Von Puppenstuben, Tapas und panischen Kolleginnen

Was ist Fortbildung? Meine Definition lautet: „Man fährt fort, um anderenorts gebildet zu werden.“

Und so bin ich heute aus Bonn zurückgekehrt, wohin ich gestern frühmorgens mit der Deutschen Bahn AG gefahren war. Die Hinfahrt begann stressig, aber dafür konnte die DB AG nichts – es gab bereits zuvor Chaos mit der hiesigen Straßenbahn, die – zumindest erweckte es den Eindruck – gestern mehr nach eigenem Gusto und nicht nach Fahrplan fuhr, und ich erwischte den Zug, den ich erwischen musste, zwar sehr knapp, aber zum Glück doch noch, da ich ansonsten ein neues Ticket hätte lösen und dieses auch noch mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit aus der eigenen Tasche hätte zahlen müssen (das Zauberwort heißt Super-Sparticket bzw. – damit einhergehend und daraus resultierend – Zugbindung, was soviel heißt, dass man höchst unflexibel ist und wirklich nur diesen einen Zug nutzen kann – den ich fast versäumt hätte, wenn auch nicht aus eigener Schuld). Ich gestehe, ich fiel in der Straßenbahn, die schließlich und letzten Endes doch noch kam, nachdem ich bereits eine halbe Stunde an der Haltestelle gewartet hatte – ohne dass sich etwas Straßenbahnähnliches am Horizont zeigte (zumindest, was meine Fahrtrichtung betraf, denn in Gegenrichtung sah ich, meiner Not zum Hohn, drei Bahnen höchst pünktlich ihres per Schienen vorgegebenen Weges fahren) -, nicht gerade durch übergroße Gelassenheit auf, und als an einer Haltestelle ein kleiner Junge bereits ausgestiegen war, dann jedoch noch zurückkam und sich in die offene Tür stellte, um einer alten Dame die Mitfahrt mit exakt dieser Bahn noch zu gewährleisten, litt ich unter einer von mir deutlich verspürten Adrenalinausschüttung; einer Dame, die in quasi noch gedrosselter Zeitlupe, einem annähernd stehenden Bild nicht unähnlich, am Horizont sichtbar wurde …

Normalerweise finde ich es wunderbar, wenn Rücksicht genommen wird, was auch mich als aktiv Rücksichtnehmende einschließt; vor allem aber finde ich es toll, wenn noch relativ kleine Kinder das tun, weil das beileibe nicht mehr an der Tagesordnung ist. Gestern – ich muss es leider gestehen – zuckten meine Finger, ja, mein gesamter Körper bereits, aufzuspringen, um den kleinen Jungen energisch, aber liebevoll aus der offenen Tür zu entfernen, sei es durch einen vorsichtigen (!) Schubser hinaus oder durch Hineinziehen des etwa Zehnjährigen, auf dass die blöde Tür sich endlich schließe! 😉 (Nein, das hätte ich nie getan, aber ich bin ehrlich genug, zuzugeben, dass ich dieses Bedürfnis verspürte – es war zwischen 5 und 10 nach 9. Und mein Zug sollte die heiligen Hallen von GE Hbf um exakt 09:15 h verlassen … Und das, wie es aussah, ohne mich mitsamt meinem zuggebundenen Ticket!)

Ich bin dann die laufende Rolltreppe aus dem Souterrain, wo die Straßenbahn im Hauptbahnhof hält, hinaufgehechtet, ebenso die Rolltreppe ins Zwischengeschoss und auch die Rolltreppe, die zu den Gleisen 4 und 5 führt. An Gleis 5 stand der IC nach Koblenz Hbf über Bonn Hbf schon, und ich schaffte es haarscharf noch, einzusteigen.

Annähernd atemlos ließ ich mich auf den von mir reservierten Platz sinken, und als wir in Bonn Hbf, dem schlimmsten Hauptbahnhof, den ich derzeit kenne, einliefen, war ich wieder die Alte.

