„Congratulations! You have reached ‚Level 2‘!“

Ich weiß, nicht jeder ist von der „Corona-Impfung“ überzeugt, und es gibt gar Menschen, die diese Impfung konsequent und – nicht in allen Fällen, zum Glück! – unter Zuhilfenahme erstaunlich holzschnittartiger Argumente oder Ähnlichem vehement ablehnen. Aber ich persönlich habe meist mit Menschen zu tun, die sich impfen lassen wollen und trotzdem in der Lage sind, zu hinterfragen. Ich gehöre übrigens auch zur impfwilligen Spezies. 😉 Diejenigen Impfwilligen, die ich kenne, sind zumeist in meiner Alterskohorte und damit zum Warten verdammt. Aber es gibt auch andere.

Gestern – Home-Office-Tag – klingelte es am späten Vormittag annähernd schüchtern an meiner Tür, und als ich öffnete, sah ich zunächst … nichts. Dann schlurfte zu meinem Erstaunen ein alter Herr aus einem der Nachbarhäuser die Treppe bis zu meiner Wohnungstür hoch. Ich rief: „Herr Schmidt! Sagen Sie doch etwas, um Himmels willen! Ich wäre Ihnen doch entgegengekommen, wenn ich gewusst hätte, dass Sie das sind – Sie müssen doch nicht extra nach oben laufen!“  

Herr Schmidt, ein netter alter Herr, sagte ein wenig atemlos: „Ich möchte Sie gar nicht lange stören, Frau B. – ich habe nur eine Frage.“ – „Kommen Sie doch herein.“ – „Nein, so lange möchte ich gar nicht bleiben. Nur eine kurze Frage, dann bin ich wieder weg – ich bin etwas in Eile, weil ich noch einkaufen muss. Ich weiß ja, dass Sie berufstätig sind und im Haus-Office arbeiten, oder wie das heißt. Ich bin da nicht so gewandt.“ Und er lachte ein wenig verlegen.

„Was kann ich denn für Sie tun, Herr Schmidt?“ (Mein Beruf hat meine Kommunikationsformen offenbar so weit verändert, dass ich stets wie eine Kundenberaterin klinge, als die ich an einer Bildungsinstitution ja im Grunde auch tätig bin. 😉) Erst da fiel mir auf, dass ich in einer lässigen Hose – einer Jogginghose nicht unähnlich – dastand, ebenso einem T-Shirt mit einem frotzelnd-anzüglichen Spruch in englischer Sprache auf der vorderen Frontseite. Ooops… 😉 Zum Glück scheint Herr Schmidt der englischen Sprache nicht derart mächtig zu sein, dass sich ihm der Aufdruck zur Gänze erschloss, wie ich mit einer gewissen Erleichterung feststellte… Bis dato kannte er mich ja nur in offizieller Kleidung – wir hatten ja stets nur auf der Straße ein paar unverbindliche Worte gewechselt.

„Frau B. – ich habe Post bekommen. Ich darf jetzt geimpft werden, weil ich ja über 80 bin. Aber als ich die 116117 anrief, hieß es da, ich müsse mich ‚online‘ anmelden. Ich vermute, dass ich das nur machen kann, wenn ich einen Computer habe. Oder?“

Noch bevor ich nickte, war mir klar, warum Herr Schmidt mich aufgesucht hatte. Er wollte mich bitten, das für ihn zu regeln. Und schon sagte er: „Ich habe leider keine Angehörigen. Meine Frau ist vor sieben Jahren gestorben, und Kinder haben wir nicht. Und meine Nachbarn können das selber nicht. Die haben auch keine Ahnung.“ Und er fügte hinzu: „Ich weiß, dass das eine Zumutung ist – aber ich würde Sie dafür entschädigen. Ich weiß, das klingt doof, aber ich möchte nicht, dass Sie Ihre Zeit umsonst opfern.“ Ich holte tief Luft und sagte dann: „Davon will ich nichts wissen, Herr Schmidt. Äh, also von einer Entschädigung! Ich mache das natürlich für Sie – gar keine Frage. Aber nur als Nachbarschaftshilfe und ohne Entschädigung, denn es ist doch selbstverständlich, dass ich Ihnen helfe. Machen Sie sich keinen Kopp – ich mache das gern. Ich vermute nur, dass ich dafür ein paar Daten von Ihnen brauche. Vollständigen Namen, Geburtsdatum und solche Dinge. Den Wohnort kenne ich ja. Aber ich kann sehr gern von meinem PC aus einen Termin für Sie vereinbaren – das mache ich gern für Sie. Sie sind immer so freundlich zu mir, und da ist das doch das Mindeste.“ Und kurze Zeit später hatte ich alle Daten, die erforderlich waren.

