„Frau B. – das ist ja eine Katastrophe!“ ;-)

Nun kann man über Begrifflichkeiten ganz unterschiedlicher Meinung sein und diese ganz verschieden und divers werten. Auch den Begriff der Katastrophe. Auf die Interpretation kommt es an.

Für mich ist eine Katastrophe ein wahrhaft furchtbares und grauenerregendes Ereignis mit gravierenden Folgen für den oder die Betroffene/n. Für den Arzt, der mir gestern eine Viggo legen sollte, einen – fachsprachlich – peripheren Venenverweilkatheter, scheint dieser Begriff weit enger gefasst.

Denn als ich gestern gegen 10 Uhr in den Katakomben des Luisenhospitals – der Röntgenabteilung – saß und in einen kleinen Nebenraum gerufen wurde, wo mir eben diese Viggo gelegt werden sollte, da ich einmal mehr in den MRT musste, was mit der Gabe eines Kontrastmittels einhergeht, das nach Hälfte der 40-minütigen Folterqual für Menschen mit mehr oder minder ausgeprägten klaustrophobischen Gefühlsregungen infundiert wird, sah sich der Arzt einer – wie er meinte – Katastrophe ausgesetzt, während ich ganz ruhig dasaß. Der Grund für die Katastrophenstimmung des Arztes war ich selber bzw. Teile von mir.

Er war telefonisch herbeigerufen worden, da er derjenige war, der die Berechtigung hatte, intravenöse Installationen vorzunehmen. Die sehr nette Krankenschwester hatte bereits mehrere Ausfertigungen von Venenverweilkathetern in einer Nierenschale aus Pappe neben mir abgestellt. Man weiß ja nie vorher, welche Größe bzw. Stärke die richtige ist. Ich fand, sie sahen alle gleichermaßen scheußlich aus, aber bitte, wenn es sein musste, doch eine mit blauem Andockstück. Blau ist meine Lieblingsfarbe, und die mit dem rosa Ansatzstück sah noch monströser aus als die blauen … 😉

Der Arzt kam, hieß mich, rechts eine Faust zu machen und warf einen Blick auf die Innenseite meines Armes, genauer: auf die Ellenbeuge. Da sah er schon ein wenig frustriert drein. Er warf noch einen Blick auf das linke Pendant, nachdem ich dort eine Faust gemacht und wirklich fest zugedrückt hatte. Dann entrang sich ihm ein tiefer Seufzer: „O Gott, Frau B. – das ist ja eine Katastrophe!“ – „Wie bitte? Was ist eine Katastrophe?“ Der Arzt deutete auf meine Arme, und ich meinte fröhlich lachend: „Das ist keine Katastrophe – das sind Arme! Genauer: meine Arme. Und bevor Sie es sagen: Ich weiß, dass ich schwer zugängliche Venen habe. Das ist mir nicht neu und hat mich – neben anderen Überzeugungen, das nicht anzufangen – vor einer Karriere als Fixerin bewahrt.“

Der Arzt starrte mich entgeistert an. Im Gesicht der Krankenschwester zuckte es, und sie kniff mir ein Auge zu. Ich nickte ihr zu und fing zu lachen an. Der Arzt starrte mich immer noch an, dann sagte er: „Ah! Sie haben einen ganz eigenen Humor, Frau B. – ich war jetzt erst etwas verwirrt.“ – „Ich mache mir hier nur ein wenig Mut. Denn a) weiß ich um die Besonderheit meiner Venen und die Folgen daraus, b) bin ich leider etwas nervös wegen des MRT-Besuchs. Entschuldigen Sie bitte.“ – „Alles gut,“, sagte der Arzt, „wir müssen uns nur etwas einfallen lassen.“ Und da fiel ihm auch schon etwas ein, denn er ergriff meinen rechten Arm und schlug auf die Ellenbeuge ein, während ich interessiert zusah – ich kenne diese Versuche bereits von zahlreichen Blutabnahmen. Und der Arzt erklärte: „Ich versuche gerade, Ihre Venen etwas hervorzulocken. Die sind wirklich sehr zurückhaltend – das ist ja furchtbar.“ – „Ja, mir wäre es auch lieber, hätte ich etwas dreistere Venen, die deutlich hervortreten und quasi rufen: ‚Hier bin ich! Punktiere mich, bitte!‘“ Die Krankenschwester lachte in sich hinein.

