„Singen und Schlafen“ :-)

So hieß das Babysitting-Programm, das mein Onkel Christoph Stephie und mir immer angedeihen ließ, als wir – noch recht klein – in Bamberg Ferien machten, woher meine Mutter stammt. Und natürlich auch Onkel Christoph selber.

In Bayern fangen die Sommerferien traditionell erst sehr spät an, und so musste mein Onkel Christoph, seines Zeichens Lehrer, immer noch arbeiten, wenn wir bereits Omas Wohnung mehr oder minder bereicherten, wo er, als ich ziemlich klein war, noch lebte, als er unverheiratet und noch sogenannter „Junglehrer“ war, kurz nach dem Staatsexamen.

Ich erinnere mich daran, dass Oma und meine Mutter wiederholt auf Onkel Christophs Rückkehr von seinem Arbeitsplatz warteten wie der Löwe aufs Futter: Sie wollten in die Stadt, und das ohne zwei quengelnde Kinder. Und kaum war Onkel Christoph in all seiner Respekt gebietenden Größe – 1,97 m – durch die Wohnungstür gekommen, zu meiner großen Freude stets, indem er seinen Kopf einzog, um mit diesem nicht anzustoßen, was mich als Kind stets zu Heiterkeitsausbrüchen hinriss, weil alle anderen Menschen in meiner Familie schon stolz waren, die 1,75-m-Grenze überschritten zu haben (ich blieb 10 Zentimeter darunter …), wurde er auch schon von Mama und Oma damit überrascht, dass sie ja nun unbedingt … Und er würde doch sicherlich gern auf seine zwei kleinen Nichten aufpassen – nicht wahr?

Ich sehe auch noch immer das Gesicht Onkel Christophs vor mir: So richtig begeistert wirkte er nicht, und er rief auch mehrfach, er sei „fei müd“. Aber dann sah er Stephie und mich an und meinte stets: „Na, denn …“. Und während Mama und Oma eiligen Fußes die Wohnung verließen, wurden Stephie und ich auf das weitere Programm eingeschworen. 😉

Das nannte sich sehr dezidiert Singen und Schlafen. Beim ersten Mal fremdelten wir noch ein wenig: Singen leuchtete ja noch ein – aber Schlafen? Wir wollten eigentlich viel lieber mit Onkel Christoph herumtoben und waren doch schon so groß, dass ein Mittagsschlaf als albernes Unterfangen erschien. Herumtoben wollte er aber nicht – hatte ja auch schon sehr viel seines Arbeitstages hinter sich, was wir als Kinder jedoch nicht verstanden. Da wir es uns aber nicht mit Onkel Christoph verscherzen wollten, den wir beide heiß und innig liebten, da er auch so gut mit Kindern umgehen konnte, fügten wir uns in unser Schicksal. 😉 Und dann lernten wir es schätzen – und auch meine Mutter fand es cool, die zumindest mit mir immer heftig zu ringen hatte, was den Mittagsschlaf anbelangte. Man muss den einfach nur gut als etwas ganz anderes verpacken – schon wird er eingehalten. 😉

Zuerst wurde gesungen, und wir lernten sehr viele Lieder von unserem Onkel kennen, die wir ohne dieses spezielle Programm sicherlich nie kennengelernt hätten. Unvergessen: der Seeschlangen-Song, der Favorit überhaupt! Ein sehr mitreißendes Kinderlied, der Text von James Krüss. Eindeutig einer der Favoriten. Weniger beliebt bei mir: „Sabinchen war ein Frauenzimmer, gar hold und tugendhaft“. Ziemlich blutrünstig, aber auch das gehörte zum Programm, und weder Stephie noch ich heulten. Wir fanden den Inhalt des Liedes zwar gruselig, aber irgendwie einleuchtend und haben keine Neurosen davongetragen. 😉

Zumal es ja das Lied vom „hübschen, wachsamen Hahn“ gab. Und das von „Sascha“, der „mit den Worten geizte“. Ganz zu schweigen von „Gregor“, der nicht zum „Abendtanz“ gehen sollte – das war ein Lied, das ich besonders liebte, da es so geheimnisvoll war: „Weiße Hand wie Schnee braut dir Tee aus Zauberkräutern“ hieß es da – das war spannend! Das war ein Lied, das sonst keiner kannte.

Und dann noch das Lied, dessen Refrain „Hejom, fejom, Schnee fiel in der Nacht!“ lautete. All diese fremdartigen Lieder lernten wir von Onkel Christoph, und wir sangen sie voller Inbrunst, bis wir müde wurden. Dann begann der zweite Teil von Singen und Schlafen. 😉 Auf diesen hatte Onkel Christoph wohl die ganze Zeit hingearbeitet. 😉

Und wenn meine Mutter und meine Oma zurückkehrten, fanden sie sowohl meinen Onkel, als auch Stephie und mich schlafend vor. Quasi bis zum Umfallen gesungen. Ziel erreicht. Die „Nichtchen“, wie er uns immer nannte, hielten Mittagsschlaf, und auch er hatte endlich seine Ruhe.😉

All die Lieder, die keiner sonst kannte, als ich ein Kind war, habe ich irgendwann gegoogelt, wann immer mir mal wieder die entsprechende Melodie durch den Kopf schoss. Und „Gregor“, dem vom „Abendtanz“ abgeraten wurde, entpuppte sich als ukrainisches Volkslied. „Sascha“ war russisch. Und „hejom, fejom“ habe ich erst kürzlich gegoogelt und unter „schnee fiel in der nacht“ gefunden: Ein schwedisches Volkslied ist es, und es heißt „Bonden och Kråkan“ – „Der Bauer und die Krähe“. Naheliegend, denn sowohl auf Deutsch als auch auf Schwedisch war stets von einer Krähe die Rede, die lachte. 😉 Der Bauer hatte sowohl auf Deutsch wie auch auf Schwedisch weniger zu lachen. 😉

Meinen Onkel habe ich zuletzt vor einigen Jahren gesehen – wir wohnen recht weit voneinander entfernt. Inzwischen ist er krank, und ich habe mich weniger gekümmert, als ich hätte tun können und müssen. Als mir neulich dieses schwedische „Krähen“-Lied durch den Kopf ging, fiel mir ein, wie er sich immer so lieb um uns gekümmert hat, obwohl das sicherlich nicht sein vordringliches Interesse gewesen war. Und er konnte auch so schön Geschichten erzählen. Es wird höchste Zeit, dass ich ihm mal eine schöne Geschichte erzähle. 😊

Mein Orthopäde hat Humor! 😉

Zumindest einer der beiden verfügt über eine Art Humor, die meinem Humorverständnis sehr entgegenkommt. Ich bin unregelmäßiger „Gast“ in einer orthopädischen Gemeinschaftspraxis und wurde bis dato mal von dem einen, mal von dem anderen Arzt behandelt. Einer von ihnen war früher Stabsarzt bei der Bundeswehr – merkwürdigerweise jedoch derjenige, der eher charmant herüberkommt, nicht der, der zwar stets höflich und bisweilen auch freundlich – wenn auch nicht herzlich – aber eher sarkastisch ist und meiner Vorstellung eines Stabsarztes der Bundeswehr erheblich näherkommt als der „Charmeur“.

Heute hatte ich um 16 Uhr einen Termin dort. Warum? Nun, seit etwa einem Vierteljahr bin ich mir sicher, dass jeder im Haus hören könne, wenn ich die Treppen hinab Richtung Haustür gehe, um das Haus zu verlassen oder im Waschkeller meine Waschmaschine zu be- oder entladen, denn exakt so lange knackt und knirscht es in meinem linken Knie; und das so sehr, dass ich den Eindruck habe: „Jeder kann hören, wie du die Treppe hinunterknarrst! Das ist ja furchtbar!“

Es trat ganz plötzlich auf – quasi von einem Tag auf den anderen. Es tut nicht weh, aber es ist einfach widerlich. Allein dieses Geräusch! Und das Gefühl im Knie! Keine Ahnung, ob ihr das nachvollziehen könnt, aber es fühlt sich einfach unangenehm an. Mir sträuben sich jedenfalls regelmäßig die Nackenhaare, und es läuft mir wechselweise warm und kalt den Rücken hinunter, wenn es wieder einmal knackt und knirscht. Das ist so wie früher in der Schule, wenn man an der Tafel stand und im Mathe-GK dort etwas vorrechnen sollte. Nicht nur, dass Mathe – zumindest für mich – in der Schule ohnehin der Horror war: Noch schlimmer wurde es, brach die Kreide ab, und im Eifer des Gefechts schrappte dann der Zeigefingernagel über die Tafel und erzeugte ein Mittelding aus quietschendem und kreischendem Geräusch. Das ging einem auch durch und durch – und in etwa so fühlt es sich an, wenn es in meinem linken Knie knackt und knirscht.😉

Um 15:30 h verließ ich das Büro – heute war Büroschicht. Ich ließ den Rechner an, ließ auch meine Lesebrille und andere Dinge vor Ort, da ich derzeit so viel zu tun habe, dass ich nach dem Arztbesuch noch einmal zurückzukehren beabsichtigte. 😉 Und schon stürzte ich gen Bus, denn in der Nähe der orthopädischen Gemeinschaftspraxis sind Parkplätze Mangelware, und da wollte ich doch lieber die gut funktionierende ÖPNV-Möglichkeit zwischen meinem Arbeitgeber und der Praxis benutzen.

