„Warschau ist Oper – Krakau ist Operette!“

So entfleuchte mir, als meine Schwester Stephanie und ich – wir verreisen öfter gemeinsam – frisch von Warschau kommend in Krakau den ersten Abend durch die Innenstadt flanierten.

„Nicht so laut!“ meinte Stephanie. Sie fürchtete, die anwesenden Krakauer könnten ob dieses Urteils bekümmert sein. Dabei waren sicherlich die wenigsten Menschen auf dem Rynek Główny, dem Krakauer Hauptmarkt, bei dem sich das polnische Wort für „Haupt-“ wie gwuwne spricht (ja, ich habe viel gelernt … 😉 ), echte Krakauer, denn die Stadt quoll über vor Touristen. Und so sagte ich albern frotzelnd: „Warum? Ich habe doch nicht operettka gesagt!“ – „Pssst!“ machte Stephie und sah mich leicht warnend an. Sie kann ihre Rolle als ältere Schwester irgendwie nicht so recht ablegen. Ich meine als jüngere allerdings auch nicht, und so haben wir einen Ausgleich. 😉

Aber sie gab zu, dass mein Urteil durchaus treffend sei, in gedämpftem Ton, als befänden sich an jeder Ecke Agenten. 😉

Drei Tage vorher waren wir mit einer originären LOT-Boeing in Warschau gelandet, und ich kann nur sagen, ich hatte selten einen so angenehmen Flug mit solch netter und zuvorkommender Crew. Kann ich nur weiterempfehlen. Am Flughafen hob ich gleich mal 1000 Złoty an einem Geldautomaten ab und fühlte mich reich. So viele Hunderter! Aber das waren mal etwa 262 Euro … Wir enterten ein Taxi und ließen uns zu unserer Unterkunft fahren, einem Haus mit vielen Apartments, wohl für Geschäftsreisende oder aber Touris. Machen wir es kurz: Ich musste zwei Stunden auf meinen Schlüssel warten, weil offenbar das Apartment nicht geputzt worden war … Wir sahen uns erst einmal Stephies Apartment Nr. 56 an: Es war auf alle Fälle geputzt, es gab ein WC, vom Bad getrennt, eine Kochnische mit Arbeitsplatte, Wasserkocher, Kaffeemaschine und Schränke mit Tassen, Tellern und Gläsern, ebenso Besteck. Der Fußbodenbelag schreckte mich ein wenig ab, dunkles PVC, ebenso der Geruch im Apartment, was wohl an den Putzmitteln lag. Es roch nach Lysol, das ich noch von meiner Krankenhaustätigkeit kenne. Stephie riss sogleich sämtliche Fenster auf und meinte: „Das Putzmittel riecht nicht wirklich gut!“ – „Ist wohl Lysol, und da kannst du wenigstens sicher sein, dass alles wirklich porentief rein ist,“, grinste ich. Sehr überzeugt sah Stephie nicht aus, und sie meinte: „Schön, aber warum kann das dann nicht gleichzeitig besser riechen?“ – „Ist wohl ähnlich wie mit den besonders gesunden Lebensmitteln und Speisen: Die schmecken meist auch nicht so gut wie die ungesunden.“

Wir beschlossen, erst einmal in die Stadt zu gehen und baten den jungen Rezeptionisten, bei dem ich kurz zuvor die Rechnung mit meiner Kreditkarte beglichen hatte, den Schlüssel für mein Apartment in Stephies Nr. 56 zu deponieren. Glücklicherweise sprach der junge Mann – wie so viele andere Menschen in Warschau und auch Krakau – gutes Englisch. Sonst hätten wir uns mit Händen und Füßen verständigen müssen – Polnisch ist wirklich sehr schwer.

Warschau ist eine sehr gegensätzliche Stadt. Auf unserem Weg ins nahegelegene Śródmieście – die Innenstadt – sahen wir einige abrissreife Häuser in direkter Nachbarschaft schnieker und topmoderner Hochbauten, außen verglast und glänzend. Es wurde überall gebaut, und die Stadt hat etwas Faszinierendes. Mich faszinierten besonders die Gegensätze, aber auch Stephie war begeistert, obwohl einige Ecken wirklich nicht sehr schön aussahen. Aber das ist ja überall so.

Begeistert waren wir auch von der Nettigkeit der Menschen – nicht ein negatives Erlebnis hatten wir in Warschau. Genaugenommen: Wir hatten kein einziges negatives Erlebnis in allen Teilen Polens, die wir besucht haben. 😊 Auch dort nicht, wo man weniger Englisch sprach. (Interessantes Phänomen, das ihr vielleicht auch kennt: In Ländern, deren Sprache ich nicht spreche bzw. verstehe, ist es für mich, spricht jemand neben mir Englisch, stets so, als spräche er meine Muttersprache … 😉 In Polen ging es mir sogar mit einer Gruppe Franzosen so, als wir in einer Region waren, da wenig Englisch gesprochen wurde. 😉)

Wir verbrachten dreieinhalb schöne Tage in Warschau, und ich kann nur sagen: Wenn es nach mir geht, bin ich nicht zum letzten Mal in Warschau gewesen, dessen englischer Name, Warsaw, den man auch öfter lesen konnte, mich immer an einen Agententhriller erinnert. Speziell an den Kulturpalast habe ich sehr positive Erinnerungen … 😉

