Wat de Buer nich kennt …

Wat de Buer nich kennt, dat frett he nich ist ein Satz in Niederdeutsch, gemeinhin auch als Platt bekannt. Was der Bauer nicht kennt – und so fort. Kennt sicherlich jeder.

Es schwingt eine vermeintliche Herabsetzung darin mit, die den Beruf des Landwirts zu betreffen scheint, was jedoch unzutreffend ist. Es ist wohl nicht der Landwirt als solcher gemeint, sondern eher ein Mensch, der sich – egal, welchen Beruf er ausübt – gegen alles sträubt, was er nicht kennt und sich somit in einem gegebenenfalls vergleichsweise engen Erfahrungsraum bewegt.

Bezogen auf Essen, bin ich ja der Ansicht, dass man beileibe nicht alles mögen müsse, dass man manches auch nicht vertrage. Um Letzteres festzustellen, muss man allerdings mindestens einmal probiert haben. Überhaupt finde ich, sollte man doch zumindest probieren und ehrlich zu sich und anderen sein, bevor man ein bestimmtes Gericht, eine Angewohnheit oder einen Brauch ablehnt. Es sei denn, man ist Allergiker hinsichtlich einer bestimmten Zutat in einer Speise. Die dann nicht essen zu wollen, leuchtet ein, und dafür hat jeder mit einem gewissen Restverstand Verständnis.

Ich hingegen reagiere allergisch darauf, wenn Leute hingehen und aus bloßer Verwöhntheit und – sorry – Engstirnigkeit Essen ablehnen, weil sie es nicht kennen. Ich war noch klein, als meine Eltern mal verschiedene Gäste zum Essen hatten. Eine Frau fiel ständig dadurch auf, dass sie zu allem und jedem sagte: „Ach, tut mir leid, das mag ich gar nicht!“ Sie mochte offenbar nicht viel, und dabei ist meine Mutter eine sehr gute Köchin, und es standen weder gegrillte Heuschrecken, noch Schneckenschleim auf dem Tisch. Den anderen schmeckte es offenbar sehr, dem männlichen Part dieses Pärchens war es offenkundig peinlich, und meine Mutter rannte hin und her und versuchte, der verwöhnten Dame, deren einzige Begabungen darin zu bestehen schienen, dass sie nichts mochte und wiederholt ein penetrantes Lachen absonderte, etwas ihr Genehmes zu essen zu bieten, etwas, mit dem der offenbar limitierte Gaumen sich zufriedenstellen ließ. Sie bereitete ihr sogar eigens etwas zu.

Ich war noch so klein, dass ich mich mit Diplomatie überhaupt noch nicht auskannte, und so warf ich der Dame, die beim nächsten Besuch in etwa gleicher Besetzung nicht mehr dabei war, sehr böse Blicke zu. Eigentlich hätte sie tot vom Stuhl stürzen müssen, so böse starrte ich sie an. Es leuchtete mir ums Verrecken nicht ein, warum um eine Vollzeitzicke ein solches Gewese gemacht wurde, während ich dazu erzogen wurde, dass Mäkelei an weniger genehmen Gerichten nicht angemessen sei und dass man zumindest probieren müsse, bevor man feststellen könne, dass einem eine bestimmte Speise in der Tat nicht schmecke. Und schon öffnete ich meinen Mund, um etwas Entsprechendes zu sagen, doch ein Studienfreund meines Vaters, der das Ganze wohl beobachtet hatte, meinte: „Ali, sag mal, was willst du denn später mal werden, wenn du groß bist?“ Ich blickte irritiert hinüber – was sollte die Störung? Gerade eben hatte ich doch eine dumme Ziege … „Sag doch mal, Ali“, ertönte die Aufforderung erneut. Und da sagte ich leicht verärgert: „Tierärztin!“ – „Ach, interessant – warum?“ – „Weil ich Tiere mag.“ – „Welche Tiere magst du denn besonders?“ – „Hunde! Und Pferde! Ziegen nicht so!“ rief ich, dabei mochte ich auch Ziegen. Zumindest tierische solche, aber irgendwie musste heraus, was herausmusste. Über das Gesicht des Studienfreundes meines Vaters lief ein leises Grinsen, das sich im Gesicht meines Vaters zu spiegeln schien, und die Mundwinkel zuckten. Er war aber so klug, nicht zu fragen, warum ich Ziegen – vorgeblich – nicht mochte. 😉 Stattdessen bat er darum, doch mal rasch meinen Malblock und die Wachsmalstifte aus dem Kinderzimmer zu holen – er würde sich so sehr über ein Tierbild von mir freuen. Ich fand das irgendwie albern – wieso sollte ich just jetzt ein Bild malen? Aber wenn es denn gewünscht wurde … 😉 Und ich zog ab, während meine Mutter, die – nur für Eingeweihte – ebenfalls leicht verärgert wirkte, aber sehr charmant lächelte, das eigens bereitete Essen für die verwöhnte Dame ins Esszimmer trug.

Gut, dass ich einen Auftrag hatte, denn ansonsten hätte ich wahrscheinlich sehr empört zum Ausdruck gebracht, dass ich sogar Graupensuppe essen müsse, obwohl die total ätzend sei! Es hätte peinlich werden können, denn ich trug bereits als Kleinkind mein Herz auf der Zunge. 😉

Mir nutzte solch zickiges Verhalten nie, aber ich bin sehr dankbar dafür. Es müsse zumindest probiert werden, so die Maxime in meinem Elternhaus, bevor man entscheiden könne, dass einem etwas wirklich absolut nicht schmecke. Und auch, wenn einem etwas nicht schmecke, habe man – speziell als Gast – keine „langen Zähne“ zu machen. Daher esse ich bis heute Graupensuppe und mache die „langen Zähne“ auch nur innerlich.