„Noch eins, Herr Schmidt: Ich vermute, dass einem da verschiedene Zeitfenster und Termine angeboten werden. Haben Sie irgendwelche Termine, die zu beachten sind? Zum Beispiel beim Arzt oder so? Irgendetwas, das ich beachten müsste – oder kann ich einfach einen Termin auswählen, wie es mir gefällt?“ – „Sie können jeden möglichen Termin nehmen, Frau B. – das hat Vorrang.“ – „Okay, dann machen wir das so. Ich melde mich, sobald ich etwas weiß.“ – „Ich gebe Ihnen hier noch meine Telefonnummer.“ Und so geschah es, nachdem ich ihm noch meine gegeben hatte. („Nur für diesen Fall und für Notfälle, Herr Schmidt!“ – „Ist völlig klar, Frau B. – würde ich doch niemals missbrauchen oder weitergeben!“)

Ich gestehe, dass ich heute quasi ein Schatten meiner selbst bin.  Warum? Nun, es liegt daran, dass ich bisweilen ein wenig „wurschtig“ bin (und einen sehr langen Tag hatte, gestern). „Wurschtig“ in dem Sinne, dass ich freundlich und durchaus aus Überzeugung hilfsbereit sage: „Gar kein Problem!“ Und kurz darauf realisiere ich den vollen Umfang des Grauens… 😉 (Ich würde es trotzdem nie anders machen.)

Und dieser Umfang war immens. Herr Schmidt konnte nichts dafür – was ich mir jedoch im Laufe des gestrigen Tages wieder und wieder vor Augen führen musste, zumal ich Ober- und Unterkiefer derzeit nicht allzu fest aufeinanderpressen darf. 😉 Was half, war, an meinen Vater zu denken, der auch mehr oder minder mittelfristig solche Termine wird machen müssen…  Und natürlich werde ich ihm helfen – vielleicht nicht mehr ganz so wurschtig-ahnungslos. 😉

Denn ich fing sofort eifrig an, um einen Termin zu ersuchen. Herr Schmidt hatte mir den offiziellen Brief mitsamt URL dagelassen, die zu nutzen wäre, wenn man einen Termin vereinbaren wolle.

Der Erstversuch offenbarte, dass ich die Wahl zwischen den Optionen „Nordrhein“ und „Westfalen-Lippe“ hatte. Letzteres fand ich irreführend. „Westfalen-Lippe“ ist ein feststehender Begriff und umfasst eine bestimmte Region im Bereich Westfalen. Da „Nordrhein“ aber nicht stimmen konnte – in Essen oder Oberhausen sähe das ganz anders aus -, wählte ich „Westfalen-Lippe“. Ergebnis: „Onlinebuchungen sind derzeit nicht möglich. Wir bitten, den Umstand zu entschuldigen und bemühen uns um Behebung dieses Zustandes und eine rasche Buchungsmöglichkeit.“

