Reisen in Polen kann überraschend sein

Es ist immer ein wenig komisch, wenn Klischees, gegen die man stets mit Inbrunst wetterte, wahr werden, wenigstens partiell. Finde ich zumindest. Schön, wenn man einen gewissen Sinn für Ironie, auch Selbstironie, besitzt, sonst wäre man wahrscheinlich dauerfrustriert. 😉

Ich muss hervorheben, dass dies keineswegs verallgemeinert werden kann, aber ich bin mir sehr sicher, dass meiner Schwester und mir das Folgende in Deutschland mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nicht widerfahren wäre. Ja, ich wäre fast bereit, meine Hand dafür ins Feuer zu legen, dass so etwas hier unmöglich wäre – zumindest den Erfahrungen nach, die ich in den letzten Jahren so machte. Lieber aber meine linke Hand dem Feuer weihen, denn ich bin Rechtshänderin, und man weiß ja nie …

Es begab sich am fünften September dieses Jahres, dem letzten Tag in Warschau, an dem Stephie und ich mit unseren Trolleys auf dem Weg gen Warszawa Centralna waren, von wo wir mit dem Zug nach Krakau fahren wollten. Inzwischen hat Stephie einen Trolley, der noch größer als meiner ist, über den aufgrund seiner Größe mehrfach lästerliche Bemerkungen gefallen waren, egal, wohin wir reisten. Sogar das Wort Schrankkoffer glaubte ich, gehört zu haben … Und nun das! Und mit den beiden Monstertrolleys dann in brütender Wärme zu Fuß zum Bahnhof – und Stephie rennt immer so … 😉 „Wir brauchen noch Tickets!“ begründete sie das Tempo, und ich staunte: Offenbar brauchten wir dauernd Tickets, denn sie hat stets ein immenses Tempo am Leib! Dabei bin ich schon zügig zu Fuß.

Am Bahnhof standen wir erst einmal brav Schlange und warteten ebenso brav, bis auf der Anzeigetafel schließlich eine 7 aufleuchtete, als wir ganz vorne standen. Und schon begaben wir uns an Schalter 7 der PKP S.A., was, wie ich schon vor der Reise im Internet recherchiert hatte, keineswegs eine Terrororganisation, sondern die größte Eisenbahngesellschaft Polens ist und ganz vollständig Polskie Koleje Państwowe Spółka Akcyjna oder auf Deutsch Polnische Staatsbahnen AG heißt. Die Dame, die uns bediente, war sehr pragmatisch und auch ein wenig dominant, denn sie ließ sich nicht davon abbringen, uns in einem Zug unterzubringen, der um 12 Uhr abfuhr. Es war 8 vor 12, und die Bahnsteige waren etwas weiter entfernt. Außerdem gibt es in Polen ein anderes System, was Bahnsteige/Gleise anbelangt, und ich redete eifrig auf die Dame von der PKP ein, uns lieber auf den übernächsten Zug zu buchen, und das auf Englisch. Sie antwortete mir auf Polnisch, und schon hatten wir die Tickets für den 12-Uhr-Zug. Sie fackelte da gar nicht lange, obwohl ich noch zu intervenieren versuchte, und das Ganze sogar mit „Proszę …“ einleitete. Nein, nein, nein. Sie hatte beschlossen, dass wir mit dem 12-Uhr-Zug in der ersten Klasse fahren würden, und dann war das so!

Dafür war das Ticket sehr, sehr günstig. Zugfahren in Polen – so hatte ich zuvor schon gelesen – ist sehr günstig, kein Vergleich zu Deutschland. Und so stoben Stephie und ich mit den Schranktrolleys von dannen, Richtung perony, den Bahnsteigen …

Als wir an peron 3 eintrafen, gab es ein wenig Konfusion. Der Zug, der für 12 Uhr ausgeschildert war, schien nicht nach Krakau zu fahren. Dafür stand am Nachbargleis ein Zug, der für Krakau ausgeschildert war, wenn auch nicht für Punkt 12 Uhr, und so stiegen wir ein. Rappelvoll war der Waggon, in den wir gestiegen waren, und ich schleppte mich mit hängender Zunge – wir hatten so rennen müssen – und vielfachem Przepraszam, proszę! in den nächsten Waggon, das Zugrestaurant. Das war ja echt nobel hier! Und das für den schmalen Preis? Hier konnte etwas nicht stimmen! Stephie hegte auch starke Zweifel und hatte auch schon den Zugführer, vulgo: Schaffner, entdeckt, den sie gleich ansprach. Da standen wir noch und hätten eigentlich auch noch aussteigen können … 😉

