Weihnachten im Elternhaus

Auf etwa zwei Rädern raste ich mit dem kleinen Monty Heiligabend in die Wohnsiedlung, in der mein Elternhaus steht. Zwar rechtzeitig losgefahren, um „zwischen 4 und halb 5“ dort anzukommen, aber unterwegs wurde ich Opfer von diversen Schleichern und mindestens einem Psychopathen, der auf einer Strecke, da „70“ die empfohlene und Höchstgeschwindigkeit ist, vor mir maximal 50 fuhr und immer dann, wenn ich links ausscherte, um nachzusehen, ob er überholt werden könne, ebenfalls nach links ausscherte, um mir die Sicht zu nehmen. Er fand es wohl lustig. Ich nicht, denn ich war durchaus in Eile, und ich kenne den Steven-Spielberg-Einsteigerfilm Duell oder Duel (auf Englisch). Er beschleunigte erst, als er in einer Stichstraße einen Polizeiwagen stehen sah. 😉 (Zugegeben: Ich kenne die Situation auf just dieser Strecke eigentlich umgekehrt, aber so war es doch mal nett. 😉 )

Meine Mutter hatte angekündigt, um 5 mit dem Kochen zu beginnen, und doch war man erstaunt, als ich mit hängender Zunge im Elternhaus ankam. Ich schleppte mein Gepäck in mein altes Kinderzimmer, noch immer bestückt mit flammroten IKEA-Schränken und -Kommoden, die interessanterweise nach Jahrzehnten noch den gleichen Geruch verströmen wie bei ihrer Anschaffung. 😉 Ich liebe mein ehemaliges Kinderzimmer – möglich, dass es auch mit dem Geruch zu tun hat. Und mit der Tatsache, dass ich bei seiner Anschaffung Rot als meine Lieblingsfarbe deklariert hatte. 😉

Es gab schlesische Weißwürste gebraten mit Stampfkartoffeln und Feldsalat. Die besten Würste, die ich je gebraten gegessen hatte. Sogar besser als fränkische „Broodwärschdla“ – und das will was heißen! 😉

Im Laufe des Abendessens wollten wir mit Stephie und Helge, die beide in Sachsen leben, via Zoom kommunizieren, denn da mein Schwager Chirurg und Operateur ist und – siehe oben – beide in Sachsen leben, obwohl keiner von dort stammt, zogen wir alle vor, dass sie nicht nach NRW kämen.

Da ich in Bezug auf Zoom die – relativ – Erfahrenste war, jedoch auch auf meine Anweisung und partiell eigenhändige Installation zumindest drei Fünftel der Veranstaltung Zoom installiert hatten, hätte eigentlich gar nichts schiefgehen dürfen. Doof nur, dass just im Esszimmerbereich meines Elternhauses, wo wir auf Anweisung meiner Schwester alle ein Glas Sekt trinken wollten oder sollten, das Signal am schwächsten war, und so zogen wir wie beim Auszug aus Ägypten mitsamt Laptop meines Vaters an verschiedene Orte meines Elternhauses, bis wir schließlich in meines Vaters Arbeitszimmer ankamen. Meine Mutter rief: „Toller Weihnachtsabend – hier in dieser Butze! Ich gehe lieber ins Wohnzimmer zurück – ihr könnt mich ja rufen, wenn es funktioniert!“ Ich hasse es, wenn Außenstehende, die Problematik nicht verstehend, unproduktiv herumlästern – und ich sah meinen Vater an. Wir hätten ein perfektes Spiegelbild abgegeben, würden wir einander nur ähnlicher sehen. Zumindest scheinen wir technisch übereinzustimmen. 😉

Wir haben dann schließlich im Arbeitszimmer meines Vaters mit Stephie und Helge sowohl auditiv als auch unter Zuhilfenahme der Videomöglichkeit beiderseits kommuniziert, obwohl Mama protestierte, es sähe hier ja gar nicht weihnachtlich aus. Da sah ich Papa mich von der Seite ansehen, und so sagte ich: „Ja, aber das sind doch irgendwie einfach Corona-Weihnachten, provisorisch und quasi von Haus zu Haus – oder? Besser geht es wohl nicht, und so ist es doch nett!“ 😉

Es war so nett, dass sie noch immer mit Helge und Stephie sprachen, als ich bereits draußen auf der Terrasse mindestens zwei Zigaretten geraucht hatte.

