„Congratulations! You have reached ‚Level 2‘!“

Ich weiß, nicht jeder ist von der „Corona-Impfung“ überzeugt, und es gibt gar Menschen, die diese Impfung konsequent und – nicht in allen Fällen, zum Glück! – unter Zuhilfenahme erstaunlich holzschnittartiger Argumente oder Ähnlichem vehement ablehnen. Aber ich persönlich habe meist mit Menschen zu tun, die sich impfen lassen wollen und trotzdem in der Lage sind, zu hinterfragen. Ich gehöre übrigens auch zur impfwilligen Spezies. 😉 Diejenigen Impfwilligen, die ich kenne, sind zumeist in meiner Alterskohorte und damit zum Warten verdammt. Aber es gibt auch andere.

Gestern – Home-Office-Tag – klingelte es am späten Vormittag annähernd schüchtern an meiner Tür, und als ich öffnete, sah ich zunächst … nichts. Dann schlurfte zu meinem Erstaunen ein alter Herr aus einem der Nachbarhäuser die Treppe bis zu meiner Wohnungstür hoch. Ich rief: „Herr Schmidt! Sagen Sie doch etwas, um Himmels willen! Ich wäre Ihnen doch entgegengekommen, wenn ich gewusst hätte, dass Sie das sind – Sie müssen doch nicht extra nach oben laufen!“  

Herr Schmidt, ein netter alter Herr, sagte ein wenig atemlos: „Ich möchte Sie gar nicht lange stören, Frau B. – ich habe nur eine Frage.“ – „Kommen Sie doch herein.“ – „Nein, so lange möchte ich gar nicht bleiben. Nur eine kurze Frage, dann bin ich wieder weg – ich bin etwas in Eile, weil ich noch einkaufen muss. Ich weiß ja, dass Sie berufstätig sind und im Haus-Office arbeiten, oder wie das heißt. Ich bin da nicht so gewandt.“ Und er lachte ein wenig verlegen.

„Was kann ich denn für Sie tun, Herr Schmidt?“ (Mein Beruf hat meine Kommunikationsformen offenbar so weit verändert, dass ich stets wie eine Kundenberaterin klinge, als die ich an einer Bildungsinstitution ja im Grunde auch tätig bin. 😉) Erst da fiel mir auf, dass ich in einer lässigen Hose – einer Jogginghose nicht unähnlich – dastand, ebenso einem T-Shirt mit einem frotzelnd-anzüglichen Spruch in englischer Sprache auf der vorderen Frontseite. Ooops… 😉 Zum Glück scheint Herr Schmidt der englischen Sprache nicht derart mächtig zu sein, dass sich ihm der Aufdruck zur Gänze erschloss, wie ich mit einer gewissen Erleichterung feststellte… Bis dato kannte er mich ja nur in offizieller Kleidung – wir hatten ja stets nur auf der Straße ein paar unverbindliche Worte gewechselt.

„Frau B. – ich habe Post bekommen. Ich darf jetzt geimpft werden, weil ich ja über 80 bin. Aber als ich die 116117 anrief, hieß es da, ich müsse mich ‚online‘ anmelden. Ich vermute, dass ich das nur machen kann, wenn ich einen Computer habe. Oder?“

Noch bevor ich nickte, war mir klar, warum Herr Schmidt mich aufgesucht hatte. Er wollte mich bitten, das für ihn zu regeln. Und schon sagte er: „Ich habe leider keine Angehörigen. Meine Frau ist vor sieben Jahren gestorben, und Kinder haben wir nicht. Und meine Nachbarn können das selber nicht. Die haben auch keine Ahnung.“ Und er fügte hinzu: „Ich weiß, dass das eine Zumutung ist – aber ich würde Sie dafür entschädigen. Ich weiß, das klingt doof, aber ich möchte nicht, dass Sie Ihre Zeit umsonst opfern.“ Ich holte tief Luft und sagte dann: „Davon will ich nichts wissen, Herr Schmidt. Äh, also von einer Entschädigung! Ich mache das natürlich für Sie – gar keine Frage. Aber nur als Nachbarschaftshilfe und ohne Entschädigung, denn es ist doch selbstverständlich, dass ich Ihnen helfe. Machen Sie sich keinen Kopp – ich mache das gern. Ich vermute nur, dass ich dafür ein paar Daten von Ihnen brauche. Vollständigen Namen, Geburtsdatum und solche Dinge. Den Wohnort kenne ich ja. Aber ich kann sehr gern von meinem PC aus einen Termin für Sie vereinbaren – das mache ich gern für Sie. Sie sind immer so freundlich zu mir, und da ist das doch das Mindeste.“ Und kurze Zeit später hatte ich alle Daten, die erforderlich waren.

