„Why do birds suddenly appear …”

So zwar nicht der Titel eines gruselig kitschigen amerikanischen Liedes, quasi eines Evergreens, aber so beginnt zumindest dessen erste Strophe: „Why do birds suddenly appear / Every time you are near? […]“

Dieses Lied, beziehungsweise Text und Melodie, schoss mir durch den Kopf, als ich vorgestern meine AU zur Post bringen musste und mich auf dem Weg dorthin im strahlenden Sonnenschein plötzlich hektisch ein wenig duckte: Ein Vogel flog auf mich zu! Zumindest schien es so, denn es war gar kein Vogel … Es war eine jener wundersamen Sehstörungen in Form von (salamanderförmigen, so die Augenärztin, die mich als neuerlichen Notfall am vergangenen Montag behandelte) Schleiern, Wasserwellen, Blasen, kleinen, schwarzen Punkten, die gruppenweise auftreten – vermeintliche Mückenschwärme, die in sich zu rotieren scheinen -, und größeren dunklen Schatten vor, realiter aber in meinem Auge spontan auftauchen, so dass es einem so vorkommt, als wären sie vor, neben oder über einem. Also vor Augen, nicht darin. Man kann das leider nicht so recht unterscheiden. Und so zog ich lieber meinen Kopp ein, als ich im oberen Gesichtsfeld vor mir diese vermeintliche Amsel wahrnahm – denn für eine solche, fehlgeleitete, hielt ich den komischen Schatten, der sich realiter in und nicht vor meinem Auge breitmachte …

Ja, ich weiß – das klingt, als wäre ich nicht ganz von dieser Welt. Bin ich aber, und ich konsumiere auch keine bewusstseinsverändernden Drogen. 😉 Ich höre auch keine Stimmen. Höchstens manchmal das Gras wachsen. 😉 Diese wahnsinnig ersprießlichen Sehstörungen, die ich seit einer Woche Tag für Tag und – ganz spannend! – in immer neuer Ausprägung erlebe bzw. erleide und die mich wirklich massiv nerven, sind verantwortlich, und das Problem liegt in der Tat „nur“ im Auge des Betrachters, ergo meinem rechten.

Am Dienstag war ich in der Augenklinik – da hatte ich wirklich Muffensausen. Würde man gleich lasern oder kryobehandeln müssen? Ich gebe zu: Ich hatte Schiss, und davon nicht zu knapp. Dennoch ließ ich mir auch da brav und erneut atropinhaltige Augentropfen verabreichen und setzte mich dann in den Wartebereich der Station der Evangelischen Kliniken – mit Blick auf den Stationsgang. Es war zwar nicht ganz so spannend wie in der Notaufnahme bzw. Notfallchirurgie, wo man bisweilen völlig absurde Dinge und Verletzungen live und in Farbe sehen kann, und ich will mich beileibe nicht darüber lustig machen. Es ist der reine Galgenhumor. Und ich habe ja selbst mal nachts um ein Uhr in Tränen aufgelöst in der Notaufnahme des Aachener Uniklinikums gestanden … Sicherlich haben da auch einige Leute gedacht: „Aua – was ist denn mit der los?“ (Ich hätte es ihnen sagen können, aber wahrscheinlich hätte es sie gelangweilt. Ein derart massiver Harnwegsinfekt mit Schmerzen, dass man die Tapete mit den Fingernägeln ohne Rücksicht auf eben diese von der Wand kratzen möchte, scheint nicht wirklich spannend  – nicht spektakulär genug … 😉 Wären die Schmerzen nicht gewesen (und obendrein Wochenende), wäre ich niemals freiwillig nachts um 1 in das größte Aachener Krankenhaus gefahren, das von außen wie eine Fabrik aussieht. Man fühlt sich aufgrund des Fabrik-Erscheinungsbildes doppelt ausgeliefert. Viel spannender doch die Fälle, da hyperalkoholisierte Choleriker eingeliefert wurden – und das war ich wahrlich nicht. 😉 )

In der Augenklinik war eine Menge los, und im Wartebereich saß ich zusammen mit anderen armen „Irren“, die alle – wie ich – über kurz oder lang stark erweiterte Pupillen hatten und sich wieder und wieder über die Augen wischten, weil das Licht blendete (nein, immer noch keine bewusstseinsverändernden Drogen – nur blöde pupillenerweiternde Augentropfen), während auf dem Stationsgang mehrfach Betten mit Menschen herumgeschoben wurden, die – in wenigen Fällen – Herren ihrer Sinne waren, in weitaus mehr Fällen still, wehr- und besinnungslos in den Betten lagen und beeindruckende Verbände über einem, schlimmstenfalls beiden Augen trugen. O Gott – das schlug irgendwie aufs Gemüt …

Als ich drankam, wurde ich von dem sehr netten Augenarzt behandelt, der mir vor zwei Jahren bereits gesagt hatte, ich solle besser zweimal im Jahr zur Funduskopie kommen, und er führte zunächst eine solche durch – die vierte in diesem Jahr, die dritte im Verlaufe einer Woche -, und dann kam der Ultraschall. Danach wusste ich dann, dass ich bis dato zwar noch kein Loch in der Netzhaut habe, dafür aber eine Blutung im Glaskörper. Auch schön – aber daher wohl die rotierenden „Mückenschwärme“. Die schwarzen, rotierenden „Mücken“ sind wohl Blut. Igitt! Allein die Vorstellung! Im Auge! 😉

Der Augenarzt gab mir einen Kontrolltermin für heute um 10, und dann ward ich zunächst entlassen.

Und ich war heute auch eine knappe Viertelstunde vor dem Termin da, musste mich jedoch am Ende einer sehr langen Schlange anstellen. Vor mir ein älterer Mann, der wohl unter Morbus Bechterew litt – er stand da stark vornübergebeugt und wohl auch nicht ganz sicher auf den Beinen. Hinter mir ein altes Ehepaar, das allen Umstehenden erklärte, dass sie eigentlich nur die Sehstärkenwerte der Frau benötigten und ein Sehtest durchzuführen sei, da man eine neue Brille anschaffen wolle. Dahinter noch mehr mehr oder minder Leidende … 😉

Es ging und ging nicht vorwärts, da an der Anmeldung nur eine Arzthelferin saß, die noch nicht so lange dort tätig zu sein schien. Das geht beileibe nicht gegen die Helferin! Sie sagte mir später selber, sie sei leider noch nicht so lange dabei, aber an ihr lag es auch nicht in erster Linie, und ich fand, sie mache die Sache doch recht gut.

Als wir da in der langen Schlange standen, fing der ältere Herr vor mir zu schwanken an und drohte, zu stürzen. Ich griff sofort zu und brachte ihn wieder in einen relativ stabilen Stand. „Alles okay?“ fragte ich ihn und sagte: „Halten Sie sich lieber hier an diesem Türrahmen fest.“ (Wir waren immerhin schon bis zur Patiententoilette und deren Tür gekommen.)

Der Mann bedankte sich und erklärte, normalerweise säße er in einem Rollstuhl. Ich fragte nicht nach, warum er nun hier zu Fuß unterwegs sei, zumal es sich um ein Ärztehaus mit Aufzug handelt. Es war im Grunde auch völlig egal. Der Mann tat mir leid, denn er hatte stark gerötete Augen und sah eher so aus, als würde er auf der Straße leben. Er drehte sich jedoch noch einmal zu mir um und meinte: „Ich habe eine schwere Bindehautentzündung.“

O Gott! Das auch noch – hoffentlich hatte ich mir zwischenzeitlich nicht ins Gesicht gefasst! Der Mann tat mir leid, und ich habe auch kein Problem damit, anzupacken, selbst wenn derjenige, der da angepackt werden muss, vielleicht nicht ganz so aus dem Ei gepellt ist. Ich kann doch nicht jemanden hinstürzen lassen, nur weil der vielleicht etwas abgerissen aussieht.