Nachdem ich geschätzte vier Male diesen Text hatte lesen müssen, wählte ich flinken Fingers die Option „Nordrhein“. Vielleicht hatte ich bis dato ja falsch gelegen, denn hier im „Pott“ liegt ja alles so dicht beieinander, und die Grenzen sind fließend. Ich hoffte es zumindest. Aber: Ich lag falsch in der Hoffnung, falsch gelegen zu haben, denn ein Fenster poppte auf, das mir sehr streng mitteilte: „Die von Ihnen eingegebene Postleitzahl ist dem Bereich Nordrhein NICHT zugehörig!“ O Gott! Gegen die Gottesordnung verstoßen – ich zuckte annähernd zusammen! Rheinland versus Westfalen – wie konnte ich nur! 😉 (Zugegeben: Ich bin da immer ein wenig zwiegespalten, denn ich bin, in der Region „Nordrhein“ zur Welt gekommen, strenggenommen Rheinländerin. Seit ich im Rheinland viele Jahre lebte, verschweige ich diesen Umstand gern. 😉)

Den restlichen Tag verbrachte ich in einem Zustand stets wechselnder Gemütsverfassungen: Zunächst hatte ich mich gefreut, als am frühen Nachmittag statt „Westfalen-Lippe“ und „Nordrhein“ endlich alle verfügbaren Impfzentren in dem Dropdown-Menü erschienen, und ich klickte bei jedem neuerlichen Versuch – es waren deren viele erforderlich – immer das zuständige an, gab dann an, dass Anspruch auf Impfung bestände. Zunächst geschah jeweils nur Folgendes: Der Server kollabierte… Nach ungezählten Versuchen dann durfte ich endlich etwas anfordern, das sich „Vermittlungscode“ nennt, und ich ließ mir diesen auf mein Smartphone schicken. Dieser „Vermittlungscode“ – so darf nicht unterschlagen werden – ist nur 10 Minuten gültig; dann verfällt er.

To cut a long story short: Es gelang mir problemlos, den Code einzutippen, und wann immer – es gab verschiedenste Versuche – ich bestätigte, rödelte der PC, als würde er dafür bezahlt. Ergebnis: „Es ist ein unerwarteter Fehler aufgetreten.“ Der erste Code war rasch dahin…

Ich forderte je noch einen zweiten und dritten Code an, notwendigerweise. Ich habe die Male nicht gezählt, aber man teilte mir wiederholt mit, es sei ein unerwarteter Fehler aufgetreten. So oft, dass der Fehler gar nicht mehr unerwartet auftrat, sondern ich mich gewundert hätte, wäre er nicht aufgetreten. 😉

Leider gehört Geduld nicht zu meinen Stärken. Höchstens dann, wenn ich jemandem etwas beibringen möchte, was dieser wirklich lernen möchte. Das war hier jedoch nicht der Fall, und am späten Nachmittag hatte ich das Gefühl, über Gebühr rasch zu altern. Nein – zu verfallen! Ich spürte förmlich, wie meine Haare ergrauten, meine Muskeln schrumpften und meine Haut immer faltiger wurde. Und verformten sich meine durchaus wohlgeformten Hände nicht inzwischen zu Klauen? 😉 Wenn es so weiterginge, würde ich am nächsten Morgen völlig verhutzelt und tot auf meinem Schreibtischstuhl kauern. Hatte ich eigentlich morgens den Blutdrucksenker eingenommen? Gefühlt war mein Blutdruck ziemlich hoch…

Ich hätte es ja eigentlich lassen können – es schien unmöglich, einen Termin zu vereinbaren. Aber so etwas kann ich nicht, wenn ich etwas versprochen habe. Und ich versuchte es so lange, bis gar nichts mehr ging. Das war gegen 18:34 h. Ich klappte das Laptop zu und beschloss, jenseits 0 Uhr den nächsten Versuch zu starten.

Und ich blieb wach. Und um kurz nach 1 Uhr hatte ich nicht nur Erst-, sondern auch Zweit-Impftermin für Herrn Schmidt vereinbart – beim Zweittermin hakte es auch mehrfach. Natürlich stets zum Wochenanfang oder in der Wochenmitte, und das vormittags, da ich mir dachte, dass das so besser sei, falls er die Impfung nicht so gut vertragen sollte – zu Anfang der Woche oder in deren Mitte sind Ärzte besser zu erreichen, und man kann vielleicht auf den Rettungsdienst als erste oder einzige Wahl verzichten.