Da kam auch schon der Bus! Ein Gelenkbus, der schwungvoll von einer Fahrerin um die Kurve vor der Haltestelle gesteuert wurde. Ich stülpte mir meinen MNS über – ein hellblaues Modell aus der „I love Oche“-Reihe (ins Hochdeutsche übersetzt gleich viel weniger charmant: „Ich liebe Aachen“. 😉 ) Zusammen mit mir stiegen zwei junge Männer ein, die sich gleich in den hinteren Teil des Busses verzogen. Ich blieb im Mittelteil, aber da rief die Fahrerin von vorn: „Hallo? Darf ich Sie um etwas bitten?“

Da ich mich angesprochen fühlte, rief ich: „Klar! Wie kann ich Ihnen helfen?“ Die Fahrerin rief: „Ich bin noch neu und vorhin auf der Linie hier eingesprungen, und ich habe nur eine ungefähre Vorstellung, wie ich fahren muss! Mein Kollege hat es mir zwar erklärt, aber ich bin ins kalte Wasser geworfen worden, weil ich nicht aus dieser Stadt hier stamme. Kennen Sie das?“ – „Ins kalte Wasser geworfen zu werden? Das kenne ich! Ich kann Ihnen bis zur Wörthstraße helfen und auch noch erklären, wie Sie danach fahren müssen, aber es wäre sicherlich besser, wäre jemand bis zur Endhaltestelle dabei. Es sind zwar nur fünf Haltestellen bis dorthin, aber es wäre doch besser, wäre jemand dabei, der auch bis dorthin mitfährt.“ – „Ja! Aber total nett, dass Sie mir weiterhelfen wollen. Wartense, ich frag mal die beiden Jungs da hinten – vielleicht fahren die bis zum Busbahnhof mit!“

Und schon rief sie die beiden jungen Männer herbei, die auch bereitwillig ankamen, jedoch zum einen aus Bayern, zum anderen aus Hessen stammten – und erst wenige Tage hier lebten. Das Erbe meiner Mutter wurde in mir wach, und ich rief: „Nein! Aus Bayern und aus Hessen – und es hat Sie hierher verschlagen!“ Die beiden jungen Männer lachten sich schlapp und sagten: „Ist nur zum Studium.“ Ich lachte auch, ebenso die Fahrerin. Ich rief: „Das ist jetzt zwar nicht die optimale Situation, aber wir bekommen Sie schon bis zur Endhaltestelle. Und dann fahren Sie die ganze Strecke zweimal – dann läuft es!“

Und schon fuhren wir los, und ich unterhielt mich mit dem Bayern und dem Hessen. Zwischendurch rief die Fahrerin: „Ich muss hier jetzt aber nicht rechts abbiegen, oder? Wenn ich das richtig im Hinterkopp habe, muss ich hier doch noch geradeaus, oder?“ Ich rief: „Ja, hier noch geradeaus!“

Und dann näherten wir uns auch schon meiner Ausstiegshaltestelle, und ich drückte den Halteknopf. Bevor ich knackend und knirschend ausstieg, rief ich der Fahrerin noch zu: „Hier über die Kreuzung noch drüber, an der nächsten Kreuzung rechts und bis zur Hauptstraße fahren. Dort dann links – die nächste Haltestelle ist identisch mit der nächsten Straßenbahn-Haltestelle. Das sehen Sie sofort!“ Und als ich ausstieg, stiegen zwei etwa zwölfjährige Jungs ein, die gleich von der Fahrerin als Lotsen engagiert wurden.

Als der Bus an mir vorbeifuhr, drehte ich mich halb um, und da sah ich, wie die Fahrerin mich anstrahlte und mir fröhlich zuwinkte. Mit der wäre ich sofort ein Bierchen trinken gegangen – die wirkte total cool. Ähnlich wie meine gute Freundin Andrea in Aachen – stundenlange, nächtelange Gespräche über Freunde, Ex-Freunde und Männer, aber auch ganz allgemeine Themen gab es da, und es war immer lustig. 😉

Der Weg zur Arztpraxis war mit diversen starken Windböen versehen – wozu eigentlich hatte ich meine Haare vor Weggang aus dem Büro noch einmal „gepimpt“? Immerhin war ich pünktlich – nicht unbedingt typisch für mich. 😉 Und ich kam auch schnell dran. Der Arzt, nicht der ehemalige Stabsarzt, begrüßte mich auf seine Art, und ich schilderte ihm meine Beschwerden. Es erfolgte sogleich das, was nicht selten in dieser Praxis erfolgt …

„Gehen Sie mit dem Zettel hier zur Anmeldung, und dann machen wir eine Aufnahme von Ihrem linken Knie!“ Ich tat, was man mir befohlen hatte, und recht schnell führte man mich aus der Um- bzw. Entkleidekabine in den Röntgenraum. Etwas anders als außerhalb von Corona-Zeiten, denn man drückte mir eine Bleischürze in die Hand, aus einiger Entfernung, und meinte: „Hier. Anlegen.“ Ah, ja. 😉

Und schon lag ich auf dem Röntgentisch, und es wurden zwei Aufnahmen aus verschiedenen Perspektiven vorgenommen. Beide Male sagte die Röntgenassistentin: „Versuchen Sie einfach, ganz ruhig zu liegen und nicht zu wackeln.“ Ich wackle für gewöhnlich nie bei Röntgenaufnahmen, und ich grinste noch in mich hinein. Aber kaum war die Maid aus dem Raum und löste die strahlenbewehrte Aufnahme aus, stellte ich fest, dass mich ihre Aufforderung eher zum „Wackeln“ triggerte. Zum Glück kann ich mich gut zusammenreißen, wenn es um bildgebende Verfahren geht, wie das so schön heißt. 😉

Schließlich untersuchte mich der Arzt, drückte und drehte an meinem Knie und Bein herum, nachdem er die Röntgenaufnahmen betrachtet hatte. Natürlich knackte und knirschte da … nichts. Der Arzt sah mich an und sagte: „Schöne Beine, aber nichts Außergewöhnliches zu erkennen, Knie in Ordnung, Rest auch. Wahrscheinlich passiert das immer, wenn Sie die Knie beugen?“ – „Ja, und es nervt!“ – „Glaube ich Ihnen. Aber es ist im Grunde alles in Ordnung. Keine Kniebeugen machen, nicht in die Hocke gehen, nicht hinknien. Wenn es schlimmer wird, kommen Sie wieder. Ansonsten: Lassen Sie’s knacken!“ Und er kniff mir ein Auge zu, und ich lachte pflichtschuldig und kniff zurück. Na, toll! Wahrscheinlich hält mich zumindest der eine Teil meiner orthopädischen Praxis für durchgeknallt – aber bei dem knarren die Knie sicher auch nicht. 😉

Aber entgegen den vorherigen Terminen dort wurde wenigstens nichts Übles entdeckt, und es sollen mir auch keine Spritzen in knochenreiche Regionen gegeben werden. Ich habe dort schon Schlimmeres erlebt. Ich werde also künftig einfach nicht mehr hinhören und -fühlen, wenn ich das linke Knie beuge und die Treppen hinabsteige. Am besten wird sein, ich singe einfach: „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“, sobald ich das nächste Mal die Treppe hinabknarre … 😉

Wenn heute eine Fee käme …

… und mir sagen würde: „Liebe Ali, du hast drei Wünsche frei – was auch immer du dir wünschst: Es wird in Erfüllung gehen“, würde ich zunächst sicherlich meinen Augen und Ohren nicht trauen, mir erstere reiben und dann – wäre die gute Fee noch immer da – völlig überwältigt als erstes rufen: „Eine Reise die gesamte Panamericana entlang – von Alaska bis Feuerland! Eine reibungslose Reise, ohne Probleme!“

Als zweites – denn inzwischen hätte ich die initiale Überraschung überwunden – würde ich sagen: „Dauerhafte Gesundheit, verbunden mit dem wirtschaftlichen Hintergrund, mir stets solche Reisen und andere Dinge leisten zu können.“ Nein, ich bin durchaus nicht materialistisch eingestellt, aber es lebt sich einfach leichter, wenn man sich keine Gedanken um Geld machen muss, und bei mir handelt es sich mehr um Sicherheitsdenken als um materialistisches Gedankengut. 😉 Und den dritten Wunsch verrate ich ganz gewiss nicht (er ist eigentlich auch der erste – die Panamericana kommt im Grunde erst auf Platz 3). 😉

Ich reise sehr gern, und ich lerne sehr gern neue Länder und Menschen kennen. Auf meiner bucket list, was das Thema Reisen anbelangt, steht eine Region dieser Erde auf Platz 1: Südamerika.

