„Boom!“  

Meine neue Brille ist da. Gestern habe ich sie abgeholt, und heute sollte die Premiere bei der Arbeit sein, denn normalerweise kennt man mich nur ohne Brille und mit Kontaktlinsen. Aber diese Brille finde ich so schön, dass ich sie sogar in der Öffentlichkeit tragen möchte. 😊

Und so machte ich mich heute mit exakt dem gleichen Gefühl auf den Weg, mit dem ich früher zur Grundschule ging, wenn ich ein neues T-Shirt besaß. Ein schönes Gefühl war es, und völlig sorglos bog ich, kaum aus dem Hof gefahren, nach links ab. Ich fuhr mit Tempo 30 durch die Kurve, ich fuhr mit Tempo 30 weiter – da, Rechts vor Links, aber es kam keiner. Und fröhlich fuhr ich weiter Richtung Kreisverkehr.

Da kam mir von weit vorn ein Auto entgegen. Ein alltägliches Phänomen, und vorsichtshalber nahm ich meinen Fuß vom Gas, schaltete in den zweiten Gang und tuckerte mit 20 km/h weiter, während der Entgegenkommende unbeirrt weiterbretterte, und das gewiss mit mehr als 30 Kilometern in der Stunde.

Auf meiner Seite parkten zur Rechten Autos, aber so, dass sie fast zur Gänze auf dem Bürgersteig standen. Auf der anderen Seite können sie so nicht parken, sondern ragen in die Fahrbahn hinein. Der Fall war klar: Ich hatte Vorfahrt, aber ich war bereit, diese notfalls zu opfern – warum hielt der Entgegenkommende nicht oder bremste wenigstens ab?! Und ich stieg auf die Bremse und wollte rechts einscheren. Aber da gab es nichts einzuscheren – keine Ausweichmöglichkeit.

Und so konnte ich nur innehalten und hoffen: „Vielleicht passt es ja doch so haarscharf!“ Kaum zu Ende gedacht, knallte und rummste es auch schon, und fasziniert und wie in Trance sah ich zu, wie mein linker Außenspiegel in erstaunlich viele Einzelteile zerlegt wurde. Die Glühbirne, die sich im Inneren befindet, nur noch an ihrer Leitung und ansonsten albern heraushängend, leuchtete zumindest zuerst noch, erlosch dann jedoch … Es ging alles so schnell, und mein erster Gedanke war: „Ich muss zur Arbeit!“ Mein zweiter: „Fahr vor den ersten Parkenden, Warnblinkanlage an, und dann steigst du aus und killst den Idioten, der so bescheuert fährt!“

Ich stieg aus, hob das Hinterteil meines linken Außenspiegels auf, das auf der Straße lag, bevor ein nachfolgendes Auto es völlig in Schutt und Asche legen konnte, und stürmte auf die Frau zu, die hinter mir auf der anderen Seite mit eingeschalteter Warnblinkanlage rechts angehalten hatte. Ich rief ihr zu: „Sehen Sie das? Das kommt davon, wenn man einfach weiterbrettert! Danke auch! Mein Außenspiegel ist völlig fratze – ganz herzlichen Dank! Sie hatten keine Vorfahrt!“

Ich gebe zu, dass ich in derlei Ausnahmesituationen nicht immer das an den Tag lege, was mir seitens meiner Eltern in puncto Höflichkeit für den Alltag beigebracht wurde. Ich muss allerdings dazusagen, dass es so laut geknallt hatte, dass ich im Grunde mit Schlimmerem gerechnet hatte und unter Adrenalin stand.

Die Frau deutete ebenso hektisch auf ihren linken Außenspiegel, und nachdem längs der Häuserfronten zur Rechten und zur Linken ein Fenster nach dem anderen geöffnet worden war und immer mehr Köpfe sichtbar wurden, kamen die Frau und ich überein, dass ich zunächst wenden und hinter ihr parken würde, bevor die Polizei – von uns gerufen – käme. Und so geschah es dann auch.