Ich finde total spannend, Gerichte aus anderen Ländern und Kulturen zu probieren und zu essen und bin dank der elterlichen Anleitung auch sehr aufgeschlossen und nicht mäkelig. 😉 Es gibt nur wenige Gerichte, die ich – und das aus Prinzip – nicht probieren würde, und wären sie noch so schmackhaft. Dazu gehören Froschschenkel und Schildkrötensuppe. Bei foie gras bin ich leider schon schwach geworden, aber bei dem einen der beiden Male stand ein belgischer Sternekoch hinter mir, der den Eindruck machte, er werde unverzüglich jeden mit dem Küchenbeil dahinmetzeln, der sich auch nur einem der verschiedenen Gänge des Abendmenüs entziehen würde. Zweimal gegessen, aber nicht begeistert, speziell der Entstehung dieser Gänse- oder Entenfettleber wegen. Schnecken esse ich, aber ich würde sie mir nicht eigens bestellen. Austern habe ich einmal gegessen, aber ich mag sie nicht, und auch die Art und Weise, die armen Viecher zu konsumieren, hält mich davon ab, ein zweites Mal folgen zu lassen.

Aber ich bin zumindest recht unerschrocken, was mir unbekannte Speisen anbelangt. Der Grundstein wurde in meinem Elternhaus gelegt. Und damals in Jugoslawien.

Da war ich 10 Jahre alt und über Ostern mit Onkel, Tante, Schwester und Cousine in Kroatien bzw. Dalmatien. Eines Abends waren wir von den Betreibern der Pension, Freunde meines Onkels und meiner Tante, zum Essen eingeladen. Ein privates, regionales Essen in der Wohnung der Pensionsbetreiber. Und meine Tante und mein Onkel schwärmten davon, was für wunderbares regionales Essen es doch gebe – beide ganz gespannt, was man uns kredenzen würde.

Und schon saßen wir im Esszimmer der Gastgeber am schön gedeckten Tisch. Es gab eine durchaus schmackhafte Vorspeise, die nur noch durch die Hauptspeise getoppt werden konnte. Und da wurde sie auch schon hereingetragen, in einem großen Topf.

Gespannt blickten wir hinein, nachdem der Deckel gelupft worden war und dem Topf wahrhaft wunderbarer Duft entströmte! Aber … was war das?

Merkwürdige, weißliche Gebilde schwammen in der duftenden Brühe – was war das? Der die deutsche Sprache beherrschende Gastgeber erklärte, das sei eine lokale Spezialität: gekochte Tintenfische. Genauer: Kalmare. Die Tiere, die jeder zumindest in Ringe geschnitten kennt, der frittierte Kalamares bzw. Calamari mit Knoblauchsauce liebt. Nur: Hier schwammen sie im Ganzen gänzlich unfrittiert in einer Brühe und sahen – sorry! – aus wie Wasserleichen.

Stephanie und meine Cousine Christina waren plötzlich auf Diät und wollten „nur eine ganz kleine Portion, bitte, wenn überhaupt“. Mein Onkel hatte wie aus dem Hut gezaubert schon den ganzen Tag ominöse Magenprobleme. Nur meine Tante und ich blieben übrig, und wir waren tapfer. Keine Frage: Die Brühe war wunderbar! Aber diese wachsartigen Kalmare waren eine Herausforderung. Ich aß einen großen Teller voll. Dann war ich gesättigt … Meine Tante nahm noch zwei Nachschläge – es war ihr peinlich, dass drei Teile der fünfköpfigen Reisegesellschaft ausfielen. Leider konnte sie vom Nachtisch dann nur noch wenig essen, und mein Onkel, Stephie und Christina gar nichts – es hätte etwas blöd ausgesehen. Die drei Letztgenannten gingen hungrig zu Bett, aber ich konnte immerhin noch vom Dessert essen. 😉

Und derart gestählt war ich vor einigen Jahren, kurz nach dem Urlaub mit Johann, Sabrina und meinem Ex-Freund Dirk in Skandinavien, auch bereit, eine ur-nordschwedische Spezialität zu probieren: Surströmming! Das ist jener vergorene Ostseehering, auch Strömling genannt, der in Nordschweden erfunden wurde und in Dosen verkauft wird. Dosen, die hierzulande nur kurz vor dem Verhungern Stehende allen Ernstes öffnen würden und die von zwei mir bekannten Fluggesellschaften als Fracht ausdrücklich ausgeschlossen sind, denn durch die Gärung sind die Dosen aufgebläht, was schon nichts Gutes ahnen lässt. Dirk und ich aber waren voller Elan, auch diese schwedische Spezialität zu probieren – immerhin hatten wir bereits älgkorv, Elchwurst, und Rentierschinken wie auch tunnbröd versucht. Ganz zu schweigen vom schwedischen Brot, das es in heller und dunkler Variante gab. Die Konsistenz: schwammartig, und die Brotsorten, die wir probierten, unterschieden sich nur in der Farbe. Und merkwürdig süß war das Brot, auf das wir salzige Butter strichen. (Gesalzene Butter esse ich aber auch hierzulande. Ungesalzene kaufe ich nur, wenn ich mal backen will, was selten genug der Fall ist.)

Dirk bestellte den vergorenen Ostseehering im Internet, weil man ihn sonst nirgendwo bekam. Und als er eingetroffen war, bestaunten wir die aufgeblähte Konservendose von allen Seiten. Wir hatten uns kundig gemacht, wie man das Ganze optimal öffne: in einem Zehnliter-Eimer, zu zwei Dritteln voll mit Wasser. Man muss die Dose unter Wasser drücken und dort öffnen. Und während Dirk sich dergestalt auf dem Balkon zu schaffen machte, stand ich in der Balkontür, jederzeit bereit, ins Innere der Wohnung zu fliehen. 😉 Immerhin schaffte es Dirk, die Dose zu öffnen, und die leichte Brise, die aus westlicher Richtung wehte, trug den odeur, der aus dem Eimer drang, auch zu mir. Ich hegte starke Zweifel, ob das, was in der Dose war, wirklich essbar sei, nachdem ich nach der Geruchsattacke wieder in die Balkontür trat und rief: „Wir müssen die Fische erst wässern – die sind ja sonst nicht genießbar!“ Und so legten wir die sehr schön und bläulich schimmernden Heringe in frisches Wasser und warteten. Und warteten. Und warteten, während wir an diesem schönen Sommerabend auf dem Balkon saßen und Wein tranken.

