Up, up and away? Nein: Auf nach Thüringen!

Mein diesjähriger Jahresurlaub ist in etwa so „exotisch“ wie der letztjährige. Da war ich im Allgäu, wo ich eigentlich auch gern mal wieder hinmöchte, aber das hat leider diesmal nicht geklappt.

Anders als geplant, musste ich meinen Jahresurlaub um eine Woche in den Oktober verschieben. Es war nicht ganz freiwillig, und ich bin auch gar nicht so glücklich darüber, und wahrscheinlich habe ich mich deswegen sehr spontan entschieden, schnell zur Tat zu schreiten und eine der zwei Wochen zu verplanen: Zwei Tage Weimar, die restlichen Tage dann in meine Zweitheimat Bamberg, was von Weimar aus ein Katzensprung ist.

Ursprünglich hatte ich auch noch nach Sachsen fahren wollen, um meine Schwester zu besuchen. Da die aber ohnehin bald in NRW ist, strich ich Sachsen und folgte dem, was meine liebe Kollegin Johanna, die ich vor zwei Jahren bei einer dienstlichen Fortbildung in Bonn kennengelernt habe, schon öfter vorschlug: „Wir sollten uns unbedingt mal wieder treffen!“ Au ja!

Und so schlug ich ihr vor, ich könne ja mal nach Weimar kommen, und sie meinte: „Super, das wäre toll!“ – „Und besser so als andersherum.“ (Immerhin lebe ich mitten im „Pott“ in einer Stadt, die hinsichtlich ihrer Attraktivität in jedweder Bedeutung Weimar quasi diametral entgegensteht. 😉 ) Ich berichtete von meiner Urlaubsverschiebung, und sie rief sofort: „Dann kommst du zum Weimarer Zwiebelmarkt!“ Das klang gut, und ich suchte sofort nach einem Hotel.

Das war gar nicht so einfach, denn in der Zeit, in der ich Weimar bereisen wollte, gab es nur fünf Hotels zur Auswahl, die noch nicht bis zum Bersten ausgebucht waren: Vier davon befanden sich im sehr hochklassigen Bereich, und wenn ich auch gern im berühmten Hotel Elephant absteigen würde, fürchte ich, dass über 300 Euro pro Nacht mein Budget doch sprengen würden. Es sei denn, ich würde wieder Lotto spielen und ausnahmsweise mal etwas günstiger tippen, als ich das sonst so tue: entweder rechts oder links von der Zahl, die dann schließlich gezogen wird – es muss eine Art Fluch auf mir lasten. 😉

Mit viel Glück ergatterte ich das letzte Zimmer im „Hotel Alt Weimar“. Das sah im Internet nett aus, und man verspricht viel Bauhaus. Klar: Wenn nicht in Weimar, der Bauhaus-Wiege, wo dann sonst? (Okay, in Dessau – aber dahin reise ich ja nicht.) 😉

Johanna hinterließ mir eine begeisterte Whatsapp-Sprachnachricht, nachdem ich ihr mittels einer solchen mitgeteilt hatte, ich hätte das letzte erschwingliche Hotelzimmer in Weimar gebucht: „Ali – das ist cool! Ich sehe uns beide schon auf dem Zwiebelmarkt – das wird lustig!“ Das glaube ich auch. 😊

Schändlicher Weise ist Weimar – neben Gera – die einzige größere Stadt in Thüringen, die ich noch nicht kenne. Aber das hole ich ja nun hoffentlich nach. Ich kenne Eisenach, Gotha, Erfurt und Jena – und viel, viel Umland. Thüringen ist schön.

