Sich sägen bringt Regen

Ja, okay, es handelt sich dabei um eine Verballhornung des altbekannten Sprichworts: Sich regen bringt Segen. Vor vielen Jahren hörte ich sie erstmalig und fand sie ein wenig albern.

Seit dem Wochenende finde ich sie einfach nur folgerichtig. Denn seit dem Wochenende hat es hier mehrfach zünftig geregnet. Wahrscheinlich just seit dem Zeitpunkt, da ich am Samstagabend ein Stück von einem nicht tagesfrischen Baguette abschneiden wollte. Mit einem Sägemesser mit recht feinem Wellenschliff.

Die relativ kurze Version: Das Messer rutschte vom Brot ab und rammte sich – noch in der Sägebewegung – in meinen linken Zeigefinger. Von oben und direkt in die Beugefalte am obersten Fingerglied. Noch kürzer: Es hätte nicht viel gefehlt, den Finger an dieser Stelle gekonnt zu durchsägen … Glücklicherweise war der Widerstand der Gegebenheiten dann doch zu groß. Hautschichten sind zäher, als viele Menschen annehmen. Und recht dicht darunter ja immerhin Knochen. 😉

Ich bin Ersthelferin und durchaus in der Lage, anderen, auch blutenden, Menschen schnell zu helfen – ohne Probleme. (Die entstehen höchstens später, wenn mir ganz kodderig wird, sobald ich mir die Rettungssituation wieder vor Augen führe.) Bei mir selber jedoch …?

Und so starrte ich wie gelähmt auf die Schnittwunde und sah, dass sie klaffte. Da waren klaffende Hautschichten, durch den Wellenschliff ganz ausgefranst! Iiiiiiih! 😉

Es war wohl der erste Schreck – oder Schock -, der dafür sorgte, dass ich die Wunde klaffen sah, so ganz ohne jedwedes Blut. Kaum gewahr geworden, dass das eine echt ekelhafte Schnittwunde sei, fing das Blut auch schon zu strömen an – und wie! Ich ließ das Messer fallen und griff schleunigst nach Zewa, riss gleich vier Tücher ab, die ich um die Wunde schlang. Dann wankte ich ins Wohnzimmer und Richtung Couch – erst einmal hinsetzen. Mir war ganz flau.

Mit der rechten Hand drückte ich das Zewa auf die Wunde und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Erstaunlich, wie unterschiedlich sich das darstellt, wenn man andere Menschen verarztet. 😉 Da weiß ich sofort, was zu tun ist. Hier starrte ich fasziniert auf das mehrschichtige Zewa, das immer nasser wurde und sich mehr und mehr rötete. Dann riss ich mich zusammen, wankte ins Bad und drehte den Wasserhahn auf – kaltes Wasser war vonnöten. Und als es kalt genug war, hielt ich die linke Hand darunter, und das in der Hoffnung, die Blutung werde gestillt werden. Die dachte gar nicht daran, und ich wankte in die Küche zurück – mehr Zewa war vonnöten.

Das Schlimmste lag noch vor mir: Die Wunde musste desinfiziert werden! Normalerweise tue ich das mit Wasserstoffperoxid, aber das war alle. Sonstiges Wunddesinfektionsspray? Auch nicht vorhanden, und so griff ich kühnen Blickes nach einem Parfum, das ich selten nutze, da ich es nicht so mag. Ich wusste, dass das gar nicht schön werden würde, aber es musste sein: Und so sprühte ich tapfer und voll böser Vorahnung eine große Ladung auf die klaffende Wunde …

Nachdem ich wieder in der Lage war, normal zu atmen und einigermaßen klar zu denken, legte ich mir einen kleinen Druckverband aus Heftpflastern an – leider waren keine Mullbinden im Haus, und ich verspürte keinerlei Neigung, in den Garagenhof zu meinem Auto zu laufen, um den Verbandkasten im Kofferraum zu plündern. Der kleine Druckverband blutete trotz aller Mühen durch, und ich legte einen neuen an, ein bisschen fester. Hielt bombenmäßig, und es blutete auch gar nicht mehr durch. Zur Entspannung legte ich eine DVD ein und mich selber auf die Couch.

