Ein freier Tag für die Zukunft – Oder: Dieser Tag war nicht der Hit!

Den freien Tag hatte ich heute nicht – ich war brav bei der Arbeit und musste obendrein einen Vortrag halten, was ich aber gern tue, wenn es darum geht, die Arbeitsinhalte meiner Abteilung unters ausbildungswillige „Volk“ zu bringen, da es davon profitieren kann. Und damit wir alle – gut ausgebildete Menschen werden gebraucht –, und das bezüglich jedweder Art von Ausbildung. 😊

Bei meinem Arbeitgeber, einer Einrichtung, die für eine Form der Ausbildung mehr oder minder junger Menschen Sorge trägt, fand ein Informationstag für Leute statt, die kurz vor dem Schulabschluss stehen. Eine Art Messe. Die, die daran teilnehmen wollen, haben an diesem Tag schulfrei.

Bis dato hatte ich diese Veranstaltung eher passiv miterlebt, aber diesmal sollte ich aktiv mitgestalten, indem ich oben erwähnten Vortrag hielt. Um kurz vor 10 war ich am Tagungsort, konnte diesen jedoch kaum betreten, da schon jetzt Massen an Interessenten vorhanden waren, die partiell den Eingang verstopften, während im Inneren des Raumes bereits die gesamte Bestuhlung besetzt war und auch schon viele Leute standen, die keinen Sitzplatz mehr hatten ergattern können.

Jana hatte mich zunächst begleitet, da ich Bedenken hatte, mit unserem bisweilen etwas heiklen Laptop zurechtzukommen, das ich heute erstmalig benutzte und das ein erstaunliches Eigenleben zu führen scheint. Als sie den Raum verließ, sah ich, dass sie mit einem Besucher eine kurze Diskussion hatte, aber es ging unter in der Geräuschkulisse, die aufgrund der Masse der Interessenten herrschte. Und so begann ich meinen Vortrag: „Hat denn jemand von Ihnen schon einmal einen Schüleraustausch mitgemacht?“

Zunächst antwortete niemand, aber das kannte ich schon von meinem früheren Dozentenjob. Im Plenum traut sich oft keiner, aber hinterher kommen sie angerannt und schütten einen mit Informationen zu … 😉

Doch da hinten meldete sich einer! Ich erteilte ihm freundlich lächelnd das Wort, und er erklärte in abfälliger Attitüde, er sei in Italien gewesen. Aber da sei alles Scheiße gewesen. Ich lächelte vorgeblich fröhlich – das fing ja ganz toll an … 😉 „Was war denn so schlimm?“ fragte ich, und es erscholl: „Alles!“ Und nachgeschoben wurde: „Und das Essen da ist auch scheiße!“

Ich lächelte wahrscheinlich noch sanfter als zuvor und dachte: „Ja, mag nicht jedermanns Geschmack sein, auch wenn es mich verwundert, aber du bist offenbar hier, um einfach diese Veranstaltung zu stören.“ Und ich sagte sanft: „Das tut mir sehr leid für Sie.“ Und als ich etwas möglicherweise noch Sanfteres und Verständnisvolleres nachschieben wollte, meldete sich ein junges Mädchen ganz heftig, das freudig und voller Begeisterung erzählte, es habe einen Austausch nach Südamerika gemacht, und der sei so toll gewesen! Seither habe sich ihr Spanisch extrem verbessert, und sie habe ein Land kennengelernt, das sie zuvor nie realistisch habe einschätzen können.

Ich gestehe es: Am liebsten hätte ich das nette Mädchen sofort in den Arm genommen und geknuddelt, denn ich stand da vor einer Horde von Menschen, von denen ein Teil mich derart anstarrte, als sei ich nicht wert, ihnen auch nur einen guten Tag zu wünschen. Als mir dies zu Bewusstsein drang, musste ich unwillkürlich lachen – Galgenhumor -, und ich bedankte mich bei der jungen Dame, das dann aber wirklich aufrichtig. Und nach ihr berichteten auch noch andere Teilnehmer von ihren Austauschen, und das ebenso begeistert.

