch ich nicht so recht mochte, und Giacomo und Ettore hatten die Lage auch gleich erfasst, und so präsentierten sie den selbsternannten Italien-Liebhabern italienische Lebensart par excellence, indem sie wie auf Kommando beide laut und zumindest textsicher Fratelli d’Italia anstimmten, die italienische Nationalhymne, die sehr schmissig klingt, was die Melodie anbelangt. Versteht man den Text, versteht man auch, dass die Hymne recht martialisch ist. Hier kam erschwerend noch hinzu, dass Giacomo nicht singen kann und keinen einzigen Ton zu treffen in der Lage ist – er klingt, „singt“ er, stets wie ein eher kleines Tier, eine Katze oder so, das in einem blechernen Behältnis oder einem Ofenrohr bestialisch gequält wird. 😉

Raffaela und ich fanden es zunächst auch noch lustig, bis uns auffiel, dass die Umsitzenden uns böse und vorwurfsvoll anstarrten. Wohlgemerkt: uns, nicht etwa die beiden schaurigen Sangesbrüder. 😉 Den Blicken konnte man entnehmen, was man uns mitteilen wollte: „Ihr beiden Weiber, die ihr da noch lacht: Könnt ihr diese beiden Wilden nicht einmal zur Ordnung rufen und das Ganze beenden?!? Aber sofort!“ Raffaela sah mich an und lupfte die blütenweiße Tischdecke. Ich wusste, was sie meinte: „Ob wir nicht besser unter den Tisch kriechen? Das ist ja peinlich …“ Ich schüttelte sachte meinen Kopf – wieso sollten sie und ich denn in Sack und Asche gehen? Wir sangen ja nicht. Und was die wohlsituierten anderen Gäste – Fans italienischen Essens und zugehöriger Lebensart – nicht ahnten: Weder Raffaela, noch ich hätten etwas an der Situation ändern können. Hier wurde italienischer Lebensart gefrönt, dass die Umsitzenden sich eigentlich hätten freuen müssen, und Raffaela und ich hätten nicht einmal in unseren kühnsten Träumen etwas dagegen tun können. 😉 Und so kniff ich ihr ein Auge zu, mied jedoch die Blicke der anderen Leute und tat gar so, als verstünde ich kein Deutsch. Kurz: Auch ich fühlte mich unbehaglich. Das passierte schon einmal, wenn wir in dieser Besetzung unterwegs waren und die beiden „fratelli d’Italia“ mal wieder beschlossen, etwas mehr oder minder Durchgeknalltes zu unternehmen, woran sie echte Freude hatten. 😉 Raffaela und ich ließen uns möglichst nie aus der Fassung bringen – hier musste un atteggiamento fermo eingenommen und bewahrt werden. Immer Haltung bewahren. 😉

Dennoch brach ich in haltloses Kichern aus, als ein Kellner im schwarzen Anzug mit zwei Gläsern überteuerten Grappas an unseren Tisch kam und Giacomo und Ettore mit freundlichen italienischen Worten für die reizende Gesangseinlage dankte und mit dem Grappa bestach. Ich lachte so heftig, dass der Kellner mir auch noch einen Grappa brachte. Raffaela lehnte dankend ab – ihr Blick schweifte einmal mehr unter den Tisch … Vor allem, als alle Umsitzenden applaudierten und der Kellner sich leicht in ihre Richtung verneigte. Allerdings sah ich auch, dass es um seine Mundwinkel zuckte, als er sich wieder zu uns umdrehte, und dann kniff er mir auch noch ein Auge zu. 😉

Italienische Lebensart kann sich auf so unterschiedliche Weise äußern … 😉

Von Herzen

Da Vorsorge niemals schaden kann, habe ich vorgestern und gestern etwas gemacht, das man sonst nur Hypochondern zutraut, denen im Grunde nichts fehlt. Immerhin tat ich es nicht grundlos, denn ich hatte kürzlich ein Phänomen zu beklagen, das in meiner Familie schon häufiger vorkam: Herzrhythmusstörungen.

