Was man im Dreieck gemeinsam haben kann

Ich bin vorhin von einer Dienstreise zurückgekehrt. Von einer Fortbildung in Bonn, und die war richtig klasse! 😊 (Im Gegensatz zum Bonner Hauptbahnhof, von dem ich schon berichtete – eine Zumutung. Und in einem halben Jahr – dem vergangenen – hat sich dort rein gar nichts geändert … 😉 )

Am Mittwochmorgen war ich losgefahren, natürlich mit der Bahn, und ich war viel zu früh da, obwohl zwei Beförderungsmittel Verspätung gehabt hatten. Das Tagungshotel kannte ich schon vom April und war quasi ein „alter Hase“ – schade nur, dass ich nicht direkt einchecken konnte … Ich war wirklich viel zu früh da. (Aber zum Glück gibt es bei derlei Seminaren etwa eine bis zwei Kaffeepausen, und in einer solchen raste ich zur Rezeption und bekam meine Keycard.)

Ich war in der Tat ein „alter Hase“, denn zu Beginn verkündete die Organisatorin des Seminars, um einander besser kennenzulernen, würden wir nunmehr keine altbackene Vorstellungsrunde zelebrieren, sondern das „Dreieck der Gemeinsamkeiten“ praktizieren. Dazu teilt sich die große Gruppe so auf, bis jeweils drei Teilnehmer zusammen sind. Einer malt ein Dreieck auf ein großes Blatt Papier, und an die drei Spitzen wird jeweils ein Name der Teilnehmer aus der Gruppe geschrieben. Dann unterhalten sich die drei Gruppenmitglieder über ihre beruflichen Gegebenheiten, Vorlieben und Besonderheiten, und man hält Eigenes fest, schreibt aber an den jeweiligen Dreiecksschenkel auch, wenn Gemeinsamkeiten bestehen. In die Mitte des Dreiecks kommt dann das, was alle drei gemeinsam haben. Das kannte ich schon von meinem letzten Bonner Seminar …

Bei Verena, Martina und mir stand mittig: „Reisen gern / Wandern gern / Haben ein sprach- und kommunikationslastiges Studium absolviert“.

Das „Dreieck der Gemeinsamkeiten“ klingt zwar wie eine Art „Stuhlkreis“-Beschäftigung, aber just bei uns in der Gruppe geschah das, was der absolute Glücksfall war: Zwei Teilnehmerinnen, die einander noch nie zuvor gesehen hatten, stellten fest, dass sie erstaunlich viel gemeinsam haben! Und das waren just Martina und ich! (Ich gebe zu, dass ich, als ich Martina in den ersten Minuten erlebte, dachte: „Mit der wirst du sicherlich wenig zu tun haben – ist nicht so dein Fall …“ Und dann das! 😉)

Denn nicht nur, dass Martina schon Sprachdienstleistungen vollbracht hat, sie allerdings als Dolmetscherin, ich als Übersetzerin, hat sie wie ich Beziehungen zu Franken, obwohl sie Saarländerin ist und ich im rheinischen Teil des Ruhrgebiets zur Welt kam. Einer ihrer Söhne liebt Schalke, ich lebe in direkter Nachbarschaft dazu … Ihr Mann ist Franke, meine Mutter ist ebenfalls in Franken beheimatet. Das Beste jedoch war: Wir haben beide im Sommer Urlaub in Polen gemacht, obwohl wir sonst andere Urlaubsziele anstreben. Beide aus dem gleichen Grund: „Irgendwie zog es mich dahin,“, sagte Martina, „und dann musste die Familie mit!“ Beide haben wir angefangen, Polnisch zu lernen, weil es uns im Land so gut gefiel – jetzt mal im Ernst: Wer macht das schon? 😉 Mir kam es auch nicht mehr wie ein Zufall vor …

Verena schien zu Martina und mir wenig Gemeinsames zu haben. Bis sie in der Kaffeepause zu mir meinte: „Ich muss jetzt erst einmal dringend eine rauchen!“ Ich starrte sie an, dann begann ich zu lachen: „Das hätten wir an den Ali-Verena-Dreiecksschenkel setzen können, wussten es aber da nicht besser.“ Sie starrte mich an und fing plötzlich zu grinsen an: „Du rauchst also auch! Cool! Immerhin zwei aus diesem Seminar! Sollen wir eben eine rauchen?“ – „Klar! Ich bin ja froh, dass außer mir noch eine Raucherin da ist!“

Zuvor hatten wir jedoch – wie alle anderen auch – unsere Erkenntnisse präsentieren müssen, was in unserer Gruppe ich übernahm. Als ich gerade Martinas und meine – völlig unerwarteten – Gemeinsamkeiten erläuterte, zu Franken kam, von der Seminarleiterin gefragt, ob wir das fränkische Essen oder Bier bevorzugen würden, was ich mit: „Alles, vor allem die Menschen“ beantwortete und von der Seminarleiterin Applaus bekam – offenbar war die Seminarleiterin auch schon in Franken gewesen und wusste, was gemeint war -, dann zu Polen überging, strahlte mich eine der anderen Teilnehmerinnen an, die im Auditorium saß und hielt mir ihre ausgestreckten Daumen entgegen.

