Italienischer Abend

Heute habe ich mir Spaghetti aglio, olio e peperoncino zum Abendessen gemacht – meine absolute Lieblingszubereitungsart für Spaghetti. Und eine der einfachsten: Spaghetti kochen, bis sie al dente sind, zwischenzeitlich mehrere gute Schlucke Olivenöl – natürlich kein minderwertiges und am besten italienisches – gemächlich in einer großen Pfanne erhitzen und darin mindestens (!) eine in Scheiben geschnittene Knoblauchzehe – ich nehme immer mehr – vorsichtig leicht glasig werden lassen. Bloß nicht braun werden lassen, denn dann könnt, nein: müsst! ihr alles wegschütten und neu ansetzen, denn Knoblauch wird, zu scharf erhitzt und gebräunt, bitter und versaut dann das ganze Olivenöl. Also alles con molta sensibilità und mit viel Gefühl – sehr wichtig bei der italienischen Küche, und nicht nur bei der Küche! – angehen. 😉

Zwischenzeitlich solltet ihr schon einen peperoncino rosso, ggf. eine rote Chilischote, in feine Ringe schneiden. (Oder auch zwei – je nach Schotengröße, Schärfegrad und Geschmack.) Falls es nur leicht scharf werden darf, bitte vorher längs aufschlitzen und die Kerne entfernen. Am besten – gilt vor allem für Kontaktlinsenträger – mit Gummihandschuhen. Bei mir gibt es das Ganze immer mit Kernen – wenn, dann, bitte, richtig! (Und auch mit zwei nicht allzu kleinen peperoncini rossi.) 😉 Und ohne Gummihandschuhe. Ich wasche meine Hände danach aber immer sehr, sehr gründlich, wenn auch nicht in Unschuld.

Das Ganze zum Knoblauch ins erhitzte Olivenöl geben. Gegarte Spaghetti ebenfalls hinzu und mit viel Gefühl so schwenken, dass die Pasta mit Olivenöl gut benetzt ist – ergo gut durchmischen. Frischgemahlenen – in meinem Falle: schwarzen – Pfeffer und Salz darauf, vermischen, und schon kann es losgehen. 😉 Wenn ihr Knoblauch mögt, könnte es passieren, dass dieses einfache Nudelgericht bald auch zu euren Lieblingsgerichten zählt. 😉

Hervorragend. Ich hörte heute dazu laut ein altes und bekanntes Lied von Paolo Conte. Im Grunde eher eine Art Sprechgesang, aber eines der schönsten Liebeslieder, die ich kenne, obwohl es in Moll und recht melancholisch ist. Ein echter Ohrwurm. Via con me. Ich sang laut mit – mir war danach: „Via via / Vieni via di qui […]“. 😉 Ob es daran lag, dass die letzten Tage ziemlich stressig waren? Fluchtgedanken hege ich für gewöhnlich nämlich nicht. 😉

Und mir fielen die vielen Abende wieder ein, die damals mit Giacomo und vielen anderen Leuten in Ratingen immer in Giacomos Küche endeten, mit Spaghetti aglio, olio e peperoncino, und da wurde ich fast ein wenig sentimental. 😉

Doch dann fiel mir ein, wie Giacomo, sein bester Freund Ettore, dessen Freundin Raffaela und ich einst in einem italienischen Restaurant gehobener Klasse saßen, das rappelvoll war mit lauter standesbewussten Menschen, die meisten Deutsche, die – wie so viele Deutsche – Italien und die italienische Küche nebst Lebensart so sehr lieben, wie nicht wenige davon kund und zu wissen geben. Es war ein Gehabe der obersten Kategorie um uns herum, ein Getue, das auch ich nicht so recht mochte, und Giacomo und Ettore hatten die Lage auch gleich erfasst, und so präsentierten sie den selbsternannten Italien-Liebhabern italienische Lebensart par excellence, indem sie wie auf Kommando beide laut und zumindest textsicher Fratelli d’Italia anstimmten, die italienische Nationalhymne, die sehr schmissig klingt, was die Melodie anbelangt. Versteht man den Text, versteht man auch, dass die Hymne recht martialisch ist. Hier kam erschwerend noch hinzu, dass Giacomo nicht singen kann und keinen einzigen Ton zu treffen in der Lage ist – er klingt, „singt“ er, stets wie ein eher kleines Tier, eine Katze oder so, das in einem blechernen Behältnis oder einem Ofenrohr bestialisch gequält wird. 😉

Raffaela und ich fanden es zunächst auch noch lustig, bis uns auffiel, dass die Umsitzenden uns böse und vorwurfsvoll anstarrten. Wohlgemerkt: uns, nicht etwa die beiden schaurigen Sangesbrüder. 😉 Den Blicken konnte man entnehmen, was man uns mitteilen wollte: „Ihr beiden Weiber, die ihr da noch lacht: Könnt ihr diese beiden Wilden nicht einmal zur Ordnung rufen und das Ganze beenden?!? Aber sofort!“ Raffaela sah mich an und lupfte die blütenweiße Tischdecke. Ich wusste, was sie meinte: „Ob wir nicht besser unter den Tisch kriechen? Das ist ja peinlich …“ Ich schüttelte sachte meinen Kopf – wieso sollten sie und ich denn in Sack und Asche gehen? Wir sangen ja nicht. Und was die wohlsituierten anderen Gäste – Fans italienischen Essens und zugehöriger Lebensart – nicht ahnten: Weder Raffaela, noch ich hätten etwas an der Situation ändern können. Hier wurde italienischer Lebensart gefrönt, dass die Umsitzenden sich eigentlich hätten freuen müssen, und Raffaela und ich hätten nicht einmal in unseren kühnsten Träumen etwas dagegen tun können. 😉 Und so kniff ich ihr ein Auge zu, mied jedoch die Blicke der anderen Leute und tat gar so, als verstünde ich kein Deutsch. Kurz: Auch ich fühlte mich unbehaglich. Das passierte schon einmal, wenn wir in dieser Besetzung unterwegs waren und die beiden „fratelli d’Italia“ mal wieder beschlossen, etwas mehr oder minder Durchgeknalltes zu unternehmen, woran sie echte Freude hatten. 😉 Raffaela und ich ließen uns möglichst nie aus der Fassung bringen – hier musste un atteggiamento fermo eingenommen und bewahrt werden. Immer Haltung bewahren. 😉

Dennoch brach ich in haltloses Kichern aus, als ein Kellner im schwarzen Anzug mit zwei Gläsern überteuerten Grappas an unseren Tisch kam und Giacomo und Ettore mit freundlichen italienischen Worten für die reizende Gesangseinlage dankte und mit dem Grappa bestach. Ich lachte so heftig, dass der Kellner mir auch noch einen Grappa brachte. Raffaela lehnte dankend ab – ihr Blick schweifte einmal mehr unter den Tisch … Vor allem, als alle Umsitzenden applaudierten und der Kellner sich leicht in ihre Richtung verneigte. Allerdings sah ich auch, dass es um seine Mundwinkel zuckte, als er sich wieder zu uns umdrehte, und dann kniff er mir auch noch ein Auge zu. 😉

Italienische Lebensart kann sich auf so unterschiedliche Weise äußern … 😉

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.