Dennoch wurde mir etwas bange, speziell dann, als er mir ein Päckchen Papiertaschentücher reichte, das schon reichlich angefingert aussah, und mich bat, zwei Tücher herauszuholen, da seine Augen so tränten. Ich tat es, denn er tat mir leid, aber ich nahm mir vor, sehr genau aufzupassen, mir nicht ins Gesicht oder gar an oder in die Augen zu fassen, denn eine Bindehautentzündung zusätzlich würde ich sicherlich nicht brauchen können. Es reicht ja so schon …

Nicht nur mit dem Herrn vor mir kam ich ins Gespräch, denn die alte Dame hinter mir sprach mich auch noch an: „Haben Sie denn einen Termin?“ – „Ja, um 10, auch wenn es inzwischen schon viertel nach 10 ist. Innerhalb einer Woche bin ich nun schon das dritte Mal hier, zweimal als Notfall, und wenn es so weitergeht, sollte ich vielleicht vor der Praxis ein Zelt aufschlagen. Aber so voll war es noch nie!“ Und ich lachte.

Die alte Dame fragte mich, was mir denn fehle, und ich erklärte, man könne es leider nicht von vorne an den Augen sehen und erklärte es ihr. Daraufhin veränderte sich ihr Blick ins Betroffene, und ich fühlte mich plötzlich am Arm gefasst. Die Dame strich mir über die Schulter und meinte in insistierendem Tonfall: „Ich wünsche Ihnen alles, alles Gute. Wirklich – das kommt ganz aus dem Herzen und noch aus etwas anderem. Denken Sie immer daran und vertrauen Sie darauf: Es gibt nur einen, der solche Dinge richten kann!“ – „Ääh …“ – „Das ist unser Herr Jesus Christus! Vertrauen Sie auf Jesus Christus, junge Frau! Dann wird alles gut!“

Ich stand da in einem Zustand, den man nur als stupéfait bezeichnen kann. Ich bin nichtgläubig, und das schon seit geraumer Zeit. Ich hätte zu gern mein Gesicht gesehen! 😉 Und meinen verdutzt-erschütterten Status interpretierte die alte Dame dann wohl ganz falsch, denn sie drückte mich noch fester und sagte: „Denken Sie immer an unseren Herrn Jesus Christus – nur der kann helfen!“

Durch meinen Kopf schoss eine Frage: „Welcher Sekte gehören Sie an?“ Aber ich stellte sie nicht. Ich war zwiegespalten. Denn nicht jeder glaubt an „unseren Herrn Jesus Christus“ bzw. an irgendetwas Ähnliches, und von daher empfand ich das Ganze schon als ein wenig übergriffig. Dann aber dachte ich: „Sie meint es lieb und nett und will dir auf ihre Weise Mut machen!“ Und so reagierte ich dann auch, lächelte die alte Dame an und sagte: „Ganz herzlichen Dank – ich weiß das zu schätzen.“ (Nichtsdestotrotz hätte ich mein Gesicht zu gern gesehen … 😉 )

Immerhin durfte ich mich dann ins Wartezimmer setzen. Dort erlebte ich mit, wie sich ein Ehepaar in etwa meinem Alter oder etwas älter stritt, so dass das ganze Wartezimmer etwas davon hatte. Sie sagte zu ihm: „Du musst aber auch mal genau hinhören, was der Arzt sagt! Der hat nicht gesagt, dass mit deinen Augen alles okay sei. Der hat gesagt, dass im Moment keine Bedenken bestehen! Du musst doch mal zwischen den Zeilen lesen! – „Ja! Ganz toll – dusselige Kuh! Mal wieder kluggeschissen, ne? Ja, das macht dir Spaß! Ich habe genau gehört, was der Arzt sagte! Aber du musst wieder alles besser wissen!“ – „Ja, aber der hat doch gesagt, dass du beileibe nicht beruhigt sein darfst!“ – „Ich habe genau gehört, dass mit mir alles okay ist – nur du findest mal wieder nix an mir okay!“ – „Ja, aber …“ – „Nein – Schluss! Ewig dieses Gemecker – dusselige Kuh!“

Ohne Witz – genauso geschehen in diesem Wartezimmer, und ich beneidete all die, die eine Zeitschrift in den Händen hielten, und ich beobachtete, wie eben diese Zeitschriften immer höher wanderten, so dass die Gesichter der „Lesenden“ zur Gänze verdeckt waren. Zum „Glück“ war zwischenzeitlich eine Arzthelferin gekommen und hatte in meine beiden Augen pupillenerweiternde Tropfen geträufelt -zum vierten Male innerhalb von sieben Tagen …

Mir wäre allerdings noch lieber gewesen, hätte sie mir Ohropax mitgebracht, denn das Gezänk ging noch weiter: „Jetzt sei doch nicht so stur – ich meine es nur gut. Der Arzt meinte …“ – „Boah! Dat geht mir so auf den Geist! Wie habe ich das die letzten 20 Jahre nur ausgehalten? Das ist ja Folter!“ Und erneut hörte ich „dusselige Kuh“. Woran erinnerte mich das nur?

Ach, ja! Ekel Alfred! Mich hätte inzwischen keineswegs gewundert, wenn dessen lange verstorbener Darsteller und Loriot – ebenfalls seit geraumer Zeit tot – Arm in Arm in die Praxis gesteppt wären, im Schlepptau den Moderator der „Versteckten Kamera“. Ich fühlte mich nicht wie einer Augenarztpraxis. Eher wie im Irrenhaus. Erst eine lorioteske Situation in der Warteschlange, dann Ekel Alfred im Wartezimmer … Untermalt von lautem Kindergekreisch, denn es befand sich auch noch eine große Familie mit diversen kleinen Kindern in der Praxis. Herrlich – so etwas bitte jeden Tag! 😉

Glücklicherweise kam der Augenarzt, der mich am Dienstag in der Klinik behandelt hatte, und rief: „Frau B., bitte!“, und so schnell war ich noch nie auf den Beinen, ich schwöre es!

Beide Augen wurden untersucht, das rechte besonders gründlich, und die doofe Blutung ist noch immer präsent und im Gange (so wundert es auch nicht, dass ich den Eindruck habe, dass Vögel zu dicht über mein Haupt hinweg- oder auf mich zufliegen 😉 ). Die Gefahr laut Arzt noch immer nicht gebannt – und er schrieb mich eine weitere Woche krank, obwohl ich zu verhandeln versuchte. Da sah mich der Augenarzt an und meinte: „Sie sind doch, wie ich festgestellt habe, eine intelligente Frau: Ihr rechter Glaskörper hängt quasi noch immer partiell fest, und jederzeit besteht die Gefahr einer Netzhautbeschädigung. Ich kann Sie nicht zur Arbeit schicken – das wäre unverantwortlich!“ Und er erklärte mir en détail und sehr, sehr plastisch noch einmal, was passiere, wenn der Glaskörper durch ein Loch in der Netzhaut schlüpfe, was auch im derzeitigen Zustand tagtäglich passieren könne … Mir war danach ein bisschen schlecht, zumal ich seit einer Woche ohnehin jeden Morgen aufwache und mich freue, rechtsseitig noch sehen zu können.

Zum Abschied meinte er zu mir: „Wir sehen uns dann nächste Woche“, und ich meinte: „Was ist hier eigentlich heute los? Noch in der Warteschlange, erst recht aber im Wartezimmer fühlte ich mich wie in einem Sketch, der mit versteckter Kamera aufgezeichnet werde!“ Da lachte der Arzt und meinte: „Ich weiß genau, was Sie meinen! Das ist nicht nur im Wartebereich so – das wird hier im Untersuchungsbereich unter Umständen noch schlimmer! Ich fühle mich genauso wie Sie – ich hatte hier vorhin ein Ehepaar, das sich beinahe gegenseitig an die Gurgeln gegangen wäre, weil er stets meinte, dass sie versuchte, ihn unterzubuttern und zu belehren. Dabei war sie im Recht.“ – „Ich glaube, die habe ich im Wartezimmer auch noch erlebt. Ist es denn so, dass sich so viele Leute gedacht haben: ‚Hey, es ist Brückentag – da gehen wir doch mal zum Augenarzt!‘?“

Der Augenarzt lachte und meinte: „Ja, so scheint es. Aber wir sind heute auch die einzige Augenarztpraxis, die geöffnet hat. Und Sie können sich vorstellen, was für Fälle da unter anderem so kommen.“ – „Ja, zum Beispiel ich!“ – „Sie, Frau B., sind davon ausgenommen. Sie sind ein Notfall.“

Zumindest ein ophthalmologischer. Ich habe heute ganz andere Notfälle in der Praxis erlebt. 😉

„Lurchis Abenteuer“ mitten in meinem Auge!

