Von Schusterjungen, Hurenkindern und Heidelberger Druckmaschinen …

Ich bin gestern völlig erschlagen nach Hause gekommen. Nicht nur, dass ich vorletzte Nacht kaum geschlafen hatte, was daran lag, dass ich grauenhafte Zahnschmerzen hatte, nein – ich hatte von Montag bis gestern eine zunächst harmlos wirkende Schulung. Wirklich harmlos, denn ich sollte dort nur die Grundlagen einer praktischen Layout-Software einer namhaften Firma erlernen. Inzwischen bin ich – das Druckereigewerbe betreffend – zumindest weit über die arg- und harmlose Kenntnis hinaus, dass ein 500-seitiges Gebinde bzw. eine entsprechende Verpackungseinheit von Papier sich Ries nenne. Das wusste ich schon lange.

Inzwischen bin ich weit besser im Bilde und mit Papiermusterbüchern vertraut. Mit diversen Grammaturen – bis dato kannte ich qua eigener Berufung nur Grammatik -, mit Offset weiß und so vielen anderen Aspekten aus dem Druckgewerbe, da unser Dozent offenbar ein Faible dafür hat. Zum Schluss der anstrengenden, wenn auch sehr interessanten, Schulung legte er uns einen Besuch der Drupa ans Herz, obwohl er befürchtete, dass die vielleicht wegen Corona gar nicht stattfinden würde …

Die Drupa sagte mir etwas, da ein Cousin meines Vaters in der Papierbranche war (daher auch die Ries-Kenntnis). Das brachte mir gleich Pluspunkte. Verwandt mit einem Menschen, der eine gewisse Bedeutung bei einem Papierhersteller aus Süddeutschland hatte – wenn das nichts ist! 😉 Darüber hinaus hatte ich – als ich noch in Ratingen lebte – eines schönen Freitagabends nach Feierabend zusammen mit Giacomo in unserer Stammkneipe gleich zwei Iren kennengelernt, die zur Drupa nach Düsseldorf gekommen waren, jedoch nur noch in Ratingen Hotelzimmer bekommen hatten. Ein sehr lustiger Abend war es – unvergessen. 😊 Ich sprach danach ein paar Worte Gaeilge oder Irisch-Gälisch, hatte – nach einem Telefonat Pádraigs mit seiner Frau – ein originalirisches Rezept für Irish Stew, während er im Gegenzug ein Originalrezept – nach einem Telefonat mit meiner Mutter – für Sauerbraten mit Klößen und Blaukraut hatte (hatte ich damals noch nie selber zubereitet). 😉 Er war begeistert – seine Frau, Siobhán ihr Name, würde sich freuen. Schon so oft wäre sie gern mit nach Deutschland zur Messe gekommen, was der Kinder wegen nicht ging. Und er selber freue sich immer auf die Drupa, nicht zuletzt des rheinischen Sauerbratens wegen, den er dann immer äße. Ich gab zu bedenken, dass das Rezept meiner Mutter nicht für rheinischen, sondern fränkischen Sauerbraten sei (ohne Rosinen, dafür mit Saucenlebkuchen), aber er meinte, Rosinen möge er eh nicht („No sultanas! Never ever!“). Die würde er immer aus der Sauce heraussortieren, denn: „They look like drowned houseflies“. Sehr sympathisch. Rosinen in einer Sauce sehen auch für mich wie ertrunkene und darob aufgeblähte Stubenfliegen aus.😉

Die Schulung war auf drei Tage angesetzt – jeweils von 9 bis 16 Uhr. Ich lachte zunächst noch – am letzten Tag würde es sicherlich schon früher enden. Weit gefehlt, denn am zweiten und dritten Tag überzogen wir sogar! 😉

Wir lernten im Schnelldurchlauf, wie man mit der faszinierenden Software nicht nur kleine Anzeigen, sondern auch Flyer (in Wickel- und Leporellofalz!) druckfertig vorbereite – und am letzten Tag wagten wir uns sogar an eine kleine Broschüre im Buchformat, die eine Bindung verlangte.

Im Gegensatz zu den anderen Teilnehmern war ich die Einzige, die wirklich noch nie mit diesem Programm gearbeitet hatte, und es war wirklich anstrengend. Und so sah am Ende des zweiten Tages mein Flyer auch anders aus als die der anderen Teilnehmer – zumindest zwei Seiten davon. Ich betete, dass der Dozent nicht noch einmal durch den PC-Schulungsraum schreiten möge, um sich die Resultate anzusehen!