„Noch eins, Herr Schmidt: Ich vermute, dass einem da verschiedene Zeitfenster und Termine angeboten werden. Haben Sie irgendwelche Termine, die zu beachten sind? Zum Beispiel beim Arzt oder so? Irgendetwas, das ich beachten müsste – oder kann ich einfach einen Termin auswählen, wie es mir gefällt?“ – „Sie können jeden möglichen Termin nehmen, Frau B. – das hat Vorrang.“ – „Okay, dann machen wir das so. Ich melde mich, sobald ich etwas weiß.“ – „Ich gebe Ihnen hier noch meine Telefonnummer.“ Und so geschah es, nachdem ich ihm noch meine gegeben hatte. („Nur für diesen Fall und für Notfälle, Herr Schmidt!“ – „Ist völlig klar, Frau B. – würde ich doch niemals missbrauchen oder weitergeben!“)

Ich gestehe, dass ich heute quasi ein Schatten meiner selbst bin.  Warum? Nun, es liegt daran, dass ich bisweilen ein wenig „wurschtig“ bin (und einen sehr langen Tag hatte, gestern). „Wurschtig“ in dem Sinne, dass ich freundlich und durchaus aus Überzeugung hilfsbereit sage: „Gar kein Problem!“ Und kurz darauf realisiere ich den vollen Umfang des Grauens… 😉 (Ich würde es trotzdem nie anders machen.)

Und dieser Umfang war immens. Herr Schmidt konnte nichts dafür – was ich mir jedoch im Laufe des gestrigen Tages wieder und wieder vor Augen führen musste, zumal ich Ober- und Unterkiefer derzeit nicht allzu fest aufeinanderpressen darf. 😉 Was half, war, an meinen Vater zu denken, der auch mehr oder minder mittelfristig solche Termine wird machen müssen…  Und natürlich werde ich ihm helfen – vielleicht nicht mehr ganz so wurschtig-ahnungslos. 😉

Denn ich fing sofort eifrig an, um einen Termin zu ersuchen. Herr Schmidt hatte mir den offiziellen Brief mitsamt URL dagelassen, die zu nutzen wäre, wenn man einen Termin vereinbaren wolle.

Der Erstversuch offenbarte, dass ich die Wahl zwischen den Optionen „Nordrhein“ und „Westfalen-Lippe“ hatte. Letzteres fand ich irreführend. „Westfalen-Lippe“ ist ein feststehender Begriff und umfasst eine bestimmte Region im Bereich Westfalen. Da „Nordrhein“ aber nicht stimmen konnte – in Essen oder Oberhausen sähe das ganz anders aus -, wählte ich „Westfalen-Lippe“. Ergebnis: „Onlinebuchungen sind derzeit nicht möglich. Wir bitten, den Umstand zu entschuldigen und bemühen uns um Behebung dieses Zustandes und eine rasche Buchungsmöglichkeit.“

Nachdem ich geschätzte vier Male diesen Text hatte lesen müssen, wählte ich flinken Fingers die Option „Nordrhein“. Vielleicht hatte ich bis dato ja falsch gelegen, denn hier im „Pott“ liegt ja alles so dicht beieinander, und die Grenzen sind fließend. Ich hoffte es zumindest. Aber: Ich lag falsch in der Hoffnung, falsch gelegen zu haben, denn ein Fenster poppte auf, das mir sehr streng mitteilte: „Die von Ihnen eingegebene Postleitzahl ist dem Bereich Nordrhein NICHT zugehörig!“ O Gott! Gegen die Gottesordnung verstoßen – ich zuckte annähernd zusammen! Rheinland versus Westfalen – wie konnte ich nur! 😉 (Zugegeben: Ich bin da immer ein wenig zwiegespalten, denn ich bin, in der Region „Nordrhein“ zur Welt gekommen, strenggenommen Rheinländerin. Seit ich im Rheinland viele Jahre lebte, verschweige ich diesen Umstand gern. 😉)

Den restlichen Tag verbrachte ich in einem Zustand stets wechselnder Gemütsverfassungen: Zunächst hatte ich mich gefreut, als am frühen Nachmittag statt „Westfalen-Lippe“ und „Nordrhein“ endlich alle verfügbaren Impfzentren in dem Dropdown-Menü erschienen, und ich klickte bei jedem neuerlichen Versuch – es waren deren viele erforderlich – immer das zuständige an, gab dann an, dass Anspruch auf Impfung bestände. Zunächst geschah jeweils nur Folgendes: Der Server kollabierte… Nach ungezählten Versuchen dann durfte ich endlich etwas anfordern, das sich „Vermittlungscode“ nennt, und ich ließ mir diesen auf mein Smartphone schicken. Dieser „Vermittlungscode“ – so darf nicht unterschlagen werden – ist nur 10 Minuten gültig; dann verfällt er.

