Dinge, die man nicht vergisst

Er jährt sich zum zwanzigsten Mal: der Tag des Grauens. Der 11. September. Sorry an all diejenigen, die am 11. September Geburtstag haben – ihr seid nicht gemeint. Euer Geburtsdatum ist davon unberührt. Ich habe am gleichen Tag Geburtstag wie Queen Mum und habe mir das auch nicht ausgesucht. Aber das ist ein schlechter Vergleich, denn Queen Mum war irgendwie doch recht sympathisch. Zumindest lächelte sie immer so nett und wirkte knuffig. Offenbar habe ich es doch besser getroffen, geburtstagstechnisch.

Ich finde immer wieder faszinierend, dass im Grunde alle Menschen, die bis dato gefragt wurden, ob sie sich erinnern könnten, was sie am 11. September 2001 gemacht haben, als das Grauen geschah bzw. sie davon erfuhren, ganz genau wussten, was sie zu diesem Zeitpunkt getan hatten.

Ich weiß es noch ganz genau. Ich arbeitete damals im Kreis Mettmann in einer Firma, die Software für Telekommunikationszwecke produzierte. Ich war in der Dokumentationsabteilung als Technical Writer tätig, und an diesem Tag, just zu dieser Zeit, wurden meine Kollegen und ich gerade in eine neue Anwendung eingeführt. Die Präsentation lief gerade, als eine Kollegin hektisch in den Raum gerannt kam und rief: „Ein Flugzeug ist in einen der Türme des World Trade Centers geflogen!“

Sogleich machten sich Mutmaßungen breit: „Wahrscheinlich ein Sportflieger. Hat sich wohl verschätzt.“ – „Aber nein, es war ein Verkehrsflugzeug!“ – „Sicher ein Unfall.“ – „Tja, Fliegen ist nicht so einfach…“

Ich sagte nichts, da ich die Ansicht vertrete, dass, wer nichts Genaues wisse, besser auch den Mund halte. Ich fand die Nachricht an sich schon furchtbar. Die Präsentation war vergessen. Ich weiß nur, dass ich dachte: „Das ist sicher ein Attentat.“ Warum ich das dachte, weiß ich nicht.

Und da kam auch schon ein Kollege angerannt, der schrie: „Es ist noch ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen – das ist Absicht!“

Von da an war alles anders. Die Präsentation nun definitiv vergessen. Die Stimmung in der Firma völlig am Boden. Bedrückte, deprimierte Gesichter überall. Der Abteilungsleiter kam irgendwann und meinte: „Es ist etwas Furchtbares geschehen, und wahrscheinlich kann keiner hier mehr richtig arbeiten. Diejenigen, die nicht mehr arbeiten können, gehen am besten nach Hause.“

Ich blieb, versuchte zunächst, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Es war unmöglich, und so verfolgte ich übers Internet das Geschehen. Eine entfernte Bekannte chattete mich an, und wir chatteten eine Weile, beide völlig durcheinander und entsetzt. Später meinte sie einmal: „Wäre Ali nicht gewesen, wäre ich durchgedreht – ich hatte solche Angst, war allein zu Hause! Aber Ali hat online irgendwie geschafft, mich zu beruhigen.“ Ha! Umgekehrt war es doch gewesen – sie hatte mich beruhigt, ohne es zu merken. Oder wir beide einander gegenseitig. Ich hatte auch Angst, war völlig verunsichert. Ich schaffte es nicht einmal, nach Hause zu gehen. Immer wieder sah ich die beiden kurz aufeinander zusammenstürzenden Türme, hörte die hektischen Berichterstatter, als wären sie ein Mantra.

Giacomo holte mich ab, und wir fuhren nach Hause, gingen in unsere Stammkneipe. Dort lief der Fernseher, ansonsten sprach kaum jemand, obwohl viele Leute vor Ort waren. Wir bestellten Bier und setzten uns vor den Fernseher. Als wäre es ein normaler Abend. Noch heute frage ich mich, warum wir nicht einfach allein zu Hause die Nachrichten verfolgt haben – das hier war doch kein Event! Aber an dem Abend wollte wohl niemand allein sein. Und wir sahen Bilder, die ich nie wieder vergessen konnte. Bis heute.

Unvergessen der Mann, der im Windows On the World, dem Restaurant im Nordturm, mit einem der weißen Tischtücher winkte, um auf sich aufmerksam zu machen, einen Helikopter, der kreiste, heranzuwinken. Menschen hingen aus den Fenstern, und der Helikopter schwebte kurz davor, konnte sie aber nicht aufnehmen. Und dann immer wieder der Mann mit dem Tischtuch… Und wir saßen vor dem Fernseher, gelähmt und fassungslos, weil niemand etwas tun und keiner das Geschehen fassen konnte. Bis auf den Fernseher war alles still, und niemand sagte etwas.

Das Schlimmste war, als dann Menschen aus den Fenstern sprangen. Nein, man sah sie eigentlich gar nicht springen – man sah sie irgendwann einfach nur fallen und sich in der Luft überschlagen. Aber so langsam, dass es beinahe eine gewisse Eleganz oder, besser, Würde an sich hatte. Ich glaube, das war es auch, was es so unwirklich und schwierig machte, zu verstehen, was dort wirklich geschah. Zwar war klar, was mit diesen Menschen passieren würde, aber in dem Moment, da man sie fallen sah, war es annähernd unmöglich, zu begreifen, was dort wirklich geschah. Es war einfach unglaublich, dass Menschen hunderte von Metern über dem Erdboden aus den Fenstern sprangen. Man möchte sich so etwas einfach nicht vorstellen, und man kann es auch nicht. Ich sah die Menschen fallen, und dieser Vorgang erreichte meine Augen. Aber es dauerte einen Moment, bis er mein Bewusstsein erreichte und mir klar war: „Diese Menschen sind gleich tot.“ Und da begann ich zu weinen. Es war so furchtbar, zumindest ansatzweise zu begreifen, dass Menschen aus lauter Angst oder dem Willen, lieber selber zu entscheiden, in den sicheren Tod sprangen.

Ich habe es bis heute nicht vergessen, und es ist, als wäre es gestern geschehen. Alle Menschen, die ich je gefragt habe, was sie gemacht hätten, als sie erfuhren, was in New York geschah, konnten mir explizit sagen, was sie gemacht hatten. Eine Bekannte sagte mir: „Ich weiß es noch ganz genau. Ich steckte gerade mit dem Oberkörper in einem meiner Küchen-Oberschränke, weil ich die Küche putzte, und ich fragte mich gerade, warum ich mein altes Sparschwein aus Kinderzeiten im obersten Regal meines linken Küchen-Oberschranks aufbewahrte. Aber das war danach auch unwichtig.“

Ich weiß, dass ich damals gerade diese Einweisung in ein neues Produkt meines Arbeitgebers erhielt. Ich weiß auch noch, dass ich damals dachte: „Ist das langweilig! Kann nicht irgendetwas passieren, das diese langweilige Veranstaltung unterbricht?“

Seitdem hüte ich mich vor solchen Wünschen. Man kann zufrieden sein, wenn alles ganz normal läuft, und sei es noch so langweilig.

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