„Schuld“ daran ist der jüngere Bruder meiner Mutter: Onkel Christoph. Denn er – stets eine Art „Weltenbummler“ gewesen – ging als Expat für fünf Jahre nach Ecuador, lebte und arbeitete dort als Lehrer in Guayaquil an der dortigen deutschen Schule. Damals war ich etwa elf, zwölf Jahre alt – und ich las fortan alles, was mir über Südamerika in die Finger kam. Mein Onkel und ich pflegten überdies einen regen Briefkontakt per Luftpost (leider gab es damals noch nicht die Möglichkeit, E-Mails zu schicken, aber die Freude über einen Luftpostbrief war wahrscheinlich größer als die Freude über eine Mail). Er schickte mir Fotos, beschrieb das Leben dort sehr interessant, reiste während der dortigen Ferien nach Peru, nach Bolivien, Kolumbien, Chile … Ich war angefixt – und diese Faszination hat mich nie wieder verlassen. 😉

Onkel Christoph lud mich mehrfach nach Ecuador ein. Aber ein inzwischen dreizehn-, vierzehnjähriges Mädchen allein nach Südamerika zu schicken, fanden meine Eltern nicht so toll, und ich schmollte damals. 😉 Und dann war die Expat-Zeit vorbei.

Vorbei aber nicht die Faszination meinerseits. Und noch heute reizt mich diese Region der Erde sehr, und eine Reise die gesamte Panamericana entlang reizt mich ganz besonders, denn auch in Nordamerika gibt es eine Region, die ich sehr gern besuchen würde: Alaska. Und dann durch beide Teile des Kontinents hindurch. Von Alaska bis Feuerland. Und natürlich durch Patagonien.

Onkel Christoph lebte danach als Expat auch noch einige Jahre in Shanghai. Das hat mich allerdings nie so gereizt wie Südamerika. Keine Frage – Asien ist auch sehr interessant, aber nicht die Region auf der Welt, die mich über Gebühr reizt. Da hat ja jeder offenbar seine ganz eigenen Vorlieben. Außerdem ist Spanisch sicherlich leichter zu erlernen als Mandarin oder gar Wu. 😉 Und was Onkel Christoph mir aus Shanghai schrieb, gefiel mir – sehr tierlieb – überhaupt nicht.

Wahrscheinlich sollte ich doch besser Lotto spielen und auf mein Glück hoffen, denn eine Fee wird sicherlich nicht vorbeikommen. Und wenn doch, sollte ich meine Wünsche noch einmal abändern, denn Reisen in die Tropen beinhalten auch die Akzeptanz der dortigen Insekten, Spinnen und sonstiger Tiere – und da musste ich schon in der Dominikanischen Republik sehr viel Selbstbeherrschung mitbringen, denn in den Tropen gibt es ganz viele Insekten, die zwar von ihrer „Grund-Machart“ her auch hier bekannt sind – nur halt dort viel größer und wirklich furchteinflößend.

Unvergessen in der DomRep: der Abend, als ich mit leichtem Fieber und Bronchitis – eindeutig durch die eiskalt eingestellte Klimaanlage entstanden – im Bett lag, während Frank zur Bar gehen wollte. Kein Problem – er musste ja nicht im Zimmer bleiben, nur weil ich kränkelte. Ich bin da im Allgemeinen großzügig. Als er sich gerade zum Gehen wandte und schon an der Zimmertür stand, hörte ich ein merkwürdiges, „vielstimmiges“ Geräusch von rechts neben dem Bett, und als ich hinsah, traf mich fast der Schlag: Etwa zwanzig riesige Viecher saßen da – offenbar eine besonders große Zikadenart. Ich sagte, um Ruhe bemüht: „Frank, du kannst noch nicht gehen.“ – „Wieso?“ – „Ich bleibe hier nicht allein, wenn das hier mit mir im Raum ist.“ – „Was denn?“ – „Hörst du das nicht? Komm mal ums Bett herum.“

Er tat es und freute sich nicht. „Wie soll ich die denn beseitigen?“ – „Mir völlig egal – tot oder lebendig, die Viecher müssen weg! Ich bleibe hier nicht allein, wenn die im selben Raum sind wie ich!“

Die gigantischen Zikaden, die übrigens als „Singzikaden“ bekannt sind und vor dem Bett saßen, sorgten dafür, dass ich wie schockgefrostet im Bett saß. Der Name kommt nicht von ungefähr – die etwa zwanzig „kleinen“ Musiker begannen auch gerade schon damit, ihre Instrumente zu stimmen, als Frank gerade das Parterre-Hotelzimmer (mit Terrasse) verlassen wollte. Wie gut, dass sie das taten, denn ansonsten hätte ich sie ja erst nach Franks Weggang bemerkt… 😉

Sie waren zwischen 7 und 10 Zentimetern lang und kohlrabenschwarz. Vermutlich wollten sie der Kränkelnden, also mir, nett Gesellschaft leisten und ein kleines Konzert darbieten. Ich bat Frank, langsam und vorsichtig um das Bett herumzukommen – ich hegte die Befürchtung, einer oder gleich mehrere dieser wenig attraktiv wirkenden Gesellen könne bei schnelleren Bewegungen erschrecken und wild herum- und dann mich anspringen oder -fliegen! Ich bin mir sehr sicher, dass ich in diesem Falle die gesamte große Massentourismus-Knastanlage zusammengeschrien hätte. 😉 Nun steht man ja manchmal ganz gern im Mittelpunkt, z. B., wenn man etwas gut gemacht hat. Aber ich würde nur sehr ungern aufgrund eines Angriffs zahlreicher Riesenzikaden auf mich im Mittelpunkt stehen, obwohl mich sicherlich einige Leute um meine kräftige und durchdringende Stimme beneiden würden. 😉

Er schaffte es tatsächlich, die Tiere zu beseitigen, wollte allerdings erst einen meiner Schuhe dazu benutzen („Nicht mit meinem Schuh!“), aber ich muss zu meiner Schande gestehen: Mein Horror vor Insekten hat etwa zwanzig Singzikaden das Leben gekostet … ☹

Ergo: Neuauflage der Wünsche an die Fee, die sicherlich niemals erscheint. 😉

Wunsch 1: Wird nicht bekanntgegeben.

Wunsch 2: Alles Sonstige, was ich mir wünsche, inklusive Gesundheit, Panamericana und so viel anderes.

Wunsch 3: Wozu bei präziser Ausformulierung von Wunsch 1 und 2 noch Wunsch 3?

Okay, wäre ich noch präziser gewesen, hätte es nur eines Wunsches bedurft – die Äußerung hätte sicherlich aber etwas mehr Zeit in Anspruch genommen. Kann ich Wunsch 3 als Reservewunsch offenhalten, falls ich etwas vergessen habe? 😉

Kuba in meinem Auto

Ich glaube, ich habe in meinem Auto, dem kleinen Monty, bis dato noch nie Radio gehört, denn ich nutze immer den CD-Player oder mein Smartphone, um Musik zu hören. Nachrichten will ich vor allem auf dem Weg zur Arbeit gar nicht hören – mir reichen Zeitung, Fernsehen und Internet als Lieferanten dessen, was großenteils die Stimmung sinken lässt. Im Auto höre ich ausschließlich Musik, gern auch lauter.

Heute fuhr ich nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause, dabei „Chan Chan“ mitsingend – und das, obwohl ich gar kein Spanisch kann! 😉 Es handelt sich um ein kubanisches Lied, und ich kann es trotz mangelnder echter Spanischkenntnisse so schön mitschmettern, weil ich dieses Lied liebe und mir den Text eingeprägt habe, nachdem ich es das erste Mal gehört und den Text dann gegoogelt hatte, mitsamt Übersetzung, als ich vor Jahren mit Giacomo die Doku „Buena Vista Social Club“ angesehen hatte, die ich mir kurz darauf auch auf DVD kaufte. Der Text wirkt – wenn man weiß, was da gesungen wird – auf den ersten Blick etwas frugal, ist im Grunde aber sehr poetisch und passt zum melancholisch-schönen Gesamtbild dieses Liedes. 😉

Nun besitze ich zur DVD auch die CD, und das ist zwar gewissermaßen „Mainstream“, aber dennoch kubanisch, poetisch und schön, und die letzten Tage waren so, dass ich dachte, ein bisschen Kuba im Auto könne gar nicht schaden. 😉

Auf Kuba selber war ich noch nie. Aber auf der nächsten Insel südöstlich davon. Vor -zig Jahren. Ich hatte gar nicht hingewollt, da auf dieser „geteilten Insel“, zumindest in ihrem östlichen Staat, eher Massentourismus angesagt ist. Aber mein damaliger Freund wollte unbedingt hin.

