Von wegen: „Stock und Stein brechen mein Gebein, doch Worte bringen keine Pein“…

Ein nicht nur albernes, sondern obendrein komplett dümmliches und unwahres Sprichwort, das ich schon immer ziemlich bescheuert fand, denn Sprache bzw. gesprochene Worte können mindestens ebenso schwer wiegen wie physische Übergriffe.

Doch darum soll es hier gar nicht gehen, denn es soll eher um Wörter, nicht um Worte gehen, die hinreichend Pein bringen: mir zumindest. Manchmal sind es nicht nur Wörter, sondern größere sprachliche Gebilde, Grammatik und weitere Aspekte eingeschlossen.

Ich habe – wenn auch nicht schriftlich niedergelegt, denn das wäre ziemlich verstörend, sondern mehr in meinem Kopf – eine Schwarze Liste, „neudeutsch“ auch Blacklist genannt, auf der sich Wörter, Begriffe und sonstige sprachliche Aspekte befinden, bei denen ich rotsehe, mir das Messer in der Tasche aufgeht und ich die Faust in der Tasche machen muss – um das Messer wieder zu schließen bzw. einzuklappen. 😉 Zum Glück bin ich zwar ein bisweilen etwas impulsiver, aber zum größten Teil friedliebender und friedlicher Mensch. Ich kann mich auch beherrschen, flippe nicht wie Rigby Reardon im Film Tote tragen keine Karos aus den frühen Achtzigern aus, der stets ausflippte, wenn er das Wort Reinemachefrau hörte – zumindest in der deutschen Synchronisation -, was ich übrigens verstehen kann: Reinemachefrau ist wirklich ein ziemlich beknacktes Wort. Genauso wie Großreinemachen. Warum nicht Hausputz? Viel kürzer, und trotzdem weiß jeder, was gemeint ist. 😉

Ja, ich weiß, es gab schon immer eine „Jugendsprache“, und dagegen habe ich im Allgemeinen rein gar nichts – habe ich selber benutzt, damals. Und, ja, ich weiß, dass Sprache einem steten Wandel unterworfen ist – es wäre traurig, wüsste just ich es nicht. Aber ich bekomme trotzdem eine mittelschwere Krise, wenn ich manche Kreationen höre, die einem dieser Tage inflationär um die Ohren wehen.

„Gönnen Sie sich!“ sagte neulich jemand zu mir, nachdem ich ähnliche Sätze dieses sprachlich interessanten Musters bereits mehrfach gelesen hatte, ungläubig, denn da fehlte doch etwas? Ja, das Objekt! Und als ich: „Gönnen Sie sich!“ hörte, fragte ich mit schneidender Stimme: „WAS?“ – „Wie bitte?“ – „WAS soll ich mir gönnen?“ – „Wie getz? Versteh ich nich. Sie sollen sich gönnen, meinte ich.“ – „Ja, okay – ach, ich befürchte, ich habe gleich den nächsten Termin…“ Ich habe lange aufgegeben, zu erklären, was an manchen „modernen“ sprachlichen Phänomenen bei manchen Menschen, offenbar immer weniger werdenden, nahezu Augen- und Ohrenkrebs auslöse. Dazu gehören auch Phänomene wie: „Er war mit nen Auto unterwegs“ oder „Ich habe ein Hund“.

Nein, falsch! Ich bin gar nicht so intolerant, wie es scheinen mag, und ich habe als Jugendliche auch das benutzt, was damals als Jugendsprache angesagt war – siehe oben. Aber immerhin bekamen wir das mit der Grammatik noch hin. 😉 Wir konnten auch „das“ und „dass“, „als“ und „wie“, „seit“ und „seid“ unterscheiden und richtig verwenden.

Höre ich, wie jemand sagt: „Je länger das dauert, je schlimmer wird es“, wird mir auch gleich ganz schlimm zumute. Ähnlich verhält es sich mit: „Desto/Umso mehr ich arbeite, desto/umso müder werde ich.“ Ist die sinnstiftende Kombination von je und desto bzw. je und umso wirklich so schwierig? Offenbar bin ich ein Genie – denn ich beherrsche sie. Und was, bitte, soll „wohlmöglich“ sein? Ich kenne nur womöglich, was mit „wohl“ rein gar nichts zu tun hat. Es bedeutet eher: „wenn es möglich ist“ – nix mit „wohl“! Alternative wäre: „so es möglich ist“, aber damit sollte man wohl besser gar nicht erst anfangen. 😉

Doch weg davon – lieber hin zu einzelnen Begriffen, die bei mir nervöse Reaktionen auslösen.

