Die Postkutsche kommt!

Reisen in früheren Zeiten war unzweifelhaft erheblich beschwerlicher als heutzutage. Glücklicherweise haben sich diesbezüglich die Zeiten geändert.

Auch für Postsendungen galt dies, die mit der Postkutsche befördert wurden und aufgrund der geringen Fahrtgeschwindigkeit und oft größerer Entfernung sowie unbequemer Straßensituation teils sehr, sehr lange brauchten, um beim Empfänger zu landen. Wurde – wie in so vielen Western eindrucksvoll dargestellt – eine Postkutsche (die oft auch weniger betuchte Reisende beförderte) überfallen, erreichte manche Sendung den Empfänger auch gar nicht. „Pech gehabt!“ war dann die Losung der Stunde.

Aber zum Glück muss ja heutzutage niemand mehr wochenlang warten, bis endlich ein Brief, ein Päckchen, ein Paket eintrifft, den oder das man sehnlich erwartet. In Zeiten der E-Mail, von WhatsApp und Konsorten hat der Brief ohnehin ein wenig an Bedeutung verloren. Größere Sendungen – besagtes Päckchen oder Paket – werden jedoch nach wie vor ungebrochen auf dem Postweg befördert, obwohl es viel schöner wäre, den jeweiligen Inhalt, das zu versendende Gut an den Empfänger ganz einfach beamen zu können. 😉 Doch zum Glück gibt es ja zahlreiche serviceorientierte und zuverlässige Logistik-Unternehmen, auch Paketdienste genannt. Bequem, sicher und zeitnah wie pünktlich werden dort beförderte Sendungen ausgeliefert, von freundlichen, serviceorientierten Zustellern, denen man gern ein Trinkgeld gibt, wenn sie das große, schwere Paket, das nicht in die Packstation – mein bevorzugter Ablageort – passte, in den ersten Stock getragen haben. Ja, es ist wirklich wunderbar, sich stets und immer auf solch vorbildliche Unternehmen verlassen zu können, statt auf die alle Jubeljahre eintreffende Postkutsche warten zu müssen, manchmal sogar vergeblich, da unterwegs überfallen …

Und ich mache immer und ausschließlich positive Erfahr… – MO-MENT! Was erzähle ich denn da? Hat mir jemand etwas in den letztjährig im Vereinigten Königreich erworbenen Earl Grey Tea getan? 😉

Immer und ausschließlich positive Erfahrungen? Ha!

Ich weiß, dass die Zusteller einen harten und unverschämt schlecht bezahlten Job haben – das finde ich absolut daneben. Ich weiß, dass durch die Explosion hinsichtlich Online-Bestellungen das Lieferaufkommen ebenfalls explodiert ist und habe zwischenzeitlich beschlossen, meine Online-Bestellungen, ohnehin nicht hoch, zu drosseln. Dennoch sehe ich es nicht ganz ein, dass diese Unternehmen – eines habe ich ganz besonders lieb – ein Riesenbohei um und massenweise Werbung für ihre tollen Dienstleistungen machen, die sie sich teuer bezahlen lassen, die Realität dann jedoch suboptimal erscheint und man sich dann noch – hakt man nach oder, sofern nötig, beschwert sich – auf den Arm genommen fühlt angesichts der meist wenig oder nicht hilfreichen Standardantworten und der mangelhaften Lösungsmöglichkeiten der Zuständigen.

Gestern sah ich ein Video, in dem ein junger Mann all seiner angestauten Wut Luft macht – kaskadenartig bricht sein ganzer Frust aus ihm heraus, und wie man so schnell sprechen kann, kann selbst ich nicht nachvollziehen. Aber verstehen konnte ich den jungen Mann, der am Black Friday wohl etwas bestellt hatte, worauf er sich freute. Und dann kam das Paket nicht. Ja, kann passieren, aber man hatte ihm mal wieder einen Benachrichtigungsschein in den Briefkasten geworfen, obwohl er wohl zu Hause gewesen war. Klingel kaputt, könnte man da annehmen, aber das muss beileibe nicht sein.

Nur in Notfällen lasse oder ließ ich mir Pakete und Sendungen an meine Wohnadresse schicken, denn auch ich kenne dieses wundersame Phänomen des sich plötzlich und ohne Vorwarnung im Briefkasten materialisiert habenden Paketdienst-Benachrichtigungsscheines, auf dem steht, man habe leider nicht zu Hause angetroffen werden können, obwohl man – ein toller Service dieses Paketdienstes! – bereits einen Wunschtermin bean- bzw. beauftragt hatte (meist Samstag) und daher wie festgetackert in der Wohnung ausharrte, um nur ja den Paketdienst nicht zu verpassen … In der stillen Wohnung, die kontemplative Stille durch keinerlei penetrantes Klingelsignal gestört.

Dreimal bin ich auf den Wunschtermin schon hereingefal…, ääh, habe ich ihm eine Chance gegeb…, nein! Dreimal habe ich die wunderbare Wunschtermin-Wahlmöglichkeit wahrgenommen und diesen Service genutzt. Genutzt hat es mir vice versa jedoch … wenig.

