„AKW“ muss nicht immer „Atomkraftwerk“ heißen …

Ich finde ja, dass manche Wörter – speziell im Deutschen – recht sperrig seien. Damit sind – schlimmstenfalls – Kreationen wie Donau­dampfschifffahrts­gesell­schafts­kapitän gemeint. Und – ja! – dieser Begriff ist keineswegs erfunden, nein. Den gab es wirklich! 😉

Grauenhaft sogar für Muttersprachler – wie erst mussten oder müssen sich Menschen fühlen, die Deutsch als Fremdsprache lernen! Noch schlimmer als ich bei meinem tapferen Erwerb der polnischen Sprache (dagegen erscheint mir der Niederländisch-Kurs, den ich auch weiterhin besuche, wie eine Art Erholung … Fast möchte man dabei die Füße hochlegen, zumindest im direkten Vergleich. Und man windet sich beim Niederländischen – anders als beim Polnischen – auch keinen Knoten in die Zunge … 😉 )!

Aber es gibt da etwas Wunderbares: Abkürzungen. Wir alle kennen sie. Sie vereinfachen zum Beispiel – z. B. – den Schriftverkehr. Mein Grad, den ich nach einem zermürbenden Studium endlich ergattert hatte, heißt abgekürzt M.A., und das steht für Magister Artium, wörtlich übersetzt: Meister der Künste! Die größte Kunst bestand übrigens darin, mich selber davon zu überzeugen, das Examen auch wirklich zu machen, das ich dann auch bestand, und das sogar gut … 😉 (Fragt aber bitte nicht nach dem Heulen und Zähneklappern, Blut, Schweiß und Tränen – ich hatte panische Angst vor dem Examen. Und das alles für zwei Buchstaben und zwei Punkte hinter meinem Namen, der allerdings damit erheblich mehr hermacht … 😉 ) Alles dafür, dass ich vor Jahren, als ich durch Insolvenz meines damaligen Arbeitgebers arbeitslos geworden war, bei der Agentur für Arbeit gefragt wurde, ob das Kürzel mit Abschluss heiße. Da habe ich nach anfänglichem Staunen laut gelacht – ja, in der Tat! Im Grunde heißt es das ja irgendwie. 😉 Frau Röhrig entschuldigte sich sogleich bei mir, als ich es erklärte, aber ich lachte noch mehr und meinte: „Nein, nein! Alles in Ordnung! Die Glückseligkeit hängt beileibe nicht von einem akademischen Grad ab – sonst säße ich ja gar nicht hier. Nein, alles okay! Ganz ehrlich: Ich wollte eigentlich gar nicht studieren, sondern Logopädin für Kinder werden. Mir ist völlig schnurz, ob jemand so einen oder ähnlichen Grad hat oder nicht – Hauptsache, das Herz sitzt an der richtigen Stelle!“

Abkürzungen sind bei sperrigen Begriffen oder auch Fremdwörtern bisweilen sehr, sehr praktisch. Auch wenn ich mich manchmal wundere, warum manche Leute et cetera nicht einfach mit etc., sondern ect. abkürzen. Es ist besser, eine andere Abkürzung zu benutzen, wenn man nicht genau weiß, wie sich die fremdsprachliche Abkürzung schreibt, und hier wäre usw. sicherlich besser. Dasselbe bei q.e.d. – da las ich schon mehrfach c.e.d. Einmal sogar ausgeschrieben: Cuod erat demonstrandum … Es klingt jetzt sicherlich arrogant, ist aber gar nicht so gemeint, nur würde ich in solchen Fällen empfehlen, die deutsche Abkürzung, w.z.b.w., was zu beweisen war, zu verwenden.

