Ein echter „Lauf“! ;-)

Vorgestern war ein Tag, an dem ich etwa 22 Stunden am Stück auf den Beinen und mehr oder minder geistig anwesend war.

In Riga war ich um halb vier morgens aufgestanden – da war es hier halb drei. Schnell unter die Dusche, schnell angezogen und fertiggemacht. Schnell noch die letzten Teile in den Trolley geworfen, der – als Handgepäck deklariert – 12 kg nicht überschreiten durfte. So die Vorgaben meines Flugtarifes der Koninklijke Luchtvaart Maatschappij, kurz KLM, mit der ich nicht zum ersten Mal unterwegs war. In Kooperation mit airBaltic. Der Hinflug war auch wirklich gelungen, und auch bei vorherigen Flügen hatte es keinen Anlass zu Beschwerden gegeben.

Als ich um 05:25 Uhr aus dem rotzgrüngelben Baltic Taxi sprang, das mich fünfundzwanzig Minuten zuvor vom Hotel abgeholt hatte – die Fahrt war sehr nett gewesen, da der Fahrer und ich einander blendend verstanden und einen ganz ähnlich schwarzen Humor hatten -, mir Rinalds, der Fahrer, noch alles Gute gewünscht und gemeint hatte, es wäre sehr nett, mich einmal wieder zu treffen, stochte ich mit meinem kleinen roten Trolley gen Flughafenlobby. Schnell eingecheckt – der kleine rote Trolley wurde entgegen den Bestimmungen, die mit meinem Ticket einhergingen, einmal mehr als Aufgabegepäck behandelt und diesmal bis Düsseldorf durchgebucht -, ging es direkt zum Security Check. Wusste der Henker, wie lange es da dauern würde … Und das war eine blendende Entscheidung, denn dort tobte bereits der Bär. 😉

Ich hasse den Security Check aus ganzem Herzen. Zumindest habe ich immer ein ziemlich schlechtes Gefühl, obwohl ich mich sicherheitshalber stets an die Regeln halte. Und obwohl ich ganz harmlos aussehe – wie ich zumindest glaube -, werde ich wieder und wieder hinausgewinkt, muss nicht nur Hände vorzeigen und Arme heben, um daraufhin abgetastet zu werden, nein! Meist muss ich auch noch meine Schuhe ausziehen, denn es könnten ja Handgranaten oder Spionagematerial darin enthalten sein – ganz sicher, und man weiß ja nie …

So auch Samstag früh, gegen 06:00 Uhr, als die Uhr hier noch 5 schlug und ihr alle zu Recht in tiefem Schlaf lagt. 😉 Zur Entspannung musste ich dringend den Duty-Free-Shop aufsuchen und ein Parfum von Burberry kaufen. 😉

Der Flug von Riga nach Amsterdam startete einigermaßen pünktlich – erheblich pünktlicher jedenfalls als alles, was ich von deutschen Flughäfen und anderen Airlines kenne. Der Pilot hieß Andreij Wassilijew und war offenbar Russe. So nahm ich zumindest an, und sofort schlug der kleine Klischeedetektor an: „Der kann sicher besonders gut fliegen, weil er beim russischen Militär war und ganz hervorragend Jagdbomber geflogen hat!“ (Ja, ich schämte mich auch sofort! Zumal Andreij Wassilijew wirklich hervorragend flog und ich ihn von ganzem Herzen beneidete, dass er etwas konnte, was ich so gerne können würde. 😊 ) Andreij flog uns aufs Beste die knapp 1500 Kilometer, steuerte uns durch wundervolle Wolkenformationen gen Boden, und als wir gelandet waren, war noch hinreichend Zeit, sich zum Nachfolge-Gate zu begeben. Anders als beim Hinflug, wo ich rennen musste. Danke, Andreij! 😉 Nie wieder werde ich blöde Klischees bemühen, wenn ich auf einem Flug einen russischen Namen höre, der den Piloten betrifft. (Bisher war es allerdings auch nicht dazu gekommen, da ich innereuropäisch noch nie so weit östlich geflogen war.) 😊

In Amsterdam-Schiphol angekommen (was die lettischen/russischen Flugbegleiterinnen immer so reizend als „(Chch-)Hamsterdam“ deklariert hatten), eilte ich sogleich ans Folge-Gate, und es war völlig klar – da in Riga so angekündigt -, dass mein kleiner roter Trolley bis Düsseldorf durchgebucht sei. Also stieg ich vertrauensvoll in den Cityhopper, und er und ich landeten auch in Düsseldorf voller Zuversicht.

Aber die Zuversicht nahm ab, je mehr unabgeholte Gepäckstücke auf dem unentwegt kreisenden Gepäckband zirkulierten und keines hinzukam. Als das Band dann stoppte, war auch mir klar, dass da nichts mehr kommen würde. 😉

Ich begab mich an den entsprechend zuständigen Schalter, und nachdem ich diverse Angaben getätigt hatte, versicherte man mir, dass mein Trolley und ich alsbald wieder vereint sein würden – sobald man ihn gefunden habe, werde er mir mit dem entsprechenden Lieferservice nach Hause gebracht. (Inzwischen hatte ich diverse Angaben erhalten: Mein Trolley sei kurz nach mir von AMS nach DUS gereist, inzwischen gelandet, und man werde sich alsbald melden. Kurz darauf die Nachricht, mein Gepäck sei gefunden worden und nun alsbald nach DUS unterwegs – ich solle warten.)