To cut a long story short: Es gelang mir problemlos, den Code einzutippen, und wann immer – es gab verschiedenste Versuche – ich bestätigte, rödelte der PC, als würde er dafür bezahlt. Ergebnis: „Es ist ein unerwarteter Fehler aufgetreten.“ Der erste Code war rasch dahin…

Ich forderte je noch einen zweiten und dritten Code an, notwendigerweise. Ich habe die Male nicht gezählt, aber man teilte mir wiederholt mit, es sei ein unerwarteter Fehler aufgetreten. So oft, dass der Fehler gar nicht mehr unerwartet auftrat, sondern ich mich gewundert hätte, wäre er nicht aufgetreten. 😉

Leider gehört Geduld nicht zu meinen Stärken. Höchstens dann, wenn ich jemandem etwas beibringen möchte, was dieser wirklich lernen möchte. Das war hier jedoch nicht der Fall, und am späten Nachmittag hatte ich das Gefühl, über Gebühr rasch zu altern. Nein – zu verfallen! Ich spürte förmlich, wie meine Haare ergrauten, meine Muskeln schrumpften und meine Haut immer faltiger wurde. Und verformten sich meine durchaus wohlgeformten Hände nicht inzwischen zu Klauen? 😉 Wenn es so weiterginge, würde ich am nächsten Morgen völlig verhutzelt und tot auf meinem Schreibtischstuhl kauern. Hatte ich eigentlich morgens den Blutdrucksenker eingenommen? Gefühlt war mein Blutdruck ziemlich hoch…

Ich hätte es ja eigentlich lassen können – es schien unmöglich, einen Termin zu vereinbaren. Aber so etwas kann ich nicht, wenn ich etwas versprochen habe. Und ich versuchte es so lange, bis gar nichts mehr ging. Das war gegen 18:34 h. Ich klappte das Laptop zu und beschloss, jenseits 0 Uhr den nächsten Versuch zu starten.

Und ich blieb wach. Und um kurz nach 1 Uhr hatte ich nicht nur Erst-, sondern auch Zweit-Impftermin für Herrn Schmidt vereinbart – beim Zweittermin hakte es auch mehrfach. Natürlich stets zum Wochenanfang oder in der Wochenmitte, und das vormittags, da ich mir dachte, dass das so besser sei, falls er die Impfung nicht so gut vertragen sollte – zu Anfang der Woche oder in deren Mitte sind Ärzte besser zu erreichen, und man kann vielleicht auf den Rettungsdienst als erste oder einzige Wahl verzichten.

Ich notierte beide Zulassungscodes, die ich heute in Herrn Schmidts Briefkasten geworfen habe, mit einem netten Begleitschreiben. Und heute Nachmittag rief er mich an, und als er sich meldete, dachte ich einen kurzen Moment lang: „Wie reagierst du, wenn er sagt, dass die Termine oder einer davon nicht passen? Drehst du dann durch?“ (Die Frage war angesichts des gestrigen Horrors nicht unberechtigt.) Aber unnötig, denn er freute sich und rief ein ums andere Mal: „Liebe Frau B. – ich bin Ihnen so dankbar! Wie kann ich Ihnen das nur danken?“

Glücklicherweise rief er das so oft, dass mir eine Antwort einfiel, bevor er sie erwartete, und so sagte ich: „Indem Sie die Impfung ganz toll vertragen und gesund bleiben!“ Ich habe ihm natürlich nicht erzählt, dass ich mir die halbe Nacht um die Ohren geschlagen habe und heute während der Büroschicht ziemlich bleich aus der Wäsche blickte. So bleich, dass mein Zahnarzt, zu dem ich noch musste, um mir die Fäden ziehen zu lassen, die aus meiner letztwöchigen OP resultierten und sich inzwischen wie eine Art Häkelpulli um das betroffene Gebiet woben, so sehr hatten sie sich bereits gelockert, meinte: „Frau B., Sie wirken ein wenig angegriffen. Ich hoffe, das liegt nicht an der OP und dem Fädenziehen – Sie wissen doch, dass das alles halb so wild ist.“ – „Nein, keine Sorge. Daran liegt es nicht. Ich habe nur gestern den halben Tag und bis in die Nacht hinein versucht, einen Corona-Impftermin zu vereinbaren. Das zehrt gewaltig, und nicht nur hinsichtlich Geduld.“ – „Ja, aber… Sie sind doch noch gar nicht dran! Sie sind doch viel zu jung!“

Danke! 😊

Als ich nach Hause kam, traf ich Herrn Schmidt, als ich gerade vom Garagenhof kam. Er schüttelte meine Hände, bedankte sich wiederholt und meinte: „Meine Nachbarn haben mich schon gefragt, wie ich das angestellt hätte! Aber ich habe Sie natürlich nicht verraten – einmal reicht sicher. Denn ich habe heute in der Zeitung gelesen, wie schwierig das sei.“ – „Ja, in der Tat. Nett, dass Sie mich nicht verraten.“ – „Das würde ich niemals tun. Aber ich bin Ihnen sehr dankbar.“ – „Ich habe es gern getan.“

Hoffentlich hält er Wort! Das mache ich nur noch für sehr nahe Verwandte! 😉

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