Später saßen wir dann im Wohnzimmer und sahen alte Super-8-Filme, was ich sehr schön fand. Es ist einfach schön, zu sehen, dass man als Baby schon in Zweifelsfällen eine Augenbraue so hochzog, wie man es heute in Zweifelsfällen noch macht – und man erkennt sein Gesicht wieder, obwohl man als Baby weniger Haare innehatte. Ich zumindest weiß nun, dass ich seit jeher offenbar eine Zweiflerin war. 😉

Irgendwann jedoch zog ich beide Augenbrauen hoch und fragte meine Mutter: „Wem sehe ich eigentlich ähnlich? Anhand der Filme und meines heutigen Aussehens könnte ich es gar nicht bestimmen.“

Meine Mutter sah mich an und kniff mir ein Auge zu. Dann sagte sie: „Du bist irgendwie so ein Konglomerat. Zumindest vom Gesicht.“ – „Aha. Ich dachte, ich sähe dir ähnlich. Wir haben doch die gleichen Augen!“ – „Nun wirklich nicht.“ – „Wieso das denn nicht?“ – „Du hast die gleichen Augen wie Omma Elisabeth.“ – „Nee!“ – „Doch!“ – „Omma Elisabeth hatte eine ganz andere Augenfarbe!“ – „Nicht die Farbe! Die Form! Sieh dich doch einmal an! Die Farbe – okay, die ist nicht gleich. Die Form aber auf alle Fälle! Vor allem jetzt – so, wie du gerade dreinsiehst! Wie kopiert!“

Das Problem besteht darin, dass ich mich mit „Omma Elisabeth“ nie so wirklich gut verstanden habe – zumindest wesenstechnisch. Und nun sollte ich augentechnisch…  also wirklich! 😉

Mama lachte sich scheckig und rief: „Je mehr du zweifelst, ähneln deine Augen denen von Omma Elisabeth, zumindest, was die Form anbelangt! Die werden immer runder und größer! Ich könnte mich totlachen! Riesige Augen, die sich nach oben wölben und zum äußeren Winkel nach unten ziehen – genau wie bei Omma Elisabeth.“ – „Das ist doch nicht dein Ernst!“ – „Doch, absolut! Warte mal!“

Und Mama lief los und holte ein Foto aus einer entfernten Schublade, das ihre Schwiegermutter als junge Frau in den Dreißigern des letzten Jahrhunderts zeigt: mit sehr großen, runden Augen, die sich am äußeren Rand nach unten ziehen. Es war, als blickte ich in einen Spiegel. Ich sagte lieber nichts mehr. Zumal mir dann einfiel, dass es von mir ein Foto gibt, bei dem ich mich immer gefragt habe, wem ich da eigentlich ähnlich sehe, so aus meiner Familie. Jetzt weiß ich es. 😉

Meine Mutter meinte dann: „Nur augenformtechnisch, Ali.“ Und mein Vater, der sich jetzt schon auf Silvester freut, rief aus dem Hintergrund: „Silvester sehen wir uns noch mehr Filme an, Alilein, und dann zeige ich dir auch, wie der Projektor funktioniert! Ich bin ja nicht mehr ewig da, und der Projektor ist auch schon alt! Aber die Filme sind doch schön – sieh mal, was für schöne, große Augen du schon immer hattest!“ O ja. Wie Omma Elisabeth in den Dreißigern. 😉

Na, warte nur, Papa! Wir gucken Super-8-Filme, und danach gibt es Gesellschaftsspiele, die Du genauso magst wie ich Vergleiche zwischen mir und Verwandten. Zumindest deren Augen. 😉

Und ich dachte immer, ich sähe meiner Mutter ähnlich! Man lernt bisweilen sehr dazu – auch, wenn man es gar nicht will… 😉
 

