Wat de Buer nich kennt …

Wat de Buer nich kennt, dat frett he nich ist ein Satz in Niederdeutsch, gemeinhin auch als Platt bekannt. Was der Bauer nicht kennt – und so fort. Kennt sicherlich jeder.

Es schwingt eine vermeintliche Herabsetzung darin mit, die den Beruf des Landwirts zu betreffen scheint, was jedoch unzutreffend ist. Es ist wohl nicht der Landwirt als solcher gemeint, sondern eher ein Mensch, der sich – egal, welchen Beruf er ausübt – gegen alles sträubt, was er nicht kennt und sich somit in einem gegebenenfalls vergleichsweise engen Erfahrungsraum bewegt.

Bezogen auf Essen, bin ich ja der Ansicht, dass man beileibe nicht alles mögen müsse, dass man manches auch nicht vertrage. Um Letzteres festzustellen, muss man allerdings mindestens einmal probiert haben. Überhaupt finde ich, sollte man doch zumindest probieren und ehrlich zu sich und anderen sein, bevor man ein bestimmtes Gericht, eine Angewohnheit oder einen Brauch ablehnt. Es sei denn, man ist Allergiker hinsichtlich einer bestimmten Zutat in einer Speise. Die dann nicht essen zu wollen, leuchtet ein, und dafür hat jeder mit einem gewissen Restverstand Verständnis.

Ich hingegen reagiere allergisch darauf, wenn Leute hingehen und aus bloßer Verwöhntheit und – sorry – Engstirnigkeit Essen ablehnen, weil sie es nicht kennen. Ich war noch klein, als meine Eltern mal verschiedene Gäste zum Essen hatten. Eine Frau fiel ständig dadurch auf, dass sie zu allem und jedem sagte: „Ach, tut mir leid, das mag ich gar nicht!“ Sie mochte offenbar nicht viel, und dabei ist meine Mutter eine sehr gute Köchin, und es standen weder gegrillte Heuschrecken, noch Schneckenschleim auf dem Tisch. Den anderen schmeckte es offenbar sehr, dem männlichen Part dieses Pärchens war es offenkundig peinlich, und meine Mutter rannte hin und her und versuchte, der verwöhnten Dame, deren einzige Begabungen darin zu bestehen schienen, dass sie nichts mochte und wiederholt ein penetrantes Lachen absonderte, etwas ihr Genehmes zu essen zu bieten, etwas, mit dem der offenbar limitierte Gaumen sich zufriedenstellen ließ. Sie bereitete ihr sogar eigens etwas zu.

Ich war noch so klein, dass ich mich mit Diplomatie überhaupt noch nicht auskannte, und so warf ich der Dame, die beim nächsten Besuch in etwa gleicher Besetzung nicht mehr dabei war, sehr böse Blicke zu. Eigentlich hätte sie tot vom Stuhl stürzen müssen, so böse starrte ich sie an. Es leuchtete mir ums Verrecken nicht ein, warum um eine Vollzeitzicke ein solches Gewese gemacht wurde, während ich dazu erzogen wurde, dass Mäkelei an weniger genehmen Gerichten nicht angemessen sei und dass man zumindest probieren müsse, bevor man feststellen könne, dass einem eine bestimmte Speise in der Tat nicht schmecke. Und schon öffnete ich meinen Mund, um etwas Entsprechendes zu sagen, doch ein Studienfreund meines Vaters, der das Ganze wohl beobachtet hatte, meinte: „Ali, sag mal, was willst du denn später mal werden, wenn du groß bist?“ Ich blickte irritiert hinüber – was sollte die Störung? Gerade eben hatte ich doch eine dumme Ziege … „Sag doch mal, Ali“, ertönte die Aufforderung erneut. Und da sagte ich leicht verärgert: „Tierärztin!“ – „Ach, interessant – warum?“ – „Weil ich Tiere mag.“ – „Welche Tiere magst du denn besonders?“ – „Hunde! Und Pferde! Ziegen nicht so!“ rief ich, dabei mochte ich auch Ziegen. Zumindest tierische solche, aber irgendwie musste heraus, was herausmusste. Über das Gesicht des Studienfreundes meines Vaters lief ein leises Grinsen, das sich im Gesicht meines Vaters zu spiegeln schien, und die Mundwinkel zuckten. Er war aber so klug, nicht zu fragen, warum ich Ziegen – vorgeblich – nicht mochte. 😉 Stattdessen bat er darum, doch mal rasch meinen Malblock und die Wachsmalstifte aus dem Kinderzimmer zu holen – er würde sich so sehr über ein Tierbild von mir freuen. Ich fand das irgendwie albern – wieso sollte ich just jetzt ein Bild malen? Aber wenn es denn gewünscht wurde … 😉 Und ich zog ab, während meine Mutter, die – nur für Eingeweihte – ebenfalls leicht verärgert wirkte, aber sehr charmant lächelte, das eigens bereitete Essen für die verwöhnte Dame ins Esszimmer trug.

