Die echte Coronation, ääh, Krönung des Tages – Einkaufen im Einkaufsmarkt in Zeiten der Krise

Ich habe dieser Tage beschlossen, mich nicht von der allgemeinen Panik hinsichtlich des sich immer weiter ausbreitenden Virus anstecken zu lassen: des Corona-Virus, aber das wisst ihr alle schon. 😉 Man kann dem Ganzen ja kaum entgehen. 😉

Und doch ertappte ich mich gestern dabei, wie ich – täglich beruflich mit Publikumsverkehr konfrontiert – nach einem Händeschüttler, der es nett meinte und den ich unmöglich vor den Kopf stoßen wollte, etwa zwei Minuten wartete und dann heimlich beobachtete, wie mein „Kunde“ sich fröhlich und nett lächelnd durch den Haupteingang aus dem Gebäude entfernte, bis ich Richtung Damentoilette stochte und mir dort die Hände wusch. (Selbstredend gemäß der Anleitung, die neben dem Waschbecken hängt … Nein, eigentlich so, wie ich mir von klein auf die Hände wasche. Für die Anleitung brauchte ich damals lediglich eine kurze, aber prägnante Einweisung meiner Eltern und keinen „Cartoon“ neben dem Waschbecken … 😉 ). Niemals hätte ich gewollt, dass er mitansehen müsse, wie ich nach seiner freundlich gemeinten Geste sofort zur desinfizierenden Tat schreite!

Zu spaßen ist mit dem Virus sicherlich nicht, aber was derzeit los, losgebrochen ist, ist in der Tat geeignet, Panik zu erzeugen oder zu schüren.

Nicht nur, dass es berufliche Konsequenzen völlig anderer Art, als zuvor geahnt, für mich hat, nein, auch mein Einkaufsverhalten scheint sich dem Chaos anpassen zu müssen. Und ich gestehe, dass ich heute auch auf verschlungenen Pfaden noch versteckt vorhandenes Handdesinfektionsmittel bestellt habe. Ich gab vor, Heilpraktikerin zu sein, und trotzdem wird das Desinfektionsmittel erst um den 20. März bei mir eintreffen. Ich habe es nicht für den privaten Gebrauch bestellt, sondern eher im Gedanken an die Situation im Büro, wo seit jeher privat angeschafftes Handdesinfektionsmittel steht, das jedoch fast aufgebraucht ist. Nachschub muss her, völlig unabhängig von Corona. Verstehen sicherlich nur Menschen mit hohem Aufkommen an Publikumsverkehr. 😉

Ich las heute die schauerlichsten Push-Artikel, schlug mich mit unangenehmen dienstlichen Aspekten herum, bis ich um kurz vor halb sechs das Büro verließ – es reichte ja auch. Und schon raste ich gen Einkaufsmarkt. Richtig dringend brauchte ich eigentlich nur Brot, Toilettenpapier, Obst und Gemüse und Mineralwasser. Ich muss allerdings sagen, dass ich – im Normalfall – sehr gern einkaufe. Und manchmal mache ich mir auch gern eine Freude und kaufe etwas, das ich gar nicht zwingend benötige.

Dazu kam ich heute gar nicht, denn es herrschte unglaublicher Stress nicht nur schon auf dem Parkplatz des Einkaufsmarktes, wo ich nur noch mit Mühe einen freien Parkplatz fand, sondern erst recht in seinem Inneren.

Als ich den Markt betreten wollte, wurde ich schon fast von zwei wildgewordenen, bis über reale Sichtgrenzenverhältnisse beladenen Einkaufswagen über den Haufen gefahren, deren erheblich kürzer gewachsene Lenker offenbar die Kontrolle verloren hatten. Ich sah sehr viele Nudelpackungen in den Wagen, Mineralwasser, Hülsenfrüchte – und Fertigsaucen-Tüten! Hallo? Ihr braucht für Saucen keine Fertigpackungen, nur Tomatenmark und viel Kreativität!

