Wider Erwarten blieb mir wohl manches erspart …

Ich habe mich immer ein bisschen benachteiligt gefühlt, weil ich keine Kinder habe. Gut, werdet ihr sagen, hätte die dumme Nuss ja ändern können. Aber nein – das konnte ich leider nicht. Eine OP im Alter von 23 Jahren, in deren Zuge mir der behandelnde Arzt nach dem Befund sagte: „Hattän wir grroße Glück – ist doch kein Krrääbs gewesen, wie ich befürrchtät hattä!“ stand dem entgegen.

Ich habe gelernt, damit umzugehen, aber es war ein ziemlich unschöner Prozess. Dabei hatte mir der Arzt damals gar nicht explizit sagen können, dass ich nach der OP an der Portio keine Kinder haben könnte. Es bestand die sehr hohe Wahrscheinlichkeit dazu, und er hatte sehr deutlich gesagt, dass er diese OP nur durchführen würde, wenn ich bereits die von mir gewünschte Anzahl an Kindern (mindestens zwei, höchstens drei) hätte, sofern es nicht zwingend notwendig sei. Er nannte die Bedingungen, unter denen es notwendig werden würde, und einige Jahre ging alles gut. Dann traten die Bedingungen für die OP ein. Da war ich 23.

Und danach – ich war inzwischen mehrfach umgezogen und hatte wechselnde Ärzte – erzählten mir weibliche Bekannte und Freundinnen oft, ihr Arzt habe sie gefragt, ob sie denn einen Kinderwunsch hätten. Keiner der Ärzte nach meiner OP hat mich in den Jahren danach gefragt, machte aber immer ein nachdenkliches Gesicht, nachdem er mich untersucht und ich erwähnt hatte, dass ich Kinder sehr möge. Ich machte mir so meine Gedanken.

Erst vor einem Jahr habe ich mich getraut, meinen Arzt, den ich nun seit Jahren hier habe, zu fragen, für wie wahrscheinlich er es einschätze, dass ich jemals Kinder hätte haben können. Ich wollte endlich Gewissheit und Ruhe für mich selber haben. Nicht selten, wenn eine Kollegin mit ihrem neugeborenen Baby ankam, um es vorzustellen, war mir das Weinen näher als das Lachen, obwohl ich immer lachte und mich freute. Neid verspürte ich nie. Mehr Kummer.

Mein Arzt holte tief Luft, und dann sprach er … Seither geht es mir prima. Es war wohl ziemlich aussichtslos, und ich hatte nun Gewissheit. Ich hatte nichts falsch gemacht, und ich kann in der Tat damit leben. Es ist zwar nicht schön, sich bewusst zu werden, dass man Jahre seines Lebens völlig umsonst gehofft und gebangt hat, da immer eine Art grundsätzlicher Sorge da war, weil ja niemand Aufschluss verlangte (ich, und das aus Angst vor dem unwiderruflichen Resultat, völlig irrational) oder geben wollte – aber ich fühle mich, seit ich im höchstwahrscheinlichen Bilde bin, wirklich gut. 😊

Und seit meiner letzten Fortbildung weiß ich auch, dass ich in mancher Hinsicht rein gar nichts verpasst habe. Zumindest gesellschaftlich gesehen, denn Kinder mag ich nach wie vor. Sogar sehr. Vor allem deswegen, weil sie so erfreulich unparteiisch sind, von Natur aus. 😉

Denn: Nicht nur, wenn man kinderlos ist, ist das Mist, egal, ob frei- oder unfreiwillig. Zumindest aus Sicht mancher Menschen und/oder Eltern. 😉 Ja, selbst in der privilegierten Elternschaft scheinen manche noch drastische Unterschiede zu machen, wie ich vorgestern hörte, das jedoch auch nicht zum ersten Mal.

Wie das kam? Nun ja, ich unterhielt mich mit einigen Kolleginnen. Bis auf zwei hatten alle Kinder, mindestens zwei, manche sogar drei. Alle gingen mit der Tatsache erfreulich natürlich um. Warum auch nicht, wird man sich da fragen, aber eine Kollegin, Mutter von drei Söhnen, blähte sich auf und erklärte allen, die es hören wollten – oder auch nicht -, dass sie mit ihren drei Jungs total glücklich sei. Und überhaupt sei ja allgemein be- und anerkannt, dass Jungsmütter ohnehin viel cooler seien als Mädelsmütter!

(Ich dachte an meine Mutter, eine reine Mädelsmutter, die sich zwei Söhne gewünscht hatte und eine der coolsten Mütter ist, die ich je kennengelernt habe … Und obwohl sie sich zwei Söhne gewünscht und zwei Töchter bekommen hat, fand sie das wohl okay und hat meine Schwester und mich wohl genauso cool und liebevoll aufgezogen, wie sie es mit Jungs sicher nicht anders gemacht hätte. Vielleicht etwas anders, aber gewiss nicht „cooler“. 😉)

Eine weitere Jungsmutter stimmte zu. Komischerweise hatte ich diese bis dato als recht hektisch und keineswegs cool empfunden, und auch die erstgenannte Jungsmutter, die das Coolsein quasi zum unwiderruflichen Erkennungsmerkmal unter Müttern erhoben hatte, wirkte eher nervös, fast schrill und stets bemüht, sich ins rechte Licht zu rücken.

Als beide dann aufstanden, um zu Hause anzurufen, da sie ja nun schon immerhin seit einigen Stunden nicht im Einflussbereich der cool erzogenen Söhne waren, meinte eine reine Mädelsmutter ironisch: „Das sind die echt coolen Mütter von Söhnen! Ich werde heute Abend mal zu Hause anrufen und nachhören, ob alles laufe. Ansonsten vertraue ich auf meinen Mann und WhatsApp. Wenn irgendetwas anliegt, bekomme ich sicherlich Nachricht. Da das noch nicht der Fall war, muss wohl alles laufen.“

Sowohl reine Mädels-, als auch Gemischtmütter, als auch die Kinderlosen lachten. Allerdings auch noch eine Jungsmutter. Sie meinte: „Meine Jungs sind pflegeleicht. Ich vertraue darauf, dass mein Mann das hinbekommt und finde diese Unterscheidungen zwischen Jungen und Mädchen bzw. entsprechenden Müttern einfach nur peinlich.“ Und während die coolen Jungsmütter hektisch und besorgt telefonierten, lachten wir alle zusammen.