Schnell die kombinierte Stadt-/U-Bahn geentert, und ab ging es nach Bad Godesberg. Im Villenviertel lag mein Hotel, das ich auch relativ schnell fand. Geschäftemäßig sah es dort mau aus: Bis auf ein Delikatessengeschäft und eine Apotheke war dort außer Villen und diversen Magnolienbäumen: nichts.

Ich checkte ein, und man gab mir netterweise den Schlüssel bereits, obwohl ich die normale Check-in-Zeit bei weitem unterschritt. Man meinte jedoch, da von oben nach unten geputzt werde, sei mein Zimmer ohnehin garantiert schon fertig. Ich hatte nicht nur beim Zugticket, sondern auch beim Hotelzimmer ein Schnäppchen gemacht. Nicht, dass ich selber derart sparsam wäre, aber es gibt bei Dienstreisen eben ein bestimmtes Budget. 😉 Und ich hatte auf der Buchungsbestätigung bereits gelesen, dass das Zimmer als Puppenstube bezeichnet wurde, zumal auch alle anderen Zimmer dort klingende Namen tragen, was ich auch schön finde. Und meines trug seinen Namen in jedem Falle zu Recht, denn als ich seine Tür aufschloss und schwungvoll hineintrat, prallte ich auch schon gegen den Schreibtisch, der direkt vor dem Fenster am anderen Ende des Zimmers stand. 😉

Ein Zimmermädchen folgte meinen Spuren, das mir erklärte, das Bad sei noch nicht geputzt – ob ich denn den ganzen Tag nun im Zimmer sein würde? Nein, versicherte ich, ich wolle nur meine Reisetasche abstellen und mich etwas restaurieren, aber gewiss nicht duschen. Ansonsten sei ich den ganzen Tag bis zum Abend nicht da – nur die Ruhe! 😉 Sie atmete auf, und zum Dank fand ich später gleich ein ganzes Bündel an Mini-Gummibärentütchen auf meinem Kopfkissen, wo bei meinem Ersteintritt nur eines gelegen hatte. 😊

Und schon machte ich mich auf zum Wissenschaftszentrum. Die Empfangsdame, von mir nach dem Weg zum Workshop gefragt, offenbarte Heimatklänge. Ich hatte mich schon weggedreht, wollte dann aber doch noch nachfragen: „Darf ich Sie etwas fragen?“ – „Ja. O je, was kommt jetzt?“ – „Nix Schlimmes! Sind Sie von hier?“ – „Nein.“ – „Kann es sein, dass Sie aus Franken stammen?“ Die Empfangsdame, die zuvor professionell-freundlich gewesen war, starrte mich an und rief dann begeistert: „Jo! Frrreilich! Woher wissen Ssie des? 17 Jahrrre hier, und ma hört’s fei immer nuch! Ned allä, obba Ssie offenbaarr! Woher wissen Ssie des?“ – „Mei Muddä kummt aus Frrangn.“ – „O! Des is ja nett! Woher kummt Ihr Muddä?“ – „Aus Bamberch!“ – „A Nachbarrrin! I bin aus Wäatzberch!“ – „Aus Würzburg – wie schön!“ Und schon fand ich die Fortbildung viel netter. 😉

In derselben mit etwa 50 Teilnehmern fanden sich noch zwei weitere Fränkinnen, und das machte mir die Fortbildung, deren Anfang so hektisch gewesen war, gleich besonders sympathisch. 😉

Anstrengend war sie, aber abends waren wir vom Veranstalter in eine Tapas-Bar eingeladen, und ich hatte das Glück, am nettesten Tisch zu sitzen zu kommen. Es war nicht nur der netteste, sondern auch der gemütlichste Tisch, denn wir saßen in einer muckeligen Nische. Und es wurde sehr viel gelacht an unserem Tisch in der Tapas-Bar, die vom Veranstalter zur Gänze und nur für uns als geschlossene Gesellschaft reserviert worden war. 😊

