Weihnachtsgeschenke, die Zweite

Es gibt Menschen, die freuen sich über jedwedes Geschenk mit gleichbleibendem Gesichtsausdruck und in ewig gleicher Attitüde – egal, was es ist. Es gibt Menschen, die freuen sich über jedwedes Geschenk mit ganz unterschiedlichen Gesichtsausdrücken und in unterschiedlicher Attitüde – nicht ganz egal, was es ist. Und es gibt Menschen, denen man gar nichts schenken mag, nachdem sie einmalig geäußert haben, dass jedwedes Geschenk, das ihnen nicht gefalle, exakt so behandelt werde: „Mülltonne auf, Geschenk hinein, Mülltonne zu!“ Nee, wirklich nicht – so etwas mag ich nicht, und ich habe weder eine weissagende Kristallkugel, noch kann ich sonstwie Gedanken lesen. Dann lieber einen unverbindlichen Anruf oder eine Karte getätigt, wenn zu befürchten steht, dass der oder die Beschenkte unter Umständen seine Mülltonne auf- und nach nur geringfügiger Zwischenaktion wieder zuklappt. Auch ich fand Geschenke an mich schon nicht ganz so gelungen, aber ich hätte niemals übers Herz gebracht, derart burschikos zu handeln. Im Leben nicht.

Ich habe ja leider keine Kinder, aber ich finde liebenswert, wie Eltern auf Geschenke ihrer noch kleinen Kinder reagieren, obwohl die unter Umständen nicht ganz mit dem konform gehen, was die Eltern schön, hübsch oder ansprechend finden. Die Kinder bemühen sich doch so! 😊

Durch ein Gespräch mit betroffenen Elternteilen angefixt, machte ich mir Gedanken darüber, mit was meine Schwester Stephie und ich meine Eltern denn so beglückt hatten…

Zuallererst fiel mir ein, wie ich meiner Mutter als noch ziemlich kleines Kind mal etwas geschenkt hatte, an dem mein Herz hing. Keine Ahnung, wie alt ich da war. Auf alle Fälle noch ziemlich klein, und ich sammelte damals kleine Kunststofftiere. An einem hing ich besonders: Ich gestehe, ich hatte es weder gekauft, noch geschenkt bekommen, sondern irgendwo auf der Straße gefunden, aber ganz liebevoll mit Seife und warmem Wasser abgewaschen, nachdem ich es gefunden hatte: Es sollte wohl einen Kolibri darstellen, und der vorherige kleine Besitzer hatte auf dem langen Schnabel des verblassten Tieres massiv herumgekaut. Lange vor dem Geburtstag meiner Mutter hatte ich es aufgelesen und grundgereinigt. Und da das gefundene Tier so armselig aussah, wuchs es mir besonders ans Herz – der arme, kleine (völlig unbelebte) Wicht! Er sah so bedauernswert aus, dass ich ihn besonders in mein Herz schloss. Und dann kam der Geburtstag meiner Mutter…

Ich glaube, der angenagte Plastikvogel erfreute ihr Herz nicht so, wie meines blutete, das Tier abzugeben, und das in vertrauenswürdige Hände. 😉 Niemals hätte ich ihn an irgendjemanden abgegeben! 😉 Er sah derart hilfsbedürftig aus, dass ich nur eine Person wusste, die ihn so schätzen würde wie ich – meine Mutter. Ich gab ihn extrem ungern ab. Da war ich aber wirklich noch ziemlich klein (vier Jahre alt 😉 ).

Ein Jahr später – Weihnachten war in nicht allzu weiter Ferne, und Stephie und ich überlegten angestrengt, worüber unsere Eltern sich wohl freuen würden. Stephie war die Organisatorin, ich die Zeichnerin. Einen Bauernhof aus Pappe und Papier beabsichtigten wir, zu erstellen – unsere Eltern würden sich nicht nur wahnsinnig über das sinnvolle Geschenk freuen, sondern auch von allen anderen Eltern beneidet werden! 😉 Auf einer etwa DIN-A2 großen Pappe sollte der vom Grunde her völlig zweidimensionale Bauernhof errichtet werden, und Stephie malte mit Plakafarbe, einer Kasein- bzw. Kasein-Tempera-Farbe, die genauso riecht wie das, woraus sie partiell besteht und die genauere Bezeichnung schon sagt, Weide- und Stall- wie auch Hausfläche eindimensional auf. Man musste das Ganze nach jedem Malvorgang recht lange trocknen lassen, wobei die Papp-Grundlage stets gefährliche Wellen schlug. 😉 Zumindest ich ging während des Herstellungsprozesses stets mit sorgenzerfurchter Stirn zu Bett. Hoffentlich würde die Grundlage des wunderbaren Geschenks standhalten!