Erst später erfuhr ich, dass auch sie im Sommerurlaub in Polen gewesen war und das alles extrem schön gefunden hatte. Sie meinte zu mir: „Darf ich dich mal drücken? Du hast das so lebendig und liebenswert herübergebracht, wie ich das auch empfunden habe! Bist du Polin? Und darf ich dich drücken?“ – „Zum ersten Punkt: nein. Zum zweiten: klar! Ich fand es einfach nur so entspannt und schön da!“ rief ich fröhlich und wurde ganz fest gedrückt. 😊 Und die andere Teilnehmerin und ich schwärmten danach von der polnischen Küche, der Herzlichkeit dort, bis die Seminarleiterin eingriff. Denn immerhin ging es nicht um Polonisierung, sondern um Internationalisierung … 😉

Gestern hatten wir volles Programm – von morgens bis abends Vorträge … Die waren wirklich sehr interessant, aber wir alle hatten den Höhepunkt des Tages vor Augen: einen Museumsbesuch mit Führung. Keineswegs fakultativ, sondern obligatorisch. 😉

Ich war hinterher heilfroh, dass die anderen genauso geschafft waren wie ich – ansonsten hätte ich mich noch alt gefühlt. 😉 Aber Verena, Martina und ich – alle unterschiedlich alt – schlappten vom Museum aus los, in Erwartung, irgendeine gastronomische Einrichtung in der Nähe zu finden, während der Rest von uns laut plappernd in die Innenstadt strebte …

Wir drei sind irgendwo vom richtigen Weg abgekommen und mussten dann kilometerweit latschen, bis das nächste Restaurant auftauchte. Verena meinte: „Inzwischen ist mir die Richtung oder Nationalküche wurscht – ich muss einfach irgendetwas essen!“ Und so hatten wir irgendwann die Terrasse eines asiatischen Restaurants erklommen, und zwei von uns hatten ihre Hintern aufatmend schon fast auf den Stühlen der Außengastronomie plaziert, als der Inhaber des Restaurants kam und erklärte, es tue ihm leid, aber sie hätten eine geschlossene Gesellschaft …

Wir sind dann weitergelaufen, bis zum Italiener, der nicht weit vom Tagungshotel entfernt beheimatet ist. Dort sind wir allerdings in Ungnade gefallen, wie es schien, denn nachdem wir schon grimmig begrüßt worden waren, hatte Verena dann auch noch die Stirn, ihre Pizza „Primavera“ statt mit Champignons mit Paprika zu bestellen – und mich muss der Wirt per se gehasst haben, denn als ich ein Kölsch – echtes Bier gab es dort nicht – bestellte, brachte er mir gleich ein großes! Also kein Trinkgeld, denn wenn ich ein Kölsch, Pils, Wasser oder eine Cola bestelle, bedeutet das allgemein immer die kleinste Größe.  Als würde ich ein großes Kölsch bestellen! 😉

Das Seminar war hervorragend, der Zusammenhalt ebenso – mit Verena bin ich zweimal zur ARAL-Tanke gegangen, um Wasser, Zigaretten und Süßigkeiten zu kaufen. Martina habe ich heute aufgetragen, den einen ihrer beiden Söhne unbekannterweise zu grüßen – ganz Gelsenkirchen hoffe, dass Schalke das Ruder herumreißen könne (einer von Martinas Söhnen, sieben Jahre alt, ist Schalke-Fan – ganz allein entschieden, was ich süß fand, und so ließ ich ihn grüßen und behauptete, es werde sicherlich alles besser. Zumindest verlieh ich meiner Hoffnung auf Änderung der Lage Ausdruck.) Das fand Martina nett, und sie meinte: „Das finde ich total rührend – du glaubst doch offenbar selber nicht dran!“ – „Das stimmt. Aber das sollte man deinen Sohn nicht wissen lassen. In dem Alter glaubt man noch an Wunder. Und manchmal passieren die sogar!“ Da nahm Martina mich in den Arm und meinte: „Es ist total schön, dich kennengelernt zu haben! Anfangs dachte ich, dass wir keine Gemeinsamkeiten hätten …“ – „Das dachte ich auch.“ – „Aber das hat sich ja wohl ganz schnell geändert!“ 😉

Schönes Seminar, schönes Resümee – was will man mehr? 😉

Euch ein schönes Wochenende! 😊

P.S.: Gerade bekam ich eine Mail von Martina, ihr Sohn lasse mich auch grüßen. Sie schrieb noch, ich sei nun eine Art Idol für ihn. O je …

Zum Glück habe ich nicht explizit gesagt, dass ich gar kein Schalke-Fan bin, sondern dass meine Präferenzen woanders liegen. Aber Auswärtige setzen stets voraus, dass man als Gelsenkirchener ganz automatisch Schalke-Fan sei – ich muss da jetzt nicht hingehen und das Ganze richtigstellen … Oder? Es ist ein Kind! 😉