Innerlich fluchend, äußerlich immer schlimmer erkältet machte ich mich gen Flughafenbahnhof auf, um den RE Richtung Hamm zu nehmen, der über GE fährt. Am Bahnhof angelangt, stellte ich fest: Dieser Zug fuhr heute … nicht. Warum? Keine Ahnung, denn es gab keine Erklärung dafür. Also nahm ich den nächsten Zug, der über Essen fuhr und auch erst eine knappe halbe Stunde später kam, in der ich frierend und fröstelnd ausharrte, mit eklatanten Gliederschmerzen: Es ging mir gar nicht gut.

Endlich fuhr der Zug ein, und mit Mühe zwängte ich mich hinein, denn er war zum Bersten voll. Da dachte ich: „Danke, KLM, dass mein Trolley nicht mitgekommen ist! Nicht auszudenken, hätte ich jetzt noch einen Koffer bei mir!“ 😉

Beim nächsten Halt in Duisburg war auch noch alles okay. Aber beim übernächsten in Mülheim standen wir schon erstaunlich lange am Gleis, als eine Durchsage kam: „Meine Damen und Herren, es klingt vielleicht bescheuert, aber: Die Türen lassen sich nicht öffnen!“ Wir, die wir dort im Einstiegsbereich unseres Wagens standen, starrten einander ungläubig an – wie bitte? Die neben mir stehende Frau meinte lachend: „Das ist doch kaum zu glauben!“ Und sie grinste mich an. Ich sagte: „Nun ja, ich habe heute eh einen Lauf – mich würde daher gar nicht wundern, würde gleich die Feuerwehr kommen, um uns alle aus diesem Zug hier zu schneiden, weil sich die Türen nicht öffnen lassen.“ Die Frau lachte schallend, ich grinste etwas gequält. Ich wollte nur nach Hause. Es war nach halb 1 – ich war seit vielen Stunden auf den Beinen, eine Stunde länger als alle Mitreisenden, die hier in Deutschland auch mitten in der Nacht um halb vier aufgestanden waren, denn in Lettland gehen die Uhren eine Stunde vor.

Nachdem wir endlich hatten weiterfahren können, in Essen das gleiche Spiel. Mein zuvor als hervorragend angesehener ziemlich rascher Anschluss weg. Aber ich versuche immer, möglichst pragmatisch vorzugehen, und da ich ohnehin noch hatte einkaufen wollen, dies nun eben in Essen. Der nächste Anschluss in einer Dreiviertelstunde. Ich stürmte die Kettwiger Straße und dort die erste Apotheke, deren ich ansichtig wurde – es mussten Mittel gegen diese immer schlimmer werdende Erkältung her. Meine Stimme war bereits da etwas brüchig, und der Apotheker hatte wohl Mitleid mit mir und rückte ganz freiwillig einen Kalender für das kommende Jahr heraus. Wahrscheinlich dachte er: „Arme Frau – die klingt so scheiße, dass sie sich sicher freut, wenn ich ihr zutraue, noch das nächste Jahr zu erleben.“ 😉

Dann rasch in einen Supermarkt und das Nötigste erworben, bevor es zurück zum Hauptbahnhof ging. Noch fünf Minuten bis zur Abfahrt des Zuges an einem entlegenen Gleis. Doch da! Da stand am Zugang zum Gleis ein Schild, auf dem stand: „Der Tunnel zu den Gleisen […] und […] ist derzeit gesperrt. Sie erreichen die Gleise durch […]“ Und ein Weg wurde genannt, der zu weit war, den in fünf Minuten abfahrenden Zug noch zu erreichen, vor allem mit meinem durch die Erkältung kurzatmigen Handicap.

Ich bin ein friedliebender Mensch, gestehe jedoch, in diesem Moment das Bedürfnis verspürt zu haben, dem nächsten Menschen, der mich aus Unachtsamkeit anrempeln würde, lachend rechts und links ins Gesicht zu schlagen. (Ich würde so etwas nie tun. Das Bedürfnis war dennoch da.)

Ich bin schließlich mit der U11 nach GE-Horst gefahren – ein Akt der Verzweiflung, da die U11 die letztpriorisierte Möglichkeit war, die ich überhaupt in Betracht zog, da ich die U11 sehr gut kenne. Ein Erlebnis, das ich auch nicht jeden Tag haben muss. Neben mir saßen zwei ältere Frauen, die darüber sinnierten, dass „die Heidi“ sich nun einen Hund anschaffen wolle und auch schon einen Vertrag auf einen Abkömmling bzw. einen Welpen aus einem Züchterwurf abgeschlossen hatte – „iiiaagendsone Jagdhundart, und der Hund heißt Leo – den hatt se auch schon zweimal besucht. Bekloppt, ey!“ – „Ja, vooaa allem, weil sonn Hund doch Haare väaaliiaat!“ Ja, nee, is klar – total bescheuert! So’n Hund verliert doch Haare! Wie kann man sich nur einen Hund anschaffen, wenn der doch Haare verliert – und dann liegen die aum Sofa rum, ne! (Ich fragte mich, ob „die Heidi“ keinen Staubsauger besitze und wie oft die beiden um Heidis Sofa besorgten Damen denn selber so staubsaugten, aber schon kam Ablenkung …)