Weihnachtsgeschenke, die Zweite

Es gibt Menschen, die freuen sich über jedwedes Geschenk mit gleichbleibendem Gesichtsausdruck und in ewig gleicher Attitüde – egal, was es ist. Es gibt Menschen, die freuen sich über jedwedes Geschenk mit ganz unterschiedlichen Gesichtsausdrücken und in unterschiedlicher Attitüde – nicht ganz egal, was es ist. Und es gibt Menschen, denen man gar nichts schenken mag, nachdem sie einmalig geäußert haben, dass jedwedes Geschenk, das ihnen nicht gefalle, exakt so behandelt werde: „Mülltonne auf, Geschenk hinein, Mülltonne zu!“ Nee, wirklich nicht – so etwas mag ich nicht, und ich habe weder eine weissagende Kristallkugel, noch kann ich sonstwie Gedanken lesen. Dann lieber einen unverbindlichen Anruf oder eine Karte getätigt, wenn zu befürchten steht, dass der oder die Beschenkte unter Umständen seine Mülltonne auf- und nach nur geringfügiger Zwischenaktion wieder zuklappt. Auch ich fand Geschenke an mich schon nicht ganz so gelungen, aber ich hätte niemals übers Herz gebracht, derart burschikos zu handeln. Im Leben nicht.

Ich habe ja leider keine Kinder, aber ich finde liebenswert, wie Eltern auf Geschenke ihrer noch kleinen Kinder reagieren, obwohl die unter Umständen nicht ganz mit dem konform gehen, was die Eltern schön, hübsch oder ansprechend finden. Die Kinder bemühen sich doch so! 😊

Durch ein Gespräch mit betroffenen Elternteilen angefixt, machte ich mir Gedanken darüber, mit was meine Schwester Stephie und ich meine Eltern denn so beglückt hatten…

Zuallererst fiel mir ein, wie ich meiner Mutter als noch ziemlich kleines Kind mal etwas geschenkt hatte, an dem mein Herz hing. Keine Ahnung, wie alt ich da war. Auf alle Fälle noch ziemlich klein, und ich sammelte damals kleine Kunststofftiere. An einem hing ich besonders: Ich gestehe, ich hatte es weder gekauft, noch geschenkt bekommen, sondern irgendwo auf der Straße gefunden, aber ganz liebevoll mit Seife und warmem Wasser abgewaschen, nachdem ich es gefunden hatte: Es sollte wohl einen Kolibri darstellen, und der vorherige kleine Besitzer hatte auf dem langen Schnabel des verblassten Tieres massiv herumgekaut. Lange vor dem Geburtstag meiner Mutter hatte ich es aufgelesen und grundgereinigt. Und da das gefundene Tier so armselig aussah, wuchs es mir besonders ans Herz – der arme, kleine (völlig unbelebte) Wicht! Er sah so bedauernswert aus, dass ich ihn besonders in mein Herz schloss. Und dann kam der Geburtstag meiner Mutter…

Ich glaube, der angenagte Plastikvogel erfreute ihr Herz nicht so, wie meines blutete, das Tier abzugeben, und das in vertrauenswürdige Hände. 😉 Niemals hätte ich ihn an irgendjemanden abgegeben! 😉 Er sah derart hilfsbedürftig aus, dass ich nur eine Person wusste, die ihn so schätzen würde wie ich – meine Mutter. Ich gab ihn extrem ungern ab. Da war ich aber wirklich noch ziemlich klein (vier Jahre alt 😉 ).

Ein Jahr später – Weihnachten war in nicht allzu weiter Ferne, und Stephie und ich überlegten angestrengt, worüber unsere Eltern sich wohl freuen würden. Stephie war die Organisatorin, ich die Zeichnerin. Einen Bauernhof aus Pappe und Papier beabsichtigten wir, zu erstellen – unsere Eltern würden sich nicht nur wahnsinnig über das sinnvolle Geschenk freuen, sondern auch von allen anderen Eltern beneidet werden! 😉 Auf einer etwa DIN-A2 großen Pappe sollte der vom Grunde her völlig zweidimensionale Bauernhof errichtet werden, und Stephie malte mit Plakafarbe, einer Kasein- bzw. Kasein-Tempera-Farbe, die genauso riecht wie das, woraus sie partiell besteht und die genauere Bezeichnung schon sagt, Weide- und Stall- wie auch Hausfläche eindimensional auf. Man musste das Ganze nach jedem Malvorgang recht lange trocknen lassen, wobei die Papp-Grundlage stets gefährliche Wellen schlug. 😉 Zumindest ich ging während des Herstellungsprozesses stets mit sorgenzerfurchter Stirn zu Bett. Hoffentlich würde die Grundlage des wunderbaren Geschenks standhalten!