Meinen allerersten Kontakt damit hatte ich, als ich etwa fünf Jahre alt war. Damals war Deutschland noch geteilt, und ich war in Franken bei meiner Oma, zusammen mit Stephie. Eines Tages fuhren wir mit Freunden meiner Oma nach Coburg und besichtigten diese sehr schöne Stadt. Die lag nicht weit von dem entfernt, was damals als Zonengrenze bekannt war. Und da einer der Bekannten meiner Oma Verwandte, unter anderem seinen jüngeren Bruder, in der DDR hatte, fuhren wir dann noch in einen Ort, der heute Bad Rodach heißt. Früher nur Rodach. Dort verlief diese Zonengrenze. Dort kam man ihr ganz nah. Und das hat mich damals als Kind schier überwältigt: Wir standen da in Rodach, heute: Bad Rodach, inmitten von Grün und einem kleinen Wäldchen, und vor uns lag eine wunderschöne, große Wiese, die zum Losrennen einlud. Weiter hinten sah man die für Franken typische Mittelgebirgslandschaft. Die Sonne knallte vom strahlendblauen und wolkenlosen Himmel, und hinter uns hörte man einen kleinen Bach rauschen. Ergo all das, was man in der Literatur als locus amoenus bezeichnen würde, als einen Ort reinster Idylle.

Wären da nur nicht dieser schwarz-rot-goldene Grenzpfahl, der Stacheldrahtzaun und all diese erschreckenden Warnschilder gewesen…

Halt! Zonengrenze! stand da, zwei Wörter mit Satzzeichen, die einen anbrüllten und laut maßregelten, als wäre man unmündig. Und es wurde ebenso knapp an Worten drastisch darauf hingewiesen, dass bei Betreten Lebensgefahr aufgrund von Minen bestünde. Der Bekannte, der Familie in der DDR hatte, sagte traurig: „Hinter dem Zaun ist alles vermint. Es ist alles zum Greifen nah und doch unerreichbar.“ Ich sah zu ihm hoch und bemerkte, dass er Tränen in den Augen hatte. Seine Verwandten lebten gar nicht so weit von unserem Standort entfernt, aber das wusste ich damals noch nicht.

Mich hat das als Kind ziemlich schockiert, obwohl ich wusste, dass Deutschland geteilt war. Aber so richtig war das als Kind nicht zu begreifen, und hier war doch alles so nah – und so surreal. Eine wunderschöne Waldwiese an einem Tag mit strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel, auf die man nicht rennen und auf der man nicht spielen durfte oder konnte. Ein anderes Land hinter all den Warnschildern – das wollte mir auch nicht einleuchten. Meine Oma erklärte mir geduldig, dass das, was hinter dem Stacheldraht liege, nicht mehr Franken bzw. Bayern sei, sondern Thüringen. Ja, aber! Das war doch im Grunde das Gleiche – es sah doch genauso aus wie auf der Seite, auf der wir standen! Es war landschaftlich alles so wie in Franken. Es war zum Greifen nah. Ich war eindeutig überfordert mit der Teilung. Aber wer war das nicht? Es war im Grunde so, als hätte man Geschwister auseinandergerissen, die einander sehr ähnelten…

Das erste Mal war ich 2001 in Thüringen, als ich Richie besuchte, der sich in Eisenach beruflich niedergelassen hatte. In Ratingen losgefahren, in Düsseldorf umgestiegen und über Warburg und Kassel-Wilhelmshöhe gefahren, bis die Ansage kam: „Nächster Halt: Bebra.“ Bebra war im geteilten Deutschland von Bedeutung, da eine hessische Stadt direkt an der Grenze, ein deutsch-deutscher Grenzübergang. Und obwohl ich doch nun schon seit 1989/90 mit den zum Glück geänderten Verhältnissen vertraut war, hielt ich doch inne. Gelernt ist gelernt. Wir passierten Bebra, und in Eisenach holte Richie mich vom Gleis ab.

Er zeigte mir Eisenach und die Umgebung, und ich war begeistert: „Das ist so schön hier! Ich fühle mich hier fast wie zu Hause.“ – „Ja, ich finde es auch schön hier – aber wieso fühlst du dich hier fast wie zu Hause? Du kommst aus dem ‚Pott‘! Hier sieht es ganz anders aus, und es sieht auch ganz anders aus als bei mir zu Hause.“ – „Das kommt davon, wenn man aus Neuss kommt und keine zweite Heimat hat.“ – „Ach, ja, stimmt – du Halbfränkin! Klar, dass du dich hier wie zu Hause fühlst. Deswegen mochtest du Aachen ja auch immer so gern – wegen der Hügel.“