Auch auf offiziellen Einladungen findet man bisweilen Abkürzungen, zumindest solchen, da eine Rückmeldung gewünscht ist. Früher schrieb man u.A.w.g. – um Antwort wird gebeten. Danach war RSVP nicht selten zu finden. Das ist eleganter – zumindest empfanden das nicht wenige Einladende so. Denn das ist die französische Abkürzung, und Französisch wird ja von vielen als total schick empfunden. Dabei ist es eine ganz normale Sprache, und somit ist RSVP auch eine ganz normale Abkürzung, die Répondez, s’il vous plaît bedeutet. Kurz und schmerzlos: „Bitte antworten Sie.“ Sofern man teilnehmen möchte. 😉

Ich habe bis vor einiger Zeit als Dozentin gearbeitet und musste meinen Studis ganz minutiös erklären, dass einige meiner Veranstaltungen s. t. stattfänden, andere jedoch c. t. – sie kamen ständig durcheinander und im Falle von s. t. oft viel zu spät, obwohl die Veranstaltung in der Tat pünktlich zum im Vorlesungsverzeichnis genannten Zeitpunkt begann. Als ich ihnen erklärte, was die Abkürzungen bedeuteten, blickte ich in riesengroße Augen: „Wat? Wie? Sine? So wie Apfelsine? Was heißt denn das?“ Da erst fiel mir auf, dass viele Studis gar kein Latein mehr in der Schule haben. Beim letzten Seminar mit 30 Teilnehmern fragte ich – denn Lateinkenntnisse sind auch im Englischen sehr hilfreich und erleichtern einiges – einmal mehr nach, wer denn noch (!) Latein in der Schule gehabt hätte, und da meldeten sich ganze zwei Leute, und das mit einem Habitus, als hätten sie dafür den Nobelpreis verdient – mindestens … 😉 (Ich gebe zu, Latein war gewiss auch nicht mein Lieblingsfach – ganz im Gegenteil! Ich hatte unverdientes Glück: Ich musste dafür nicht viel lernen. Umso schöner, dass es mir wirklich weitergeholfen hat in meinem Studium – und nicht nur dort. 😉 Aber eine besondere Leistung ist es eigentlich nicht. Oder? Eine Leistung – abhängig von der Art des Lateinlehrers – ist es, wenn man vor Langeweile im Lateinunterricht nicht einschläft. 😉 )

Dennoch waren zu meinen Studienzeiten auch Lateinunkundige – davon gab es damals allerdings nicht so viele wie heute, und viel mehr Schüler waren mit dieser Sprache gequält worden – in der Lage, den Unterschied zwischen s. t., sine tempore, und c. t., cum tempore, zu verstehen, und das nach nur einmaliger Erklärung. 😉 Sine tempore waren meist Seminare, Übungen oder Praktika. Cum tempore meist Vorlesungen, denn da konnte jede/r so hereinschneien, wie er/sie wollte.

Im privaten Gebrauch können Abkürzungen ganz individuell sein. Glücklicherweise bin ich mit der Abkürzneigung vertraut, da durch meinen Vater, Elektroingenieur und abkürzbegeistert, von klein auf damit quasi verwachsen, und das hat schon mehrfach geholfen. Man muss manchmal einfach nur abstrakt denken – und/oder ein Faible für Sprache haben. 😉

Vor diversen Jahren war ich auf der Examensparty meines – auch damals schon – Ex-Freundes Richie eingeladen, die in Neuss stattfand, woher Richie stammte. Einige Leute aus Aachen sollten auch kommen, darunter Paul, der mich dann auch mit dem Auto mitnahm. Als wir in Neuss vor Richies Elternhaus geparkt und an der Tür geklingelt hatten, stellten wir fest, dass niemand öffnete, obwohl von jenseits der angebauten Garage, hinter der der Garten war, Partygeräusche zu hören waren. Paul klingelte wieder und wieder an der Haustür, bis der Klingeldraht beinahe durchbrannte … Wir riefen. Wir klingelten. Ohne Erfolg.

Dann plötzlich entdeckte Paul ein Schild: „Z. P.: B. a. d. GT h. d. MT k.!“ Er sah sich nach mir um und meinte: „Kannst du dir erklären, was das heißen soll?“ Ich sah ihn zunächst ebenso irritiert an wie er mich, dann sah ich mich um, und schon fiel der Groschen: „Ja! Klar! ‚Zur Party: Bitte an der Gartentür hinter der Mülltonne klingeln!‘“ Und ich strahlte Paul an, als hätte ich gerade das Rad erfunden. 😉