Reisen in Polen kann überraschend sein

Es ist immer ein wenig komisch, wenn Klischees, gegen die man stets mit Inbrunst wetterte, wahr werden, wenigstens partiell. Finde ich zumindest. Schön, wenn man einen gewissen Sinn für Ironie, auch Selbstironie, besitzt, sonst wäre man wahrscheinlich dauerfrustriert. 😉

Ich muss hervorheben, dass dies keineswegs verallgemeinert werden kann, aber ich bin mir sehr sicher, dass meiner Schwester und mir das Folgende in Deutschland mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nicht widerfahren wäre. Ja, ich wäre fast bereit, meine Hand dafür ins Feuer zu legen, dass so etwas hier unmöglich wäre – zumindest den Erfahrungen nach, die ich in den letzten Jahren so machte. Lieber aber meine linke Hand dem Feuer weihen, denn ich bin Rechtshänderin, und man weiß ja nie …

Es begab sich am fünften September dieses Jahres, dem letzten Tag in Warschau, an dem Stephie und ich mit unseren Trolleys auf dem Weg gen Warszawa Centralna waren, von wo wir mit dem Zug nach Krakau fahren wollten. Inzwischen hat Stephie einen Trolley, der noch größer als meiner ist, über den aufgrund seiner Größe mehrfach lästerliche Bemerkungen gefallen waren, egal, wohin wir reisten. Sogar das Wort Schrankkoffer glaubte ich, gehört zu haben … Und nun das! Und mit den beiden Monstertrolleys dann in brütender Wärme zu Fuß zum Bahnhof – und Stephie rennt immer so … 😉 „Wir brauchen noch Tickets!“ begründete sie das Tempo, und ich staunte: Offenbar brauchten wir dauernd Tickets, denn sie hat stets ein immenses Tempo am Leib! Dabei bin ich schon zügig zu Fuß.

Am Bahnhof standen wir erst einmal brav Schlange und warteten ebenso brav, bis auf der Anzeigetafel schließlich eine 7 aufleuchtete, als wir ganz vorne standen. Und schon begaben wir uns an Schalter 7 der PKP S.A., was, wie ich schon vor der Reise im Internet recherchiert hatte, keineswegs eine Terrororganisation, sondern die größte Eisenbahngesellschaft Polens ist und ganz vollständig Polskie Koleje Państwowe Spółka Akcyjna oder auf Deutsch Polnische Staatsbahnen AG heißt. Die Dame, die uns bediente, war sehr pragmatisch und auch ein wenig dominant, denn sie ließ sich nicht davon abbringen, uns in einem Zug unterzubringen, der um 12 Uhr abfuhr. Es war 8 vor 12, und die Bahnsteige waren etwas weiter entfernt. Außerdem gibt es in Polen ein anderes System, was Bahnsteige/Gleise anbelangt, und ich redete eifrig auf die Dame von der PKP ein, uns lieber auf den übernächsten Zug zu buchen, und das auf Englisch. Sie antwortete mir auf Polnisch, und schon hatten wir die Tickets für den 12-Uhr-Zug. Sie fackelte da gar nicht lange, obwohl ich noch zu intervenieren versuchte, und das Ganze sogar mit „Proszę …“ einleitete. Nein, nein, nein. Sie hatte beschlossen, dass wir mit dem 12-Uhr-Zug in der ersten Klasse fahren würden, und dann war das so!

Dafür war das Ticket sehr, sehr günstig. Zugfahren in Polen – so hatte ich zuvor schon gelesen – ist sehr günstig, kein Vergleich zu Deutschland. Und so stoben Stephie und ich mit den Schranktrolleys von dannen, Richtung perony, den Bahnsteigen …

Als wir an peron 3 eintrafen, gab es ein wenig Konfusion. Der Zug, der für 12 Uhr ausgeschildert war, schien nicht nach Krakau zu fahren. Dafür stand am Nachbargleis ein Zug, der für Krakau ausgeschildert war, wenn auch nicht für Punkt 12 Uhr, und so stiegen wir ein. Rappelvoll war der Waggon, in den wir gestiegen waren, und ich schleppte mich mit hängender Zunge – wir hatten so rennen müssen – und vielfachem Przepraszam, proszę! in den nächsten Waggon, das Zugrestaurant. Das war ja echt nobel hier! Und das für den schmalen Preis? Hier konnte etwas nicht stimmen! Stephie hegte auch starke Zweifel und hatte auch schon den Zugführer, vulgo: Schaffner, entdeckt, den sie gleich ansprach. Da standen wir noch und hätten eigentlich auch noch aussteigen können … 😉

Der Schaffner, den Stephie auf Englisch angesprochen hatte, erklärte, wir wären hier leider falsch, schloss jedoch die Tür, obwohl Stephie noch meinte, wir sollten doch besser aussteigen und das Ticket umtauschen. Aber obwohl wir noch immer nicht abfuhren, war dies aus Gründen wohl nicht mehr möglich. Meine Schwester sah mich hilfesuchend an, und ich tat etwas, das mir gar nicht liegt: Ich dachte an etwas ganz, ganz Trauriges, und schon sah ich den Schaffner traurig an und sagte, wir seien Schwestern, die eine Rundreise durch Polen machten, weil unsere Ahnen doch von dort stammten, deren Heimatorte wir auch besuchen wollten … Und jetzt auch noch falsch – o weh … (Übrigens war nichts davon gelogen. 😊 )

Der Schaffner sah sich unsere Tickets an, erklärte, wir befänden uns in der höchsten Zugkategorie, und unsere Tickets wären hier nicht gültig – und er nannte uns den Aufpreis. Ich sah Stephie an. Die schluckte, ich schluckte auch, riss meine Augen auf und wollte gerade fragen, ob man denn da nicht vielleicht etwas machen könne … Da erklärte der Schaffner, wir sollten uns bitte Plätze in der zweiten Klasse suchen – man könne da etwas machen, und ihm werde da sicherlich etwas einfallen. Na, also!

