„Die Augen … GERRRAAADEAUSSSS!“

Gut, mit eher militärischen Kommandos bin ich ja vertraut, seit ich früher geritten bin – mich schockt daher so etwas nicht wirklich. (Und im Vertrauen: Es wurde auch gar kein solches Kommando gegeben – zumindest nicht so wörtlich. 😉 )

Der gestrige späte Abend hielt noch eine hübsche Überraschung für mich parat. Denn als ich mich gerade zur wohlverdienten Nachtruhe aufs Ohr hauen wollte, passierte gar Merkwürdiges in meinem rechten Auge: Plötzlich sah ich schwarz-güldene und gleißende Blitze, dem Effekt eines Lichtbogens nicht unähnlich, und das, was man fachsprachlich und in charmantem Französisch als mouches volantes – fliegende Fliegen – bezeichnet und mir wohlvertraut ist, zumindest in schwächerer Ausprägung, in der es harmlos ist, war im rechten Auge plötzlich verstärkt zu sehen. Das linke Auge hielt sich bedeckt, und ich kann mich über sein Verhalten nicht beklagen. Umso mehr irritierte mich das alleinige Auftreten rechts, und nicht nur das: Es beunruhigte mich in stärkerer Art.

Es war schon ziemlich spät, und als die Phänomene schwächer wurden, beschloss ich, mich erst einmal zur Ruhe zu betten, allerdings im Alert-Modus zu bleiben und dann – wären die Phänomene heute nicht verschwunden – zum Augenarzt zu eilen.

Heute früh war ich zwar verschnarcht wie immer, wenn ich morgens aufstehen muss, aber, als ich den ersten Blitz im rechten Auge sah, als ich beide Augen bewegte, um nach der Zahnpasta zu greifen, sofort hellwach. Verdammt – das doofe „Zeug“ war ja immer noch da!

Ich rang mit mir – ich musste doch zur Arbeit! Da war etwas, das ich heute dringend erledigen wollte – Terminarbeit. Und ich hatte diesen Monat schon zwei Tage nacheinander wegen Migräne fehlen müssen – ich hasse Fehltage wie die Pest! Aber ich bin ja quasi vom Fach und geübt, wenn es um Kompromisse geht. Und so fuhr ich zur Arbeit, natürlich mit dem Auto, um gegebenenfalls dort einen Augenarzttermin zu vereinbaren – noch immer hielt ich das Verschwinden der merkwürdigen Phänomene für möglich. Wie naiv! 😉

Ich schlug bei der Arbeit auf und machte mich gleich ans Werk. Offenbar aber wirkte ich anders als sonst, denn Jana meinte: „Du wirkst so hektisch. Und wieso wischst du dir immer übers rechte Auge?“ Ich berichtete, und Jana starrte mich an und meinte: „Ja, bist du denn wahnsinnig? Warum bist du hier und nicht beim Augenarzt?!?“ – „Ich muss dringend diese Sache hier erledigen – die hatte ich für heute angekündigt. Es geht doch um meine Klienten!“

„Ja, aber die haben doch nichts von einer Sachbearbeiterin, die auf einem Auge blind ist!“ rief Jana energisch. „Ruf sofort bei deinem Augenarzt an! Oder gib mir die Nummer – dann rufe ich an. Und zur Not schleppe ich dich an den Haaren hin!“ Huch! Ich hatte doch selber anrufen wollen – nur diese eine Sache noch … Jana rang die Hände, und das tat sie noch mehr, als ich sagte: „Und außerdem habe ich schon zwei Tage wegen meiner Migräne gefehlt – das ist doch Mist!“ Sie meinte: „Ali! Das sind Dinge, die du dir doch nicht selber ausgesucht hast!“ Ja, das stimmte – gewiss nicht. 😉 „Rufst du jetzt bei deinem Augenarzt an? Oder soll ich das machen?!?“ – „Ich rufe ja schon an – hatte ich ja eh vor. Und nun ist das, was ich erledigen wollte, ja auch schon erledigt.“ – „Ich fasse es nicht,“, rief Jana Saskia zu, die gerade von nebenan hereingekommen war, „da kommt sie extra wegen dieser einen Sache ins Büro, weil sie meint, das müsse heute sein, statt gleich zum Augenarzt zu fahren!“ Saskia meinte, indem sie mir ein Auge zukniff: „Wir können ihr ja schon einmal einen Blindenführhund aussuchen. Labradore machen sich da gut. Bevorzugst du eine bestimmte Fellfarbe, Ali?“ – „Schwarz!“ rief ich, fügte jedoch hinzu: „Wozu aber auf die Fellfarbe achten? Ihr geht doch davon aus, dass ich ohnehin bald erblinde. Da sind die Fellfarbe und sogar die Rasse des Assistenzhundes völlig egal. Allerdings hätte ich gern einen Schäferhund.“ Saskia lachte, Jana rang erneut die Hände.