Paul sah mich an, als sei ich vom Irrsinn angefallen, und er meinte: „Aha. ‚Gartentür‘ – ‚Mülltonne‘ …“ – „Ja, sorry, ich bin selten durch die Garage ins Haus gekommen – aber daneben ist doch die Gartentür! Da ist die Garage, und links daneben ist die Gartentür – hinter der Mülltonne!“ Paul seufzte, dann meinte er: „Diese absolut irre Abkürzung ist eindeutig auf Richies Mist gewachsen! Klar, ist ja auch Ingenieur – die kürzen immer alles ab!“ Und dann grummelte er vor sich hin: „Du bist keine Ingenieurin, verstehst das aber offenbar – warum seid ihr beide eigentlich nicht zusammengeblieben? Sogar die bescheuertsten Abkürzungen verstehst du! Als wäret ihr eins!“ Ich lächelte und meinte: „Ich bin vorbelastet. Mein Vater ist Ingenieur. Die lieben Abkürzungen, und wie die zu interpretieren sind, lernt man als Ingenieurkind ganz schnell.“

Paul drückte enerviert auf die Klingel neben der Gartentür. Die ging Sekundenbruchteile später auf, und Richie rief laut und begeistert: „Da seid ihr ja! Ihr habt offenbar die Abkürzung verstanden! Endlich – die meisten haben -zigmal an der Haustür geklingelt und dann laut gerufen. Immerhin – ihr habt es verstanden!“ Paul grinste: „Ich nicht! Ich würde jetzt noch vor der Haustür stehen und klingeln – hier, deine Ex hat total schnell geschaltet! Die reinste Dechiffriermaschine – so schnell ging das! Warum ihr beide nicht mehr zusammen seid, ist mir ein Rätsel! So eine Frau findest du so schnell nicht wieder – versteht sogar deine bekloppten Abkürzungen …“ Und Paul stürmte durch die Gartentür, während Richie mich in den Arm nahm und meinte: „Der versteht das nicht – hat halt keine Ingenieurgene. Er ist halt ein Banker.“ – „Und ich Philologin.“ – „Aber mit echten Ingenieurgenen – grüß doch bitte deinen Vater von mir!“ 😉

Ingenieure unter sich. Mein Vater hat, als ich noch studierte, meine monatliche „Förderrate“ immer überwiesen, und auf dem Kontoauszug stand am Ende der Buchung immer: HGP. Das erstaunte mich anfangs, und als ich dann nachfragte, erklärte er mir, dass dies: „Herzliche Grüße, Papa“ heiße. Das fand ich total süß, und ich freute mich immer, wenn ich es auf Kontoauszügen las. 😊

Mein Vater hat nie von seinem AKW abgelassen, den er – je nach Stimmung – auch als AküWa bezeichnet, als Abkürzwahn. Nett, dass er es selber als eine Art Trieb betrachtet. Sehr sympathisch und menschlich. 😉

Erst kürzlich wurde er von diesem „Wahn“ eingeholt. Und das durch mich. Und der Anlass so erfreulich. Und harmlos. 😉

Denn am Sechsten dieses Monats rief ich meine Eltern an. Es war ein erfreuliches Telefonat, eine Gratulation, und als meine Mutter sich meldete, rief ich fröhlich: „Alles Gute zum Hochzeitstag!“

Meine Mutter stutzte, dann fing sie zu lachen an und meinte: „Ach, du Scheiße! Das haben wir ja völlig vergessen! Karl-Heinz – wir haben heute Hochzeitstag! Ali ruft an und gratuliert!“ Mein Vater rief aus dem Hintergrund Dankesworte, und ich lachte und meinte: „Ja, vielleicht verdrängt man einiges ja mit der Zeit …“ Meine Mutter lachte auch und meinte: „Nicht frech werden!“ Und wir unterhielten uns kurzfristig weiter, bis aus dem Hintergrund mein Vater etwas rief. Seine Stimme klang triumphierend. Und irgendwie erleichtert. Als sei eine Last von ihm abgenommen worden. Und ich hörte, wie er zu meiner Mutter etwas sagte … Es klang wie undeutliches Gemurmel, da meine Mutter den Hörer zuhielt.