Endlich war das „Fundament“ fertig – nun konnte es an die Ausstattung gehen: Kühe, ein oder zwei Pferde, diverse Schweine, Hühner, Enten und Gänse. Und natürlich ein Hund und eine Katze!

Da ich zeichnerisch stets etwas gewandter als Stephie war, war dies mein Part, und so zeichnete ich voller Eifer und als hätte ich einen bezahlten Auftrag nebst Abgabetermin Kühe und andere Tiere mit Filzstift und in den jeweils passenden Farben möglichst so sparsam auf diverse DIN-A4-Blätter Zeichenpapiers, als würde ich Plätzchen aus ausgerolltem Plätzchenteig ausstechen. Unter jedes Tier musste ich ein Rechteck zeichnen, das dann mitsamt der Silhouette des Tieres ausgeschnitten wurde: die Standfläche des jeweiligen Tieres, die, Tisch- oder Platzkarten nicht unähnlich, dann – hier unter den Füßen des jeweiligen Tieres – in relativ spitzem Winkel umgeknickt wurde, auf dass das OEuvre standfähig sei. 😉

Ich zeichnete voller Überzeugung im Akkord. Die Schweine sind mir, glaube ich, besonders gut gelungen – sogar ein Wurf Ferkel war dabei. Meine Kühe waren – aus heutiger Sicht – das, was man im Englischen als poor bezeichnet – allesamt etwas mager, nahezu schwindsüchtig in der Erscheinung, und ihre Hörner sahen eher wie Fühler diverser Insektenarten aus. (Möglich, dass ich damals schon ahnte, dass die Hörner von Kühen Jahre später eine untergeordnete Rolle spielen würden, wobei niemand die zugehörigen Tiere nach ihrer diesbezüglichen Meinung gefragt hat.)

Während des Schaffungsprozesses wurde Stephie plötzlich von Zweifeln angefallen: Würden unsere Eltern sich über dieses mit Blut, Schweiß und Tränen angefertigte zweidimensionale Geschenk überhaupt freuen? Stand Vergleichbares in unserem Zuhause? Würden sie sich so etwas kaufen?

Sie äußerte diese leisen Zweifel laut. Ich protestierte. Nicht nur, dass wir kein Geld hatten, Kernseife zu kaufen, um daraus Tierfiguren zu schnitzen – eine weitere ganz sinnvolle Geschenkidee einer Freundin meiner Schwester, deren Eltern sich sicherlich an Heiligabend sehr über die holzschnittartig angefertigten Kernseifentiere freuten -, nein, ich hatte auch schon unzählige ganz unterschiedliche Tiere, teils mit Fühlern, gezeichnet! Und nun alles wegwerfen, und das ohne jedwede Alternatividee? Zumal man bedenken musste, dass wir auch immer nur nach dem Abendessen und vor dem Schlafengehen akkordartig arbeiten konnten und tagsüber die Gefahr der Entdeckung viel zu groß war? Nein! (Man muss einkalkulieren, dass ich vier Jahre jünger als meine Schwester bin, die damals 9 oder 10 Jahre alt war. 😉)

Der Bauernhof wurde fertiggestellt und schließlich gut versteckt. Stephie jedoch beschloss, im Ausgleich etwas „Erwachseneres“ herzustellen, und so bastelte sie eine Krippe. Zumindest den Stall, denn Krippenfiguren gab es bereits.

Und so bemalte sie das Unterteil eines Schuhkartons – der Deckel wurde nicht benötigt – mit Wasserfarben, genauer: in der Farbe Umbra. Innen wie außen. Aus dem Boden des Schuhkartons schnitt sie mühevoll mit einer Bastelschere ein Rechteck aus und klebte Transparentpapier in Rot von innen über das so entstandene rechteckige Loch. Ebenso mühsam, denn das Ding wollte zunächst nicht halten, klebte sie auch noch einen Stern aus Goldpapier oben an den Schuhkar…, nein, an die Decke der Krippe.

Nachdem alles gut getrocknet war, stellte sie den so entstandenen Stall in unserem damals zu zweit bewohnten Kinderzimmer vor ihrem Bett auf und die bereits vorhandenen Krippenfiguren hinein bzw. davor. Beleuchtete man die Krippe von hinten, sah es richtig schön aus.