Ich notierte beide Zulassungscodes, die ich heute in Herrn Schmidts Briefkasten geworfen habe, mit einem netten Begleitschreiben. Und heute Nachmittag rief er mich an, und als er sich meldete, dachte ich einen kurzen Moment lang: „Wie reagierst du, wenn er sagt, dass die Termine oder einer davon nicht passen? Drehst du dann durch?“ (Die Frage war angesichts des gestrigen Horrors nicht unberechtigt.) Aber unnötig, denn er freute sich und rief ein ums andere Mal: „Liebe Frau B. – ich bin Ihnen so dankbar! Wie kann ich Ihnen das nur danken?“

Glücklicherweise rief er das so oft, dass mir eine Antwort einfiel, bevor er sie erwartete, und so sagte ich: „Indem Sie die Impfung ganz toll vertragen und gesund bleiben!“ Ich habe ihm natürlich nicht erzählt, dass ich mir die halbe Nacht um die Ohren geschlagen habe und heute während der Büroschicht ziemlich bleich aus der Wäsche blickte. So bleich, dass mein Zahnarzt, zu dem ich noch musste, um mir die Fäden ziehen zu lassen, die aus meiner letztwöchigen OP resultierten und sich inzwischen wie eine Art Häkelpulli um das betroffene Gebiet woben, so sehr hatten sie sich bereits gelockert, meinte: „Frau B., Sie wirken ein wenig angegriffen. Ich hoffe, das liegt nicht an der OP und dem Fädenziehen – Sie wissen doch, dass das alles halb so wild ist.“ – „Nein, keine Sorge. Daran liegt es nicht. Ich habe nur gestern den halben Tag und bis in die Nacht hinein versucht, einen Corona-Impftermin zu vereinbaren. Das zehrt gewaltig, und nicht nur hinsichtlich Geduld.“ – „Ja, aber… Sie sind doch noch gar nicht dran! Sie sind doch viel zu jung!“

Danke! 😊

Als ich nach Hause kam, traf ich Herrn Schmidt, als ich gerade vom Garagenhof kam. Er schüttelte meine Hände, bedankte sich wiederholt und meinte: „Meine Nachbarn haben mich schon gefragt, wie ich das angestellt hätte! Aber ich habe Sie natürlich nicht verraten – einmal reicht sicher. Denn ich habe heute in der Zeitung gelesen, wie schwierig das sei.“ – „Ja, in der Tat. Nett, dass Sie mich nicht verraten.“ – „Das würde ich niemals tun. Aber ich bin Ihnen sehr dankbar.“ – „Ich habe es gern getan.“

Hoffentlich hält er Wort! Das mache ich nur noch für sehr nahe Verwandte! 😉

„Ich will Kühe!“ Oder: Ein Königreich für normales Naseputzen! 😉

„Ich will Kühe!“ war eine Art Werbeslogan eines Reiseveranstalters vor diversen Jahren. Eine Familie will in den Urlaub reisen, und die Eltern wollen Meer, Sandstrand und dazu passende Aspekte. Da schreit aus dem Hintergrund ein Kind ganz rotzig: „Ich will Kühe!“ Das war damals originell und nett.

Ich mag Kühe auch, und in meinem letzten Urlaub war ich mit den zumeist – nicht immer – freundlichen Tieren, die gern alles abschlecken, was ihnen in die Quere kommt und die weitaus intelligenter sind, als Unerfahrene annehmen, stark konfrontiert.

Und seit heute bin ich diesen großäugigen Lebewesen mit Flotzmaul und langen Wimpern noch verbundener als zuvor schon. 😉 Nein, ich habe mir keine Kuh gekauft, und ich habe heute auch kein Rindfleisch gegessen – dafür am letzten Sonntag Tafelspitz mit Krensauce. Ganz anders ist die bovine Verbindung mit mir zustande gekommen. 😉

Denn ich hatte ja heute um 9 eine kieferchirurgische Behandlung der besonders angenehmen Art: Externer Sinuslift mit simultaner Implantation. Sinus klingt irgendwie unangenehm nach Mathematik, genauer: nach Trigonometrie. Gemeint ist aber die Kieferhöhle – die heißt genauso, und der Umgang mit ihr kann genauso unangenehm sein wie der Umgang mit der gleichnamigen trigonometrischen Funktion. Zumindest für „Mathegenies“ wie mich. 😉