Er half uns sogar mit dem Gepäck, und schon saßen wir in der zweiten Klasse und rasten gen Krakau. Die Tickets hatte der Schaffner an sich genommen. Etwas beklommen fühlten wir uns, konzentrierten uns aber auf die PKP-Anweisungen, die auf verschiedenen Bildschirmen zu sehen waren und sich auf die Zugkategorie bzw. den Sitzbereich bezogen, in dem wir gerade saßen, offenbar der Ruhebereich. Laut Anweisungen durfte man in diesem Zug oder diesem Bereich eigentlich kaum etwas außer dasitzen und die Fresse halten. Telefonieren? Verboten bzw. unerwünscht! Kindergeschrei? Verboten! (Ungeachtet dessen kreischte in unserem Großraumabteil ein Kind wie angestochen. Und eine Frau hinter mir telefonierte völlig ungeniert lautstark gleich mehrmals. Schräg gegenüber wurden mitgebrachte Speisen verzehrt und laut gerülpst. Und keiner schritt ein. Irgendwie sympathisch inkonsequent. 😉 )

Mehrfach gab es Fahrkartenkontrollen – nur an uns eilte der Schaffner stets vorbei und sagte zweimal beschwörend, als Stephie nachfragte, wie es denn nun um uns stehe: „Not now, not yet – just wait!“ Stattdessen fragte er jedes Mal, ob denn auch alles zu unserer Zufriedenheit sei, ob wir vielleicht etwas wünschten. Es war ein bisschen grotesk. 😉

Kurz bevor wir in Kraków Glówny einliefen, erschien der Schaffner und erklärte uns mit unterdrückter Stimme, wir könnten nun wählen: den vollen Aufpreis von 280,- Złoty pro Person mit Quittung oder 100 Złoty pro Nase ohne Quittung … Ich glaube, mir traten vor unterdrücktem Lachanfall die Augen aus dem Kopp, während Stephie den Schaffner anstarrte, als käme er von einem anderen Stern. Sie riss sich jedoch schnell zusammen und verzichtete auf die Quittung. Es war uns beiden bewusst, dass wir hier möglicherweise komplett übers Ohr gehauen wurden, aber für den Preis von 200 Złoty insgesamt konnten wir es verschmerzen. Dass der Schaffner uns auch noch mehrfach beschwor, in Polen speziell beim Zugfahren stets vorsichtig zu sein, entlockte mir bereits wieder einen Lachanfall, den ich jedoch unterdrücken konnte. War es hier so gefährlich? Oder wirkten wir so unbedarft? Wahrscheinlich Letzteres – wir hatten ja nicht einmal mit dem Schaffner verhandelt. 😉

Nichtsdestotrotz: Ich bin mir sicher, hier in Deutschland hätte der Zug einen Sonderhalt eingelegt, und man hätte uns am Weg mitten in waldreicher und einwohnerarmer Gegend ausgesetzt. Natürlich nicht ohne Konsequenzen – sicherlich hätten wir beide wegen Erschleichung von Beförderungsleistung noch eine Anzeige am Hals gehabt … 😉

Aber Autofahren ist auch interessant. Wir holten nach den fünf Tagen in Krakau am Flughafen den von uns reservierten Mietwagen ab und machten uns damit auf die Fahrt nach Schlesien, nachdem ein Taxifahrer in einem Museumsexponat von Auto – Stoßdämpfer, was ist das? – uns von Kleparz nach Balice gefahren hatte.

Unser Mietwagen war ein Kombi, ein Exemplar einer bekannten tschechischen Automarke, die sich „Schkodda“ spricht. In Kackbraun. Während wir in Schlesien unterwegs waren, gab es wenig Probleme, nur fragte Stephie ständig: „Weißt du, wie schnell man in geschlossenen Ortschaften fahren darf? Die fahren hier alle so schnell!“ Ich riet zu 50 km/h, wenn nicht anders angegeben, aber sie meinte: „Die anderen fahren viel schneller – sieh mal, da überholt schon wieder einer!“ Ich meinte, 50 sei meines Erachtens auch hier gültig, und wir hätten ein Mietwagen- und damit „Deppen“-Kennzeichen – das nerve die Einheimischen sicher per se. Und als wir googelten, stimmte das auch.