Kennt ihr noch Lurchis Abenteuer? Oder Salamander-Schuhe, die den Ursprung von Lurchis Abenteuer bilden? Eine Schuhmarke von anno Pief, und das einzig wirklich Schöne daran die kleinen Hefte über die Abenteuer des kleinen Feuersalamanders Lurchi, stets in Reimform und Schreibschrift verfasst. Unvergessen seine Wegbegleiter namens Mäusepiep, Piping, Unkerich, Hopps und Igelmann. 😉

Diese Hefte wurden Kindern in Schuhgeschäften immer dann ausgehändigt, wenn es langweilig war – wenn zum Beispiel die Eltern für sich selber Schuhe auswählten. Ich besitze einen ganzen Stapel dieser Hefte, die ich niemals abgeben würde. 😉

Man kann also sagen, dass meine Vorliebe für Feuersalamander schon im kindlichen Stadium geprägt wurde. (Würde ein solches Tier mich in echt berühren, an mir hochklettern oder so etwas in der Art, so bin ich mir ziemlich sicher, dass ihr meine entsetzten Schreie – zunächst zumindest – bis an euren Standort, völlig gleich, wo der ist, hören würdet … Ich sehe Amphibien wie Reptilien gern – nur eben in gewisser Distanz zu mir. 😉 )

Heute früh fuhr ich tapfer gen Arbeitsstätte, und das trotz meiner Augen-Malaise. Ich trug allerdings vorsichtshalber Brille und reiste mit dem ÖPNV an. Man weiß in diesem Zustand nie, ob nicht alsbald ein weiterer spontaner Augenarzt-Notfalltermin angetreten werden muss, zumal seit gestern ganz neue visuelle Phänomene vor bzw. in meinen Augen herumschwirrten: ein vermeintlicher Mückenschwarm in hohem Tempo, in sich rotierend und stets seine Richtung wechselnd – extrem nervend. Und dann – nicht weniger nervend – ein Gebilde, das sich wie eine große Blase oder Wasserwelle stets in mein Gesichtsfeld schob, wenn ich etwas ganz genau betrachten wollte. Ich glaube kaum, dass ich jemals zuvor derart oft geblinzelt habe wie gestern – unter anderem bei der Europawahl – und heute …

Ich konnte heute zumindest länger an meinem Arbeitsplatz verharren als am Freitag: ganze zwei Stunden! Im Verlaufe dieser sah ich dann partiell verzerrte Bilder und wurde ziemlich hibbelig. (Das Ganze hatte bereits in der Straßenbahn begonnen, in der extrem lärmende Schüler mitfuhren. Die, die links von mir lärmten, waren zwar nervend, aber eher zu ertragen als die auf meiner rechten Seite. Dafür schien mein Gehör rechts erheblich besser und aufnahmefähiger zu funktionieren als sonst. Nicht schön, was da unter anderem zu hören war, aber offenbar stellte sich mein Gehör schon darauf ein, unter Umständen demnächst den wegfallenden Sehsinn zu ersetzen … 😉 ) Doof nur, dass alle meine Klienten zu meiner Rechten Platz nehmen müssen, um beraten zu werden … 😉

Meine Chefin hatte ich bereits über mein Augenproblem aufgeklärt, nachdem sie sich gewundert hatte, wieso ich heute mit einer Brille antrat – ich hätte es auch ohne diese Tatsache getan, da ich mir nicht sicher war, ob ich den gesamten Arbeitstag überstehen würde.

Und gegen halb 11 waren die visuellen Phänomene dann so heftig, dass ich mich schnurstracks auf den Weg zum Augenarzt machte. Dort war alles derart überfüllt, dass man mich bat, um 14 Uhr wiederzukommen. Das tat ich dann auch, und obwohl ich keinen Termin hatte, kam ich ziemlich schnell dran – danke an die Arzthelferinnen!

Heute geriet ich an eine sehr nette Augenärztin, die mich zunächst mit rechts Zahlen lesen ließ, nichts Außergewöhnliches feststellte – offenbar noch kein massiver Netzhautschaden -, mir dann Atropintropfen ins rechte Auge träufelte und meinte: „Das dürfte schnell gehen – Ihre Pupillen sind ja eh schon ziemlich groß!“ – „Liegt wohl daran, dass ich wirklich Angst habe, weil das Ganze seit Freitag noch schlimmer geworden ist.“ – „Kann sein. Aber keine Sorge – wir kriegen das ganz sicher hin.“ – „Mir tut es leid, dass ich so ohne Termin noch dazwischengrätsche – aber ich kam am Freitag schon als Notfall.“ – „Frau B. – Sie sind ein wirklicher Notfall, und deswegen wurden Sie auch vorgezogen! Sie sind ein echter Notfall – anders als so viele ‚Notfälle‘, die hier vorgegeben werden. Ich habe doch aufgrund Ihrer Datei gesehen, dass Sie gewiss nicht aus Spaß kommen. Nehmen Sie draußen noch Platz – ich rufe Sie dann wieder herein.“

Ich wartete eine Weile, bis jedwede Lichtquelle von meinem rechten Auge mit einer Art Aureole versehen worden war; dann rief mich die Ärztin wieder ins Behandlungszimmer und gebot mir, schon einmal Platz zu nehmen, während sie noch einmal hinauslief. Recht schnell kam sie durch eine andere Tür, die mir wohl aufgrund meiner Aufregung gar nicht aufgefallen war, wieder herein, in der Hand ein derart großes Lupenglas, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte, und sie rief fröhlich: „Sie scheinen mir genau die richtige Patientin zu sein, dieses völlig neue Lupenglas auszuprobieren! Das haben wir ganz neu!“

Ich rief ebenso fröhlich: „Es freut mich, dass ich Ihnen behilflich sein kann!“ Sie meinte: „O Gott, nein, Frau B., bitte fühlen Sie sich nicht benutzt! Sie sind einfach nur so erfreulich ruhig und cool, dass ich dachte, das sei okay!“ – „An mir soll es nicht liegen, danke für das Kompliment. Legen Sie einfach los! Wenn uns beiden damit geholfen ist, ist doch alles prima!“

Das gigantische Lupenglas nebst Lichtquelle ließ die sehr nette Augenärztin dann sogleich ausrufen: „Wahnsinn, was man damit alles sieht! Das Ding, das Sie dauernd so stört, wenn Sie etwas genauer betrachten wollen, ist eine ziemlich große Glaskörpertrübung – mitten auf dem Auge! Und – ach, das ist ja originell! – sie hat die Form eines Salamanders! Aber keine Angst – das ist nichts Schlimmes, nur störend.“ Da ich die Augenärztin nett fand, lachte ich und meinte: „Na, dann ist ja alles gut – und ich bin auch sehr tierlieb. Nicht auszudenken, wäre es eine Flugabwehrrakete gewesen! Ein Salamander – also quasi Lurchis Abenteuer direkt in meinem Auge! Aber Sie kennen Lurchis Abenteuer sicher gar nicht mehr!“ – „Doch!“ rief die sympathische Augenärztin. „Das kenne ich – das ist total süß! Und ich finde richtig klasse, dass Sie das Ganze mit soviel Humor nehmen! Sie sind eine richtig nette Patientin!“ – „Mal im Ernst – was bleibt mir denn übrig!“ – „Ach, alles wird gut! Da bin ich mir ganz sicher.“