Das Tagewerk erledigt, schliefen wir ein: Bauernhof fertig, Krippe fertig – Weihnachten konnte kommen! 😊

Doch es passierte Grauenhaftes: Meine Schwester hatte bisweilen einen etwas unruhigen Schlaf, und so sahen meine Eltern nach, ob alles in Ordnung war, bevor sie sich selber zur Ruhe betteten. Und an dem Tag sah mein Vater nach. Ich glaube, meiner Mutter wäre das nicht passiert, da sie besser wusste, dass wir Dinge öfter an Orten abstellten, wo sie besser nicht gestanden hätten… Lautes Knirschen weckte nicht nur meine Schwester, sondern auch mich auf: Mein Vater war in die Krippe getreten, die vor Stephies Bett stand! Der Stall völlig zerstört – Stephie heulte, ich saß betroffen da und sagte dann: „Die schöne Krippe!“

Stephie und ich stritten sehr häufig, aber da tat sie mir leid. Sie hatte mit solchem Eifer an der Krippe gearbeitet und war so stolz gewesen. Ähnlich stolz wie ich auf meine zweidimensionalen Bauernhoftiere. Und nun war alles dahin!

Mein Vater war auch völlig zerknirscht, und ihm tat es ebenso leid – noch heute sagt er: „Oooch, ja, das tut mir jetzt noch leid!“ Aber zum Glück fand sich noch ein leerer Schuhkarton, und wenn auch kein rotes Transparentpapier mehr vorhanden war, gab es doch immerhin orangefarbenes. Und so sah das Innere der Krippe, wenn man sie rückwärtig beleuchtete, auch nicht mehr aus, als befände sich die Jungfrau Maria mitsamt dem Jesuskind mitten in einem Puff, und das mitsamt Josef, der ohnehin schon irgendwie „gehörnt“ wirkte, bzw. den drei Heiligen Königen, die im Rotlicht ihre Waren, oops, Geschenke feilboten, davor auch noch Zuschauer in Gestalt von Hirten und diversem Getier. So wirkte es doch erheblich strahlender – aber Stephie und ich, denen die Bedeutung von Rotlicht damals noch nicht bewusst war, trauerten dem roten Transparentpapier hinterher. Wieviel schöner hätte das doch ausgesehen! 😉

Aber zumindest konnten wir mit unserem tollen Geschenk aufwarten, nachdem am Heiligen Abend das Glöckchen zur Bescherung geläutet hatte: Mühsam trugen wir unseren Bauernhof ins Wohnzimmer und bauten ihn dort auf – Stephie eher unsicher, ich ganz stolz.

Wenn ich heute daran zurückdenke, glaube ich, dass es um die Mundwinkel meiner Eltern zuckte, als sie das Machwerk sahen: Speziell bei den befühlerten Kühen zuckte es. Und Sekundenbruchteile herrschte Schweigen, was ich – ahnungslos, da noch klein – für atemlose Bewunderung hielt. Heute vermute ich, dass meine Eltern große Mühe hatten, die mit Gewalt hervorbrechen wollenden Lachanfälle zu unterdrücken, bis mein Vater schließlich sagte: „Och, sieh mal, Kathrin, die kleinen Schweinchen! Die sind ja niedlich, und so schön gezeichnet. Alilein, warst du das?“ – „Ja!“ rief ich stolz und ahnungslos, und ich verwies auch auf die viel schwieriger zu zeichnenden Kühe, die überdies allesamt recht große Euter hatten, ohne dass auch nur ein einziges Kalb in der Nähe zu sehen war (zu zeichnen vergessen – aber vermutlich waren die Kälbchen bei Ersatznahrung in das papierne Kuhstall-Gebäude gesperrt…). Meine Mutter, unfähig, ein Wort zu sagen, aber mit freudiger Attitüde, hielt sich eine Hand vors Gesicht, während mein Vater eine der Kühe hochnahm, die Standfläche mit zuckendem Antlitz betrachtete und sagte: „Das habt ihr aber schön durchdacht – die Tiere müssen ja auch stehen können. Sehr schön! Wo ist denn der Bauer? Und die Bäuerin?“

Oh! An die hatte ich gar nicht gedacht – ich hatte damals nur Tiere im Kopf. Immerhin hatte ich daran gedacht, einen Melkeimer zu zeichnen, in Rot und selbstredend auch mit einer – hier: quadratischen – Standfläche versehen. Keine Ahnung, wer die Kühe melken sollte – ich war wohl schon immer etwas wurschtig in der Ausführung. Aber daran hätte mich Stephie ja auch wirklich erinnern können!