Wir wollten endlich einmal zusammen Urlaub machen, damals in Aachen. 😉 Frankie war berufstätig, ich noch Studentin. Er meinte: „Du machst einen Vorschlag, und ich mache einen Vorschlag.“ Das klang fair, und ich schlug Cornwall vor. England. Ich liebe England. Da Cornwall aber teuer ist und ich finanziell schlechter gestellt war als Frankie und mein durch Jobben verdientes Geld so gerade und nur ganz knapp gereicht hätte – und das für nur eineinhalb Wochen! – und er großzügig meinte, er würde dann für uns beide zahlen, er obendrein meinte, im März nach England zu reisen, sei doch ziemlich gruselig, obwohl ich den Golfstrom und die Palmen in Teilen Cornwalls erwähnte, wurde es dann – tätää! – die Dominikanische Republik, kurz: DomRep. Ein Kontrastprogramm, das kontrastreicher nicht hätte sein können. Frankies bester Freund, mit dem ich nicht so harmonierte, weil ich Aufschneider nicht so mag, war ein großer Fan, und Frankie vertraute seinem besten Freund blind. Offenbar mehr als mir, dabei bin ich durchaus vertrauenswürdig. 😉

Da aber Urlaub wirklich notwendig war und wir zusammen reisen wollten, sagte ich ja, obwohl mir das Urlaubsmodell nicht so gut gefiel. Aber ich bin durchaus kompromissfähig, und Frankie meinte: „Und wenn es dir wirklich absolut nicht gefällt, reisen wir da nie wieder hin.“ Okay. Haben wir auch nie wieder getan.

Ich gebe zu, es reizte mich ja schon ein wenig, auf die „Großen Antillen“ zu reisen – aber musste es ausgerechnet die Dominikanische Republik sein? Dann doch lieber Kuba – das hätte wenigstens Stil! Aber davon wollte Frankie gar nichts wissen, obwohl ich ihm wiederholt ganz reizend – und natürlich völlig ohne Hintergedanken – Guantanamera vorsang (den Text kann ich ebenfalls ohne nennenswerte Spanischkenntnisse auswendig) und er es auch sehr schön fand und meinte, seine vorherigen Freundinnen hätten im Gegensatz zu mir nicht singen können – und auch nicht kochen. Ich gab zurück, er solle sich weniger mit Gregor treffen, denn dessen Möchtegernmacho-Art färbe inzwischen ab. 😉

Zweieinhalb Wochen vor unserem Flug in die DomRep wurde ich plötzlich krank – eine richtig fiese Angina hatte mich erwischt, und das so schlimm, dass ich nachts kein Auge zutun konnte und mir vor jedem Schluck Wasser graute, so weh tat es. Fieber hatte ich auch nicht zu knapp, und ich sah den Urlaub schon scheitern.

Das Grauen dauerte etwas über eine Woche an, aber es zeichnete sich ab, dass ich würde reisen können. An dem Tag, da ich mich erstmalig meines Bettes fieberfrei enthob, fiel mir schlagartig Furchtbares ein: Reisepass! Ich würde einen Reisepass brauchen! Und meiner, den ich aus der linken Schreibtischschublade holte, war seit einem Jahr abgelaufen! Zitternd und mit immer noch rauher Stimme rief ich beim Aachener Einwohnermeldeamt an und schilderte mein Problem. Kein Problem, beschied man mir, ich solle mitsamt abgelaufenem Pass einfach vorbeikommen, um mir einen Notfallpass ausstellen zu lassen. So geschah es, und mitsamt Notfallpass und abgelaufenem Pass – der musste dabei sein, zumal ein unbegrenztes Visum für die Vereinigten Staaten darin prangte – trat ich zusammen mit Frankie die Reise an.

Der Flug war problemlos, die Landung etwas härter, aber wir waren endlich in Puerto Plata, und unser Gepäck war auch auf dem Gepäckband. Mit selbigem durchquerten wir den wunderbar klimatisierten kleinen Flughafen, denn davor sollte der Zubringerbus warten.

Und da stand er auch schon! Wir strebten nach draußen, die gläsernen Schiebetüren öffneten sich – und wir prallten gegen eine schier undurchdringliche „Wand“ aus feuchtheißer Luft! O Gott! Nun ja, wir hatten ja damit gerechnet (womit auch sonst?), aber wenn man aus dem noch winterlich kalten Aachen kam, war es schon ein ziemliches Kontrastprogramm.

Der Bus war zum Glück aber auch hervorragend klimatisiert, und er fuhr uns und andere Pauschaltouristen über Land.

Ich weiß noch, dass ich mich fast bis auf die Knochen schämte, als ich sah, woran wir vorbeifuhren: Wellblechhütten, bis zum Boden durchhängende Überlandleitungen, allerdings ummantelt mit Kunststoffisolierung, an deren „Produkt“ die Bewohner der wellblechernen Verschläge jedoch gar keinen Anteil hatten, denn dort wurde auf offenem Feuer in Kesseln gekocht. Vor den Wellblechhütten tummelten sich Ziegen, Schweine und schmutzige Kinder sonder Zahl. Ich kam mir wie eine ignorante Erste-Welt-Idiotin vor, die all das in Kauf nimmt – Hauptsache, der Urlaub ist günstig und gut, wenn man nur die Augen vor allem verschließt. Ich hatte ja ohnehin nicht dorthin gewollt, war aber überstimmt worden. Als ich Frankie darauf aufmerksam machte, dass ich mir wie ein Arschloch vorkäme, meinte er nur: „Ja, aber diese Leute profitieren doch vom Tourismus!“ – „Das ist nicht dein Ernst! Du glaubst doch nicht im Ernst daran, dass die Bewohner dieser Wellblechverschläge vom Tourismus profitieren! Die sehen doch keinen roten Heller! Die sehen hier dauernd die klimatisierten Touri-Busse vorbeifahren und leben weiterhin im Elend – sieh dich doch um!“

Wir kamen nicht bester Stimmung in unserem „Touristenbunker“ in Cabarete an, einem mehrere Hektar großen, mit sehr hohen Zäunen eingefassten Areal mit vielen drei- und mehrstöckigen Häusern, die die Touristenzimmer enthielten, Bars, Speisesälen, „Restaurants“, Fitnessräumen, Pools, Liegewiesen, Pferdeställen, Tennisplätzen und all dem an, was man westlichen Touris mindestens anbieten muss. Natürlich auch Animateuren, einer Disco und sonstigen Dingen, auf die man – zumindest ich – im Urlaub gut und gern verzichten kann.

Als erstes tackerte man uns ein grünes Armband ans rechte oder linke Handgelenk, damit man auch gleich erkennen könne, dass wir Einwohner dieser „Anstalt“ waren. Fast „all inclusive“, denn wir hatten uns dazu entschlossen, zumindest mittags anderswo zu essen. Die Vollpensionisten, die das Areal gar nicht verlassen wollten, hatten rote Armbändchen. Und: Damit man uns, sollten wir das von verschiedenen Security-Mitarbeitern mit Maschinenpistolen bewachte Areal temporär verlassen wollen, auch problemlos wieder einlassen und nicht gleich über den Haufen schießen würde.

„Super!“ sagte ich zu Frank. „Warum haben wir uns nicht gleich in Deutschland einknasten lassen? Das wäre sicherlich preisgünstiger gewesen. Wir hätten nur ganz dilettantisch eine Tankstelle überfallen müssen. Die Esso-Tankstelle am Europaplatz, zum Beispiel. Nun, immerhin haben wir Freigang!“ Und ich hob den linken Arm, an dem das grüne Bändchen prangte und lachte dreckig. Ich kann leider manchmal nicht aus meiner Haut. 😉 Frank war sauer: „Was hast du denn zu meckern – ist doch alles gut organisiert.“ – „Ja, so kann man es natürlich auch sehen, wenn man ohnehin daran glaubt, dass die arme Bevölkerung in Wellblechhütten ganz sicher an den Einnahmen durch den Tourismus partizipiere. Allein diese MP-Securities irritieren mich. Was, wenn die da nicht stehen würden? Ich meine, das ist doch völlig surreal!“ Kaum angekommen und mit grünen Bändchen versehen, gab es schon Krach! 😉 Aber mich hatte bereits die Überlandfahrt mit dem Bus nachhaltig verstört, obwohl ich schon nicht viel Positives erwartet hatte. Ich bin mir sicher, Frank ging es ähnlich, aber da er unbedingt in die DomRep gewollt hatte, konnte er nicht anders.

Nachdem wir ausgepackt hatten, begaben wir uns relativ zügig in den Speisesaal, aßen zu Abend, und danach suchten wir eine Bar auf dem Gelände auf, die nicht ganz so überlaufen war. Dort bediente eine junge Frau. Da Frank noch weniger Spanisch als ich spricht, musste ich bestellen, und obwohl ich nur frugale Spanischkenntnisse präsentieren konnte, freute sich die junge Einheimische sehr, dass sich jemand bemühte und nicht von ihr verlangte, Deutsch zu verstehen, und da sie des Englischen einigermaßen mächtig war, unterhielten wir uns sehr nett, sie gab uns Tipps und wollte das Trinkgeld erst nicht annehmen, bis ich – manche Redewendungen und Floskeln hatte ich schnell gelernt – sagte: „Esta bien así!“ Sie bedankte sich erst auf Spanisch, dann auf Englisch, als sie mein freundliches Lächeln sah, das besagte, dass ich kein Wort verstünde, und sagte, sie freue sich sehr darüber, aber das sei nicht nötig, da wir so nett zu ihr seien. Das sei für sie schon Dank genug. Ich starrte sie an wie eine Erscheinung und dachte: „O Gott, was muss sie denn sonst alles mitmachen!“ Dann sagte ich, es sei uns eine Freude, und wir würden auch sehr gern wiederkommen. Es sei nett gemeint, und sie würde uns eine echte Freude machen, würde sie es einfach als Anerkennung für eine so nette Bedienung sehen. Da strahlte sie und nahm das Trinkgeld an, meinte jedoch, wir seien ihr auch ohne dies stets sehr willkommen, denn wir würden so nett mit ihr sprechen.

