Glaubenskrieg – es geht um die Wurst!

Ich bin ja jemand, der immer dafür plädiert, aufgeschlossen zu sein, was sich auch nicht nur auf Mitmenschen, Einstellungen, Kulturen generell bezieht, sofern diese nicht Menschenrechten zuwiderlaufen, sondern auch auf Untersektionen der Einstellungen und Kulturen. Ich gebe zu, nicht immer gelingt mir das selbst, aber ich gebe mir stets allergrößte Mühe.

Heute jedoch hatte ich eine sehr lebhafte Diskussion in einem Sozialen Medium, und dies in einer Gruppe, in der es ums Kochen geht. Ja, ich weiß: Das klingt bescheuert und ist es auch. 😉 Doch es wird noch bescheuerter, denn es ging um ein Heiligtum der Region, in der ich hier lebe, und ich spreche nicht vom FC Schalke 04. 😉

Nein, es geht um etwas, das bereits von Herbert Grönemeyer, dem Til Schweiger der Musikszene, was nachvollziehbare Artikulation anbelangt – obwohl Herr Grönemeyer im Gegensatz zu Herrn Schweiger nicht nuschelt, sondern eine ganz eigene Art schwer verständlicher Artikulation pflegt, die mich bisweilen an den Klang der japanischen Sprache erinnerte („Harakiri?“ – „Hai!“) -, besungen wurde, und das eigentlich recht sympathisch: die Currywurst! 😉

Und einmal mehr stellte ich fest, dass dieses schlichte Imbissgericht die Nation zwar irgendwie hinsichtlich ihrer Beliebtheit zu einen scheint, aber genauso spaltet. Die Currywurst ist eine echte Spalterin – und ich mache auch noch mit! 😉

Vielleicht liegt es daran, dass ich den größeren Teil meiner Kindheit im „Pott“ verbracht habe und den kleineren, der in Franken stattfand, kulinarisch eher damit zubrachte, wunderbares fränkisches Essen zu mir zu nehmen und gar nicht auf die Idee kam, dass es auch dort Currywurst – oder so etwas Ähnliches – gebe. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich als Kind nur selten in Kontakt mit Fastfood kam und dann, wenn es dazu kam, mehr auf Pommes abfuhr und mir alles andere eher im wahrsten Sinne völlig wurscht war, so dass ich bereits 10 Jahre alt war, als ich meine allererste Currywurst zu mir nahm. Und ich war begeistert. 😊

Natürlich kannte ich Currywurst nur im Ruhrgebiets-Style – der eigentlich aus Berlin stammte, wo die Currywurst anno dazumal erfunden wurde, von Frau Herta Heuwer, die damit einen echten Boom auslöste – und das nicht nur in Berlin, sondern auch im Ruhrgebiet. Und nicht nur dort, denn es gab lange Streit, in welcher Metropole das gewürzte, im Grunde recht schlichte Imbissgericht nun erfunden worden sei, denn auch die Hansestadt Hamburg meldete Ansprüche an. Und viele „Ruhris“ waren fest überzeugt davon, es sei hier aus der Taufe gehoben worden. Aber es blieb bei Berlin – was Recht ist, muss Recht bleiben. 😊

Und so nahm die Currywurst den gleichen Weg wie fish and chips in Großbritannien bzw. England. Es war ein einfaches Essen, das man schnell zwischendurch verspeisen konnte, und beide Gerichte entwickelten sich zu echten Arbeitergerichten, denn die Arbeiter mussten schnell zwischendurch etwas essen können, da sie wenig Pausen hatten und schwere Arbeit leisten mussten. Oder rasch nach dem späten Feierabend noch etwas Warmes „auffe Hand“ essen wollten.

Beide Gerichte schwappten dann aber auch auf andere Menschen über und nahmen einen Siegeszug durch die gesamte Bevölkerung – auch wenn mancher es nur ungern zugab. 😉

Ich esse ab und an mal Currywurst – alle paar Monate muss das einfach sein -, und das muss dann bitte genauso sein, wie ich es hier aus dem „Pott“ gewohnt bin. Da bin ich wirklich Puristin. 😉 Ich erinnere mich noch, wie entsetzt ich war, als mich vor Jahren in Aachen an einem Sonntagmittag plötzlich das Gefühl übermannte, unbedingt eine Currywurst essen zu müssen und ich mich rasch zur nächstgelegenen Pommesbude, die in Aachen jedoch Frittenbude geheißen wird, aufmachte.

Selbstbewusst orderte ich in der Frittebud, die auf einer Art Mittelinsel zwischen König- und Mauerstraße stand, „eine Currywurst und einmal Fritten mit Mayo zum Mitnehmen, bitte“, und die Imbiss-Maid machte sich sofort daran, alles zuzubereiten. Sie packte schließlich die Fritten ein und machte sich dann daran, die Bratwurst zu zerschneiden, mit Currysauce zu übergießen – es muss schwimmen! – und Currypulver darüberzustreuen. Dann griff sie zu einem Behälter, in dem sich diese ätzenden gefriergetrockneten „Röstzwiebeln“ befanden, die ich seit jeher hasse, und schickte sich an, davon großzügige Mengen über die Currywurst zu kippen!