Ich erinnere mich jedoch, dass meine Eltern dieses sehr nützliche Geschenk dennoch lange aufbewahrt haben und dass es über die Jahre immer wieder für gute Laune sorgte. Meine Mutter und ich lachen noch heute darüber, und sie sagt immer: „Was für eine Arbeit ihr euch gemacht habt!“ Und ich sage dann immer: „Ja, allerdings – und nützlich war es obendrein!“

Und dann lachen wir immer. 😊

Weihnachtsgeschenke

Dieses Jahr läuft Weihnachten anders als sonst. Denn ich habe inzwischen alle Geschenke parat – naja, mal abgesehen von einem Geschenk für eine Kollegin, die keines von mir erwartet. Und einem Nachtrag zum Geschenk für meinen Vater.

Dass sich die meisten Geschenke bereits verpackt auf dem Esszimmertisch befinden, liegt wohl nur daran, dass ich sie alle online bestellt habe. Was mich wirklich erstaunt, ist die Tatsache, dass sie binnen kürzester Zeit nicht nur versandt, sondern auch ausgeliefert waren. Wäre morgen Heiligabend, könnte ich völlig unbesorgt zu meinem Elternhaus fahren und hätte doch – fast – alle Geschenke dabei. Das ist mir in der Prä-Corona-Ära noch nie so gelungen. 😉

Das Geschenk für meine Schwester fehlt noch, aber das wird sicherlich am Montag bei meinem Arbeitgeber ankommen (hoffe ich zumindest). Und dass ich heute noch zwei Bücher bei einem weltbekannten Versandhandel nachbestellte, lag nur daran, dass ich erst gestern bzw. heute dazu angeregt wurde.

Denn mein Vater kennt The Great Gatsby nur vom Hörensagen – unglaublich! (Zumindest aus meiner Perspektive. 😉 ) Einer meiner Lieblingsromane aus den Roaring Twenties. Gehört zur Weltliteratur und zementierte meine seit früher Jugend vorhandene Begeisterung für diese Ära nur noch, obwohl er auf allzu emotionale Leser deprimierend wirken mag. Man sollte mit einer gewissen Distanz lesen und das Ganze realistisch sehen – oder zumindest stresserprobt sein und auch schwierige Zeiten wegstecken können. Die Zwanziger des letzten Jahrhunderts waren wohl nicht die einfachsten Jahre – die des jetzigen sind es offenbar auch nicht, wenn auch anders. 😉 (Nur war man in den Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts offenbar weniger kompliziert und „verspannt“ – aber vielleicht scheint es auch nur so, denn da gab es ganz furchtbare Schicksale. Schlimmere als heute in Corona-Zeiten, obwohl sich nicht wenige Menschen hundert Jahre später gebärden, als sei derart Schlimmes noch nie auf die Menschheit eingeprasselt. Ich sage dazu nichts mehr – ich habe resigniert, seitdem mir definitiv klar geworden ist, dass die rationalsten Argumente bei manchen Menschen einfach nicht verfangen, da es ihnen schon an schlichtester Ratio zu gebrechen scheint.)

Ich bin seit früher Jugend ein Fan der Zwanziger des letzten Jahrhunderts, und ich habe zum Thema viel gelesen. Die Hintergründe sind mir bekannt, ebenso, dass diese Ära nicht die freudvollste gewesen sei, aber irgendwie hat das meinem „fandom“ keinen Abbruch geleistet. Und dabei geht es nicht nur um Mode – beileibe nicht. Für mich waren die Roaring Twenties immer irgendwie wegweisend, speziell emanzipatorisch. Ich wäre sicherlich ein hervorragender Flapper gewesen, der auf der Straße geraucht hätte, natürlich mit einer langen Zigarettenspitze. Aufmüpfig? Mitten in der Prohibition ins Speakeasy? Auch kein Problem. 😉

