„Why do birds suddenly appear …”

So zwar nicht der Titel eines gruselig kitschigen amerikanischen Liedes, quasi eines Evergreens, aber so beginnt zumindest dessen erste Strophe: „Why do birds suddenly appear / Every time you are near? […]“

Dieses Lied, beziehungsweise Text und Melodie, schoss mir durch den Kopf, als ich vorgestern meine AU zur Post bringen musste und mich auf dem Weg dorthin im strahlenden Sonnenschein plötzlich hektisch ein wenig duckte: Ein Vogel flog auf mich zu! Zumindest schien es so, denn es war gar kein Vogel … Es war eine jener wundersamen Sehstörungen in Form von (salamanderförmigen, so die Augenärztin, die mich als neuerlichen Notfall am vergangenen Montag behandelte) Schleiern, Wasserwellen, Blasen, kleinen, schwarzen Punkten, die gruppenweise auftreten – vermeintliche Mückenschwärme, die in sich zu rotieren scheinen -, und größeren dunklen Schatten vor, realiter aber in meinem Auge spontan auftauchen, so dass es einem so vorkommt, als wären sie vor, neben oder über einem. Also vor Augen, nicht darin. Man kann das leider nicht so recht unterscheiden. Und so zog ich lieber meinen Kopp ein, als ich im oberen Gesichtsfeld vor mir diese vermeintliche Amsel wahrnahm – denn für eine solche, fehlgeleitete, hielt ich den komischen Schatten, der sich realiter in und nicht vor meinem Auge breitmachte …

Ja, ich weiß – das klingt, als wäre ich nicht ganz von dieser Welt. Bin ich aber, und ich konsumiere auch keine bewusstseinsverändernden Drogen. 😉 Ich höre auch keine Stimmen. Höchstens manchmal das Gras wachsen. 😉 Diese wahnsinnig ersprießlichen Sehstörungen, die ich seit einer Woche Tag für Tag und – ganz spannend! – in immer neuer Ausprägung erlebe bzw. erleide und die mich wirklich massiv nerven, sind verantwortlich, und das Problem liegt in der Tat „nur“ im Auge des Betrachters, ergo meinem rechten.

Am Dienstag war ich in der Augenklinik – da hatte ich wirklich Muffensausen. Würde man gleich lasern oder kryobehandeln müssen? Ich gebe zu: Ich hatte Schiss, und davon nicht zu knapp. Dennoch ließ ich mir auch da brav und erneut atropinhaltige Augentropfen verabreichen und setzte mich dann in den Wartebereich der Station der Evangelischen Kliniken – mit Blick auf den Stationsgang. Es war zwar nicht ganz so spannend wie in der Notaufnahme bzw. Notfallchirurgie, wo man bisweilen völlig absurde Dinge und Verletzungen live und in Farbe sehen kann, und ich will mich beileibe nicht darüber lustig machen. Es ist der reine Galgenhumor. Und ich habe ja selbst mal nachts um ein Uhr in Tränen aufgelöst in der Notaufnahme des Aachener Uniklinikums gestanden … Sicherlich haben da auch einige Leute gedacht: „Aua – was ist denn mit der los?“ (Ich hätte es ihnen sagen können, aber wahrscheinlich hätte es sie gelangweilt. Ein derart massiver Harnwegsinfekt mit Schmerzen, dass man die Tapete mit den Fingernägeln ohne Rücksicht auf eben diese von der Wand kratzen möchte, scheint nicht wirklich spannend  – nicht spektakulär genug … 😉 Wären die Schmerzen nicht gewesen (und obendrein Wochenende), wäre ich niemals freiwillig nachts um 1 in das größte Aachener Krankenhaus gefahren, das von außen wie eine Fabrik aussieht. Man fühlt sich aufgrund des Fabrik-Erscheinungsbildes doppelt ausgeliefert. Viel spannender doch die Fälle, da hyperalkoholisierte Choleriker eingeliefert wurden – und das war ich wahrlich nicht. 😉 )

