Zittern „auf Schalke“

Nein, ich war nicht anlässlich eines Fußballspiels vor zwei Tagen auf Schalke, obwohl das Zittern unter Umständen auch dazu gepasst hätte. Bitte verratet mich nicht, aber ich bin gar keine so überzeugte Schalkerin … 😉 Pssst – nicht weitersagen. (Klar, wenn der BVB gegen die Knappen spielen würde, wäre ich auf alle Fälle auf Seiten Schalkes, und das gilt auch für einige andere Clubs, mal abgesehen vom „Glubb“ aus Nürnberg und der wahren Borussia – und ich mag Schalke ja auch, nur nicht so, wie es so viele andere Menschen speziell in dieser Stadt hier tun. 😉)

Zittern kann man jedoch auch ganz ohne Fußball auf Schalke, wenn es draußen in Strömen regnet und drinnen nicht viel wärmer ist. Ich war zum Weihnachtssingen dort. Mit Kerstin, einer meiner Kolleginnen. Einer Kollegin, die ich sehr mag, da „hart, aber herzlich“, wie sie mir auch schon vorgestellt wurde. 😉

Um 14:30 h wollte Kerstin vor meiner Haustür stehen und mich mit ihrem Mazda abholen. Sie wohnt nicht hier in der Stadt und meinte, es wäre doch albern, würde ich mich auch ins Auto setzen und zur „Arena“ fahren. Da sie eh fahren müsse, würde sie mich ganz einfach abholen. Und so sauste ich um 14:28 h die Treppen hinunter und sah aus dem Flurfenster den kleinen, weißen Mazda schon auf der anderen Straßenseite stehen.

Kaum saß ich im Auto, kaum hatten wir einander begrüßt, meinte Kerstin: „Komm, wir rauchen erst mal eine – das hier ist ein Raucherauto.“ – „Gut, dass wir mit deinem Mazda fahren – meiner ist kein Raucherauto.“ – „Aber du rauchst doch auch!“ – „Nicht in meinem Auto!“ – „Wat biss du denn für eine?“ rief Kerstin amüsiert. „Wat ich für eine bin? Eine Inkonsistente! Im Gegensatz zu dir rauche ich zwar nicht im Auto, aber in der Wohnung, wenn auch nur im Wohnzimmer.“ – „Dat würde ich niemals tun! Nur auf’m Balkon!“ – „Das meinte ich mit inkonsistent!“

Und als wir aufgeraucht hatten, fuhren wir los zur Arena. Ich lotste Kerstin sicher zu einem noch nicht ganz so übervölkerten Parkplatz – aber wir waren auch verdammt früh dran. Einlass war ab 15 h, und wir waren eine Viertelstunde früher da. Das war aber auch gut, denn so standen wir relativ weit vorne in einer der Schlangen der Weihnachtssingwilligen. 😉

Endlich waren wir drin, inzwischen auch auf Waffen und/oder Flaschen abgetastet! Es war 15:15 h – noch viel Zeit totzuschlagen, da das Massenevent erst um 16:30 h begann. Wir rauchten erst mal eine …

Dann ließ Kerstin ihre Knappenkarte aufladen, und wir umkreisten – natürlich hatten wir das Stadion just an dem Eingang geentert, der am weitesten von unserem Block Q entfernt war – die Arena und setzten uns erst einmal auf unsere beiden Randplätze. Dann holte Kerstin heiße Getränke. Und dann war es immer noch so lange hin bis zum Anfang …

Wir gingen noch einmal eine rauchen, danach zum Klo. Und zurück auf unsere Plätze in Reihe 27. Und noch immer so viel Zeit …

Kerstin und ich sind beide nicht die Geduldigsten, und so standen wir wieder auf. Noch eine rauchen. Draußen meinte Kerstin, einige Jahre jünger als ich: „Ali, wir sind beide leider doof! Wir hätten verdammt nochmal Sitzkissen mitnehmen sollen! Hast du auch einen so kalten Hintern?“ Ich grinste und meinte: „Ich wollte ja vorhin nichts sagen, als ich ein erheblich älteres Paar hier mit einer Tüte vorbeigehen sah, in der ganz eindeutig zwei Sitzkissen waren, weil ich fürchtete, du würdest mich für ein Weichei halten. Aber du hast recht: Wir hätten Sitzkissen mitnehmen sollen! Nun, immerhin regnet es im Moment nicht.“ Und daher blieben wir auch länger draußen.