Und spätestens seitdem weiß ich, dass ich nicht nur nicht benachteiligt bin, sondern mir sogar einiges erspart geblieben ist, denn: Man macht es immer falsch. Zumindest im Hinblick auf – manche – Mütter. Und Väter. Denn auch da gibt es in manchen Fällen derlei Unterscheidungen. 😉 Was wäre nur passiert, wie würde ich wohl eingeschätzt werden, wäre ich eine Mädelsmutter geworden, die den kleinen „Weibern“ vorgelebt hätte, dass Prinzessin beileibe kein erstrebenswerter Beruf sei! Ich hätte wahrscheinlich gar nicht ins Raster gepasst! 😉 Umgekehrt ebensowenig. Ich wäre ganz sicher eine ganz miserable Mutter gewesen, wenn man das Jungs- und Mädelsmütter-Raster zugrunde legt, da ich die geschlechtsunabhängige und ganz individuelle Persönlichkeit von Menschen respektabel finde … 😉

Ich fände es nach wie vor toll, wenn nicht ständig Hauen und Stechen bestünde: weder gegenüber Kinderlosen, noch gegenüber Eltern. Aber bei Letzteren dann bitte auch nicht „intern“ zwischen Jungs- bzw. Mädelsmüttern. 😉

Das menschliche Miteinander scheint stets eine Herausforderung zu sein, und Leben und leben lassen für manch einen schier unmöglich. Aber zum Glück sind auch hier nicht alle gleich. 😉

Ein schönes Wochenende! 😊

Von Puppenstuben, Tapas und panischen Kolleginnen

Was ist Fortbildung? Meine Definition lautet: „Man fährt fort, um anderenorts gebildet zu werden.“

Und so bin ich heute aus Bonn zurückgekehrt, wohin ich gestern frühmorgens mit der Deutschen Bahn AG gefahren war. Die Hinfahrt begann stressig, aber dafür konnte die DB AG nichts – es gab bereits zuvor Chaos mit der hiesigen Straßenbahn, die – zumindest erweckte es den Eindruck – gestern mehr nach eigenem Gusto und nicht nach Fahrplan fuhr, und ich erwischte den Zug, den ich erwischen musste, zwar sehr knapp, aber zum Glück doch noch, da ich ansonsten ein neues Ticket hätte lösen und dieses auch noch mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit aus der eigenen Tasche hätte zahlen müssen (das Zauberwort heißt Super-Sparticket bzw. – damit einhergehend und daraus resultierend – Zugbindung, was soviel heißt, dass man höchst unflexibel ist und wirklich nur diesen einen Zug nutzen kann – den ich fast versäumt hätte, wenn auch nicht aus eigener Schuld). Ich gestehe, ich fiel in der Straßenbahn, die schließlich und letzten Endes doch noch kam, nachdem ich bereits eine halbe Stunde an der Haltestelle gewartet hatte – ohne dass sich etwas Straßenbahnähnliches am Horizont zeigte (zumindest, was meine Fahrtrichtung betraf, denn in Gegenrichtung sah ich, meiner Not zum Hohn, drei Bahnen höchst pünktlich ihres per Schienen vorgegebenen Weges fahren) -, nicht gerade durch übergroße Gelassenheit auf, und als an einer Haltestelle ein kleiner Junge bereits ausgestiegen war, dann jedoch noch zurückkam und sich in die offene Tür stellte, um einer alten Dame die Mitfahrt mit exakt dieser Bahn noch zu gewährleisten, litt ich unter einer von mir deutlich verspürten Adrenalinausschüttung; einer Dame, die in quasi noch gedrosselter Zeitlupe, einem annähernd stehenden Bild nicht unähnlich, am Horizont sichtbar wurde …

Normalerweise finde ich es wunderbar, wenn Rücksicht genommen wird, was auch mich als aktiv Rücksichtnehmende einschließt; vor allem aber finde ich es toll, wenn noch relativ kleine Kinder das tun, weil das beileibe nicht mehr an der Tagesordnung ist. Gestern – ich muss es leider gestehen – zuckten meine Finger, ja, mein gesamter Körper bereits, aufzuspringen, um den kleinen Jungen energisch, aber liebevoll aus der offenen Tür zu entfernen, sei es durch einen vorsichtigen (!) Schubser hinaus oder durch Hineinziehen des etwa Zehnjährigen, auf dass die blöde Tür sich endlich schließe! 😉 (Nein, das hätte ich nie getan, aber ich bin ehrlich genug, zuzugeben, dass ich dieses Bedürfnis verspürte – es war zwischen 5 und 10 nach 9. Und mein Zug sollte die heiligen Hallen von GE Hbf um exakt 09:15 h verlassen … Und das, wie es aussah, ohne mich mitsamt meinem zuggebundenen Ticket!)

Ich bin dann die laufende Rolltreppe aus dem Souterrain, wo die Straßenbahn im Hauptbahnhof hält, hinaufgehechtet, ebenso die Rolltreppe ins Zwischengeschoss und auch die Rolltreppe, die zu den Gleisen 4 und 5 führt. An Gleis 5 stand der IC nach Koblenz Hbf über Bonn Hbf schon, und ich schaffte es haarscharf noch, einzusteigen.

Annähernd atemlos ließ ich mich auf den von mir reservierten Platz sinken, und als wir in Bonn Hbf, dem schlimmsten Hauptbahnhof, den ich derzeit kenne, einliefen, war ich wieder die Alte.

Schnell die kombinierte Stadt-/U-Bahn geentert, und ab ging es nach Bad Godesberg. Im Villenviertel lag mein Hotel, das ich auch relativ schnell fand. Geschäftemäßig sah es dort mau aus: Bis auf ein Delikatessengeschäft und eine Apotheke war dort außer Villen und diversen Magnolienbäumen: nichts.