Ich freue mich jedenfalls riesig, wieder einmal nach Thüringen zu kommen. Es ist von den vier „neuen“ Bundesländern – in Mecklenburg-Vorpommern war ich als einziges noch nicht –, die ich kenne, dasjenige, das ich am liebsten mag. Und von allen Bundesländern, die ich kenne, liegt es auf Platz 2. (Neben MeckPomm kenne ich nur das Saarland nicht persönlich…) 😊 Ich vermute, meine Vorliebe habe mit Kindheitserfahrungen zu tun. Und nicht zuletzt damit, dass die thüringische Küche der fränkischen in vielerlei Aspekten sehr ähnelt. Und ich spreche hier nicht nur von Klößen und Bratwürsten. 😉

Hoffentlich beschließt Herr Weselsky nicht am oder um den siebten bzw. neunten Oktober einen neuerlichen Streik… Denn ich fahre umweltschonend mit der Bahn. Wenn sie fährt. 😉

Dinge, die man nicht vergisst

Er jährt sich zum zwanzigsten Mal: der Tag des Grauens. Der 11. September. Sorry an all diejenigen, die am 11. September Geburtstag haben – ihr seid nicht gemeint. Euer Geburtsdatum ist davon unberührt. Ich habe am gleichen Tag Geburtstag wie Queen Mum und habe mir das auch nicht ausgesucht. Aber das ist ein schlechter Vergleich, denn Queen Mum war irgendwie doch recht sympathisch. Zumindest lächelte sie immer so nett und wirkte knuffig. Offenbar habe ich es doch besser getroffen, geburtstagstechnisch.

Ich finde immer wieder faszinierend, dass im Grunde alle Menschen, die bis dato gefragt wurden, ob sie sich erinnern könnten, was sie am 11. September 2001 gemacht haben, als das Grauen geschah bzw. sie davon erfuhren, ganz genau wussten, was sie zu diesem Zeitpunkt getan hatten.

Ich weiß es noch ganz genau. Ich arbeitete damals im Kreis Mettmann in einer Firma, die Software für Telekommunikationszwecke produzierte. Ich war in der Dokumentationsabteilung als Technical Writer tätig, und an diesem Tag, just zu dieser Zeit, wurden meine Kollegen und ich gerade in eine neue Anwendung eingeführt. Die Präsentation lief gerade, als eine Kollegin hektisch in den Raum gerannt kam und rief: „Ein Flugzeug ist in einen der Türme des World Trade Centers geflogen!“

Sogleich machten sich Mutmaßungen breit: „Wahrscheinlich ein Sportflieger. Hat sich wohl verschätzt.“ – „Aber nein, es war ein Verkehrsflugzeug!“ – „Sicher ein Unfall.“ – „Tja, Fliegen ist nicht so einfach…“

Ich sagte nichts, da ich die Ansicht vertrete, dass, wer nichts Genaues wisse, besser auch den Mund halte. Ich fand die Nachricht an sich schon furchtbar. Die Präsentation war vergessen. Ich weiß nur, dass ich dachte: „Das ist sicher ein Attentat.“ Warum ich das dachte, weiß ich nicht.

Und da kam auch schon ein Kollege angerannt, der schrie: „Es ist noch ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen – das ist Absicht!“

Von da an war alles anders. Die Präsentation nun definitiv vergessen. Die Stimmung in der Firma völlig am Boden. Bedrückte, deprimierte Gesichter überall. Der Abteilungsleiter kam irgendwann und meinte: „Es ist etwas Furchtbares geschehen, und wahrscheinlich kann keiner hier mehr richtig arbeiten. Diejenigen, die nicht mehr arbeiten können, gehen am besten nach Hause.“

Ich blieb, versuchte zunächst, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Es war unmöglich, und so verfolgte ich übers Internet das Geschehen. Eine entfernte Bekannte chattete mich an, und wir chatteten eine Weile, beide völlig durcheinander und entsetzt. Später meinte sie einmal: „Wäre Ali nicht gewesen, wäre ich durchgedreht – ich hatte solche Angst, war allein zu Hause! Aber Ali hat online irgendwie geschafft, mich zu beruhigen.“ Ha! Umgekehrt war es doch gewesen – sie hatte mich beruhigt, ohne es zu merken. Oder wir beide einander gegenseitig. Ich hatte auch Angst, war völlig verunsichert. Ich schaffte es nicht einmal, nach Hause zu gehen. Immer wieder sah ich die beiden kurz aufeinander zusammenstürzenden Türme, hörte die hektischen Berichterstatter, als wären sie ein Mantra.

