„Ich liebte ein Mädchen in …“ Oder: „Vorsicht! ‚Feind‘ singt mit!“ 😉

„Ich liebte ein Mädchen in Tegel, die hatte Ohren wie Segel. […] Ich liebte ein Mädchen in Mexiko, die hatt‘ einen runden sexy Po!“

So sang ich voller Inbrunst als Kleinkind. Das war irgendwann in den Siebzigern. Und dummerweise sang ich dergleichen sehr deutlich artikuliert und voller Begeisterung ganz laut bei meinen Großeltern in NRW … Ich habe schon als Kleinkind sehr gern gesungen. 😉

Die Aufregung war groß – woher hatte „die Kleine“ solch ein Lied? Die Aufregung war besonders groß, als ich an die Zeile geriet, die da hieß: „Ich liebte ein Mädchen in Mainz, die war gar keins.“ (Gut, um das zu verstehen, war ich noch zu klein, und auch den Rest des balladenartigen Blödel-Liedes im Schnelldurchlauf – es dauert nur etwa zweieinhalb Minuten – habe ich damals inhaltmäßig bisweilen nicht so recht verstanden, bis auf den mexikanischen Po und die Segelohren in Tegel – glücklicherweise hatten meine sittenstrengen protestantischen Großeltern die zweite Strophe nicht zur Gänze mitbekommen, die da mit: „Ich liebte ein Mädchen in Wedding, die wollte immer nur Petting“ begann … (Was das bedeutete, wusste ich damals auch noch nicht, wie auch so vieles andere in diesem Lied – aber es reimte sich! Naja, zumindest so etwas Ähnliches. 😉 )

Meine Großeltern fragten investigativ, woher ich denn dieses Lied kennte, und meine Antwort erfolgte ebenso inbrünstig wie arglos, und ich bekannte, dass mein Onkel aus Franken und seine Freunde das immer sängen. Und die Mama würde auch immer mitsingen. Große Entrüstung bei meinen Großeltern, die hinsichtlich der angeheirateten süddeutschen Verwandtschaft, speziell jedoch mit meinem etwas unkonventionellen Onkel immer etwas gefremdelt haben. Hätte ich doch gesagt, dass dieses Lied nicht tagtäglich, sondern nur bei Partys intoniert wurde, die meist schon nachmittags begannen, harmlos, so dass auch Kinder zunächst noch daran teilnehmen konnten. Und dass man in Franken nicht derart „geschraubt“ mit Kindern umgehe. Zumindest in meiner Familie nicht. Hätte ich im fränkischen Teil meiner Familie dieses Lied so inbrünstig vorgesungen, hätte man laut gelacht, mich für meinen Mut gelobt und mir dann noch gesagt: „Und den Rrressdd, den lerrrnsdd fei spädä, wennsdd grrößä bist, gell?“

Das Lied hatte ich lange vergessen, nur manchmal schossen mir die Textzeilen mit dem „Mädchen aus Tegel“ und dem „Mädchen aus Mexiko“ durch den Kopf, und dann musste ich immer lachen. Das Lied ist untrennbar mit meiner Kindheit verbunden, und von daher war es für mich immer ein schönes Lied, das gute Laune machte. Gut, nicht zwingend bei meinen Großeltern aus NRW, und der Gedanke daran entlockte mir aus unerfindlichen Gründen immer ein leicht ironisches Grinsen … 😉 Nichts gegen meine Großeltern hier, die ich mochte, aber man kann es auch übertreiben mit dem Entsetzen.

Erst vor drei Tagen wurde mir das Lied wieder präsent, denn ich las, dass sein „Erschaffer“, Ingo Insterburg war sein Künstlername, gestorben sei. Und ich googelte nach dem gesamten Text, las ihn und brach in lautes Lachen aus. Das hatte ich bei meinen liebevollen, aber sittenstrengen Großeltern allen Ernstes gesungen? 😉 Ich verstand ihre Aufregung zwar noch immer nicht, aber ich hatte eine Ahnung, was sie wohl gedacht haben müssen.

Dann rief ich meine Schwester an, und als sie sich meldete, sang ich: „Ich liebte ein Mädchen in Mexiko“. Zum Glück erkannte sie meine Singstimme und sang zurück: „Die hatt‘ einen runden sexy Po!“ Sie hatte Lied und Text offenbar auch verinnerlicht. 😉
Und dann schwelgten wir ein bisschen in Kindheitserinnerungen, zu denen auch dieses Lied und viele schöne Ferien in Franken gehörten. Auch meine Erfahrung hier nach Absingen des Liedes – Stephanie lachte sich halbtot und meinte: „Typisch Ali! Wie konntest du das auch bei Omma und Oppa absingen? Und dann noch fröhlich erklären, dass das in Franken ganz normal sei! Kein Wunder, dass Omma Elisabeth damals so schockiert war, als sie mit uns beiden mit dem Zug nach Franken fuhr, wir von Onkel Christoph in Würzburg abgeholt wurden, der dich und mich mit den Worten: ‚Da seid ihr ja endlich, ihr kleinen Scheißerlein!‘“ empfing! Weißt du noch, wie entgeistert Omma guckte, während wir laut jubelnd zu Onkel Christoph rannten und er uns in den Arm nahm? Omma war völlig verstört! Da bezeichnet man ihre Enkelinnen als Scheißerlein, und die jubeln sogar und stürzen dem vermeintlichen Beleidiger auch noch in die Arme!“ – „Ich fand es passend, dass Omma mal gezeigt wurde, wie es in Franken abgeht und dass das – wenn es auch schräg klingen mag – sehr liebevoll gemeint ist. Eine Lektion in interkultureller Kompetenz!“ – „Erinnerst du dich daran, dass Omma ganz stumm im Auto gesessen hat, auf der Fahrt von Würzburg nach Bamberg? Während du und ich laut lachten und uns freuten, endlich wieder in Franken zu sein?“ – „Ja. Ich glaube, sie hat es nicht verstanden, dass wir nach einer vermeintlichen Beschimpfung auch noch so begeistert auf die Umgebung reagierten. Sie verstand die fränkische bzw. bayerische Art nicht und verwechselte das Ganze mit ungehobeltem Benehmen. Da ist sie ja aber beileibe nicht die Einzige.“

Und ich lachte und sang: „Ich liebte ein Mädchen in Wannsee, die konnte kein’n nackten Mann seh’n!“ Stephie lachte.

Es kommt halt immer auf die Chemie an – und die stimmt bisweilen schon nicht zwischen verschiedenen Regionen eines Landes. Gut – weder Onkel Christoph noch ich waren je die besten Diplomaten … 😉

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