Pons asinorum

Ich liebte ja speziell den Lateinunterricht in der Schule – und wie! 😉 Selbst Mathematik war spannender, was möglicherweise jedoch auch daran lag, dass ich da von einem Adrenalinflash in den nĂ€chsten fiel, da ich mathematisch nicht ganz so begabt bin wie anderweitig. 😉

In Latein war ich wirklich gut, was das althergebrachte Vorurteil ad absurdum fĂŒhrt, dass Menschen, die Latein beherrschen, auch in Mathematik gut seien. Kompletter Unsinn, wenn man mich kennengelernt hat! Kompletter Unsinn auch ohne dies. 😉 In Latein wirklich gut, in Mathematik das genaue Gegenteil. Und so ist es fĂŒr mich auch irgendwie irritierend, dass der Begriff „pons asinorum“ ausgerechnet im Fach Mathematik verwandt wird. 😉 Gut, in eher einfacheren Kontexten, aber dennoch 


Übersetzt heißt es schlicht „BrĂŒcke der Esel“, kurz: „EselsbrĂŒcke“. Und die ist ja durchaus landlĂ€ufig und durch alle Disziplinen bekannt fĂŒr Dinge, die man sich nur mit Hilfsmitteln merken kann.

Bekannte EselsbrĂŒcken sind zum Beispiel Geh, Du Alter Esel, Hole Fische, um sich im Bereich der Musik und des dort verorteten Quintenzirkels die Reihenfolge der Dur-Tonarten mit Kreuz-Vorzeichen besser merken zu können. Jeder, der als Kind ein Musikinstrument erlernte, erlernen musste oder gar das Fach Musik in der Schule hatte, kennt diese EselsbrĂŒcke. Ebenso das GegenstĂŒck fĂŒr die Dur-Tonarten mit einem b statt eines Kreuzes davor, denn das heißt heutzutage offenbar: Frische Brötchen Essen Asse Des Gesangvereins. Als ich noch klein war und zur Schule ging, hieß es – eher splattermĂ€ĂŸig – noch: Faule BĂ€ren Essen Aas Des Gestorbenen. Aber das kann man Kindern heute wohl nicht mehr zumuten, was ich fĂŒr eine eklatante FehleinschĂ€tzung halte. 😉

Im Gegensatz zur erstgenannten EselsbrĂŒcke ist die zweite sogar noch logisch nachvollziehbar. Die erste ist ein wenig irreleitend, denn zumindest ich habe noch nie einen Esel Fische holen sehen, was wohl daran liegt, dass Esel an Fischen zumeist weniger interessiert sind. Vermutlich dient daher der „Esel“ eher als Schimpfwort fĂŒr den Deppen, der ausgeschickt wird, das zu holen, was andere fĂŒr unter ihrer WĂŒrde halten. 😉

Praktisch – zumindest fĂŒr alle, die sich frei- oder unfreiwillig mit Musik befassen (mĂŒssen) – sind die EselsbrĂŒcken jedoch allemal, und so kann sich auch der absolute Musikbanause merken, dass Fis-Dur ĂŒber exakt sechs Kreuz-Vorzeichen verfĂŒgt, vergleichbar mit Ges-Dur mit sechsfachen b-Vorzeichen. 😉 Übrigens freut sich jeder Musikinstrument-Eleve mit jedem Vorzeichen mehr, bei dem entweder um einen Halbton erhöht – Kreuz – oder erniedrigt – b – werden muss 
 (Beim Klavier ist das noch vergleichsweise einfach – wofĂŒr gibt es die schwarzen Tasten, die im Gegensatz zu den weißen soviel schmaler, kĂŒrzer und allgemein kleiner sind?) 😉 Ich erinnere mich noch mit Schaudern an mein erstes StĂŒck mit sechs Kreuzen! Aber das war noch angenehm, denn kurz darauf spielte ich ein StĂŒck in Ges-Dur mit sechsmal b. Das war noch schlimmer 
 😉

Ebenso beliebt, hier allerdings in eher geographischer Hinsicht, ist: Welcher Seemann Liegt Bei Nanni Im Bett 
 Damit kann man sich hervorragend die Ostfriesischen Inseln von Wangerooge bis Borkum merken, wobei das I in „Im“ allerdings als „J“ fĂŒr „Juist“ zu interpretieren ist. 😉 Wurde in alten Zeiten auch wie „J“ geschrieben, glaube ich.