Dann ophthalmoskopierte sie mein rechtes Auge und fand heraus, dass mein rechter Glaskörper – mal abgesehen von Lurchis Abenteuern – seit Freitag so weit gesackt sei, dass eine Region meiner Netzhaut rechts mit Bordmitteln gar nicht mehr einzusehen sei. Und mit leichter Hand vereinbarte sie für morgen um 9 einen Termin in der Augenklinik …

Hurra! Ich muss morgen zum Augen-Ultraschall! Und – falls dabei Risse oder Löcher in der Netzhaut gefunden werden – dann werde ich auch gleich gelasert und/oder kryobehandelt … Ich freue mich jetzt schon! Und Lurchi auch … 😉

„Die Augen … GERRRAAADEAUSSSS!“

Gut, mit eher militärischen Kommandos bin ich ja vertraut, seit ich früher geritten bin – mich schockt daher so etwas nicht wirklich. (Und im Vertrauen: Es wurde auch gar kein solches Kommando gegeben – zumindest nicht so wörtlich. 😉 )

Der gestrige späte Abend hielt noch eine hübsche Überraschung für mich parat. Denn als ich mich gerade zur wohlverdienten Nachtruhe aufs Ohr hauen wollte, passierte gar Merkwürdiges in meinem rechten Auge: Plötzlich sah ich schwarz-güldene und gleißende Blitze, dem Effekt eines Lichtbogens nicht unähnlich, und das, was man fachsprachlich und in charmantem Französisch als mouches volantes – fliegende Fliegen – bezeichnet und mir wohlvertraut ist, zumindest in schwächerer Ausprägung, in der es harmlos ist, war im rechten Auge plötzlich verstärkt zu sehen. Das linke Auge hielt sich bedeckt, und ich kann mich über sein Verhalten nicht beklagen. Umso mehr irritierte mich das alleinige Auftreten rechts, und nicht nur das: Es beunruhigte mich in stärkerer Art.

Es war schon ziemlich spät, und als die Phänomene schwächer wurden, beschloss ich, mich erst einmal zur Ruhe zu betten, allerdings im Alert-Modus zu bleiben und dann – wären die Phänomene heute nicht verschwunden – zum Augenarzt zu eilen.

Heute früh war ich zwar verschnarcht wie immer, wenn ich morgens aufstehen muss, aber, als ich den ersten Blitz im rechten Auge sah, als ich beide Augen bewegte, um nach der Zahnpasta zu greifen, sofort hellwach. Verdammt – das doofe „Zeug“ war ja immer noch da!

Ich rang mit mir – ich musste doch zur Arbeit! Da war etwas, das ich heute dringend erledigen wollte – Terminarbeit. Und ich hatte diesen Monat schon zwei Tage nacheinander wegen Migräne fehlen müssen – ich hasse Fehltage wie die Pest! Aber ich bin ja quasi vom Fach und geübt, wenn es um Kompromisse geht. Und so fuhr ich zur Arbeit, natürlich mit dem Auto, um gegebenenfalls dort einen Augenarzttermin zu vereinbaren – noch immer hielt ich das Verschwinden der merkwürdigen Phänomene für möglich. Wie naiv! 😉

Ich schlug bei der Arbeit auf und machte mich gleich ans Werk. Offenbar aber wirkte ich anders als sonst, denn Jana meinte: „Du wirkst so hektisch. Und wieso wischst du dir immer übers rechte Auge?“ Ich berichtete, und Jana starrte mich an und meinte: „Ja, bist du denn wahnsinnig? Warum bist du hier und nicht beim Augenarzt?!?“ – „Ich muss dringend diese Sache hier erledigen – die hatte ich für heute angekündigt. Es geht doch um meine Klienten!“

„Ja, aber die haben doch nichts von einer Sachbearbeiterin, die auf einem Auge blind ist!“ rief Jana energisch. „Ruf sofort bei deinem Augenarzt an! Oder gib mir die Nummer – dann rufe ich an. Und zur Not schleppe ich dich an den Haaren hin!“ Huch! Ich hatte doch selber anrufen wollen – nur diese eine Sache noch … Jana rang die Hände, und das tat sie noch mehr, als ich sagte: „Und außerdem habe ich schon zwei Tage wegen meiner Migräne gefehlt – das ist doch Mist!“ Sie meinte: „Ali! Das sind Dinge, die du dir doch nicht selber ausgesucht hast!“ Ja, das stimmte – gewiss nicht. 😉 „Rufst du jetzt bei deinem Augenarzt an? Oder soll ich das machen?!?“ – „Ich rufe ja schon an – hatte ich ja eh vor. Und nun ist das, was ich erledigen wollte, ja auch schon erledigt.“ – „Ich fasse es nicht,“, rief Jana Saskia zu, die gerade von nebenan hereingekommen war, „da kommt sie extra wegen dieser einen Sache ins Büro, weil sie meint, das müsse heute sein, statt gleich zum Augenarzt zu fahren!“ Saskia meinte, indem sie mir ein Auge zukniff: „Wir können ihr ja schon einmal einen Blindenführhund aussuchen. Labradore machen sich da gut. Bevorzugst du eine bestimmte Fellfarbe, Ali?“ – „Schwarz!“ rief ich, fügte jedoch hinzu: „Wozu aber auf die Fellfarbe achten? Ihr geht doch davon aus, dass ich ohnehin bald erblinde. Da sind die Fellfarbe und sogar die Rasse des Assistenzhundes völlig egal. Allerdings hätte ich gern einen Schäferhund.“ Saskia lachte, Jana rang erneut die Hände.

Ich rief dann auch umgehend bei meinem Augenarzt an. Man erklärte mir, dass ich bis spätestens 11 Uhr vorstellig werden müsse – aber bitte ohne Auto -, nachdem ich meine Beschwerden dargelegt hatte. Ich versprach, mein Auto noch rasch nach Hause zu fahren – mir war ja selbst schon klar gewesen, dass eine Funduskopie notwendig werden würde. Wie passend! Just heute scheint seit geraumer Zeit endlich die Sonne vom blauen Himmel! 😉 Und das dann mit erweiterten Pupillen auf dem Heimweg … 😉

Kaum hatte ich den Hörer aufgelegt, rief Herr Schmuck an, der diensthabende Pförtner im Hauptgebäude meines Arbeitgebers. Er sagte: „Hallo, liebe Frau B. – hier ist Schmuck! Der Paketdienstfahrer weigert sich, Ihre Retoure mitzunehmen. Es tut mir leid, ich weiß ja, dass Sie inzwischen schon alles versucht haben …“ Es ging noch immer um das falsch gelieferte Motoröl …

In jenem Moment sah ich besonders viele Blitze … Vermutlich deswegen, weil mein Blutdruck spontan anstieg. Ich klang Herrn Schmuck gegenüber wohl ein wenig genervt, denn er meinte: „Frau B. – ich kann doch auch nichts dafür …“ – „Ja, Sie meine ich ja auch gar nicht, Herr Schmuck! Tut mir leid!“ – „Frau B. – ich will Sie auch nicht nerven. Ich möchte einfach nur, dass Sie Ihr Geld wiederbekommen.“ – „Das weiß ich, Herr Schmuck, danke schön.“ Und trotzdem klang ich dem völlig schuldlosen, hilfsbereiten Menschen gegenüber nicht so wie sonst, sondern hektisch und genervt. Aber inzwischen war ich selbst extrem besorgt: Bei meinem Augenarzt bekommt man sonst erst einen Termin, der – bei Anruf – etwa vier bis sechs Wochen in der Zukunft liegt.

Jana sah mich an und meinte: „Nein! Die nehmen deine Retoure trotz all deiner Bemühungen immer noch nicht mit?“ – „Richtig. Kein Wunder, dass ich da Blitze sehe!“ Jana lachte sich schlapp, meinte aber, ich solle mich lieber auf den Weg machen.