Das war zuviel für den Störer, der Italien nicht nur ganz bescheiden gefunden, sondern danach auch noch mehrfach recht prollig gestört hatte, und er rief: „Dat ist mir hier zu langweilig!“ Und schon stürmten er und zwei Kumpels abrupt aus dem Raum. Erst hinterher erfuhr ich, dass er sich in anderen Veranstaltungen genauso benommen hatte. Wollte es uns wohl mal so richtig zeigen. Ist aber wohl nicht ganz gelungen. 😉

Im ersten Moment dachte ich noch: „Soll ich jetzt sagen: `Kein Problem, ich will Sie ja nicht langweilen‘?“ Im nächsten Moment war mir klar, dass man so etwas ganz einfach nur ignorieren müsse. Außer ihm und seiner Entourage ging niemand. Im Gegenteil. Sie hörten alle brav zu, und hinterher – sie haben sogar applaudiert, als mein Vortrag beendet war – kamen viele Zuhörer zu mir, um sich beraten zu lassen, was ich gerne tat, zumal die Fragesteller alle sehr nett und sympathisch waren. 😊 Ein Mädel meinte sogar noch: „Ich habe mir Ihren Namen nicht merken können, aber zu Ihnen komme ich gern zur Beratung, sollte ich nach dem Schulabschluss hierherkommen – und ich finde Sie ja sicher auch ohne Namen.“ – „Ich kann ihn auch ganz einfach aufschreiben oder Ihnen eine Visitenkarte geben.“ – „Ach ja – klar. Danke schön! Sollte ich hier landen, melde ich mich sehr gern bei Ihnen!“ Und das Mädel strahlte mich an – ich strahlte zurück und sagte: „Darüber würde ich mich sehr freuen!“. So etwas ist immer schön. 😊

Und so lief der Tag dann doch recht gut. Dachte ich. Zumindest der Vortrag war prima gelaufen.

Ich saß schon wieder im Büro und widmete mich meiner anderen Arbeit – Jana war im Haus unterwegs -, als es von außen an unser Bürofenster klopfte. Ich sah hoch und sah Ulli, einen früheren Nachbarn meines Arbeitgebers, der seit Monaten jedoch schon in einem der Nachbarorte lebt, dennoch mit seiner lieben Luna, einer weißen Schäferhündin, immer noch in vertrautem Terrain spazieren ging.

Luna kenne ich seit ihrer Welpenzeit, und sie war so süß, wie sie da – ein schneeweißes, kleines Schäferhundbaby – in ihrem ersten Winter durch den Schnee sprang! Das habe ich nie vergessen, da es so niedlich war: schneeweißes Hundekind im Schnee, und das so fröhlich! 😊

Ich öffnete das Fenster, als wären wir ein Kiosk, der Zigaretten, Bier und Weingummi verkauft. Und ich sagte: „Ulli – nett, dich mal wieder zu sehen!“ Dabei sah ich, dass hinter ihm ein Fahrrad stand, und ich beugte mich aus dem Fenster, um zu sehen, was neben seinen Füßen war, denn ich hatte eine furchtbare Ahnung, die sich auch sogleich bewahrheitete: kein Hund. Keine Luna. Dabei waren die beiden unzertrennlich.

Ich sah Ulli ins Gesicht und sagte: „Du musst nichts sagen – mir ist es schon klar: Luna ist tot. Nicht wahr?“ Und da fing Ulli fast zu weinen an, und mit erstickter Stimme sagte er: „Ich bin eigentlich nur hierhergekommen, um dir das zu sagen und mich zu verabschieden, denn ich bin mit die Luna ja eigentlich nur noch hier spazieren gegangen, weil sie den Weg kannte und so mochte. Wir mussten sie vorgestern einschläfern lassen. Sie war voller Krebs. Sie ist wieder und wieder zusammengebrochen.“ Da kamen mir auch die Tränen. Luna war so ein liebes Tier, und noch heute finde ich in meinem Auto an den unmöglichsten Stellen relativ lange, weiße Haare, obwohl sie doch nie in meinem Auto gesessen, mich nur immer so begeistert angesprungen hatte, wobei sie Haare an meiner Kleidung hinterließ, die selbst bei gründlicher Reinigung sowohl der Kleider, als auch des Autos auf erschreckende Weise Ewigkeitsanspruch zu haben scheinen und mir einmal mehr beweisen, dass man gar keinen eigenen Hund haben muss, um massive Trauer zu empfinden.