Endlich war das „Fundament“ fertig – nun konnte es an die Ausstattung gehen: Kühe, ein oder zwei Pferde, diverse Schweine, Hühner, Enten und Gänse. Und natürlich ein Hund und eine Katze!

Da ich zeichnerisch stets etwas gewandter als Stephie war, war dies mein Part, und so zeichnete ich voller Eifer und als hätte ich einen bezahlten Auftrag nebst Abgabetermin Kühe und andere Tiere mit Filzstift und in den jeweils passenden Farben möglichst so sparsam auf diverse DIN-A4-Blätter Zeichenpapiers, als würde ich Plätzchen aus ausgerolltem Plätzchenteig ausstechen. Unter jedes Tier musste ich ein Rechteck zeichnen, das dann mitsamt der Silhouette des Tieres ausgeschnitten wurde: die Standfläche des jeweiligen Tieres, die, Tisch- oder Platzkarten nicht unähnlich, dann – hier unter den Füßen des jeweiligen Tieres – in relativ spitzem Winkel umgeknickt wurde, auf dass das OEuvre standfähig sei. 😉

Ich zeichnete voller Überzeugung im Akkord. Die Schweine sind mir, glaube ich, besonders gut gelungen – sogar ein Wurf Ferkel war dabei. Meine Kühe waren – aus heutiger Sicht – das, was man im Englischen als poor bezeichnet – allesamt etwas mager, nahezu schwindsüchtig in der Erscheinung, und ihre Hörner sahen eher wie Fühler diverser Insektenarten aus. (Möglich, dass ich damals schon ahnte, dass die Hörner von Kühen Jahre später eine untergeordnete Rolle spielen würden, wobei niemand die zugehörigen Tiere nach ihrer diesbezüglichen Meinung gefragt hat.)

Während des Schaffungsprozesses wurde Stephie plötzlich von Zweifeln angefallen: Würden unsere Eltern sich über dieses mit Blut, Schweiß und Tränen angefertigte zweidimensionale Geschenk überhaupt freuen? Stand Vergleichbares in unserem Zuhause? Würden sie sich so etwas kaufen?

Sie äußerte diese leisen Zweifel laut. Ich protestierte. Nicht nur, dass wir kein Geld hatten, Kernseife zu kaufen, um daraus Tierfiguren zu schnitzen – eine weitere ganz sinnvolle Geschenkidee einer Freundin meiner Schwester, deren Eltern sich sicherlich an Heiligabend sehr über die holzschnittartig angefertigten Kernseifentiere freuten -, nein, ich hatte auch schon unzählige ganz unterschiedliche Tiere, teils mit Fühlern, gezeichnet! Und nun alles wegwerfen, und das ohne jedwede Alternatividee? Zumal man bedenken musste, dass wir auch immer nur nach dem Abendessen und vor dem Schlafengehen akkordartig arbeiten konnten und tagsüber die Gefahr der Entdeckung viel zu groß war? Nein! (Man muss einkalkulieren, dass ich vier Jahre jünger als meine Schwester bin, die damals 9 oder 10 Jahre alt war. 😉)

Der Bauernhof wurde fertiggestellt und schließlich gut versteckt. Stephie jedoch beschloss, im Ausgleich etwas „Erwachseneres“ herzustellen, und so bastelte sie eine Krippe. Zumindest den Stall, denn Krippenfiguren gab es bereits.

Und so bemalte sie das Unterteil eines Schuhkartons – der Deckel wurde nicht benötigt – mit Wasserfarben, genauer: in der Farbe Umbra. Innen wie außen. Aus dem Boden des Schuhkartons schnitt sie mühevoll mit einer Bastelschere ein Rechteck aus und klebte Transparentpapier in Rot von innen über das so entstandene rechteckige Loch. Ebenso mühsam, denn das Ding wollte zunächst nicht halten, klebte sie auch noch einen Stern aus Goldpapier oben an den Schuhkar…, nein, an die Decke der Krippe.

Nachdem alles gut getrocknet war, stellte sie den so entstandenen Stall in unserem damals zu zweit bewohnten Kinderzimmer vor ihrem Bett auf und die bereits vorhandenen Krippenfiguren hinein bzw. davor. Beleuchtete man die Krippe von hinten, sah es richtig schön aus.

