„AKW“ muss nicht immer „Atomkraftwerk“ heißen …

Ich finde ja, dass manche Wörter – speziell im Deutschen – recht sperrig seien. Damit sind – schlimmstenfalls – Kreationen wie Donau­dampfschifffahrts­gesell­schafts­kapitän gemeint. Und – ja! – dieser Begriff ist keineswegs erfunden, nein. Den gab es wirklich! 😉

Grauenhaft sogar für Muttersprachler – wie erst mussten oder müssen sich Menschen fühlen, die Deutsch als Fremdsprache lernen! Noch schlimmer als ich bei meinem tapferen Erwerb der polnischen Sprache (dagegen erscheint mir der Niederländisch-Kurs, den ich auch weiterhin besuche, wie eine Art Erholung … Fast möchte man dabei die Füße hochlegen, zumindest im direkten Vergleich. Und man windet sich beim Niederländischen – anders als beim Polnischen – auch keinen Knoten in die Zunge … 😉 )!

Aber es gibt da etwas Wunderbares: Abkürzungen. Wir alle kennen sie. Sie vereinfachen zum Beispiel – z. B. – den Schriftverkehr. Mein Grad, den ich nach einem zermürbenden Studium endlich ergattert hatte, heißt abgekürzt M.A., und das steht für Magister Artium, wörtlich übersetzt: Meister der Künste! Die größte Kunst bestand übrigens darin, mich selber davon zu überzeugen, das Examen auch wirklich zu machen, das ich dann auch bestand, und das sogar gut … 😉 (Fragt aber bitte nicht nach dem Heulen und Zähneklappern, Blut, Schweiß und Tränen – ich hatte panische Angst vor dem Examen. Und das alles für zwei Buchstaben und zwei Punkte hinter meinem Namen, der allerdings damit erheblich mehr hermacht … 😉 ) Alles dafür, dass ich vor Jahren, als ich durch Insolvenz meines damaligen Arbeitgebers arbeitslos geworden war, bei der Agentur für Arbeit gefragt wurde, ob das Kürzel mit Abschluss heiße. Da habe ich nach anfänglichem Staunen laut gelacht – ja, in der Tat! Im Grunde heißt es das ja irgendwie. 😉 Frau Röhrig entschuldigte sich sogleich bei mir, als ich es erklärte, aber ich lachte noch mehr und meinte: „Nein, nein! Alles in Ordnung! Die Glückseligkeit hängt beileibe nicht von einem akademischen Grad ab – sonst säße ich ja gar nicht hier. Nein, alles okay! Ganz ehrlich: Ich wollte eigentlich gar nicht studieren, sondern Logopädin für Kinder werden. Mir ist völlig schnurz, ob jemand so einen oder ähnlichen Grad hat oder nicht – Hauptsache, das Herz sitzt an der richtigen Stelle!“

Abkürzungen sind bei sperrigen Begriffen oder auch Fremdwörtern bisweilen sehr, sehr praktisch. Auch wenn ich mich manchmal wundere, warum manche Leute et cetera nicht einfach mit etc., sondern ect. abkürzen. Es ist besser, eine andere Abkürzung zu benutzen, wenn man nicht genau weiß, wie sich die fremdsprachliche Abkürzung schreibt, und hier wäre usw. sicherlich besser. Dasselbe bei q.e.d. – da las ich schon mehrfach c.e.d. Einmal sogar ausgeschrieben: Cuod erat demonstrandum … Es klingt jetzt sicherlich arrogant, ist aber gar nicht so gemeint, nur würde ich in solchen Fällen empfehlen, die deutsche Abkürzung, w.z.b.w., was zu beweisen war, zu verwenden.

Auch auf offiziellen Einladungen findet man bisweilen Abkürzungen, zumindest solchen, da eine Rückmeldung gewünscht ist. Früher schrieb man u.A.w.g. – um Antwort wird gebeten. Danach war RSVP nicht selten zu finden. Das ist eleganter – zumindest empfanden das nicht wenige Einladende so. Denn das ist die französische Abkürzung, und Französisch wird ja von vielen als total schick empfunden. Dabei ist es eine ganz normale Sprache, und somit ist RSVP auch eine ganz normale Abkürzung, die Répondez, s’il vous plaît bedeutet. Kurz und schmerzlos: „Bitte antworten Sie.“ Sofern man teilnehmen möchte. 😉