Mein Vater ErklĂ€rt Mir Jeden Sonntag Unsere Neun Planeten ist seit 2006 veraltet, nachdem der Pluto offiziell nicht mehr als Planet gilt, sodass es nun heute Mein Vater ErklĂ€rt Mir Jeden Sonntag Unseren Nachthimmel heißt, wenn es um Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun geht.

Man kann auch ganz persönliche EselsbrĂŒcken kreieren. Der Begriff, so lernte ich einst, stamme ĂŒbrigens aus sehr alten Zeiten, als Kaufleute ihre Waren noch mit Tragtieren durch die Lande brachten (vor der Motorisierung, egal ob Diesel, Benziner oder E-Auto). Da Pferde weniger geeignet schienen, da man auch durchs Gebirge musste, schnallte man Eseln die Lasten auf den RĂŒcken. Im Gegensatz zu Pferden haben diese jedoch relativ kurze Beine und hassen es – so erklĂ€rte man es zumindest in der Doku -, Wasserstraßen durchschwimmen oder -waten zu mĂŒssen. Esel gelten – im Gegensatz zu Pferden – als relativ schlechte Schwimmer, was sie, sehr klug, daher nach Möglichkeit vermeiden. DafĂŒr sind sie sehr trittsicher und aufgrund ihrer kleinen, aber harten Hufe gute Kletterer im Gebirge. Um einen Kompromiss einzugehen, nachdem Esel vor zu querenden Wasserstraßen stets wie festgetackert stehenblieben und sich weigerten, weiterzugehen, baute man schmale BrĂŒcken, damit die Esel ohne Angst und trockenen Hufes weitergehen konnten. Zeit ist Geld! Das galt damals wohl auch schon. 😉

Ich liebe Esel sehr. 😊 Wenn sie sich weigern, etwas zu tun, haben sie meist einen guten Grund dafĂŒr. Es ist Klugheit, nicht das Gegenteil, was sie bisweilen stur wirken lĂ€sst. Und darĂŒber hinaus sind sie auch einfach nur sympathisch anzusehen – diese dicken Köpfe und diese Ohren! Man muss sie doch einfach gernhaben. Finde ich jedenfalls.

Und das trotz des Grauens, das mir als Kleinkind widerfuhr – und das mit einem Esel!

Es war ein Sonntag, und ich war dazu verdammt, nachmittags mit dem Rest meiner Familie einen Spaziergang zu machen. Viel lieber hĂ€tte ich weiter mit Lego gespielt, aber meine Mutter lockte mich mit der Aussicht, auch am Tiergehege vorbeizugehen, das sich in dem Park befand, der besucht werden sollte. Ja, dann! Sofort war ich bereit! 😉

In dem Gehege gab es drei Esel und zwei gescheckte Ponys, und ich lief so schnell wie noch nie, als wir schließlich den Park erreichten. Ich hatte einen kleinen Trenchcoat an, mit einem GĂŒrtel, wie er zu jedem Trench gehört 


Und schon waren wir am Tiergehege. Die Ponys grasten, zwei der drei Esel auch. Der dritte jedoch kam gemĂ€chlich an den Zaun geschritten, wo ich mich halb verrenkte, um ihn auf mich aufmerksam zu machen. Der Esel ließ sich dann auch streicheln, und ich war glĂŒcklich.

Doch plötzlich riss er sein Maul auf und schnappte nach dem GĂŒrtel meines kleinen Trenchcoats. Und er erwischte ihn auch und fing ganz gemĂŒtlich und gemĂ€chlich an, ihn „aufzufressen“, wobei er mich immer nĂ€her an den Zaun zog, und das recht ruckartig. Ich stemmte mich dagegen, war jedoch erheblich schwĂ€cher als der Esel 
 Und was machte meine Mutter? Sie konnte kaum an sich halten und lachte sich scheckig! 😉 (Ich kann es ihr nicht einmal verdenken – ich wĂ€re wahrscheinlich ebenso gefangen von der völlig absurden Situation gewesen und hĂ€tte gelacht.) Die anderen Leute, die am Gehege standen, lachten ebenfalls – es war mir wirklich peinlich 


Zum GlĂŒck hatte sie sich wieder im Griff, als ich bereits wie festgetackert mit der Brust am Zaun klebte, kurz bevor meine Knochen gebrochen wurden, weil der Esel weiterhin ruckartig am GĂŒrtel zerrte, der bereits bis zum Anschlag in seinem Maul verschwunden war. 😉