Als es ans Zahlen ging, meinte die Kellnerin zu uns: „Eine Frage: Ihr hier an dem Tisch kennt einander schon länger, nicht wahr?“ – „Nein. Erst seit heute um etwa 13 Uhr. Warum?“ – „Weil ihr so fröhlich seid und hier soviel gelacht wird. Die an den anderen Tischen sprechen offenbar nicht einmal miteinander. Und gelacht wird schon gar nicht. Bei euch haben wir besonders gern serviert, weil ihr einfach so fröhlich seid. Ihr könnt auch gern meine Kollegin fragen. Seid ihr wirklich alle vom selben Verein?“ Wir bedankten uns fröhlich für das Kompliment und lachten erneut los. 😉

Und dann ging es an den Heimweg. Ich ging zusammen mit zwei Kolleginnen. Eine der beiden, Johanna, hatte im selben Hotel wie ich ein Zimmer gebucht, aber noch nicht eingecheckt. Und wir brachen um 21:30 h auf – um 22:00 h schloss die Rezeption. Und keine von uns kannte sich wirklich aus … Noch dazu war der Akku von Johannas Handy leer, mein Handy hatte unerfindliche Ausfallerscheinungen, zumindest war die „Navi“-App wie abgestürzt, und die andere Kollegin sorgte sich in der Hauptsache um sich. Kurz: Wir irrten umeinander, dass es schlimmer kaum ging. Ich bin mir sicher, dass wir den Weg schneller gefunden hätten, wären zwei von uns nicht völlig unter Druck gewesen, die sich gegenseitig noch hochpushten, während ich mehrere Passanten fragte, ob sie uns gegebenenfalls den Weg bis zur gewünschten Straße erklären könnten, da wir fremd und navigationstechnisch derzeit ein wenig limitiert seien. Keiner konnte uns helfen, lediglich eine Frau mit einem sympathischen und freundlichen Hund versuchte, uns auf den richtigen Weg zu bringen. Sie hatte zunächst bedauert, auch nicht zu wissen, wo unser Ziel läge, kam aber extra noch einmal zurück, weil ihr eingefallen war, dass der Weg gar nicht so kompliziert sein könne. Der Hund, ein Englischer Setter, freute sich auch, uns wiederzusehen. An mir sprang er sogar hoch und wurde von mir geknuddelt. Er leckte mir über die Hand, vermochte jedoch nicht, uns den Weg wirklich hundertprozentig zu weisen … Aber sein Frauchen war in der Lage, uns die ungefähre Richtung zu zeigen. 😉

Nun hatte ich das Glück, bereits eingecheckt zu sein und einen Schlüssel zum Hotel zu haben. Daraus ergab sich eine gewisse Gelassenheit, wenn ich auch darauf bedacht war, zügig weiterzukommen. Immerhin schloss die Rezeption von Johannas und meinem Hotel um 22 Uhr, und wenn ich auch einen Schlüssel zum Haus und meinem Zimmer hatte, hatte Johanna davon wenig. Und Jadwiga, die andere Kollegin, war beileibe keine Hilfe, weil sie nur jammerte, dass sie endlich in ihr Zimmer – in einem anderen Hotel – wolle. Als wir zufällig an ihrem Hotel vorbeikamen, rief sie auch fröhlich: „Gott sei Dank – da ist mein Hotel! Gute Nacht!“ Und schon war sie im Hauseingang verschwunden.

Ich wählte kurzentschlossen die Nummer unseres Hotels und reichte mein Handy an Johanna weiter. Offenbar erklärte am anderen Ende jemand ihr, was zu tun sei, aber Johanna war sehr, sehr hektisch, und als wir am Hotel ankamen, war die Rezeption definitiv zu, keiner ging mehr ans Telefon, und so kam es, wie es kommen musste …

Wir schleppten uns ins zweite Stockwerk in mein „Wohnklo“, denn ich hatte Johanna Asyl angeboten. Und – ich muss es gestehen – wir haben die gesamte Minibar leergemacht, denn eine solche gab es trotz der klaustrophobiebefähigenden Enge in meinem Miniaturzimmer doch! 😉 Drei Schoppen Wein, zwei Flaschen Bier, Wasser, Erdnüsse und eine Tafel Schokolade …

Was hätte ich tun sollen? Ich konnte sie ja nicht im Hausflur übernachten lassen! 😉 Aber es war eine gruselige Nacht – auch das Bett war eher so geartet, als wäre es einer echten Puppenstube entnommen worden! 😉

Wir waren jedenfalls heute nicht ganz so taufrisch und motiviert, als wir zum Frühstück gingen. Johannas Arbeitgeber muss ihr Zimmer voll bezahlen. Klar. Immerhin hat sie alles bezahlt, was wir meiner Minibar entnommen haben. 😉 Lustig war alles – im Nachhinein – aber schon.

