Auf Kohle geboren …

„Wir sind auf Kohle geboren.“ So sagen echte Ruhris, echte Pottkinder. Ja, ich weiß, dass das oft belächelt wird, nicht recht ernst genommen. Irgendwie wird hier alles als Manta, Manta wahrgenommen und bewertet. Falls jemand diesen Film noch kennt. 😉

Das ist mir allerdings gleichgültig, denn auch ich bin auf Kohle geboren worden, und zu meiner Kindheit gehörten selbstredend funktionsfähige Zechen mit funktionsfähigen Fördertürmen, an denen sich das Rad drehte – natürlich! Was der Unterschied zwischen einer Seil- und einer Förderfahrt sei, war mir schon in sehr jungen Jahren klar, und ein Teil meiner Vorfahren väterlicherseits bestand aus Kumpels.

Jedes Mal, wenn wir zu meinen Großeltern väterlicherseits fuhren und ein Förderturm zur Linken sichtbar war, sagte mein Vater an einem bestimmten Punkt: „Hier bin ich schon durch die Erde gelaufen.“ Da hielt ich immer die Luft an: beeindruckend! Mein Vater war da durch die Erde gelaufen! Es war für mich so ähnlich wie die Aussage, dass jemand anderes über Wasser gelaufen sei. 😉

Und als meine Schwester und ich gerade des eigenständigen Laufens – ohne allzu heftige Stürze auf den dick verpackten Windelpopo zu verursachen – mächtig waren, schleppte mein Vater uns mitsamt unserer fränkischen Mutter, die mit Steinkohlebergbau absolut unvertraut war, ins Bochumer Bergbaumuseum. Ich war so oft dort – und doch so lange nicht. Ich sollte wieder einmal hinfahren. Jetzt erst recht!

Mein Vater, ein waschechtes Pottkind ohne jedwede externe – zum Beispiel fränkische – Einflüsse, studierte Elektrotechnik, um nach erfolgreichem Examen Bestandteil der Bergbau-Fraktion des Konglomerats Montanindustrie zu werden, wozu auch die Stahlproduktion gehört – selbstredend. Davon spricht mein Vater auch stets mit Hochachtung. Er ist wirklich ein echtes Pottkind. 😉 Allerdings habe ich keinen einzigen Stahlarbeiter in meinem Stammbaum – ich stamme der Kohlefraktion ab. Aber ohne Kohle kein Stahl, nicht wahr? 😉

Nur gibt es die Kohle billiger – nein, preisgünstiger, denn billig ist so ein billiges Wort! – aus anderen Ländern, wo man die Arbeitssicherheit nicht so priorisiert wie hierzulande, wie man bisweilen lesen kann. Manchmal als Katastrophenmeldung aus fernen Landen. Ich weiß noch, wie ich mitfieberte, als es 2010 in Südamerika ein Grubenunglück gegeben hatte.

Wie auch immer: Ich bin heute ein wenig traurig, denn heute wurde die letzte noch fördernde Zeche – Prosper Haniel in Bottrop – geschlossen. Keine Förderung mehr. Stillgelegt.

Eine meiner Kolleginnen meinte, es sei ja auch an der Zeit – Kohle sei viel zu lange subventioniert worden. Und sie sagte: „Endlich ist dieser Bergbau-Scheiß vorbei!“ Ich bin selten sprachlos. Hier war ich es. Man kann über die Subventionierung streiten. Aber ist es denn besser, Kohle aus Ländern preisgünstig zu erwerben, die mit allen Mitteln fördern – Sicherheit wurscht? Denn irgendwo muss ja gespart werden, wenn ein Produkt so günstig angeboten wird. Und ich hatte vor einiger Zeit ein interessantes Gespräch mit zwei chinesischen Ingenieuren, die auf die teils gruseligen Arbeitsbedingungen im Bergbau ihres Landes hinwiesen. Von sich aus, was mich erstaunte, denn sie waren erschreckend offen und schilderten die Zustände weniger verblümt, als ich von Asiaten gewohnt war. Möglich also, dass die Zustände noch schlimmer waren, als sie sie schilderten.

Mir tun die Kumpels leid. Die werden zwar unterkommen, da sie ja alle qualifiziert sind durch ihre Ausbildung. Die älteren werden in Rente gehen. Aber ich bin aufgrund der Erfahrung meiner Bergbau-Vorfahren ganz sicher, dass Menschen, die au’m Pütt gearbeitet haben, ein ganz besonderer Schlag sein müssen. Ein Menschenschlag, der die Region hier ausgemacht hat. Künftig wird das wegbrechen, und das Revier wird eine Region sein wie -zig andere. Austauschbar. Traurig. Ähnlich traurig wie das Verschwinden von Dialekten. Okay – versteht auch nicht jeder. 😉

Schimpft mich eine Nostalgikerin, Konservative (was ich nicht bin) oder eine Traditionalistin (was ich so auch nicht bin): Es ist mir egal. Mir tut es irgendwie weh, dass hier wieder etwas zu Grabe getragen wird, was ich von klein auf kannte. Ob etwas Besseres nachkommt, steht in den Sternen. Dass hier Wissen, Kenntnisse und Handwerkskunst im Sande verlaufen, ist mehr als klar.

Vielleicht bin ich ja wirklich eine unbelehrbare Traditionalistin. Ich weiß es nicht. Ich war heute den ganzen Tag auf alle Fälle etwas traurig. Wieder ein Stück Kindheit, wieder ein Stück Heimat weg. Als würde man es einem unter den Füßen wegreißen. Als wäre es ein Tagesbruch. Ja, und diesen Ausdruck wird man bald auch nicht mehr kennen.

„Tagesbruch? Was ist das denn?“ wird man sagen. Nicht, dass ein Tagesbruch etwas Gutes sei – ganz und gar nicht! 😉 Aber allein der Begriff wird untergehen, ähnlich wie der Begriff D-Zug.

Wie ich auf D-Zug komme? Das war total süß! Ich saß in der 301, in der Straßenbahn. Ich kam von meiner Dozentenfron aus Dortmund, und hinter mir saßen vier junge Mädels. Eines fragte ein anderes: „Sag mal, wann bekommen wir endlich deine Geburtstagseinladung?“ Das angesprochene Mädchen meinte: „Bald – eine alte Frau ist doch kein D-Zug!“ Und dann hörte ich förmlich, wie sich atemloses Schweigen auf die vier Mädels legte und das künftige Geburtstagskind meinte: „Was ist eigentlich ein D-Zug?“ Da brach ich in lautes Gelächter aus.

Und ich drehte mich zu den Mädels um und meinte: „Sorry, ich habe gerade euer Gespräch mitangehört. Und ich finde total klasse, dass ich mal – quasi omamäßig – etwas erklären kann. Ihr wollt wissen, was ein D-Zug ist?“ Die vier Mädels nickten. Ich erklärte es ihnen, wir lachten alle, und die Mädels meinten: „Wie beschwerlich Reisen früher gewesen sein muss!“ Ich lachte und meinte: „Etwas beschwerlicher als heute.“

Ich kann noch immer nicht ganz fassen, dass ich nun in einer zechenlosen Region lebe, bin mir jedoch sicher, dass ich irgendwie damit klarkomme – ich bin ja ein Ruhri, und wir kommen mit allem klar! 😉 -, und ich wünsche euch allen ein frohes Weihnachtsfest und alles Liebe und Gute für 2019! 😊

P. S.: Und ich bin sehr stolz, ein echtes Pottkind zu sein! So! 😉

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