Beim ersten Mal harrte ich der Dinge, die da kommen sollten. Aber nicht kamen. Ich wartete auch noch die nächsten zwei Tage, dann rief ich beim Paketdienst an und fragte nach dem Verbleib des Paketes. Das sei zugestellt worden, hieß es, nachdem ich meine Sendungsnummer heruntergebetet hatte, insgesamt dreimal. Ich war bass erstaunt, wie, zugestellt? Bei mir gähnende Leere und kein Paket. Wem hatte man es zugestellt? Tja, das könne sie mir auch nicht sagen, erklärte die junge Frau – das sei nicht angegeben. Wie bitte? Nicht angegeben? „Aber das muss man doch angeben – das kenne ich nicht anders,“, sagte ich mit schwächer werdender Stimme, „wie soll man denn sonst herausfinden, bei wem man das Paket abholen muss?“

Tja, da habe es wohl leider einen Systemfehler gegeben, so dass sie mir nun nicht mehr mitteilen könne, wo genau sich mein Paket gerade seiner Existenz erfreue. Sicherheitshalber klingelte ich bei den Nachbarn, die mit mir in einem Haus leben. Zwei sagten, sie wüssten nichts von einem Paket, einer war nicht da, und die alte Frau Müller hörte wohl nicht, dass ich klingelte …

Als ich am nächsten Abend von der Arbeit kam, klingelte mein Telefon sehr energisch. Ich meldete mich und wurde sogleich in sehr energischem Ton angeherrscht: „Frau B.! Holen Sie endlich Ihr Paket ab, das ich für Sie angenommen habe! Das steht jetzt schon seit einer Woche hier!“ Es war die alte Frau Müller. Zwar hatte sie offenbar ein anderes Zeitgefühl, denn es war Dienstag, und das Paket stand somit erst seit Samstag bei ihr, aber ich konnte verstehen, dass sie sich ärgerte. Dabei konnte ich nicht einmal etwas dafür. Glücklicherweise ging alles noch einmal glimpflich aus.

Ich beschloss, bei der nächsten schweren Sendung, die nicht an die Packstation geliefert werden konnte, so der Versender, dem werten Wunschtermin eine weitere Chance zu geben. Sicherlich hatte ich nur Pech gehabt. Aber es war wie beim ersten Mal. Nur hatte ich diesmal einen Benachrichtigungsschein im Briefkasten – ich sei leider nicht zu Hause gewesen, und so habe man das – wirklich schwere – Paket nun in die nächstgelegene Paketdienst-Filiale gebracht, wo ich es bequem am Montag abholen könne … Ja, ich holte es auch am Montag ab, wenn auch nicht bequem, denn ich musste das schwere Ding zu Fuß nach Hause schleppen. Es war wirklich schwer, denn es waren sechs gläserne Halbliterflaschen naturtrüben fränkischen Kellerbieres darin, das ich hier in keinem Getränkemarkt gefunden hatte. Drei davon wollte ich jemandem zum Geburtstag schenken, die anderen drei waren für mich. Fluchend schleppte ich das Gebinde meiner Wege, aber das Geburtstagsgeschenk kam so in zweifachem Sinne von Herzen, denn mein Herz hämmerte heftig gegen meine Rippen, als ich das schwere Paket endlich in meine Wohnung gewuchtet hatte. Im Schweiße meines Angesichts und ohne Rücksicht auf meine Unversehrtheit hatte ich dieses Geburtstagsgeschenk und mein eigenes Deputat heimgeschleppt, denn ich wäre mit dem schweren Karton fast die Treppe hinuntergesegelt. 😉

Und trotz all dieser Unbilden gab es noch einen Drittversuch – es ging nicht anders, und ich dachte: „Was lange währt, wird endlich gut!“ und „Aller guten Dinge sind drei!“ Doch sogleich fiel mir auf, dass die vorhergegangenen zwei Dinge ja keineswegs gut gewesen waren, aber ich wollte nicht kleinlich sein.

Und so saß und harrte ich erneut an einem Samstag. Mir ging ein Lied aus den End-80ern durch den Kopp, dessen Refrain lautete: „All I can do is sit `n‘ wait. All I can do is sit `n’ wait.  […] Sit `n‘ wait, sit `n‘ wait, sit `n‘ wait …“ Nie zuvor und nie wieder habe ich diesen Text als so wahr empfunden … 😉

Ich harrte sogar längere Zeit am Küchenfenster und lief, harrte ich schließlich wieder woanders, öfter dorthin, um hinauszustarren. Möglich, dass der Paketdienst-Wagen ja gleich käme.