Aber wir kamen problemlos überall hin, wohin wir wollten – nach Kietrz, woher diverse Vorfahren stammen (ich hoffe, es war damals dort nicht so deprimierend, wie ich es jetzt empfand; aber es ist auch eine kleine Ortschaft inmitten von Gegend und weitläufigen Feldern – ich bin mir sicher, der Film „Weites Land“ wurde dort gedreht …), nach Racibórz, nach Skoczów (da war es richtig schön!) und in die Beskiden. Nach Katowice. Und nach Rybnik, wo wir gleich zweimal waren, weil es uns dort so gefiel. Sogar in Tschechien waren wir mit dem „Schkodda“, denn wir wollten – u. a. aus genealogischen Gründen – nach Ostrava. Aber es war ein total verregneter Tag, es schüttete wie aus Eimern, so sehr, dass wir kurz nach der tschechischen Grenze anhalten mussten, da die Scheibenwischer nicht mehr nachkamen und wir mehr schwammen als fuhren. Ostrava wirkte dann, als wir weiterfahren konnten, ziemlich deprimierend, so dass wir nicht einmal ausgestiegen sind, zumal der Regen da auch schon wieder stärker wurde. Lieber wieder zurück nach Polen, wo wir uns inzwischen – und das sehr schnell – heimisch fühlten. 😉

Am 15. September sind wir morgens frühzeitig losgefahren, denn wir mussten nach Warschau, wo unser Flieger um kurz nach 17 Uhr starten sollte. Zum Glück gibt es ja Apps fürs Smartphone, die den Weg zuverlässig weisen …

Es war eine interessante Fahrt. Zweimal wurden wir in die Irre geleitet, dann in eine total smarte Umleitung geführt, die sich letzten Endes auch als richtig erwies. Nur: Vor uns auf der Landstraße, für die wir die gut ausgebaute Autobahn verlassen hatten, fuhr eine Fahrerin, die offenbar dem Gott der Langsamkeit huldigte. Und Überholen ging nicht auf dieser kurvenreichen und starkbefahrenen Straße. Da wir aufgrund der beiden Irreleitungen des Systems bzw. plötzlich aufgetretener Autobahnsperrungen – „Sie werden aufgrund von Sperrungen auf der A2 umgeleitet!“ – inzwischen etwas knapp mit der Zeit und immer noch nicht weit von Łódź entfernt waren, wo es zwar auch einen Flughafen gibt, wir aber nicht registriert waren, wurden wir etwas nervös. Dann schickte sich hinter uns ein Fahrer an, sowohl uns, als auch die konstant 40 fahrende Dame zu überholen, und ich schrie Stephie an: „Häng dich dran! Los! Der kennt sich hier aus!“ Und im Vorbeifahren gestikulierte ich ins überholte Auto, dass wir mit der dort praktizierten Fahrweise nicht einverstanden seien … 😉

Irgendwann wurden wir erneut auf die A2 geleitet, und wir atmeten ein wenig auf. Bis Stephie zusammenzuckte: „O Gott! Hinter uns ist die Polizei! Und ich fahre 160! 140 ist erlaubt!“ Wir rechneten damit, alsbald überholt und dann an die Seite gelotst zu werden, um dann so richtig latzen zu müssen …

Jedoch – nichts geschah. Doch! Als Stephie das Tempo auf 140 km/h drosselte, sahen wir im Rückspiegel, dass der Polizeiwagen sehr dicht auffuhr. Und wir sahen, dass der Fahrer aufmunternde Gesten machte, dass wir schneller fahren sollten. Und der Beifahrer machte Handbewegungen, als wolle er eine Garnitur Hühner verscheuchen …

Stephie war sauer: „Überall habe ich gelesen: ‚O Gott! Bloß an die Geschwindigkeitsbegrenzungen halten, sonst Ärger!‘ Ich mache das, und dann ist die Polizei genervt, weil ich die Geschwindigkeitsbegrenzungen einhalte!“

Wir haben es aber geschafft und den Wagen vollgetankt am Flughafen abgestellt und den Schlüssel noch abgeben können. Wir haben sogar unseren Flug noch bekommen! Aber es war sehr, sehr hektisch. 😉 (Es gibt nicht nur einen Grund, weswegen ich Polnisch lernen möchte – das vereinfacht dort so vieles … 😉)

Dennoch: Ich werde ganz sicher wieder nach Polen reisen – zumindest möchte ich das. Das Land gefällt mir. Es ist zwar sehr katholisch, aber in anderer Hinsicht nicht so dogmatisch, und man kann verhandeln. Das gefällt mir. 😊

Euch ein schönes Wochenende! 😊

Der perfekte Mohnkuchen

Ja, ich weiß, dass es nichts von Menschenhand Geschaffenes gibt, das perfekt wäre. 😉 Bis auf den Weihnachtsstollen und den Mohnkuchen meiner Oma, genauer: alles, was man aus Hefeteig und Mohn zubereiten kann. Also Mohnkuchen, Mohnstriezel, Mohnstrudel (den dann natürlich aus handgefertigtem Strudelteig), Mohnplätzchen – jegliches Gebäck aus Mohn.