Um 9 klingelte ich, angetan mit einer FFP2-Maske, zitternden Fingers am Eingang des Hauses, in dessen erstem Stock sich die Praxis des Zahnarztes meines Vertrauens befindet, und nachdem mir aufgetan worden war, schleppte ich mich mit leise zitternden Knien in die erste Etage. Der große Vorteil an meinem Zahnarzt ist, dass er wirklich sehr gut und gleichzeitig Oralchirurg ist, so dass man nicht noch zu einem Kieferchirurgen muss, wenn der herkömmliche Zahnarzt nicht weiterkommt. Anhand dieser Zusatzausbildung habe ich meinen Zahnarzt anno 2008 auch ausgewählt, nachdem ich kurz zuvor eine grauenhafte Behandlung bei einem Kieferchirurgen hinter mich gebracht hatte, zu dem mein damaliger Zahnarzt im Nachbarort mich geschickt hatte.

Trotz allem graute mir heute doch sehr: Ich bin – passiv, also quasi als „Opfer“ – sehr erfahren in dentalmedizinischen Behandlungen, auch kieferchirurgischen, aber was mir heute bevorstand, war ein absolutes Novum für mich. Externer Sinuslift – also Anhebung der Kieferhöhle mit einer sogenannten „Fensterung“ und Auffüllung mit Knochenersatzmaterial. Bei mir an den Zähnen 2-6 und 2-7. Also im Backenzahnbereich des linken Oberkiefers.

Man führte mich nach meiner zögerlichen Ankunft und den Präliminarien in den gelben „Salon“, ergo den OP, wo schon interessante Instrumente aufgebaut waren, die ich eher in der Veterinärmedizin vermutet hätte. Zumindest sahen sie so aus. Einige waren auch abgedeckt – die machten sicherlich einen noch monströseren Eindruck als das, was da gut sichtbar lag. Aber es irritierte mich nicht über Gebühr – rasch hatte ich das Instrumentarium quasi gescannt und keine Abformlöffel gesehen. Also alles einigermaßen im grünen Bereich. 😉

Und schon ging es los: „Frau B. – wie geht es Ihnen?“ – „Ehrlich gesagt: nicht so gut.“ – „Ach, keine Sorge, das machen wir ratz-fatz. Ich gebe Ihnen erst einmal eine kleine Spritze.“ Und schon fuhr man den Behandlungsstuhl in eine extreme Schieflage, und ich hing stark kopflastig da. „Schön weit aufmachen.“ Und schon bekam ich zur Rechten wie zur Linken des zu behandelnden Areals je eine Injektion. Sehr angenehm besonders von der Innenseite, also vom Gaumen her. Ich wäre am liebsten wieder nach Hause gegangen. Mir reichte es da schon. 😉

Recht schnell ging es los. Ich wurde noch weiter nach unten gefahren, und es hieß: „Bitte überstrecken Sie den Kopf noch etwas – ich komme sonst nicht gut heran.“ Und schon lag ich da und konnte die ganze Zeit auf die Wand hinter dem Behandlungsstuhl starren, an der eine Uhr hängt. Quasi kopfüber konnte ich zumindest verfolgen, wie lange die Tortur dauerte (eine Stunde).

Bewegen konnte ich eigentlich nur meine Augen oder meinen Kopf, wenn es hieß: „Den Kopf ein wenig nach rechts drehen. Ja, so!“ Ansonsten hätte ich mich schon gar nicht erst getraut, kleinste Bewegungen zu vollführen – wie schnell ist der Diamantbohrer, auf den mein Zahnarzt besonders stolz zu sein schien, verrutscht und bohrt präzise Löcher ganz woanders hinein, wo man sie beileibe nicht braucht. 😉 Ich fühlte mich wie ein Werkstück, das in einem Schraubstock eingespannt ist.