Und so war ich im Englisch-LK sehr begeistert von The Great Gatsby, auch wenn der Roman ein eher bedrückendes Bild zeichnet und böse und desillusionierend endet. Und mein Vater hat ihn bis dato nie gelesen – aber zumindest bekommt er ihn geschenkt. 😉 Neben einem Tischkalender mit wunderschönen Fotos und „Andersens Märchen“, die er als Kind immer erschreckend traurig fand, bekommt er nun auch noch den Großen Gatsby geschenkt. Mein Vater ist sehr belesen, aber diese Lektüre fehlt eindeutig, zumal er mich heute fragte, worum es in dem Roman eigentlich gehe. Ich erklärte es ihm und beschloss simultan: „Okay, eine kleine Erweiterung der Geschenke erfolgt bald.“ Immerhin hat er mir als Jugendlicher auch die gesammelten Werke Wilhelm Raabes geschenkt. Wenn er also F. Scott Fitzgerald nicht liest, kann ich es ihm nicht einmal übelnehmen. 😉
Kaum von meinem allwöchentlichen Ausflug zu meinem Elternhaus zurückgekehrt, bestellte ich für ihn den Roman auf Deutsch und für eine liebe Kollegin auf Englisch, mit der ich kürzlich auch darüber gesprochen hatte und die mir sagte, sie kenne das Thema nur vom Film mit di Caprios Leo. 😉

Nix gegen den Leo – ich mag den Schauspieler. Ich mag aber diese Verfilmung nicht, da sie mir völlig exaltiert erscheint, völlig überzogen, als würde mit dem Baseballschläger auch den Letzten noch eingehämmert werden, worum es gehe, und das auch noch völlig verzerrt. Völlig übertrieben. Der Roman an sich stellt dar, welche Leere bisweilen geherrscht habe, jedoch in diesem speziellen Falle auch eine übersteigerte, nahezu elisabethanische Idealisierung von Liebe, die einer eklatanten Oberflächlichkeit und Materialismus entgegenstand, und hält der damaligen Gesellschaft den Spiegel vor – das muss man doch nicht mit dem Vorschlaghammer völlig übertrieben darstellen. Es gibt eine Verfilmung aus den Dreißigern und eine von 1974. Letztere liebe ich heiß und innig, da sie der Atmosphäre des Romans am nächsten kommt. Die mit di Caprios Leo ist von den Bildern her toll, aber meinem Empfinden nach für Zuschauer, die einen Holzhammer und krasse Special Effects benötigen, damit der Groschen falle. Mich nervt die übersteigerte Darstellung dieser Verfilmung, die allein effekthaschend ist. Geht also gar nicht, wenn man den Roman kennt und mag, der an vielen Stellen zwar subtil ist, an manchen aber schon brutal genug auf so manches Manko hinweist. Da braucht es wahrlich keinen visuellen Holzhammer.

Ich bin gespannt, ob mein Vater ihn lesen wird. 😉 Ich weiß, er wird zumindest damit anfangen, da ich ihm dieses Geschenk gemacht habe. Gefallen wird er ihm ganz sicher nicht – aber dafür schenke ich ihn ihm auch nicht, sondern weil ich ihn für ein schönes Geschenk halte. Weil ich ihn schätze und hoffe, dass er genauso ankomme. Immerhin habe ich vor einiger Zeit sogar Wilhelm Raabe gelesen, nach so langer Zeit. 😉 Mein Fall ist es nicht, aber ich verstand, was mein Vater mir damit mitteilen wollte. Und dann eben vice versa genauso. Beide Autoren gesellschaftskritisch, wenn auch auf völlig unterschiedliche Weise. Schön, dass mein Vater und ich trotz aller Unterschiede an einem Strang ziehen – Gesellschaftskritik ist wichtig. Und wir beide mögen einander sehr, auch wenn wir verschieden sind. 😉

Weihnachten kann kommen. Zumal ich heute auch noch ein Geschenk für meine Kollegin Kerstin besorgt habe. Besser vor dem „harten“ Lockdown, der uns sicherlich ereilen wird. 😊

Endlich im A-Team ;-)


Der herkömmliche Montag war heute ein Dienstag.

Seit wir in zwei verschiedenen Teams und Schichten arbeiten, ist das öfter so. Nicht, dass ich am jeweiligen Home-Office-Tag – auch wenn Montag – weniger arbeitete als im Büro; nun beileibe nicht. Es fühlt sich trotzdem anders an, und so war mein „eigentlicher“ Wochenbeginn heute der Dienstag.