Ich rief dann auch umgehend bei meinem Augenarzt an. Man erklärte mir, dass ich bis spätestens 11 Uhr vorstellig werden müsse – aber bitte ohne Auto -, nachdem ich meine Beschwerden dargelegt hatte. Ich versprach, mein Auto noch rasch nach Hause zu fahren – mir war ja selbst schon klar gewesen, dass eine Funduskopie notwendig werden würde. Wie passend! Just heute scheint seit geraumer Zeit endlich die Sonne vom blauen Himmel! 😉 Und das dann mit erweiterten Pupillen auf dem Heimweg … 😉

Kaum hatte ich den Hörer aufgelegt, rief Herr Schmuck an, der diensthabende Pförtner im Hauptgebäude meines Arbeitgebers. Er sagte: „Hallo, liebe Frau B. – hier ist Schmuck! Der Paketdienstfahrer weigert sich, Ihre Retoure mitzunehmen. Es tut mir leid, ich weiß ja, dass Sie inzwischen schon alles versucht haben …“ Es ging noch immer um das falsch gelieferte Motoröl …

In jenem Moment sah ich besonders viele Blitze … Vermutlich deswegen, weil mein Blutdruck spontan anstieg. Ich klang Herrn Schmuck gegenüber wohl ein wenig genervt, denn er meinte: „Frau B. – ich kann doch auch nichts dafür …“ – „Ja, Sie meine ich ja auch gar nicht, Herr Schmuck! Tut mir leid!“ – „Frau B. – ich will Sie auch nicht nerven. Ich möchte einfach nur, dass Sie Ihr Geld wiederbekommen.“ – „Das weiß ich, Herr Schmuck, danke schön.“ Und trotzdem klang ich dem völlig schuldlosen, hilfsbereiten Menschen gegenüber nicht so wie sonst, sondern hektisch und genervt. Aber inzwischen war ich selbst extrem besorgt: Bei meinem Augenarzt bekommt man sonst erst einen Termin, der – bei Anruf – etwa vier bis sechs Wochen in der Zukunft liegt.

Jana sah mich an und meinte: „Nein! Die nehmen deine Retoure trotz all deiner Bemühungen immer noch nicht mit?“ – „Richtig. Kein Wunder, dass ich da Blitze sehe!“ Jana lachte sich schlapp, meinte aber, ich solle mich lieber auf den Weg machen.

Und so brach ich auf – Jana gab mir noch ein Stück banana bread mit, das sie gestern gebacken hatte. Ich fuhr rasch mein Auto nach Hause, klaubte dort die Kontaktlinsen aus meinen Klüsen und hechtete  gen Straßenbahn, die auch sehr schnell kam …

Beim Augenarzt kam ich recht schnell dran. Die sehr nette Arzthelferin, die mich zuerst behandelte, erschrak, als ich ihr sagte, dass ich noch eine Stunde zuvor Kontaktlinsen getragen hatte. „Ich befürchte, dass Sie dann gar nicht behandelt werden. Eine Funduskopie machen die Ärzte hier nur, wenn mindestens 48 Stunden keine Kontaktlinsen getragen wurden – die saugen sich ja an der Hornhaut fest. Das ist der Grund.“ – „Ja, ich weiß. Hätte ich geahnt, was mir gestern Abend passieren würde, hätte ich die Linsen auch 96 Stunden vorher gemieden. Aber ich wusste doch nicht … Und hier geht es ja nicht um die Hornhaut, sondern eher um den hinteren Teil des Auges …“ – „Frau B. – keine Sorge! Ich frage nach! Ich bin gleich wieder bei Ihnen, und ich verspreche Ihnen: Sie werden hier heute behandelt – es ist doch Wochenende, und wir können Sie unmöglich so wieder wegschicken. Noch dazu, nachdem neulich in Ihrer Familie ein ähnlicher Fall vorkam!“