Ich checkte ein, und man gab mir netterweise den Schlüssel bereits, obwohl ich die normale Check-in-Zeit bei weitem unterschritt. Man meinte jedoch, da von oben nach unten geputzt werde, sei mein Zimmer ohnehin garantiert schon fertig. Ich hatte nicht nur beim Zugticket, sondern auch beim Hotelzimmer ein Schnäppchen gemacht. Nicht, dass ich selber derart sparsam wäre, aber es gibt bei Dienstreisen eben ein bestimmtes Budget. 😉 Und ich hatte auf der Buchungsbestätigung bereits gelesen, dass das Zimmer als Puppenstube bezeichnet wurde, zumal auch alle anderen Zimmer dort klingende Namen tragen, was ich auch schön finde. Und meines trug seinen Namen in jedem Falle zu Recht, denn als ich seine Tür aufschloss und schwungvoll hineintrat, prallte ich auch schon gegen den Schreibtisch, der direkt vor dem Fenster am anderen Ende des Zimmers stand. 😉

Ein Zimmermädchen folgte meinen Spuren, das mir erklärte, das Bad sei noch nicht geputzt – ob ich denn den ganzen Tag nun im Zimmer sein würde? Nein, versicherte ich, ich wolle nur meine Reisetasche abstellen und mich etwas restaurieren, aber gewiss nicht duschen. Ansonsten sei ich den ganzen Tag bis zum Abend nicht da – nur die Ruhe! 😉 Sie atmete auf, und zum Dank fand ich später gleich ein ganzes Bündel an Mini-Gummibärentütchen auf meinem Kopfkissen, wo bei meinem Ersteintritt nur eines gelegen hatte. 😊

Und schon machte ich mich auf zum Wissenschaftszentrum. Die Empfangsdame, von mir nach dem Weg zum Workshop gefragt, offenbarte Heimatklänge. Ich hatte mich schon weggedreht, wollte dann aber doch noch nachfragen: „Darf ich Sie etwas fragen?“ – „Ja. O je, was kommt jetzt?“ – „Nix Schlimmes! Sind Sie von hier?“ – „Nein.“ – „Kann es sein, dass Sie aus Franken stammen?“ Die Empfangsdame, die zuvor professionell-freundlich gewesen war, starrte mich an und rief dann begeistert: „Jo! Frrreilich! Woher wissen Ssie des? 17 Jahrrre hier, und ma hört’s fei immer nuch! Ned allä, obba Ssie offenbaarr! Woher wissen Ssie des?“ – „Mei Muddä kummt aus Frrangn.“ – „O! Des is ja nett! Woher kummt Ihr Muddä?“ – „Aus Bamberch!“ – „A Nachbarrrin! I bin aus Wäatzberch!“ – „Aus Würzburg – wie schön!“ Und schon fand ich die Fortbildung viel netter. 😉

In derselben mit etwa 50 Teilnehmern fanden sich noch zwei weitere Fränkinnen, und das machte mir die Fortbildung, deren Anfang so hektisch gewesen war, gleich besonders sympathisch. 😉

Anstrengend war sie, aber abends waren wir vom Veranstalter in eine Tapas-Bar eingeladen, und ich hatte das Glück, am nettesten Tisch zu sitzen zu kommen. Es war nicht nur der netteste, sondern auch der gemütlichste Tisch, denn wir saßen in einer muckeligen Nische. Und es wurde sehr viel gelacht an unserem Tisch in der Tapas-Bar, die vom Veranstalter zur Gänze und nur für uns als geschlossene Gesellschaft reserviert worden war. 😊

Als es ans Zahlen ging, meinte die Kellnerin zu uns: „Eine Frage: Ihr hier an dem Tisch kennt einander schon länger, nicht wahr?“ – „Nein. Erst seit heute um etwa 13 Uhr. Warum?“ – „Weil ihr so fröhlich seid und hier soviel gelacht wird. Die an den anderen Tischen sprechen offenbar nicht einmal miteinander. Und gelacht wird schon gar nicht. Bei euch haben wir besonders gern serviert, weil ihr einfach so fröhlich seid. Ihr könnt auch gern meine Kollegin fragen. Seid ihr wirklich alle vom selben Verein?“ Wir bedankten uns fröhlich für das Kompliment und lachten erneut los. 😉

Und dann ging es an den Heimweg. Ich ging zusammen mit zwei Kolleginnen. Eine der beiden, Johanna, hatte im selben Hotel wie ich ein Zimmer gebucht, aber noch nicht eingecheckt. Und wir brachen um 21:30 h auf – um 22:00 h schloss die Rezeption. Und keine von uns kannte sich wirklich aus … Noch dazu war der Akku von Johannas Handy leer, mein Handy hatte unerfindliche Ausfallerscheinungen, zumindest war die „Navi“-App wie abgestürzt, und die andere Kollegin sorgte sich in der Hauptsache um sich. Kurz: Wir irrten umeinander, dass es schlimmer kaum ging. Ich bin mir sicher, dass wir den Weg schneller gefunden hätten, wären zwei von uns nicht völlig unter Druck gewesen, die sich gegenseitig noch hochpushten, während ich mehrere Passanten fragte, ob sie uns gegebenenfalls den Weg bis zur gewünschten Straße erklären könnten, da wir fremd und navigationstechnisch derzeit ein wenig limitiert seien. Keiner konnte uns helfen, lediglich eine Frau mit einem sympathischen und freundlichen Hund versuchte, uns auf den richtigen Weg zu bringen. Sie hatte zunächst bedauert, auch nicht zu wissen, wo unser Ziel läge, kam aber extra noch einmal zurück, weil ihr eingefallen war, dass der Weg gar nicht so kompliziert sein könne. Der Hund, ein Englischer Setter, freute sich auch, uns wiederzusehen. An mir sprang er sogar hoch und wurde von mir geknuddelt. Er leckte mir über die Hand, vermochte jedoch nicht, uns den Weg wirklich hundertprozentig zu weisen … Aber sein Frauchen war in der Lage, uns die ungefähre Richtung zu zeigen. 😉

Nun hatte ich das Glück, bereits eingecheckt zu sein und einen Schlüssel zum Hotel zu haben. Daraus ergab sich eine gewisse Gelassenheit, wenn ich auch darauf bedacht war, zügig weiterzukommen. Immerhin schloss die Rezeption von Johannas und meinem Hotel um 22 Uhr, und wenn ich auch einen Schlüssel zum Haus und meinem Zimmer hatte, hatte Johanna davon wenig. Und Jadwiga, die andere Kollegin, war beileibe keine Hilfe, weil sie nur jammerte, dass sie endlich in ihr Zimmer – in einem anderen Hotel – wolle. Als wir zufällig an ihrem Hotel vorbeikamen, rief sie auch fröhlich: „Gott sei Dank – da ist mein Hotel! Gute Nacht!“ Und schon war sie im Hauseingang verschwunden.