Und so brach ich auf – Jana gab mir noch ein Stück banana bread mit, das sie gestern gebacken hatte. Ich fuhr rasch mein Auto nach Hause, klaubte dort die Kontaktlinsen aus meinen Klüsen und hechtete  gen Straßenbahn, die auch sehr schnell kam …

Beim Augenarzt kam ich recht schnell dran. Die sehr nette Arzthelferin, die mich zuerst behandelte, erschrak, als ich ihr sagte, dass ich noch eine Stunde zuvor Kontaktlinsen getragen hatte. „Ich befürchte, dass Sie dann gar nicht behandelt werden. Eine Funduskopie machen die Ärzte hier nur, wenn mindestens 48 Stunden keine Kontaktlinsen getragen wurden – die saugen sich ja an der Hornhaut fest. Das ist der Grund.“ – „Ja, ich weiß. Hätte ich geahnt, was mir gestern Abend passieren würde, hätte ich die Linsen auch 96 Stunden vorher gemieden. Aber ich wusste doch nicht … Und hier geht es ja nicht um die Hornhaut, sondern eher um den hinteren Teil des Auges …“ – „Frau B. – keine Sorge! Ich frage nach! Ich bin gleich wieder bei Ihnen, und ich verspreche Ihnen: Sie werden hier heute behandelt – es ist doch Wochenende, und wir können Sie unmöglich so wieder wegschicken. Noch dazu, nachdem neulich in Ihrer Familie ein ähnlicher Fall vorkam!“

Denn vor wenigen Wochen musste sich Stephanie, meine Schwester, einer Not-Laser-OP unterziehen. Ähnliche Symptome wie die, die ich just jetzt habe. Nur hatte sie wohl schon einen Riss in der Netzhaut. Daher hatte ich auch schon heute früh beschlossen, in jedem Falle heute noch zum Augenarzt zu gehen – nur eben diese eine Sache bei der Arbeit noch erledigen … (Inzwischen frage ich mich selber, wie leichtsinnig man sein könne.)

Ich saß und wartete. Dann kam die Arzthelferin zurück und meinte: „Alles okay, Frau B. – ich habe den Arzt gefragt, der die Dinge nicht ganz so rigide sieht. Wir können Sie doch unmöglich so wegschicken, und das sieht der Arzt genauso. Schauen Sie mal nach oben!“ Und ich blickte nach oben, und sie träufelte diese atropinhaltigen Tropfen hinein, die dafür sorgen, dass die Pupille sich erweitert und – quasi gelähmt – auch eine Weile so verharrt. Und sie träufelte diese dann nach kurzer Nachfrage auch noch in mein linkes Auge, da sie meinte: „Besser beide Augen überprüfen.“ Wir gingen da Hand in Hand. 😉

Später träufelte sie auch noch einmal nach, und kurz darauf wurde ich in eines der Behandlungszimmer gerufen. Ein junger Augenarzt behandelte mich, der ein wenig gebrochen deutsch sprach. Dennoch verstand ich sehr gut, was er sagte, als er zunächst mein rechtes Auge extrem sorgfältig und gründlich untersuchte. Ich musste in alle denkbaren Richtungen blicken, wie ich das ja schon gewohnt bin, da ich ohnehin zweimal im Jahr zur Funduskopie muss. Ich schwöre jedoch: Ich musste noch nie derart extrem nach oben, unten, scharf rechts (und danach noch nach oben wie unten) und scharf links (und danach noch nach oben wie unten) blicken wie bei diesem sehr sorgfältigen Ophthalmologen. Als ich nach unten blicken sollte, erklärte er mir: „Nicht genug – weiter nach unten, bitte!“ Und ich glotzte derart gen Boden, dass ich schon Sorge hatte, meine Iris und Pupille würden alsbald hinter das Unterlid rutschen und mein Blick künftig ins Innere gerichtet sein, während ich mit der Spaltlampe geblendet wurde. 😉

Bei der Untersuchung des rechten Auges sagte der Arzt Dinge, die mir nicht gefielen. Das linke Auge – dieser kleine Streber – war ohne besonderen Befund. Streber! 😉

Nachdem die Untersuchung beendet war, fasste mich der Augenarzt scharf ins Auge und sagte: „Frrrau B. – Sie haben eine Glaskörrrperrrabhebung in rrrechtem Auge. Daheerrr die Blitze und sonstige Phänomene. Das muss beobachtet weerrrden! Das meine ich ganz errrnst! Es kommt das Wochenende! [Ja, das hatte ich auch schon festgestellt und mich sogar noch gefreut.] Achten Sie auf rrrechtes Auge – linkes ist okay! Wenn in rrrechtem Auge noch mehrrr Blitze oder Sehausfall oder Voorrrhang wie in Theaterrr – soforrrt Rrrettungsdienst rrrufen! Geht dann um Augenlicht! Wirrrklich soforrrt rrreagierrren – sonst blind auf eine Seite! Und weerrr weiß, wie lange anderrre Auge hält!“

Ja, so hatte ich die Anweisungen, die er während der Untersuchung an die Arzthelferin weitergab, auch schon verstanden. Ganz toll! (Und ich war erst vor kurzem zur regulären Funduskopie gewesen …)

Dann erklärte mir der Augenarzt noch, wie man im besonderen Notfall mit Rettungsdienst – ein Notfall war ich ja offenbar heute schon – vorzugehen gedenke: „Entweederrr – in beste Fall – Laserrr-Eingrrriff. Oderrr grrroße OP mit Vollnarrrkose, um Netzhaut wiederrr an rrrechterrr Stelle zu platzierrren.“

Aaah! Womit habe ich das verdient? Einen frei flottierenden, unbezähmbaren Glaskörper rechts, der – schlimmstenfalls – auch noch „Netzhaut mitrrreißt“? Und wieso exakt einen Monat nach der Laser-Not-OP meiner Schwester? Wir sind keine Zwillinge, sondern eher ziemlich verschieden, zoffen uns oft, obwohl ich jedem, der meiner Schwester etwas antäte, ganz gehörig den einen oder anderen auf die Zwölf gäbe und mir gar nicht vorstellen möchte, wie es ohne meine Schwester wäre.

Zum Schluss gab mir der dankenswerterweise sehr gründliche Augenarzt noch Verhaltensmaßregelungen mit, die an oben genannte militärische Kommandos gemahnten: „Augen nicht zu viel bewegen! Augen besser immer geradeaus! Nicht lesen! Keine Bücher! Augen möglichst ruhig halten – Glaskörper rechts nicht provozieren, daher Augen nicht von rechts nach links oder umgekehrt bewegen! Sonst könnte Netzhaut mitgerissen werden! [„Dann blind!“ So sagte er mir ganz zu Anfang, obwohl es mir schon klar war …] Am besten alles ruhighalten! In vier Wochen Kontrolle! Krankschreibung für heute!“

Das Leben war vor zwei Tagen noch vergleichsweise normal und nicht übermäßig mit Sorgen behaftet – zumindest nicht existentiellen. Mal abgesehen vom üblichen Kummer. 😉

Drückt mir die Daumen, dass ich zumindest das Wochenende ohne Einsatz des Rettungsdienstes überstehe … 😉 Und darüber hinaus auch. Und geht immer gleich zum Arzt, wenn Euch merkwürdige und außergewöhnliche Phänomene ereilen – speziell am Auge. Die Arbeit ist wichtig – anderes ist noch wichtiger. 😊

Nachtrag: Als ich mit der Straßenbahn nach Hause fuhr, habe ich dann noch die Nummer des Pförtners gewählt, denn es tat mir leid, dass ich Herrn Schmuck so hektisch und wenig freundlich abgefertigt hatte. Als er sich meldete, erklärte ich ihm die Sachlage, und er meinte: „Oooch, Frau B. – das tut mir leid. Aber ich habe Ihnen das ohnehin nicht krummgenommen. Ich hörte ja schon, dass Sie offenbar im Stress waren. Und Sie sind immer freundlich – ich wertete das als Ausnahme und dachte mir schon, dass Sie anderweitig Stress hätten. Aber ich finde sehr nett, dass Sie anrufen, obwohl es nicht nötig gewesen wäre – macht beileibe nicht jeder. Das ist wirklich total nett. Und ich wünsche Ihnen von Herzen gute Besserung und alles Gute.“

