Sollte ich mir dann doch wieder einmal …

… einen Hund zulegen, wird es sich um eine ganz bestimmte Rasse handeln.

Ja, ich bin ein Fan mancher großen Hunderasse. Aber auch ein Fan von Dackeln. Doch es ist weder ein Dackel, noch eine hochgewachsene Rasse, die auf meiner Wunschliste ganz oben steht …

Als ich heute am späten Nachmittag, kurz vor Feierabend, aus dem Bürofenster blickte, sah ich einmal mehr ein „Gespann“, bestehend aus einem Hund und seinem Halter bzw. seiner Halterin. Halter/Halterin ist ganz richtig, denn immerhin halten sie das obere Ende der Leine, an deren unterem der Hund befestigt ist. 😉 Und da jenseits des Bürofensters eine große Wiese mit einem Weg mitten hindurch gelegen ist, sieht man öfter – manchmal sogar mehrmals täglich dieselben – „Gespanne“ aus Hunden und Haltern.

Kurz vor Feierabend – ich telefonierte gerade – schweifte mein Blick erneut gen Westen aus dem Fenster. Und da sah ich diese Hundehalterin, die ich nicht ganz so oft sehe wie den Herrn mit den drei Windhunden, einem Greyhound, einem Whippet und einem Italienischen Windspiel, die bis vor einigen Tagen noch Hundemäntel umgeschnallt hatten, weil sie nicht nur höchstselbst dünn sind, sondern auch ihr Fell diese Charaktereigenschaft innehat – keine Unterwolle, denn damit rennt es sich nicht so schnell. 😉  Diese Hundehalterin geht wohl nicht immer diese Hunderunde, sondern bisweilen auch andere Wege mit ihrem Hund.

Ein kleinerer Hund ist es. Einer, der mir bis zur Mitte des Unterschenkels reicht. Ein Terrier. Genauer: ein Foxterrier. Aber kein Drahthaar-, sondern ein Glatthaar-Fox. Ich sah den aufmerksam, überaus eifrig dahintrippelnden kleinen Foxterrier, und mein Herz ging auf. 😊

Erinnerungen kamen zurück, denn ein solcher Glatthaar-Fox hat mich diverse Jahre meines Lebens begleitet. Nicht mein Hund, leider, aber der meiner langjährigen besten Schulfreundin Bea – was fast genauso gut war -, bei der ich längere Zeit ein- und ausging, als gehörte ich zur Familie. Ich war in der Tat so etwas wie ein Familienmitglied, nicht zuletzt anerkannt von Queenie, einem der (mir) liebsten Hunde, die ich je kennengelernt habe. 😊

Ich lernte die kleine Queenie kennen, als sie gerade 12 Wochen alt war. Ihr Name war irgendwie kitschig, aber sie entstammte einem Q-Wurf, einem Wurf von Welpen, deren Namen alle mit Q begannen, und so hießen ihre kleinen Geschwister Quarta, Quinta, Quintus und Quirin. So ein Q-Wurf ist namenstechnisch wirklich undankbar, und was sie, die Kleinste aus dem Wurf, anbelangte, fiel dem Züchter nur noch Queenie ein. Wie gut, dass es nur fünf Welpen waren – weiß der Henker, was sonst noch dabei herausgekommen wäre! 😉

Queenie war nicht nur die Kleinste des Wurfs, nein. Sie wurde auch noch erheblich günstiger verkauft als ihre makellosen Geschwisterchen, da sie – wie der Züchter wohl sagte – zur Zucht nicht tauge, denn sie hatte ein Merkmal, das bei Züchtern wohl ein Zeichen dafür ist, einen solchen Welpen als „Ausschuss“ zu verkaufen: Im Gegensatz zu den strengen Rassevorgaben war nur eines ihrer Öhrchen rassetypisch abgeknickt – man nennt das Knopfohr -, während das andere permanent in die Höhe stand. Ich fand das besonders reizend, weil – so fand ich und hatte auch noch recht – charaktervoll, aber ich mag ja auch Ecken und Kanten. 😉

Queenie sollte, so Beas Familie, ihren Züchternamen weiter tragen, und sie trug ihn auch zu Recht: eine kleine Königin war sie. Ein auffallend intelligentes Tier, charmant dazu und hilfsbereit. Als sie schon ausgewachsen war, kamen Bea und ich auf die Idee, sie mal zu testen. Ich sollte vermeintlich kollabieren und regungslos liegenbleiben. Wir wollten sehen, wie Queenie reagierte.