Dabei hatte ich gestern tüchtig rangeklotzt – nur eben nicht im Büro. Irgendwie kann ich mich trotz des letzten Dreivierteljahres nicht davon lösen, dass nur Arbeit am Ort des eigentlichen Geschehens – in meinem Falle Bürotätigkeit – echte Arbeit sei. Dabei arbeite ich zu Hause in der Tat meist mehr und länger. Wäre nur dieses Gefühl der Unsicherheit nicht – hoffentlich habe ich auch alles richtig gemacht und war aufmerksam genug!

Dieses Gefühl gipfelt bisweilen darin, dass ich – mein Handy klingelt, und eine mir unbekannte Nummer steht auf dem Display – um 20 vor 8 wie angestochen aus dem Bett hechte, stimmliche Übungen mache und ein paar Dissonanzen in die Gegend trällere, bevor ich den Anruf beantworte. (Bloß nicht so klingen, als wäre ich gerade der Bettstatt entstiegen! Und – zugegeben – die beiden Anrufe von 7:30 und 7:35 unter derselben Nummer ignoriert, obwohl Unruhe aufkam. Daher den Anruf von 7:40 unter derselben Nummer auch nicht mehr. Ich bin und bleibe ein „Telefon-Junky“, der es nicht erträgt, nicht zu wissen, wer da anruft. 😉 )

Natürlich im Esszimmer entgegengenommen, da ich dort den besten Empfang habe. (Als ich dies kürzlich einmal mehr tat, hätte ich mich kurz nach dem unerfreulichen Telefonat am liebsten selber links und rechts abgewatscht. Im Home-Office darf man, wenn man ab 9 Uhr Sprechzeit hat, um halb 8 durchaus noch im Bett liegen, zumal dann, wenn man auch in Präsenz erst um kurz vor 9 im Büro aufschlägt.)

Vor einer Woche gab es wieder die zweiwöchentliche Teamsitzung, die bis März dieses Jahres in Präsenz stattfand, seither per Videokonferenz. Und da verkündete unser aller Vorgesetzter, dass die Teams partiell wechseln müssten, da wir eine neue Kollegin haben, die mit meiner Team-B-Kollegin Gina eng zusammenarbeiten und obendrein eingearbeitet werden müsse. Die Folge daraus: Ich musste ins Team A wechseln.

Einerseits fand ich das sehr schade, und fast hätte ich gerufen: „Och nee, Gina! Jetzt können wir gar keinen Kaffee mehr zusammen trinken!“ Ich unterließ es aber, da es doof herübergekommen wäre und ich immerhin den Vorteil sah, dass ich nun meine Kolleginnen Saskia und Jana endlich einmal in natura wiedersehen würde. Und: Endlich war ich im A-Team! 😉 (Okay, verstehen auch nur die, die die 80er irgendwie miterlebt haben. 😉 )

Mein erster „A-Team“-Tag heute war zumindest schon einmal sehr nett. Auch wenn ich danach noch zum Zahnarzt musste, bei dem ich demnächst einen „Sinuslift“ und eine Implantation mitmachen muss und der mir erklärte, das koste mich etwa 3500,- Euro, da eine reine Privatleistung. Zum Glück habe ich meine Zahnzusatzversicherung.

Vielleicht fange ich aber doch wieder mit Lotto an. Oder ich aktiviere den Rest des A-Teams, dem Zahnarzt klarzumachen, dass das so nicht gehe. 😉

Immerhin sollen die folgenden dentalchirurgischen Aktivitäten – „Knochenauffüllung“ et al. – erst ab Mitte Januar stattfinden. Erst im neuen Jahr. Das liegt allerdings auch nur an meiner sehr energischen Intervention, denn wäre es nach meinem Zahnarzt gegangen, hätte das noch dieses Jahr stattgefunden – kurz vor Weihnachten. Da wurde ich allerdings wirklich sehr energisch, denn ich habe nach diesem in tutto gruseligen Jahr nicht auch noch Lust darauf, zu Weihnachten mit einer komplett verbeulten Visage nur Suppe oder breiige Speisen zu mir nehmen zu können.

Hat er auch direkt eingesehen – hat sicher gleich erkannt, dass ich dem A-Team entstamme. 😉