Denn im Einstiegsbereich, der dem Vierersitzbereich, auf dem die beiden Damen und ich saßen, am nächsten lag, standen zwei stark alkoholisierte Personen. Die eine weiblich, die andere männlich, beide eine Flasche Bier in der Hand bzw. wechselweise am Kopp. Und an einer Haltestelle bremste die U11 etwas stärker … Und da ließ der Mann sich eben etwas noch einmal durch den Kopp gehen und trank rückwärts … Ein erhebender Moment. Nach dem ersten Schock dachte ich: „Wenn du irgendjemandem das alles erzählst, wird der sagen: ‚Amüsant, aber unwahrscheinlich – in der Häufung gibt es doch solch doofe Ereignisse gar nicht!‘“ Doch. Gibt es. Ich war auch verblüfft.

Ich machte drei Kreuze, als ich in GE-Horst in die Straßenbahn umsteigen konnte, und noch mehr Kreuze machte ich, als ich in meiner Wohnung war und die Schuhe von den schmerzenden Füßen ziehen konnte. Für den restlichen Samstag hatte ich Ruhe – ein Gefühl wie Weihnachten. Und zum Glück rief mich auch niemand mehr an – meine Stimme war kurz vor dem Versagen.

Am Sonntagmorgen, ich erwachte noch schlimmer erkältet als zuvor, wollte ich meine Stimme testen, denn mein Handy hatte mir für diesen Tag den Anruf des KLM-Gepäck-Lieferservice prophezeit, der meinen Trolley bringen sollte. Es ereilte mich das Grauen, denn es kam … nichts. Nur heiße Luft und jämmerliche quietschende Laute, die klangen, als solle eine Katze ersäuft werden, die mit letzter Kraft um Hilfe ruft. In dem Moment hoffte ich, der Lieferservice möge sich noch einen Tag Zeit lassen – so dringend war das mit meinem Trolley ja nun auch nicht. Immerhin waren keine verderblichen Dinge darin. 😉

Keine zehn Minuten später klingelte mein Handy. Eine mir unbekannte Nummer stand auf dem Display – mit höchster Wahrscheinlichkeit war das der Lieferservice! 😉 Ich raffte mich nebst Stimmbändern zusammen und meldete mich, indem ich trotzig und massiv Luft durch die Stimmwerkzeuge stemmte, aber es kam nur ein armseliges Quieken. Mein Gesprächspartner legte direkt auf. Ich konnte es ihm nicht verdenken – ich hätte mich auch verarscht gefühlt. Er versuchte es noch einmal – ich desgleichen, aber das Ergebnis war das gleiche. Ich sank ermattet aufs Sofa – übrigens ganz hundehaarfrei, da ich keinen Hund besitze. Würde ich meinen kleinen roten Trolley je wiedersehen? Ich hackte eine Whatsapp an KLM und schickte sie ab, aber man teilte mir nur mit, ich solle den Lieferservice anrufen. Hallo? Ich hatte doch mitgeteilt, dass ich erkältungsbedingt keine Stimme hatte … 😉

Wie durch ein Wunder meldete sich mein bester Freund Fridolin über den Messenger eines Sozialen Mediums: Wie es denn in Riga gewesen sei, wollte er wissen. Ich schrieb: „Dazu später. Könntest du mir einen Gefallen tun? […]“ Und ich schilderte ihm meine absurde Situation. Er fand es lustig und fragte, warum mir so oft solch völlig groteske Dinge passierten wie Sprachlosigkeit, wenn ausnahmsweise mal Sprachfähigkeit zwingend vonnöten, versprach jedoch, die von mir übermittelte Nummer anzurufen und mitzuteilen, dass ich in freudiger Erwartung meines Trolleys zu Hause sei. Und keine fünf Minuten später wusste ich: Zwischen 18 und 20 Uhr würde mein Trolley geliefert werden.

Doof war dann nur, dass der Lieferant zehn Minuten vor Auslieferung noch einmal anrief, wohl, um mir mitzuteilen, dass die Lieferung alsbald stattfinden würde. Als ich mich stimmlos meldete, legte er auf, und mich wundert noch jetzt, dass er danach tatsächlich noch angefahren kam, um mir das Gepäck zu bringen. 😉

Eine Kette unangenehmer Dinge, die grotesk endete – so etwas Bescheuertes war mir in dieser Häufung auch noch nie passiert. Aber immerhin sind mein Gepäck und ich wieder vereint. 😉

Und in Riga war es wirklich schön gewesen – am liebsten wäre ich gleich dageblieben, obwohl es die meiste Zeit wie aus Eimern schüttete. Mir wäre dann wohl auch der Samstag/Sonntag in dieser Form erspart geblieben. 😉

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