Nach dreieinhalb Stunden trauten wir uns. Dirk holte Vollkornbrot und Butter dazu und kredenzte – woher hatte er den denn? – Wodka.

Wir probierten den Fisch simultan. Er war ja lange gewässert worden. Ich glaube aber, ich wurde grün im Gesicht, und ich mühte mich, den Fisch, ohne noch lange darauf herumzukauen, hinunterzuschlucken. Dann trank ich ein Pinnchen Wodka auf ex – ich hasse Wodka! 😉 Und nicht einmal der konnte helfen – dieser Fisch roch schweflig, und er schmeckte schweflig, und trotz des Wodkas hatte ich diesen widerlichen Geruch in der Nase. Ich aß mehrere Scheiben Vollkornbrot – schließlich hatte ich auch Hunger. Und ich sagte zu Dirk: „Dein Fisch! Du kannst gern alles allein essen, wenn du mir nur das Brot und die Butter lässt.“ – „Nein, danke – ich glaube, das ist auch für mich nichts. Ich habe noch eine Pizza im Tiefkühlfach.“ – „Aber hoffentlich nicht mit Fisch!“

Da hörten wir ein scharrendes Geräusch vom Dach knapp über uns. War bereits der Mond aufgrund des Gestanks heruntergefallen und kratzte am Dach? Doch nein! Es war eine Katze aus der Nachbarschaft, die mit großen Augen begierig auf das reichhaltige Fischangebot blickte. Wir riefen ihr katzengerecht und sanftmütig zu, sie solle ruhig zu uns kommen, und schon sprang sie auf meinen Schoß, und wir hielten ihr den appetitlich blauschimmernden Fisch hin …

So schnell habe ich nie eine Katze abhauen sehen! Ich sah so etwas wie einen schwarzweißen Blitz, und schon war sie verschwunden. Von ferne hörten wir sie beleidigt miauen: Was für eine Frechheit, einer unbescholtenen und freundlichen Katze so ein schwefliges Ekelzeug anzubieten, das wie Fisch aussah! Verarschung einer arglosen Katze – wo war der Tierschutzverein, wenn man ihn brauchte? 😉

Dirk und ich aßen das ganze Vollkornbrot auf und bereiteten auch noch die Pizza zu. Danach waren wir wenigstens satt. Nur ein Problem hatten wir noch: Wohin mit den Fischresten? „Wir können das unmöglich in den Hausmüll werfen – das wäre sicherlich ein Kündigungsgrund!“ rief ich. „Und in die Toilette können wir es auch nicht werfen und spülen – sämtliche Kanalratten Duisburgs würden aus deiner Toilette springen und sich an uns rächen wollen.“

Ich gestehe: Wir haben am nächsten Tag einen Spaziergang gemacht und das ganze Gebinde, gut verpackt und in drei Plastiktüten geschnürt, in einen städtischen Müllbehälter geworfen. Und wir hofften, dass dieser bald geleert werden würde, denn es war sehr warm in jenen Tagen. 😉

Ich vermute seitdem, dass Surströmming wahrscheinlich keinem einzigen Menschen schmecke und einfach nur als Grund zum Saufen herhalten müsse … 😉

Und dennoch: Gebt fremden Speisen immer eine Chance. Bei manchen solltet ihr allerdings wirklich vorsichtig sein – man macht sich so schnell Feinde … 😉

Sich sägen bringt Regen

Ja, okay, es handelt sich dabei um eine Verballhornung des altbekannten Sprichworts: Sich regen bringt Segen. Vor vielen Jahren hörte ich sie erstmalig und fand sie ein wenig albern.

Seit dem Wochenende finde ich sie einfach nur folgerichtig. Denn seit dem Wochenende hat es hier mehrfach zünftig geregnet. Wahrscheinlich just seit dem Zeitpunkt, da ich am Samstagabend ein Stück von einem nicht tagesfrischen Baguette abschneiden wollte. Mit einem Sägemesser mit recht feinem Wellenschliff.

Die relativ kurze Version: Das Messer rutschte vom Brot ab und rammte sich – noch in der Sägebewegung – in meinen linken Zeigefinger. Von oben und direkt in die Beugefalte am obersten Fingerglied. Noch kürzer: Es hätte nicht viel gefehlt, den Finger an dieser Stelle gekonnt zu durchsägen … Glücklicherweise war der Widerstand der Gegebenheiten dann doch zu groß. Hautschichten sind zäher, als viele Menschen annehmen. Und recht dicht darunter ja immerhin Knochen. 😉

Ich bin Ersthelferin und durchaus in der Lage, anderen, auch blutenden, Menschen schnell zu helfen – ohne Probleme. (Die entstehen höchstens später, wenn mir ganz kodderig wird, sobald ich mir die Rettungssituation wieder vor Augen führe.) Bei mir selber jedoch …?

Und so starrte ich wie gelähmt auf die Schnittwunde und sah, dass sie klaffte. Da waren klaffende Hautschichten, durch den Wellenschliff ganz ausgefranst! Iiiiiiih! 😉

Es war wohl der erste Schreck – oder Schock -, der dafür sorgte, dass ich die Wunde klaffen sah, so ganz ohne jedwedes Blut. Kaum gewahr geworden, dass das eine echt ekelhafte Schnittwunde sei, fing das Blut auch schon zu strömen an – und wie! Ich ließ das Messer fallen und griff schleunigst nach Zewa, riss gleich vier Tücher ab, die ich um die Wunde schlang. Dann wankte ich ins Wohnzimmer und Richtung Couch – erst einmal hinsetzen. Mir war ganz flau.

Mit der rechten Hand drückte ich das Zewa auf die Wunde und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Erstaunlich, wie unterschiedlich sich das darstellt, wenn man andere Menschen verarztet. 😉 Da weiß ich sofort, was zu tun ist. Hier starrte ich fasziniert auf das mehrschichtige Zewa, das immer nasser wurde und sich mehr und mehr rötete. Dann riss ich mich zusammen, wankte ins Bad und drehte den Wasserhahn auf – kaltes Wasser war vonnöten. Und als es kalt genug war, hielt ich die linke Hand darunter, und das in der Hoffnung, die Blutung werde gestillt werden. Die dachte gar nicht daran, und ich wankte in die Küche zurück – mehr Zewa war vonnöten.