So ein kleines Stolpern kannte ich schon, nicht jedoch, dass das von Mittag bis Abend andauerte und man ständig das Gefühl hatte, die nächste Aktion könne auch schon die letzte sein … 😉 Ein größerer Teil meiner Familie väterlicherseits – zumindest der, der nicht mehr lebt – verabschiedete sich von dieser Welt aufgrund von Herz-Kreislauferkrankungen. Ich bin nicht übermäßig ängstlich, aber da hatte ich schon ein wenig Sorge … 😉

Da ich ja in den vergangenen drei Wochen sehr viel Freizeit hatte, wenn auch unfreiwillig, verband ich einen der häufigen Besuche beim Augenarzt gleich mit einem Besuch bei meinem Hausarzt. Abwechslung muss sein. 😉

Man beschloss, ein Ruhe-EKG könne schon einmal erste Hinweise geben, verordnete mir jedoch auch noch ein Langzeit-EKG über etwa 24 Stunden. Und das Belastungs-EKG steht auch noch aus – möge ich es überleben! 😉

Das Langzeit-EKG gestern/vorgestern war nicht mein erstes, da ich vor einiger Zeit aufgrund niedrigen/schwankenden Blutdrucks durchaus das eine oder andere Mal schon einmal wie ein gefällter Baum umgekippt war. Einmal mitten im Bus bei hohen Temperaturen, einmal im Bad meiner vorherigen Wohnung – ich landete zum Glück scharf neben der Waschmaschine und hatte deren Ecken und Kanten knapp verfehlt. Nicht die einzigen Male. Mein Opa hat aufgrund dieses Phänomens sein Leben gelassen, weswegen ich auch ein wenig pisselig reagiere, wenn mir Leute erzählen wollen, dass niedriger Blutdruck zumindest bedeute, dass man daran nicht sterbe. Falsch. Wenn man aufgrund niedrigen Blutdrucks auf eine Tischkante und danach mit dem Hinterkopf massiv auf den Boden prallt, kann man durchaus auch sein Leben lassen. Habe ich nie vergessen, und es brach mir damals fast das Herz, obwohl mein Opa so „preußisch“ war, womit ich nie so recht klarkam. Aber eben auch lieb, und es tut mir heute noch leid, wie er starb. Er hatte immer gesagt, dass er gerne mal mit einem Helikopter fliegen wolle. Und als er dann mit Christoph 8 in die Unfallklinik geflogen wurde, hat er es nicht einmal mehr mitbekommen. Das tut mir heute noch weh, obwohl mein Opa und ich so verschieden waren, dass es unterschiedlicher kaum geht. Und meinen Vater hatte ich zuvor auch noch nie so traurig erlebt.

Vorgestern war ich um Punkt 9 in der Praxis und bekam alsbald drei Elektroden aufgeklebt, sowie das Aufzeichnungsgerät um den Hals gehängt. Es hing und ruhte da ganz sanft und sagte keinen Ton. Klar, es zeichnete nur auf. Was hätte es auch sagen sollen? 😉

Ganz ruhig und gelassen verließ ich damit die Praxis, um mit dem Auto zur Arbeit zu fahren. Anfangs ging auch noch alles gut, aber ich vermute, gegen 09:21 h könnte die eine oder andere harm- und arglose Sinuskurve etwas aus dem Gleichgewicht geraten sein. Denn da wurde ich massiv ausgebremst, und das von einem Fahrer mit einem GLA-Kennzeichen, der vor mir fuhr und offenbar weder wusste, dass sein Wagen – ein BMW – über Blinker verfügte, noch den Weg kannte oder zuvor bedacht hatte, wie er fahren müsse. Zumindest legte er vor mir eine Vollbremsung ein. Der Fahrer hinter mir hatte auch ein GLA-Kennzeichen, saß mir die ganze Zeit – obwohl ich selber schon viel zu schnell fuhr – auf dem Heck, so dass ich schon ein wenig Angst hatte, wenn ich ganz normal bremsen musste. Immerhin vermochten beide GLA-Fahrer, spontan zu bremsen, denn wir legten allesamt eine Vollbremsung ein, zwei von uns gezwungenermaßen. Es war knapp vor einem Auffahrunfall, und ich würde das EKG gerne sehen, denn ich regte mich lautstark auf – ziemlich lautstark, wobei ich Wörter benutzte, die ich zumindest in meinem Elternhaus gewiss nicht gelernt habe. 😉 Und ich befürchte, ich habe auch ziemlich eindeutig gestikuliert … 😉

Der Arbeitstag verlief weitgehend ruhig. Ein Glück.