So dachte ich, als ich schnell zur Seite sprang, um von den schwerstbeladenen Wagen nicht umgemangelt zu werden.

Im Markt war es nicht viel besser, zumal viele Angestellte in den Gängen damit beschäftigt waren, mit fliegenden Händen speziell Nudel- wie Wurstdosenregale und Vergleichbares aufzufüllen. Als ich mich gerade im Wurstdosentrakt aufhielt, wenn auch nicht beabsichtigt, sondern einfach nur, um dem aggressiv nachrückenden Nudelsturm auszuweichen und aus purer Verlegenheit eine Dose Dicke Sauerländer in meinen bis dato normal bestückten Einkaufswagen lud, sprach mich die das Nachbarregal mit Dosen von Lange Jungs auffüllende Angestellte an: „Na, auch auf Hamsterkurs?“ – „Ääh, nee, eigentlich nicht …“ Die Dame warf einen Blick in meinen Wagen, in dem sich inzwischen neben einer frischen Knoblauchknolle und einem einzelnen Paket Lavazza nur die Dose Dicke Sauerländer, Obst und Gemüse wie eine Packung Toilettenpapier und Brot befanden. Dann grinste sie und meinte: „Endlich ein normaler Mensch! Sie hamstern nicht, nicht wahr?“ – „Durchaus nicht. Ich staune selber über den Andrang. Und ich möchte mich dazu besser nicht äußern.“

Da rief die Angestellte: „Danke! Endlich ein normaler Mensch! Sie werden mir das nicht glauben, aber mein Kollege und ich räumen schon seit heute früh immer die gleichen Artikel in die Regale! Und kurz darauf ist wieder alles leer! Wahrscheinlich werden wir bald wahnsinnig!“ – „Nein! Bitte nicht! Sie sind zwei völlig normale Menschen! Ich bin nur hier im Wurstdosen-Gang, weil ich dem Nudelsturm ausweichen wollte! Und da ich diese Sauerländer Würste mag …“ – „Nein! Packen Sie gern noch eine weitere Dose ein – Sie sind normal!“ – „Ach, eine Dose reicht mir.“ – „Und wenn nicht, kommen Sie morgen wieder! Ich bin dann auch hier – und der Niko, mein Kollege, auch!“ – „Gut zu wissen. Vielleicht komme ich morgen wieder, falls ich etwas vergessen haben sollte, aber ich schwöre Ihnen, dass ich keine weiteren Sauerländer Dicke kaufe!“ – „Egal, was Sie kaufen – Sie sind wenigstens nett!“

Ich schob meinen Wagen lieber weiter. Inzwischen drehen die Regal-Einräumer schon durch … Aber es wundert mich nicht. 😉

Als ich in die Getränkeabteilung kam, sah ich, dass mein bevorzugtes Lemon-Mineralwasser wie alle anderen Lemon-Mineralwassersorten ausverkauft war. Ich war ein wenig verstimmt. Dann musste ich an eine Unterhaltung denken, die ich heute mit Kerstin, einer meiner Lieblingskolleginnen, geführt hatte. Die hatte gesagt: „Inzwischen drehen ja wohl alle durch! Ich war gestern bei Fiedel, um ein Sixpack meines Lieblings-Mineralwassers zu kaufen!“ Sie liebt dieses Grapefruit-Zeug. Das gab es nicht mehr, weil wohl vor ihr Leute den gesamten Bestand aufgekauft hatten. Sehr schön, dass Arbeitnehmer da wohl einmal mehr die Arschkarte haben, weil sie nicht zu Unzeiten einkaufen können … Doch egal – Kerstin und ich kamen überein, dass sogar Menschen, die gar nicht „hamstern“ wollen, künftig dazu gezwungen sein könnten, um überhaupt noch etwas vom gewünschten Produkt abzubekommen.