Ich wählte kurzentschlossen die Nummer unseres Hotels und reichte mein Handy an Johanna weiter. Offenbar erklärte am anderen Ende jemand ihr, was zu tun sei, aber Johanna war sehr, sehr hektisch, und als wir am Hotel ankamen, war die Rezeption definitiv zu, keiner ging mehr ans Telefon, und so kam es, wie es kommen musste …

Wir schleppten uns ins zweite Stockwerk in mein „Wohnklo“, denn ich hatte Johanna Asyl angeboten. Und – ich muss es gestehen – wir haben die gesamte Minibar leergemacht, denn eine solche gab es trotz der klaustrophobiebefähigenden Enge in meinem Miniaturzimmer doch! 😉 Drei Schoppen Wein, zwei Flaschen Bier, Wasser, Erdnüsse und eine Tafel Schokolade …

Was hätte ich tun sollen? Ich konnte sie ja nicht im Hausflur übernachten lassen! 😉 Aber es war eine gruselige Nacht – auch das Bett war eher so geartet, als wäre es einer echten Puppenstube entnommen worden! 😉

Wir waren jedenfalls heute nicht ganz so taufrisch und motiviert, als wir zum Frühstück gingen. Johannas Arbeitgeber muss ihr Zimmer voll bezahlen. Klar. Immerhin hat sie alles bezahlt, was wir meiner Minibar entnommen haben. 😉 Lustig war alles – im Nachhinein – aber schon.

Allerdings war der Tag dann doch etwas anstrengend, und nachdem mein Zug dann auch noch eine Stunde Verspätung hatte, kam ich nicht sonderlich gutgelaunt hier wieder an. Wenigstens kam gleich eine Straßenbahn, aber die war rappelvoll. Wenigstens hatte ich noch einen Sitzplatz ergattert, aber es war sehr eng, zumal direkt vor mir eine Mutter mit Kopftuch und vier Kindern stand: drei Mädchen und einem kleinen Jungen. Ich gestehe, ich war erst etwas genervt, zumal die beiden kleinsten Kinder total nörgelig waren, und wenn ich selber nörgelig bin, nerven mich andere nörgelnde Menschen noch mehr. 😉 Aber irgendwie fand ich die Kinder doch nett, und ihre Mama schien auch sehr liebevoll zu sein. Die Mädels hatten wild gefärbte, künstliche Haarsträhnen bekommen, die man mit Clips in die echten Haare stecken kann. Im Vertrauen: Es sah gruselig aus, aber die kleinen Mädchen waren ganz stolz, und nachdem mich das jüngste, etwa drei Jahre alt, dauernd anstrahlte, lächelte ich auch.

Und ich sah die Mädels, so stolz auf ihre künstlichen Haarsträhnen, mit denen sie dauernd zugange waren, und mir fiel ein, dass man als Kind manchmal ganz geschmacklose Dinge schön findet. Und mir fiel auch wieder ein, dass man sich als Kind dann freut, wenn man Zuspruch bekommt und trotz aller Geschmacklosigkeit doch respektiert wird, dass man das schön findet. Und so sagte ich, als mich eines der Mädchen ansah: „Ihr seht sehr hübsch aus!“ Und die Kleine strahlte und rief voller Inbrunst: „Danke!“ Und sie fügte hinzu: „Sie sehen auch sehr hübsch aus!“ Das fand ich sehr süß. Denn ich sah überhaupt nicht hübsch aus – ich war genervt, ich war müde, ich war übernächtigt. 😉 Aber so nett von dem Kind gesagt. 😊

Und die Mutter meinte zu mir: „Das ist sehr nett von Ihnen – sie freuen sich! Ich wollte ihnen das ja gar nicht kaufen, weil ich es hässlich finde. Aber es sind Kinder, und sie haben sich so gefreut. Und ich finde es so nett, dass Sie gesagt haben, dass sie hübsch aussehen. Ich finde es ja nicht schön, aber sie finden es schön. Und Sie haben das verstanden. Sie haben sicher auch Kinder.“ – „Nein, leider nicht. Aber ich war selber mal ein Kind.“ – „Ach … Aber das ist eine schöne Erklärung, wenn sich Erwachsene noch daran erinnern.“ – „Mir bleibt ja gar nichts anderes übrig, weil ich leider keine Kinder habe.“ – „Ja, das ist schade, gerade in diesem Fall. Aber nicht alle Erwachsenen erinnern sich.“ – „Danke.“

Das war völlig unerwartet – ein nettes Highlight an einem stressigen Tag, an dem man sich wünscht, es möge einen Knall tun und man in seiner Wohnung sitzen, während man noch immer beschwerlich mit Bussen und Bahnen unterwegs ist. 😉

Und so endete der Tag doch noch schön. 😊

Aber den Bonner Hauptbahnhof mag ich nach wie vor nicht. Und bei der nächsten Fortbildung werde ich gewiss keine Super-Sparangebote mehr wahrnehmen, sondern einfach ganz normal buchen und dann hoffentlich ein hinreichend großes Zimmer mit einem größeren Bett bekommen. Denn es könnte ja immer sein, dass man einer versprengten Kollegin Asyl gewähren muss … 😉

„Für die Tage dazwischen …“ Oder: Was tun, wenn der eine Sprachkurs pausiert und der andere dringenden Ansporns bedarf? ;-)

Ich liebe Sprache(n), und ich liebe den Spracherwerb. Nicht ohne Grund lerne ich Niederländisch und Polnisch, wobei Niederländisch eine echte Erholung gegenüber dem Erwerb der polnischen Sprache ist.