Und als die Straßenbahn so vor sich weiterfuhr, klingelte mein Handy plötzlich, und als ich mich meldete, war Herr Schmuck dran: „Frau B. – Sie hatten doch gesagt, dass das Paket, das Sie retournieren wollen, von einem KFZ-Zubehör-Händler komme!“ – „Ja! Warum?“ – „Ach, wissen Sie – ich möchte mir eine Anhängerkupplung und Reifen bestellen. Und da habe ich im Internet recherchiert und ein tolles Angebot gefunden. Ich bin aber nun aufgrund Ihrer Erfahrung vorsichtig geworden. Könnten Sie mir den Namen der Firma nennen, bei der Sie Ihr Motoröl bestellt haben?“

Ich nannte ihn. Und Her Schmuck rief: „Okay, dann suche ich lieber weiter! Danke, liebe Frau B. – und alles Gute!“ 😉

Öl auf die Wogen …

Ja, einer größeren Menge Öles – mehr als 5 l – auf die Wogen hätte es von vorgestern an mehrfach bedurft.

Warum? Und wie entstanden die Wogen? Und warum sehen nicht nur meine Kolleginnen mich mit völlig anderen Augen, sondern ich auch? 😉

Es fing ganz harmlos an. Ich machte einen Termin für die alljährliche Inspektion meines Wagens in meiner Vertragswerkstatt. Eigentlich sollte die Inspektion morgen stattfinden – doch zum Glück musste der Termin werkstattseitig verschoben werden, und nun muss ich am siebten Juni hin.

Wie – zum Glück? Man ist doch froh, wenn das auch erledigt ist. Ich zumindest. Aaaber …

Ich hatte diesmal nachgefragt, ob ich das für den Ölwechsel benötigte Motoröl mitbringen dürfe, denn das kostet, selber erworben, etwa ein Drittel dessen, was die Werkstatt für Öl aus ihrem Bestand veranschlagt, und ich habe exakt zweimal je 90 Euro für je fünf Liter Öl in der Werkstatt bezahlt und sah und sehe nicht mehr ein, dies auch weiterhin zu tun. Ich pflücke das Geld ja auch nicht vom Baum. 😉

Selbstverständlich dürfe ich das, erfuhr ich seitens der Werkstatt, und so bestellte ich fünf Liter des für meinen kleinen Fiesta vorgesehenen Öles online. Rasch bekam ich eine Bestellbestätigung, auf der exakt das stand, was ich ganz korrekt bestellt hatte. Sicherheitshalber fragte der Händler auch noch zweimal nach – einmal per Mail, einmal telefonisch – ich hätte da schon hellhörig werden sollen. 😉

Am letzten Sonntag – an einem Sonntag! – bekam ich dann die Nachricht, dass das Öl versendet worden sei und spätestens am Dienstag bei meinem Arbeitgeber ankommen werde. Denn dorthin hatte ich es schicken lassen, seit die Packstation in Nähe meiner Wohnung immer häufiger defekt ist.

Am Dienstag rief mich der Pförtner an: „Frau B. – hier ist ein Paket für Sie!“ Ich freute mich – endlich war das Motoröl da und ich perfekt auf die Inspektion vorbereitet. Und so schritt ich fröhlich zur Pforte und holte das Paket ab, das ich im Büro öffnete und den 5-Liter-Kanister herauszog.

Ich zog ihn nicht sehr weit heraus, denn ich sah sofort, dass der Inhalt völlig falsch war: „Stop-Start 0W-30 D“ stand auf dem Etikett, das ganz anders aussah als das Etikett der Sorte, die ich völlig korrekt bestellt und zweimal bestätigt hatte – auf Anfrage des Händlers.

„Das kann ja wohl nicht wahr sein,“, grummelte ich zornig, „wozu fragt ihr eigentlich per Mail und telefonisch nach, ich bestätige euch den richtigen Typ – und ihr schickt mir dann etwas völlig Falsches! Wollt ihr mich veräppeln?“

Kollegin Jana sah mich besorgt an: „Was ist passiert?“ – „Die haben mir ein komplett falsches Motoröl geschickt! Ich habe keinen Diesel! Ich brauche kein Stop-Start-Öl! Wozu fragen die zweimal nach und schicken mir dann doch etwas völlig Falsches? Ich hasse es, wenn ich für blöd verkauft werde.“ – „Aber vielleicht kann man das Öl ja trotzdem verwenden?“ – „Ja, sicher. Ich könnte mir natürlich noch rasch einen Diesel kaufen und meinen Wagen dafür verschachern. Dann könnte ich mit dem Öl etwas anfangen. Ich finde aber, dass das der falsche Weg sei.“ – „Bist du dir sicher, dass das nur für Dieselmotoren ist?“ – „Ja.“

Jana sah mich überwältigt an und meinte: „Ich gestehe, ich habe gar keine Ahnung, was für Öl welcher Wagen braucht – ich lasse das immer die Werkstatt machen. Wie finde ich denn heraus, ohne die Werkstatt anzurufen, welches Öl mein Wagen braucht?“ – „Entweder im Betriebshandbuch oder unter der Motorhaube. Da findest du ein Etikett, auf dem die richtige Ölsorte angegeben ist.“ – „Und du hast es aus dem Betriebshandbuch?“ – „Nee, aus dem Motorraum. Mein Betriebshandbuch habe ich erst kürzlich unter dem Sitz wiedergefunden. Ist wohl bei einem heftigeren Bremsvorgang dorthin geschlittert. Und ich musste ja ohnehin Scheibenwaschflüssigkeit nachfüllen.“ – „Guckst du öfter unter die Motorhaube?“ – „Ja, immer dann, wenn der Scheibenwaschtank leer ist und ich auffüllen muss. Dann kontrolliere ich auch schon mal den Ölstand und die Bremsflüssigkeit.“ – „Wow – das habe ich noch nie selber gemacht.“ Jana sah mich an wie eine Erscheinung, und ich fing zu lachen an: „Du hast ja auch eine Garage und musst wahrscheinlich nicht so oft die Scheibenwaschanlage benutzen.“ – „Ich wüsste gar nicht, wo und wie man den Tank auffüllt!“ – „Das ist beileibe kein Hexenwerk – sogar ich kann das!“ – „Ich bin überwältigt – du scheinst das ja alles total unerschrocken anzugehen.“ – „Naja, wenn es sein muss. Ich finde so etwas eigentlich auch recht interessant.“ – „Und das Öl kannst du also überhaupt nicht gebrauchen?“ – „Absolut nicht – und jetzt rufe ich da an!“

Das Telefonat gestaltete sich – für den Hotline-Mitarbeiter – nicht sonderlich angenehm, denn ich war ziemlich kiebig, vor allem, als der Herr nachfragte, ob ich als Frau denn wirklich sicher sei, dass das das falsche Motoröl sei. Da wurde ich richtig giftig und meinte: „Was erlauben Sie sich eigentlich, wenn ich mal fragen darf?! Natürlich bin ich mir sicher! Eine Unverschämtheit, erst trotz zweimaliger Nachfrage, trotz einer korrekten Bestellbestätigung etwas total Falsches zu schicken und dann auch noch die Bestellerin für unfähig zu halten! Was für eine Geschäftspolitik ist das denn?!? Und es mag Sie enttäuschen, dass nicht alle Frauen hinsichtlich ihrer Autos so dämlich sind, wie manche Männer offenbar gern glauben, Herr … ich habe Ihren Namen vergessen, aber fühlen Sie sich angesprochen!“

„Frau B., entschuldigen Sie bitte – das tut mir leid. Ich dachte, ich mache einen kleinen Witz …“ – „Falsch! Sie dachten: ‚Ich mache mal einen schlechten Witz vom Stammtisch, und die dumme Tussi lacht dann sicher dümmlich und arglos!‘ Leider ganz falsch gedacht!“ Und ich verkniff mir den Satz: „Deswegen arbeiten Sie sicherlich auch im Callcenter!“ Das wäre sehr unfair und nicht korrekt gewesen, denn abseits dieses Herrn arbeiten auch sehr viele nette und intelligente Menschen als Callcenter-Agenten. Vor diesem Wissenshintergrund hielt ich mich auch zurück. Aber es war nicht ganz einfach – ich gebe es zu … 😉

Hui! Ich erkannte mich selbst kaum wieder – so giftig war ich bisher selbst bei absoluten Unverschämtheiten nicht gewesen, wenn es etwas „Geschäftliches“ zu klären gab. Eigentlich eher besonnen, aber der Typ war gar zu unverschämt in seinem Sinnen und Trachten, mir die Verantwortung für den Fehler der Firma unterzujubeln. Und da verstehe ich echt keinen Spaß. Das ist unfair.