Das Tagewerk erledigt, schliefen wir ein: Bauernhof fertig, Krippe fertig – Weihnachten konnte kommen! 😊

Doch es passierte Grauenhaftes: Meine Schwester hatte bisweilen einen etwas unruhigen Schlaf, und so sahen meine Eltern nach, ob alles in Ordnung war, bevor sie sich selber zur Ruhe betteten. Und an dem Tag sah mein Vater nach. Ich glaube, meiner Mutter wäre das nicht passiert, da sie besser wusste, dass wir Dinge öfter an Orten abstellten, wo sie besser nicht gestanden hätten… Lautes Knirschen weckte nicht nur meine Schwester, sondern auch mich auf: Mein Vater war in die Krippe getreten, die vor Stephies Bett stand! Der Stall völlig zerstört – Stephie heulte, ich saß betroffen da und sagte dann: „Die schöne Krippe!“

Stephie und ich stritten sehr häufig, aber da tat sie mir leid. Sie hatte mit solchem Eifer an der Krippe gearbeitet und war so stolz gewesen. Ähnlich stolz wie ich auf meine zweidimensionalen Bauernhoftiere. Und nun war alles dahin!

Mein Vater war auch völlig zerknirscht, und ihm tat es ebenso leid – noch heute sagt er: „Oooch, ja, das tut mir jetzt noch leid!“ Aber zum Glück fand sich noch ein leerer Schuhkarton, und wenn auch kein rotes Transparentpapier mehr vorhanden war, gab es doch immerhin orangefarbenes. Und so sah das Innere der Krippe, wenn man sie rückwärtig beleuchtete, auch nicht mehr aus, als befände sich die Jungfrau Maria mitsamt dem Jesuskind mitten in einem Puff, und das mitsamt Josef, der ohnehin schon irgendwie „gehörnt“ wirkte, bzw. den drei Heiligen Königen, die im Rotlicht ihre Waren, oops, Geschenke feilboten, davor auch noch Zuschauer in Gestalt von Hirten und diversem Getier. So wirkte es doch erheblich strahlender – aber Stephie und ich, denen die Bedeutung von Rotlicht damals noch nicht bewusst war, trauerten dem roten Transparentpapier hinterher. Wieviel schöner hätte das doch ausgesehen! 😉

Aber zumindest konnten wir mit unserem tollen Geschenk aufwarten, nachdem am Heiligen Abend das Glöckchen zur Bescherung geläutet hatte: Mühsam trugen wir unseren Bauernhof ins Wohnzimmer und bauten ihn dort auf – Stephie eher unsicher, ich ganz stolz.

Wenn ich heute daran zurückdenke, glaube ich, dass es um die Mundwinkel meiner Eltern zuckte, als sie das Machwerk sahen: Speziell bei den befühlerten Kühen zuckte es. Und Sekundenbruchteile herrschte Schweigen, was ich – ahnungslos, da noch klein – für atemlose Bewunderung hielt. Heute vermute ich, dass meine Eltern große Mühe hatten, die mit Gewalt hervorbrechen wollenden Lachanfälle zu unterdrücken, bis mein Vater schließlich sagte: „Och, sieh mal, Kathrin, die kleinen Schweinchen! Die sind ja niedlich, und so schön gezeichnet. Alilein, warst du das?“ – „Ja!“ rief ich stolz und ahnungslos, und ich verwies auch auf die viel schwieriger zu zeichnenden Kühe, die überdies allesamt recht große Euter hatten, ohne dass auch nur ein einziges Kalb in der Nähe zu sehen war (zu zeichnen vergessen – aber vermutlich waren die Kälbchen bei Ersatznahrung in das papierne Kuhstall-Gebäude gesperrt…). Meine Mutter, unfähig, ein Wort zu sagen, aber mit freudiger Attitüde, hielt sich eine Hand vors Gesicht, während mein Vater eine der Kühe hochnahm, die Standfläche mit zuckendem Antlitz betrachtete und sagte: „Das habt ihr aber schön durchdacht – die Tiere müssen ja auch stehen können. Sehr schön! Wo ist denn der Bauer? Und die Bäuerin?“

Oh! An die hatte ich gar nicht gedacht – ich hatte damals nur Tiere im Kopf. Immerhin hatte ich daran gedacht, einen Melkeimer zu zeichnen, in Rot und selbstredend auch mit einer – hier: quadratischen – Standfläche versehen. Keine Ahnung, wer die Kühe melken sollte – ich war wohl schon immer etwas wurschtig in der Ausführung. Aber daran hätte mich Stephie ja auch wirklich erinnern können!

Ich erinnere mich jedoch, dass meine Eltern dieses sehr nützliche Geschenk dennoch lange aufbewahrt haben und dass es über die Jahre immer wieder für gute Laune sorgte. Meine Mutter und ich lachen noch heute darüber, und sie sagt immer: „Was für eine Arbeit ihr euch gemacht habt!“ Und ich sage dann immer: „Ja, allerdings – und nützlich war es obendrein!“

Und dann lachen wir immer. 😊

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