Leider pausiert der Niederländischkurs derzeit, was immerhin den Vorteil hat, dass ich Sprit spare und nicht jeden Mittwoch nach M. fahren muss. Und peu à peu wiederhole ich nun alle Lektionen, bis – hoffentlich! – im VHS-Wintersemester der Kurs fortgesetzt werden kann.

Mit Polnisch, das ich mit einem kostenlosen Online-Dienst lerne – ein Tipp meiner ehemaligen „Elevin“ Marta, die aus Polen stammt -, ist es so eine Sache. Ich verfolge das Ziel beharrlich, aber Polnisch ist eine slawische Sprache mit ganz eigenen und eigentümlichen sprachlichen Konstrukten – zumindest für Menschen, denen slawische Sprachen völlig fremd sind -, und ich habe jedes Mal nach einer Lerneinheit das Gefühl, meine Zunge führe ein Eigenleben bzw. es sei ein Knoten darin. Es ist nicht leicht, und ich musste zu meiner Überraschung feststellen, dass der Niederländischkurs offenbar nicht nur erholsam sei, sondern auch dazu ansporne, auch hinsichtlich der polnischen Sprache, ganz privat und ohne Kurs zu lernen begonnen, stets weiterzumachen.

Nun stand ich vor einem Problem, als der NL-Kurs zum Pausieren verdonnert war, so komisch das klingen mag. Doch die Lösung des Problems lag so nahe! 😉

Vor einigen Tagen hörte ich durch Zufall ein uraltes Lied – ein spanisches. Irgendwann in den 80ern hatte ich es erstmalig gehört und sofort geliebt. Zumindest die Melodie – den Text verstand ich ja nicht. Und so googelte ich den Text, fand, dass das im Grunde gar nicht so schwer sein könne, wenn man nicht nur Latein – wenn auch ungern – und Französisch in der Schule hatte. Und überdies noch Kenntnisse in Italienisch.

Und ich beschloss – mich zu verzetteln, gehört zu meinen Schwächen -, bei dem Online-Dienst auch noch einen Kurs in Spanisch zu belegen.

Gedacht – getan! Und ich bin begeistert! Ich bin seit einigen Tagen schon relativ weit gediehen.

Und konnte sogar zwei Lektionen überspringen, obwohl ich Spanisch weder in der Schule, noch sonstwo gelernt habe.

Dabei hatte ich vor -zig Jahren beim Urlaub in der DomRep schon einige Erfolgserlebnisse bei Einheimischen gehabt, denen ich die wenigen spanischen Brocken, die ich mir angeeignet hatte, um die Ohren haute. Mehrfach wurde ich, die zuvor mehr oder minder flüssig artikulierte Sätze auf Spanisch (alle auswendiggelernt oder durch die anderen romanischen Sprachen, mit denen ich bis dato zu tun gehabt hatte, hergeleitet) geäußert hatte, auf Spanisch gefragt, ob ich Spanisch spräche, was ich auch verstand. Meine Antwort darauf stets ein entschlossenes: „No!“ Und dabei hob ich lächelnd meine Schultern, woraufhin mich das jeweilige hispanophone Gegenüber sicherlich stets für geisteskrank erklärte, denn zuvor war ich ja in der Lage gewesen, mich auf Spanisch zu artikulieren, da das Gegenüber kein Englisch sprach, was mir lieber gewesen wäre. Und sogar die Frage, ob ich Spanisch spräche, verstand ich und konnte sogar energisch in der Amts- und Landessprache antworten! 😉

Blöd ist, wenn man zuvor schon in Ansätzen Italienisch gelernt hat. Zwar gibt es Überschneidungen in beiden Sprachen, und Ja bzw. Nein sind quasi identisch. 😉 Auch sind diverse Begriffe ähnlich. Leider nicht alle, und so fragte ich beim Frühstück die ausschließlich hispanophone Bedienung mittels eines auswendiggelernten Satzes, ob sie mir noch „burro“ bringen könne. Sie starrte mich an, als hätte ich von ihr verlangt, sich sofort bis auf die Socken auszuziehen, und sie vermittelte sowohl mit Sprache, als auch Mimik und Gestik, dass mein Begehr sie vor Probleme stelle. Genauer: Sie sah mich an, als wäre ich wahnsinnig.

Zum Glück fiel der Groschen bei mir: Burro gibt es in beiden Sprachen. Im Italienischen bedeutet es Butter, und das war das, worum ich die Bedienung gebeten hatte. Im Spanischen bedeutet „burro“ etwas anderes, und mir schwante, warum die Bedienung so entgeistert dreinblickte: Was will man beim Frühstück auch mit einem Esel? 😉 Und so stammelte ich, dass ich noch ein wenig mantequilla brauchte, nachdem mir das Wort wieder eingefallen war. Nix burro! Und dazu lachte ich verlegen. Ich bekam die Butter dann auch und erklärte mit Händen, Füßen und Verzweiflung, dass ich mit der italienischen Sprache ins Gehege gekommen sei. Die Bedienung lachte und gestikulierte, sie habe verstanden. Und fortan, wenn sie Dienst hatte und wir beim Frühstück saßen, kam sie manchmal, wenn sie mitbekam, uns war die Butter ausgegangen, mit einer Extraportion Butter, lachte und rief: „Burro!“ Dabei strich sie mir über die Schulter. Ich lachte dann auch immer, bedankte mich und kniff ihr ein Auge zu, kann jedoch nur den Tipp geben: Italienisch und Spanisch besser nicht parallel erlernen. Manches kann verwirren. 😉

Wie auch immer: Seit einigen Tagen lerne ich Spanisch und kann nur sagen, dass ich seither auch mit dem Polnischen wieder weiterkomme. 😉 Nur geht es mit dem Spanischen irgendwie schneller, und mir kommt es auch etwas einfacher vor als Italienisch. Ich kann mich natürlich irren. Einfacher als Polnisch ist es allemal – zumindest für mich. 😉

Und morgen kommt les drie dran, die ich wiederhole, und das in der Hoffnung, dass der NL-Kurs im kommenden VHS-Semester wieder stattfinde.