Dann hörte ich meine Mutter wieder, die laut lachend in den Hörer rief: „Danke für deinen Anruf und die Glückwünsche, Ali! Endlich wissen wir, was da auf unserem Wandkalender am Sechsten vermerkt ist! Da steht HT-KuK! Wir haben nun seit Tagen herumgerätselt, was das wohl heißen könne – du hast uns echt geholfen, weil wir schon dachten, dass das ein Termin sein könnte, den zu verpassen peinlich sein könnte! Und nun wissen wir endlich, was das heißt, nämlich …“ – „ … Hochzeitstag Karl-Heinz und Kathrin!“ – „Ja! Das alles ist nur deinem Vater anzulasten, mit seinen ewigen bescheuerten Abkürzungen! Seit Jahrzehnten! Nur wusste er früher noch, was die bedeuten! Karl-Heinz! Heute koche ich nicht – wir gehen essen! Das muss gefeiert werden!“ 😉

Aber sie waren beide fröhlich und freuten sich, wenn auch meine Mutter meinte, dass Abkürzungen vielleicht mit fortschreitendem Alter nicht mehr ganz so praktisch seien. 😉

E. e. sch. A.! 😉

Im Grunde sind immer und an allem die Eltern schuld – speziell die Mütter … ;-)

Neulich stolperte ich in der Online-Ausgabe einer renommierten Zeitung über einen Artikel, in dem es darum ging, dass Kinder unser aller Zukunft seien. Daran gibt es natürlich nichts zu rütteln. Höchstens an der Art und Weise, wie die Kinder sozialisiert werden. Und da scheint sich gegenüber meiner und der Kindheit vieler anderer Menschen meiner Altersgruppe so einiges geändert zu haben. Ganz zu schweigen von der Altersgruppe meiner und der anderen Menschen meiner Altersgruppe Eltern! 😉

Staunend las ich die Auskunft eines Praktikanten bzw. einer Praktikantin eines KiGas bzw. einer KiTa, die besagte, dass eine Mutter stolz berichtet habe, dass sie ihrem kleinen Sohn – sicherlich ein wichtiges Projekt, als das manche Eltern ihr Kind sehen – jeden Morgen minutiös mittels eines Haartrockners die Klobrille vorwärme, da er sich sonst nicht für den Toilettengang erwärmen könne. (Und es kann ganz leicht in die Hose oder sonstwohin gehen, wenn man da nicht hinreichend aufmerksam ist … 😉 ) Eine weitere Mutter bekräftigte, dass ihre Tochter den Toilettengang strikt verweigere, sei der Toilettensitz nicht vorgewärmt, und dann kamen noch mehrere Erziehungsberechtigte zusammen, die Ähnliches zu berichten wussten.

Ich las, saß da und war froh, keinen Spiegel vor meinem Antlitz zu haben. Mein Gesicht hätte ich in dem Moment, da ich dessen, was dort berichtet wurde, gewahr wurde – nebst allen Konsequenzen! – nicht sehen mögen. Wahrscheinlich blickte ich wie jemand drein, vor dessen Augen gerade ein Massaker stattfindet oder -gefunden hat: leerer Blick, offener Mund, Schock!

Mal ganz im Ernst: Geht es noch? Kinder verweigern den Gang zur Toilette, wenn die Eltern die Klobrille nicht vorwärmen? (Keine Frage, daran sind nicht die Kinder schuld …) Das schockierte mich wirklich, aber als ich dann an die letzten Seminare an der Universität in der Nachbarstadt dachte, wunderte ich mich nicht mehr so sehr. Dann dachte ich über die von mir geleiteten Seminare an einer anderen Hochschule nach, und da hatte ich immerhin drei Jahrgänge, von denen der älteste bzw. erste noch der coolste war, obwohl es da auch Abstriche gab. Sie wollten alle als total erwachsen ernstgenommen werden, aber wenn es hart auf hart kam, hieß es öfter: „Frau B., Herr Prof. W. ist ungerecht! Können Sie mal mit ihm sprechen? Bittääää!“ Meine Antwort in jedem dieser Fälle: „Nein. Das ist nicht meine Aufgabe, und darüber hinaus: Warum sollte ich das tun? Was erwarten Sie von mir? Sie sind erwachsen, wollen ja auch als Erwachsene wahrgenommen werden. Das tue ich – es sei denn, Sie benehmen sich mal wieder kindisch. Im Allgemeinen jedoch nehme ich Sie ernst. Und somit erwarte ich auch von Ihnen, dass Sie Ihre Probleme wie erwachsene Menschen angehen. Ich nenne Ihnen bei Misserfolg gern Stellen, an die Sie sich wenden können. Nur, bitte: Halten Sie mich da heraus, da ich a) keinen Einfluss habe, b) Sie ja erwachsen sind. Meinen Sie denn, während meines Studiums wäre jemand anderes als ich hingegangen und hätte sich in Zweifelsfällen für mich eingesetzt? Nee!“ So war es auch. Manchmal galt es einfach, das Beste aus der verfahrenen Situation zu machen, und das tat man dann auch.