Der Schaffner, den Stephie auf Englisch angesprochen hatte, erklärte, wir wären hier leider falsch, schloss jedoch die Tür, obwohl Stephie noch meinte, wir sollten doch besser aussteigen und das Ticket umtauschen. Aber obwohl wir noch immer nicht abfuhren, war dies aus Gründen wohl nicht mehr möglich. Meine Schwester sah mich hilfesuchend an, und ich tat etwas, das mir gar nicht liegt: Ich dachte an etwas ganz, ganz Trauriges, und schon sah ich den Schaffner traurig an und sagte, wir seien Schwestern, die eine Rundreise durch Polen machten, weil unsere Ahnen doch von dort stammten, deren Heimatorte wir auch besuchen wollten … Und jetzt auch noch falsch – o weh … (Übrigens war nichts davon gelogen. 😊 )

Der Schaffner sah sich unsere Tickets an, erklärte, wir befänden uns in der höchsten Zugkategorie, und unsere Tickets wären hier nicht gültig – und er nannte uns den Aufpreis. Ich sah Stephie an. Die schluckte, ich schluckte auch, riss meine Augen auf und wollte gerade fragen, ob man denn da nicht vielleicht etwas machen könne … Da erklärte der Schaffner, wir sollten uns bitte Plätze in der zweiten Klasse suchen – man könne da etwas machen, und ihm werde da sicherlich etwas einfallen. Na, also!

Er half uns sogar mit dem Gepäck, und schon saßen wir in der zweiten Klasse und rasten gen Krakau. Die Tickets hatte der Schaffner an sich genommen. Etwas beklommen fühlten wir uns, konzentrierten uns aber auf die PKP-Anweisungen, die auf verschiedenen Bildschirmen zu sehen waren und sich auf die Zugkategorie bzw. den Sitzbereich bezogen, in dem wir gerade saßen, offenbar der Ruhebereich. Laut Anweisungen durfte man in diesem Zug oder diesem Bereich eigentlich kaum etwas außer dasitzen und die Fresse halten. Telefonieren? Verboten bzw. unerwünscht! Kindergeschrei? Verboten! (Ungeachtet dessen kreischte in unserem Großraumabteil ein Kind wie angestochen. Und eine Frau hinter mir telefonierte völlig ungeniert lautstark gleich mehrmals. Schräg gegenüber wurden mitgebrachte Speisen verzehrt und laut gerülpst. Und keiner schritt ein. Irgendwie sympathisch inkonsequent. 😉 )

Mehrfach gab es Fahrkartenkontrollen – nur an uns eilte der Schaffner stets vorbei und sagte zweimal beschwörend, als Stephie nachfragte, wie es denn nun um uns stehe: „Not now, not yet – just wait!“ Stattdessen fragte er jedes Mal, ob denn auch alles zu unserer Zufriedenheit sei, ob wir vielleicht etwas wünschten. Es war ein bisschen grotesk. 😉

Kurz bevor wir in Kraków Glówny einliefen, erschien der Schaffner und erklärte uns mit unterdrückter Stimme, wir könnten nun wählen: den vollen Aufpreis von 280,- Złoty pro Person mit Quittung oder 100 Złoty pro Nase ohne Quittung … Ich glaube, mir traten vor unterdrücktem Lachanfall die Augen aus dem Kopp, während Stephie den Schaffner anstarrte, als käme er von einem anderen Stern. Sie riss sich jedoch schnell zusammen und verzichtete auf die Quittung. Es war uns beiden bewusst, dass wir hier möglicherweise komplett übers Ohr gehauen wurden, aber für den Preis von 200 Złoty insgesamt konnten wir es verschmerzen. Dass der Schaffner uns auch noch mehrfach beschwor, in Polen speziell beim Zugfahren stets vorsichtig zu sein, entlockte mir bereits wieder einen Lachanfall, den ich jedoch unterdrücken konnte. War es hier so gefährlich? Oder wirkten wir so unbedarft? Wahrscheinlich Letzteres – wir hatten ja nicht einmal mit dem Schaffner verhandelt. 😉

Nichtsdestotrotz: Ich bin mir sicher, hier in Deutschland hätte der Zug einen Sonderhalt eingelegt, und man hätte uns am Weg mitten in waldreicher und einwohnerarmer Gegend ausgesetzt. Natürlich nicht ohne Konsequenzen – sicherlich hätten wir beide wegen Erschleichung von Beförderungsleistung noch eine Anzeige am Hals gehabt … 😉

Aber Autofahren ist auch interessant. Wir holten nach den fünf Tagen in Krakau am Flughafen den von uns reservierten Mietwagen ab und machten uns damit auf die Fahrt nach Schlesien, nachdem ein Taxifahrer in einem Museumsexponat von Auto – Stoßdämpfer, was ist das? – uns von Kleparz nach Balice gefahren hatte.

Unser Mietwagen war ein Kombi, ein Exemplar einer bekannten tschechischen Automarke, die sich „Schkodda“ spricht. In Kackbraun. Während wir in Schlesien unterwegs waren, gab es wenig Probleme, nur fragte Stephie ständig: „Weißt du, wie schnell man in geschlossenen Ortschaften fahren darf? Die fahren hier alle so schnell!“ Ich riet zu 50 km/h, wenn nicht anders angegeben, aber sie meinte: „Die anderen fahren viel schneller – sieh mal, da überholt schon wieder einer!“ Ich meinte, 50 sei meines Erachtens auch hier gültig, und wir hätten ein Mietwagen- und damit „Deppen“-Kennzeichen – das nerve die Einheimischen sicher per se. Und als wir googelten, stimmte das auch.

