„Aber nicht von einem metallenen Löffel!“

Letzte Woche musste ich mal wieder zu meinem Orthopäden, bei dem ich seit Jahren Patientin bin. Eher unregelmäßig, aber zuverlässig.

Mein erster Besuch in dieser Praxis trug sich anno 2006 zu, und dies im Zuge des sogenannten Sommermärchens. Genauer: der Fußball-WM 2006, die bekanntermaßen hier in Deutschland stattfand. Umstritten, wie es dazu kam, aber darum geht es hier nicht. Und: Nein, ich hatte nicht mitgespielt. Ich war nur auf sandigem Untergrund massiv umgeknickt, als wir damals in Düsseldorf direkt am Rhein ein Spiel unter freiem Himmel ansahen, auch als „Public Viewing“ bezeichnet, wenngleich jeder, der die englische Sprache genauer kennt, ganz andere Assoziationen bei dieser Bezeichnung hat, was aber inzwischen hinlänglich bekannt ist.

Ich hatte nur zur Toilette gewollt, knickte aber – meine Fußknöchel sind keine meiner Stärken, waren das auch noch nie – im rechten Knöchel um, der durch einen vor vielen Jahren stattgehabten Unfall noch schwächer ist als sein schon per naturam nicht ganz so kräftiger linker Kollege. Ich knickte derart heftig um, dass ich mich nicht mehr abfangen konnte und auf beiden Knien landete. Das war aber nicht das Schlimmste, zumal die Verletzung nicht lebensbedrohlich war. Und ich bin ja auch nicht aus Porzellan. 😉

An jenem Abend bewegte ich mich nur noch humpelnd fort, verlor aber die gute Laune nicht, und als mein damaliger Freund und ich in seiner Wohnung ankamen, gab es gleich einen kalten Umschlag auf den geschwollenen Knöchel.

Als ich anderntags früh aufwachte – wir mussten ja zur Arbeit -, traf mich fast der Schlag, als ich meinen Knöchel erstmalig sah, und instinktiv schloss ich gleich meine Augen und ließ mich zurück in die Kissen sinken, denn mir war ganz flau geworden bei dem Anblick. Es brauchte etwa fünf Minuten, bis ich bereit war, dem Elend erneut ins Auge zu blicken: Mein Knöchel etwa zweieinhalbmal so dick wie normal – und rabenschwarz! Als wäre das Gewebe bereits abgestorben! Ich schluckte heftig, als ich das Grauen sah, zwang mich jedoch, weiter hinzusehen. Und ich stand sogar auf, wenn ich mich jedoch eher hüpfend fortbewegte, als ich mich Richtung Bad aufmachte, mich dann anzog und wir beide zur Arbeit fuhren, wo ich auch durch eine eher originelle Fortbewegungsart auffiel.

Mein damaliger Chef schimpfte mich aus, als er erfuhr, was Anlass dazu sei. Er verstand nicht, warum ich überhaupt zur Arbeit gekommen sei – das sei nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Und so machte ich einen Termin beim Orthopäden, zu dem eine Teilzeit-Kollegin mich dann fuhr, da die Praxis eh an ihrem Heimweg lag. Und danach hatte ich nicht nur die Auskunft, dass ich einen heftigen Bluterguss im Gelenk hätte – daher die ungesunde schwarze Verfärbung -, sondern erst einen Zinkleimverband, dann eine Aircast-Schiene und die Gewissheit, dass eine Bänderdehnung, wie ich sie erlitten hatte, weit unangenehmer sei als ein glatter Bänderriss. Und es stimmt: Jedes Mal, wenn sich das Wetter von sonnig zu regnerisch und feucht ändert, ziept es in meinem rechten Fußgelenk … 😉

Diesmal aber war ich wegen Schultern und Armen da. Wegen dieser Sache, die mir letztes Jahr Physiotherapie bescherte. Ich war eines Morgens aufgewacht, und es dauerte fünf Minuten, bis ich mich dem Bett enthoben hatte. Heben ist überhaupt ein tolles Stichwort! Denn ich konnte meine Arme nur bis maximal Schulterhöhe heben, und selbst das nur unter Schmerzen. Alles, was darüber hinausging, bereitete mir Sorge angesichts der Tatsache, dass ja manchmal Leute einen quer von der Seite anreden. Ich hatte Schmerzen, dass ich in solchem Falle sicherlich das Bedürfnis verspürt hätte, dem Verursacher eins auf die Zwölf zu geben …

Allerdings belief es sich nur auf das Bedürfnis. Zum einen weiß ich mich sehr wohl mit Worten zu wehren. Zum anderen hätte ich meine Arme gar nicht so bewegen und heben können, wie es für Schläge auf die Zwölf vonnöten wäre. 😉 Ja, ich hatte sogar Mühe, meine Jacke anzuziehen, denn ich stellte fest, dass nicht nur das Heben der Arme problematisch sei, sondern eigentlich die meisten Bewegungen, die mit Torsion und Rotation zu tun haben, auch die, die man machen muss, will man sich eine Jacke anziehen. Und auch das Autofahren machte richtig Spaß! 😉

Nachdem ich zwei Nächte so gut wie gar nicht geschlafen hatte, stürmte ich die Orthopädenpraxis.

Dort bekam ich zwei Spritzen mit einem Muskelrelaxans in den Nacken-Schulterbereich. Und man verschrieb mir ein Schmerzmittel, das laut Arzt etwas besser vertragen würde als die Genossen Ibuprofen, Diclofenac und Novalgin. Alles Gestalten, die ich aufgrund ihres Wirkstoffes nicht vertrage, und das in einem Maße, dass mir sogar die Schmerzen, die sie bekämpfen sollen, attraktiver erscheinen.