Ziemlich verstört ging ich zu Bett und dachte: „Der Tourismus scheint die Dinge hier in der Tat nicht besser zu machen. Die junge Frau freute sich einfach, dass es Menschen gibt, die zwar kein Spanisch sprechen, es aber zumindest versuchen, und die ihr nicht gleich sonstwohin grabschen.“

Am nächsten Abend gab sie uns gleich ein Bier aus. Das wollten wir zwar nicht, wollten sie aber auch nicht vor den Kopf stoßen. Sie freute sich immer, wenn sie uns sah und meinte, solche deutschen Touristen hätte sie noch nie erlebt – so nett. Und sie gab uns Tipps, was wir uns unbedingt ansehen müssten, ebenso, wohin wir besser nicht gehen sollten.

Am dritten Morgen – ich kam von einem Ausritt zurück und hatte gerade den für Touristen angeratenen Rum zu mir genommen, der Montezumas Rache entgegenwirken soll und dies offenbar auch tat, wenn man nur daran glaubte, obwohl ich es gruselig fand, um 11 Uhr am Vormittag so etwas zu mir zu nehmen, wurde ich Augen- und Ohrenzeugin eines schrillen Szenarios: Ein prolliger deutscher Tourist hatte sich einen einheimischen Mitarbeiter „gekrallt“ und laberte diesen in sehr frugalem Englisch zu, dieser solle mit aufs Zimmer kommen, um den Fernseher so einzustellen, dass der deutsche Touri – kam aus Hannover – das nächste Formel-1-Rennen mit Michael Schumacher sehen könne! „Maikel Shoemaker! Formel 1! Ju kamm wiss mi tu mei Ruum!“ Und schon griff er den Mitarbeiter beim Arm und wollte ihn wegzerren.

Ich war derart entgeistert, dass ich stehenblieb. Der Angestellte der Hotelanlage war sichtlich irritiert und starrte hilfesuchend zu mir herüber, und ich rief: „Excuse me, I’ve inadvertently and – moreover – unwillingly overheard your conversation. To my mind, this sir would like you to come to his room in order to select and fix some television channel so that he is able to watch the upcoming Formula 1 car race with Michael Schumacher. Don’t ask me why he travels to the other end of the world for that. Whatever, he is harmless and does not intend to do you any harm. I do not understand either why he has to come here to watch this car race – and he does not belong to me; I just wanted to help.“ Der Mitarbeiter strahlte mich an und kniff mir ein Auge zu, während der deutsche Tourist mir zurief: „Ey, stellt der mir jetzt den Sender ein?“ Ich ließ den Deppen einfach stehen, während der einheimische Mitarbeiter einen bedauernswerten Untergebenen instruierte, mit dem deutschen Touri aufs Zimmer zu gehen, um den entsprechenden Sender einzustellen. Da drehte ich mich allerdings noch einmal um und rief dem Touri zu: „Ein Trinkgeld ist auf alle Fälle angemessen!“ Darauf rief der Idiot zurück: „Ey, is alles inklusive!“ Ich fühlte mich schon morgens um 11 erschöpft – so ähnlich hatte ich mir immer die Hölle vorgestellt. 😉

Es gab aber auch sehr nette Touris dort. Die meisten dieser Sorte machten auch erstmalig Urlaub unter solchen Bedingungen. (Ja, auch wenn ich total motzig klinge: Ich war doch immer nett und freundlich zu den anderen Menschen, wenn mir auch die Bedingungen dieses Urlaubs nicht ganz so gut gefielen. Immerhin schien die Sonne.)

Sogar einen Abstecher in die Karibik machten wir, und das Meer ist wirklich wunderschön türkis, warm und traumhaft. Vor allem, wenn man sich die vielen deutschen und englischen Touris wegdenkt (und trotz des schlechten Rufs der englischen Touris fand ich die deutschen schlimmer). 😉 Ebenso die geschäftstüchtigen Strandverkäufer, die einen „chica linda“ nennen – zumindest damals 😉 – und einem ratz-fatz -zig billige Ketten um den Hals schlingen, wenn man quasi „unbewacht“ am Strand liegt, weil der zugehörige Freund sich gerade in einem Strandpavillon seine Badehose anzieht. Ich musste wirklich energisch werden, mir die Verkäufer vom Leib zu halten, war aber dennoch froh, als Frank endlich ankam, denn just da hatten mich auch zwei „Ich flechte dein Haar ratz-fatz in zahlreiche kleine Zöpfchen, egal, ob es dir steht oder nicht“-Mädels entdeckt. Eine hatte sogar schon nach meinen Haaren gegriffen und bewunderte sie, weil sie blond waren, während ich zweisprachig „Nein!“ sagte („No!“ englisch und „No!“ spanisch, allerdings lächelnd und im ersten Falle mit „thank you“, im zweiten mit „gracias“ versehen). 😉 Immerhin war ich erfolgreich, während mehrere weibliche Touris, die den Ausflug mitgemacht hatten, wohl weniger hartnäckig gewesen waren. Speziell an eine Deutsche erinnere ich mich, die ohnehin schon recht „spack“ aussah, mit den zahlreichen, winzigen und enganliegenden Zöpfen auf dem Kopp fortan aber einem Schwein glich. Sorry, aber anders kann man das kaum sagen – mir hätte es auch ganz und gar nicht gestanden. Sie war aber offenbar noch stolz auf ihre „einheimische“ Frisur (ich muss wahrscheinlich nicht erwähnen, dass keine einzige Einheimische so herumlief 😉 ).

Ich mag diese „Touristenbunker“ nicht. Aber das Land mochte ich, ebenso die Menschen dort. So nett und gastfreundlich, wenn man außerhalb des „Knasts“ in Kontakt mit ihnen kam. Man musste manchmal einfach nur nach dem Weg fragen, in defizitärem Spanisch und mit einzelnen Worten,  und wurde schon willkommen geheißen, fand sich in einem Gespräch wieder, das trotz Verständigungsschwierigkeiten und dank viel Gestik und rudimentärem Spanisch- wie etwas besseren Italienischkenntnissen dann doch zu einer Art Konsens führte. Frankie und ich saßen jedenfalls mehrfach mit Getränken und Speisen in den Heimen bzw. Gärten Einheimischer. 😊 Und obwohl wir wahrscheinlich über völlig unterschiedliche Dinge sprachen und einander zumindest rein verbal nicht optimal verständigen konnten, schien die Chemie so zu stimmen, dass man uns nur ungern wieder ziehen ließ. Glücklicherweise sind Spanisch und Italienisch in mancher Hinsicht recht ähnlich, und so verstand ich auch einiges – zumindest so viel, dass man uns wohl mochte. 😊
Nur wenn man beim Frühstück, gefragt von einer vornehmlich hispanophonen Kellnerin, ob etwas fehle, was man noch versteht, nach burro verlangt, muss man sich darauf gefasst machen, dass man angesehen wird, als habe man etwas Unanständiges gesagt. Auf einen sogenannten false friend hereingefallen, denn burro ist Butter im Italienischen, im Spanischen jedoch Esel. Aber seit diesem Fauxpas brachte die junge Frau immer von sich aus Nachschub an Butter an den Tisch, wenn sie uns auszugehen schien, und sie sagte immer „más burro“ und kniff mir ein Auge zu. Unverlangt, aber sie hatte verstanden, was ich ihr in einem gruseligen Gemisch aus Italienisch und Spanisch erklärt hatte, nachdem mir das richtige Wort – mantequilla – wieder eingefallen war: dass ich zwar Italienisch sprechen könne, leider aber kein Spanisch. Sie freute sich und erklärte in sehr gebrochenem Englisch mit Spanisch, dass sie das sehr nett finde. Ich erklärte ihr jeden Morgen, wenn sie Dienst hatte und mit Nachschub-Butter an unseren Tisch kam, dass sie das nicht tun müsse. Natürlich bekam sie ein Trinkgeld. 😉

Nie wieder Urlaub in einem Touristenknast, aber abgesehen davon erinnere ich mich doch ganz gern daran. Und als wir nach Aachen zurückkehrten, wo es schneite, wurde ich öfter auf meine eigentümliche Bräune angesprochen: Ich bin blond und relativ hellhäutig mit Sommersprossen. Ich kam – völlig ungewohnt – relativ gebräunt von dort zurück, in besonderem Maße jedoch auf dem Nasenrücken, von dem sich wie zwei Flügel zwei besonders gebräunte „Rallyestreifen“ bis zu den Schläfen zogen. Sah man genau hin, sah man, dass diese Streifen aus hunderten, kleinen Sommersprossen bestanden. Das habe ich erst- und einmalig beim Urlaub in der DomRep „erlitten“. 😉 Sah schräg aus. Wahrscheinlich meine Strafe für viel Lästerei über den „Touristenknast“. 😉 Mein Ex Frankie war zwar nach Rückkehr von dort krank, aber keineswegs gebräunt – gegen ihn sah ich sehr exotisch aus.