Eine halbe Stunde später warf ich einen Blick auf meinen linken Zeigefinger. Was war denn das? Und ich hielt den rechten Zeigefinger vergleichshalber daneben. Der linke war erheblich dicker als dieser. Mir wurde ein wenig angst und bange, und ich löste meinen tollen, kleinen Pflaster-Druckverband lieber. Viel zu fest – nicht, dass der Finger abstarb! Immerhin hatte die Blutung aufgehört, und aufatmend klebte ich ein kleines Pflaster quer über die Wunde und Leukoplast längs darüber, mit ein bisschen Zug, um die Wunde zusammenzuhalten.

Am nächsten Tag sah ich mir die Wunde an. Sah gar nicht so schlecht aus, wenn man davon absah, dass die Umgebung bläulich verfärbt war. Sicherlich nur Einblutungen – das würde weggehen. Doch irgendwann schoss mir durch den Kopf, dass meine letzte Tetanus-Immunisierung schon ziemlich lange zurückliege. (Manchmal bereue ich, Ersthelferin geworden zu sein – wenn man nicht ohnehin schon über viele Dinge nachdenkt, lernt man es da verstärkt …) Und ich wechselte das Pflaster noch mehrfach – jedes Mal schien die Wunde schlimmer auszusehen, und wer wusste, was sich da in ihr und dem Blutkreislauf bereits abspielte … 😉 Ich beschloss, am Montag zum Arzt zu gehen – es könne unmöglich schaden, diesen einen Blick auf die zickzackförmige und angeblaute Wunde werfen zu lassen … 😉

Ich machte am Montag gleitzeittechnisch Minus, als ich mich um Viertel vor drei auf den Weg begab. Und ich kam erschreckend schnell dran! Normalerweise sitze ich bei meinem Hausarzt trotz Termins mindestens eine halbe Stunde im Wartezimmer – am Montag hatte ich gerade meinen Hintern auf einen der Wartezimmerstühle verfügt, als ich auch schon wieder aufspringen musste, denn man hatte: „Herr B. in Zimmer 2“ gerufen. (Angesichts meines Vornamens und der entsprechenden Assoziationen reagiere ich auf beides. Ehe ich da stundenlang sitze und gar nicht mehr drankomme, weil „Herr B.“ nicht erschienen ist – vermeintlich.) Und tatsächlich war ich gemeint gewesen.

„Haben Sie Ihren Impfpass dabei, Herr … ääh … Frau B.?“ – „Ja. Heute früh noch im Schweiße meines Angesichts gesucht – und gefunden. Ich brauche den nicht oft.“ (Ich war froh gewesen, dass es wirklich meiner gewesen war, den ich da in meiner Schlafzimmerkommode säuberlich abgelegt gefunden hatte, nicht der uralte Impfpass meines früheren Hundes – die Impfpässe sehen einander so ähnlich, und mein Hausarzt wäre sicherlich verwundert gewesen, hätte er in meinem vermeintlichen Impfpass etwas von einer Staupe-Impfung gelesen … 😉)

Dann kam der Arzt, ein ausgesprochener Sarkastiker. Er sah sich die Wunde an und meinte: „Wann ist das passiert – am Samstagabend? Sieht doch inzwischen ziemlich cool aus. Gute Wundversorgung – waren Sie im Krankenhaus damit?“ – „Nee, das habe ich selber gemacht.“ – „Cool! Sieht wirklich gut aus. Wir machen jetzt nur zwei Klammerpflaster drüber, denn wenn Sie den Zeigefinger unerwartet zu sehr beugen, könnte es passieren, dass …“ – „Nein! Nicht sagen! Ich kann mir vorstellen, was Sie meinen!“ Und ich bekam die beiden Klammerpflaster und darüber noch einen sehr beeindruckenden Mullverband.