Aus Protest lud ich noch zwei völlig „hamsterinadäquate“ Produkte in meinen Einkaufswagen: zwei Gläser Erdnussbutter einer namhaften niederländischen Firma, die auch weitere typisch niederländische Produkte herstellt und vertreibt! Einmal creamy, einmal crunchy, weil ich mich nicht zwischen beiden entscheiden konnte, pindakaas aber sehr liebe. 😉 Dann stürmte ich gen Kasse, wo ich in einer endlos scheinenden Schlange stand …

Endlich bis ans hintere Ende des Kassenbandes vorgerückt, wollte ich gerade meine Waren auf das Band laden, als sich die Frau vor mir umdrehte, in meinen Wagen blickte und mich fröhlich anlachte: „Sie hamstern auch nicht, wie ich sehe. Ach, das ist ja sympathisch! Seit gestern fühle ich mich nämlich wie in einem Paralleluniversum!“ Ich gebe zu, ich starrte sie zunächst an, als sei mir ein Geist erschienen, aber als sie dann sagte: „Oder wie in einem dystopischen Roman!“, lachte ich auch. Ja. Genauso fühle ich mich auch. Dann wies ich die Frau darauf hin, dass das zum Teil kopflose Gehamstere anderer Leute unter Umständen notwendig mache, seinerseits größere Einkäufe zu tätigen, um überhaupt noch etwas von gewünschten Artikeln zu erwischen, und da meinte sie: „Wie immer im Leben: Der Egoismus anderer zwingt dazu, seinerseits großzügig zuzugreifen. Erschreckend.“

Und als ich meine 10 Rollen Toilettenpapier auf das Band lud, meinte von der Nachbarkasse jemand: „Wir haben das Klopapier vergessen! Bring besser fünf Zehnerpacks!“ Da konnte ich es mir nicht verkneifen, zu sagen: „Soweit ich informiert bin, betrifft das Corona-Virus eher die Atemwege. Das letzte Magen-Darm-Virus hat mich vor knapp drei Wochen niedergestreckt, ist aber ausgestanden. Kaufen Sie lieber Papiertaschentücher! Lassen Sie aber noch etwas für andere übrig, bitte.“ Die Frau vor mir drehte sich um und kniff mir ein Auge zu. 😉

Ich kann nur konstatieren, dass Einkaufen dieser Tage auch keinen Spaß mehr macht, denn zuweilen wurde vorher schon über Gebühr zugegriffen, oder man trifft auf zu Recht durchgeknallte Regal-Einräumer. Oder auf Leute, die 50 Rollen Toilettenpapier zu benötigen glauben und wahrscheinlich einen eigens gebauten Bunker haben …

„Frau B. – das ist ja eine Katastrophe!“ ;-)

Nun kann man über Begrifflichkeiten ganz unterschiedlicher Meinung sein und diese ganz verschieden und divers werten. Auch den Begriff der Katastrophe. Auf die Interpretation kommt es an.

Für mich ist eine Katastrophe ein wahrhaft furchtbares und grauenerregendes Ereignis mit gravierenden Folgen für den oder die Betroffene/n. Für den Arzt, der mir gestern eine Viggo legen sollte, einen – fachsprachlich – peripheren Venenverweilkatheter, scheint dieser Begriff weit enger gefasst.

Denn als ich gestern gegen 10 Uhr in den Katakomben des Luisenhospitals – der Röntgenabteilung – saß und in einen kleinen Nebenraum gerufen wurde, wo mir eben diese Viggo gelegt werden sollte, da ich einmal mehr in den MRT musste, was mit der Gabe eines Kontrastmittels einhergeht, das nach Hälfte der 40-minütigen Folterqual für Menschen mit mehr oder minder ausgeprägten klaustrophobischen Gefühlsregungen infundiert wird, sah sich der Arzt einer – wie er meinte – Katastrophe ausgesetzt, während ich ganz ruhig dasaß. Der Grund für die Katastrophenstimmung des Arztes war ich selber bzw. Teile von mir.