Noch bevor ich sagen konnte: „Versuchen Sie es lieber links – der linke Arm ist der bessere“, hatte der Arzt bereits ein Opfer erblickt. Eine Vene, die eher am Rand gelegen ist, dafür aber recht dünn. Und schon sprühte er mir Desinfektionsspray auf die Stelle, schlug noch einmal auf die Stelle, bevor er die Kanüle hineinstach. Aber so richtig zufrieden war er nicht, sondern murmelte vor sich hin: „Zu schwach, zu dünn – ich weiß nicht so recht …“ Als er „zu schwach, zu dünn“ sagte, wurde mir ein wenig flau – ganz untypisch für mich, der man sogar im Stehen Blut abnehmen kann. Der Arzt zauderte, mir war flau, aber dann zog er die Kanüle wieder heraus. Ich atmete auf. Und da es aus der schwachen und dünnen Vene blutete, bekam ich einen schicken Tupfer mit Leukosilk appliziert. Ich sah aus, als wäre ich bereits im MRT gewesen …

Dann versuchte er es noch einmal rechts, aber mittig. Ich glaube, ich habe die Vene, die er punktieren wollte, lachen hören – das war auch nichts. Und so fokussierte sich das Ganze auf den linken Arm. Aber auch der eine „Katastrophe“, und schon konzentrierte sich der Arzt auf eine Vene auf der Hand.

Alles – nur das nicht! Und so machte ich die festeste Faust, deren ich mächtig bin, und da entdeckte der Arzt eine Vene, nachdem er noch ein wenig die Ellenbeuge malträtiert hatte. „Sie liegt zwar in der Tiefe, aber die sieht gut aus. Und wir wollen Ihnen doch ersparen, den Katheter in die Hand zu legen.“ – „Das ist sehr nett! Lieber die Vene in der Tiefe bemühen – bitte nichts an oder in der Hand. Ich bin zwar Kummer gewohnt, aber die Hand muss wirklich nicht sein.“ Der Arzt lächelte erstmalig, und die profunde Vene spielte mit – schwupp, war die Viggo installiert.

Und ich machte mich auf den Weg zum Foltergerät, mit sehr, sehr gemischten Gefühlen. Glücklicherweise kam ich schnell dran, und ein junger, sehr netter MTRA nahm mich in Empfang und hieß mich, bis auf den Slip alles auszuziehen, Ohrringe, Armbanduhr, nichts Metallenes durfte bleiben. Und er reichte mir eines dieser attraktiven OP-Hemden und sagte in polnischem Akzent, ich möge bitte dieses „sährrr schiiickää Gääwaand“ anlegen, mit der Öffnung nach vorn, denn die Untersuchung erfolgte ja in Bauchlage – ganz toll … Ich lachte. Eindeutig besser als bei meinem letzten MRT-Besuch für diese Untersuchung, denn da hatte ich in der Um- bzw. Entkleidekabine vor lauter Anspannung mit den Tränen gerungen. Es ist immer gut, wenn das behandelnde und ausführende Personal Humor hat. Das wirkt ansteckend. 😉