Gut, dass ich einen Auftrag hatte, denn ansonsten hätte ich wahrscheinlich sehr empört zum Ausdruck gebracht, dass ich sogar Graupensuppe essen müsse, obwohl die total ätzend sei! Es hätte peinlich werden können, denn ich trug bereits als Kleinkind mein Herz auf der Zunge. 😉

Mir nutzte solch zickiges Verhalten nie, aber ich bin sehr dankbar dafür. Es müsse zumindest probiert werden, so die Maxime in meinem Elternhaus, bevor man entscheiden könne, dass einem etwas wirklich absolut nicht schmecke. Und auch, wenn einem etwas nicht schmecke, habe man – speziell als Gast – keine „langen Zähne“ zu machen. Daher esse ich bis heute Graupensuppe und mache die „langen Zähne“ auch nur innerlich.

Ich finde total spannend, Gerichte aus anderen Ländern und Kulturen zu probieren und zu essen und bin dank der elterlichen Anleitung auch sehr aufgeschlossen und nicht mäkelig. 😉 Es gibt nur wenige Gerichte, die ich – und das aus Prinzip – nicht probieren würde, und wären sie noch so schmackhaft. Dazu gehören Froschschenkel und Schildkrötensuppe. Bei foie gras bin ich leider schon schwach geworden, aber bei dem einen der beiden Male stand ein belgischer Sternekoch hinter mir, der den Eindruck machte, er werde unverzüglich jeden mit dem Küchenbeil dahinmetzeln, der sich auch nur einem der verschiedenen Gänge des Abendmenüs entziehen würde. Zweimal gegessen, aber nicht begeistert, speziell der Entstehung dieser Gänse- oder Entenfettleber wegen. Schnecken esse ich, aber ich würde sie mir nicht eigens bestellen. Austern habe ich einmal gegessen, aber ich mag sie nicht, und auch die Art und Weise, die armen Viecher zu konsumieren, hält mich davon ab, ein zweites Mal folgen zu lassen.

Aber ich bin zumindest recht unerschrocken, was mir unbekannte Speisen anbelangt. Der Grundstein wurde in meinem Elternhaus gelegt. Und damals in Jugoslawien.

Da war ich 10 Jahre alt und über Ostern mit Onkel, Tante, Schwester und Cousine in Kroatien bzw. Dalmatien. Eines Abends waren wir von den Betreibern der Pension, Freunde meines Onkels und meiner Tante, zum Essen eingeladen. Ein privates, regionales Essen in der Wohnung der Pensionsbetreiber. Und meine Tante und mein Onkel schwärmten davon, was für wunderbares regionales Essen es doch gebe – beide ganz gespannt, was man uns kredenzen würde.

Und schon saßen wir im Esszimmer der Gastgeber am schön gedeckten Tisch. Es gab eine durchaus schmackhafte Vorspeise, die nur noch durch die Hauptspeise getoppt werden konnte. Und da wurde sie auch schon hereingetragen, in einem großen Topf.

