Under pressure …

Ganz bald ist wieder einer jener Tage, auf die ich mich als Kind, Jugendliche und junge Erwachsene noch sehr gefreut habe. Mein Geburtstag. Heute sehe ich diesem Tag – wie auch dem letzten Tag des Jahres – mit eher gemischten Gefühlen entgegen.

Bis zum 25. – strenggenommen dem 26., wenn man den allerersten Geburtstag, den im Kreißsaal, mitzählt – war das für mich in der Tat ein Freudentag, und ich weiß aus verlässlicher Quelle, dass ich mit dieser Einschätzung nicht allein dastehe. Ab da wird alles ein bisschen anders. 😉 Die böse 3 an erster Stelle lauert in einer dunklen Toreinfahrt, und man fragt sich, wie es eigentlich komme, dass die Jahre als Kind so unendlich lang erschienen und diese Wahrnehmung nun plötzlich ganz anders ist. Alles scheint irgendwie schneller zu gehen. Das ist zwar völlig subjektiv, aber es ist doch nicht von der Hand zu weisen.

Das betrifft nicht nur Zeitliches. Auch räumliche Aspekte sind davon betroffen. Als ich das erste Mal nach Jahren die Straße, in der ich ab meiner Geburt bis zum vierten Lebensjahr lebte, wiedersah, war ich verblüfft: Diese Straße war mir als Kleinkind stets wie ein breiter Boulevard vorgekommen, – gut, vielleicht nicht ganz wie eine echte Prachtstraße, denn sie befand sich schließlich im „Pott“ und mittenmang in Gelsenkirchen -, doch was ich im wahnsinnig erwachsenen Alter von 17 Lenzen sah, war eine sehr provinziell anmutende, schmale Straße. Sehr ernüchternd. Gut, es mag daran liegen, dass man selber ja wächst, aber mit 165 Zentimetern vom Scheitel bis zur Sohle bin ich ja nun nicht wirklich das, was man hochgewachsen nennt. 😉

Den Dreißigsten ging ich mit einer Gelassenheit an, dass die Menschen, die mich kannten, bass erstaunt waren. Sie kannten mich als Hibbel. Als Menschen, der sich stets irgendwelche Gedanken macht, nicht selten nervös. Doch ich blieb ruhig und äußerte auf Nachfrage nur ganz abgeklärt: „Ach, nein, ich fürchte mich nicht vor der 30. Zumal ich es ja eh nicht ändern kann, nicht wahr?“ Und dann lachte ich. Kurz vor meinem Geburtstag tönte mein Lachen dann allerdings zunehmend hektisch – ich gebe es zu. 😉

Ich hatte abends vorher in die Studentenkneipe in Aachen geladen, in der ich gejobbt hatte, denn ich wollte hineinfeiern. Drei Stichfässer Bier vorbestellt, und das ganz abgeklärt. Ich war ganz ruhig und staunte über die interessiert-besorgten Nachfragen, ob ich denn keine Panik hätte. Warum Panik? Alles gut!

Und so war es auch. Der Abend superentspannt. Ha! Ihr Angstmacher! Und ich lachte über die anderen, die mich offenbar völlig falsch eingeschätzt hatten. Und so blieb es auch.

Bis exakt 23:30 h. Ab diesem Zeitpunkt war ich nicht mehr ich selbst. Ich starrte auf die Wanduhr, als hinge mein Leben davon ab. Obwohl das falsch ist, da es ja noch eine gewisse Aktivität erfordert hätte. Ich aber war wie gelähmt. Ich merkte zwar, wie um mich herum plötzlich Hektik ausbrach – etwa gegen 23:45 h -, aber mir war alles egal. Ich fühlte mich, als stünde ich an meinem eigenen Grab. Ich sah zwar noch, wie Christina – sie war barfuß, wie ich noch wahrnahm, aber nicht einmal staunte, da man in Trance des Staunens offenbar nicht fähig ist – wie von der Tarantel gestochen plötzlich rennend die Kneipe verließ und dabei schrie: „Wartet auf mich! Ich komme gleich wieder!“. Aber irgendwie berührte es mich nicht. Das ging mich doch gar nichts an – zumindest fühlte es sich so an.

Um 23:55 h war Christina wieder da, hielt etwas in der Hand, und alle scharten sich um sie und Tisch 2. Sie schienen etwas zu unterschreiben. Völlig wurscht. Ich blickte lieber wieder auf die Uhr, die gnadenlose.