Der Mitarbeiter versprach, die Bestellung zu stornieren – er werde mir sofort das richtige Motoröl bestellen. Ich schnaubte leicht und sagte: „Nein, danke. Ich kaufe es lieber woanders. Stornieren Sie bitte ohne Neubestellung und sagen mir bitte, wie ich die Retoure in die Wege leite, denn ich habe gesehen, dass kein Retourenschein im Paket war.“ – „Frau B. – das geht alles elektronisch bei uns. Sie brauchen das Paket nur dem Fahrer des Paketdienstes wieder mitzugeben.“ – „Tatsächlich? Das erscheint mir etwas einfach, und ein Schritt scheint zu fehlen.“ – „Nein, das funktioniert immer so bei uns.“ – „Nun gut. Sollte es nicht klappen, hören Sie wieder von mir.“

Kurz darauf sagte meine Vertragswerkstatt den Termin für Freitag ab – irrrtümliche Doppelbelegung -, und nun habe ich bis zum siebten Juni Zeit, endlich das richtige Öl zu kaufen.

Nur: Gestern erklärte mir der sehr hilfsbereite Pförtner, dass der Paketdienstfahrer mein Paket mangels Retourenschein nicht hatte mitnehmen wollen. Es war kurz vor Feierabend, und ich schrieb dann zu Hause eine ziemlich erzürnte Mail an den KFZ-Ausstatter. Sie war nicht freundlich.

Kurz darauf ging eine Mail meines Vertragspartners ein: Man bedauere die Umstände, und man schickte mir eine Paketnummer – nur für einen völlig anderen Paketdienst als den, den mir der fröhliche Hotline-Mitarbeiter genannt hatte. Einen ganz anderen als den, der das falsche Produkt geliefert hatte … Ich solle mit dem Paketdienst Kontakt aufnehmen.

Und heute früh im Büro bekam ich einen Anruf vom KFZ-Ausstatter: „Hallo, Herr B. – es tut uns leid, dass Sie Unannehmlichkeiten hatten!“ – „Hatten? Haben! Und nachdem ich mich am Telefon gemeldet habe, sollte Ihnen eigentlich klar sein, dass ich nicht Herr, sondern Frau B. bin, zumal ich gestern schon in einer Mail auf diesen Umstand hinwies. Sorry, aber mein Eindruck von Ihrer Firma ist nicht der beste!“ – „Vielleicht kann ich Sie mit einem kleinen Witz aufmuntern, Frau B.: Was ist die Steigerung von Mai?“ – „Wie bitte?“ – „Was ist die Steigerung von Mai?“ – „Ist alles in Ordnung? Was hat das jetzt mit der Angelegenheit zu tun, über die wir hier sprechen?“ – „Ach, bitte! Ich finde den Witz so witzig!“ – „Maier!“ rief ich – der „Witz“ war leicht zu durchschauen. Und fügte hinzu: „Und der Superlativ ist dann am maisten! Haben Sie sonst noch irgendwelche Probleme? Oder wollten Sie mir etwas mitteilen, das mir irgendwie von Nutzen sein könnte?“ – „Ja, Frau B.! Wir haben total tolle Sommerreifen im Angebot!“ – „Bitte – was?“ – „Total tolle Sommerreifen …“ –

„Jetzt reicht’s aber!“ schnaubte ich in den Hörer und bekam noch mit, wie der Herr meinte: „Aber – das war wirklich ernst gemeint – Sie bekämen Sie der Unannehmlichkeiten wegen auch günstiger. Das war nur nett gemeint …“ – „Hören Sie! Was ich Ihnen jetzt sage, ist auch total nett und überdies extrem ernst gemeint: Ihr Geschäftsmodell ist Scheiße! Sie sind offenbar nicht in der Lage, Ihre Kunden zufriedenzustellen, wie ich inzwischen aufgrund gewisser Recherche herausgefunden habe. Dafür versuchen Sie es dann mit abgestandenen Herrenwitzen und höchst albernen Aktionen. Ein Fehler. Ich erwarte, dass Sie mir mein Geld umgehend erstatten. Falls das nicht geschehen sollte, können Sie sich gewiss sein, dass Sie von meinem Anwalt hören.“ – „Aber – Sie bekommen Ihr Geld natürlich wieder. Wir würden Sie nur nicht gern als Kundin verlier..“

Da legte ich auf. Und sah mich nach etwaigen versteckten Kameras um. Stattdessen erschienen meine Kolleginnen, und sie meinten: „Wow! So kennen wir dich gar nicht! Du bist doch immer so freundlich. Manchmal zu freundlich, wenn unsere Klientel anderes verdient hätte. Jetzt sehen wir: Du kannst auch anders!“ Und sie lachten und beglückwünschten mich. 😉

Ich war selber erstaunt. Offenbar bedarf es manchmal nur eines Kanisters mit 5 Litern Motoröl, meine besonderen Fähigkeiten hervorzulocken. 😉 Öl in die Wogen? Ha! Öl erzeugte diese Wogen erst! 😉

Und auf Anfrage nenne ich Euch gerne den KFZ-Ausstatter, der in einer – von meinem Standort aus gesehen – etwas weiter nördlich gelegenen Landeshauptstadt sein Gewerbe betreibt und bei dem man niemals bestellen sollte – es sei denn, man steht auf Herrenwitze, abgestandenen Humor und schlechte Geschäfts- und Kundenpolitik. 😉

Typisch Frau! ;-)

Man sagt ja, dass man mit jedem Tag dazulerne. Seit gestern bin auch ich einmal mehr davon überzeugt. Und was mir am meisten stinkt, ist die Tatsache, dass in diese neuerliche Erkenntnis ein grauenhaftes Klischee involviert ist. Genauer: das Klischee, dass autofahrende Frauen sich in erster Linie für die Farbe des Gefährts interessierten.

Nun habe ich sogar mal ein silberfarbenes Auto besessen, obwohl ich die Farbe Silber bei Autos stets als extrem spießig empfunden habe. Seit knapp drei Jahren besitze ich jedoch ein dunkelblaues Auto, und die Tatsache, dass ich das silberfarbene Auto nach kurzer Zeit wieder verkaufte, hatte rein gar nichts mit seiner Farbe zu tun. Wirklich und ausschließlich nur mit seinem Getriebe.

Gestern war ich bei der Physiotherapie, und Doris, meine Physiotherapeutin, mit der ich demnächst wieder essen gehen werde, da wir einander hervorragend verstehen, erzählte mir Folgendes: „Eine Freundin von mir hatte kürzlich eine Reifenpanne. Und stell dir vor, was passierte, als sie in ihren Kofferraum und unter diese Abdeckung sah, wo früher immer das Reserve- oder Notrad lag!“

Ich war gespannt, was Doris‘ Freundin dort wohl entdeckt habe. Einen Wurf Hundewelpen? Eine Familie von Mardern? Drei Kannen Milch? Den Leibhaftigen höchstpersönlich?