Gespannt blickten wir hinein, nachdem der Deckel gelupft worden war und dem Topf wahrhaft wunderbarer Duft entströmte! Aber … was war das?

Merkwürdige, weißliche Gebilde schwammen in der duftenden Brühe – was war das? Der die deutsche Sprache beherrschende Gastgeber erklärte, das sei eine lokale Spezialität: gekochte Tintenfische. Genauer: Kalmare. Die Tiere, die jeder zumindest in Ringe geschnitten kennt, der frittierte Kalamares bzw. Calamari mit Knoblauchsauce liebt. Nur: Hier schwammen sie im Ganzen gänzlich unfrittiert in einer Brühe und sahen – sorry! – aus wie Wasserleichen.

Stephanie und meine Cousine Christina waren plötzlich auf Diät und wollten „nur eine ganz kleine Portion, bitte, wenn überhaupt“. Mein Onkel hatte wie aus dem Hut gezaubert schon den ganzen Tag ominöse Magenprobleme. Nur meine Tante und ich blieben übrig, und wir waren tapfer. Keine Frage: Die Brühe war wunderbar! Aber diese wachsartigen Kalmare waren eine Herausforderung. Ich aß einen großen Teller voll. Dann war ich gesättigt … Meine Tante nahm noch zwei Nachschläge – es war ihr peinlich, dass drei Teile der fünfköpfigen Reisegesellschaft ausfielen. Leider konnte sie vom Nachtisch dann nur noch wenig essen, und mein Onkel, Stephie und Christina gar nichts – es hätte etwas blöd ausgesehen. Die drei Letztgenannten gingen hungrig zu Bett, aber ich konnte immerhin noch vom Dessert essen. 😉

Und derart gestählt war ich vor einigen Jahren, kurz nach dem Urlaub mit Johann, Sabrina und meinem Ex-Freund Dirk in Skandinavien, auch bereit, eine ur-nordschwedische Spezialität zu probieren: Surströmming! Das ist jener vergorene Ostseehering, auch Strömling genannt, der in Nordschweden erfunden wurde und in Dosen verkauft wird. Dosen, die hierzulande nur kurz vor dem Verhungern Stehende allen Ernstes öffnen würden und die von zwei mir bekannten Fluggesellschaften als Fracht ausdrücklich ausgeschlossen sind, denn durch die Gärung sind die Dosen aufgebläht, was schon nichts Gutes ahnen lässt. Dirk und ich aber waren voller Elan, auch diese schwedische Spezialität zu probieren – immerhin hatten wir bereits älgkorv, Elchwurst, und Rentierschinken wie auch tunnbröd versucht. Ganz zu schweigen vom schwedischen Brot, das es in heller und dunkler Variante gab. Die Konsistenz: schwammartig, und die Brotsorten, die wir probierten, unterschieden sich nur in der Farbe. Und merkwürdig süß war das Brot, auf das wir salzige Butter strichen. (Gesalzene Butter esse ich aber auch hierzulande. Ungesalzene kaufe ich nur, wenn ich mal backen will, was selten genug der Fall ist.)

Dirk bestellte den vergorenen Ostseehering im Internet, weil man ihn sonst nirgendwo bekam. Und als er eingetroffen war, bestaunten wir die aufgeblähte Konservendose von allen Seiten. Wir hatten uns kundig gemacht, wie man das Ganze optimal öffne: in einem Zehnliter-Eimer, zu zwei Dritteln voll mit Wasser. Man muss die Dose unter Wasser drücken und dort öffnen. Und während Dirk sich dergestalt auf dem Balkon zu schaffen machte, stand ich in der Balkontür, jederzeit bereit, ins Innere der Wohnung zu fliehen. 😉 Immerhin schaffte es Dirk, die Dose zu öffnen, und die leichte Brise, die aus westlicher Richtung wehte, trug den odeur, der aus dem Eimer drang, auch zu mir. Ich hegte starke Zweifel, ob das, was in der Dose war, wirklich essbar sei, nachdem ich nach der Geruchsattacke wieder in die Balkontür trat und rief: „Wir müssen die Fische erst wässern – die sind ja sonst nicht genießbar!“ Und so legten wir die sehr schön und bläulich schimmernden Heringe in frisches Wasser und warteten. Und warteten. Und warteten, während wir an diesem schönen Sommerabend auf dem Balkon saßen und Wein tranken.