In der Augenklinik war eine Menge los, und im Wartebereich saß ich zusammen mit anderen armen „Irren“, die alle – wie ich – über kurz oder lang stark erweiterte Pupillen hatten und sich wieder und wieder über die Augen wischten, weil das Licht blendete (nein, immer noch keine bewusstseinsverändernden Drogen – nur blöde pupillenerweiternde Augentropfen), während auf dem Stationsgang mehrfach Betten mit Menschen herumgeschoben wurden, die – in wenigen Fällen – Herren ihrer Sinne waren, in weitaus mehr Fällen still, wehr- und besinnungslos in den Betten lagen und beeindruckende Verbände über einem, schlimmstenfalls beiden Augen trugen. O Gott – das schlug irgendwie aufs Gemüt …

Als ich drankam, wurde ich von dem sehr netten Augenarzt behandelt, der mir vor zwei Jahren bereits gesagt hatte, ich solle besser zweimal im Jahr zur Funduskopie kommen, und er führte zunächst eine solche durch – die vierte in diesem Jahr, die dritte im Verlaufe einer Woche -, und dann kam der Ultraschall. Danach wusste ich dann, dass ich bis dato zwar noch kein Loch in der Netzhaut habe, dafür aber eine Blutung im Glaskörper. Auch schön – aber daher wohl die rotierenden „Mückenschwärme“. Die schwarzen, rotierenden „Mücken“ sind wohl Blut. Igitt! Allein die Vorstellung! Im Auge! 😉

Der Augenarzt gab mir einen Kontrolltermin für heute um 10, und dann ward ich zunächst entlassen.

Und ich war heute auch eine knappe Viertelstunde vor dem Termin da, musste mich jedoch am Ende einer sehr langen Schlange anstellen. Vor mir ein älterer Mann, der wohl unter Morbus Bechterew litt – er stand da stark vornübergebeugt und wohl auch nicht ganz sicher auf den Beinen. Hinter mir ein altes Ehepaar, das allen Umstehenden erklärte, dass sie eigentlich nur die Sehstärkenwerte der Frau benötigten und ein Sehtest durchzuführen sei, da man eine neue Brille anschaffen wolle. Dahinter noch mehr mehr oder minder Leidende … 😉

Es ging und ging nicht vorwärts, da an der Anmeldung nur eine Arzthelferin saß, die noch nicht so lange dort tätig zu sein schien. Das geht beileibe nicht gegen die Helferin! Sie sagte mir später selber, sie sei leider noch nicht so lange dabei, aber an ihr lag es auch nicht in erster Linie, und ich fand, sie mache die Sache doch recht gut.

Als wir da in der langen Schlange standen, fing der ältere Herr vor mir zu schwanken an und drohte, zu stürzen. Ich griff sofort zu und brachte ihn wieder in einen relativ stabilen Stand. „Alles okay?“ fragte ich ihn und sagte: „Halten Sie sich lieber hier an diesem Türrahmen fest.“ (Wir waren immerhin schon bis zur Patiententoilette und deren Tür gekommen.)

Der Mann bedankte sich und erklärte, normalerweise säße er in einem Rollstuhl. Ich fragte nicht nach, warum er nun hier zu Fuß unterwegs sei, zumal es sich um ein Ärztehaus mit Aufzug handelt. Es war im Grunde auch völlig egal. Der Mann tat mir leid, denn er hatte stark gerötete Augen und sah eher so aus, als würde er auf der Straße leben. Er drehte sich jedoch noch einmal zu mir um und meinte: „Ich habe eine schwere Bindehautentzündung.“

O Gott! Das auch noch – hoffentlich hatte ich mir zwischenzeitlich nicht ins Gesicht gefasst! Der Mann tat mir leid, und ich habe auch kein Problem damit, anzupacken, selbst wenn derjenige, der da angepackt werden muss, vielleicht nicht ganz so aus dem Ei gepellt ist. Ich kann doch nicht jemanden hinstürzen lassen, nur weil der vielleicht etwas abgerissen aussieht.