„Schnutenpulli“ ist einer der aktuellen, denn so lange – erst über ein Jahr – gibt es die „Maskenpflicht“ bzw. die Vorschrift, einen sogenannten Mund-Nasen-Schutz, kurz auch MNS genannt, zu tragen, noch nicht, und vor einem Dreivierteljahr las ich „Schnutenpulli“ das erste Mal und fand den Begriff schon damals irgendwie kindisch. Es erinnerte mich an eine frühere Bekannte, die statt „ursprünglich“ stets „urhüpflich“ sagte, weil sie das so süß fand und sie so stolz auf ihre Kreation war. Zwar ging sie damit rasch ganz vielen Leuten auf die Nerven, aber sie fand es immer noch süß. Eines muss ich dem „Schnutenpulli“ jedoch zugestehen: Er ist sympathischer als der „Maulkorb“, den besonders „kritische“ Mitmenschen als Begriff für einen harmlosen MNS verwenden.

„Fellnase“, „Regenbogenbrücke“: „Fellnase“ erzeugt in mir allergrößte Abwehr – dabei liebe ich Tiere sehr. Aber es sind immer ganz „besondere“ Menschen, die den Begriff verwenden. Die ziehen ihren Hunden auch Dirndl an. Nein, danke. Übrigens: Die meisten Tiere haben kein Fell in der Nase. Da lobe ich mir eine frühere Freundin, die meine Kaninchen immer als „Pelzwichte“ bezeichnete. 😉

Ich kann mich erinnern, einmal in meinem bisherigen Leben das Wort „Regenbogenbrücke“ benutzt zu haben, um einem kleinen Jungen über den Tod seines Haustieres hinwegzuhelfen. Ich studierte noch und gab nebenbei Nachhilfe in Aachen-Hanbruch. Der beste Freund meines kleinen Nachhilfeschülers, gerade zehn Jahre alt, saß öfter dabei, wenn mein Schüler von mir unterrichtet wurde, und einmal sah ich, dass er, sonst immer fröhlich, ein wenig trübselig wirkte. Nachdem die Stunde beendet war, sprach ich den Kleinen an: „Hey, Sebastian, ist alles okay?“ – „Nein,“, meinte der kleine Kerl, und ich sah Tränen in seinen Augen aufsteigen – o Gott! -, „Franz ist krank.“ Ich wusste inzwischen, dass „Franz“ eine Ente war, genauer: ein Erpel, und des kleinen Sebastian Augenstern, sein eigenes Tier. Sein erstes eigenes Tier, an dem sein Herz hing. Ich konnte das verstehen, und so sagte ich teilnahmsvoll: „Das tut mir leid – was hat er denn?“ – „Eine Lungenentzündung, Frau B.!“ – „Ihr habt doch sicher einen Tierarzt hinzugezogen, oder?“ – „Ja, aber der sagt, dass es nicht gut aussieht.“ Ich schloss umgehend sowohl den kleinen Franz als auch den kleinen Sebastian in meine guten Wünsche ein und hoffte nur das Beste. Ich wusste, was es bedeutet, ein Tier zu verlieren – vor allem, wenn man noch so klein ist.

Bei der nächsten Nachhilfestunde wenige Tage später fragte ich den kleinen Sebastian arglos, wie es „Franz“ gehe – und da liefen die Tränen. „Frau B. – er ist tot!“ – „O nein! Das tut mir so leid, Sebastian – das wollte ich nicht. Ich hatte gehofft, er würde es schaffen!“ Und schon hing der kleine Kerl an meinem Hals, und da habe ich ihm etwas von der „Regenbogenbrücke“ erzählt. Er tat mir so leid, und ich wollte ihm doch etwas Tröstliches sagen. Ich verstehe auch, dass man sich das genauso vorstellen möchte – das Tier rennt über irgendeine Brücke und spielt dann mit seinen Artgenossen, Löwen liegen neben Lämmchen, lecken denen liebevoll die wolligen Köpfchen, während die Lämmchen bähend und mähend Dornen aus der Löwen Pfote ziehen, und alles ist Friede, Freude, Eierkuchen. Für noch recht kleine Kinder sicherlich die richtige Art und Weise. Aber selbst der kleine Sebastian sagte mir damals: „Frau B., das ist sehr lieb, aber Franz ist einfach tot. Aber danke, dass Sie mir das mit der Regenbogenbrücke gesagt haben. Franz muss auf alle Fälle nicht mehr leiden.“ Und er drückte mich. Ich sagte: „Du bist ein cooler Kerl.“