Wenn es so weitergeht, bin ich bald das, was man polyglott nennt, zumindest in Ansätzen. Aber polyglott ist ein aus dem Griechischen stammendes Wort … Griechisch will ich aber nicht lernen. Dazu fehlt mir irgendwie der Draht, was aber nicht wertend gemeint ist. 😊

Immerhin habe ich eine neue Lernmethode entdeckt: Wenn der NL-Kurs nicht stattfindet und man parallel Polnisch lernt, was aber irgendwie stagniert, wenn keine weitere Herausforderung da ist, schafft man eine weitere Herausforderung – und schon klappt es wieder. 😉

Vermutlich werde ich alsbald in der Lage sein, mich in drei mir vergleichsweise neuen Sprachen zu verständigen, aber in allen fehlerhaft … Oder in allen dreien gemischt! Vielleicht kommt eine Art neuer „Weltsprache“ dabei heraus. Ähnlich wie Esperanto – wer weiß das schon? 😉

¡Buenas noches! Dobranoc! Goede nacht! 😊

„Per aspera ad astra“

„Weg mit der Putzwolle!“

So sagte ich heute, als ich den Friseursalon meines Vertrauens – und das seit neun Jahren – betrat.

Meine Haare werden dort in unregelmäßigen (!) Abständen zweifarbig gesträhnt und gekappt, bis sie zu dem geworden sind, was man als Bob bezeichnet. Ein Haarschnitt, der derart klassisch ist, dass er bis in die Roaring Twenties zurückreicht, in denen er erfunden wurde und den es in ganz verschiedenen Längen gibt.

Ich bin aus dem Friseursalon seit neun Jahren immer mit einem Bob hinausgegangen. In ganz verschiedenen Längen. Heute ist er genau so, wie ich ihn immer haben wollte: vorne „lange“ Spitzen, die bis zum Mundwinkel reichen. Durchgestuft und hinten besonders kurz gestuft. Das ist der kürzeste und beste Bob, mit dem ich den Salon jemals verließ! 😉 Dabei hatte ich immer ganz genau angegeben, wie das Ganze auszusehen habe!

Wie kam es dazu, dass just heute der Haarschnitt exakt so geriet, wie ich ihn seit jeher haben wollte? Nun ja, das ist einfach erklärt … 😉

Ich war irgendwann vor Weihnachten – vermutlich vier bis fünf Wochen davor – das letzte Mal zum Strähnen und Schneiden gewesen. Danach war erst einmal Ruhe und mein Haar in erträglicher Länge.

Irgendwann Mitte Januar wollte ich zum Schneiden, aber es passte zeitlich nicht. Mein letzter Versuch Ende Januar – aber es kam etwas dazwischen. Und ab dann haben sich meine Haare verselbstständigt, zumal ich ein neues Haarspray benutzte, das meine Haare, auf die wohl jemand nachts, wenn ich schlief, Wachstumsdünger gestreut haben muss, binnen kurzem aussehen ließ, als wolle man sie als Borsten für ein Kehrwerkzeug à la Reisigbesen einsetzen.

Ich opferte daher heute Überstunden, indem ich das Arbeitszeitmodell Spät kommen, dafür früh abhauen anwendete und zum Friseur eilte. Es war nicht mehr auszuhalten.

Melly, die Friseurin, die mich heute in ihre Obhut nahm, rief, als sie mir die Haare kämmte, entgeistert: „Um Gottes Willen – was ist mit Ihren Haaren los! Was für ein Haarspray haben Sie benutzt?“ Ich nannte den Namen, und sie schrie: „Machen Sie das nie wieder, Frau B.! Das Zeug ist die Hölle! Da können Sie sich gleich Silikon zum Abdichten direkt aufs Haar drücken!“

Ich verstand sofort, was sie meinte. Immerhin muss ich mich ja jeden Morgen kämmen und frisieren, und ich bin keine Masochistin, fuhr allerdings seit den längerfristigen Auswirkungen der Silikon-Attacke immer relativ angenervt und nicht ganz so gutgelaunt zur Arbeit. Die Kopfhaut brannte, weil ich mir bei jedwedem Kämmen gleich diverse Haare mitsamt Wurzel ausriss … 😉

Melly verlor also in puncto Haarspray deutliche Worte und ordnete an: „Sofort wegwerfen!“ – „Zu spät! Habe ich schon erledigt.“

Das Strähnen dauerte etwas länger. Und als die Farbe ausgewaschen wurde, rief Melly mehrfach: „Cool! Ihr Haar fühlt sich auf fünf Zentimeter Länge von unten wie Stroh an!“

Dann ging es ans Schneiden. Es fielen diverse Zentimeter, und als mein Haar schließlich – nach Zugabe eines Mittels, das bei besonders hoffnungslos spröden Haaren Wunder bewirke, da wohl fetthaltig – geföhnt wurde, sah ich: Das war der ultimative Bob! So kurz war er noch nie gewesen, aber genauso, wie ich ihn immer gewollt hatte! 😉

Im Grunde meine eigene Schuld: Ich hätte den Friseurinnen zuvor einfach nur sagen müssen, dass sie noch ein, zwei Zentimeter mehr abschneiden sollten, aber sie waren immer so stolz auf ihr Werk gewesen, dass ich es nicht übers Herz brachte. Nun weiß ich, was zu tun ist. 😉 Ich muss nur mein Haar mit einem extrem silikonhaltigen Haarspray eines namhaften Herstellers kontaminieren. Schon  – schwupp! – komme ich mit der Frisur aus dem Salon, die ich schon immer haben wollte! 😉

Das war es doch wert, oder nicht? Gut, ich soll mein Haar in der nächsten Zeit einmal über Nacht mit Olivenöl tränken und gut einwickeln, damit die Bettwäsche nicht benetzt werde. Und in spätestens vier Wochen zum Schneiden kommen. (Was auch immer beruflich anliegen mag: Das werde ich einhalten, denn diesen genial kurzen Bob möchte ich in der Tat gern beibehalten. 😉 )

Ich habe nur vergessen, ob das Olivenöl zum Braten oder nur für Salatdressings geeignet sein müsse – vielleicht muss es ja extra vergine sein … 😉

Immerhin ist nun die spröde weißlichblonde Putzwolle weg, als die sich die Haare im unteren Bereich gestalteten. 😉

Offenbar muss man manchmal – unwillkürlich – Dinge ganz falsch machen, um ans erklärte Ziel zu kommen. Auf Anfrage gebe ich Interessierten auch gern den Namen des „toxischen“ Haarsprays preis.