Um 00:00 h jubelten dann alle los, sangen, und alle wollten mich gleichzeitig drücken, während ich mühsam die Tränen unterdrückte. Sie überreichten ihr Geschenk mitsamt der Geburtstagskarte, die sie ganz vergessen hatten, Christina jedoch nicht, die sie auf dem letzten Drücker noch aus ihrer Wohnung geholt hatte. Sie hatte sie besorgt, weil sie besorgt gewesen war, dass niemand daran gedacht haben könne – zu Recht. Ich drückte sie besonders fest, und das, obwohl wir nie die besten Freundinnen gewesen waren. Aber es berührte mich, dass sie daran gedacht und dann extra losgerannt war. Vielleicht stand ich auch unter Schock. 😉

Und dann wurde es doch ein ganz normaler und sehr netter Geburtstag. Naja – bis auf den nächsten Morgen, als ich von einem kleinen Mädchen als „alte Frau“ bezeichnet wurde … 😉 Kam nicht so gut. 😉

Beim überübernächsten Geburtstag lebte ich bereits in Ratingen, und an jenem Tag fuhr ich mit meinem damaligen Freund zu meinen Eltern. Ein sehr warmer Tag, und wir verbrachten ihn bei gutem Essen im Garten. Nach einer wilden Party stand mir nicht der Sinn, und es war sehr schön so. Abends fuhren wir wieder zurück, über Essen Hbf. Die S6 mal wieder leicht verspätet – aber was erwartet man von der S6 Richtung Köln … 😉

Als wir wartend am Bahnsteig standen, unweit einer der Treppen, die auf den Bahnsteig führen, bekam ich mit, wie eine kleine, zierliche Frau sich die Treppe hochschleppte. Sie war hochschwanger, und das augenscheinlich so sehr, dass sich ihr Bauch schon wieder absenkte. Ich kenne mich damit mangels eigener Erfahrung nicht so aus, aber eines war mir klar: Die Frau stand kurz vor der Niederkunft! Ich machte Henrik aufmerksam, aber der meinte: „Sie wird schon wissen, was sie tut. Das geht uns nichts an.“ Ich könnte mich noch heute ohrfeigen, dass ich mich wieder abwendete! „Das geht uns nichts an“ ist eigentlich gar nicht meine Einstellung, und ich verstehe mich bis heute nicht. Das geht mir heute noch nach. Hätte ich besser reagiert, wäre der armen Frau einiges erspart geblieben, und man hätte sich direkt im Essener Zentrum um sie gekümmert.

Stattdessen stieg sie wie wir in die S6, als diese endlich eingefahren war. Sie saß wenige Meter vor uns, als sich die Türen schlossen. Henrik las in einem Buch, und ich hielt meine Augen auf die Frau gerichtet, die sich in einem Vierersitz halb hinlegte, als die Bahn auch schon ruckelnd anfuhr. Die Frau schrie laut auf, und ich sagte: „Um Himmels willen, Henrik – die arme Frau! Die hat wirklich Wehen! Wir müssen etwas tun!“ – „Was sollen wir denn tun?“

Ich erhob mich von meinem Sitz, um zur Frau zu laufen, als auch schon eine andere Frau hinstürzte. Offenbar eine Landsmännin, denn sie konnte sich mit der werdenden Mutter verständigen. Ich lief ebenfalls hin und sah, wie sich die werdende Mutter hochstemmte. Sie wollte sich hinstellen, aber ich rief: „Nicht aufstehen! Um Himmels willen! Sagen Sie ihr bitte, dass sie nicht aufstehen darf! Sonst kommt das Baby noch hier in der S-Bahn – und es ist hier doch so schmutzig! Das ist keine Umgebung dafür, ein Kind zur Welt zu bringen. Übersetzen Sie ihr das, bitte!“ Und zusammen mit der anderen Frau gelang es dann, die werdende Mutter wieder halb liegend zu plazieren. Es muss furchtbar für sie gewesen sein, und an mir nagte das schlechte Gewissen.

Die andere Frau meinte: „Bleiben Sie bei ihr? Ich renne los und suche den Sicherheitsdienst. Die müssen einen Rettungswagen rufen – sie muss sofort in ein Krankenhaus!“ – „Ja, sicher, ich bleibe hier!“ Und während die andere Frau losrannte, blieb ich bei der werdenden Mutter und redete vorsichtig und beruhigend auf sie ein, hielt sie fest, da sie erneut aufspringen wollte. „Nein! Nicht aufstehen!“ rief ich und schüttelte beschwörend meinen Kopf. Da kam auch schon die andere Frau mit den beiden Security-Leuten zurück.