Großer „Beliebtheit“ erfreut sich bei mir auch der Begriff der „Outdoorjacke“. Das impliziert, dass es auch „Indoorjacken“ gebe. Ich kenne zum Glück niemanden, der in seiner Wohnung eine Jacke tragen würde. Obwohl… Ich erinnere mich, dass ich einmal noch relativ zu Beginn meines Studiums aus einem Wochenende in heimatlichen Gefilden nach Aachen zurückkehrte – an einem Sonntagabend im Spätherbst/Winter – und zu meiner Bestürzung feststellte, dass in meiner Studentenwohnung in der Ottostraße die Heizung defekt war. Die Tage vorher hatte sie noch funktioniert… Klar – da waren die Temperaturen ja auch noch höher gewesen, die übers Wochenende stark gefallen waren. In Aachen war es sowieso immer etwas kälter als im Ruhrgebiet.
Ich musste bis Montagmorgen ausharren, bis ich etwas unternehmen konnte, denn ich war relativ spät am Sonntag nach Aachen zurückgekehrt. In meiner Not habe ich in der Küche sogar den Backofen eingeschaltet und ihn geöffnet, damit es zumindest in einem Raum etwas erträglicher war. An diesem Sonntagabend und Montag habe ich in meiner Wohnung tatsächlich eine Jacke getragen. Aber wirklich nur in diesem Falle. Meine Außenbereichsjacke war gewissermaßen zur „Indoorjacke“ geworden – also ein Multifunktionsgerät! 😉 Vergesst daher die „Outdoorjacke“ – der Ausdruck ist Tinnef. 😉

(Ja, ich weiß, dass es auch „Indoorjacken“ gibt: Bei mir heißen sie Blazer bzw. Strickjacke…)

Richtig nervend sind Begriffe wie „Kindi“, „Schlafi“ oder sonstige Verdächtige, wenn doch nur der Kindergarten oder Schlafanzug gemeint sind. Früher hieß es, wenn man Kinder habe, werde man erwachsener. Heute hat man bisweilen den Eindruck, nicht wenige Eltern entwickelten sich zurück – obwohl ich mir als Kind schon nicht hätte vorstellen können, zu einem Schlafanzug „Schlafi“ zu sagen. Das war ein Schlafanzug, und basta! Aber damals starben Haustiere auch noch und gingen nicht über die „Regenbogenbrücke“. Ich erinnere mich noch heute, wie meine Mutter mein Meerschweinchen im Garten begrub. Da war ich sechs Jahre alt und stand heulend wenige Meter hinter ihr. Von einer „Regenbogenbrücke“ war keine Rede, aber meine Mutter sagte mir, dass es der kleinen Susi nun besser gehe als zuvor, da sie so krank gewesen sei. Das war zwar alles furchtbar, aber ich kam damit nach einiger Zeit klar. Ganz ohne bunte Brücke.

Höre ich „Kids“ oder gar „Kiddies“ oder – am allerschlimmsten! – „Mini-me“, sehe ich rot. Noch schlimmer: „Sohnemann“. Ähnlich schlimm wie „Göttergatte“ oder – von Ehemännern geäußert – „die Regierung“, wenn die Ehefrau bzw. Familienmutter gemeint ist. Möglich, dass meine Abneigung daran liegt, dass mir Augenhöhe in Partnerschaften wichtig ist – auch sprachlich. 😉

Richtig gruselig sind dann: „Wir (!) sind schwanger!“ oder „Bauchzwerg“ und „Kugelzeit“. Liebe Leute, schwanger ist nur eine: die Frau. Und der „Bauchzwerg“ ist ein Embryo bzw. Fötus, im Zweifel euer (werdendes) Kind; die „Kugelzeit“ nennt sich unter Erwachsenen und sonstigen normalen Menschen Schwangerschaft.

Und wenn ihr etwas begrüßt oder mögt, dann „appreciatet“ [„äpprieschiäitet“] ihr das nicht, sondern schätzt es – und das ist auch nicht „nice“, sondern „schön“, „angenehm“ oder meinetwegen „prima“. Und ihr seid auch nicht „fein“ damit, sondern es ist kein Problem, sondern in Ordnung für euch. [„I’m fine with it.“ Das ist Englisch, nicht Deutsch.]

Es mag intolerant klingen, aber was Sprache anbelangt, bin ich eigen und weiß, ich bin nicht die Einzige. Eine gute Freundin ist Übersetzerin und damit auch sehr sprachaffin – die leidet ähnlich wie ich und offenbar mehr Menschen, als ich bis dato annahm. Bis ich heute eine Umfrage las, deren Ergebnis mich beruhigte: Ich scheine wahrhaftig nicht die einzige Person zu sein, die bisweilen Augen- und Ohrenkrebs zu erleiden befürchtet angesichts nicht weniger sprachlicher Auswüchse. 😉 Zum Glück weiß ich jedoch auch, dass auch ich selber nicht auszunehmen bin: Jeder hat sprachliche – und sonstige – Angewohnheiten, die bei anderen allergische Reaktionen auslösen. Eine Freundin von mir sagt immer: „Hach, das Essen ist köstlich!“ – bei „köstlich“ ereilt mich stets eine Adrenalinausschüttung, denn ich mag aus unerfindlichen Gründen dieses Wort nicht. Meine Mutter bekommt die Krise, wenn sie mich sagen hört, dass mir etwas „in der Seele weh“ tue. Ich verkneife mir daher nach Möglichkeit diesen Ausdruck, wenn ich mit ihr spreche.

Mein Fazit: Redet und schreibt, wie euch der Schnabel gewachsen ist – aber bitte mit Sinn und Verstand. Und zumindest einem bisschen (Mit-)Gefühl für Sprache. 😉

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