Aber wir kamen problemlos überall hin, wohin wir wollten – nach Kietrz, woher diverse Vorfahren stammen (ich hoffe, es war damals dort nicht so deprimierend, wie ich es jetzt empfand; aber es ist auch eine kleine Ortschaft inmitten von Gegend und weitläufigen Feldern – ich bin mir sicher, der Film „Weites Land“ wurde dort gedreht …), nach Racibórz, nach Skoczów (da war es richtig schön!) und in die Beskiden. Nach Katowice. Und nach Rybnik, wo wir gleich zweimal waren, weil es uns dort so gefiel. Sogar in Tschechien waren wir mit dem „Schkodda“, denn wir wollten – u. a. aus genealogischen Gründen – nach Ostrava. Aber es war ein total verregneter Tag, es schüttete wie aus Eimern, so sehr, dass wir kurz nach der tschechischen Grenze anhalten mussten, da die Scheibenwischer nicht mehr nachkamen und wir mehr schwammen als fuhren. Ostrava wirkte dann, als wir weiterfahren konnten, ziemlich deprimierend, so dass wir nicht einmal ausgestiegen sind, zumal der Regen da auch schon wieder stärker wurde. Lieber wieder zurück nach Polen, wo wir uns inzwischen – und das sehr schnell – heimisch fühlten. 😉

Am 15. September sind wir morgens frühzeitig losgefahren, denn wir mussten nach Warschau, wo unser Flieger um kurz nach 17 Uhr starten sollte. Zum Glück gibt es ja Apps fürs Smartphone, die den Weg zuverlässig weisen …

Es war eine interessante Fahrt. Zweimal wurden wir in die Irre geleitet, dann in eine total smarte Umleitung geführt, die sich letzten Endes auch als richtig erwies. Nur: Vor uns auf der Landstraße, für die wir die gut ausgebaute Autobahn verlassen hatten, fuhr eine Fahrerin, die offenbar dem Gott der Langsamkeit huldigte. Und Überholen ging nicht auf dieser kurvenreichen und starkbefahrenen Straße. Da wir aufgrund der beiden Irreleitungen des Systems bzw. plötzlich aufgetretener Autobahnsperrungen – „Sie werden aufgrund von Sperrungen auf der A2 umgeleitet!“ – inzwischen etwas knapp mit der Zeit und immer noch nicht weit von Łódź entfernt waren, wo es zwar auch einen Flughafen gibt, wir aber nicht registriert waren, wurden wir etwas nervös. Dann schickte sich hinter uns ein Fahrer an, sowohl uns, als auch die konstant 40 fahrende Dame zu überholen, und ich schrie Stephie an: „Häng dich dran! Los! Der kennt sich hier aus!“ Und im Vorbeifahren gestikulierte ich ins überholte Auto, dass wir mit der dort praktizierten Fahrweise nicht einverstanden seien … 😉

Irgendwann wurden wir erneut auf die A2 geleitet, und wir atmeten ein wenig auf. Bis Stephie zusammenzuckte: „O Gott! Hinter uns ist die Polizei! Und ich fahre 160! 140 ist erlaubt!“ Wir rechneten damit, alsbald überholt und dann an die Seite gelotst zu werden, um dann so richtig latzen zu müssen …

Jedoch – nichts geschah. Doch! Als Stephie das Tempo auf 140 km/h drosselte, sahen wir im Rückspiegel, dass der Polizeiwagen sehr dicht auffuhr. Und wir sahen, dass der Fahrer aufmunternde Gesten machte, dass wir schneller fahren sollten. Und der Beifahrer machte Handbewegungen, als wolle er eine Garnitur Hühner verscheuchen …

Stephie war sauer: „Überall habe ich gelesen: ‚O Gott! Bloß an die Geschwindigkeitsbegrenzungen halten, sonst Ärger!‘ Ich mache das, und dann ist die Polizei genervt, weil ich die Geschwindigkeitsbegrenzungen einhalte!“

Wir haben es aber geschafft und den Wagen vollgetankt am Flughafen abgestellt und den Schlüssel noch abgeben können. Wir haben sogar unseren Flug noch bekommen! Aber es war sehr, sehr hektisch. 😉 (Es gibt nicht nur einen Grund, weswegen ich Polnisch lernen möchte – das vereinfacht dort so vieles … 😉)

Dennoch: Ich werde ganz sicher wieder nach Polen reisen – zumindest möchte ich das. Das Land gefällt mir. Es ist zwar sehr katholisch, aber in anderer Hinsicht nicht so dogmatisch, und man kann verhandeln. Das gefällt mir. 😊

Euch ein schönes Wochenende! 😊

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.