Das Schlimmste lag noch vor mir: Die Wunde musste desinfiziert werden! Normalerweise tue ich das mit Wasserstoffperoxid, aber das war alle. Sonstiges Wunddesinfektionsspray? Auch nicht vorhanden, und so griff ich kühnen Blickes nach einem Parfum, das ich selten nutze, da ich es nicht so mag. Ich wusste, dass das gar nicht schön werden würde, aber es musste sein: Und so sprühte ich tapfer und voll böser Vorahnung eine große Ladung auf die klaffende Wunde …

Nachdem ich wieder in der Lage war, normal zu atmen und einigermaßen klar zu denken, legte ich mir einen kleinen Druckverband aus Heftpflastern an – leider waren keine Mullbinden im Haus, und ich verspürte keinerlei Neigung, in den Garagenhof zu meinem Auto zu laufen, um den Verbandkasten im Kofferraum zu plündern. Der kleine Druckverband blutete trotz aller Mühen durch, und ich legte einen neuen an, ein bisschen fester. Hielt bombenmäßig, und es blutete auch gar nicht mehr durch. Zur Entspannung legte ich eine DVD ein und mich selber auf die Couch.

Eine halbe Stunde später warf ich einen Blick auf meinen linken Zeigefinger. Was war denn das? Und ich hielt den rechten Zeigefinger vergleichshalber daneben. Der linke war erheblich dicker als dieser. Mir wurde ein wenig angst und bange, und ich löste meinen tollen, kleinen Pflaster-Druckverband lieber. Viel zu fest – nicht, dass der Finger abstarb! Immerhin hatte die Blutung aufgehört, und aufatmend klebte ich ein kleines Pflaster quer über die Wunde und Leukoplast längs darüber, mit ein bisschen Zug, um die Wunde zusammenzuhalten.

Am nächsten Tag sah ich mir die Wunde an. Sah gar nicht so schlecht aus, wenn man davon absah, dass die Umgebung bläulich verfärbt war. Sicherlich nur Einblutungen – das würde weggehen. Doch irgendwann schoss mir durch den Kopf, dass meine letzte Tetanus-Immunisierung schon ziemlich lange zurückliege. (Manchmal bereue ich, Ersthelferin geworden zu sein – wenn man nicht ohnehin schon über viele Dinge nachdenkt, lernt man es da verstärkt …) Und ich wechselte das Pflaster noch mehrfach – jedes Mal schien die Wunde schlimmer auszusehen, und wer wusste, was sich da in ihr und dem Blutkreislauf bereits abspielte … 😉 Ich beschloss, am Montag zum Arzt zu gehen – es könne unmöglich schaden, diesen einen Blick auf die zickzackförmige und angeblaute Wunde werfen zu lassen … 😉

Ich machte am Montag gleitzeittechnisch Minus, als ich mich um Viertel vor drei auf den Weg begab. Und ich kam erschreckend schnell dran! Normalerweise sitze ich bei meinem Hausarzt trotz Termins mindestens eine halbe Stunde im Wartezimmer – am Montag hatte ich gerade meinen Hintern auf einen der Wartezimmerstühle verfügt, als ich auch schon wieder aufspringen musste, denn man hatte: „Herr B. in Zimmer 2“ gerufen. (Angesichts meines Vornamens und der entsprechenden Assoziationen reagiere ich auf beides. Ehe ich da stundenlang sitze und gar nicht mehr drankomme, weil „Herr B.“ nicht erschienen ist – vermeintlich.) Und tatsächlich war ich gemeint gewesen.

„Haben Sie Ihren Impfpass dabei, Herr … ääh … Frau B.?“ – „Ja. Heute früh noch im Schweiße meines Angesichts gesucht – und gefunden. Ich brauche den nicht oft.“ (Ich war froh gewesen, dass es wirklich meiner gewesen war, den ich da in meiner Schlafzimmerkommode säuberlich abgelegt gefunden hatte, nicht der uralte Impfpass meines früheren Hundes – die Impfpässe sehen einander so ähnlich, und mein Hausarzt wäre sicherlich verwundert gewesen, hätte er in meinem vermeintlichen Impfpass etwas von einer Staupe-Impfung gelesen … 😉)

Dann kam der Arzt, ein ausgesprochener Sarkastiker. Er sah sich die Wunde an und meinte: „Wann ist das passiert – am Samstagabend? Sieht doch inzwischen ziemlich cool aus. Gute Wundversorgung – waren Sie im Krankenhaus damit?“ – „Nee, das habe ich selber gemacht.“ – „Cool! Sieht wirklich gut aus. Wir machen jetzt nur zwei Klammerpflaster drüber, denn wenn Sie den Zeigefinger unerwartet zu sehr beugen, könnte es passieren, dass …“ – „Nein! Nicht sagen! Ich kann mir vorstellen, was Sie meinen!“ Und ich bekam die beiden Klammerpflaster und darüber noch einen sehr beeindruckenden Mullverband.

Dann sprach ich das Tetanus-Impf-Problem an – letzte Auffrischung 1996 – und erwähnte brav, dass ich anno 2011 einen Antikörper-Titer-Test hätte erstellen lassen, der besagte, dass ich erst 2021 erneut geimpft werden müsse. Ich hatte sogar den Laborausdruck dabei, was für mich wirklich ungewöhnlich ist. Aber der Arzt winkte nur ab: „Zu unsicher. Wir impfen Sie jetzt sofort – es muss ja auch nur eine Auffrischung sein. Aber wir machen gleich eine Vierfachimpfung – danach sind Sie immunisiert hinsichtlich Tetanus, Diphtherie, Polio und Pertussis!“ – „Toll! Aber können wir das besser am Freitag machen?“ – „Wieso das?“ – „Weil ich nach der Tetanusimpfung immer flachliege.“ – „Ach, da machen Sie sich keine Gedanken! Ich weiß, dass manche Patienten auf die Tetanusimpfung immer recht heftig reagieren, aber diese Vierfachimpfung wird im Allgemeinen recht gut vertragen. Und zur Not kommen Sie morgen vorbei – dann schreibe ich Sie krank.“

Widerspruch zwecklos, Aufschub unmöglich. Dabei wusste ich, wovon ich sprach. Hätte ich mir nicht den halben Finger durchgesägt, hätte ich auf Freitag bestanden. 😉 So aber wurde ich umgehend vierfachgeimpft.