Giacomo holte mich ab, und wir fuhren nach Hause, gingen in unsere Stammkneipe. Dort lief der Fernseher, ansonsten sprach kaum jemand, obwohl viele Leute vor Ort waren. Wir bestellten Bier und setzten uns vor den Fernseher. Als wäre es ein normaler Abend. Noch heute frage ich mich, warum wir nicht einfach allein zu Hause die Nachrichten verfolgt haben – das hier war doch kein Event! Aber an dem Abend wollte wohl niemand allein sein. Und wir sahen Bilder, die ich nie wieder vergessen konnte. Bis heute.

Unvergessen der Mann, der im Windows On the World, dem Restaurant im Nordturm, mit einem der weißen Tischtücher winkte, um auf sich aufmerksam zu machen, einen Helikopter, der kreiste, heranzuwinken. Menschen hingen aus den Fenstern, und der Helikopter schwebte kurz davor, konnte sie aber nicht aufnehmen. Und dann immer wieder der Mann mit dem Tischtuch… Und wir saßen vor dem Fernseher, gelähmt und fassungslos, weil niemand etwas tun und keiner das Geschehen fassen konnte. Bis auf den Fernseher war alles still, und niemand sagte etwas.

Das Schlimmste war, als dann Menschen aus den Fenstern sprangen. Nein, man sah sie eigentlich gar nicht springen – man sah sie irgendwann einfach nur fallen und sich in der Luft überschlagen. Aber so langsam, dass es beinahe eine gewisse Eleganz oder, besser, Würde an sich hatte. Ich glaube, das war es auch, was es so unwirklich und schwierig machte, zu verstehen, was dort wirklich geschah. Zwar war klar, was mit diesen Menschen passieren würde, aber in dem Moment, da man sie fallen sah, war es annähernd unmöglich, zu begreifen, was dort wirklich geschah. Es war einfach unglaublich, dass Menschen hunderte von Metern über dem Erdboden aus den Fenstern sprangen. Man möchte sich so etwas einfach nicht vorstellen, und man kann es auch nicht. Ich sah die Menschen fallen, und dieser Vorgang erreichte meine Augen. Aber es dauerte einen Moment, bis er mein Bewusstsein erreichte und mir klar war: „Diese Menschen sind gleich tot.“ Und da begann ich zu weinen. Es war so furchtbar, zumindest ansatzweise zu begreifen, dass Menschen aus lauter Angst oder dem Willen, lieber selber zu entscheiden, in den sicheren Tod sprangen.

Ich habe es bis heute nicht vergessen, und es ist, als wäre es gestern geschehen. Alle Menschen, die ich je gefragt habe, was sie gemacht hätten, als sie erfuhren, was in New York geschah, konnten mir explizit sagen, was sie gemacht hatten. Eine Bekannte sagte mir: „Ich weiß es noch ganz genau. Ich steckte gerade mit dem Oberkörper in einem meiner Küchen-Oberschränke, weil ich die Küche putzte, und ich fragte mich gerade, warum ich mein altes Sparschwein aus Kinderzeiten im obersten Regal meines linken Küchen-Oberschranks aufbewahrte. Aber das war danach auch unwichtig.“

Ich weiß, dass ich damals gerade diese Einweisung in ein neues Produkt meines Arbeitgebers erhielt. Ich weiß auch noch, dass ich damals dachte: „Ist das langweilig! Kann nicht irgendetwas passieren, das diese langweilige Veranstaltung unterbricht?“

Seitdem hüte ich mich vor solchen Wünschen. Man kann zufrieden sein, wenn alles ganz normal läuft, und sei es noch so langweilig.

„Nach ‚müde‘ kommt ‚doof’“ ;-)

Kennt ihr das auch? Ihr habt nachts nicht oder kaum geschlafen oder sogar länger eine echte Phase von Schlafstörung, und dann macht ihr Sachen, die ihr selber nur in das Reich des Unmöglichen, zumindest aber Peinlichen, verweisen möchtet?