Irgendwann saßen wir wieder auf unseren Plätzen ohne Sitzkissen, mussten aufgrund der Randplätze jedoch noch mehrfach aufstehen, um Menschen durchzulassen. Endlich war die Reihe voll! Nur die vor uns war erschreckend leer.

Und dann ging es los! Eine Massenveranstaltung reinsten Weihwassers, amerikanisiert, dass es heftiger kaum ging. Immerhin begann es mit Alle Jahre wieder. Und Kerstin und ich sangen heftig mit – es machte Spaß!

Als wir Morgen kommt der Weihnachtsmann anstimmten, kam tatsächlich jemand: die halbe Reihe 26 vor uns! Eine Art Hühnerhaufen, der sich zunächst setzte, dann wieder „hochflatterte“, weil mittendrin eine der Damen – alle tranken Glühwein – doch, wenn auch verspätet, gemerkt hatte, dass sie noch einmal zur Toilette müsse. Und kaum war sie wieder da, merkte auch die Nächste, dass sie … La Ola in der halben Reihe 26 in Block Q, obwohl mir Hühnerhaufen erheblich besser gefiel …

Und so ging es bis zur Pause. Irgendwann sah ich einen intensiven Blick von rechts auf mich gerichtet, und ich drehte mich in die Richtung, obwohl ich blind hätte sagen können, wer mich da anstarrte und auch, warum. Natürlich war es Kerstin, und sie hatte ihren sehr, sehr strengen Blick drauf, der besagte: „Pass op! Leg dich nicht mit mir an!“ Ich sah sie an, und da meinte sie auch schon: „Was ist das da in der Reihe vor uns?“ – „Keine Ahnung – ist wohl ein Hühnerhaufen!“ – „Wenn das so weitergeht, werde ich sauer. Ich versuche hier, Videos zu machen, und dauernd habe ich irgendeinen dieser blöden Hinterköppe im Bild! Leiden die unter Sitzunruhe?“ – „Eher unter einer Reizblase,“, gab ich zurück, „reg dich nicht auf – mich nervt es auch.“ – „Du hast doch unsere Regenschirme unter deinem Sitz!“ – „Soll ich denen auf die Köppe hauen, oder was erwartest du von mir?“ – „Ja!“

Zum Glück hatte sie sich bis zur Pause wieder beruhigt. Der Hühnerhaufen nicht. Der flatterte immer noch.

Richtig ärgerlich war ich dann auch, als die Hühner nach der Pause den gleichen Scheiß wieder abzogen, und mir entfleuchte der Spruch: „Boah, ey! Ich verstehe manche Männer immer besser! Frauen – manche zumindest! – stören im Fußballstadion nur!“ Und ich meinte zu einer der vor mir Wuselnden: „Hallo? Würden Sie sich bitte einfach hinsetzen? Sie stören!“

Da drehte die „Dame“ sich zu mir um und meinte: „Ey! Wat willss du Tussi von miiaa! Ey! Ich kann hier machen, wattich will! Ich happ dafüüaa bezahlt!“ – „Ich auch,“, gab ich zurück, zuckte jedoch vor ihrem ein wenig unkontrolliert hervorschnellenden Zeigefinger zurück. Lieber die ewige Hin-und-Her-Stresserei aushalten als ein Auge einbüßen! Hätte ich meine Brille getragen, wäre diese Diskussion anders ausgegangen. 😉

Aber ich schwor mir: „Wenn dieser Haufen vor uns auch noch mein Lieblingslied stört, haue ich denen echt die Schirme auf’n Kopp!“ Zum Glück waren sie wohl alle am Glühweinstand oder au’m Lokus, als Leonard Cohens Hallelujah dran war. Kein Weihnachtslied, aber wunderschön.