Dann sprach ich das Tetanus-Impf-Problem an – letzte Auffrischung 1996 – und erwähnte brav, dass ich anno 2011 einen Antikörper-Titer-Test hätte erstellen lassen, der besagte, dass ich erst 2021 erneut geimpft werden müsse. Ich hatte sogar den Laborausdruck dabei, was für mich wirklich ungewöhnlich ist. Aber der Arzt winkte nur ab: „Zu unsicher. Wir impfen Sie jetzt sofort – es muss ja auch nur eine Auffrischung sein. Aber wir machen gleich eine Vierfachimpfung – danach sind Sie immunisiert hinsichtlich Tetanus, Diphtherie, Polio und Pertussis!“ – „Toll! Aber können wir das besser am Freitag machen?“ – „Wieso das?“ – „Weil ich nach der Tetanusimpfung immer flachliege.“ – „Ach, da machen Sie sich keine Gedanken! Ich weiß, dass manche Patienten auf die Tetanusimpfung immer recht heftig reagieren, aber diese Vierfachimpfung wird im Allgemeinen recht gut vertragen. Und zur Not kommen Sie morgen vorbei – dann schreibe ich Sie krank.“

Widerspruch zwecklos, Aufschub unmöglich. Dabei wusste ich, wovon ich sprach. Hätte ich mir nicht den halben Finger durchgesägt, hätte ich auf Freitag bestanden. 😉 So aber wurde ich umgehend vierfachgeimpft.

Zwei Stunden nach der Impfung ging es mir auch noch gut. Aber eine halbe Stunde später war ich nicht mehr ich selbst: Mein Kopf fühlte sich an, als sei er mit Matsch gefüllt, ich bekam – ich kannte das ja schon – Fieber und Schüttelfrost, und ich hatte Gliederschmerzen, als wäre ich verprügelt und getreten worden. Bei den ersten Anzeichen hatte ich mich schon hingelegt und vegetierte im Bett vor mich hin. Diebe hätten mir zwischenzeitlich die Wohnung ausräumen können: Es wäre mir völlig wurscht gewesen. Das zum Thema: Wird im Allgemeinen recht gut vertragen. 😉 (Man beachte die beiden Einschränkungen: im Allgemeinen und recht gut …)

Gestern war ich noch immer ausgeknockt – heute ging es einigermaßen. Interessant: Mein Finger ist wieder ziemlich fit, aber ich spüre noch immer die Auswirkungen der im Allgemeinen recht gut verträglichen Impfung. 😉 Vermutlich liegt es wohl daran, dass ich tatsächlich noch so viele Antikörper hatte, dass die im Zuge der Impfung – vielleicht ist die Aussage des Labors, das anno 2011 den Antikörper-Titer bestimmte, doch nicht so unsicher gewesen, sondern vielmehr höchst präzise – laut riefen: „Hurra – eine Herausforderung! Endlich passiert hier mal was! Seit Jahren gammeln wir hier herum wie bestellt und nicht abgeholt, und endlich geschieht hier mal etwas! Mobilmachung! An die Gewehre!“ Und schon griffen sie den vermeintlichen Eindringling in Form der Aktiv-Immunisierung an und zwangen mich dabei in die Knie … Das höchst eigene Immunsystem scheint bisweilen völlig separat vom Willen seines „Wirtes“ zu handeln! 😉

Immerhin aber bekomme ich nun garantiert neben den anderen Verdächtigen keinen Keuchhusten, denn derzeit bildet mein sehr eigenmächtig handelndes Immunsystem Antikörper auch dagegen.  Und wehe, wenn ich doch je daran erkranke! Dann bin ich sofort bei meinem Arzt und stecke den an! 😉

Sägt Euch bloß nie in die Hand! Das zieht so viel Ungemach nach sich. Und es regnet auch schon wieder … 😉

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