Er war telefonisch herbeigerufen worden, da er derjenige war, der die Berechtigung hatte, intravenöse Installationen vorzunehmen. Die sehr nette Krankenschwester hatte bereits mehrere Ausfertigungen von Venenverweilkathetern in einer Nierenschale aus Pappe neben mir abgestellt. Man weiß ja nie vorher, welche Größe bzw. Stärke die richtige ist. Ich fand, sie sahen alle gleichermaßen scheußlich aus, aber bitte, wenn es sein musste, doch eine mit blauem Andockstück. Blau ist meine Lieblingsfarbe, und die mit dem rosa Ansatzstück sah noch monströser aus als die blauen … 😉

Der Arzt kam, hieß mich, rechts eine Faust zu machen und warf einen Blick auf die Innenseite meines Armes, genauer: auf die Ellenbeuge. Da sah er schon ein wenig frustriert drein. Er warf noch einen Blick auf das linke Pendant, nachdem ich dort eine Faust gemacht und wirklich fest zugedrückt hatte. Dann entrang sich ihm ein tiefer Seufzer: „O Gott, Frau B. – das ist ja eine Katastrophe!“ – „Wie bitte? Was ist eine Katastrophe?“ Der Arzt deutete auf meine Arme, und ich meinte fröhlich lachend: „Das ist keine Katastrophe – das sind Arme! Genauer: meine Arme. Und bevor Sie es sagen: Ich weiß, dass ich schwer zugängliche Venen habe. Das ist mir nicht neu und hat mich – neben anderen Überzeugungen, das nicht anzufangen – vor einer Karriere als Fixerin bewahrt.“

Der Arzt starrte mich entgeistert an. Im Gesicht der Krankenschwester zuckte es, und sie kniff mir ein Auge zu. Ich nickte ihr zu und fing zu lachen an. Der Arzt starrte mich immer noch an, dann sagte er: „Ah! Sie haben einen ganz eigenen Humor, Frau B. – ich war jetzt erst etwas verwirrt.“ – „Ich mache mir hier nur ein wenig Mut. Denn a) weiß ich um die Besonderheit meiner Venen und die Folgen daraus, b) bin ich leider etwas nervös wegen des MRT-Besuchs. Entschuldigen Sie bitte.“ – „Alles gut,“, sagte der Arzt, „wir müssen uns nur etwas einfallen lassen.“ Und da fiel ihm auch schon etwas ein, denn er ergriff meinen rechten Arm und schlug auf die Ellenbeuge ein, während ich interessiert zusah – ich kenne diese Versuche bereits von zahlreichen Blutabnahmen. Und der Arzt erklärte: „Ich versuche gerade, Ihre Venen etwas hervorzulocken. Die sind wirklich sehr zurückhaltend – das ist ja furchtbar.“ – „Ja, mir wäre es auch lieber, hätte ich etwas dreistere Venen, die deutlich hervortreten und quasi rufen: ‚Hier bin ich! Punktiere mich, bitte!‘“ Die Krankenschwester lachte in sich hinein.

Noch bevor ich sagen konnte: „Versuchen Sie es lieber links – der linke Arm ist der bessere“, hatte der Arzt bereits ein Opfer erblickt. Eine Vene, die eher am Rand gelegen ist, dafür aber recht dünn. Und schon sprühte er mir Desinfektionsspray auf die Stelle, schlug noch einmal auf die Stelle, bevor er die Kanüle hineinstach. Aber so richtig zufrieden war er nicht, sondern murmelte vor sich hin: „Zu schwach, zu dünn – ich weiß nicht so recht …“ Als er „zu schwach, zu dünn“ sagte, wurde mir ein wenig flau – ganz untypisch für mich, der man sogar im Stehen Blut abnehmen kann. Der Arzt zauderte, mir war flau, aber dann zog er die Kanüle wieder heraus. Ich atmete auf. Und da es aus der schwachen und dünnen Vene blutete, bekam ich einen schicken Tupfer mit Leukosilk appliziert. Ich sah aus, als wäre ich bereits im MRT gewesen …

Dann versuchte er es noch einmal rechts, aber mittig. Ich glaube, ich habe die Vene, die er punktieren wollte, lachen hören – das war auch nichts. Und so fokussierte sich das Ganze auf den linken Arm. Aber auch der eine „Katastrophe“, und schon konzentrierte sich der Arzt auf eine Vene auf der Hand.

