„Ich will Kühe!“ Oder: Ein Königreich für normales Naseputzen! 😉

„Ich will Kühe!“ war eine Art Werbeslogan eines Reiseveranstalters vor diversen Jahren. Eine Familie will in den Urlaub reisen, und die Eltern wollen Meer, Sandstrand und dazu passende Aspekte. Da schreit aus dem Hintergrund ein Kind ganz rotzig: „Ich will Kühe!“ Das war damals originell und nett.

Ich mag Kühe auch, und in meinem letzten Urlaub war ich mit den zumeist – nicht immer – freundlichen Tieren, die gern alles abschlecken, was ihnen in die Quere kommt und die weitaus intelligenter sind, als Unerfahrene annehmen, stark konfrontiert.

Und seit heute bin ich diesen großäugigen Lebewesen mit Flotzmaul und langen Wimpern noch verbundener als zuvor schon. 😉 Nein, ich habe mir keine Kuh gekauft, und ich habe heute auch kein Rindfleisch gegessen – dafür am letzten Sonntag Tafelspitz mit Krensauce. Ganz anders ist die bovine Verbindung mit mir zustande gekommen. 😉

Denn ich hatte ja heute um 9 eine kieferchirurgische Behandlung der besonders angenehmen Art: Externer Sinuslift mit simultaner Implantation. Sinus klingt irgendwie unangenehm nach Mathematik, genauer: nach Trigonometrie. Gemeint ist aber die Kieferhöhle – die heißt genauso, und der Umgang mit ihr kann genauso unangenehm sein wie der Umgang mit der gleichnamigen trigonometrischen Funktion. Zumindest für „Mathegenies“ wie mich. 😉

Um 9 klingelte ich, angetan mit einer FFP2-Maske, zitternden Fingers am Eingang des Hauses, in dessen erstem Stock sich die Praxis des Zahnarztes meines Vertrauens befindet, und nachdem mir aufgetan worden war, schleppte ich mich mit leise zitternden Knien in die erste Etage. Der große Vorteil an meinem Zahnarzt ist, dass er wirklich sehr gut und gleichzeitig Oralchirurg ist, so dass man nicht noch zu einem Kieferchirurgen muss, wenn der herkömmliche Zahnarzt nicht weiterkommt. Anhand dieser Zusatzausbildung habe ich meinen Zahnarzt anno 2008 auch ausgewählt, nachdem ich kurz zuvor eine grauenhafte Behandlung bei einem Kieferchirurgen hinter mich gebracht hatte, zu dem mein damaliger Zahnarzt im Nachbarort mich geschickt hatte.

Trotz allem graute mir heute doch sehr: Ich bin – passiv, also quasi als „Opfer“ – sehr erfahren in dentalmedizinischen Behandlungen, auch kieferchirurgischen, aber was mir heute bevorstand, war ein absolutes Novum für mich. Externer Sinuslift – also Anhebung der Kieferhöhle mit einer sogenannten „Fensterung“ und Auffüllung mit Knochenersatzmaterial. Bei mir an den Zähnen 2-6 und 2-7. Also im Backenzahnbereich des linken Oberkiefers.

Man führte mich nach meiner zögerlichen Ankunft und den Präliminarien in den gelben „Salon“, ergo den OP, wo schon interessante Instrumente aufgebaut waren, die ich eher in der Veterinärmedizin vermutet hätte. Zumindest sahen sie so aus. Einige waren auch abgedeckt – die machten sicherlich einen noch monströseren Eindruck als das, was da gut sichtbar lag. Aber es irritierte mich nicht über Gebühr – rasch hatte ich das Instrumentarium quasi gescannt und keine Abformlöffel gesehen. Also alles einigermaßen im grünen Bereich. 😉

Und schon ging es los: „Frau B. – wie geht es Ihnen?“ – „Ehrlich gesagt: nicht so gut.“ – „Ach, keine Sorge, das machen wir ratz-fatz. Ich gebe Ihnen erst einmal eine kleine Spritze.“ Und schon fuhr man den Behandlungsstuhl in eine extreme Schieflage, und ich hing stark kopflastig da. „Schön weit aufmachen.“ Und schon bekam ich zur Rechten wie zur Linken des zu behandelnden Areals je eine Injektion. Sehr angenehm besonders von der Innenseite, also vom Gaumen her. Ich wäre am liebsten wieder nach Hause gegangen. Mir reichte es da schon. 😉

Recht schnell ging es los. Ich wurde noch weiter nach unten gefahren, und es hieß: „Bitte überstrecken Sie den Kopf noch etwas – ich komme sonst nicht gut heran.“ Und schon lag ich da und konnte die ganze Zeit auf die Wand hinter dem Behandlungsstuhl starren, an der eine Uhr hängt. Quasi kopfüber konnte ich zumindest verfolgen, wie lange die Tortur dauerte (eine Stunde).

Bewegen konnte ich eigentlich nur meine Augen oder meinen Kopf, wenn es hieß: „Den Kopf ein wenig nach rechts drehen. Ja, so!“ Ansonsten hätte ich mich schon gar nicht erst getraut, kleinste Bewegungen zu vollführen – wie schnell ist der Diamantbohrer, auf den mein Zahnarzt besonders stolz zu sein schien, verrutscht und bohrt präzise Löcher ganz woanders hinein, wo man sie beileibe nicht braucht. 😉 Ich fühlte mich wie ein Werkstück, das in einem Schraubstock eingespannt ist.