Nach dreieinhalb Stunden trauten wir uns. Dirk holte Vollkornbrot und Butter dazu und kredenzte – woher hatte er den denn? – Wodka.

Wir probierten den Fisch simultan. Er war ja lange gewässert worden. Ich glaube aber, ich wurde grün im Gesicht, und ich mühte mich, den Fisch, ohne noch lange darauf herumzukauen, hinunterzuschlucken. Dann trank ich ein Pinnchen Wodka auf ex – ich hasse Wodka! 😉 Und nicht einmal der konnte helfen – dieser Fisch roch schweflig, und er schmeckte schweflig, und trotz des Wodkas hatte ich diesen widerlichen Geruch in der Nase. Ich aß mehrere Scheiben Vollkornbrot – schließlich hatte ich auch Hunger. Und ich sagte zu Dirk: „Dein Fisch! Du kannst gern alles allein essen, wenn du mir nur das Brot und die Butter lässt.“ – „Nein, danke – ich glaube, das ist auch für mich nichts. Ich habe noch eine Pizza im Tiefkühlfach.“ – „Aber hoffentlich nicht mit Fisch!“

Da hörten wir ein scharrendes Geräusch vom Dach knapp über uns. War bereits der Mond aufgrund des Gestanks heruntergefallen und kratzte am Dach? Doch nein! Es war eine Katze aus der Nachbarschaft, die mit großen Augen begierig auf das reichhaltige Fischangebot blickte. Wir riefen ihr katzengerecht und sanftmütig zu, sie solle ruhig zu uns kommen, und schon sprang sie auf meinen Schoß, und wir hielten ihr den appetitlich blauschimmernden Fisch hin …

So schnell habe ich nie eine Katze abhauen sehen! Ich sah so etwas wie einen schwarzweißen Blitz, und schon war sie verschwunden. Von ferne hörten wir sie beleidigt miauen: Was für eine Frechheit, einer unbescholtenen und freundlichen Katze so ein schwefliges Ekelzeug anzubieten, das wie Fisch aussah! Verarschung einer arglosen Katze – wo war der Tierschutzverein, wenn man ihn brauchte? 😉

Dirk und ich aßen das ganze Vollkornbrot auf und bereiteten auch noch die Pizza zu. Danach waren wir wenigstens satt. Nur ein Problem hatten wir noch: Wohin mit den Fischresten? „Wir können das unmöglich in den Hausmüll werfen – das wäre sicherlich ein Kündigungsgrund!“ rief ich. „Und in die Toilette können wir es auch nicht werfen und spülen – sämtliche Kanalratten Duisburgs würden aus deiner Toilette springen und sich an uns rächen wollen.“

Ich gestehe: Wir haben am nächsten Tag einen Spaziergang gemacht und das ganze Gebinde, gut verpackt und in drei Plastiktüten geschnürt, in einen städtischen Müllbehälter geworfen. Und wir hofften, dass dieser bald geleert werden würde, denn es war sehr warm in jenen Tagen. 😉

Ich vermute seitdem, dass Surströmming wahrscheinlich keinem einzigen Menschen schmecke und einfach nur als Grund zum Saufen herhalten müsse … 😉

Und dennoch: Gebt fremden Speisen immer eine Chance. Bei manchen solltet ihr allerdings wirklich vorsichtig sein – man macht sich so schnell Feinde … 😉

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