Doch nein. Doris berichtete: „Sie fand dort nur eine Flasche mit so einem komischen Gebräu drin – und noch ein paar andere Sachen. In neueren Autos ist ja nicht einmal ein Notrad mehr.“

Ich war sofort peinlich berührt, dass ich mir darüber eigentlich so recht nie Gedanken gemacht hatte. Und seit gestern Abend bin ich heilfroh, dass ich bis dato noch keine Reifenpanne gehabt habe … 😉

Denn kaum am kleinen Monty angelangt und ihn aufgeschlossen, riss ich auch schon den Kofferraum auf! Immerhin ist Monty erst drei Jahre alt und zählt damit auch noch zu den „neueren“ Autos. Rasch zerrte ich die darin befindliche Klappbox mit wichtigem Zubehör – Scheibenenteiser, Mikrofasertücher, Scheibenreiniger und weiteren Utensilien – heraus und deponierte sie neben dem Wagen, neugierig-skeptisch beäugt von zwei Männern, die unweit standen und sich unterhielten. Ich ahnte, was sie dachten: „O Gott! Eine Frau öffnet den Kofferraum und entnimmt ihm Ballast. Was macht sie denn jetzt? Da! Sie reißt die innere Abdeckung hoch! Was sucht sie da? Liegt vielleicht eine Panne vor? […] Nein, der Wagen steht auf vier funktionsfähigen Reifen. Was will sie da? Was macht sie denn da?“

Ich ignorierte die Blicke und zog die innere Abdeckung im Kofferraum an der dafür vorgesehenen Schlaufe hoch. Und lachte in mich hinein, denn ich fand ein perfektes „Negativ“ eines typischen kleinen Fiesta-Reifens. Es sah aus wie eine Gussform – sogar die Radmuttern waren als Negativ perfekt abgebildet! 😉 Es war klar, wofür diese Mulde da ist – im Optimalfalle würde ein Reserve- oder Notrad in Montys Radmaßen perfekt hineinpassen. (Der Optimalfall besteht für meine Begriffe im Vorhandensein des einen oder anderen Rades.)

In dieser Mulde lag jedoch kein Rad. Sie war aber auch nicht leer. 😉 Es lagen darin: ein Behälter mit einer milchig-trüben Flüssigkeit – offenbar Dichtmittel; ein sehr merkwürdiges Instrument, dessen Bestimmung ich morgen dem Betriebshandbuch hoffentlich entnehmen werden kann (zum Glück habe ich das Handbuch nebst Serviceheft auch wiedergefunden, das wohl kürzlich aus dem Seitenfach in der Beifahrertür unter den Beifahrersitz geschlittert war, als ich einmal eines Radfahrers wegen, der unter massiver Missachtung gängiger Verkehrsregeln von rechts quer über die Straße schoss, um eine Abkürzung zu nehmen, heftig bremsen musste).

Zudem fand ich ein kleines kastenförmiges Gerät in einer Blisterfolie, das ich schnell als Kompressor identifizierte. Das Pannenset war vollständig vorhanden. Für den Fall, dass ich ein Loch in der Reifen-Lauffläche haben würde, wäre also der Weg in die nächstgelegene Werkstatt gesichert. So ich denn mit diesem Pannenset umgehen könnte …

Ein Reserve- oder Notrad nebst Wagenheber, Radmuttern- bzw. Drehmomentschlüssel wäre mir allerdings erheblich lieber gewesen. Immerhin habe ich in meinem bisherigen Leben schon zweimal beim spontanen (Notfall-)Reifenwechsel aktiv mitgewirkt und weiß, wie man da vorgehen muss. Mit so einem albernen Pannenset habe ich bis dato keine Erfahrungen gemacht, und die solide Reifenwechsel-Lösung wäre mir von daher erheblich lieber.

Ich senkte beklommen die innere Kofferraumabdeckung wieder auf die Mulde des Grauens und packte alles, was in den Kofferraum gehörte, wieder ein. Dann setzte ich mich ins Auto und fuhr los, weiterhin neugierig beäugt von den beiden Männern, die noch immer dastanden. Was hatte diese Frau da gemacht? (Inzwischen habe ich gelernt, dass manche (!) Männer Frauen, die ihre Motorhaube öffnen, fixieren und mehr oder minder konzentriert unter diese starren, um dann dort höchstselbst mit den Händen tätig zu werden, indem sie zum Beispiel die eine oder andere Flüssigkeit einfüllen, für Wesen von einem anderen Stern zu halten scheinen. Hinsichtlich des Kofferraums scheint es erstaunlicherweise ähnlich zu sein, und in diesem speziellen Falle bin ich recht froh, dass keiner herankam, um seine Hilfe anzubieten. Was hätte ich auch sagen sollen? „Oh, ich wollte nur nachsehen, ob der Kompressor auch noch da ist!“)

Als ich vom Mitarbeiterparkplatz fuhr, wurde ich von einem massiven Lachanfall übermannt: Da fahre ich seit fast drei Jahren mit diesem Auto herum und weiß nicht, was sich unter der Abdeckklappe im Kofferraum befindet! Oder eben auch nicht … 😉

Und der Lachanfall steigerte sich noch, als sich das Kopfkino einschaltete: Ali hat eine Reifenpanne. Sie fährt rechts heran, schaltet die Warnblinkanlage ein. Steigt aus, öffnet den Kofferraum, dem sie das an der linken Seite mit Klettband fixierte schwarze Päckchen entnimmt; zieht sich die darin befindliche Warnweste an, stellt das ebenfalls darin enthaltene Warndreieck im vorgesehenen Abstand zum Auto auf. Geht zurück und öffnet voller Zuversicht und im Vertrauen, gleich Notrad, Wagenheber und Radmutternschlüssel vorzufinden, die Abdeckklappe im Kofferraum. Findet eine leere, fein „ziselierte“ Mulde für ein Rad vor – sogar Ausbuchtungen für Radmuttern sind, einem Negativ gleich, eingeprägt! Aber kein Rad! Nur eine Flasche mit einer milchig-trüben Flüssigkeit, ein merkwürdiges Utensil, sowie ein kastenförmiges Instrument … Und das blöde Betriebshandbuch in den Tiefen des Wagens verschollen … 😉

Bei der Vorstellung musste ich derart lachen, dass ich beinahe das Lenkrad verriss … Zum Glück kann ich über mich selber lachen, und genau das tat ich auch. Wie blöd kann man sein! 😉 Seit drei Jahren besitze ich dieses Auto – und ich weiß nicht einmal, dass ich zwar eine wunderbare Reserve- respektive Notradmulde im Kofferraum habe, aber kein Rad, sondern so ein tolles Pannenset! 😉 Wenn das nicht typisch Frau ist! Echt peinlich … 😉

Ehrlich gestanden: Ich bin abergläubisch, ein wenig zumindest. Und es würde mich nicht wundern, würde ich exakt jetzt und in nächster Zeit, nachdem ich weiß, dass ich nur die „Deppenausrüstung“ im Kofferraum habe, vor deren Handhabung mir weit mehr graut, als ein solides Rad zu wechseln, eine Reifenpanne haben werde. 😉

Zu Hause googelte ich gleich: Notrad Ford Fiesta. Fand auch diverse Angebote und hielt die Luft an: Neu sollte solch ein „Sekundär“-Rad allen Ernstes etwa 150,- Euro kosten!

Dann lachte ich und dachte: „Kein Wunder – die Händler können solche Preise verlangen, wenn man die Alternative betrachtet, vor der wahrscheinlich nicht nur dir graut!“ 😉

Und ich lachte noch mehr, als ich erneut daran dachte, wie naiv und arglos-dumm ich die letzten Jahre durch die Gegend gefahren war. Und dann musste ich an all meine „Klienten“ denken, denen ich stets einschärfe, nicht naiv zu sein und alle Gegebenheiten immer ganz genau zu prüfen. Sehr überzeugend, wirklich. 😉

Euch eine schöne Restwoche – und mir bloß keine Reifenpanne! 😊