Sie reagierte unverzüglich! Sie kam sofort angerannt, stupste mich mit der Nase an, wieder und wieder, leckte mir, wohl in der Absicht, mich zu „reanimieren“, wiederholt über die Hände, zwickte mich gar in die Hand, als nichts half. Und als ich trotz aller Rettungsversuche nicht reagierte, fing sie sofort laut und alarmierend zu bellen an, rannte zu Bea, rannte zu Beas Mutter, rannte zu Beas Bruder, der im Garten saß: „Hilfe! Kann denn nicht jemand helfen? Schnell! Es ist etwas Furchtbares passiert!“

Bea und ich mussten ob ihres rührenden Eifers lachen. Doch Queenie, voller Sorge, war gerade zurückgekommen und bekam mit, dass ich keineswegs in Not war. Da baute sie sich vor mir auf und bellte mich empört und vorwurfsvoll an! Zu Recht. Es war gemein gewesen, dieses so freundliche und hilfsbereite Tier zu verarschen, und so meinte ich: „Ach, Queenie, komm mal her!“ Aber sie zog es vor, mich zunächst noch vorwurfsvoll anzukläffen, empört zu schnaufen, und dann ging sie erst einmal weg. Richtig so! Ich nahm es ihr keineswegs übel, sondern schämte mich ein wenig. Was war uns nur in den Sinn gekommen? Auch Bea meinte: „O je! Ich glaube, die ist sauer!“ – „Zu Recht! Das mache ich nie wieder! Ich hoffe, sie vergisst es wieder!“

Sie vergaß sicherlich nicht, war aber so großmütig, dass sie zu uns zurückkam. (Vielleicht war ihr klar, dass wir blöde, pubertierende Gören waren … 😉 ) Und da meinte ich: „Komm mal her, Süße! Es tut mir leid – das war gemein!“ Und da kam sie an, leckte mir über die Nase und ließ sich knuddeln. Alles war wieder gut, das aber nur dank Queenies großzügiger und nachsichtiger Art. 😊

Einmal waren Bea und ich mit ihr am Lippedamm spazieren. Sie trippelte zunächst wie ein aufgezogenes Spielzeug vor uns her, hatte rechts, links, vor und hinter uns alles im Blick, und jenseits der Straßen und schon auf dem Lippedamm ließen wir sie von der Leine. Gleich preschte sie los! Aber sie kam immer wieder zurück, um zu sehen, wo wir lahmen Trinen denn blieben. 😉 Die „lahmen Trinen“, mitten in der Pubertät, hatten einiges zu beratschen, zumal abends Beas Bruder eine Party veranstaltete, derentwegen ich auch bei Bea übernachten sollte … Wir waren komplett abgelenkt, und ein großer Teil unserer wichtigen Unterhaltung handelte von… Jungs! 😉

Da machte es plötzlich Platsch! Und wir blickten auf und sahen einen kleinen, braunweißen Hund vom Ufer der Lippe weggetrieben werden! Und laut schrien wir: „Queenie! QUEENIE!“

Das war kein Spaß, denn der Fluss verfügt just an dieser Stelle über eine starke Strömung. Und Queenie war klein!

Und schon rannten wir ohne Rücksicht auf Verluste zum Flussufer hinunter, laut „QUEENIIIIIEEEE!“ schreiend. Nicht auszudenken, würde sie verlorengehen! Und wer wusste, wo sie herauskommen würde … Bea und ich sprangen am Ufer auf und ab, zwei pubertierende Mädels, die mit schrillen, annähernd überschnappenden Stimmen des Hundes Namen schrien. Ich schrie: „QUEENIE! HIERHER! SCHWIMM! DU SCHAFFST DAS!“ Bea schrie: „QUEENIE! BEI FUSS!“

Die kleine Terrierhündin legte sich ins Zeug, paddelte, was das Zeug hielt, wurde zunächst weiter in die Mitte des Flusses gezogen. Ich schrie so laut, dass ich hinterher heiser war, während Bea in Tränen ausbrach. Ich schrie sie auch gleich an, denn ich war in Übung: „Nicht! Wir müssen sie anfeuern! Sonst schafft sie das nicht!“ Und wir schrien, als stünden wir in Flammen! 😉