Diese kopflastige Haltung und die Tatsache, dass es im OP recht warm und ich noch mit einem größeren OP-Tuch abgedeckt war, führten dazu, dass ich zweimal dachte: „Gleich wirst du ohnmächtig.“ Hinzu kam, dass mein Zahnarzt ein Freund naturalistischer Erläuterungen dessen, was er gerade vornimmt, zu sein scheint. So hörte ich: „Mit dem Diamantbohrer haben wir in Ihren Kieferknochen lateral ganz schnell ein Fenster gefräst!“ Oder: „Ich sehe die Kieferhöhle. Jetzt löse ich ganz vorsichtig die Schleimhaut vom Knochen ab, mache eine kleine Tasche, und dann füllen wir über das Fenster das Knochenersatzmaterial ein!“ Aber ohnmächtig zu werden, wäre ja albern gewesen, und ich riss mich zusammen. Viel hat jedoch gefühlt nicht gefehlt. Und es war erst 5 vor 3! (Eigentlich 5 vor halb 10, aber ich sah die Uhr an der Wand hinter mir und alles andere ja quasi auf dem Kopf… 😉)

Allein diese Geräusche, die der Bohrer machte und die Vorstellung, dass dort, wo er tätig wurde, alles recht eng beieinander liegt und sehr feinfühlig vorgegangen werden muss, damit dort nichts unbeabsichtigt reißt, machten mich nervös und ließen mich in einer Art Schockstarre daliegen. Bloß keine falsche Bewegung!

Irgendwann meinte mein Zahnarzt zu mir: „Frau B., was haben Sie denn im Auge? Ist etwa beim Bohren etwas auf Ihr Auge gesprüht?“ – „Honghackhinche!“ gab ich von mir. Mit einem Haken, der den linken Mundwinkel bis ins Universum zieht, zusätzlich einem Speichelsauger im Mund kann man sich nicht so präzise artikulieren. „Kontaktlinse!“ dolmetschte die Stuhlhelferin, und ich nickte leicht und sagte: „Ha.“  Und ich fügte hinzu: „Heie Hauen chräen chon hie hanche Cheit.“ – „Ihre Augen tränen schon die ganze Zeit!“ So die Stuhlhelferin, der ich begeistert zulächelte – perfekt übersetzt! (Ich sage es ja wieder und wieder: Der Fremdsprachenerwerb lohnt immer. Auch dann, wenn man in einem völlig anderen Fachgebiet arbeitet! 😉)  Und ich winkte ab – meine Augen waren hier wahrlich Nebenkriegsschauplätze. Einfach nicht beachten. Weitermachen!

Irgendwann gegen halb 4, ergo 10 Uhr, wurde dann genäht, nachdem die beiden Implantate installiert worden waren. Es waren sehr viele Nähte. Zumindest gefühlt.

Als ich wieder auf meinen zwei Füßen stand („Langsam, Frau B. – nicht überhasten. Nicht, dass Sie uns umkippen.“ Ha! Jetzt umkippen? Nach der Behandlung? Während derselben bestand mehr Anlass zur Sorge! 😉), sagte der Zahnarzt: „Na, sehen Sie – hat doch prima geklappt! Ich hatte bei Ihnen aber auch nichts anderes erwartet – Sie sind immer tough.“ – „Naja, mal ganz im Ernst: Ich hatte ziemliches Muffensausen. Und es war die bisher scheußlichste Behandlung. Das liegt nicht an Ihnen – das liegt eher am Ort, an dem Behandlung notwendig war. Ich hasse es wie die Pest, annähernd kopfüber zu liegen, und das über längere Zeit.“ – „Ja, das ist nicht angenehm. Aber Sie haben sich sehr gut geschlagen, obwohl ich in Ihren Augen zweimal leise Panik wahrnehmen konnte. Aber damit liegen Sie weit unter dem Schnitt.“

Wie? Nur zweimal? Mir war wiederholt danach, mich einfach hochzurappeln und abzuhauen – notfalls mitsamt Haken und Speichelsauger und quasi mit wehendem Schweif. Dann scheine ich doch eine bessere Schauspielerin zu sein, als ich bisher annahm. 😉