Ich muss dazusagen, dass mich die Studis trotzdem – vielleicht auch gerade deswegen – gemocht haben. Zu einigen habe ich heute noch Kontakt, und inzwischen duzen wir einander. Erst kürzlich bekam ich eine Nachricht über den Messenger eines Sozialen Mediums, als ich in Bonn bei der Fortbildung war: „Hey, Ali! Kann es sein, dass ich dich vorhin im Frühstücksraum des …-Tagungshotels gesehen habe? Ich war mir nicht sicher und musste schnell auschecken, da ich meinen Zug bekommen musste – aber das wollte ich doch gerne wissen! Ich denke, du warst das – ich habe mich in jedem Fall gefreut!“ 😉 Und es stimmte! Julius warnte mich sogar noch, dass es im Tagungszentrum nur Jever als Biersorte gebe! Ich schrieb zurück, ich hätte am Vorabend lieber Jever getrunken als Kölsch beim Italiener, und ich erntete diverse höchst amüsierte Emojis und die Hoffnung, demnächst mal persönlich ein Pilsken zu trinken. Nett! 😊

Ich bin mir sicher, dass Julius‘ Eltern ihm – ähnlich wie meine Eltern – auch nicht die Klobrille warmgeföhnt haben. Dennoch rief ich kürzlich meine Eltern an, wenn auch aus anderen Gründen. Aber – meine Mutter war dran – ich meinte: „Ich bin übrigens sehr bestürzt darüber, wie ich als Kind vernachlässigt wurde!“ Dabei grinste ich …

Meine Mutter schnappte nach Luft, dann meinte sie: „Geht es noch?!?“ Und ich rief: „Das war nicht ernstgemeint! Hör mir einfach zu!“ Und schon las ich ihr aus der Online-Version der o. a. Zeitung vor … Meine Mutter sagte erst einmal gar nichts. Doch dann drang dröhnendes Lachen durch den Hörer, und sie rief: „Ach, du Scheiße! Und das soll die Zukunft sein? In der Tat: Wenn das der Standard ist, haben Papa und ich uns hinsichtlich deiner Schwester und deiner Person einiges vorzuwerfen! Nicht nur, dass Papa und ich euch zumuteten, euch auf die unangewärmte Klobrille zu Hause setzen zu müssen, mussten Stephie und du damals im Urlaub im Allgäu auch noch ein Plumpsklo aufsuchen! Naja, du nur dreimal, weil du solche Angst hattest. Aber das Ding war sogar für Erwachsene arg, und du warst knapp drei Jahre alt und wärest fast durch die Brille in die Senkgrube gefallen – zum Glück habe ich dich festgehalten! Danach war das Klo-Thema mit dir auch einen Tick schwieriger, aber es musste nie etwas vorgewärmt werden. Unglaublich! Da graut einem ja vor der Zukunft. Ich muss feststellen, dass ich erstaunlich pflegeleichte Kinder habe.“ (In gewisser Weise war ich den Kindern, die alles vorgekaut und -gewärmt haben müssen, sogar noch ein wenig dankbar: Derartiges hatte meine Mutter zuvor noch nie geäußert! 😉 )

Eine Woche später rief Mama mich an, und sie sagte: „Ich habe noch einmal nachgedacht. Stephie war ja neulich da, und wir haben mit ihr alte Super-8-Filme angesehen, aus der Zeit, als sie noch ein Baby bzw. Kleinkind war. Da wurde mir zeitweilig ganz schlecht! Es gab mehrere Szenen, da sie in der Küche auf der Arbeitsplatte saß, ganz klein war sie noch, und neben ihr stand der Obstkorb, und ein Messer lag daneben! Und in einer anderen Szene spielt sie mit einer Zigarettenschachtel! Und in der Szene darauf mit einem Feuerzeug! Ehrlich gestanden: Wie verantwortungslos war ich denn damals?!?“

