Im Grunde sind immer und an allem die Eltern schuld – speziell die Mütter … ;-)

Neulich stolperte ich in der Online-Ausgabe einer renommierten Zeitung über einen Artikel, in dem es darum ging, dass Kinder unser aller Zukunft seien. Daran gibt es natürlich nichts zu rütteln. Höchstens an der Art und Weise, wie die Kinder sozialisiert werden. Und da scheint sich gegenüber meiner und der Kindheit vieler anderer Menschen meiner Altersgruppe so einiges geändert zu haben. Ganz zu schweigen von der Altersgruppe meiner und der anderen Menschen meiner Altersgruppe Eltern! 😉

Staunend las ich die Auskunft eines Praktikanten bzw. einer Praktikantin eines KiGas bzw. einer KiTa, die besagte, dass eine Mutter stolz berichtet habe, dass sie ihrem kleinen Sohn – sicherlich ein wichtiges Projekt, als das manche Eltern ihr Kind sehen – jeden Morgen minutiös mittels eines Haartrockners die Klobrille vorwärme, da er sich sonst nicht für den Toilettengang erwärmen könne. (Und es kann ganz leicht in die Hose oder sonstwohin gehen, wenn man da nicht hinreichend aufmerksam ist … 😉 ) Eine weitere Mutter bekräftigte, dass ihre Tochter den Toilettengang strikt verweigere, sei der Toilettensitz nicht vorgewärmt, und dann kamen noch mehrere Erziehungsberechtigte zusammen, die Ähnliches zu berichten wussten.

Ich las, saß da und war froh, keinen Spiegel vor meinem Antlitz zu haben. Mein Gesicht hätte ich in dem Moment, da ich dessen, was dort berichtet wurde, gewahr wurde – nebst allen Konsequenzen! – nicht sehen mögen. Wahrscheinlich blickte ich wie jemand drein, vor dessen Augen gerade ein Massaker stattfindet oder -gefunden hat: leerer Blick, offener Mund, Schock!

Mal ganz im Ernst: Geht es noch? Kinder verweigern den Gang zur Toilette, wenn die Eltern die Klobrille nicht vorwärmen? (Keine Frage, daran sind nicht die Kinder schuld …) Das schockierte mich wirklich, aber als ich dann an die letzten Seminare an der Universität in der Nachbarstadt dachte, wunderte ich mich nicht mehr so sehr. Dann dachte ich über die von mir geleiteten Seminare an einer anderen Hochschule nach, und da hatte ich immerhin drei Jahrgänge, von denen der älteste bzw. erste noch der coolste war, obwohl es da auch Abstriche gab. Sie wollten alle als total erwachsen ernstgenommen werden, aber wenn es hart auf hart kam, hieß es öfter: „Frau B., Herr Prof. W. ist ungerecht! Können Sie mal mit ihm sprechen? Bittääää!“ Meine Antwort in jedem dieser Fälle: „Nein. Das ist nicht meine Aufgabe, und darüber hinaus: Warum sollte ich das tun? Was erwarten Sie von mir? Sie sind erwachsen, wollen ja auch als Erwachsene wahrgenommen werden. Das tue ich – es sei denn, Sie benehmen sich mal wieder kindisch. Im Allgemeinen jedoch nehme ich Sie ernst. Und somit erwarte ich auch von Ihnen, dass Sie Ihre Probleme wie erwachsene Menschen angehen. Ich nenne Ihnen bei Misserfolg gern Stellen, an die Sie sich wenden können. Nur, bitte: Halten Sie mich da heraus, da ich a) keinen Einfluss habe, b) Sie ja erwachsen sind. Meinen Sie denn, während meines Studiums wäre jemand anderes als ich hingegangen und hätte sich in Zweifelsfällen für mich eingesetzt? Nee!“ So war es auch. Manchmal galt es einfach, das Beste aus der verfahrenen Situation zu machen, und das tat man dann auch.