„Ulli, ich bin mir sicher, dass wir uns hier noch häufiger sehen. Er wird Luna niemals ersetzen können, aber ich bin mir ganz sicher, dass du und deine Frau einen neuen Hund haben werden. Das ist nicht pietätlos gemeint.“ – „Nee, ich weiß, watt du meinz. Ohne Huund gehtet nich mehr. Unnich weiß ja auch, datt du die Luna sehr mochtess. Ohne Huund gehtet gaa nich.“ – „Ich mochte Luna sehr und hatte sie in mein Herz geschlossen – ich könnte selber so losheulen! Aber es ist trotzdem nicht verkehrt, wenn ihr euch einen anderen Hund anschafft. Er wird Luna niemals ersetzen können, weil sie einzigartig war. So ein liebes und liebenswertes Tier! Aber er wird euch helfen, und ihr werdet ihn ebenso liebgewinnen, auch wenn er anders als Luna ist.“ – „Danke! Dat habbich getz gebraucht. Ich wollte dir dat aber sagen, weil ich ja weiß, datt du die Luna auch mochtess. Danke!“ Und mit diesen Worten fuhr er ab.

Da erst wurde mir klar, dass er wohl eigens mit dem Fahrrad hergefahren war, um mir all das mitzuteilen! Das berührte mich sehr – er schöpfte wohl Trost daraus, und ich konnte nicht einmal das Büro verlassen, um ihn einfach mal zu drücken! Das tut mir jetzt noch leid. Ich war allerdings auch geschockt von der Nachricht – mir kamen selber die Tränen, und die kommen sogar jetzt noch, obwohl Luna doch nicht einmal mein Hund war.

Der Tag war mit einem Mal bescheiden geworden, und bedrückt ging ich in unsere Teeküche, um frischen Kaffee aufzusetzen.

Als er wohl fertig war, erhob ich mich mitsamt meiner Tasse, um Nachschub zu holen. Als ich in die Teeküche kam, sah ich drei halbwüchsige „Knaben“, eindeutig Besucher der „Schülermesse“, die gerade laut lachend von Janas und meinem privat bezahlten Kaffee, zubereitet von meiner privaten Kaffeemaschine, in ihre Plastikbecher gossen!

Der Tag hatte gut begonnen, war dann aber richtig unschön geworden, und das nun auch noch! Ich staune jetzt noch, aber ich brüllte los: „Ey! Stellen Sie das sofort wieder hin! Geht es eigentlich noch?!? Was haben Sie hier überhaupt zu suchen – das ist eine Küche für Mitarbeiter!“ – „Ja, ey, doof gelaufen, steht nicht drrrann.“ – „Ja, ganz doof gelaufen, aber nicht für mich! Hier steht Teeküche drrrann, und für jeden Menschen, der mitdenkt, ist klar, dass es sich hier um einen Mitarbeiterbereich handelt! Und Ihre Verarsche lassen Sie sofort stecken!“ Und ich holte Luft und brüllte noch lauter: „Sie stellen jetzt sofort alles wieder hin und machen sich unverzüglich hier vom Acker!“

Da stand schon Jana neben mir, und sie sagte zu einem der Eindringlinge: „Sie sind vorhin schon unangenehm aufgefallen, schon vor dem Vortrag unserer Abteilung. Würden Sie also unverzüglich die Küche verlassen?“ – „Ey, wo bin isch unangenehm aufgefallen, Tussi?“ – „Sie wissen genau, was ich meine!“ So Jana. Hui, Jana – total cool! 😊

„Dann geh isch jetz nach Hause!“ „drohte“ der junge Mann, und ich lachte und meinte: „Sie sind ein freier Mensch – Sie können gehen, wohin Sie wollen. Aber Sie verlassen auf alle Fälle unsere Küche – und das sofort!“ – „Ey, aber Dreistischkeit siegt! Den Kaffee haben wir trotzdem!“ – „Möge er Ihnen wohl bekommen!“

Jana und ich sahen einander an, als die drei Typen verschwunden waren. Ich sagte: „Danke, Jana! Du bist im richtigen Moment dazugekommen.“ – „Zum Glück hattest du die Bürotür offengelassen. Und dann hörte ich jemanden brüllen und musste erst einmal überlegen, wer das wohl sein könnte. Ich hatte dich ja zuvor noch nie wütend erlebt, weil es nie notwendig war. Hut ab! Coole Stimme! Und sehr energisch! Und ich bin dann gekommen, weil ich dich unmöglich alleinlassen konnte – du warst in Unterzahl, denn die waren ja zu dritt!“ Ich starrte meine Kollegin an, dann drückte ich sie. Eine bessere Kollegin könnte ich wohl nicht haben. 😊

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