Gleiches galt und gilt für Streuselkuchen, Pflaumen- und Quarkkuchen (nein, ich meine keine Käsesahnetorte, sondern einen Blechkuchen auf Hefeteigbasis mit einem Belag aus Quark, Rosinen und leicht zitroniger Note). Nie wieder habe ich solchen Kuchen bekommen, seit meine Oma nicht mehr selber kochen und backen konnte. Dabei waren Pflaumen- und Quarkkuchen noch die einfacheren Gesellen, und auch meine Mutter kann sehr gut kochen und backen, tendiert aber dazu, ihr Licht allzu sehr unter den Scheffel zu stellen, so dass man als unbeteiligter Dritter irgendwann selber daran glaubt, das von ihr Geschaffene, das eigentlich immer sehr gut schmeckt, könne gar nicht wirklich gut sein. Ich habe das von ihr geerbt …

Richtig heikel aber ist Mohnkuchen. Ich muss jedoch sagen, dass in der Tat jegliches Backwerk, das Mohn enthielt und von meiner Oma angefertigt worden war, das beste war, das ich je gegessen habe. Mohn war und ist eine Art Heiligtum in meiner Familie mütterlicherseits, und kam die weiterläufige Verwandtschaft Omas zusammen, gab es nicht selten Diskussionen darüber, wie mit Mohn in seiner Verarbeitung zu Gebäck optimal zu verfahren sei.

Die einen schworen darauf, ihn zu mahlen. Gott behüte, riefen die anderen, denn Mohn dürfe nur gequetscht werden, bevor man ihn zügig weiterverarbeite. Eine dritte Partei war dafür, ihn erst grob zu quetschen, dann sicherheitshalber noch einmal zu mahlen, und das gaben sie mit derartiger Inbrunst kund und zu wissen, dass in mir als kleinem Mädchen immer Mitgefühl mit dem ölhaltigen Saatgut aufkam. In einem waren aber alle einig: Nie, niemals ein vorbearbeitetes Fertigprodukt kaufen! Mohn wird so leicht ranzig, und es wusste ja auch niemand, ob der Mohn nicht vielleicht in eine angeranzte Mühle geworfen worden war, in der er so ganz ohne Liebe und echter Verve kurz und klein gemahlen wurde … Man kann mit Mohn so viel falsch machen! 😉

Bei Oma wurde der Mohn gequetscht, es wurde großer Aufwand betrieben, aber das Ergebnis gab ihren Mühen immer Recht, und bis heute betrachte ich gekauften oder anderweitig gebackenen Mohnkuchen immer mit einem gewissen Argwohn. Ich bin wirklich nicht heikel oder gar zickig, was Essen anbelangt, aber hier ist das anders, ähnlich wie mit Weihnachtsplätzchen. Da bin ich wirklich verwöhnt worden und daher sehr heikel. Meine eigenen Machwerke, die ich bis dato als Plätzchen angefertigt habe, habe ich stets verschämt verklappt, da sie einfach nur grauenhaft waren.

In der Kantine meines Arbeitgebers gibt es auch Mohnkuchen. Eine Kollegin schwärmte mir eines Tages davon vor, und so kaufte ich mir einmal ein Stück, obwohl mich schon irritierte, wie dick die „Mohn“schicht war. Meine Oma sparte nicht mit Mohn, der stets angemessen dick und großzügig im jeweiligen Gebäck zu finden war, aber die Schicht in diesem Kuchen war so fett und unappetitlich hellgrau, dass es nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Ich war jedoch eingelullt und kaufte wie ferngesteuert das Stück dieses „Mohnkuchens“. 😉

Kaum probiert, war ich entsetzt und fragte: „Was haben die mit dem Mohn veranstaltet – was ist das überhaupt für eine pappige Masse?“ – „Ja, so ist Mohn nun einmal!“ – „Nee. Da hat jemand ein halbes Fuder Vanillepudding mitverarbeitet – das ist doch kein Mohnkuchen!“ Meine Kollegin verstand nicht, was ich zu meckern hatte … 😉 „Das ist Vanillepudding mit ein paar Mohnsamen drin!“ – „Also, ich mag den – das ist der beste Mohnkuchen überhaupt!“ – „Das ist Kuchen mit etwas Mohn drin, aber doch kein Mohnkuchen! In einem richtigen Mohnkuchen hat man eine schöne, schwarze Schicht aus Mohn und ohne diesen ekligen Pudding! Und den Mohn muss man quetschen und dann mit Milch und Butter aufkochen, bis das Ganze eine homogene Masse ergibt!“ Ich hatte die frühkindlichen Mohnlektionen hervorragend verinnerlicht, und theoretisch machte mir in dieser Beziehung keiner was vor! 😉

Praktisch habe ich mich jedoch noch nie an einem Mohnkuchen versucht, käme jedoch nie auf die Idee, das Ganze mit Vanillepudding zu strecken – behüte! Das wäre Frevel und quasi eine Gotteslästerung. 😉

Vielleicht sollte ich es einfach mal selbst versuchen. Was mich daran hindert, sind mehrere Dinge: A) Ich backe generell nicht gern, b) habe ich immer vor Augen, wie angespannt meine Mutter, die wirklich gut kochen und backen kann, immer war, wenn sie einen Mohnkuchen oder -striezel anfertigte, vor allem, wenn meine Oma anwesend war, c) backe ich nicht gern. Ach, hatte ich das schon erwähnt? 😉