Ich muss dazusagen, dass mich die Studis trotzdem – vielleicht auch gerade deswegen – gemocht haben. Zu einigen habe ich heute noch Kontakt, und inzwischen duzen wir einander. Erst kürzlich bekam ich eine Nachricht über den Messenger eines Sozialen Mediums, als ich in Bonn bei der Fortbildung war: „Hey, Ali! Kann es sein, dass ich dich vorhin im Frühstücksraum des …-Tagungshotels gesehen habe? Ich war mir nicht sicher und musste schnell auschecken, da ich meinen Zug bekommen musste – aber das wollte ich doch gerne wissen! Ich denke, du warst das – ich habe mich in jedem Fall gefreut!“ 😉 Und es stimmte! Julius warnte mich sogar noch, dass es im Tagungszentrum nur Jever als Biersorte gebe! Ich schrieb zurück, ich hätte am Vorabend lieber Jever getrunken als Kölsch beim Italiener, und ich erntete diverse höchst amüsierte Emojis und die Hoffnung, demnächst mal persönlich ein Pilsken zu trinken. Nett! 😊

Ich bin mir sicher, dass Julius‘ Eltern ihm – ähnlich wie meine Eltern – auch nicht die Klobrille warmgeföhnt haben. Dennoch rief ich kürzlich meine Eltern an, wenn auch aus anderen Gründen. Aber – meine Mutter war dran – ich meinte: „Ich bin übrigens sehr bestürzt darüber, wie ich als Kind vernachlässigt wurde!“ Dabei grinste ich …

Meine Mutter schnappte nach Luft, dann meinte sie: „Geht es noch?!?“ Und ich rief: „Das war nicht ernstgemeint! Hör mir einfach zu!“ Und schon las ich ihr aus der Online-Version der o. a. Zeitung vor … Meine Mutter sagte erst einmal gar nichts. Doch dann drang dröhnendes Lachen durch den Hörer, und sie rief: „Ach, du Scheiße! Und das soll die Zukunft sein? In der Tat: Wenn das der Standard ist, haben Papa und ich uns hinsichtlich deiner Schwester und deiner Person einiges vorzuwerfen! Nicht nur, dass Papa und ich euch zumuteten, euch auf die unangewärmte Klobrille zu Hause setzen zu müssen, mussten Stephie und du damals im Urlaub im Allgäu auch noch ein Plumpsklo aufsuchen! Naja, du nur dreimal, weil du solche Angst hattest. Aber das Ding war sogar für Erwachsene arg, und du warst knapp drei Jahre alt und wärest fast durch die Brille in die Senkgrube gefallen – zum Glück habe ich dich festgehalten! Danach war das Klo-Thema mit dir auch einen Tick schwieriger, aber es musste nie etwas vorgewärmt werden. Unglaublich! Da graut einem ja vor der Zukunft. Ich muss feststellen, dass ich erstaunlich pflegeleichte Kinder habe.“ (In gewisser Weise war ich den Kindern, die alles vorgekaut und -gewärmt haben müssen, sogar noch ein wenig dankbar: Derartiges hatte meine Mutter zuvor noch nie geäußert! 😉 )

Eine Woche später rief Mama mich an, und sie sagte: „Ich habe noch einmal nachgedacht. Stephie war ja neulich da, und wir haben mit ihr alte Super-8-Filme angesehen, aus der Zeit, als sie noch ein Baby bzw. Kleinkind war. Da wurde mir zeitweilig ganz schlecht! Es gab mehrere Szenen, da sie in der Küche auf der Arbeitsplatte saß, ganz klein war sie noch, und neben ihr stand der Obstkorb, und ein Messer lag daneben! Und in einer anderen Szene spielt sie mit einer Zigarettenschachtel! Und in der Szene darauf mit einem Feuerzeug! Ehrlich gestanden: Wie verantwortungslos war ich denn damals?!?“

Ich lachte schallend und sagte: „Überhaupt nicht verantwortungslos! Du warst doch immer dabei und hast aufgepasst! Die Zeiten waren anders, Zigarettenschachteln und Feuerzeuge lagen herum, aber dennoch wurde auf die Kinder aufgepasst – mach dir doch keinen Kopp! Stephie ist doch gut geraten! Sie raucht nicht einmal!“

Mama lachte, und dann meinte sie: „Es kommt natürlich auch ein bisschen auf die Persönlichkeit des Kindes an … Dich hätte ich gewiss nicht auf der Arbeitsplatte sitzen lassen können, und die Zigaretten und das Feuerzeug hätte ich dir sicherlich gleich aus der Hand gewunden! Du warst zwar immer sehr gelassen und wirktest sehr ruhig – aber wehe, man drehte dir nur kurz den Rücken zu! Du kamst immer auf ganz unerwartete Ideen! Es war nie langweilig mit dir.“

Da rief ich: „Wie – auch noch Kritik? Ihr habt mir ja noch nicht einmal die Klobrille vorgewärmt! Kein Wunder, dass ich da so reagierte!“

Und meine Mutter und ich lachten uns halb schlapp … 😃 Und wir freuen uns unbändig auf die Zukunft! 😉

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