Zwei Stunden nach der Impfung ging es mir auch noch gut. Aber eine halbe Stunde später war ich nicht mehr ich selbst: Mein Kopf fühlte sich an, als sei er mit Matsch gefüllt, ich bekam – ich kannte das ja schon – Fieber und Schüttelfrost, und ich hatte Gliederschmerzen, als wäre ich verprügelt und getreten worden. Bei den ersten Anzeichen hatte ich mich schon hingelegt und vegetierte im Bett vor mich hin. Diebe hätten mir zwischenzeitlich die Wohnung ausräumen können: Es wäre mir völlig wurscht gewesen. Das zum Thema: Wird im Allgemeinen recht gut vertragen. 😉 (Man beachte die beiden Einschränkungen: im Allgemeinen und recht gut …)

Gestern war ich noch immer ausgeknockt – heute ging es einigermaßen. Interessant: Mein Finger ist wieder ziemlich fit, aber ich spüre noch immer die Auswirkungen der im Allgemeinen recht gut verträglichen Impfung. 😉 Vermutlich liegt es wohl daran, dass ich tatsächlich noch so viele Antikörper hatte, dass die im Zuge der Impfung – vielleicht ist die Aussage des Labors, das anno 2011 den Antikörper-Titer bestimmte, doch nicht so unsicher gewesen, sondern vielmehr höchst präzise – laut riefen: „Hurra – eine Herausforderung! Endlich passiert hier mal was! Seit Jahren gammeln wir hier herum wie bestellt und nicht abgeholt, und endlich geschieht hier mal etwas! Mobilmachung! An die Gewehre!“ Und schon griffen sie den vermeintlichen Eindringling in Form der Aktiv-Immunisierung an und zwangen mich dabei in die Knie … Das höchst eigene Immunsystem scheint bisweilen völlig separat vom Willen seines „Wirtes“ zu handeln! 😉

Immerhin aber bekomme ich nun garantiert neben den anderen Verdächtigen keinen Keuchhusten, denn derzeit bildet mein sehr eigenmächtig handelndes Immunsystem Antikörper auch dagegen.  Und wehe, wenn ich doch je daran erkranke! Dann bin ich sofort bei meinem Arzt und stecke den an! 😉

Sägt Euch bloß nie in die Hand! Das zieht so viel Ungemach nach sich. Und es regnet auch schon wieder … 😉

Mit gespaltener Zunge

Mit einer derartigen Zunge zu sprechen, ist eine Redensart hinsichtlich Mitmenschen, die einen anlügen. Woher kommt das? Ganz klar: von Schlangen, die seit jeher als nicht vertrauenswürdig gelten und vielen Menschen suspekt sind. Es gibt da eindeutig Berührungsängste, und im Vertrauen: Speziell bei Giftschlangen sollte man Berührungen auch besser vermeiden. Wie schnell ist ein Missverständnis entstanden, zumal Schlangen so ganz anders reagieren als Hunde, Pferde und Katzen – und selbst da kommt es bisweilen zu Missverständnissen. Speziell bei Katzen … 😉

Kürzlich ist in einer der Nachbarstädte eine Kobra aus Privathaltung entwichen, wurde zunächst im Treppenhaus des Gebäudes, in dem ihr Halter lebt, von Nachbarn gesichtet und von diesen umgehend abgelichtet (es glaubt einem ja leider nicht jeder sofort, wenn man erzählt, man hätte im Hausflur eine Giftschlange entdeckt), und die beiden Nachbarn alarmierten die Polizei. Leider hatte sich das giftige Tier, das sich der Gefahr, die von ihm ausgeht, sicherlich gar nicht bewusst war, zwischenzeitlich verdünnisiert, und alle Häuser, die zu dem Gebäudekomplex gehören, mussten unverzüglich evakuiert werden. (Ich gestehe, ich hätte meine Wohnung in dem Falle sofort völlig freiwillig und sehr zügig, wahrscheinlich im Laufschritt, verlassen – allerdings stark verärgert über den Nachbarn, der glaubt, es sei eine supertolle Idee, als Privatmensch Giftschlangen unter einem Dach zu halten, unter welchem auch andere Menschen leben.)

Inzwischen – nach Tagen der Ratlosigkeit – ist das Tier lebend eingefangen worden, obwohl es sich noch zu verstecken trachtete, als man nach eben jenen Tagen der Ratlosigkeit auch endlich darauf kam, das Gras hinter dem Haus, das offenbar etwas höher stand, mähen zu lassen. Verschreckt hatte sich die Schlange, die offenkundig in all den Tagen orientierungslos in direkter Nähe des Gebäudes herumgetaumelt war, daraufhin in einer Kelleröffnung an der Außenwand verstecken wollen, war jedoch bei dem Versuch gesichtet und überführt worden. Ein Schlangenexperte – ein echter solcher, kein sorgloser Privathalter – fing das giftige Tier dann ein, und es wurde von der Feuerwehr abtransportiert. Hoffentlich findet es ein gutes und ausbruchssicheres Zuhause bei sachkundigen Menschen.