Warum? Nun, wir waren zuvor in der Starówka gewesen, der Altstadt, und wir hatten dort gegessen. Nein, das Essen war hervorragend, und doch hatte das Gericht, das ich gewählt hatte – ein typisch polnisches – ganz spezielle Auswirkungen auf mich. Leider mit Zeitverzögerung, also erst dann, als wir zu Fuß nach Hause gingen … 😉 Stephie meinte: „Alles in Ordnung? Du bist auf einmal so blass!“ – „Stephie, ich muss ganz dringend mal wohin – renn bitte nicht so …“ Mir stand der kalte Schweiß auf der Stirn. Vor uns der Kulturpalast. Stephie meinte: „Du gehst ganz langsam weiter, und ich renne schon mal vor und sehe nach, ob da eine Toilette ist!“ Gesagt – getan. Und es kam dann so, dass ich den Warschauer Kulturpalast in mein Herz schloss, denn er war meine Rettung. 😉

Einen Tag später fuhren wir von Warszawa Centralna mit dem Zug nach Krakau. Über die Zugfahrt berichte ich gesondert, denn die war auch speziell. 😉 Noch jetzt muss ich lachen, denn es bewahrheitete sich ein Klischee, gegen das ich immer gewettert hatte („Total blödes Klischee!“) … 😉 Davon aber später. Unvergesslich auf alle Fälle. 😉

Krakau ist wunderschön, aber eben „Operette“ statt „Oper“. Am Hauptmarkt reihten sich unzählige weiße Kutschen, Landauer, Zweispänner, mit geschmückten Pferden mit Federbüschen auf den Köpfen. Warschau ist ein würdevoller und solider Kuchen, Krakau ist Zuckerbäckerei. Ich las in einem Reiseführer, dass Polen sagen würden: „In Warschau wurde schon immer gearbeitet, in Krakau gefeiert.“ Ob das so ist, vermag ich nicht zu sagen – es stand so in dem Reiseführer, aber ich könnte mir vorstellen, dass zumindest ein Jota Wahrheit daran ist. Obwohl auch in Krakau selbstredend gearbeitet wird.

Wir machten eine Rundfahrt mit einem total netten jungen Polen als Stadtführer, waren – wenn auch kurz – auf dem Wawel, länger und ausgiebig jedoch im jüdischen Viertel in Kazimierz. Und an einem Tag marschierten wir zu Fuß nach Podgórze und besuchten dort das Museum bzw. die Gedenkstätte Fabryka Oskara Schindlera, die frühere Emaillefabrik Oskar Schindlers. Kennt ihr sicher – „Schindlers Liste“. Das hat mich ziemlich mitgenommen. Ich habe schon als Jugendliche viel zum Thema gelesen, aber das hier ging noch näher als das, was ich bisher gelesen hatte. Und das war schlimm genug gewesen.

Krakau ist schön. Aber ich glaube, ich würde eher noch einmal nach Warschau reisen. 😊 Oder nach Śląsk, nach Schlesien, wohin wir dann mit einem Mietwagen fuhren, den wir am Flughafen Kraków-Balice abholten. Oder nach Gdánsk, nach Danzig.

Schlesien war schön, wenn es dort auch öfter Gelegenheiten gab, meinen kleinen Pocket-Sprachführer Polnisch aus der Tasche zu kramen. 😉 Aber zumindest Dzien dobry!, Do widzenia!, Przepraszam, Dobry wieczór! gingen mir recht leicht über die Lippen, und das bereits seit Beginn der Reise. Doof nur, dass das Gegenüber speziell in Schlesien dann oft dachte, ich spräche Polnisch und sogleich kaskadenartig in dieser wunderschön klingenden Sprache auf mich einredete. Ich lächelte dann immer und meinte: „Przepraszam, but unfortunately I don’t speak Polish!“ Sprachpanscherei in Reinkultur und völlig grotesk … 😉 Aber die so Angesprochenen lachten immer und redeten nicht selten etwas lauter und langsamer auf Polnisch auf mich ein, was mir nur leider so gar nicht half. 😉 Einige rafften ihre Englischkenntnisse zusammen, und wir verständigten einander dann immer ganz wunderbar, schleuderten einander englische Sätze (ich), polnische Sätze (sie), englische wie polnische Einzelbegriffe (sie wie ich in beiden Sprachen) um die Ohren. Aber alles klappte. Eine Verkäuferin erklärte mir in gebrochenem Englisch, sie fände sehr nett, dass ich zumindest die polnischen Begriffe, die ich kannte, anwendete – das fände sie sehr höflich und respektvoll. Ich sagte: „Thank you – dziękuję!“ Sie strahlte mich an, ich strahlte zurück.

Und auch, wenn das alles so gut funktioniert hat, habe ich gerade angefangen, Polnisch zu lernen. Eine ehemalige Studentin von mir hat mir einen guten Tipp gegeben. Sie kommt aus Polen, fand überraschend, dass jemand ihre Muttersprache lernen wolle – das habe sie noch nie erlebt. Ich habe polnische Vorfahren, und leider spricht in meiner Familie keiner (mehr) Polnisch. Da es mir in diesem Land so sehr gefallen hat, fand ich es an der Zeit. Und ich habe auch schon begonnen – es ist wirklich schwierig. 😉 Mit Martas, meiner Ex-Studentin, Tipp mache ich nun täglich mindestens 15 Minuten Polnisch. Es wird also nur etwa 10 Jahre dauern, bis ich mich verständigen kann … 😉 Denn im Moment befinde ich mich noch in dem Stadium, da ich wunderschöne Anfängersätze bilde, wie: „Die Katze trinkt Milch“ – „Kot pije mleko/mleczko“. Oder: „Der Elefant isst Plätzchen“ – „Słoń je ciasteczka“. 😉

Ein Tipp von mir: Polen ist ganz eindeutig eine oder mehrere Reisen wert! 😊

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