Ich habe bis vor einiger Zeit als Dozentin gearbeitet und musste meinen Studis ganz minutiös erklären, dass einige meiner Veranstaltungen s. t. stattfänden, andere jedoch c. t. – sie kamen ständig durcheinander und im Falle von s. t. oft viel zu spät, obwohl die Veranstaltung in der Tat pünktlich zum im Vorlesungsverzeichnis genannten Zeitpunkt begann. Als ich ihnen erklärte, was die Abkürzungen bedeuteten, blickte ich in riesengroße Augen: „Wat? Wie? Sine? So wie Apfelsine? Was heißt denn das?“ Da erst fiel mir auf, dass viele Studis gar kein Latein mehr in der Schule haben. Beim letzten Seminar mit 30 Teilnehmern fragte ich – denn Lateinkenntnisse sind auch im Englischen sehr hilfreich und erleichtern einiges – einmal mehr nach, wer denn noch (!) Latein in der Schule gehabt hätte, und da meldeten sich ganze zwei Leute, und das mit einem Habitus, als hätten sie dafür den Nobelpreis verdient – mindestens … 😉 (Ich gebe zu, Latein war gewiss auch nicht mein Lieblingsfach – ganz im Gegenteil! Ich hatte unverdientes Glück: Ich musste dafür nicht viel lernen. Umso schöner, dass es mir wirklich weitergeholfen hat in meinem Studium – und nicht nur dort. 😉 Aber eine besondere Leistung ist es eigentlich nicht. Oder? Eine Leistung – abhängig von der Art des Lateinlehrers – ist es, wenn man vor Langeweile im Lateinunterricht nicht einschläft. 😉 )

Dennoch waren zu meinen Studienzeiten auch Lateinunkundige – davon gab es damals allerdings nicht so viele wie heute, und viel mehr Schüler waren mit dieser Sprache gequält worden – in der Lage, den Unterschied zwischen s. t., sine tempore, und c. t., cum tempore, zu verstehen, und das nach nur einmaliger Erklärung. 😉 Sine tempore waren meist Seminare, Übungen oder Praktika. Cum tempore meist Vorlesungen, denn da konnte jede/r so hereinschneien, wie er/sie wollte.

Im privaten Gebrauch können Abkürzungen ganz individuell sein. Glücklicherweise bin ich mit der Abkürzneigung vertraut, da durch meinen Vater, Elektroingenieur und abkürzbegeistert, von klein auf damit quasi verwachsen, und das hat schon mehrfach geholfen. Man muss manchmal einfach nur abstrakt denken – und/oder ein Faible für Sprache haben. 😉

Vor diversen Jahren war ich auf der Examensparty meines – auch damals schon – Ex-Freundes Richie eingeladen, die in Neuss stattfand, woher Richie stammte. Einige Leute aus Aachen sollten auch kommen, darunter Paul, der mich dann auch mit dem Auto mitnahm. Als wir in Neuss vor Richies Elternhaus geparkt und an der Tür geklingelt hatten, stellten wir fest, dass niemand öffnete, obwohl von jenseits der angebauten Garage, hinter der der Garten war, Partygeräusche zu hören waren. Paul klingelte wieder und wieder an der Haustür, bis der Klingeldraht beinahe durchbrannte … Wir riefen. Wir klingelten. Ohne Erfolg.

Dann plötzlich entdeckte Paul ein Schild: „Z. P.: B. a. d. GT h. d. MT k.!“ Er sah sich nach mir um und meinte: „Kannst du dir erklären, was das heißen soll?“ Ich sah ihn zunächst ebenso irritiert an wie er mich, dann sah ich mich um, und schon fiel der Groschen: „Ja! Klar! ‚Zur Party: Bitte an der Gartentür hinter der Mülltonne klingeln!‘“ Und ich strahlte Paul an, als hätte ich gerade das Rad erfunden. 😉

Paul sah mich an, als sei ich vom Irrsinn angefallen, und er meinte: „Aha. ‚Gartentür‘ – ‚Mülltonne‘ …“ – „Ja, sorry, ich bin selten durch die Garage ins Haus gekommen – aber daneben ist doch die Gartentür! Da ist die Garage, und links daneben ist die Gartentür – hinter der Mülltonne!“ Paul seufzte, dann meinte er: „Diese absolut irre Abkürzung ist eindeutig auf Richies Mist gewachsen! Klar, ist ja auch Ingenieur – die kürzen immer alles ab!“ Und dann grummelte er vor sich hin: „Du bist keine Ingenieurin, verstehst das aber offenbar – warum seid ihr beide eigentlich nicht zusammengeblieben? Sogar die bescheuertsten Abkürzungen verstehst du! Als wäret ihr eins!“ Ich lächelte und meinte: „Ich bin vorbelastet. Mein Vater ist Ingenieur. Die lieben Abkürzungen, und wie die zu interpretieren sind, lernt man als Ingenieurkind ganz schnell.“