Ich frage mich ja seit geraumer Zeit, was manche Menschen an Giftschlangen oder anderen giftigen Tieren als „Haustiere“ reize. Sind Kobras und andere Giftschlangen die „Pitbulls“ der jüngeren Zeit? (Nichts gegen Pitbulls an sich – es gibt ganz reizende Tiere darunter, und das ist ohnehin meist vom Halter abhängig. Nur leider wurden und werden diese Hunde bisweilen von Menschen gehalten, die manches Defizit zu verspüren scheinen. Nein – das kann man nicht verallgemeinern, und das möchte ich auch nicht. Aber Pitbulls sind offenbar ja nun auch out als Respekterzeuger und Prestigeobjekt – und auch das möchte ich nicht verallgemeinert sehen, wohlgemerkt.) Macht einen die Haltung giftiger Schlangen und anderer giftiger Tiere zu einem besonders tollen und respektablen Menschen? Fast könnte man es meinen. „Seht her – ich bin so cool, ich halte sogar extrem giftige Schlangen! Ich bin so cool – ich pinkle Eiswürfel!“ Ich persönlich verstehe das nicht so ganz …

Vielleicht liegt mein Unverständnis auch daran, dass ich einfach keinen Draht zu Terrarien habe. Ich hatte noch nie die Idee, mir ein solches zuzulegen. Ich würde mir lieber einen Terrier anschaffen. Meine Meinung änderte sich auch nicht, als ich vor Jahren, mitten im Studium, Martin kennenlernte.

Ich hatte Martin im Zuge meiner Studentenjob-Tätigkeit in der Studentenkneipe kennengelernt, die in der Straße lag, in der sowohl Martin, als auch ich wohnten. Er setzte sich mit seinen beiden Kumpels Fritte und Hauke an den Tresen, hinter dem ich gerade Schicht schob. Und bei den nächsten Schichten – ich machte Urlaubsvertretung an zwei weiteren Tagen in derselben Woche – war er wieder da, und es dauerte drei Wochen und mehrere Einladungen zum Essen und zum Biertrinken, bis wir zusammen waren.

Ich war zuvor nie in seiner Wohnung gewesen, in diesem Haus, in dem auch Fritte und Hauke sowie einige andere Kumpels von Martin wohnten – eine sehr sympathische und lockere Hausgemeinschaft. Die Wohnung war klein, die Küche aber recht muckelig (ich liebe ja Wohnküchen). Im Nebenraum, dem kombinierten Wohn-/Schlafbereich, stieß ich dann auf diesen ziemlich großen gläsernen Kasten, aus dem mich – zur Gänze unerwartet – ein Tier anstarrte, wobei seine gespaltene Zunge mehrfach gespenstisch aus der Fressluke geschlängelt kam …

Ich bin normalerweise keine Tussi und war das auch damals nicht, aber ich hatte nicht damit gerechnet, und so schrie ich vor Schreck laut auf! Die Schlange blickte so starr und ungerührt wie zuvor, aber Martin kam hinzu und meinte: „Ach, herrje, ich hatte gar nicht erzählt, dass ich Terrarienliebhaber bin und ein Terrarium habe. Das ist ein Königspython. Der tut nichts. Und seine zwei Kumpels ebenso.“

Welche zwei Kumpels? Es gab noch mehr davon?!? Und ich starrte in das durchaus liebevoll wie abwechslungsreich gestaltete Terrarium. Es war wie eines dieser Suchbilder: „Finden Sie die Maus auf diesem Bild!“ Und man starrt auf ein Chaos von Objekten in dem Bild …

Doch dann sah ich sie: Eine lag im Wasserbecken am Boden des gläsernen Behältnisses, die andere hatte sich hinter einer ausladenden Grünpflanze versteckt. Ich gebe zu, ich war ein wenig hin- und hergerissen. Vielleicht war ich ja spießig, und es war ein Zeichen von Individualismus, Schlangen zu halten? Ich verwarf den Gedanken jedoch recht schnell bzw. wurde er abgelöst davon, dass ich dachte: „Ob den armen Viechern das da drin gefällt? Das Terrarium ist zwar groß, aber es ist doch eine erzwungene Gemeinschaft. Vielleicht mögen die einander ja gar nicht, sind aber gezwungen, auf vergleichsweise engem Raum zusammenzuleben.“ Mir kam eine Lektüre aus dem Französisch-LK in den Sinn: Huis clos von Jean-Paul Sartre. 😉

„Keine Sorge – das Terrarium ist festverschlossen,“, tönte es an mein Ohr, „und falls du fragen wolltest: Es ist ausreichend groß für drei Königspythons.“ Na – dann war ja alles gut! Menschen hatten beschlossen, wie groß ein Schlangenknast sein müsse, in dem sich die Insassen durchaus nicht zu beschweren hätten (übrigens sind Königspythons Einzelgänger …) – und dann war das eben so. Aber ich war verliebt, und so nahm ich es hin, war aber immer anderer Meinung als mein Ex Martin, der mir gleich versicherte, die Schlangen seien ja ungefährlich, da Würgeschlangen. Okay, beißen könnten sie auch, und das tue auch richtig fies weh und könne sich schlimmstenfalls entzünden oder eine Blutvergiftung zur Folge haben. Aber ich müsse ja nicht mit ihnen hantieren. Aber nein! Nie! 😉

Eines Abends, da waren wir schon einige Wochen zusammen, und Martin war für sechs Wochen von montags bis freitags zum zweiten Teil seines Studienpraktikums in  Süddeutschland, wollten wir einen Zug durch die Gemeinde machen, nachdem er in Aachen eingetroffen sein würde. Er hatte mir auch die Uhrzeit genannt, zu der er zu Hause sein würde. Er würde mich dann sofort anrufen.

Es kam aber nichts, und so rief schließlich ich an. Als er sich meldete, hörte ich bereits eine gewisse Hektik aus seinen Worten. „Äh, es gibt hier gerade ein kleines Problem – ich weiß noch nicht, ob und wann wir losziehen können. Bitte komm vorbei.“

Und so ging ich die drei Häuser weiter, klingelte und wurde eingelassen. Kaum hatte ich die Treppen bis zum vierten Stock erklommen und an die Wohnungstür geklopft, ging diese auf, und ich wurde hineingezogen: „Pssst!“ – „Was zum Henker geht hier vor? Was soll das alles?“ rief ich hochgradig irritiert. „Pssst! Nicht so laut! Komm mit!“

Und schon wurde ich ins Wohn-/Schlafzimmer gezogen. Es sah eigentlich alles ganz normal aus – nur war das Bett von der Wand abgerückt und das Kopfende mehr als einen halben Meter von dem Heizkörper entfernt, der sich dahinter befand. (Erst da fiel mir definitiv auf, dass ein Heizkörper direkt hinter dem Kopf gar nicht so günstig sei – zuvor hatte ich das Ding kaum beachtet.)