Alles – nur das nicht! Und so machte ich die festeste Faust, deren ich mächtig bin, und da entdeckte der Arzt eine Vene, nachdem er noch ein wenig die Ellenbeuge malträtiert hatte. „Sie liegt zwar in der Tiefe, aber die sieht gut aus. Und wir wollen Ihnen doch ersparen, den Katheter in die Hand zu legen.“ – „Das ist sehr nett! Lieber die Vene in der Tiefe bemühen – bitte nichts an oder in der Hand. Ich bin zwar Kummer gewohnt, aber die Hand muss wirklich nicht sein.“ Der Arzt lächelte erstmalig, und die profunde Vene spielte mit – schwupp, war die Viggo installiert.

Und ich machte mich auf den Weg zum Foltergerät, mit sehr, sehr gemischten Gefühlen. Glücklicherweise kam ich schnell dran, und ein junger, sehr netter MTRA nahm mich in Empfang und hieß mich, bis auf den Slip alles auszuziehen, Ohrringe, Armbanduhr, nichts Metallenes durfte bleiben. Und er reichte mir eines dieser attraktiven OP-Hemden und sagte in polnischem Akzent, ich möge bitte dieses „sährrr schiiickää Gääwaand“ anlegen, mit der Öffnung nach vorn, denn die Untersuchung erfolgte ja in Bauchlage – ganz toll … Ich lachte. Eindeutig besser als bei meinem letzten MRT-Besuch für diese Untersuchung, denn da hatte ich in der Um- bzw. Entkleidekabine vor lauter Anspannung mit den Tränen gerungen. Es ist immer gut, wenn das behandelnde und ausführende Personal Humor hat. Das wirkt ansteckend. 😉

Dann ging alles recht schnell, und ich betrat den Raum mit dem Tomographen, dessen Betriebsgeräusche ich bereits in der Entkleidekabine in annähernd voller Schönheit gehört hatte: Er klingt immer wie eine etwas ältere Waschmaschine in einem der Waschgänge – und ein bisschen wie eine Wäschetrommel sieht er ja auch aus. 😉 Wie beim letzten Mal beruhigte mich der Siemens-Schriftzug – all meine Küchengeräte sind von dieser Firma, in der mein Vater als Jungingenieur tätig gewesen war. Da gab es mich noch gar nicht, aber als jemand, der mit Beklemmungen in engen Räumen zu tun hat, in denen es auch noch verboten lärmt, und das in wieder und wieder wechselnden Frequenzen und Arten, klammert man sich an jeden vertrauten Strohhalm. 😉 Ein Satz meines Ex‘ Richie fiel mir ein, als ich ihm von meinem ersten Besuch in diesem Gerät vor einigen Jahren erzählt hatte: „Ali, wenn du wüsstest, was in dem Gerät passiert bzw. was es macht, möchtest du da nie wieder hinein!“ (Als würde ich ernsthaft aus eigener Entscheidung hinein wollen!) Richie hat Maschinenbau studiert und kennt sich mit so etwas weit besser aus als ich, aber ich sagte nur: „Ich will es auch gar nicht wissen – mir reichen schon die Beklemmungen. Ruhe jetzt – nein, nicht erklären! Aus!“ (Zwar habe ich dann selber recherchiert und kam zum Schluss, dass ich das eigentlich gar nicht hatte wissen wollen – wenn ich da hineinmusste, musste es eben so sein. Und so ließ ich mich auch diesmal hineinfahren, mit Gehörschutz auf den Ohren und dem Alarmknopf in meiner schweißnassen linken Hand, den ich allerdings lieber an seiner Leitung festhielt, nicht den Knopf selber, denn bisweilen erschrickt man doch etwas, wenn sich die irritierende Geräuschkulisse mal wieder spontan ändert. Und da möchte man doch nicht ganz unbeabsichtigt auf den Knopf drücken. Denn dann wird die Untersuchung abgebrochen, und man muss alles wieder von vorn mitmachen. 😉 )