Paul drückte enerviert auf die Klingel neben der Gartentür. Die ging Sekundenbruchteile später auf, und Richie rief laut und begeistert: „Da seid ihr ja! Ihr habt offenbar die Abkürzung verstanden! Endlich – die meisten haben -zigmal an der Haustür geklingelt und dann laut gerufen. Immerhin – ihr habt es verstanden!“ Paul grinste: „Ich nicht! Ich würde jetzt noch vor der Haustür stehen und klingeln – hier, deine Ex hat total schnell geschaltet! Die reinste Dechiffriermaschine – so schnell ging das! Warum ihr beide nicht mehr zusammen seid, ist mir ein Rätsel! So eine Frau findest du so schnell nicht wieder – versteht sogar deine bekloppten Abkürzungen …“ Und Paul stürmte durch die Gartentür, während Richie mich in den Arm nahm und meinte: „Der versteht das nicht – hat halt keine Ingenieurgene. Er ist halt ein Banker.“ – „Und ich Philologin.“ – „Aber mit echten Ingenieurgenen – grüß doch bitte deinen Vater von mir!“ 😉

Ingenieure unter sich. Mein Vater hat, als ich noch studierte, meine monatliche „Förderrate“ immer überwiesen, und auf dem Kontoauszug stand am Ende der Buchung immer: HGP. Das erstaunte mich anfangs, und als ich dann nachfragte, erklärte er mir, dass dies: „Herzliche Grüße, Papa“ heiße. Das fand ich total süß, und ich freute mich immer, wenn ich es auf Kontoauszügen las. 😊

Mein Vater hat nie von seinem AKW abgelassen, den er – je nach Stimmung – auch als AküWa bezeichnet, als Abkürzwahn. Nett, dass er es selber als eine Art Trieb betrachtet. Sehr sympathisch und menschlich. 😉

Erst kürzlich wurde er von diesem „Wahn“ eingeholt. Und das durch mich. Und der Anlass so erfreulich. Und harmlos. 😉

Denn am Sechsten dieses Monats rief ich meine Eltern an. Es war ein erfreuliches Telefonat, eine Gratulation, und als meine Mutter sich meldete, rief ich fröhlich: „Alles Gute zum Hochzeitstag!“

Meine Mutter stutzte, dann fing sie zu lachen an und meinte: „Ach, du Scheiße! Das haben wir ja völlig vergessen! Karl-Heinz – wir haben heute Hochzeitstag! Ali ruft an und gratuliert!“ Mein Vater rief aus dem Hintergrund Dankesworte, und ich lachte und meinte: „Ja, vielleicht verdrängt man einiges ja mit der Zeit …“ Meine Mutter lachte auch und meinte: „Nicht frech werden!“ Und wir unterhielten uns kurzfristig weiter, bis aus dem Hintergrund mein Vater etwas rief. Seine Stimme klang triumphierend. Und irgendwie erleichtert. Als sei eine Last von ihm abgenommen worden. Und ich hörte, wie er zu meiner Mutter etwas sagte … Es klang wie undeutliches Gemurmel, da meine Mutter den Hörer zuhielt.

Dann hörte ich meine Mutter wieder, die laut lachend in den Hörer rief: „Danke für deinen Anruf und die Glückwünsche, Ali! Endlich wissen wir, was da auf unserem Wandkalender am Sechsten vermerkt ist! Da steht HT-KuK! Wir haben nun seit Tagen herumgerätselt, was das wohl heißen könne – du hast uns echt geholfen, weil wir schon dachten, dass das ein Termin sein könnte, den zu verpassen peinlich sein könnte! Und nun wissen wir endlich, was das heißt, nämlich …“ – „ … Hochzeitstag Karl-Heinz und Kathrin!“ – „Ja! Das alles ist nur deinem Vater anzulasten, mit seinen ewigen bescheuerten Abkürzungen! Seit Jahrzehnten! Nur wusste er früher noch, was die bedeuten! Karl-Heinz! Heute koche ich nicht – wir gehen essen! Das muss gefeiert werden!“ 😉

Aber sie waren beide fröhlich und freuten sich, wenn auch meine Mutter meinte, dass Abkürzungen vielleicht mit fortschreitendem Alter nicht mehr ganz so praktisch seien. 😉

E. e. sch. A.! 😉

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