Ich lachte schallend und sagte: „Überhaupt nicht verantwortungslos! Du warst doch immer dabei und hast aufgepasst! Die Zeiten waren anders, Zigarettenschachteln und Feuerzeuge lagen herum, aber dennoch wurde auf die Kinder aufgepasst – mach dir doch keinen Kopp! Stephie ist doch gut geraten! Sie raucht nicht einmal!“

Mama lachte, und dann meinte sie: „Es kommt natürlich auch ein bisschen auf die Persönlichkeit des Kindes an … Dich hätte ich gewiss nicht auf der Arbeitsplatte sitzen lassen können, und die Zigaretten und das Feuerzeug hätte ich dir sicherlich gleich aus der Hand gewunden! Du warst zwar immer sehr gelassen und wirktest sehr ruhig – aber wehe, man drehte dir nur kurz den Rücken zu! Du kamst immer auf ganz unerwartete Ideen! Es war nie langweilig mit dir.“

Da rief ich: „Wie – auch noch Kritik? Ihr habt mir ja noch nicht einmal die Klobrille vorgewärmt! Kein Wunder, dass ich da so reagierte!“

Und meine Mutter und ich lachten uns halb schlapp … 😃 Und wir freuen uns unbändig auf die Zukunft! 😉

„All die schönen Pferde …“

Ich liebe Tiere (abgesehen von Spinnen und Insekten, denen ich jedoch auch nichts Schlimmes wünsche), und zu meinen Lieblingstieren zählen auch Pferde. Früher bin ich geritten, habe – ich Feigling! – aber nach einem sehr heftigen Sturz beim Springen damit aufgehört. Das war ein einschneidendes Erlebnis, und danach habe ich viele Jahre gar nicht auf einem Pferd gesessen. Erst lange danach wieder, aber regulär habe ich nie wieder mit dem Reiten begonnen, obwohl ich – auch jetzt noch – immer wieder überlegte, ob ich nicht doch vielleicht wieder anfangen solle.

Ich bin am liebsten Dressur oder im Gelände geritten. Allerdings nur dann, wenn es um nichts ging. Ich bin nicht der Turniertyp. Wenn alles mit fairen Dingen zugeht und die Tiere gut gehalten werden, habe ich nichts gegen gelegentliches „Kräftemessen“. Ich selber musste das aber nie haben. Ich war gern mit Pferden zusammen, ich ritt gern, aber nie für einen Preis.

Es muss für mich immer fair und mit rechten Dingen zugehen. Keine zweifelhaften Trainingsmethoden, kein allzu ehrgeiziger Druck, keine falschen Voraussetzungen. Ich war, als ich noch ritt, wohl eher der Typ Freizeitreiter. Ich kenne jedoch einige Turnierreiter, die unter guten Bedingungen Turniere reiten – dagegen habe ich rein gar nichts.

Was ich noch nie mochte, sind Pferderennen, das kann ich wohl mit Fug und Recht sagen. Ich würde auch nie auf Pferde wetten. Zum einen, weil ich eine absolute Wettversagerin bin, zum anderen und wichtiger, weil ich es abstoßend finde. Da werden Pferde, Vollblüter, in halsbrecherischem Tempo über eine Rennbahn gehetzt, die teils unter extrem fragwürdigen Konditionen gehalten und trainiert werden. Nicht in allen Rennställen, aber in viel zu vielen. Und auf der Zielgeraden bekommen sie dann auch noch den Arsch versohlt von Reitern, die nicht ans oberste Regalbrett im Supermarkt reichen.

Irgendwie ist es mir schon zuwider, dass Tiere, die nicht selbst entscheiden können, für das finanzielle Wohl von Menschen rennen oder sonst etwas tun müssen, das sie vielleicht selber ganz anders oder gar nicht machen würden.

Mich stößt sehr vieles am Renn“sport“ ab. Eingefleischte Fans dieses fragwürdigen Geschehens sprechen wieder und wieder von den „edlen Vollblütern“. Ja, das sind sie, diese Pferde – in der Tat edel, wunderschön und sehr sensibel. Ich hatte in meiner aktiven Zeit selber das Vergnügen, drei Vollblüter zu reiten. Oder zumindest auf ihnen zu sitzen … 😉 Obwohl es gar nicht so schlecht lief.

Diese drei Wallache waren nicht im Rennsport tätig, sondern der Stolz meines damaligen Reitlehrers, seine eigenen Pferde, und ich war stolz, dass man sie mir anvertraute.