Allerdings war der Tag dann doch etwas anstrengend, und nachdem mein Zug dann auch noch eine Stunde Verspätung hatte, kam ich nicht sonderlich gutgelaunt hier wieder an. Wenigstens kam gleich eine Straßenbahn, aber die war rappelvoll. Wenigstens hatte ich noch einen Sitzplatz ergattert, aber es war sehr eng, zumal direkt vor mir eine Mutter mit Kopftuch und vier Kindern stand: drei Mädchen und einem kleinen Jungen. Ich gestehe, ich war erst etwas genervt, zumal die beiden kleinsten Kinder total nörgelig waren, und wenn ich selber nörgelig bin, nerven mich andere nörgelnde Menschen noch mehr. 😉 Aber irgendwie fand ich die Kinder doch nett, und ihre Mama schien auch sehr liebevoll zu sein. Die Mädels hatten wild gefärbte, künstliche Haarsträhnen bekommen, die man mit Clips in die echten Haare stecken kann. Im Vertrauen: Es sah gruselig aus, aber die kleinen Mädchen waren ganz stolz, und nachdem mich das jüngste, etwa drei Jahre alt, dauernd anstrahlte, lächelte ich auch.

Und ich sah die Mädels, so stolz auf ihre künstlichen Haarsträhnen, mit denen sie dauernd zugange waren, und mir fiel ein, dass man als Kind manchmal ganz geschmacklose Dinge schön findet. Und mir fiel auch wieder ein, dass man sich als Kind dann freut, wenn man Zuspruch bekommt und trotz aller Geschmacklosigkeit doch respektiert wird, dass man das schön findet. Und so sagte ich, als mich eines der Mädchen ansah: „Ihr seht sehr hübsch aus!“ Und die Kleine strahlte und rief voller Inbrunst: „Danke!“ Und sie fügte hinzu: „Sie sehen auch sehr hübsch aus!“ Das fand ich sehr süß. Denn ich sah überhaupt nicht hübsch aus – ich war genervt, ich war müde, ich war übernächtigt. 😉 Aber so nett von dem Kind gesagt. 😊

Und die Mutter meinte zu mir: „Das ist sehr nett von Ihnen – sie freuen sich! Ich wollte ihnen das ja gar nicht kaufen, weil ich es hässlich finde. Aber es sind Kinder, und sie haben sich so gefreut. Und ich finde es so nett, dass Sie gesagt haben, dass sie hübsch aussehen. Ich finde es ja nicht schön, aber sie finden es schön. Und Sie haben das verstanden. Sie haben sicher auch Kinder.“ – „Nein, leider nicht. Aber ich war selber mal ein Kind.“ – „Ach … Aber das ist eine schöne Erklärung, wenn sich Erwachsene noch daran erinnern.“ – „Mir bleibt ja gar nichts anderes übrig, weil ich leider keine Kinder habe.“ – „Ja, das ist schade, gerade in diesem Fall. Aber nicht alle Erwachsenen erinnern sich.“ – „Danke.“

Das war völlig unerwartet – ein nettes Highlight an einem stressigen Tag, an dem man sich wünscht, es möge einen Knall tun und man in seiner Wohnung sitzen, während man noch immer beschwerlich mit Bussen und Bahnen unterwegs ist. 😉

Und so endete der Tag doch noch schön. 😊

Aber den Bonner Hauptbahnhof mag ich nach wie vor nicht. Und bei der nächsten Fortbildung werde ich gewiss keine Super-Sparangebote mehr wahrnehmen, sondern einfach ganz normal buchen und dann hoffentlich ein hinreichend großes Zimmer mit einem größeren Bett bekommen. Denn es könnte ja immer sein, dass man einer versprengten Kollegin Asyl gewähren muss … 😉

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