Überhaupt schmeckt Mohn – sofern gut verarbeitet – sehr gut, ist aber total unpraktisch: Man muss sich danach grundsätzlich etwa dreimal die Zähne putzen, weil man beim ersten und zweiten Mal trotz großer Gründlichkeit und peniblen Spülens nicht alle Mohnfitzel erwischt hat. Daher mein Tipp: Mohnprodukte – ähnlich wie Thunfischbaguettes – immer nur dann essen, wenn ihr nicht mehr in die Öffentlichkeit geht oder gar ein Date habt. Oder nur mit geschlossenem Mund lachen. Aber man wirkt dann so verkniffen … 😉

Und ansonsten: Immer nur quetschen. Nicht mahlen. Und niemals ein Fertigprodukt verwenden! 😉

„Smacznego!“

Ich muss sagen, dass ich Polen richtig vermisse: Die Menschen waren stets höflich, zumeist sogar freundlich und liebenswürdig wie hilfsbereit. Ebenso war dort alles stilvoll, und sogar dort, wo abrissreife Häuser neben tollkühnen wie nicht selten weit in den bis auf zwei Ausnahmen strahlendblauen polnischen Himmel ragenden Neubauten standen, wo kleine Macken waren, geschah dies mit Stil. 😊 Aber da ich in meinem Leben auch hier in Deutschland häufiger mit Polen zu tun hatte, wusste ich, dass ich mit der polnischen Lebensart gut zurechtkommen würde. 😊

Einer der besten Aspekte in Polen ist das Essen. Und diejenigen, die unter Obstipation oder – auf Deutsch – Verstopfung leiden, sollten dringend mal die polnische Küche probieren, die neben der Tatsache, dass sie zum größten Teil einfach nur wunderbar ist – mal abgesehen von flaczki -, auch noch dies Leiden kurieren kann, und das pronto. Denn vieles ist krautlastig, und obwohl ja gesagt wird, dass Kraut bzw. Kohl schwerverdaulich sei und lange im Magen liege, kann ich dies nicht verifizieren. Der Kulturpalast in Warschau kann das bestätigen, denn er wurde Zeuge davon, wie ich in seinem Inneren hektisch zur toaleta zwar nicht rannte, da nicht ratsam, mich ihr jedoch nervös in sehr verhaltenem Schritt wie eine Aufziehpuppe und Panik in den Augen so schnell wie nur eben möglich näherte und dann mit Tränen der Erleichterung in den Augen in der einzigen freien kabina verschwand … 😉

Zu meinen Favoriten der polnischen Küche gehören pierogi, wunderbare Teigtaschen, Ravioli ähnlich, die mit allen nur denkbaren Füllungen versehen auf den Plan treten können. Am liebsten waren mir die mit Kraut und/oder Pilzen gefüllten, die es in unserem dritten und letzten Hotel in Schlesien auch schon zum Frühstück gab – herrlich, denn ich liebe es auch zum Frühstück schon herzhaft. Hier war ich richtig, und endlich verstand mich mal jemand! 😉 Zum Glück fanden auch die anderen Hotelgäste diese Teigtaschen so toll wie ich, so dass ich immer nur eine oder zwei noch davon abbekam, da ich immer erst gegen halb 10 zum Frühstück aufschlug, das von 7 bis 10 Uhr feilgeboten wurde. Ansonsten hätte ich Polen sicherlich wie eine gestopfte Gans verlassen. 😉

Ein weiterer Favorit ist Żurek, eine Suppe, die auf vergorenem Roggenschrot bzw. Sauerteig basiert. Klingt schräg, schmeckt jedoch hervorragend und wird in einem kleinen, ausgehöhlten Brotlaib mit Wurst, Räucherspeck und einem hartgekochten Ei serviert – gilt als typische Ostersuppe. Wird jedoch in Restaurants für die Touris alljährlich angeboten, und das, wovon mir eine meiner Omas immer vorschwärmte, die aus Schlesien stammte, das, was als Saurer Jur stets ein wenig wehmütig als die Suppe gepriesen wurde, wollte ich doch auch probieren, und ich kann nur sagen: Ich kann dich verstehen, Oma – das ist wirklich lecker! Wenn man es sauer mag, versteht sich. 😊 Und nachdem ich mit Freunden schon einmal selber Kwass hergestellt habe, dürfte es nicht zu schwer sein, selber Żurek anzusetzen, ohne das Haus in die Luft zu sprengen. 😉

Barszcz und Bigos liebe ich auch sehr. Ersteres eine klare Suppe auf der Basis Roter Bete, zweiteres ein Schmorgericht auf der Basis von Sauerkraut, Weißkohl, Wurst und Fleisch und so gut, dass man sich hineinlegen und wälzen möchte. Allerdings eher ein Wintergericht. 😉

Wer Pilze mag, ist in Polen ebenfalls richtig, und ich fühlte mich wie im Paradies. Gleiches gilt für Karpfen, einen meiner Lieblings-Speisefische. 😉