Meine Mutter stĂŒrzte herbei und versuchte, dem Esel den GĂŒrtel, zumindest das StĂŒck, das er sich bereits einverleibt hatte, wieder zu entreißen bzw. aus seinem Maul zu winden, was gar nicht einfach war, da er es ums Verrecken nicht hergeben wollte. 😉 Aber meine Mutter ist sehr tierlieb und hartnĂ€ckig obendrein, und irgendwie hat sie es durch freundliches Zureden geschafft, dass der Esel den GĂŒrtel wieder freigab. Iih! Ich hĂ€tte meinen kleinen Trenchcoat am liebsten sofort ausgezogen, denn der GĂŒrtel war nicht nur vollgesabbert, sondern zeigte auch diverse grĂŒnliche AbdrĂŒcke erschreckend großer ZĂ€hne! Ein Wunder, dass ich bis heute keine Angst vor Eseln oder anderen (Huf-)Tieren habe. 😉

Ein wahrhaft traumatisches Erlebnis hĂ€tte es sein können. Aber nicht fĂŒr mich – ich liebe Esel nach wie vor. Ich hĂ€tte ja auch vorsichtiger sein können, zumal meine Mutter immer wieder gesagt hatte: „Ali, der Esel ist freundlich, aber geh trotzdem nicht so nah ran!“

All das fiel mir gestern wieder ein, als mein Kollege Peter erzĂ€hlte, dass der Esel, der als Haustier auf dem großen GrundstĂŒck lebte, das ihm und seiner Frau gehört, vor einigen Tagen eingeschlĂ€fert werden musste. Ich kenne Peter nun schon seit 15 Jahren, und er ist ein echter Ruhrgebiets-Haudegen. Aber gestern, als wir mit unserer Arbeitsgruppe in einer Tapas-Bar die ausgefallene Weihnachtsfeier nachholten, sah ich so etwas wie TrĂ€nen in Peters Augen, als er erzĂ€hlte, dass die erst neunjĂ€hrige „Frieda“ tot sei, wahrscheinlich vergiftet durch wohl wenig tierfreundliche Menschen, und sich drei Tage trotz diverser Visiten durch den Tierarzt nichts gebessert hĂ€tte, so dass man sie schließlich habe einschlĂ€fern lassen, damit sie sich nicht mehr quĂ€le. Mir kamen selber die TrĂ€nen, obwohl ich „Frieda“ gar nicht persönlich kannte. Ich sagte nur: „Neun Jahre sind fĂŒr einen Esel doch kein Alter – armes Ding!“ Da meinte Peter: „Nee, die können bis zu 40 Jahre alt werden. Da hing echt unser Herz dran – die war so lieb!“

Und er schluckte, und ich wollte rasch das Thema wechseln. Doch er erzĂ€hlte: „Immerhin – sie is‘ au’m GrundstĂŒck begraben!“ – „Echt?“ – „Ja. Wir haben ein sehr großes und tiefes Loch gegraben – dat hat echt lang gedauert. Abba dat war se uns weeaat.“ Da meinte ich: „Darf ich mal?“ Und ich nahm Peter in den Arm und drĂŒckte ihn, weil ich das so liebenswert fand. Und Peter meinte: „Dat waa klaa, datt du dat verstehss. Danke.“

Wer wĂŒrde das nicht verstehen? 😊 Esel sind so freundliche und sympathische Tiere und so wichtig, dass man sogar BrĂŒcken fĂŒr sie baute, die dann dazu fĂŒhrten, dass man die BrĂŒcken fĂŒr Esel zu einem geflĂŒgelten Wort fĂŒr jegliche Denk-Hilfsmittel machte.

Was wĂ€ren wir nur ohne Esel? 😉

 Kritik des Herzens
Es stand vor eines Hauses Tor
Ein Esel mit gespitztem Ohr,
Der kĂ€ute sich ein BĂŒndel Heu
Gedankenvoll und still entzwei.Nun kommen da und bleiben stehn
Der naseweisen Buben zween,
Die auch sogleich, indem sie lachen,
Verhaßte Redensarten machen,
Womit man denn bezwecken wollte,
Daß sich der Esel Ă€rgern sollte. –

Doch dieser hocherfahrne Greis
Beschrieb nur einen halben Kreis,
Verhielt sich stumm und zeigte itzt
Die Seite, wo der Wedel sitzt.

Wilhelm Busch

 

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