Weihnachtsgeschenke

Dieses Jahr läuft Weihnachten anders als sonst. Denn ich habe inzwischen alle Geschenke parat – naja, mal abgesehen von einem Geschenk für eine Kollegin, die keines von mir erwartet. Und einem Nachtrag zum Geschenk für meinen Vater.

Dass sich die meisten Geschenke bereits verpackt auf dem Esszimmertisch befinden, liegt wohl nur daran, dass ich sie alle online bestellt habe. Was mich wirklich erstaunt, ist die Tatsache, dass sie binnen kürzester Zeit nicht nur versandt, sondern auch ausgeliefert waren. Wäre morgen Heiligabend, könnte ich völlig unbesorgt zu meinem Elternhaus fahren und hätte doch – fast – alle Geschenke dabei. Das ist mir in der Prä-Corona-Ära noch nie so gelungen. 😉

Das Geschenk für meine Schwester fehlt noch, aber das wird sicherlich am Montag bei meinem Arbeitgeber ankommen (hoffe ich zumindest). Und dass ich heute noch zwei Bücher bei einem weltbekannten Versandhandel nachbestellte, lag nur daran, dass ich erst gestern bzw. heute dazu angeregt wurde.

Denn mein Vater kennt The Great Gatsby nur vom Hörensagen – unglaublich! (Zumindest aus meiner Perspektive. 😉 ) Einer meiner Lieblingsromane aus den Roaring Twenties. Gehört zur Weltliteratur und zementierte meine seit früher Jugend vorhandene Begeisterung für diese Ära nur noch, obwohl er auf allzu emotionale Leser deprimierend wirken mag. Man sollte mit einer gewissen Distanz lesen und das Ganze realistisch sehen – oder zumindest stresserprobt sein und auch schwierige Zeiten wegstecken können. Die Zwanziger des letzten Jahrhunderts waren wohl nicht die einfachsten Jahre – die des jetzigen sind es offenbar auch nicht, wenn auch anders. 😉 (Nur war man in den Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts offenbar weniger kompliziert und „verspannt“ – aber vielleicht scheint es auch nur so, denn da gab es ganz furchtbare Schicksale. Schlimmere als heute in Corona-Zeiten, obwohl sich nicht wenige Menschen hundert Jahre später gebärden, als sei derart Schlimmes noch nie auf die Menschheit eingeprasselt. Ich sage dazu nichts mehr – ich habe resigniert, seitdem mir definitiv klar geworden ist, dass die rationalsten Argumente bei manchen Menschen einfach nicht verfangen, da es ihnen schon an schlichtester Ratio zu gebrechen scheint.)

Ich bin seit früher Jugend ein Fan der Zwanziger des letzten Jahrhunderts, und ich habe zum Thema viel gelesen. Die Hintergründe sind mir bekannt, ebenso, dass diese Ära nicht die freudvollste gewesen sei, aber irgendwie hat das meinem „fandom“ keinen Abbruch geleistet. Und dabei geht es nicht nur um Mode – beileibe nicht. Für mich waren die Roaring Twenties immer irgendwie wegweisend, speziell emanzipatorisch. Ich wäre sicherlich ein hervorragender Flapper gewesen, der auf der Straße geraucht hätte, natürlich mit einer langen Zigarettenspitze. Aufmüpfig? Mitten in der Prohibition ins Speakeasy? Auch kein Problem. 😉

Und so war ich im Englisch-LK sehr begeistert von The Great Gatsby, auch wenn der Roman ein eher bedrückendes Bild zeichnet und böse und desillusionierend endet. Und mein Vater hat ihn bis dato nie gelesen – aber zumindest bekommt er ihn geschenkt. 😉 Neben einem Tischkalender mit wunderschönen Fotos und „Andersens Märchen“, die er als Kind immer erschreckend traurig fand, bekommt er nun auch noch den Großen Gatsby geschenkt. Mein Vater ist sehr belesen, aber diese Lektüre fehlt eindeutig, zumal er mich heute fragte, worum es in dem Roman eigentlich gehe. Ich erklärte es ihm und beschloss simultan: „Okay, eine kleine Erweiterung der Geschenke erfolgt bald.“ Immerhin hat er mir als Jugendlicher auch die gesammelten Werke Wilhelm Raabes geschenkt. Wenn er also F. Scott Fitzgerald nicht liest, kann ich es ihm nicht einmal übelnehmen. 😉
Kaum von meinem allwöchentlichen Ausflug zu meinem Elternhaus zurückgekehrt, bestellte ich für ihn den Roman auf Deutsch und für eine liebe Kollegin auf Englisch, mit der ich kürzlich auch darüber gesprochen hatte und die mir sagte, sie kenne das Thema nur vom Film mit di Caprios Leo. 😉

Nix gegen den Leo – ich mag den Schauspieler. Ich mag aber diese Verfilmung nicht, da sie mir völlig exaltiert erscheint, völlig überzogen, als würde mit dem Baseballschläger auch den Letzten noch eingehämmert werden, worum es gehe, und das auch noch völlig verzerrt. Völlig übertrieben. Der Roman an sich stellt dar, welche Leere bisweilen geherrscht habe, jedoch in diesem speziellen Falle auch eine übersteigerte, nahezu elisabethanische Idealisierung von Liebe, die einer eklatanten Oberflächlichkeit und Materialismus entgegenstand, und hält der damaligen Gesellschaft den Spiegel vor – das muss man doch nicht mit dem Vorschlaghammer völlig übertrieben darstellen. Es gibt eine Verfilmung aus den Dreißigern und eine von 1974. Letztere liebe ich heiß und innig, da sie der Atmosphäre des Romans am nächsten kommt. Die mit di Caprios Leo ist von den Bildern her toll, aber meinem Empfinden nach für Zuschauer, die einen Holzhammer und krasse Special Effects benötigen, damit der Groschen falle. Mich nervt die übersteigerte Darstellung dieser Verfilmung, die allein effekthaschend ist. Geht also gar nicht, wenn man den Roman kennt und mag, der an vielen Stellen zwar subtil ist, an manchen aber schon brutal genug auf so manches Manko hinweist. Da braucht es wahrlich keinen visuellen Holzhammer.

Ich bin gespannt, ob mein Vater ihn lesen wird. 😉 Ich weiß, er wird zumindest damit anfangen, da ich ihm dieses Geschenk gemacht habe. Gefallen wird er ihm ganz sicher nicht – aber dafür schenke ich ihn ihm auch nicht, sondern weil ich ihn für ein schönes Geschenk halte. Weil ich ihn schätze und hoffe, dass er genauso ankomme. Immerhin habe ich vor einiger Zeit sogar Wilhelm Raabe gelesen, nach so langer Zeit. 😉 Mein Fall ist es nicht, aber ich verstand, was mein Vater mir damit mitteilen wollte. Und dann eben vice versa genauso. Beide Autoren gesellschaftskritisch, wenn auch auf völlig unterschiedliche Weise. Schön, dass mein Vater und ich trotz aller Unterschiede an einem Strang ziehen – Gesellschaftskritik ist wichtig. Und wir beide mögen einander sehr, auch wenn wir verschieden sind. 😉

Weihnachten kann kommen. Zumal ich heute auch noch ein Geschenk für meine Kollegin Kerstin besorgt habe. Besser vor dem „harten“ Lockdown, der uns sicherlich ereilen wird. 😊

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