Und in der Tat: Anfeuern hilft. Queenie paddelte gleich viel kräftiger, und sie schaffte es bis in die Nähe des Ufers. Bea schmiss sich auf den Bauch und robbte bis an den Uferrand vor. Da ihre Haltung wenig stabil war, schmiss ich mich als Gegengewicht auf sie, und gemeinsam schafften wir es, den kleinen „Seehund“ aus dem Wasser zu bergen, als er sich besonders ins Zeug legte und nahe genug ans Ufer paddelte. Bea packte die Kleine am Geschirr, und zunächst verharrten wir in der Stellung, bis alles stabilisiert war. Ich nahm Bea den Griff ins Geschirr ab und zerrte Queenie an Land. Dann half ich Bea auf, und wir fielen einander in die Arme, während die kleine Queenie zunächst hechelte, als würde sie dafür bezahlt, wobei ihre Zunge fast bis zum Boden reichte, uns, einigermaßen erholt, dann nassschüttelte und uns zum guten Schluss die Hände leckte. Die Kleine hatte genau verstanden, dass es hart auf hart gewesen war. Wir auch. Wir gingen kleinlaut nach Hause zurück, während der Hund schon wieder fröhlich war.

Danach war das kleine Tier auch mir gegenüber noch anhänglicher. Jedes Mal, wenn ich zu Besuch kam und an der Tür des Zweifamilienhauses klingelte, hörte ich aus dem Inneren schon das für jedwede Art von Terriern typische Gebell. Dann wurde die Außentür per Türöffner geöffnet, und ich trat ein, während die Tür zur Wohnung im Parterre aufging. Stets stürmte ein kleines, braunweißes Wesen freudig bellend hervor und sprang vor mir so hoch, dass wir auf Augenhöhe waren, ganz so, als hätte es Sprungfedern unter den Sohlen. 😊 Und die Begrüßungszeremonie verlangte, dass ich es dann in meinen Armen auffing und knuddelte, während es begeisterte Laute von sich gab und mir über die Nase leckte. Das normale Begrüßungsprozedere und einfach nur rührend. 😊

Dann ging Beas und meine Freundschaft zwar nicht auseinander, ruhte allerdings einige Zeit. Erst, als wir zusammen Abi machten, waren wir wieder im gewohnten Kontakt, wenn auch nur in der Schule. Und als ich schon zwei Monate lang in Aachen studierte, ein echtes Erstsemester, war ich nach einigen Jahren erstmalig wieder in ihrem Elternhaus. Bea hat Mitte Dezember Geburtstag, und sie hatte mich eingeladen, mit ihr und einer anderen Mitschülerin einen netten Nachmittag zum Teetrinken und Quatschen zu verbringen.

Ich klingelte an der Außentür. Von innen ertönte lautes und schrilles Terriergebell. Der Türöffner summte, und ich drückte die Tür auf, betrat den Hausflur. Die Innentür öffnete sich, und ein braunweißes Tier schoss auf mich zu, laut bellend und eindeutig fremdelnd. Ich durfte die Wohnung betreten, und ich sprach auf das Tier ein, das jedoch weiterhin laut bellte.

Beas Mutter war in der Küche, und ich wollte sie begrüßen, zumal wir einander lange nicht gesehen hatten. Sie freute sich, und wir unterhielten uns, während die kleine Queenie misstrauisch dabei saß und mich argwöhnisch betrachtete. Einmal fing sie erneut an, mich anzubellen, und da meinte Beas Mutter: „Aber Queenie! Das ist doch Ali! Die kennst du doch! Deine Ali! Die kannst du doch nicht so anbellen!“ Ich lachte und meinte: „Ich war so lange nicht hier – vollkommen richtig, dass ich ausgeschimpft werde!“ Beas Mutter lachte und meinte: „Aber kein Grund, das nicht zu ändern.“

Und dann saßen wir zu dritt in Beas Zimmer, tranken Tee und tratschten. Ich hatte Beas anderen Hund, die kleine Ira, auf dem Schoß, da das Tier mich offenbar mochte. Und wir lachten und tauschten Erinnerungen aus, als plötzlich die Tür hinter mir, nur angelehnt, vorsichtig aufgeschoben wurde und sich jemand kleinlaut an mich heranschlich, sich dann zwischen meinen Arm und meinen Oberkörper schob und mich schelmisch von der Seite von unten herauf anblickte: Queenie. Ich grinste und meinte: „Aha! Da erinnert sich offenbar jemand!“ Und schon wurde mir über die Nase geleckt! Und als Nächstes die kleine Ira von meinem Schoß verscheucht. Hier war jemand, der ältere Rechte hatte. 😉

Queenie habe ich nie vergessen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es, falls ich mir irgendwann wieder einen Hund zulege, ein Glatthaar-Fox werden wird. Zumindest hat mich der kleine Kerl heute beim Blick aus dem Bürofenster so angenehm erinnert, wie er da so eifrig an der Leine dahertrippelte, die Augen überall. Er erinnerte mich doch sehr an die kleine Queenie, und das ist eindeutig eine sehr schöne Erinnerung. 😊

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