Ich schickte mich ebenfalls an und rief: „Nein! Lassen Sie das, bitte! Nicht diese Dinger!“ – „Ja, ävver – die jehüre doch da dräauf!“ – „Nein! Das tun sie nicht. Lassen Sie das, bitte! Ich hasse diese Unsitte – das kenne ich nur hier aus Aachen!“ – „Ja, waill dat su jehürt!“ – „Nein! Aachen ist mir nicht als Hochburg der Currywurst bekannt, wohl aber das Ruhrgebiet, woher ich komme. Und da gibt es keine gefriergetrockneten Röstzwiebeln auf die Wurst!“ – „Ja, ävver, dat jehürt …“ – „Nein. Wenn Sie die Dinger drüberstreuen, können Sie die Wurst selber essen – dann bezahle ich nur die Pom…, ääh, Fritten!“ Das sah sie dann ein, und so wurde meine Currywurst nicht kontaminiert. Ich habe dann später noch öfter mal dort eingekauft, und sie grinste immer und meinte: „Ävver ohne Zwiebel, wa?“ – „Ja, genau. Danke!“ Wir haben einander dann gut verstanden, und ich begegnete ihr auch ein paarmal auf der Straße, wenn sie zur Schicht ging – wir grüßten einander dann immer fröhlich, und manchmal rief sie sogar: „Die Frau ohne Zwiebeln!“ Und ich rief zurück: „Jenau!“

Und heute geriet ich in einer fränkischen Kochgruppe auf einem bekannten Sozialen Medium mit einem Franken aneinander, der darauf beharrte, eine echte Currywurst gehe nur mit Bockwurst. Mit Bockwurst! Das muss man sich mal vorstellen – bäh… Bockwurst geht nur mit Senf. Mit viel Senf. Und es ist ja nicht nur der Eigengeschmack dieser eher roten Wurst, sondern auch die Konsistenz. Herta Heuwer würde im Grabe rotieren! 😉 Und ich möchte mir gar nicht vorstellen, was hier im Ruhrgebiet geschehen würde, würde man jemandem, der in einer Pommesbude eine Currywurst ordert, eine Bockwurst mit Ketchup und Currypulver auf den Tresen stellen und dann noch Geld dafür verlangen! 😉 Auf genau diese Kombination schwor der Franke – okay, aus Unterfranken – jedoch und nannte das ernsthaft „Currywurst“ – der Ruhri in mir kam zum Vorschein und erklärte, das sei eine Art Sakrileg. Der Unterfranke erklärte, eine echte Currywurst sei mit Bockwurst, und ich erklärte, da das Original aus Berlin komme, könne er sich damit gar nicht auskennen.

Zwischenzeitlich schalteten sich ein Ober- und ein Mittelfranke ein. Die waren mir beide gleich sympathisch, denn der Oberfranke meinte, im Grunde gehe nur eine sogenannte „Wollwurst“, auch als „Nackerte“ oder „G’schwollne“ oder „Oberländer“ bekannt, und der Mittelfranke meinte, hier solle man etwas verwenden, das in Franken zwar seinerseits ein Sakrileg, in diesem Falle jedoch hilfreich und notwendig sei: eine vorgebrühte Bratwurst. Die beiden wussten, wovon sie sprachen. 😉

Der Unterfranke beharrte jedoch darauf, dass nur eine Bockwurst eine adäquate Wurst zur Herstellung einer Currywurst sei. Ich verwies auf die ober- und mittelfränkischen Expertisen und darauf, dass eigentlich Berlin der Ursprung der Currywurst sei.

Erst dann fiel mir auf, dass ich gerade einem mir eigenen Grundsatz zuwiderlief: „Sei aufgeschlossen gegenüber anderen Bräuchen!“ Möglich, dass es daran lag, dass ich die letzten drei Tage krank darniedergelegen habe, dass ich nicht eher daran gedacht hatte, denn momentan bin ich nicht ganz so tolerant, wie ich es eigentlich sein möchte. Und das kann auch durchaus so wahnsinnig wichtige Aspekte wie Currywurst betreffen. 😉

Eines weiß ich auf alle Fälle: In Franken werde ich sicherlich nie eine Currywurst essen, zumal ich in der fränkischen Kochgruppe dann noch Fotos von „Currywurst“ in Gestalt von Bockwurst sah, auf der noch Mengen gefriergetrockneter Röstzwiebeln prangten. Aber auf die Idee käme ich in Süddeutschland auch gar nicht, schon gar nicht in Franken: Da gibt es so schöne Gerichte, die es hier nicht gibt, dass es Frevel wäre, eine Currywurst essen zu wollen. 😉

Dass ein einfaches, aus Berlin stammendes, Imbissgericht in der Lage sein könnte, die Nation derart zu spalten, hätte ich vorher auch nicht gedacht. Heißgeliebte Currywurst, du bist gar keine Wurst, sondern ein Pilz: ein Spaltpilz! 😉

Und ich lasse mich auch noch auf Diskussionen ein – das ist das Allerschlimmste. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich mich stets zwischen zwei „Heimaten“ hin- und hergerissen fühle. Dabei sollten mir solche Diskussionen wirklich Wurst sein! 😉

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