Ich bin morgens todmüde schon mit unterschiedlichen Socken aus dem Haus gegangen – einmal sogar mit unterschiedlichen Stiefeln, der eine schwarz, der andere dunkelblau, aber doch recht unterschiedlich von der Art her. Letzteres fiel mir zum Glück noch im Garagenhof auf…

Unterschiedliche Ohrringe gab es auch schon – der eine lang und glitzernd, der andere kürzer und im direkten Vergleich eher asketisch anmutend. Neulich wäre ich fast mit nur durch den Fön vorgetrockneten Haaren aus dem Haus gegangen. Dafür aber immerhin mit Make-up versehen. 😉

Meine Kontaktlinsen habe ich auch schon ab und an seitenverkehrt eingesetzt, die damit einhergehenden „Sehstörungen“ jedoch auf die Frühe des Tages geschoben. Ich bin kein und werde nie ein Morgenmensch werden. 😉

In Zeiten coronabedingter „Wechselschichten“ – an einem Tag Büro-, am nächsten Home-Office-Schicht, und so fort, auf dass immer nur eine Mitarbeiterin pro Büro sitze – bin ich inzwischen eine begeisterte und geübte, sehr zügige U-Turn-Fahrerin, denn seit ich über einen Dienst-Laptop verfüge, musste ich schon mehrfach kurz vor Ankunft beim Arbeitgeber sehr zünftig die eine oder andere „Haarnadelkurve“ fahren, um den vorbildlich in seiner Tasche verstauten Laptop in Windeseile von zu Hause abzuholen, wo er, in der Wohnung neben der Wohnungstür stehend und seiner Bestimmung im Büro harrend, brav wartete. Was hätte er auch sonst tun sollen? Er ist ja kein Hund oder sonstig belebtes Wesen, sondern handelt stets nur nach Vorgabe. Wenn jedoch die „Vorgeberin“ ihrerseits bisweilen morgens wenig belebt ist, überzeugt er letzten Endes nurmehr durch seine naturgegebene Besonnenheit, während die „Vorgeberin“ mit hängender Zunge die Treppen hoch hechtet, das unverzichtbare Gerät zu holen. Denn im Büro gibt es keinen PC mehr, sondern nur eine Docking Station, an die der unermüdliche Laptop anzuschließen ist. Doof, wenn er die Fahrt zur Arbeit nicht mitgemacht hat… 😉 Mehrfach bin ich in der letzten Zeit fluchend auf gefühlt zwei Rädern und zu spät bei der Arbeit und dann mit hängender Zunge im Büro angelangt.

Heute früh erwachte ich kurz vor 7 im Glauben, es wäre Home-Office-Schicht. Bis halb 8 lag ich auch noch entspannt im Bett, aber gegen fünf nach halb schoss mir durch den Kopf, dass ich ins Büro müsse. Hui! So schnell war ich zuvor nur selten aus dem Bett geschnellt und kam dann doch ein bisschen zu spät. Aber ich betrat das B-Gebäude so rasch, dass der Pförtner, mit dem ich mich seit kurzer Zeit duze und der rasch draußen eine Zigarette rauchen wollte und mir entgegenkam, rief: „Holla, Alilein – so schnell unterwegs? Sind wir etwa etwas spät dran?“ Ich rief: „Der einzige Mensch, der mich ‚Alilein‘ nennt, ist mein Vater – das ist ja eine nette Begrüßung! Ja, ich bin auch spät dran – wie öfter mal!“ Der Pförtner lachte und meinte: „War nett gemeint!“ – „Habe ich auch so verstanden! Bis später mal!“ Und schon stochte ich gen Büro. Dort kramte ich umständlich meinen Haustürschlüssel aus der Tasche, bis mir auffiel, dass ich hier einen Transponder brauchte. Glücklicherweise hängt der – wie in dieser Abteilung üblich – immer an einer Gürtelschlaufe meiner Jeans, und so kam ich ohne Probleme ins Büro. Der Arbeitstag ließ sich dann trotzdem stressig an…