Einer davon war schon etwas älter, und er schien sich auszukennen: „Sie darf nicht aufstehen! Das Baby kommt sonst noch hier während der Fahrt! Und es ist doch hier so schmutzig!“ Und sein jüngerer Kollege, aufgrund des Szenarios recht blass um die Nase, rief: „Ich gebe dem Lokführer Bescheid, dass er die Feuerwehr ruft!“ Wuuusch, war er weg, während drei Leute sich um die werdende Mutter kümmerten. Ich hatte in meiner Tasche noch ein Päckchen Feuchttaschentücher gefunden, fast leer, aber zwei Tücher waren noch darin. Damit wischten die andere Frau und ich der armen werdenden Mutter über die Stirn und die Handgelenke. Sie schrie jedes Mal, wenn die S-Bahn bremste oder wieder anfuhr, gellend – die andere Frau und ich hatten die Tränen in den Augen stehen. Richtig helfen konnten wir nicht, aber wir hielten schließlich beide Hände der werdenden Mutter, und sie drückte bei jedem Brems- und neuerlichem Anfahrvorgang so fest zu, dass ich dachte, sie würde uns die Handknochen brechen.

Und so passierten wir nach Essen-Süd auch noch Essen-Stadtwald und Essen-Hügel. Es kam mir so vor, als fahre die S6 erheblich schneller als sonst. Schließlich rasten wir gen Essen-Werden und hielten schließlich dort im S-Bahnhof. Es waren bereits Martinshörner zu hören, man sah den Widerschein von Blaulicht, und dann sahen wir einen RTW und einen Notarztwagen heranrasen. Der Lokführer hatte den Rettungsdienst nach Essen-Werden bestellt, da dies der erste S-Bahnhof nach dem Hauptbahnhof war, da der Rettungsdienst quasi neben den Gleisen halten konnte.

Wir waren in einem der vorderen Wagen, der Rettungsdienst stand weiter hinten, und während der Security-Mitarbeiter sich darum kümmerte, die werdende Mutter, die immer massiver aufstehen wollte, festzuhalten, rannte ich zur Tür, öffnete sie und stellte mich hinein, dabei beide Arme schwenkend und schreiend: „Hierher! Hier ist der Notfall!“

Und da schepperten sie mit ihrem Equipment heran – es erinnerte mich an die „Blechbüchsenarmee“ aus zwei Stücken der Augsburger Puppenkiste. 😊

Die Notärztin war sehr lieb zu der Frau, die inzwischen verzweifelt weinte. „Wo ist der Vater?“ fragte sie schließlich, und die werdende Mutter weinte und sagte mühsam: „Nix Vaterrr. Weg!“ – „Wir bringen Sie jetzt erst einmal ins Krankenhaus, machen Sie sich keine Sorgen.“

Und schon stand eine fahrbare Trage im Einstiegsbereich, man half der armen Frau vorsichtig auf die Füße, und mir kamen die Tränen, als sie ihre Schuhe ausziehen wollte, als man ihr auf die Trage half. „Nein, lassen Sie die ruhig an,“, sagte die Notärztin und strich der Frau über den Arm, aber die meinte: „Schmutz!“ – „Das macht nichts.“

Die andere Frau, die sich besser mit ihr verständigen konnte, meinte sofort: „Ich fahre mit – sie versteht und spricht kaum Deutsch.“ Und schon wurde die Trage zur Tür geschoben. Die werdende Mutter sah mich noch an, nickte mir zu und hob leicht ihre Hand. Ich winkte ihr zu und sagte zu der Begleiterin: „Sagen Sie ihr bitte, dass ich ihr die Daumen drücke und ihr alles Gute wünsche. Auf den Tag genau vor etlichen Jahren bin ich genau hier zur Welt gekommen – vielleicht sogar im selben Krankenhaus wie ihr Kind. Es wird sicher alles gut! Ich bin auch gut zur Welt gekommen. Vielleicht beruhigt sie das.“ – „Ach, das ist ja klasse – das sage ich ihr! Alles Liebe und danke!“

Und schon waren sie aus der Bahn und auf dem Weg zum RTW, der auch kurz darauf losraste.

Mich hat das damals ziemlich berührt, und ich denke jedes Jahr an meinem Geburtstag daran. Auch daran, dass ich eher hätte reagieren können. Und sollen.

Ich habe mir damals geschworen, nur noch auf mein Bauchgefühl zu hören, wenn ich so etwas sehe. 😊

Euch ein schönes Wochenende, und ich werde meinen Geburtstag – kein runder – sicherlich gut überstehen. 😉

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