Dann ging alles recht schnell, und ich betrat den Raum mit dem Tomographen, dessen Betriebsgeräusche ich bereits in der Entkleidekabine in annähernd voller Schönheit gehört hatte: Er klingt immer wie eine etwas ältere Waschmaschine in einem der Waschgänge – und ein bisschen wie eine Wäschetrommel sieht er ja auch aus. 😉 Wie beim letzten Mal beruhigte mich der Siemens-Schriftzug – all meine Küchengeräte sind von dieser Firma, in der mein Vater als Jungingenieur tätig gewesen war. Da gab es mich noch gar nicht, aber als jemand, der mit Beklemmungen in engen Räumen zu tun hat, in denen es auch noch verboten lärmt, und das in wieder und wieder wechselnden Frequenzen und Arten, klammert man sich an jeden vertrauten Strohhalm. 😉 Ein Satz meines Ex‘ Richie fiel mir ein, als ich ihm von meinem ersten Besuch in diesem Gerät vor einigen Jahren erzählt hatte: „Ali, wenn du wüsstest, was in dem Gerät passiert bzw. was es macht, möchtest du da nie wieder hinein!“ (Als würde ich ernsthaft aus eigener Entscheidung hinein wollen!) Richie hat Maschinenbau studiert und kennt sich mit so etwas weit besser aus als ich, aber ich sagte nur: „Ich will es auch gar nicht wissen – mir reichen schon die Beklemmungen. Ruhe jetzt – nein, nicht erklären! Aus!“ (Zwar habe ich dann selber recherchiert und kam zum Schluss, dass ich das eigentlich gar nicht hatte wissen wollen – wenn ich da hineinmusste, musste es eben so sein. Und so ließ ich mich auch diesmal hineinfahren, mit Gehörschutz auf den Ohren und dem Alarmknopf in meiner schweißnassen linken Hand, den ich allerdings lieber an seiner Leitung festhielt, nicht den Knopf selber, denn bisweilen erschrickt man doch etwas, wenn sich die irritierende Geräuschkulisse mal wieder spontan ändert. Und da möchte man doch nicht ganz unbeabsichtigt auf den Knopf drücken. Denn dann wird die Untersuchung abgebrochen, und man muss alles wieder von vorn mitmachen. 😉 )

Ich habe die 40 Minuten irgendwie überstanden, und es gab nur zwei Momente, da ich kurz davor war, den Alarmknopf zu drücken – noch jetzt bin ich stolz auf mich. 😉 Einer davon war der, da das Kontrastmittel in meine Vene gepumpt wurde – das merkt man deutlich. Das Zeug ist leider ziemlich kalt, und man merkt genau, wie es seinen Weg durch die Vene an der Ellenbeuge bis zur Schulter nimmt und sich dann verteilt. Nicht zwingend angenehm.

Aber die Bilder zeigten wohl nichts Besorgniserregendes, wie mir der „katastrophen“affine Arzt in der Röntgenabteilung dann sagte, der mir die Viggo gelegt hatte. „Ich habe mir Ihre Bilder schon oben angesehen – sieht alles okay und nicht besorgniserregend aus. Sehen Sie mal – hier einmal längs durch: Das hier ist Ihre Leber. So sehen Sie von innen aus, Frau B.!“ – „Was sind das da für schwarze Stellen?“ – „Wo?“ – „In der Leber, die Sie mir gerade zeigten.“ Es stellte sich heraus, es waren keine schwarzen Stellen – es ging nur alles so schnell auf dem Weg zu den beiden „Objekten“, deren Untersuchung im Fokus gestanden hatten, und der Arzt meinte beruhigend: „Alles gut – ich dachte, ich mache Ihnen eine kleine Freude, Ihnen mal zu zeigen, wie Sie so von innen aussehen.“ Ja – hatte ich mir immer schon gewünscht. 😉 Ich sagte: „Dem Himmel sei Dank!“ Der Arzt sah mich an, und da sah ich eine echte Gefühlsregung: „Ach, herrje, Frau B. – hatten Sie sich denn solche Sorgen gemacht?“ Sorgen? Ich hatte seit Tagen nicht richtig geschlafen! Das sagte ich dann auch, und der Arzt meinte: „Dann kann ich Sie beruhigen – es ist wirklich nichts zu sehen, was Sie oder mich in Sorgen stürzen sollte. Und jetzt gleich gehen Sie schön nach Hause, und dann legen Sie erst einmal die Füße hoch.“ Und mit diesen Worten verabschiedete er mich und wirkte gleich viel menschlicher.

Am Mittwoch habe ich noch einen Besprechungstermin mit dem Facharzt, und ich hoffe, der sagt das Gleiche wie der Radiologe.

Nach dem Termin fühlte ich mich total erschlagen, und ich sah auch so aus. Schnurstracks fuhr ich nach Hause – das muss ich auch nicht jeden Tag haben. Dann lieber drei Wurzelbehandlungen ohne Betäubung. 😉

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.