Dennoch wurde mir etwas bange, speziell dann, als er mir ein Päckchen Papiertaschentücher reichte, das schon reichlich angefingert aussah, und mich bat, zwei Tücher herauszuholen, da seine Augen so tränten. Ich tat es, denn er tat mir leid, aber ich nahm mir vor, sehr genau aufzupassen, mir nicht ins Gesicht oder gar an oder in die Augen zu fassen, denn eine Bindehautentzündung zusätzlich würde ich sicherlich nicht brauchen können. Es reicht ja so schon …

Nicht nur mit dem Herrn vor mir kam ich ins Gespräch, denn die alte Dame hinter mir sprach mich auch noch an: „Haben Sie denn einen Termin?“ – „Ja, um 10, auch wenn es inzwischen schon viertel nach 10 ist. Innerhalb einer Woche bin ich nun schon das dritte Mal hier, zweimal als Notfall, und wenn es so weitergeht, sollte ich vielleicht vor der Praxis ein Zelt aufschlagen. Aber so voll war es noch nie!“ Und ich lachte.

Die alte Dame fragte mich, was mir denn fehle, und ich erklärte, man könne es leider nicht von vorne an den Augen sehen und erklärte es ihr. Daraufhin veränderte sich ihr Blick ins Betroffene, und ich fühlte mich plötzlich am Arm gefasst. Die Dame strich mir über die Schulter und meinte in insistierendem Tonfall: „Ich wünsche Ihnen alles, alles Gute. Wirklich – das kommt ganz aus dem Herzen und noch aus etwas anderem. Denken Sie immer daran und vertrauen Sie darauf: Es gibt nur einen, der solche Dinge richten kann!“ – „Ääh …“ – „Das ist unser Herr Jesus Christus! Vertrauen Sie auf Jesus Christus, junge Frau! Dann wird alles gut!“

Ich stand da in einem Zustand, den man nur als stupéfait bezeichnen kann. Ich bin nichtgläubig, und das schon seit geraumer Zeit. Ich hätte zu gern mein Gesicht gesehen! 😉 Und meinen verdutzt-erschütterten Status interpretierte die alte Dame dann wohl ganz falsch, denn sie drückte mich noch fester und sagte: „Denken Sie immer an unseren Herrn Jesus Christus – nur der kann helfen!“

Durch meinen Kopf schoss eine Frage: „Welcher Sekte gehören Sie an?“ Aber ich stellte sie nicht. Ich war zwiegespalten. Denn nicht jeder glaubt an „unseren Herrn Jesus Christus“ bzw. an irgendetwas Ähnliches, und von daher empfand ich das Ganze schon als ein wenig übergriffig. Dann aber dachte ich: „Sie meint es lieb und nett und will dir auf ihre Weise Mut machen!“ Und so reagierte ich dann auch, lächelte die alte Dame an und sagte: „Ganz herzlichen Dank – ich weiß das zu schätzen.“ (Nichtsdestotrotz hätte ich mein Gesicht zu gern gesehen … 😉 )

Immerhin durfte ich mich dann ins Wartezimmer setzen. Dort erlebte ich mit, wie sich ein Ehepaar in etwa meinem Alter oder etwas älter stritt, so dass das ganze Wartezimmer etwas davon hatte. Sie sagte zu ihm: „Du musst aber auch mal genau hinhören, was der Arzt sagt! Der hat nicht gesagt, dass mit deinen Augen alles okay sei. Der hat gesagt, dass im Moment keine Bedenken bestehen! Du musst doch mal zwischen den Zeilen lesen! – „Ja! Ganz toll – dusselige Kuh! Mal wieder kluggeschissen, ne? Ja, das macht dir Spaß! Ich habe genau gehört, was der Arzt sagte! Aber du musst wieder alles besser wissen!“ – „Ja, aber der hat doch gesagt, dass du beileibe nicht beruhigt sein darfst!“ – „Ich habe genau gehört, dass mit mir alles okay ist – nur du findest mal wieder nix an mir okay!“ – „Ja, aber …“ – „Nein – Schluss! Ewig dieses Gemecker – dusselige Kuh!“

Ohne Witz – genauso geschehen in diesem Wartezimmer, und ich beneidete all die, die eine Zeitschrift in den Händen hielten, und ich beobachtete, wie eben diese Zeitschriften immer höher wanderten, so dass die Gesichter der „Lesenden“ zur Gänze verdeckt waren. Zum „Glück“ war zwischenzeitlich eine Arzthelferin gekommen und hatte in meine beiden Augen pupillenerweiternde Tropfen geträufelt -zum vierten Male innerhalb von sieben Tagen …

Mir wäre allerdings noch lieber gewesen, hätte sie mir Ohropax mitgebracht, denn das Gezänk ging noch weiter: „Jetzt sei doch nicht so stur – ich meine es nur gut. Der Arzt meinte …“ – „Boah! Dat geht mir so auf den Geist! Wie habe ich das die letzten 20 Jahre nur ausgehalten? Das ist ja Folter!“ Und erneut hörte ich „dusselige Kuh“. Woran erinnerte mich das nur?