Denn vor wenigen Wochen musste sich Stephanie, meine Schwester, einer Not-Laser-OP unterziehen. Ähnliche Symptome wie die, die ich just jetzt habe. Nur hatte sie wohl schon einen Riss in der Netzhaut. Daher hatte ich auch schon heute früh beschlossen, in jedem Falle heute noch zum Augenarzt zu gehen – nur eben diese eine Sache bei der Arbeit noch erledigen … (Inzwischen frage ich mich selber, wie leichtsinnig man sein könne.)

Ich saß und wartete. Dann kam die Arzthelferin zurück und meinte: „Alles okay, Frau B. – ich habe den Arzt gefragt, der die Dinge nicht ganz so rigide sieht. Wir können Sie doch unmöglich so wegschicken, und das sieht der Arzt genauso. Schauen Sie mal nach oben!“ Und ich blickte nach oben, und sie träufelte diese atropinhaltigen Tropfen hinein, die dafür sorgen, dass die Pupille sich erweitert und – quasi gelähmt – auch eine Weile so verharrt. Und sie träufelte diese dann nach kurzer Nachfrage auch noch in mein linkes Auge, da sie meinte: „Besser beide Augen überprüfen.“ Wir gingen da Hand in Hand. 😉

Später träufelte sie auch noch einmal nach, und kurz darauf wurde ich in eines der Behandlungszimmer gerufen. Ein junger Augenarzt behandelte mich, der ein wenig gebrochen deutsch sprach. Dennoch verstand ich sehr gut, was er sagte, als er zunächst mein rechtes Auge extrem sorgfältig und gründlich untersuchte. Ich musste in alle denkbaren Richtungen blicken, wie ich das ja schon gewohnt bin, da ich ohnehin zweimal im Jahr zur Funduskopie muss. Ich schwöre jedoch: Ich musste noch nie derart extrem nach oben, unten, scharf rechts (und danach noch nach oben wie unten) und scharf links (und danach noch nach oben wie unten) blicken wie bei diesem sehr sorgfältigen Ophthalmologen. Als ich nach unten blicken sollte, erklärte er mir: „Nicht genug – weiter nach unten, bitte!“ Und ich glotzte derart gen Boden, dass ich schon Sorge hatte, meine Iris und Pupille würden alsbald hinter das Unterlid rutschen und mein Blick künftig ins Innere gerichtet sein, während ich mit der Spaltlampe geblendet wurde. 😉

Bei der Untersuchung des rechten Auges sagte der Arzt Dinge, die mir nicht gefielen. Das linke Auge – dieser kleine Streber – war ohne besonderen Befund. Streber! 😉

Nachdem die Untersuchung beendet war, fasste mich der Augenarzt scharf ins Auge und sagte: „Frrrau B. – Sie haben eine Glaskörrrperrrabhebung in rrrechtem Auge. Daheerrr die Blitze und sonstige Phänomene. Das muss beobachtet weerrrden! Das meine ich ganz errrnst! Es kommt das Wochenende! [Ja, das hatte ich auch schon festgestellt und mich sogar noch gefreut.] Achten Sie auf rrrechtes Auge – linkes ist okay! Wenn in rrrechtem Auge noch mehrrr Blitze oder Sehausfall oder Voorrrhang wie in Theaterrr – soforrrt Rrrettungsdienst rrrufen! Geht dann um Augenlicht! Wirrrklich soforrrt rrreagierrren – sonst blind auf eine Seite! Und weerrr weiß, wie lange anderrre Auge hält!“

Ja, so hatte ich die Anweisungen, die er während der Untersuchung an die Arzthelferin weitergab, auch schon verstanden. Ganz toll! (Und ich war erst vor kurzem zur regulären Funduskopie gewesen …)