Als ich hinter ihr geparkt hatte, sah ich, dass sie die hintere Tür auf der Fahrerseite geöffnet hatte, aus der infernalisches Geschrei in den höchsten Tönen quoll. Ich trat hinter sie und sah zu meinem Entsetzen, dass ein Kleinkind in einem Kindersitz an Bord war, das so infernalisch schrie, dass mir ganz schlecht wurde: O Gott – ein Kleinkind involviert. Hoffentlich war der kleine Wicht nicht verletzt! Immerhin hatte es doch einen heftigen Knall gegeben.

Sowohl meine Stimmung, als auch meine Stimme veränderten sich sofort, und ich sagte: „O mein Gott, Sie haben ein Kleinkind im Auto! Ist alles in Ordnung?“ Die junge Frau war inzwischen auch ruhiger geworden, und sie sagte: „Ich glaube, sie hat sich nur erschreckt.“

Und von da an war zwar nicht alles tutti, aber wir unterhielten uns freundlich, und die kleine Janina wurde immer fröhlicher. Ich glaube, sie war die Einzige, die das Ganze sogar total spannend und lustig fand. Jedenfalls lachte sie die ganze Zeit fröhlich und schenkte mir sogar die Abdeckung ihres Teefläschchens, während ihre Mutter und ich, inzwischen unter meinem Regenschirm vereint, auf die Polizei warteten.

Da kam auch endlich ein VW-Bus mit Polizei-Aufschrift und -Lackierung. Ein Polizeibeamter, der sowohl Janinas Mutter als auch mich nicht nur bei weitem überragte, sondern im Gegensatz zu dem Weiberclub, bestehend aus Janina, Janinas Mutter und mir, auch noch über erheblich mehr Testosteron verfügte, stieg aus, begrüßte uns und sah sich dann die Schäden an den beiden noch immer warnblinkenden Autos an. Und dann sagte er: „Tja, das ist ja wohl einmal mehr ein völlig vermeidbarer Unfall.“ Ach! Nee! Im Ernst? Ist das jetzt die neue Formulierung für „Frau am Steuer“?

Ich schnaubte leicht und sagte: „Ja, das ist uns auch klar, und wir haben das auch nicht aus Spaß oder Absicht getan! Es ist nun einmal passiert, und wir finden das beide selber richtig blöd, zumal wir beide keinen linken Außenspiegel mehr haben, was ärgerlich genug ist!“ Da grinste der Polizist und meinte: „Sorry, war nicht böse gemeint. Wie ist das Ganze denn passiert, und wer kam aus welcher Richtung?“

Und nachdem er das von uns Erklärte analysiert hatte, erklärte er Janinas Mutter: „So, wie Sie beide das beschrieben haben, sind Sie die Unfallverursacherin. Sie haben Frau B. die Vorfahrt genommen und dadurch diesen Unfall verursacht – Frau B. hatte keine Möglichkeit, auszuweichen. Und Sie hätten hinter den parkenden Autos anhalten müssen.“ Und nachdem er das Ganze noch einmal zusammengefasst hatte, fragte er sie: „Haben Sie eine EC-Karte dabei?“ – „Ja.“ – „Denn Sie müssen ein Verwarngeld zahlen, da Sie den Unfall verursacht haben. Hiermit verwarne ich Sie.“ Janina lachte fröhlich dazu, und sie griff nach des Polizisten Hand, der sie wohl auch süß fand und meinte: „Na, immerhin konnte heute einer hier eine Freude gemacht werden.“ Dann kniff er mir ein Auge zu. Ich kniff zurück.

Ich bekam ein Formular in die Hand gedrückt, vorzulegen bei meiner Werkstatt, die anhand des gegnerischen Autokennzeichens die entsprechende Versicherung in Kenntnis setzen werde.

Am Freitag habe ich den Termin zum Wechsel meines Außenspiegels. Mir war nach alldem so kodderig, dass ich von der Werkstatt direkt nach Hause fuhr – nicht ganz so angeschlagen wie mein Außenspiegel, aber ähnlich …

Ich hoffe, ich habe nie einen schwereren Unfall, und das aus ganz verschiedenen Gründen.

Immerhin hatte Janinas Mutter zum Abschied gesagt: „Das ist zwar alles totaler Mist, aber wenn dieser Unfall schon passiert ist, bin ich froh, dass Sie meine Gegnerin sind, denn Sie sind sehr nett gewesen. Nicht auszudenken, wäre ich an jemand anderen geraten!“ Na, dann! 😉