Kaum zu Hause, nachdem ich mich von der Apotheke – ein Antibiotikum war der Infektionsprophylaxe wegen dort zu erwerben – durch stürmisches Wetter mit Starkregen und Windböen gekämpft hatte, sank ich auf meine Couch. Endlich Ruhe. Und da machte sich auch die Betäubung langsam vom Acker… Von Ruhe also keine Spur, und seither kühle ich meine leicht angeschwollene linke Wange mit Hingabe und unter großen Schmerzen mit einem Waschlappen. Nehmt nie ein Coolpack aus dem Eisfach – viel zu kalt. So der Tipp meines Zahnarztes. 😉

Ich hatte heute jedenfalls einen richtig schönen Tag, zumal ich mich keineswegs schnäuzen darf. Und just heute läuft meine Nase, als würde sie dafür bezahlt! Anzuraten ist die ganze Prozedur nur bei Notwendigkeit oder für Masochisten.

Und was mich mit Kühen verbindet, mehr als je zuvor? Ganz einfach: Das Knochenersatzmaterial, das mir heute „inseriert“ wurde, stammt – so der Hersteller – aus „ausgewählten und sorgfältig aufbereiteten Rinderknochen“. Das finde ich doch recht sympathisch.

Muh! 😉

„Kein Schwein ruft mich an…“ ;-)

Ich weiß schon jetzt, dass ich in der kommenden Nacht kein Auge zutun werde. Denn morgen um 9 wartet das Grauen auf mich.

Morgen früh um 9 werde ich mit sicherlich angstgeweiteten Pupillen auf dem Behandlungsstuhl im von mir meistgehassten Behandlungsraum meines Zahnarztes liegen und mir wünschen, man möge mir nur einen bis drei Zähne ziehen wollen. Oder mich einfach k.o. schlagen, bevor die Behandlung überhaupt einsetzt.

Morgen steht der Sinuslift mit Knochenaufbau an. Besonders splatteraffinen Menschen rate ich dringend dazu, diesbezüglich zu googeln, was ich hartnäckig bis dato vermieden hatte – es erstaunt mich jetzt noch! Denn ich wusste ja seit Anfang Dezember von meinem morgigen Termin und habe seither stets vermieden, externer Sinuslift oder Knochenaufbau Oberkiefer zu googeln. Ich war richtig stolz auf mich!

Nur gestern habe ich massiv geschwächelt, und seitdem geht es mir gar nicht gut. Da stand zu lesen und zu lernen – und das mit Fotos, blutigen Fotos! -, wie solch ein externer Sinuslift vonstattengehe. Seitdem schießen mir jammervolle Exklamationen wie: „O Gott!“ oder: „O Gott, wieso du!“ in relativ hoher Frequenz durch den Kopf.

Und als ich heute am frühen Nachmittag mit einer guten Bekannten, die Ärztin und auch sonst völlig unerschrocken ist, völlig unabhängige WhatsApp-Nachrichten austauschte, bis mir wieder einfiel, was mir morgen bevorstünde und ich dies anmerkte und darauf eine Nachricht bekam, die besagte: „O Gott, arme Ali! Ich habe großes Mitleid mit dir, aber ich weiß: Du schaffst das!“, wurde mir so richtig angst und bange. Warum schrieb Heide so etwas, statt zu schreiben: „Alles halb so wild, Ali! Das machst du locker auf der linken Arschbacke! Das ist gar nicht schlimm…“?  Dabei weiß ich doch, dass sie es total nett und aufmunternd meinte. Nur saß ich nach dem Lesen ihrer entsprechenden Nachricht völlig erstarrt und wie schockgefrostet da. Sie ist Ärztin und reagiert so – es muss noch schlimmer sein, als ich ohnehin befürchte!