Wie auch immer: Ich sehe wieder aus wie ein halbwegs normaler Mensch. 😉

Ältere Schwestern sind bisweilen grausam – jüngere aber auch …

Ich bin ja ein Fan ausgleichender Gerechtigkeit, auch wenn ich weiß, dass das im Großen ein schöner Wunschtraum ist.

Im Kleinen funktioniert das aber manchmal. Zumindest dann, wenn zwei „Parteien“ aufeinandertreffen, von denen mindestens eine, wenn nicht gar beide ein gutes Gedächtnis ihr eigen nennen. 😉

Die Sache mit der „Geschwisterliebe“ halte ich manchmal für ein Gerücht. Meine Schwester Stephanie sicher auch – wie auch unzählige andere Geschwisterkinder. Und doch verbindet einen eine Menge, auch wenn man das „Geschwisterkind“ manchmal am liebsten erwürgen würde, mindestens aber massive Zweifel an jedweder Blutsverwandtschaft hegt.

Es begab sich zu der Zeit, da ich gerade in den letzten Zügen der Grundschule lag – kurz vor dem Wechsel auf die sogenannte „weiterführende Schule“. Stephanie war in Klasse 7 auf dem Gymnasium, das ich dann auch später besuchen sollte. Und sie hatte gerade mit der zweiten Fremdsprache begonnen. Cool! Fremdsprache war damals für mich im wahrsten Sinne fremd – ich sprach, las und verstand nur Deutsch. Und sie war mir weit voraus, sprach nicht nur Englisch, sondern nun auch noch Französisch! 😉 Sie sprach ohnehin immer sehr viel, nun auch noch in zwei anderen Sprachen – das nervte mich! 😉

Irgendwann Ende Oktober des damaligen Jahres riefen mein Onkel und meine Tante an und luden sowohl Stephanie als auch mich zur Soester Kirmes ein, auch als Allerheiligenkirmes bekannt und daher Anfang November stattfindend. Im Jahr zuvor waren wir schon mit ihnen dort gewesen, und das war total klasse gewesen – da wollten wir doch wieder mit. Zumal wir immer mit einer ganzen „Mannschaft“ hingingen, mit Bekannten und Freunden meines Onkels und meiner Tante. Diesmal sollte auch noch die Tochter eines Freundes meines Onkels mitkommen, mit der Stephanie befreundet war: Sandra. Ebenso ihre ganze Familie, die gerade die ganze Austauschfamilie Sandras zu Besuch hatte, denn Sandra hatte zuvor einen Schüleraustausch nach Frankreich gemacht. Sie war ein Jahr eher eingeschult worden als Stephanie. Es versprach, ein besonders interessanter Kirmesbesuch zu werden.

Ein wenig verunsicherte mich, dass ich ja keine einzige Fremdsprache beherrschte – und es sollten insgesamt fünf Menschen dabei sein, die ausschließlich die französische Sprache sprachen. Ich würde mich nur mit Händen und Füßen verständigen können – nicht optimal. Fand auch Stephanie. Aber da sie ja nach einem halben Jahr Französischunterrichts so etwas wie ein Profi war, wusste sie auch sogleich, Abhilfe zu schaffen …

„Alichen, was machen wir nur mit dir? Du kannst mit den Franzosen ja nicht einmal sprechen!“ rief sie in besorgt wirkender Attitüde und fügte sogleich hinzu: „Und das wirkt ja immer ein bisschen so, als wäre man total doof, nicht wahr?“

O Gott! Ich wollte nicht doof wirken, nur weil ich keine einzige Fremdsprache beherrschte! Zum Glück wusste Stephanie Abhilfe! Und vertrauensvoll sagte sie zu mir: „Ich kann dir ein paar Sätze beibringen, damit du wenigstens etwas sagen kannst! Natürlich musst du die Sätze auswendiglernen und kannst nicht ganz frei sprechen!“ Und sie gerierte sich, als sei sie Guy de Maupassant höchstpersönlich! 😉

„Pass auf, Ali! Wenn du einer der Französinnen [die Austauschfamilie bestand aus Vater, Mutter und drei Töchtern] sagen möchtest, dass die Kirmes total schön sei, sagst du einfach: ‚Devant la maison, il y a un camion.‘ Sprich mir nach!“

Ich vertraute meiner Schwester und übte bis zur gefühlten Gesichtslähmung diesen Satz, der da heiße: „Die Kirmes ist toll, ne?“ Oder so ähnlich.

Irgendwann war Stephanie zufrieden, und sie meinte: „Und wenn du fragen willst, ob eine der Französinnen mit dir Autoscooter fahren möchte, fragst du einfach: ‚Est-ce que tu aimes danser avec moi?‘“ Ganz geheuer war mir das Ganze nicht, aber Stephanie sah ernst drein – und Fremdsprachen zu lernen, war ja nie falsch, nicht wahr? Und ich übte und übte.