Aladin war ein Schimmel und recht eitel. Reiterfehler zeigte er sofort und zuverlässig an, und ich kann mich an eine Stunde erinnern, in der ich zweimal unfreiwilligen Bodenkontakt hatte. 😉 Danach wusste ich, wie der Hase lief. Bariton – man beachte den Namen, denn das Pferd konnte gar nicht singen – war ein Fuchs und ein etwas hibbeliger und guckiger Geselle. Selbst wenn das Kommando Halt! hieß und man vorschriftsmäßig zum Halt parierte, trippelte und tänzelte er herum, blickte hier- und dorthin, erschrak bisweilen vor dem Schweif des Vorderpferdes, und wir beide waren sicherlich nicht die beste Kombination, da ich durch sein Gehibbel auch immer nervöser wurde. 😉 Bonito hingegen, ein brauner Wallach, war ein Traum für mich. Er war der Coolste der drei. Man spürte zwar, dass auch er recht „nervig“ war, und auch er zeigte sofort, wenn etwas nicht stimmte, aber er tat es auf eine eher abgeklärte Art. Auch so begriff man. Er war der Gentleman des Trios, bestehend aus einem „Playboy“, einem „Huch, ist das ein Monster oder doch nur der Schweif meines Vordermannes?“-Typ und eben ihm, dem Coolen, Abgeklärten. 😉

Alle drei hatten eines aber nie: einen panischen Blick. Gut, Bariton war sicherlich besonders sensibel, aber ich habe nie echte Angst bei ihm gesehen. Er erschrak schneller als die beiden anderen, aber das ging schnell vorüber. Eigentlich stand mir dieses Pferd wesenstechnisch sogar am nächsten, da auch ich sehr schreckhaft bin. Aber das geht immer schnell vorüber. 😉

Möglich, dass die drei Vollblüter meiner aktiven Zeit jedoch auch deshalb so ausgeglichen waren, weil man sie nicht – anders als Rennpferde – bereits mit einem Jahr versteigert und mit eineinhalb Jahren antrainiert hatte. Wahrscheinlich haben sie einfach Glück gehabt, dass sie fürs Rennen zu langsam waren.

Denn Rennpferde werden im zarten Alter von einem Jahr bereits versteigert und dann nicht selten mit eineinhalb Jahren schon fürs Rennen trainiert. Denn Vollblüter – so die allgemeine Aussage bei Rennpferdebesitzern, Trainern, Jockeys und Zuschauer-Fans – seien ja „frühreifer“ als Warmblüter. Das ist natürlich ein tolles Argument, nicht wahr, wenn man quasi Kinder schon zu Hochleistungssportlern trainiert. Auch Vollblüter sind mit einem, eineinhalb und auch zwei Jahren – da bestreiten nicht wenige ihre ersten Rennen – noch nicht ausgewachsen, und Knochen, Sehnen und der gesamte Bewegungsapparat sind noch nicht ausgereift. Und es gibt Rennställe, da stehen die armen Kerle 23 Stunden in einer Box und werden nur eine Stunde zum Training herausgeholt. Weidegang? Kommunikation mit anderen Pferden? Was ist das? Die Verletzungsgefahr beim Investitions“material“ ist viel zu groß! Gewiss sind nicht alle Rennställe so, aber zu viele.

Ich habe mir heute eine Doku zum Thema angesehen. Aufs Frühstück habe ich danach verzichtet. Ich habe Pferderennen noch nie gemocht, wusste auch, dass es immer wieder vorkommt, dass Pferde ein Rennen nicht überleben. Das Wissen darum ist schlimm genug, es aber vorgeführt zu bekommen, ist noch eine andere Hausnummer.

