Ein ganz normaler Arbeitstag

Im September plane ich einen vermutlich zweiwöchigen Urlaub – irgendwann Mitte, Ende September. Kürzlich war ich eine Woche off duty, aber eine Woche ist viel zu kurz, und inzwischen fühle ich mich, als wäre ich seit mindestens einem Jahr überhaupt nicht aus der Arbeit herausgekommen.

Heute war es ganz besonders toll. Morgens zu spät gekommen, obwohl früher aufgestanden als sonst. Nutzt bei mir gar nicht, denn offenbar hatte ich bei meinen morgendlichen Arbeitsvorbereitungen weniger oft auf die Uhr gesehen als sonst, weil ich wähnte, einen komfortablen Zeitpuffer zu haben. Tja – verschätzt. 😉 Aber auch nur halb so wild – wozu gibt es Rufumleitungen aufs Privathandy? Oder Quasi-Diensthandys, von denen ich seit letzter Woche eines besitze? Gut, das Handy an sich gehört mir ohnehin, denn es handelt sich um mein altes Handy, aber die SIM-Card wurde von meinem Arbeitgeber spendiert. Erheblich angenehmer, da man das einfach abends abschalten kann und so nicht bei Anrufen jenseits der 20-Uhr-Grenze hochschreckt, weil man denkt, das Elternhaus nebst älteren Eltern stünde in Flammen. Und manche „Klienten“ scheuen nicht einmal davor zurück, gegen 22 Uhr anzurufen. Auch wenn man nicht drangeht, ist das ein Ärgernis.

Meine „Klienten“ sind noch recht jung, und niemand hat denen, die entweder gegen 22 oder 06:30 Uhr anrufen – auch schon geschehen -, wohl beigebracht, dass es gewisse „Geschäftszeiten“ gebe und auch Sachbearbeiter Menschen seien. Kürzlich klingelte mein rufumleitungbehaftetes Privathandy an einem Samstag wiederholt. Das erste Mal morgens um 9. Da ich einen privaten Anruf erwartete, wollte ich es auch nicht ausschalten und ging dann, beim vierten Anruf unter derselben, mir nicht vertrauten, Rufnummer, die auch schon um 9 Uhr ihre Aufwartung gemacht hatte, dran. Nicht bester Stimmung, denn inzwischen war mir klar geworden, dass ich diese Nummer schon mehrfach zuvor auf meinem Display gesehen hatte – sie gehörte einer meiner „Klientinnen“. Und ich meldete mich nicht gerade im liebreizendsten Tonfall, sondern eher distanziert oder reserviert.

„Hallo, Frau B.!“ tönte es an mein Ohr, als wäre ich im Dienst. „Ich wollte Sie kurz etwas fra…“ – „Nein!“ – „Wie bitte?“ – „Frau XYZ, wir haben gestern viermal miteinander telefoniert. Das war an einem Freitag und völlig opportun. Heute ist Samstag, ergo Wochenende. Sie haben mich heute das erste Mal um 9 Uhr angerufen, wie ich der call history entnehmen konnte. Bitte tun Sie mir einen Gefallen: Merken Sie sich, was Sie fragen wollen, und rufen Sie mich dann am Montag ab 9 Uhr an. Oder schreiben Sie mir eine Mail. Aber bitte: Ich habe jetzt Wochenende. Auch Sachbearbeiter sind ganz normale Menschen, die sich spätestens ab Freitagnachmittag frohen Blickes auf zwei freie Tage – Samstag und Sonntag genannt – freuen. Nehmen Sie es mir nicht übel, bitte, aber das geht wirklich nicht. Ich mache durchaus Überstunden, speziell, wenn es ‚brennt‘, aber das erstreckt sich im Normalfall – und der liegt hier vor! – nicht auch noch aufs Wochenende.“ – „Ach …“ – „Genau. Also bitte am Montag anrufen oder eine Mail schicken. Das funktioniert auch nicht nur jetzt so, sondern immer, wenn Wochenende ist.“ – „Ach …“ – „Ja, das werden Sie in vergleichbaren Fällen selber merken, wenn Sie später berufstätig sind – ich bin mir ganz sicher, dass Sie dann an diesen Moment zurückdenken und grinsen werden. Und nun wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende – und mir auch. Bis Montag dann!“ Und ich unterbrach die Verbindung.

Normalerweise bin ich gar nicht so, aber nachdem ich die Tage zuvor und ohnehin öfter schon offenbar dienstliche Anrufe jenseits der 20-Uhr-Marke erhalten hatte, reichte es wirklich. Es stört auch, wenn man nicht drangeht, sobald man erkennt, dass es wohl kein privater Anruf ist. Wie gesagt, es war mein Privathandy mit Rufumleitung – und man möchte sich ja nicht unbedingt privat völlig von der Welt abschneiden, indem man das Handy ab 17, 18 Uhr rigoros abschaltet, zumal dann, wenn man kein Festnetztelefon hat. Daher bin ich wirklich glücklich, nun eine Dienst-SIM-Card für mein altes Handy zu haben, das ich spätestens ab 17:30 Uhr ausschalte.