Irgendwann erschien es mir immer unwahrscheinlicher, und ich ging mit der Wäsche in den Keller – es musste gewaschen werden. Auf dem Rückweg öffnete ich meinen Briefkasten, denn es schien etwas darin zu liegen. Ja! Es war ein Benachrichtigungsschein des Paketdienstes! Leider sei ich nicht zu Hause anzutreffen gewesen … (Doch, doch – man hätte nur einmal den Versuch starten müssen, dies herauszufinden, indem man die Klingel betätigte, dachte ich resignierend.)

Meine Resignation wuchs, und dies ins schier Unermessliche, als ich den Text auf dem Schein zu Ende las. Man habe das Paket bei meinem Wunschnachbarn abgegeben. Bitte, bei wem? Ich hatte einen Wunschnachbarn? Das war mir neu! Ich hatte nie einen solchen angegeben! Wozu auch – ich hatte ja bereits vom wunderbaren Wunschtermin Gebrauch gemacht und war deswegen selbstredend höchstpersönlich zu Hause und annahmewillig wie -fähig gewesen! Wozu da die Notwendigkeit eines Wunschnachbarn – und wer sollte das überhaupt sein? Ich staunte, als ich sah, dass weder ein Name, noch die Hausnummer eingetragen war! Immerhin schien sich diese ominöse Person, bei der nun mein Paket seiner Abholung harrte, in derselben Straße zu befinden, in der auch das Haus steht, in dem ich lebe. Aber hier sind so viele Häuser … 😉

War das eine humanitäre Aktion des Paketdienstes, die unter dem Titel Lerne deine Nachbarn besser kennen rangierte? Oder wollte der Paketdienst intuitiv-hellseherische Fähigkeiten bei seinen Kunden fördern? Ich war ratlos und überlegte, ob ich mich auf der Straße aufbauen sollte, um dort laut zu rufen: „Hallo? Hat hier irgendjemand ein Paket für mich angenommen? Bitte melden Sie sich – Sie wurden zu meinem Wunschnachbarn ernannt, und da sollten wir einander doch mal kennenlernen, nicht wahr? Oder werfen Sie das Paket einfach in den Vorgarten – es ist nichts Zerbrechliches drin!“

Ich verwarf diese Idee, denn es war eiskalt draußen, und ich wollte auf diese Weise nicht im Mittelpunkt stehen. Ich bin ohnehin viel schüchterner, als viele glauben. 😉 Stattdessen verbrachte ich an diesem Nachmittag eine gar lauschige Zeit, indem ich Klinken putzte und bei diversen Nachbarn klingelte, um zu erfragen, ob man eventuell ein Paket für mich entgegengenommen habe. Bei Numero 10 wurde ich schließlich fündig, und freudestrahlend meinte ich zu der Nachbarin im Nebenhaus, die mir in Mantel und Schal die Tür öffnete: „Sie also sind mein Wunschnachbar!“ – „Wie bitte?“ Ich zeigte ihr den Benachrichtigungsschein, und sie griff sich an den Kopf und meinte: „Da steht ja gar kein Name und keine Hausnummer! Wie doof ist das denn? Da mussten Sie jetzt von Tür zu Tür rennen? Toller Service des Paketdienstes! Ich bin leider auf dem Sprung, sonst würde ich Sie auf einen Kaffee hereinbitten. Aber beim nächsten Mal,“ sagte sie und kniff mir ein Auge zu, „denn ich musste auch schon öfter Paketen hinterherrennen, obwohl ich zu Hause war. Wenigstens stand bei mir aber immer ein Name auf dem Zettel.“ Und wir schieden lachend voneinander.

Ich kann den frustrierten jungen Mann aus dem Video daher durchaus verstehen, wenn ich in einem Fall auch seine Wortwahl nicht schätze. Aber ansonsten hat er mein volles Verständnis.

Und bisweilen überlege ich, ob die Zeit der Postkutschen wirklich so unbequem war – unbequemer als heute. Denn bekam man früher seine Post nicht wegen eines unschönen Überfalls oder Achsbruchs, so bekommt man seine Post heute bisweilen auch nicht. Nicht wegen irgendwelcher Überfälle, sondern weil Pakete bisweilen auf wundersame Weise verschwinden, Pakete wider die Vereinbarung in Paketdienst-Filialen abgeliefert werden, ohne den zu Hause harrenden Wunschtermin-Empfänger darüber in Kenntnis zu setzen oder einfach über den Gartenzaun geworfen werden (eine Bekannte berichtete, sie habe kürzlich ein schon länger erwartetes, angeblich zugestelltes Paket unter einem ausladenden Busch im Garten gefunden, mehr durch Zufall, da sie gerade den Rasen mähte, und ein Nachbar berichtete, er habe ein Paket für einen anderen Nachbarn in der Blauen Tonne gefunden …). Und Päckchen sind sowieso ganz heikel! Keine Tracking-Nummer. Verschickt deshalb lieber niemals Päckchen! 😉

In diesem Sinne: Beamen wäre doch ganz schön. 😉 Und: Trotz so vieler Wunschmöglichkeiten bleiben doch recht viele Wünsche offen.

Einen schönen zweiten Advent! 🙂

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