Dann erklärte mir der Augenarzt noch, wie man im besonderen Notfall mit Rettungsdienst – ein Notfall war ich ja offenbar heute schon – vorzugehen gedenke: „Entweederrr – in beste Fall – Laserrr-Eingrrriff. Oderrr grrroße OP mit Vollnarrrkose, um Netzhaut wiederrr an rrrechterrr Stelle zu platzierrren.“

Aaah! Womit habe ich das verdient? Einen frei flottierenden, unbezähmbaren Glaskörper rechts, der – schlimmstenfalls – auch noch „Netzhaut mitrrreißt“? Und wieso exakt einen Monat nach der Laser-Not-OP meiner Schwester? Wir sind keine Zwillinge, sondern eher ziemlich verschieden, zoffen uns oft, obwohl ich jedem, der meiner Schwester etwas antäte, ganz gehörig den einen oder anderen auf die Zwölf gäbe und mir gar nicht vorstellen möchte, wie es ohne meine Schwester wäre.

Zum Schluss gab mir der dankenswerterweise sehr gründliche Augenarzt noch Verhaltensmaßregelungen mit, die an oben genannte militärische Kommandos gemahnten: „Augen nicht zu viel bewegen! Augen besser immer geradeaus! Nicht lesen! Keine Bücher! Augen möglichst ruhig halten – Glaskörper rechts nicht provozieren, daher Augen nicht von rechts nach links oder umgekehrt bewegen! Sonst könnte Netzhaut mitgerissen werden! [„Dann blind!“ So sagte er mir ganz zu Anfang, obwohl es mir schon klar war …] Am besten alles ruhighalten! In vier Wochen Kontrolle! Krankschreibung für heute!“

Das Leben war vor zwei Tagen noch vergleichsweise normal und nicht übermäßig mit Sorgen behaftet – zumindest nicht existentiellen. Mal abgesehen vom üblichen Kummer. 😉

Drückt mir die Daumen, dass ich zumindest das Wochenende ohne Einsatz des Rettungsdienstes überstehe … 😉 Und darüber hinaus auch. Und geht immer gleich zum Arzt, wenn Euch merkwürdige und außergewöhnliche Phänomene ereilen – speziell am Auge. Die Arbeit ist wichtig – anderes ist noch wichtiger. 😊

Nachtrag: Als ich mit der Straßenbahn nach Hause fuhr, habe ich dann noch die Nummer des Pförtners gewählt, denn es tat mir leid, dass ich Herrn Schmuck so hektisch und wenig freundlich abgefertigt hatte. Als er sich meldete, erklärte ich ihm die Sachlage, und er meinte: „Oooch, Frau B. – das tut mir leid. Aber ich habe Ihnen das ohnehin nicht krummgenommen. Ich hörte ja schon, dass Sie offenbar im Stress waren. Und Sie sind immer freundlich – ich wertete das als Ausnahme und dachte mir schon, dass Sie anderweitig Stress hätten. Aber ich finde sehr nett, dass Sie anrufen, obwohl es nicht nötig gewesen wäre – macht beileibe nicht jeder. Das ist wirklich total nett. Und ich wünsche Ihnen von Herzen gute Besserung und alles Gute.“

Und als die Straßenbahn so vor sich weiterfuhr, klingelte mein Handy plötzlich, und als ich mich meldete, war Herr Schmuck dran: „Frau B. – Sie hatten doch gesagt, dass das Paket, das Sie retournieren wollen, von einem KFZ-Zubehör-Händler komme!“ – „Ja! Warum?“ – „Ach, wissen Sie – ich möchte mir eine Anhängerkupplung und Reifen bestellen. Und da habe ich im Internet recherchiert und ein tolles Angebot gefunden. Ich bin aber nun aufgrund Ihrer Erfahrung vorsichtig geworden. Könnten Sie mir den Namen der Firma nennen, bei der Sie Ihr Motoröl bestellt haben?“

Ich nannte ihn. Und Her Schmuck rief: „Okay, dann suche ich lieber weiter! Danke, liebe Frau B. – und alles Gute!“ 😉

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.