Und sie waren auch abwesend, als das Steigerlied angestimmt wurde: Das einzige Lied, bei dem sich alle von den Sitzen erhoben und voller Inbrunst und sichtlich und hörbar bewegt mitsangen. Auf der Bühne auch ein Kumpel, der mit Tränen in den Augen ebenfalls voller Inbrunst sang. Auch ich hatte die Tränen in den Augen – und ich war gewiss nicht die Einzige. Zwei Tage nach Schließung der letzten noch fördernden Zeche war das zu erwarten. Ein bisschen kitschig, aber wunderschön.

Dann noch ein paar kitschige anglo-amerikanische Weihnachtslieder, ein eher hispanisches ebenso, das ich seit vielen Jahren kenne, das jedoch erst seit einiger Zeit allgemein bekannt ist und prompt zum „Weihnachtshit“ wurde. Nun ja … 😉 Auf alle Fälle hymnisch. 😉 Und der Refrain singt sich so schön.

Wir sangen fast bis zum Umfallen, und kurz vor Ende der zweiten „Halbzeit“ merkte ich, die früher in zwei Chören gesungen hat, die Auswirkungen, die eintreten, wenn man sehr lange nicht so viel gesungen hat: Meine Stimme machte Zicken! Die von Kerstin auch! Wir singen beide Alt, und die meisten Lieder waren für Altistinnen zu hoch angestimmt. Wir schafften zwar die höheren Töne, aber es war mehr „Druck“ vonnöten, zumal die um uns Sitzenden gar nicht so begeistert sangen wie wir. 😉 Mehr „Druck“ auf die tiefergestimmten Stimmbänder bedeutet: mehr Stress, mehr Anstrengung, und beim letzten Lied, Stille Nacht, war mir klar, dass ich anderntags sicherlich keinen geraden Ton mehr hervorbringen könnte, würde ich mich bemühen, alles „auszusingen“. Keinen geraden Ton würde ich mehr sprechen können – ich spreche nicht vom Singen. 😉 Das wäre gar nicht mehr gegangen. 😉

Als Stille Nacht gerade ausgeklungen war, kam der Hühnerhaufen einmal mehr zurück und wunderte sich: „Wie getz? Schonn aus?“ Kerstin sagte: „Ja, schonn aus! Wäre Ihnen länger vorgekommen, hätten Sie die ganze Zeit auf Ihren Plätzen gesessen!“ – „Ey, wie biss du denn drauf, Tussi!“

Ich zerrte Kerstin schnell am Ärmel weg und meinte: „Wie ich es vorhin schon anmerkte: Es gibt Frauen, die gehören nicht in ein Fußballstadion – egal, zu welchem Ereignis!“

Und wir schlappten durch den inzwischen wieder strömenden Regen frierend zu Kerstins Auto. Sie meinte: „Ist dir auch so scheißkalt? Das hat da total gezogen! Ich habe einen ganz kalten Hintern, und meine Füße spüre ich kaum noch!“ – „Geht mir genauso – schnell zum Auto!“ – „Hast du dir gemerkt, wo wir geparkt haben?“ – „Rechts neben dir stand ein schwarzes Auto, und links war ein Baum.“ Wir hielten inne und sahen uns um: Etwa ein Drittel aller dort parkenden Autos war schwarz, und es gab zahlreiche Bäume …

Dennoch haben wir den kleinen weißen Mazda irgendwann gefunden, beide völlig durchgefroren und mit nassen, kalten Füßen, und Kerstin fuhr mich nach Hause.

Und trotz allem: Es war ein sehr, sehr schöner Abend! 😊

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