Irgendwann kam meine Mutter dazu, und sie hörte genau hin. Dann fragte sie: „Ali, weißt du denn, was das bedeutet, was du da so schön sagst?“ – „Ja!“ rief ich stolz, und ich erklärte meiner Mutter, was Stephanie mir dazu gesagt hatte, die plötzlich behauptete, einen wichtigen Termin zu haben … Und schon wollte sie die Biege machen, aber meine Mutter rief: „Stop! Hiergeblieben! Findest du es in Ordnung, deine Schwester vorzuführen, indem du ihr französische Sätze beibringst, von denen du behauptest, dass sie etwas ganz anderes bedeuteten?“ Stephanie lachte und meinte, das sei doch lustig, während ich verärgert fragte, was das denn wirklich heiße. Meine Mutter erklärte mir – und es zuckte um ihre Mundwinkel -, dass Devant la maison, il y a un camion bedeute: Vor dem Haus steht ein Lastwagen. Und der andere Satz, die Frage: Est-ce que tu aimes danser avec moi, sei die Frage, ob der/die Angesprochene mit mir tanzen wolle. Nix mit Autoscooter! 😉

Doch bevor ich mich zornentbrannt auf meine Schwester stürzen konnte, packte meine Mutter mich am Schlafittchen und sagte mir: „Das war ein Scherz! Ein blöder und unfairer, zugegeben, aber kein Grund, sich zu prügeln – ist das klar?“ Und zu Stephanie sagte sie: „Total klasse, Stephanie – ich bin stolz auf dich … Vielleicht ist es Strafe genug, wenn ich dir sage, dass deine Schwester diese Sätze sehr schön ausgesprochen hat und die Aussprache schneller heraushatte und beherrschte als du!“ Da war sofort Ruhe im Karton. Ich habe eine coole Mutter. 😉

Die Soester Kirmes war toll, und in einem Fahrgeschäft saß ich neben Marie-Anne, der ältesten französischen Tochter, einige Jahre älter als ich. Das Fahrgeschäft war eine echte „Kotzschleuder“, und wir brüllten uns beide die Seelen aus dem Leib – unartikuliert. Und wir klammerten uns aneinander und verstanden einander ohne Worte – hier ging es ums blanke „Überleben“! 😉 Das geht auch ohne Sprache, ob gemeinsam oder nicht. Und danach nannte Marie-Anne mich „amie“ und ich sie „Freundin“, und wir verstanden einander ohne Worte, mehr mit Gesten und Mimik. Ging doch!

Später waren wir alle noch in einem Restaurant, und ich saß neben Annabelle, der jüngsten Französin, so alt wie ich. Sie war irgendwann müde und sagte zu ihrer Mutter: „Je suis fatiguée!“ Da man ihr diesen Zustand deutlich ansah, verstand ich sofort, und: „Ich bin müde!“ war dann der erste Satz, den ich auf Französisch verstand. 😉

Meine Schwester hat mir jedenfalls nie wieder fremdsprachige Sätze beigebracht. 😉

Aber umgekehrt war es auch nicht besser. Nur, dass ich mir die Gelegenheiten aufsparte. 😉

Irgendwann während unserer Studienzeit hatte meine Schwester, mit der ich mir zu Beginn meines Studiums die Wohnung teilte – nicht lange, da wir einfach zu verschieden sind -, jemanden kennengelernt, von dem sie mir begeistert erzählte und mit dem sie mehrfach telefonierte und verabredet war, bevor ich ihn kennenlernte.

Ich kam eines Tages nach der Uni und nach dem Einkaufen nach Hause, und in unserer Wohnküche saß da jemand, den ich nicht kannte, mir allerdings an zwei Fingern ausrechnen konnte, dass es sich wohl um den sagenumwobenen Volker handeln musste, zumal meine Schwester besonders liebreizend daherparlierte. 😉

Ich hatte ihr ein Eis mitgebracht und sagte: „Sieh mal, Stephanie, ich habe dir ein Eis mitgebracht!“ – „Ja, danke – leg es ins Eisfach …“ Es war so klar wie Kloßbrühe, dass sie mich dringend loswerden wollte. 😉 Im Normalfalle hätte ich das Feld auch geräumt, aber wir hatten morgens noch ziemlichen Zoff gehabt, und ich hatte mich massiv geärgert, da sie einmal mehr die Allwissende gemimt hatte, obwohl sie nicht recht gehabt hatte. Pech gehabt, jetzt! 😉

Und als hätte ich nichts gemerkt, setzte ich mich sogleich auch an den Tisch, sah Volker unverhohlen an und meinte: „Du musst Volker sein! Nicht wahr?“ – „Ja. Woher weißt du das?“ – „Ach, das ist gar nicht schwer! Stephanie hat derart von dir geschwärmt, dass der Fall ganz klar ist! Aber sie hat recht! Du siehst wirklich gut aus und scheinst in der Tat nett zu sein!“ Volker grinste, und Stephanie hatte mit einem Mal einen derart knallroten Kopp, dass ich mir fast ein wenig Sorgen machte: Das sah echt ungesund aus. Und so meinte ich abschließend noch: „Oh!“ und legte meine Hand auf den Mund, als wäre mir da etwas herausgerutscht, das nicht hätte herausrutschen dürfen. 😉

Ich gebe zu, das war gemein. Aber die beiden kamen dennoch zusammen, zumal Volker laut meiner Schwester meinte: „Deine Schwester ist, glaube ich, ein Schlitzohr. Das hat sie doch mit Absicht gemacht!“ – „Ja, wir hatten Krach, und ich war wohl doof zu ihr.“ – „Na, dann ist das doch eine sehr gelungene Retourkutsche gewesen. Ich konnte jedenfalls sehen, dass ihre Augen funkelten, und mir war der Sinn und Zweck der Maßnahme klar. Aber ich fand es einfach nur sympathisch – keine Sorge.“ Und meine Schwester meinte hinterher noch zu mir: „Ich muss dir wohl noch dankbar sein! Ohne deinen liebreizenden Einsatz hätte das noch Wochen ohne Ergebnis weitergehen können.“ Na, da hatte mein etwas nickeliger Einsatz doch zu etwas Positivem geführt! 😉 Und seitdem war Stephanie auch immer etwas vorsichtiger mit mir. 😉

Man sieht: Ältere Schwestern können ätzend sein. Jüngere aber auch. 😉 Und es lohnt sich stets, Fremdsprachen zu erlernen. Und das am besten so früh wie möglich.