Diese kopflastige Haltung und die Tatsache, dass es im OP recht warm und ich noch mit einem größeren OP-Tuch abgedeckt war, führten dazu, dass ich zweimal dachte: „Gleich wirst du ohnmächtig.“ Hinzu kam, dass mein Zahnarzt ein Freund naturalistischer Erläuterungen dessen, was er gerade vornimmt, zu sein scheint. So hörte ich: „Mit dem Diamantbohrer haben wir in Ihren Kieferknochen lateral ganz schnell ein Fenster gefräst!“ Oder: „Ich sehe die Kieferhöhle. Jetzt löse ich ganz vorsichtig die Schleimhaut vom Knochen ab, mache eine kleine Tasche, und dann füllen wir über das Fenster das Knochenersatzmaterial ein!“ Aber ohnmächtig zu werden, wäre ja albern gewesen, und ich riss mich zusammen. Viel hat jedoch gefühlt nicht gefehlt. Und es war erst 5 vor 3! (Eigentlich 5 vor halb 10, aber ich sah die Uhr an der Wand hinter mir und alles andere ja quasi auf dem Kopf… 😉)

Allein diese Geräusche, die der Bohrer machte und die Vorstellung, dass dort, wo er tätig wurde, alles recht eng beieinander liegt und sehr feinfühlig vorgegangen werden muss, damit dort nichts unbeabsichtigt reißt, machten mich nervös und ließen mich in einer Art Schockstarre daliegen. Bloß keine falsche Bewegung!

Irgendwann meinte mein Zahnarzt zu mir: „Frau B., was haben Sie denn im Auge? Ist etwa beim Bohren etwas auf Ihr Auge gesprüht?“ – „Honghackhingche!“ gab ich von mir. Mit einem Haken, der den linken Mundwinkel bis ins Universum zieht, zusätzlich einem Speichelsauger im Mund kann man sich nicht so präzise artikulieren. „Kontaktlinse!“ dolmetschte die Stuhlhelferin, und ich nickte leicht und sagte: „Ha.“  Und ich fügte hinzu: „Heie Hauen chräen chon hie hanche Cheit.“ – „Ihre Augen tränen schon die ganze Zeit!“ So die Stuhlhelferin, der ich begeistert zulächelte – perfekt übersetzt! (Ich sage es ja wieder und wieder: Der Fremdsprachenerwerb lohnt immer. Auch dann, wenn man in einem völlig anderen Fachgebiet arbeitet! 😉)  Und ich winkte ab – meine Augen waren hier wahrlich Nebenkriegsschauplätze. Einfach nicht beachten. Weitermachen!

Irgendwann gegen halb 4, ergo 10 Uhr, wurde dann genäht, nachdem die beiden Implantate installiert worden waren. Es waren sehr viele Nähte. Zumindest gefühlt.

Als ich wieder auf meinen zwei Füßen stand („Langsam, Frau B. – nicht überhasten. Nicht, dass Sie uns umkippen.“ Ha! Jetzt umkippen? Nach der Behandlung? Während derselben bestand mehr Anlass zur Sorge! 😉), sagte der Zahnarzt: „Na, sehen Sie – hat doch prima geklappt! Ich hatte bei Ihnen aber auch nichts anderes erwartet – Sie sind immer tough.“ – „Naja, mal ganz im Ernst: Ich hatte ziemliches Muffensausen. Und es war die bisher scheußlichste Behandlung. Das liegt nicht an Ihnen – das liegt eher am Ort, an dem Behandlung notwendig war. Ich hasse es wie die Pest, annähernd kopfüber zu liegen, und das über längere Zeit.“ – „Ja, das ist nicht angenehm. Aber Sie haben sich sehr gut geschlagen, obwohl ich in Ihren Augen zweimal leise Panik wahrnehmen konnte. Aber damit liegen Sie weit unter dem Schnitt.“

Wie? Nur zweimal? Mir war wiederholt danach, mich einfach hochzurappeln und abzuhauen – notfalls mitsamt Haken und Speichelsauger und quasi mit wehendem Schweif. Dann scheine ich doch eine bessere Schauspielerin zu sein, als ich bisher annahm. 😉

Kaum zu Hause, nachdem ich mich von der Apotheke – ein Antibiotikum war der Infektionsprophylaxe wegen dort zu erwerben – durch stürmisches Wetter mit Starkregen und Windböen gekämpft hatte, sank ich auf meine Couch. Endlich Ruhe. Und da machte sich auch die Betäubung langsam vom Acker… Von Ruhe also keine Spur, und seither kühle ich meine leicht angeschwollene linke Wange mit Hingabe und unter großen Schmerzen mit einem Waschlappen. Nehmt nie ein Coolpack aus dem Eisfach – viel zu kalt. So der Tipp meines Zahnarztes. 😉

Ich hatte heute jedenfalls einen richtig schönen Tag, zumal ich mich keineswegs schnäuzen darf. Und just heute läuft meine Nase, als würde sie dafür bezahlt! Anzuraten ist die ganze Prozedur nur bei Notwendigkeit oder für Masochisten.

Und was mich mit Kühen verbindet, mehr als je zuvor? Ganz einfach: Das Knochenersatzmaterial, das mir heute „inseriert“ wurde, stammt – so der Hersteller – aus „ausgewählten und sorgfältig aufbereiteten Rinderknochen“. Das finde ich doch recht sympathisch.

Muh! 😉

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