Abends fuhr ich nach Hause. Alles ruhig.

Bis ich dann beschloss, mich zu Bett zu begeben. Es war keine kommode Schlafposition zu finden – dauernd drückte mir eine Kante des Aufzeichnungsgerätes in die Brust, und ich wurde immer wacher. Und auch sture Rückenlage war sehr, sehr unbequem, da das Aufzeichnungsgerät schwer auf mir lastete. 😉

Irgendwann hatte ich dann endlich eine einigermaßen erträgliche Position gefunden und dämmerte schon weg, als es plötzlich neben meinem linken Ohr hochfrequent Sssiiii! machte. Ich konnte es kaum glauben: Es frequentieren derzeit kaum Mücken – nur eine offenbar bei mir im Schlafzimmer! Klar! 😉

Reflexartig schlug ich um mich, total genervt – da fiel mir das Aufzeichnungsgerät wieder ein … O Gott! Spontan überlegte ich, wie ich das wohl in den Protokollbogen eintragen solle, den man mir zusammen mit dem Aufzeichnungsgerät ausgehändigt hatte … Das und die völlig enervierte Verfolgungsjagd auf das widerliche Insekt, die folgte. 😉

Ich beschloss nach erfolgloser Jagd, lieber im Wohnzimmer auf der Couch zu übernachten – da war immerhin keine Mücke. 😉 Und das Protokoll habe ich bestmöglich ausgefüllt. Als ich gestern EKG-Gerät und Protokoll abgab, sagte man mir, der Arzt werde mich anrufen, läge etwas Bedrohliches vor. Er rief nicht an, und ich vermute, mein Herz scheine doch recht normal zu funktionieren. Ebenso vermute ich, dass der Arzt das Protokoll gar nicht so bescheuert fand wie ich, die ich nachts wirklich explizit angegeben hatte, weswegen die Haupt-Sinuskurve gar so lebhaft gewesen sei. 😉Vermutlich hält der Arzt meine wohlgewählten Worte für eine Ausrede für etwas ganz anderes. Ganz falsch! 😉

Am 25. folgt das Belastungs-EKG. Hoffentlich sinke ich da nicht bewusstlos vom Ergometer, mangels Kondition. Vielleicht sollte ich vorher noch ein wenig laufen oder endlich mal wieder mein Fahrrad aus dem Keller holen. Wäre ja sonst peinlich. 😉

Immerhin hat sich der sogenannte Vergnügungsausschuss meines Arbeitgebers schon präzise Gedanken gemacht, als es um den diesjährigen Betriebsausflug ging, und der hält vor allem massives Kreislauf- und sonstiges Training vor: Es geht in eine Skihalle in der Nachbarstadt. Tolle Idee! 😉 Sicherlich fällt danach die halbe Belegschaft aufgrund von Knochenbrüchen und Zerrungen oder sonstiger Traumata aus. 😉 Ich war auf alle Fälle ein wenig erleichtert, als ich sah, dass der Ausflug just am Geburtstag meiner Mutter stattfindet – da kann ich ganz unmöglich fehlen! 😉 Ich wollte zwar immer gern Skifahren können, bin aber zu feige – ich gebe es zu. Lieber setzte ich mich auf ein stimmungsschwankendes und ausflippendes Pferd – da weiß ich wenigstens, was zu tun ist.  😉 Und den Geburtstag meiner Mutter kann ich bei allem Trainingsgedanken – bei mir würde beim alleinigen Gedanken, Skifahren lernen zu sollen, sicherlich der Blutdruck massiv gesteigert – keineswegs absagen. Dabei hatte der Vergnügungsausschuss sicherlich Gutes im Sinne und auch an die körperliche Ertüchtigung der Belegschaft gedacht. 😉

Ich glaube, ich fange dann doch besser erst einmal wieder mit Laufen an … 😉

Ein schönes Wochenende! 😊