Unser nächster gemeinsamer Urlaub fand auf Texel statt, obwohl ich Kuba vorgeschlagen hatte. Das wollte Frankie aber nicht – das sei ja wie eine Provokation, da die Leute dort arm seien. Ah, ja  … 😉 Immerhin gibt es auf Texel nicht so grauenerregend große Insekten – und auch keine Geckos, die, wenn auch freundlich gesinnt, einem nachts übers Gesicht latschen. 😉

Und bevor ihr mich für einen furchtbaren weiblichen Motzkopp haltet: Ja, mir war im Grunde klar, dass das kein Urlaub werden würde, den ich mir freudig lachend sofort aussuchen würde. Mir war klar, worauf ich mich einließ, zu Hause zumindest in Ansätzen. Und da hatte ich mich mit den „Ansätzen“ schon abgefunden, wenn ich mich auch wiederholt fragte, ob das wirklich eine gute Idee sei. Ich hatte berechtigte Zweifel. Vor Ort war es aber noch schlimmer, als erwartet. Und da ich bisweilen nur ganz schwer meinen Mund halten kann, quoll es vor Ort dann definitiv aus mir heraus, denn vom heimischen rosa Sofa aus sieht Elend weniger schlimm aus. Ich bin keine Sozialromantikerin, versuche, Dinge meist realistisch zu sehen. Dort musste ich sie sogar realistisch sehen – sie waren nicht zu übersehen. Und ich fand die Gegensätze ziemlich bizarr. Das überschattete den Urlaub auch – die Wellblechhütten waren nicht so leicht zu vergessen, auch wenn man am Pool lag und einen frischen Ananassaft schlürfte. 😉  Selbst wenn man die Augen schloss, hörte man doch so manchen Touri die einheimischen Angestellten herumkommandieren, die dort wahrscheinlich den Lebensunterhalt für sich und ihre Familie verdienten, und das beileibe nicht einfach.

Das Land an sich ist wunderschön, die Bewohner liebenswert. Aber unter diesen Umständen noch einmal dort Urlaub machen? Wohl eher nicht.

Was ich auf alle Fälle voller Begeisterung mitgenommen habe, ist die Art der Musik dieser Region und die Zuneigung zu den Menschen dort – beide einfach nur sympathisch und liebenswert. Und deswegen höre und singe ich derzeit auch „Chan Chan“ im Auto. 😉

Alis Urlaub dieses Jahr: total „exotisch“! ;-)

Ich gestehe, ich lebe derzeit auf meinen Jahresurlaub hin, der ab Mitte September seinen Lauf nehmen soll, und dies bis Anfang Oktober. Eigentlich wollte ich dann nebst Schwester in Polen sein und diesmal Danzig, Gdánsk, und eher nördliche Gefilde dieses Landes besuchen, aber dann kam – genau! – Corona, was an euch sicherlich nicht unbemerkt vorbeigegangen ist. 😉

Letztes Jahr urlaubstechnisch schon ohne nennenswerten Auslandsaufenthalt vergangen, und das, obwohl ich sehr gern andere Länder und Kulturen kennenlerne. Dieses Jahr nun offenbar auch.

Das letzte halbe Jahr war zwar einerseits aufregend, zumal ich im März/April einer diffusen Erkrankung wegen zwei Wochen aus dem Verkehr gezogen wurde – bis heute weiß ich nicht, ob es ein harmloser grippaler Infekt oder nicht doch die Erkrankung, deren Namen man kaum noch hören möchte, wenn auch immer noch präsent, war. Andererseits aber ist Home-Office beileibe nicht so toll, wie sich manch Mitmensch das vorstellt, der diese Art des Arbeitens wahrscheinlich nicht kennt.

Ich ertappe mich jedenfalls immer öfter dabei, dass ich im Home-Office sitze und arbeite und irgendwann nachmittags nach -zig Telefonaten, bearbeiteten Mails und anderen Dingen, die anliegen  – aufgrund der Rufumleitung in besonders „guter“ Qualität – auf die Uhr schaue und dann denke: „Bald ist Feierabend – und dann fährst du nach Hause!“ Und dann wird mir klar: Hey – ich bin ja zu Hause! 😉 Aber es fühlt sich gar nicht mehr so unbedingt danach an – die Grenzen verschwimmen, und ich habe mich schon dabei erwischt, dass ich am späten Abend meine Dienstmails checkte, um nur ja nichts zu verpassen, nur ja niemanden zu kurz kommen zu lassen und allen und allem gerecht zu werden. Im Home-Office arbeite ich teils länger als im echten Büro, bin im Grunde immer in Bereitschaft.

Ich dachte erst, dies sei mein ureigener Fehler, aber dann hörte ich, dass es auch Kollegen so gehe, was einerseits beruhigend war. Andererseits finde ich beunruhigend, dass ich nachts hochschrecke und: „O Gott! Ich habe Frau Müllers Antrag noch gar nicht bearbeitet!“ im Hinterkopf habe. Immerhin nehme ich meine Arbeit ernst, aber schön ist anders. 😉

Liebenswert aber meine „Klienten“, die, wenn wir einander trotz diverser Interferenzen und „Hallo! Hallo? Frau B.? Sind Sie noch da? Hören Sie mich?“- ihrer- und „Bleiben Sie dran, bitte – es liegt an der Rufumleitung! Legen Sie nicht auf! Hallo? Hören Sie mich?“-Rufen meinerseits sehr geduldig bleiben und sich stets sehr herzlich bedanken, wenn wir das Gespräch – ich meist mit unnatürlich geneigtem Haupt, weil so die Verbindung am störungsärmsten war – dann doch erfolgreich beenden können. 😉 (Trotz dieser Misshelligkeiten liebe ich meinen Job, und ich rufe im Zweifel auch zurück. 😊)

Aber: Ich bin ganz offenkundig und definitiv urlaubsreif. Ich habe diese Feststellung immer gehasst und meinerseits ungern benutzt, weil ich Kollegen hatte, die ständig „urlaubsreif“ waren, obwohl sie erst zwei Wochen zuvor aus dem mehrwöchigen Urlaub zurückgekommen waren, während man selber schon fast auf dem Zahnfleisch ging, da man wirklich lange keinen Urlaub gehabt hatte.

Mitte September endlich soll es soweit sein. Mein letzter Urlaub im Juli war keiner, und dies aufgrund einer kieferchirurgischen OP, deren Folgen dafür sorgten, dass ich keineswegs entspannen konnte. Wer achtet schon gern unentwegt darauf, ob eine ungewollt bei OP eröffnete und dann zugenähte Kieferhöhle auch wirklich dicht sei oder nicht noch weiteres Notfall-Nahtkunstwerk nötig sei? Wer hat gern aufgrund dessen wiederholt Nasenbluten und ernährt sich gern von eher breiigen Gerichten oder durchgängig Suppe?

Also drei Wochen Urlaub im September/Oktober, und die letzte davon ganz „exotisch“. Denn da verreise ich – es sei denn, Corona macht einen Strich hindurch. Doch wenn alles gutgeht, verlasse ich in der Tat meinen derzeitigen Lebensmittelpunkt. 😉 Und das in Richtung einer Gegend, die ich erst- und – bis dato – letztmalig im zarten Alter von zwei, drei Jahren besucht habe: das Allgäu.

Zwar waren wir damals in einer völlig anderen Gegend dieses in meiner Erinnerung wunderschönen Landstrichs als der, die ich künftig heimsuchen werde, aber der damalige Aufenthalt ist und bleibt unvergessen. 😊

Die Unterkunft, die wir gebucht hatten, war entgegen der Anpreisung extrem schlicht. Ein knapp dreijähriges Kind mit einem Plumpsklo zu konfrontieren, dessen Sickergrube meterweit unter dem Ort des eigentlichen Geschehens liegt, war – zumindest für mich damals – unzumutbar. Die gesamte Unterkunft extrem frugal.