Ich habe die 40 Minuten irgendwie überstanden, und es gab nur zwei Momente, da ich kurz davor war, den Alarmknopf zu drücken – noch jetzt bin ich stolz auf mich. 😉 Einer davon war der, da das Kontrastmittel in meine Vene gepumpt wurde – das merkt man deutlich. Das Zeug ist leider ziemlich kalt, und man merkt genau, wie es seinen Weg durch die Vene an der Ellenbeuge bis zur Schulter nimmt und sich dann verteilt. Nicht zwingend angenehm.

Aber die Bilder zeigten wohl nichts Besorgniserregendes, wie mir der „katastrophen“affine Arzt in der Röntgenabteilung dann sagte, der mir die Viggo gelegt hatte. „Ich habe mir Ihre Bilder schon oben angesehen – sieht alles okay und nicht besorgniserregend aus. Sehen Sie mal – hier einmal längs durch: Das hier ist Ihre Leber. So sehen Sie von innen aus, Frau B.!“ – „Was sind das da für schwarze Stellen?“ – „Wo?“ – „In der Leber, die Sie mir gerade zeigten.“ Es stellte sich heraus, es waren keine schwarzen Stellen – es ging nur alles so schnell auf dem Weg zu den beiden „Objekten“, deren Untersuchung im Fokus gestanden hatten, und der Arzt meinte beruhigend: „Alles gut – ich dachte, ich mache Ihnen eine kleine Freude, Ihnen mal zu zeigen, wie Sie so von innen aussehen.“ Ja – hatte ich mir immer schon gewünscht. 😉 Ich sagte: „Dem Himmel sei Dank!“ Der Arzt sah mich an, und da sah ich eine echte Gefühlsregung: „Ach, herrje, Frau B. – hatten Sie sich denn solche Sorgen gemacht?“ Sorgen? Ich hatte seit Tagen nicht richtig geschlafen! Das sagte ich dann auch, und der Arzt meinte: „Dann kann ich Sie beruhigen – es ist wirklich nichts zu sehen, was Sie oder mich in Sorgen stürzen sollte. Und jetzt gleich gehen Sie schön nach Hause, und dann legen Sie erst einmal die Füße hoch.“ Und mit diesen Worten verabschiedete er mich und wirkte gleich viel menschlicher.

Am Mittwoch habe ich noch einen Besprechungstermin mit dem Facharzt, und ich hoffe, der sagt das Gleiche wie der Radiologe.

Nach dem Termin fühlte ich mich total erschlagen, und ich sah auch so aus. Schnurstracks fuhr ich nach Hause – das muss ich auch nicht jeden Tag haben. Dann lieber drei Wurzelbehandlungen ohne Betäubung. 😉

Wohin mit dem Klavier?

Heute habe ich meine Eltern endlich mal wieder besucht – es war seit einiger Zeit überfällig. Wir wohnen nur 20 Kilometer voneinander entfernt, und ich wollte sie schon seit einigen Wochen mal wieder länger besuchen, was ich sonst öfter tue – aber es kam dauernd etwas dazwischen.

Erst war meine Mutter krank, und das ansteckend. Das Wochenende darauf war für meine Tante reserviert, die allein ist und sich über Besuch freut, die ich auch sehr gern besuche, weil ich sie sehr mag. Das stand schon länger fest. Letzte Woche lag ich mit einem Magen-Darm-Virus so richtig flach. Flacher ging kaum.

Nun endlich in dieser Woche, und so fuhr ich heute hin. Es gab ein hervorragendes Mittagessen – Kalbsbäckchen mit Klößen und Gemüse. Sehr lecker. Ich hätte mir sicherlich nur einen Salat gemacht, wäre ich nicht gefahren. Schmeckt zwar auch, aber das hier war wirklich hervorragend.