„Wieso ist das Bett abgerückt? Was geht hier vor? Und wieso muss ich annähernd flüstern?“ insistierte ich – ich kann manchmal recht hartnäckig sein, wenn ich wissen will, was Sache sei. 😉

Martin deutete stumm auf den Heizkörper. Es war einer dieser älteren Rippen-Heizkörper, und zunächst sah ich nichts. Erst als ich den unteren Teil betrachtete, war alles klar: Eine Schlange hatte sich um den unteren Teil und zwischen die Rippen dort gewunden. Es war das einzige Weibchen aus dieser Schlangen-Zwangs-WG und damit das größte Tier – über zwei Meter lang und relativ dick. Mir schauderte.

„Ich versuche schon seit einer Stunde, die von der Heizung loszubekommen,“, sprach Martin mit gesenkter Stimme, „und bis jetzt hat es nicht geklappt.“ Ich stand noch immer stumm daneben. Dann brach es aus mir heraus: „Wie ist sie aus dem Terrarium herausgekommen? Und wo sind die beiden anderen?“ Und ich sah mich hektisch im Zimmer um. In der Erwartung, dass sich gleich eines der beiden Männchen von der Deckenlampe abseilen und auf mich werfen würde, während sein Kollege mir von unten in eines der Hosenbeine kröche … 😉

„Die sind im Terrarium. Als ich vorhin die Wohnungstür aufschloss, kam mir eines der Männchen schon entgegengekrochen, und das zweite war im Terrarium. Das Weibchen schien verschwunden, und es hat echt gedauert, bis ich es gefunden hatte. Es hat sich um die Heizung geschlungen, weil die ja warm ist und sie das mag.“ Ich blickte auf die Schlange, die spiralartig um den unteren, horizontalen Teil des Heizkörpers gewickelt war und meinte: „Offenbar ist das Weibchen erheblich schlauer als seine beiden männlichen Mitbewohner. Was nun?“ – „Ich versuche schon die ganze Zeit, es vom Heizkörper abzulösen, aber das ist gar nicht so einfach.“ Und Martin demonstrierte mir die Richtigkeit seiner Worte, indem er nach dem kapriziösen Schlangenweibchen griff, das sofort anfing, ihn böse anzuzischen. Ich grinste. „Hast du den Heizkörper abgedreht?“ fragte ich. „Ja, natürlich – für wie blöd hältst du mich?“ Ich sagte nichts, sondern grinste und meinte: „Und wenn du den Heizkörper volle Kanne aufdrehst? Vielleicht lässt sie dann los?“ – „Ali! Das wäre grausam! Weißt du, wieviel die gekostet hat?“ – „Ach, es geht um Geld? Armes Viech!“ – „Pssst! Nicht so laut!“ – „Was soll das denn eigentlich? Fritte, Hauke und Andreas wissen doch, dass du drei Schlangen hältst!“ – „Ja, aber der Neue im Haus noch nicht! Und der Vermieter auch nicht – ich will keinen Ärger haben!“

Just in jenem Moment löste sich der weibliche Python vom Heizkörper – offenbar war dieser inzwischen so abgekühlt, dass er unattraktiv geworden war. Martin nahm die Schlange und sperrte sie zu ihren WG-Genossen. Dann begutachtete er auf mein Geheiß das Terrarium – nirgendwo eine erkennbare Öffnung. Er sah sich alles dreimal an. Nichts zu erkennen – und so zogen wir dann los.

Als wir zurückkehrten, wollten wir noch einen Tee trinken. Martin betrat die Küche und ging auf das Regal zu, in dem sein Geschirr stand. Ich hörte, wie er: „O nein!“ sagte. Bei einem Blick in die Küche sah ich, dass im Regal, vor den Tellern, eines der beiden Python-Männchen lag, so richtig schön im Chill-Modus. Ich ging ahnungsvoll und vorsichtig ins Schlafzimmer, wobei ich sehr darauf achtete, wohin ich trat: Das Pythonweibchen grinste mich verschwörerisch vom Dach des Terrariums an, wo es sich bequem niedergelassen hatte. Auf dem Schreibtisch schlängelte das zweite Männchen umher …

„Martin!“ rief ich tonlos, aber der war schon da, den Küchen-Python in den Händen. „Schließ das Terrarium auf, Ali!“ Ich tat, wie mir geheißen, und er verfrachtete die Schlange in den Glaskasten. Sogleich schloss ich die Tür wieder ab und meinte todesmutig: „Du übernimmst das Weibchen – liegt auf dem Terrarium -, und ich kümmere mich um das andere Männchen!“ Hier war rasche Handlung notwendig, aber nur ums Verrecken hätte ich mich mit dem erheblich größeren Weibchen abgegeben. Bei der Wahl zwischen Pest und Cholera entschied ich mich für die Cholera (ist leichter zu heilen). 😉

Und während Martin mit dem aufmüpfig zischenden Weibchen einen Konsens schließen wollte, griff ich nach dem Männchen auf dem Schreibtisch. Ich griff es erst falsch: in der Körpermitte, also bei etwa 75 cm, und da zischte es mich sehr böse an, und ich sah, wie es die vordere Körperhälfte nebst Kopf in meine Richtung bewegte. Ich ließ sofort los und griff es dann – nach Sekundenbruchteilen der Überwindung – so, wie man Giftschlangen packen sollte, wenn keine anderen Hilfsmittel da sind: direkt hinter dem Kopf. Mit der anderen Hand nahm ich es an der Körpermitte hoch und trug das zischende und verärgerte Tier („So ein Scheiß! Ist der Ausflug schon wieder vorbei?“) zum von Martin geöffneten Terrarium und warf es – Strafe und Abkühlung bei erhitztem Gemüt muss sein – ins Wasserbecken am Boden des Terrariums. Das Weibchen war auch schon wieder im Schlangenknast und wirkte beleidigt. Es blickte demonstrativ weg.