In der Nacht auf den dritten Schulungstag schlief ich schlecht, wobei hinzukam, dass ich monströse Zahnschmerzen hatte. Wenn ich denn schlief, träumte ich von Prüfungssituationen. Das ist eigentlich nicht meine Art, aber hier war ich wirklich peinlich berührt meines defizitären Flyers wegen. 😉

Am dritten Tag, ergo gestern, lernte ich allerdings ratzfatz etwas, das man uns gar nicht beigebracht hatte, durch learning by doing, und noch bevor der Dozent seine Runde drehen konnte, hatte ich meinen Flyer soweit re- bzw präpariert, dass man ihn vorzeigen konnte. Zumindest die Seiten 4 bis 6. Die Seiten 1 bis 3 sahen zwar für Laien auch so aus, dass sie den Seiten der anderen Teilnehmer insofern frappierend ähnelten, als nur geringfügige Unterschiede bei genauem Hinsehen – wirklich nur für Laien! – erkennbar waren. Der Dozent hätte es sofort erkannt, aber als er sich meinem Arbeitsplatz näherte, scrollte ich schnell auf die Seiten 4 bis 6, die exakt so waren, wie sie sein sollten. 😉 Und er sagte: „Ja, super!“ (Klar, ich hätte ihn beizeiten bitten können, zu helfen, aber ich wollte den Kurs nicht aufhalten.)

Das dachte ich auch. Super, Ali, wie schnell du unter Druck improvisiert hast. Glücklicherweise geht dein unter Druck entstandenes Werk nie in den Druck! Und ich lächelte den Dozenten fröhlich an. 😊

Und ich schrak dann nicht einmal zusammen, als wir an Tag 3 eine vielseitige und gebundene Broschüre mit Buchrücken und unter Benutzung einer Musterseite in Angriff nahmen – komischerweise klappte da (fast) alles auf Anhieb, sogar Zeichen-, Absatz- und sonstige Optionen und Funktionen, und hinterher sah es so aus, wie es aussehen sollte. Ich war begeistert!

Ich werde mir das Ganze aber dann doch im Alleingang mit einer Anleitung ganz in Ruhe aneignen müssen – das war schon immer so und klappte dann auch immer.

Eine Meisterin werde ich beileibe nie werden – es muss zuviel gerechnet werden, und räumliches Denken kann auch nicht schaden. Beides nicht meine größten Stärken. Klar, rechnen kann ich – aber in Kombination mit mehr oder minder räumlichem Denken stoße ich dann doch schneller, als erhofft an meine Grenzen. Das gebe ich auch zu! 😉

Zum Schluss sang der Dozent dann noch ein Loblied auf das Druckereigewerbe, und ich musste an die Worte eines Professors während der ersten Zeit meines Studiums denken, als wir gerade die Geschichte der Druckkunst abrissen, so nebenbei, als Johannes Gutenberg erwähnt wurde, auf dem Weg von Höhlenmalereien zum Buch. Prof. Weinberg sagte: „Der beste Freund des Philologen ist und bleibt der Drucker, denn er fertigt das kunstvoll an, womit sich der Philologe dann beschäftigt. Ohne Drucker wären wir hier ziemlich aufgeschmissen.“ Vorlaut rief ich: „Und auch ohne Papiermühlen bzw.
-fabriken!“ (Wahrscheinlich war ich durch den Cousin meines Vaters „vorgeschädigt“ … 😉) Prof. Weinberg meinte: „Genau!“, während ich – mir meiner Rolle als kleines Erstsemester bewusst werdend – über meine eigene vorlaute Art erschrak. Das Hierarchiebewusstsein wirkte. 😉 Aber Prof. Weinberg lachte und kniff mir ein Auge zu. 😉 (Dem Himmel war dank, und – wenn auch so nicht geplant – ich machte mein Examen dann bei Prof. Weinberg, der sich meinen „Papierfabrik“-Kommentar sogar bis dahin gemerkt hatte. Als er es während meines mündlichen Examens kurz erwähnte, war ich etwas peinlich berührt, aber da grinste er mich an und meinte: „Das fand ich sehr sympathisch, keine Sorge. Ich war so immerhin gewiss, dass zumindest eine mir zugehört hatte, denn bei der Geschichte des Buchdrucks schalten viele Studenten erfahrungsgemäß schnell ab. Sie offenbar nicht.“)

Stimmt. Ich schaltete erst ab, als das Thema vertieft wurde – zum Glück fragte mich nie wieder jemand im Alltag, was eine Quarto-Edition sei. (Ein ganz altes Buchformat, und Anglisten kennen das von Shakespeare. Oder sollten es zumindest wie aus der Pistole geschossen erklären können – wenn sie nicht zuvor abgeschaltet haben … 😉 ).  Zumindest nicht während meines und kurz nach meinem Studium. Das Bedürfnis, es erklären zu können, kam dann erst nach dem Examen. 😉

Arbeitsreiche Zeiten kommen auf mich zu, denn in der Schulung ging alles ratzfatz … Aber ich kenne mich – das wird. 😉 Und ich weiß nun immerhin, dass man mit 3 mm Anschnitt immer auf der sicheren Seite sei … Und letzte Nacht träumte ich von Büchern … Immerhin hatte ich im Kurs Punkte machen können, als ich als Einzige wusste, was Schusterjungen und Hurenkinder seien (obwohl man diese Phänomene heutzutage wohl auch anders nennt) und mir die Heidelberger Druckmaschinen AG etwas sagte. Ich glaube, der Dozent war dann auch mit mir ausgesöhnt.  😉

Euch ein schönes Wochenende! 😊