Nach dem Essen gab es Kaffee, von mir gekocht, und meine Mutter rief, ob ich sie umbringen wolle – der Kaffee sei ja derart stark, dass man Sorge um das Herz-Kreislaufsystem haben müsse. Mit Milch ging es dann aber.

Beim Kaffee meinte meine Mutter: „Ali, bist du am Klavier interessiert?“ Und sie deutete auf das wundervolle, alte Klavier, mit dem ich groß wurde. Es ist ein echter Methusalem und über hundert Jahre alt, klingt aber – wenn gestimmt – wunderbar und hat einen schönen, ein wenig weichen Anschlag. Es ist kein besonders hochklassiges Piano, kein Bechstein, aber schon seit vielen Jahrzehnten in der Familie, ein echtes Erbstück, und ich saß schon als etwa Dreijährige daran und klimperte darauf herum, wobei ich behauptete, ich spielte den Rosenkavalier, eine Oper von Richard Strauss. Hatte ich wohl irgendwo aufgeschnappt. Auf dem Notenhalter das alte Grundschul-Liederbuch meiner Mutter, welches auf dem Kopf stand … 😉

Auf diesem Klavier habe ich die ersten Tonleitern und die ersten kleinen Übungsstücke erlernt, und es nahm mir mein überschäumendes Temperament nie übel, wenn ich wieder eine Stufe weiter war und ein Stück üben musste, dessen Technik, Fingersatz und Dynamik noch übungswürdig und -bedürftig war. Es war erfreulich duldsam, wenn ich haareraufend daran saß und – wenn ich so richtig fuchtig wurde, wenn meine Finger sich zu verknoten schienen bei einem besonders schnellen Lauf – mit beiden Händen bzw. allen zehn Fingern auf die Tasten eindrosch, um meinem Zorn Luft zu verschaffen, zumal ich nie Klavier hatte lernen wollen. Auch das nahm das Klavier nie übel. Aber es erlebte auch die Zeiten, da ich voller Freude darauf spielte – da war ich allerdings auch schon so weit, dass ich mich mit Chopin auseinandersetzen konnte.

Ich habe es so kennengelernt, wie es heute aussieht, aber meine Mutter beklagte seit jeher, dass es so ein wunderschönes Jugendstilklavier gewesen sei, bevor mein Vater, der Jugendstil nicht mag, alle floralen Elemente auf beweglichen Teilen des Pianos von einem Schreiner entfernen ließ. Auch die beiden Kerzenhalter, denn es ist ein wirklich altes – und ehrwürdiges – Klavier. Ein Klavierstimmer, der vor einigen Jahren an ihm tätig wurde, als es einen gewissen Dämpfklang aufwies, wollte es meinen Eltern abkaufen, denn er identifizierte es als echtes Zimmermann-Klavier aus Leipzig, das um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert gebaut worden sei. Er war begeistert, monierte lediglich die Tatsache, dass die floralen Jugendstil-Elemente beseitigt worden seien. Meine Mutter lachte dreckig, mein Vater überging den Einwand und erklärte, das Klavier sei nicht zu verkaufen. Der Klavierstimmer bedauerte dies – so ein schönes, altes Instrument, das nach der Stimmung wieder hervorragend ohne Dämpfklang funktioniere! Und er setzte sich an das Piano und spielte einige gefällige Läufe, wobei er meinte, es mache Freude, auf dem so gut erhaltenen und gepflegten Instrument zu spielen. Wenn meine Eltern es sich anders überlegen sollten – sie hätten ja seine Kontaktdaten.