Meine Oma Margareta, der ich offenbar ähnlicher bin, als gedacht, trug ihr Herz immer auf der Zunge, und so ließ sie, als wir gerade des frugalen Frühstücks in der Unterkunft wegen einige Hörnchen in der nächstgelegenen Bäckerei kauften, um wenigstens etwas im Magen zu haben, deutliche Worte in eben jener Bäckerei los, als sie gefragt wurde, wo wir denn untergekommen seien. Doof war, dass die Bäckereibesitzerin die Schwägerin unserer Vermieterin war, und so kam es, dass wir am nächsten Morgen, meinem dritten Geburtstag, hochkant aus der Pension flogen bzw. hinausgeworfen wurden. Kurz nach meinem Geburtstagsständchen – immerhin hatte die „alte Frau Geißentreter“, wie sie im Ort genannt wurde und ein echter Kinderschreck war, so lange noch abgewartet. Habe ich ihr nie vergessen – immerhin ließ sie das Geburtstagsständchen noch zu, bevor wir überstürzt ausziehen mussten. 😉

Richtig doof war, dass der Ort im Prinzip untereinander verwandt bzw. so gut befreundet war, dass es schwierig war, eine neuerliche Unterkunft zu finden. Doch netterweise gab es die Familie Vogler, die uns aufnahm. Auf einem Bauernhof, für mich als Kind höchst attraktiv. Da gab es Kühe, Kälbchen – und auch einen gemeingefährlichen Stier, der eines Morgens ausbrach. Also echte Action! 😉 Zum Glück konnte der Stier eingefangen und wieder eingestallt werden, was mit dem Gewitter in der Nacht zuvor nicht gelungen war. Unvergessen ist dieses Gewitter. Ich habe keine Angst vor Gewitter, aber dieses ist mir sehr unangenehm in Erinnerung geblieben – es war so laut, es knallte erschreckend und wirklich bedrohlich. Lag wohl an den Bergen drumherum. 😉

Unvergessen aber das Frühstück am nächsten Morgen, als eine der Vogler-Töchter in die Küche kam und ihre Mutter fragte: „Mama? Wo isch mei Rrreegedach?“ Draußen regnete es, und den „Rrreege“-Teil hatte ich noch verstanden. Meine Mutter, zwar keine gelernte bayerische Schwäbin, aber sehr sprachbegabt, klärte mich auf, die Resi vermisse ihren Regenschirm. Ich lachte über das „Regendach“, und da lachten auch Resi und ihre Mutter, und dann durften wir auch bleiben – man hatte uns zunächst nur für eine Nacht aufgenommen, und das auch nur unter Vorbehalt, weil wir wohl aufgrund der durchaus berechtigten Beschwerde über „die alte Frau Geißentreter“ bzw. ihre Pension verbrannte Erde hinterlassen hatten. 😉

Wir besichtigten von dort aus Schloss Neuschwanstein, ein, wie meine Mutter meinte, extrem kitschiges Schloss. Der Museumsführer, der uns durchs Schloss führte, war sehr nett, aber nach diversen Räumen und Sälen wurde ich müde und ließ mich auf einem Polstersessel nieder, der hinter einer durch ein breites Band gekennzeichneten Absperrung stand – endlich ein Sessel! Als meine Mutter das sah, kam sie direkt angerannt und rief: „Sofort aufstehen! Du kannst dich doch nicht einfach dahinsetzen!“ Doch der Schlossführer sagte zu ihr und zu mir: „Das kleine Mädle darf da sitzen – die Kronprinzessin hätte sicherlich nix dagegen. Das Mädle ist doch noch so klein und müde, und da hätte die Marie sicher nix dagegen.“ Der netteste Museumsführer, den ich je kennengelernt habe, und ich kann mich noch heute daran erinnern, was besonders erstaunlich ist. 😉

Das Allgäu habe ich immer sehr positiv in Erinnerung behalten – mal abgesehen von der „Geißentreter“-Geschichte -, aber ich war seit damals nie wieder dort. Und das, obwohl mein Schwager Allgäuer Schwabe (und damit nicht nur Schwabe, sondern aus Bayern stammend 😉) ist und der Rest meiner Familie aufgrunddessen das Allgäu mehrfach bereist hat. Daher besteht der Rest meiner Familie auch aus Allgäu-Fans. 😉

Ich hatte leider nie Zeit – aber jetzt! 😉 Und ich hoffe, dass dieser Corona-Mist mir keinen Strich durch die Rechnung machen werde.

So sieht es aus – ein extrem „exotischer“ Urlaub dieses Jahr. Wenn ich allerdings an den „Rrreegedach“-Dialog denke, wird es wirklich exotisch. Denn die Dialekte im Allgäu sind bisweilen wirklich krass, und das geht weit über „Regendächer“ hinaus. Aber ich lerne ja gern hinzu, speziell dann, wenn es Sprache(n) anbelangt. 😉

Niemals wieder aber würde ich mich auf Maries, der Kronprinzessin von Bayern, Sessel setzen! Oder doch? Vielleicht so zum Wiedererkennen? 😉

Nein, ich denke, es reicht, wenn ich die Umgebung meines künftigen Aufenthaltsortes erkunde und nicht etwa irgendwelche lange vergilbte Adlige in ihrem Tiefschlaf störe. 😉 (Obwohl mich die damalige Geschichte mit dem Museumsführer noch immer amüsiert: Kinder haben offenbar überhaupt kein Gespür für lange verstorbene Adlige – und das ist auch gut so, denke ich. ;-))

Auf Du und Du mit den Geschöpfen des Waldes ;-)

Im Allgemeinen sind Rehe sehr schöne Tiere, sehr anmutig und liebenswert. Freundlich, hübsch und durchweg positiv laufen oder springen sie ihrer Wege, und es wird nur dramatisch, wenn ein Rehkitz in einen Mähdrescher gerät oder seine Mutter umkommt und das Kitz dann verwaist ist. Das ist sehr traurig, aber im zweiten Falle finden sich zum Glück wenigstens Menschen, die das Rehbaby dann per Hand mit der Flasche aufziehen. Sicherlich nicht der optimale Lebenseinstieg für ein Rehkind, aber besser, als als Halbwaise – der Vater sonstwo unterwegs, der sich naturgemäß ohnehin nicht um seine Nachfahren kümmert – umzukommen. Dramatisch selbstverständlich auch das Erlebnis, das ein Jogger vor einigen Jahren hatte, als er am Waldrand entlanglief und ein brünftiger Rehbock durchs Gebüsch brach, der im arglosen Läufer einen Rivalen sah und ihn umgehend und ohne jedwede Vorwarnung rehbocktypisch attackierte. Glücklicherweise beherrschte der Jogger eine Kampfsportart – ich glaube, es war Taekwondo – und konnte den Rehbock mit einigen gezielten Tritten dazu bewegen, sich in den Wald zurückzuziehen. Ernsthaft verletzt wurde zum Glück niemand, wenn auch der Rehbock sicherlich das Gefühl hatte, sein Gesicht verloren zu haben. Natürlich nur im übertragenen Sinne. 😉

Vor einigen Jahren meinte mein bester Freund Fridolin: „Rehe sind leider offenbar strunzhageldoof!“ Ich rief: „Aber nein – wie kannst du so etwas sagen! Die armen Tiere! Warum sagst du so etwas? Vielleicht sind sie keine Einsteins – aber doof?“

Es geschah, kurz nachdem er mich zu Hause abgesetzt hatte, nachdem ich ihn und seine Frau in Unterfranken für ein paar Tage besucht hatte. Er musste zu einer Messe irgendwo im Rheinland und meinte: „Ich kann dich auf dem Weg zu Hause absetzen.“ Klar, sehr gern – alles besser als eine öde Zugfahrt! Und so geschah es.

Zwei Stunden, nachdem er mich hier abgesetzt hatte, schickte Mona, seine Frau, mir eine SMS: „Ich kann Fridolin nicht erreichen. Weißt du, was passiert ist? Er müsste doch längst in seiner Unterkunft sein.“ Ich schrieb zurück, er habe mich abgesetzt und sei dann weitergefahren. Dann versuchte ich, ihn auf dem Handy zu erreichen. Ohne Erfolg.

Dann kam eine weitere SMS von Mona: „O Gott! Ein Reh ist Fridolin ins Auto gerannt! Sein Tagungshotel ist am Waldrand.“ Ja, da kommen Rehe durchaus vor … Mir wurde ganz anders – mein bester Freund! Ich sah ihn im Rettungswagen, im künstlichen Koma, mit schwersten Verletzungen, das Reh in vollem Lauf durch die Windschutzscheibe geflogen! Nichts ist unmöglich. Ich schickte Fridolin mehrere SMS: „Geht es dir gut?“

Irgendwann rief er mich an: „Ja, ich bin es – es geht mir gut. Das dumme Vieh rennt mir direkt vor dem Hotel seitlich ins Auto!“ – „Ist das Reh verletzt?“ – „Super, Ali! Du fragst nach dem Reh! Aber keine Sorge – ich bin auch unverletzt, und das Reh ist danach in den Wald gerannt. Ich habe eine Riesenbeule im Auto.“ – „O Gott, das arme Reh! Sicher ist es verletzt – so ein heftiger Aufprall! Am Ende hat es ein Kitz und sich mit letzter Kraft hingeschleppt und ist gerade neben seinem Kind verendet! Und das Kleine fiept hilflos neben seiner toten Mutter!“ „Ali! Du hast zu oft Bambi gesehen! Das Tier ist auf allen vier Beinen und ohne zu hinken in den Wald gerannt!“ – „Ja, aber es kann doch innere Verletzungen haben! Und außerdem ist Bambi gar kein Reh, sondern ein Weißwedelhirsch!“ beckmesserte ich.