Immerhin bin ich noch vergleichsweise harmlos, selbst wenn ich morgens noch nicht so ganz wach bin. Eine Bekannte, Hundebesitzerin, ist mal morgens sehr müde mit dem Hund Gassi gegangen. Zumindest glaubte sie das. Sie ist wohl einfach losgelaufen und hat dann an einer Stelle haltgemacht, wo der Hund gern herumschnupperte. Und sie wartete, auf dass das Tier damit fertig werde. Und wartete. Irgendwann, als nichts passierte, fiel ihr auch auf, dass kein Tier vor Ort war. Den Hund hatte sie zu Hause vergessen… 😉 „Ali, du kannst dir nicht vorstellen, wie vorwurfsvoll Charlie mich anstarrte, als ich zu Hause die Tür aufschloss! Er saß schon dahinter und war ein einziger Vorwurf! Aber er ist wirklich vorbildlich – er hatte, obwohl er ja wohl musste, nicht unter sich gelassen. Aber als wir dann beide loszogen, ist er gleich im ersten Busch verschwunden.“ 😊 Armer Charlie! Manchmal frage ich mich, was Tiere wohl denken, wenn sie ihre Halter völlig „durch“ erleben. Offenbar sind die meisten nachsichtig und denken sich einfach ihren Teil. 😉

Eine andere Bekannte hatte mal im Zuge eines Großeinkaufs mit Kleinkind das Kind im Supermarkt vergessen, und es war ihr erst zu Hause aufgefallen, weil alles so ruhig war. Die ist dann auf zwei Rädern mit dem Auto gen Supermarkt gerast! „Eine Frau rannte ganz hektisch mit ihm auf dem Arm herum und hätte mich am liebsten massakriert, als ich in den Supermarkt geschossen kam. Zum Glück war da diese Kassiererin, die meinte, ihr sei das auch schon einmal passiert und ich keine Rabenmutter!“

Ich selber bin damals in Aachen, schon berufstätig, mal morgens zu Tode erschrocken, als ich erwachte und auf meinen Wecker starrte: viel zu spät! Und schon hechtete ich aus dem Bett, duschte und machte mich für die Arbeit fertig und alltagspräsentabel. Und dann schoss ich aus Wohnung und Haus und rannte gen Bushaltestelle…

Wo blieb dieser verdammte Bus?! Er kam und kam nicht, aber ich war ja gut zu Fuß, und so stochte ich los. Unterwegs wunderte ich mich zwar ein wenig, warum kaum jemand unterwegs war, aber das Adrenalin hatte die Oberhand, und erst, als ich fast am RWTH-Institut, in dem ich arbeitete, angelangt war, fingen die Kirchenglocken zu läuten an… Es war Sonntag…

Immerhin habe ich so einen schönen Morgenspaziergang gehabt. Eindeutig besser, als das Kaffeepulver ohne Filtertüte in die Maschine zu geben – bah! Auch schon passiert. Oder die Kanne nicht richtig untergestellt – Kaffee in der ganzen Küche… Mit der Kleintier-Transportbox frühmorgens zum Tierarzt gefahren, während der vermeintliche Insasse zu Hause fröhlich an seinem Heu mümmelte und sich sicherlich wunderte, warum seine verhasste Transportbox mitsamt Halterin, die sich nicht einmal über das viel zu geringe Gewicht der Box wunderte, dafür aber halbgeschlossene Augen hatte, so überstürzt die Wohnung verließ… 😉

Das Handy in den Kühlschrank gelegt, warum auch immer, und kein anderes Telefon zur Hand, das Handy anzurufen. Die Brille gesucht, die sich dann nach einem viele Minuten andauernden, hektischen „Suchlauf“ durch die Wohnung ganz profan auf der ureigenen Nase befand und sich nicht einmal gewundert, dass die Sicht so gut war, obwohl man kreuzkurzsichtig ist…

Den Autoschlüssel auf ähnliche Weise gesucht, bis man feststellte, er steckte die ganze Zeit in der linken Jackentasche… In der Jacke, die die Suchende schon trug und am Leibe hatte… Grauenhaft!

Ist euch so etwas auch schon passiert, oder bin ich die einzig wurschtige Person, der so etwas schon öfter widerfahren ist? 😉

Den Wecker für morgen habe ich schon gestellt – das ist wohl auch besser so. Denn: „Nach doll kommt ab“ – und „nach müde kommt doof“.😉

Wohl doch ganz gut, dass ich keine Kinder habe, denn mit einer morgens derart zerstreuten Mutter wären die ja völlig traumatisiert! 😉