Als meine Mutter mir davon erzählte, rief ich: „Nein, nicht verkaufen!“ – „Aber man musste dich doch früher fast ans Klavier prügeln, bevor du übtest!“ (Zur gefälligen Kenntnis: Ich bin niemals geprügelt worden – und schon gar nicht ans Klavier. Musik soll Freude machen, und das hat man mir auch so vermittelt. Und irgendwann griff der Ehrgeiz. 😉) „Ja, aber ihr könnt das Klavier doch nicht verkaufen! Ich hänge daran! So viele Stunden habe ich daran gesessen, voller Frust, manchmal aber auch mit Spaß! Bitte nicht abgeben!“

Damals meinte meine Mutter schon: „Dann musst du es aber auch irgendwann übernehmen. Wir werden nicht jünger, und einer muss dann das Klavier nehmen.“ – „Ja, ist doch kein Problem! Stephanie hat doch schon Opas Klavier übernommen – dann nehme ich das hier! Ich dachte, das sei klar.“

Und heute kam das Thema erneut zur Sprache. Was ich etwas spooky fand, war die Tatsache, dass ich vor zwei, drei Tagen daran denken musste, was mit dem Klavier werden würde, wenn dereinst mein Elternhaus möbeltechnisch reduziert werden würde (meine Mutter liebt seit einiger Zeit möglichst leere Räume). Keine Ahnung, wie ich darauf kam – ich finde es vor dem heutigen Hintergrund auch ein wenig gespenstisch. Noch gespenstischer, dass ich schon darüber nachgedacht hatte, wie man hier im Wohnzimmer die Möbel derart zusammenrücken könne, dass das Klavier einen geeigneten Platz finden würde. Meine Mutter und ich scheinen telepathisch verbunden zu sein – oder so etwas Ähnliches. 😉

Heute eröffnete sie mir beim Kaffee den Plan zum Klavier: „Ali, hast du Interesse an diesem Klavier?“ – „Ja, sicher – habe ich doch immer gesagt!“ – „Und wohin willst du es dann stellen?“ – „Für das Klavier wird sich Platz finden!“ – „Ansonsten wird es zerlegt und dann zum Wertstoffhof gebracht.“

Ich schnappte nach Luft, dann rief ich: „Mama! Das ist ein Musikinstrument und keine olle Kommode!“ (Man muss dazusagen, dass meine Mutter selber das Klavierspielen beherrscht und kulturbewusst ist – und dann so ein Vorschlag! Ich war entsetzt!) Sie grinste und sagte: „Ja, und?“ – „Das ist ein Musikinstrument, Mama! Das derart zu behandeln, ist Frevel! Das ist, als würde man Bücher zerstören – das geht gar nicht! Ich werde Platz finden – und dann kommt es zu mir!“ – „Was willst du mit dem völlig verstimmten Ding?“ – „Man kann es stimmen lassen, und dann fange ich wieder mit Spielen an! Auf keinen Fall wird es brutal entsorgt – das geht gar nicht!“

Meine Mutter grinste noch mehr. Mein Vater atmete auf. Er hatte die Unterhaltung mit Unbehagen verfolgt – er hängt auch an dem Klavier.

Ich habe eigentlich gar keinen Platz für das Klavier, aber ich werde welchen schaffen. Und irgendwie habe ich den Eindruck, dass ich genauso reagiert habe, wie es auch meiner Mutter recht ist. 😉

Und das Schönste: Ich werde wieder mit dem Klavierspielen anfangen. Obwohl ich das ja nie hatte lernen wollen, fehlte etwas. 😊

Ein Klavierstimmer, der bestenfalls auch noch Klavierbauer ist, sollte allerdings schon her: Die Taste ganz links klemmt, und der angeschlagene Ton erzeugt einen derartigen Dämpfklang, dass man gar kein Pedal benötigt, ihn zu erzeugen. Aber das darf ein Klavier-Senior auch. 😉 Man kann es leicht beheben lassen.

In den nächsten Tagen überlege ich, wie man das Piano hier am besten unterbringen kann. Alles, nur keine Entsorgung! 😊

„Mutter, wir danken dir.“ – „Ein Klavier! Ein Klavier!“ Loriot lässt grüßen … 😉