Ich muss leider zugeben, dass ich heute den ganzen Tag im Büro zwar sehr fleißig war, ebenso fleißig jedoch auf einen Anruf wartete, so doof das auch klingen mag. Genauer: Ich wartete auf einen Anruf meines Zahnarztes, der in etwa so lautete: „Frau B., es tut uns unendlich leid – aber wir hatten einen Wasserrohrbruch in der Praxis, und alles ist überschwemmt. Leider müssen wir Ihren Termin verschieben.“ Oder: „Liebe Frau B., Sie wissen ja, wie das in Corona-Zeiten ist… Wir hatten leider einen Patienten, der mit Symptomen ankam, und nun sind wir alle in Quarantäne. Wir müssen leider Ihren für morgen geplanten Termin verschieben.“ 😉

Nichts Derartiges trat ein, dafür gegen 18 Uhr die Putzfrau in mein Büro. Sie rief: „Ah! Immer noch hier!“ und kniff mir ein Auge zu, wie sie es immer tut. Die Putzfrau und ich verstehen einander prima und unterhalten uns öfter. Sie ist Russin, kommt aus Kasachstan und war früher Mathematiklehrerin. Einer der nettesten Menschen, die ich je kennengelernt habe.

Als sie mir vor etwa zwei Jahren erzählte, was ihr eigentlicher Beruf sei, starrte ich sie entsetzt an, obwohl mir klar ist, dass Schicksale wie ihres nicht so ungewöhnlich sind, was ich erschreckend und traurig finde. Wir hatten danach ein sehr langes Gespräch, und ich fand ihre fröhliche und positive Art klasse, als sie sagte, es sei ihr um ihre Kinder gegangen, die noch klein gewesen seien, als sie nach Deutschland kam. Sie sollten es besser haben und hätten beide auch eine sehr gute Schulbildung – ihre Tochter studiere inzwischen, und das sei ihr wichtig gewesen. Ich sagte ihr damals, dass sie einer der coolsten Menschen sei, die ich je getroffen hätte, und da lachte sie und meinte: „Und Sie einer der nettesten, die ich in Deutschland je getroffen habe. Viele unterhalten sich nicht mit mir, weil ich die Putzfrau bin.“ – „Sie sind Mathematiklehrerin! Und das bleiben Sie auch für mich, der vor Mathematik immer graute. Und im Übrigen ist völlig wurscht, wer was arbeitet – Hauptsache, das Herz sitzt am richtigen Fleck. Obwohl Sie hier völlig unterbewertet sind.“ – „Bin ich zufrieden, wenn Kinder glücklich.“ Das fand ich berührend.

Seit diesem ersten Gespräch unterhalten wir uns oft, und heute war es besonders tröstlich, als sie mit ihrem typischen Spruch hereinkam: „Immer noch hier! So spät!“ – „Ich komme ja auch immer relativ spät. Aber die nächsten Tage komme ich gar nicht, weil ich dann wohl krankgeschrieben sein werde.“ – „Oh, warum?“ Und da erzählte ich ihr, was mir morgen bevorstünde, und lachend erzählte ich ihr, dass ich im Grunde den ganzen Tag auf den „Wasserrohrbruch“- bzw. „Quarantäne“-Anruf gewartet hätte, zumindest unterschwellig, weil mir so sehr vor dem morgigen Eingriff graue.

Da lachte und sagte sie: „Ist nicht schön, wirklich nicht. Aber halb so wild, denn ich drücke Daumen. Ist schnell vorbei, nicht lange nachdenken.“

Und da lachte ich auch und meinte: „Wir sehen uns dann hoffentlich nächste Woche.“ – „Ganz bestimmt. Ganz ehrlich: Würde mir genauso gehen wie Ihnen – aber geht schnell vorbei!“ – „Danke! Ganz ehrlich: Ich frage mich manchmal, was ich ohne Sie machen würde. Sie haben immer ein nettes Wort.“ – „Ist gar nicht schwer. Sie haben auch immer nettes Wort und hören immer zu. Freue ich mich immer, wenn ich hierherkomme.“  

Mir graut noch immer vor morgen, aber ich weiß, dass ein sehr netter Mensch mir die Daumen drücken wird. 😊

Drückt mir bitte auch die Daumen. 😉 9 Uhr. 😉