Doch zurück. Ich war etwas zu spät, heute früh. Vom Parkplatz aus ging ich recht eilig in mein Büro.
O Gott, war es da stickig! Ich riss erst einmal das Fenster auf und dockte meinen Dienst-Laptop an, den ich seit einigen Wochen besitze und mich bei jeder Büroschicht an meine Kindheit im Kindergarten erinnere, da ich mit Mama und meiner Butterbrottasche den Weg in den Ernst des Lebens antrat. Hier zwar logischerweise stets ohne Mama, aber mit einer Tasche, wie sie meine Kolleginnen auch mit sich schleppen, wenn sie vom Parkplatz Richtung Büro gehen. Ein echtes Kindergartengefühl. 😉 Und nach Feierabend ebenso. 😉  

Nach verspäteter Ankunft eilte ich in die Teeküche, um meine Kaffeemaschine zu bestücken und in Betrieb zu nehmen. Kaffee ist morgens so wichtig – und nicht nur morgens! 😉

Ich war heute allein im Büro. Zumindest im Hauptbüro, aber drei Büros weiter saß Jana, seit einer notwendigen Umstrukturierung wegen neuer Kolleginnen und darauffolgenden Platzmangels „ausgelagert“. Aber man kann einander ja besuchen, was oft geschieht, und da gerade ihre Elektro-Espressokanne in der Küche kund und zu wissen gab, dass der Kaffee fertig sei, goss ich diesen in die danebenstehende Tasse und verbrühte mir dabei die Finger. Egal. Als ich ihr die Tasse brachte, rief sie: „Wahnsinn! Das ist ja total lieb – was für ein Service! Danke schön! Wann bist du denn angekommen?“ – „Nach dir, ganz offenbar. Aber zum Glück hat es ja außer uns keiner mitbekommen – nicht einmal der Pförtner.“ Der war nämlich offenbar gerade zum Rauchen draußen gewesen. 😉 Der Tag war stressig, das Telefon klingelte unentwegt, und es war nicht immer so einfach. Jeder, der jemals Telefondienst gemacht hat, weiß, was ich meine. Normalerweise telefoniere ich gern, aber heute war es anstrengend. Außerdem war es grauenhaft warm im Büro, obwohl ich schon für Durchzug sorgte. Ratz-fatz hatte ich Kopfschmerzen.

Die einzigen Lichtblicke waren: im Zuge der Mittagspause eine Zigarette mit Jana zu rauchen und dabei frotzelnde und lustige Reden zu schwingen sowie eine sehr nette Unterhaltung mit einer ebenso netten Kollegin am anderen Ende des Gebäudes. Und – unvergesslich – die Sache hinsichtlich der Einkommensteuererklärung. 😉

Denn erst heute früh war mir aufgefallen, dass es ja nur noch so wenige Tage bis zum regulären Einreichungstermin seien. Der Schreck, der mich durchfuhr, war unschön. Und schon googelte ich bezüglich der Adresse und Faxnummer des örtlichen Finanzamtes. Das Ergebnis, das ganz oben stand, war erfreulich – das hatte ich bis dato noch gar nicht mitbekommen: Der Abgabetermin in diesem Jahr wurde in NRW auf den 02. November verschoben! Warum ich das nicht mitbekommen hatte? Keine Ahnung – wahrscheinlich aufgrund all der Änderungen, die ich aufgrund meiner Arbeit dauernd beachten muss. Da wird man irgendwann betriebsblind. Und so war es ein wunderbarer Moment für mich. 😊

Das entschädigte für den Rest des Tages – gegen 19 Uhr verließ ich meinen Arbeitsplatz lächelnd. Und bekam daraufhin noch ein Kompliment vom Pförtner: „Ach, Frau B.! Sie lächeln immer so nett. Egal, ob Sie hereinkommen oder hinausgehen. Manchmal haben Sie so ein reizendes Funkeln in den Augen.“

Ja. Ganz sicher. 😉 Nett, aber ich glaube, dieser Pförtner sollte einen Besuch bei seinem Augenarzt planen… Sosehr ich meine Arbeit mag: Manchmal ist sie wirklich stressig, und da lächelt man auch nicht mehr. Höchstens lacht oder grinst man sarkastisch. Daher auch das Funkeln in den Augen. 😉

Nein, im Ernst: Ich liebe meine Arbeit, wenn es auch Tage gibt, die etwas anstrengender sind als andere. Aber das geht uns ja allen ab und an so. 😊

Immer cool bleiben. Am besten so cool, dass Leute glauben, ihr würdet lächeln, wenn eure Gedanken nicht publizierbar sind. (Ich glaube, der Pförtner ist noch recht neu.) 😉