Ach, ja! Ekel Alfred! Mich hätte inzwischen keineswegs gewundert, wenn dessen lange verstorbener Darsteller und Loriot – ebenfalls seit geraumer Zeit tot – Arm in Arm in die Praxis gesteppt wären, im Schlepptau den Moderator der „Versteckten Kamera“. Ich fühlte mich nicht wie einer Augenarztpraxis. Eher wie im Irrenhaus. Erst eine lorioteske Situation in der Warteschlange, dann Ekel Alfred im Wartezimmer … Untermalt von lautem Kindergekreisch, denn es befand sich auch noch eine große Familie mit diversen kleinen Kindern in der Praxis. Herrlich – so etwas bitte jeden Tag! 😉

Glücklicherweise kam der Augenarzt, der mich am Dienstag in der Klinik behandelt hatte, und rief: „Frau B., bitte!“, und so schnell war ich noch nie auf den Beinen, ich schwöre es!

Beide Augen wurden untersucht, das rechte besonders gründlich, und die doofe Blutung ist noch immer präsent und im Gange (so wundert es auch nicht, dass ich den Eindruck habe, dass Vögel zu dicht über mein Haupt hinweg- oder auf mich zufliegen 😉 ). Die Gefahr laut Arzt noch immer nicht gebannt – und er schrieb mich eine weitere Woche krank, obwohl ich zu verhandeln versuchte. Da sah mich der Augenarzt an und meinte: „Sie sind doch, wie ich festgestellt habe, eine intelligente Frau: Ihr rechter Glaskörper hängt quasi noch immer partiell fest, und jederzeit besteht die Gefahr einer Netzhautbeschädigung. Ich kann Sie nicht zur Arbeit schicken – das wäre unverantwortlich!“ Und er erklärte mir en détail und sehr, sehr plastisch noch einmal, was passiere, wenn der Glaskörper durch ein Loch in der Netzhaut schlüpfe, was auch im derzeitigen Zustand tagtäglich passieren könne … Mir war danach ein bisschen schlecht, zumal ich seit einer Woche ohnehin jeden Morgen aufwache und mich freue, rechtsseitig noch sehen zu können.

Zum Abschied meinte er zu mir: „Wir sehen uns dann nächste Woche“, und ich meinte: „Was ist hier eigentlich heute los? Noch in der Warteschlange, erst recht aber im Wartezimmer fühlte ich mich wie in einem Sketch, der mit versteckter Kamera aufgezeichnet werde!“ Da lachte der Arzt und meinte: „Ich weiß genau, was Sie meinen! Das ist nicht nur im Wartebereich so – das wird hier im Untersuchungsbereich unter Umständen noch schlimmer! Ich fühle mich genauso wie Sie – ich hatte hier vorhin ein Ehepaar, das sich beinahe gegenseitig an die Gurgeln gegangen wäre, weil er stets meinte, dass sie versuchte, ihn unterzubuttern und zu belehren. Dabei war sie im Recht.“ – „Ich glaube, die habe ich im Wartezimmer auch noch erlebt. Ist es denn so, dass sich so viele Leute gedacht haben: ‚Hey, es ist Brückentag – da gehen wir doch mal zum Augenarzt!‘?“

Der Augenarzt lachte und meinte: „Ja, so scheint es. Aber wir sind heute auch die einzige Augenarztpraxis, die geöffnet hat. Und Sie können sich vorstellen, was für Fälle da unter anderem so kommen.“ – „Ja, zum Beispiel ich!“ – „Sie, Frau B., sind davon ausgenommen. Sie sind ein Notfall.“

Zumindest ein ophthalmologischer. Ich habe heute ganz andere Notfälle in der Praxis erlebt. 😉

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