Ich sah heute sehr unschöne Bilder, die meine Meinung zu Pferderennen noch verstärkten: Mehrere Pferde, die stürzten, sich wieder hochrappelten, auf allen Vieren auftreten wollten und mit einem Bein ins Leere traten, denn der jeweilige Huf trug nichts mehr, baumelte lose und, nur noch von Haut und Fell gehalten, in der Gegend herum. Durchbruch – das Todesurteil. Zumindest in diesem Genre. Ich sah offene Brüche. Ich sah ein Pferd, das in merkwürdig steifem, schlenkerndem Gang bis an den Rand der Bahn schlingerte wie ein Schiff in Seenot und dort zusammenbrach. Aortenabriss, so hieß es. Klar, damit kann man nicht weiterlaufen – das sollte auch dem Dümmsten einleuchten. Und damit kann man auch nicht weiterleben. Erstaunlich schnell waren Menschen mit einer Plane zugegen, ebenso ein Mann mit einer Tasche, wohl der Bahnveterinär, während der Jockey fluchend vom zusammengebrochenen Tier sprang. Dann kam noch ein anderer Mann angerannt, wütend. Wohl der Besitzer des Tieres, das es – Frevel! – nicht geschafft hatte, eine Siegprämie zu errennen! Der einzige, kleine Trost für mich, der unwillkürlich Tränen übers Gesicht rannen, war eine junge Frau, die ebenfalls herbeigerannt kam und sichtlich weinte: Es war wohl die Pflegerin des Tieres, die es wirklich mochte.

Schäbige Bilder. Schäbige Interviews folgten. Da behaupteten einige, die Pferde würden aus Freude auf der Bahn so rennen. Panik im Führring wurde damit begründet, dass es „nun einmal Vollblüter“ seien. Ich dachte sofort an Bonito, den Abgeklärten. Auch er ein Vollblut. Aber nie die Panik in den Augen, die hier wiederholt zu sehen war.

Panischen Pferden wurde im Führring mit Lederzügeln wirklich mit Schmackes auf die Nüstern geschlagen – als ob dadurch etwas besser würde! Klar! Ein panisches Lebewesen ist auf einmal nicht mehr panisch, wenn es heftig geschlagen wird … Eine junge Arbeitsreiterin demonstrierte, wie ein „Zungenband“ funktioniere, mit denen man Pferden die Zunge festbinde …

Je länger ich dem scheußlichen Treiben zusah, desto mehr dachte ich: „Ist hier niemand, der mit Pferden als Lebewesen umgehen kann? Oder besser: will?“ Ich bin beileibe keine übermäßig beschlagene Pferdekennerin. Ich weiß, dass man bisweilen etwas handfester sein muss, wenn ein Pferd aufmüpfig wird und sich als Alphatier zeigen will. Aber das war es hier alles nicht. Hier sah ich angsterfüllte Tiere, die auch noch geschlagen wurden. Ein himmelweiter Unterschied. Niemand schien sich so recht für die Tiere zu interessieren, die man als „edle Vollblüter“ pries, denen man huldigen wolle …

Ich musste die Doku mehrfach unterbrechen, da alles an einem Stück nicht zu ertragen war. Selbstgefällige Menschen, die behaupteten, die Tiere täten das alles aus Spaß am Rennen. Desinteressierte Menschen, profitorientiert. Sicherlich erfreuen sich die Tiere auch daran, sich die Beine zu brechen, Sehnen oder gleich die Aorta abzureißen – das muss ein unglaublicher Spaß sein!

Ein Tierarzt, ehemaliger Rennbahntierarzt, kam zu Wort. Seine Aussagen bestätigten das, was ich gesehen hatte. Und dann wieder eine Szene, da ein Pferd sich ein Bein gebrochen hatte. Ein junges Mädchen am Rand der Bahn schluchzte publikumswirksam auf und rannte weg, als Helfer das arme Tier, das stieg, wobei der abgetrennte Huf in der Luft wie ein Lämmerschwanz hin- und herschwang, und wegrennen wollte auf seinen drei funktionstüchtigen Beinen, auch schon zu Boden rangen. Im Hintergrund sah man den Tierarzt und einen Wagen mit Pferdehänger nahen, und eilfertig wurde eine Spanische Wand rund um das sich noch immer wehrende und kämpfende Tier aufgestellt. Die Spanische Wand ist wichtig: Die armen Zuschauer sollen ja nicht zu sehr leiden …

Es heißt, Pferderennen sei als „Sport“art auf dem absteigenden Ast. Ich finde das gut.

Sorry, aber es brach heute aus mir heraus. Ich habe noch einige Diskussionen online verfolgt, zwischen Rennfans und – angesichts der furchtbaren Bilder – -gegnern. Die „Fans“ tobten, waren rein argumentativ aber nicht ganz satisfaktionsfähig …

Euch eine schöne Woche.