Kaum aus der Praxis heraus, googelte ich das etwas besser verträgliche Schmerzmittel. Surprise, surprise! Es enthält exakt den Wirkstoff, den ich auch bei seinen „Geschwistern“ nicht vertrage … Was dachte sich dieser Arzt? Niemand hat gern jemanden um sich, der in hohem Bogen speit, lieber Dr. H.! 😉

Aber irgendwie müssen ja diese Schmerzen beseitigt werden – dass ich wohl an dem leide, was sich Impingement-Syndrom nennt, hatte mir der Arzt einmal mehr gesagt. Und er drohte mit einer OP, wenn die Symptome nicht nachließen. Ich war eindeutig verzweifelt, zumindest in der Nähe dieses Zustandes. 😉

Ein guter Freund gab mir dann einen Tipp: „Probier es mit Luffa!“ – „Wie – Luffa? Meinst Du diesen komischen Kürbisschwamm, den manche unter der Dusche benutzen?“ – „Ja, das ist das mechanisch wirksame Produkt. Ich meinte aber die entsprechenden Tropfen.“ – „Wie – davon gibt es Tropfen? Das klingt irgendwie nach Hokuspokus. Und das soll helfen?“ – „Mir hat es geholfen. Ich habe auch nicht daran geglaubt, aber es hat geholfen. Und meinem Schwager auch. Der ist Chirurg und steht nicht so auf Homöopathie. Zumindest dann nicht, wenn das Ganze so sektiererisch gepriesen wird und die Fundamentalisten unter den Homöopathen glauben machen wollen, dass man damit – und damit allein – alles heilen könne.“

Mein guter Freund ist ein bodenständiger Ingenieur und steht im Grunde nur auf messbare Ergebnisse, räumt aber auch dem Placebo-Effekt Wirksamkeit ein. Wenn ihm das geholfen hatte und dem ebenfalls zweifelnden Chirurgen-Schwager auch, so überlegte ich, sollte ich dem Ganzen zumindest eine Chance geben.

Und im Zuge meines Einkaufs in einem großen Einkaufsmarkt am gestrigen Abend betrat ich die ebenfalls dort befindliche Apotheke und verlangte auf Anfrage dann: „Luffa – Synergon Nr. 70“.

Der junge Apotheker sah mich an, als wäre ich eine fundamentalistische Impfgegnerin. Dann checkte er, ob das Präparat vorrätig sei und beschied mir, das müsse er bestellen. „Ist das okay?“ – „Ja, klar – bestellen Sie, ich hole es ab, wenn es da ist,“, rief ich fröhlich, mir die linke Schulter massierend, die gerade besonders fies schmerzte.

„Ich muss Sie allerdings darauf aufmerksam machen, dass es sich um ein homöopathisches Präparat handelt.“ So der Apotheker. Ich gab fröhlich zurück: „Ja, das ist mir bekannt.“ – „Wenn Sie meinen – ich habe ja so meine Zweifel …“

Ich brach in lautes Gelächter aus und sagte: „Keine Sorge, das weiß ich. Und Sie haben hier beileibe auch keine fundamentalistische Homöopathieverfechterin vor sich, sondern einen Menschen mit Humor. Aber einen Versuch ist es doch wert. Oder nicht?“ Und ich berichtete von den beiden höchst weltlichen und naturwissenschaftlich tätigen Menschen, die mir den Tipp gegeben hätten. Beide weder Esoteriker, noch Anthroposophen, sondern total bodenständig. Ansonsten stünde ich doch gar nicht mit dem Bedürfnis in dieser Apotheke! 😉

Da lachte der Apotheker auch beruhigt auf und meinte: „Ich bestelle es sofort!“

Heute habe ich das Wundergebräu abgeholt. Die Dame, die mich heute bediente, war sehr aufgeschlossen, als ich bezahlte, und sie meinte: „Benutzen Sie zur Einnahme aber immer einen Löffel aus Horn!“ – „Wie bitte?“ – „Benutzen Sie keineswegs einen Löffel aus Metall! Es wirkt sonst nicht!“ – „Ich habe keine hörnernen Löffel. Und auch keine Kaviarlöffel aus Schildpatt. Liegt wohl daran, dass ich mir echten Kaviar nicht leisten kann. Und ich frage mich auch gerade, warum ein metallener Löffel die Wirkung des Mittels verhindern solle.“ – „Es ist so,“, bekam ich zur Antwort.

Und da konnte ich mir nicht verkneifen, zu fragen, ob ich denn vor Einnahme noch rasch frisch geraspelte Hufspäne jungfräulicher Ziegen bei Neumond an der Nordseite meines Hauses vergraben, wobei ich dreimal gegen den Uhrzeigersinn um die eigene Achse rotieren und dazu: „Alle guten Geister loben Gott!“ deklamieren müsse. Alles Dinge, die mir extrem fernliegen. 😉

Ich erschrak selbst über mich, aber es hatte mich mitsamt meiner losen Zunge einfach überkommen. Und ich befürchte, ich sollte mich in dieser Apotheke in der nächsten Zeit nicht blicken lassen, denn die Dame reagierte so wie das, was ich heute in der verzweifelten Hoffnung auf Schmerzabschaltung allen Ernstes kaufte, auf metallene Löffel reagieren würde: unverträglich. 😉

Morgen früh nehme ich fünf Tropfen. Von einem Eierlöffel aus Kunststoff. Und wenn es hilft: prima. Völlig wurscht, ob es sich dabei um den Placebo-Effekt handelt. 😉

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