Fridolin stöhnte und meinte: „Es freut mich, dass du dir solche Sorgen um mich machst.“ – „Ja, aber ich höre ja, dass es dir gut geht. Das Reh …“ – „… ist im Wald. Ich bin sofort ausgestiegen und habe extra nachgesehen, weil es mir auch leidtat, aber da rannte es weg. Sorry, ich kann es nicht anders sagen, aber Rehe sind strunzhageldoof! Und ich wollte auch nur sagen, dass es mir gut geht – da kommt gerade die Polizei, um den Unfall aufzunehmen. Rehe sind schön, aber strunzdumm!“ Das fand ich ein bisschen hart, denn das arme Tier hatte doch sicherlich Angst gehabt, aber ich sagte lieber nichts mehr. 😉

Ich gebe zu, ich habe da etwas emotional reagiert. 😉 In erster Linie war ich froh, dass meinem besten Freund nichts passiert war, und auch für Mona war ich froh, die wohl so richtig Angst gehabt hatte.

Vor etwa fünf Jahren besuchte ich meine Eltern zum Muttertag. Wir saßen auf der Terrasse und fuhren gegen Mittag in den Nachbarort zu einem Restaurant. Auf dem Weg dorthin unterhielten meine Mutter – sie fuhr – und ich uns lebhaft. Mein Vater saß rechts, ich hinten, und sie drehte den Kopf nach rechts in meine Richtung, als ich, die geradeaus auf die Straße blickte, plötzlich schrie: „Bremsen, Mama!“

Denn vor uns stand ein Polizeiwagen quer auf der Straße, quasi als Straßensperre. Rechts davon zwei Autos mit Warnblinkern am Straßenrand. Mama bremste, und wir hielten knapp hinter den Autos, und sie ordnete sich dahinter ein, ebenfalls mit Warnblinker. Ein Polizist lief mit gezückter Dienstpistole auf der Straße herum – was war da los?

Muttern meinte – allerdings im Scherz: „Was geht denn hier ab? Seht ihr, was da los ist? Suchen die jemanden? Wird hier etwa gleich geschossen?“ Und sie lachte, wie man lacht, wenn man mit so etwas nicht wirklich rechnet. Ich starrte nach draußen und sah zwischen den vorderen Autos am Straßenrand etwas hervorragen, das wie ein hingeworfener Sack aussah, der mehrfach zuckte. Was war das? „Ich glaube, da ist ein Tier angefahren worden,“, sagte ich noch beklommen, als wir auch schon einen Schuss peitschen hörten. Wir sahen einander betroffen an – meine ganze Familie ist sehr tierlieb.

Und als die Polizei die Straße freigab und wir langsam an den anderen Autos vorbeifuhren, sahen wir, dass das vordere Auto eine eingedrückte Front hatte. Davor lag ein kleiner Rehbock, der wohl so schwer verletzt worden war, als er über die Straße und dabei in das Auto gerannt war, dass die Polizei nicht erst auf den zuständigen Jäger hatte warten können, sondern das schwerverletzte Tier lieber schnellstmöglich erlöste. Wir fuhren beklommen weiter, und trotz des angepriesenen Rehbratens wählten wir im Restaurant alle instinktiv etwas Vegetarisches, obwohl niemand von uns echter Vegetarier ist.

Heute besuchte ich meine Eltern, zumal meine Schwester zu Besuch war, die recht weit entfernt lebt und endlich einmal wieder zu Besuch war. Wir saßen in der Sonne, tranken Kaffee, aßen später selbstgemachte Pizza, und wir unterhielten uns. Wie wir auf das Thema kamen, weiß ich nicht mehr, nur noch, dass ich sagte: „Toi, toi, toi! Bis dato habe ich glücklicherweise noch nie ein Tier über- oder angefahren. Von Menschen ganz zu schweigen. Aber auch ein über- oder angefahrenes Tier möchte ich mir nicht vorstellen – zum Glück ist mir so etwas bisher nicht passiert.“

Achtet immer genau auf das, was ihr sagt – möglicherweise beschwört ihr eine Art self-fulfilling prophecy herauf. 😉

Denn als ich mich gegen halb neun abends auf den Heimweg machte, hatte ich mitten auf der Bundesstraße eine Begegnung der Dritten Art

Die Sonne stand tief, ich fuhr die erlaubten 70 Stundenkilometer – das Auto vor mir weit entfernt, das hinter mir genauso. Wie gut, denn plötzlich sah ich, wie aus einem Seitenweg zur Linken vor mir ein braunes Tier, dessen Fell in der tiefstehenden Sonne fast gülden leuchtete, auf die Bundesstraße trabte. Es trabte federnd und elegant wie ein edles Dressurpferd in diese überirdisch wirkend beleuchtete Szenerie hinein – voller Selbstbewusstsein und unter Missachtung der Vorfahrt. Da alles so überirdisch ausgeleuchtet war und wirkte, war ich im ersten Sekundenbruchteil auch eher fasziniert, trat dann aber umgehend das Bremspedal durch. O Gott! Ein Reh! Mitten auf der Bundesstraße! Und ich verdammt nah dran!

Mein Wagen geriet leicht ins Schlingern, während das Reh auf der Straße stehenblieb und am Boden schnupperte – vielleicht wuchs da ja etwas Leckeres? Das nahm ich zumindest noch wahr, während ich durch Gegenlenken die Schlingerbewegung zum Glück abfangen konnte. Irgendwann trat ich auch die Kupplung.

Knapp vor dem Reh, das überhaupt nicht irritiert reagierte, kam ich zum Stehen, und es hätte mich in dem Moment auch kaum gewundert, wäre es ans Seitenfenster getreten, um mich um einen Euro oder eine Zigarette und Feuer zu bitten. Ich bin mir auch sicher, ich hätte ihm dies in diesem unglaublichen Falle sogar gewährt … 😉

Ein Rehbock war es, wie ich aus der Nähe erkannte, als er mir seinen Kopf zuwandte. Sicherheitshalber schaltete ich die Warnblinkanlage ein – und dann hupte ich! Denn der Kerl stand immer noch auf der Bundesstraße. Auch der Gegenverkehr hupte, der zwar noch etwas weiter entfernt war, aber wohl bemerkt hatte, dass da etwas auf der Straße stand, das besser nicht dort stehen sollte. Das Auto hinter mir war so weit entfernt, dass keine Gefahr bestand, und im Rückspiegel bemerkte ich, dass sein Fahrer wohl zusätzlich sein Tempo gedrosselt hatte – wahrscheinlich schon, als er sah, dass ich eine Vollbremsung machen musste.

Das Hupen ging dem Rehbock dann wohl so auf die Nerven, dass er seinen Standort lieber wechseln wollte, ansonsten aber wenig beeindruckt in elegant federndem Trab seinen Weg fortsetzte. Auf dem Seitenweg, der rechts von der Bundesstraße wegführte, während mir der kalte Schweiß auf der Stirn stand. So ein Knalldepp! 😉

Ich fuhr dann weiter und sah, dass einige Kilometer hinter der Stelle mehrere „Achtung: Wildwechsel!“-Schilder installiert waren, weil dort wohl ein bekannter Wildwechsel ist, zumal dort Felder sind.

Offenbar aber zieht der moderne Rehbock dieser Tage gepflasterte Seitenstraßen vor, statt dort, wo man ihn eher erwartet – an Feldrainen – durch die Ähren zu brechen. 😉 Man macht sich auf Straßen auch die Hufe nicht so schmutzig wie mitten in Feld und Wald, und der Rehbock von Welt achtet heutzutage auf so etwas. 😉

Ich hingegen achte demnächst mehr auf meine Worte, wenn ich mich auch gegen Aberglauben stets sträube. 😉 Und leider muss ich Fridolin recht geben: Die allerhellsten Kerzen auf der Torte scheinen Rehe wirklich nicht zu sein. Denn quietschende Bremsen und herannahende Autos sollte doch auch ein Reh irgendwie als Gefahr wahrnehmen können – oder etwa nicht? Da es noch nicht dunkel war, war das Tier auch nicht geblendet, sondern hielt völlig entspannt inne und sah mich, als ich schweißgebadet in geringer Entfernung zu ihm hielt, auch eher neugierig an.

Versteht mich nicht falsch, denn ich liebe Tiere sehr, auch Rehe, aber ich war doch ein bisschen irritiert, als er mitten auf der Bundesstraße stehenblieb wie ein Fels in der Brandung, um am Straßenbelag zu schnuppern … Ein wirklich schönes Tier – und erst dieser elegante Trab, mit dem es sich entfernte! Ich war froh, dass er und ich unverletzt geblieben waren, und ich wünsche ihm nur das Beste.

Im Wald. 😉