„Danke für deine Hilfe,“, sagte Martin, aber ich schnaubte ihn an: „Jaha! ‚Das Terrarium ist total dicht – ich habe es dreimal genau untersucht.‘ Deine Worte! Ich schlafe hier nicht, wenn nicht geklärt ist, wie die Viecher da immer hinausfinden!“ – „Beruhige dich – keine der Schlangen kann dir gefährlich werden.“ – „Ja, die Männchen sicher nicht. Aber das Weibchen ist über 2 Meter lang und ziemlich dick – dem traue ich nicht über den Weg, zumal es intelligenter als seine männlichen WG-Genossen scheint.“ – „Pass auf: Wir sehen noch etwas fern und beobachten dann, wie sich die Schlangen verhalten und ob wir sehen können, wo sie immer herauskommen. Bitte! Und wenn sich das nicht erschließt, schlafen wir bei dir – versprochen!“

Martin sah fern, doch ich konnte mich auf den Film nicht recht konzentrieren, und umso konzentrierter starrte ich ins Terrarium und sah, wie die drei Schlangen, in der Natur Einzelgänger, sich plötzlich gemeinsam und den drei Musketieren nicht unähnlich auf eine bestimmte Stelle im Terrarium zubewegten. Genauer: auf einen Lüftungseingriff an der Seite zu. Und schon drückte die forscheste der drei – das Weibchen, wer sonst? – mit der Schnauze dagegen, und das normalerweise fixierte Ding bewegte sich wie eine Katzenklappe nach vorn, worauf das Weibchen bereits voller Begeisterung begann, sich durch diese Öffnung nach außen zu bewegen …

Ich schrie: „Martin! Es ist die Lüftungsklappe! Die hat sich gelöst!“ Und Martin hechtete aus dem Bett, verfügte das Weibchen erneut in das Terrarium und gebot mir, einen Stuhl aus der Küche zu holen. Diesen stemmte er vor die Lüftungsklappe. Und während er sich schon wieder dem Fernseher zuwandte, wurde ich faszinierte Augenzeugin davon, dass Schlangen – zumindest in Gefangenschaft – durchaus zu Teamwork in der Lage sein können, denn die drei Tiere versuchten gemeinschaftlich und in absolutem Einklang – wie beim Wasserballett! -, die Klappe wieder aufzustemmen!

Das war der Moment, in dem ich Martin erklärte, ich würde nun in meine Wohnung gehen. Keine Beschwichtigung konnte mich halten. Immerhin kam er mit. 😉

Nur einmal noch hatte ich echte Berührungspunkte mit einer der Schlangen: dem Weibchen, dem ich noch nie über den Weg getraut hatte. Ich weiß bis heute nicht, wieso ich mich darauf eingelassen habe.

Wir waren zu einer Party eingeladen, und ich holte Martin dazu aus seiner Wohnung ab. Richtig gut sah ich aus, die Haare schön frisiert, und ich trug ein kurzes, schwarzes Kleid. Als Martin, der gerade das Terrarium reinigte und fast fertig war, meiner ansichtig wurde, rief er: „Wow! Warte mal, ich hole meine Kamera!“ Und kaum war er wieder da, meinte er: „Was meinst du, was das für coole Fotos werden, wenn du jetzt noch eine Schlange …“ – „Im Leben nicht!“ rief ich, aber irgendwie hat er es geschafft, mich zu überreden. Und schon stand ich da, ausgerechnet mit meiner Erzfeindin auf dem Arm, da die aufgrund ihrer Größe und Länge am meisten hermachte (wobei „auf dem Arm“ irgendwie nicht den Punkt trifft, da sie hier- und dorthin schlängelte, denn ich durfte sie, anders, als ich gewollt hätte, keineswegs direkt hinter dem Kopf greifen …), dabei: „Los, mach schon – jetzt fotografier doch endlich, damit ich das Vieh wieder loswerde!“ rufend.

Irgendwie hat das Tier mir das übelgenommen. Nachdem mir sein vorderes Ende mehrfach durch die Haare geschlängelt war, ohne dass ich auch nur irgendeine Kontrolle hatte, während ich wie gelähmt und mit garantiert schreckgeweiteten Augen dastand und der „Fotograf“ mich nachdrücklich aufforderte, „doch mal etwas entspannter und natürlicher“ zu erscheinen, was gar nicht so leicht ist, wenn man eine Schlange hält, deren Kopf sich dauernd neben und hinter dem eigenen Kopf aufhält und deren gespaltenes Witterungsorgan einem ständig am linken Ohr herumzüngelt, muss ich mich wohl etwas verspannt und daher einen Tick zu fest zugegriffen haben …

Im nächsten Moment erlitt ich eine Art Blutstau im linken Arm, und mein Oberarm schwoll erschreckend an, während ich mit negativer Faszination wahrnahm, wie das treue Tier sich offenbar verärgert um diesen, meinen linken Arm wickelte und diesen dabei mit einer Kraft abdrückte, dass ich fast in Panik geriet: „Martin! Tu etwas!“ – „Ach, herrje – offenbar hat sie sich wohl geärgert …“ – „Martin!!!“ – „Nein, nicht den Arm schütteln! Sie drückt dann noch fester zu. Oder – o Gott! – du könntest sie verletzen!“ – „Du Arsch! Mach die sofort von mir los! Sofort!!!“ – „Ja, nur ganz ruhig …“

Zur Party bin ich dann allein gegangen. Naja, zumindest ohne die Schlange, die sich gar nicht so gern von mir hatte trennen wollen. Martin rühmte noch lange danach die tollen Fotos: „Sieh nur, was für tolle, große Augen du hast, Ali!“ Ja. Angst war der Auslöser … 😉

Mit Martin war ich letzten Endes nicht mehr so lange zusammen. Es lag allerdings weniger an seinen Haustieren, obwohl auch die sehr gewöhnungsbedürftig waren. 😉

Allerdings fällt es mir seither besonders schwer, nachzuvollziehen, wie man Schlangen halten kann. Bei Würgeschlangen kann ich es schon nicht recht verstehen. Bei Giftschlangen ganz und gar nicht.

Warum keine Katze – die sind bisweilen individualistisch genug. 😉