Und Wurst ist in Polen ebenfalls ein Gedicht. Am liebsten hätte ich davon etwas mitgebracht, aber mein Trolley war bereits gut gefüllt, und ich vertraue einfach auf den polnischen Wurstverkaufswagen, der ab und an hier vorbeifährt. 😉 Und ich hoffe, sie haben auch echte polnische Gurken dabei! Eingelegte Gurken, die ich seit frühester Kindheit liebe, sind in Polen ebenfalls hervorragend. Und jegliches Gebäck auf Basis von Hefeteig, Quark und – Mohn! Da bin ich wirklich verwöhnt. Meine Oma machte den besten Mohnkuchen, den ich kenne, den besten Quarkkuchen und überhaupt …

Meine Mutter sah mich nachdenklich an, als ich heute bei meinen Eltern war und schwärmte. Dann sagte sie: „Żurek, Pilze, Karpfen, Salzgurken, Mohn … Offenbar hast du wirklich besonders viel Slawisches geerbt.“ Und dann grinste sie und meinte: „Ich mag das auch alles.“ Während mein Vater noch immer ein wenig verstört dreinblickte, nachdem er vom Żurek gehört hatte. Sauerteig gibt es bei ihm nur in gebackener Form als Brot. 😉

Aber als ich wieder nach Hause fuhr, meinte meine Mutter: „Ich glaube, ich suche im Internet gleich mal nach einem Żurek-Rezept und besorge dann Natursauer oder Roggenschrot und die restlichen Zutaten.“

Mein Vater sah angstvoll drein, als ich fröhlich hupend gen Heimat fuhr, und ich habe ein bisschen den Eindruck, er bereute, dass ich überhaupt zu Besuch gekommen war … 😉 Hätte er erst von flaczki gehört, die ich jedoch auch gar nicht mag: saure Kuttelsuppe! 😉

„Warschau ist Oper – Krakau ist Operette!“

So entfleuchte mir, als meine Schwester Stephanie und ich – wir verreisen öfter gemeinsam – frisch von Warschau kommend in Krakau den ersten Abend durch die Innenstadt flanierten.

„Nicht so laut!“ meinte Stephanie. Sie fürchtete, die anwesenden Krakauer könnten ob dieses Urteils bekümmert sein. Dabei waren sicherlich die wenigsten Menschen auf dem Rynek Główny, dem Krakauer Hauptmarkt, bei dem sich das polnische Wort für „Haupt-“ wie gwuwne spricht (ja, ich habe viel gelernt … 😉 ), echte Krakauer, denn die Stadt quoll über vor Touristen. Und so sagte ich albern frotzelnd: „Warum? Ich habe doch nicht operettka gesagt!“ – „Pssst!“ machte Stephie und sah mich leicht warnend an. Sie kann ihre Rolle als ältere Schwester irgendwie nicht so recht ablegen. Ich meine als jüngere allerdings auch nicht, und so haben wir einen Ausgleich. 😉

Aber sie gab zu, dass mein Urteil durchaus treffend sei, in gedämpftem Ton, als befänden sich an jeder Ecke Agenten. 😉

Drei Tage vorher waren wir mit einer originären LOT-Boeing in Warschau gelandet, und ich kann nur sagen, ich hatte selten einen so angenehmen Flug mit solch netter und zuvorkommender Crew. Kann ich nur weiterempfehlen. Am Flughafen hob ich gleich mal 1000 Złoty an einem Geldautomaten ab und fühlte mich reich. So viele Hunderter! Aber das waren mal etwa 262 Euro … Wir enterten ein Taxi und ließen uns zu unserer Unterkunft fahren, einem Haus mit vielen Apartments, wohl für Geschäftsreisende oder aber Touris. Machen wir es kurz: Ich musste zwei Stunden auf meinen Schlüssel warten, weil offenbar das Apartment nicht geputzt worden war … Wir sahen uns erst einmal Stephies Apartment Nr. 56 an: Es war auf alle Fälle geputzt, es gab ein WC, vom Bad getrennt, eine Kochnische mit Arbeitsplatte, Wasserkocher, Kaffeemaschine und Schränke mit Tassen, Tellern und Gläsern, ebenso Besteck. Der Fußbodenbelag schreckte mich ein wenig ab, dunkles PVC, ebenso der Geruch im Apartment, was wohl an den Putzmitteln lag. Es roch nach Lysol, das ich noch von meiner Krankenhaustätigkeit kenne. Stephie riss sogleich sämtliche Fenster auf und meinte: „Das Putzmittel riecht nicht wirklich gut!“ – „Ist wohl Lysol, und da kannst du wenigstens sicher sein, dass alles wirklich porentief rein ist,“, grinste ich. Sehr überzeugt sah Stephie nicht aus, und sie meinte: „Schön, aber warum kann das dann nicht gleichzeitig besser riechen?“ – „Ist wohl ähnlich wie mit den besonders gesunden Lebensmitteln und Speisen: Die schmecken meist auch nicht so gut wie die ungesunden.“

Wir beschlossen, erst einmal in die Stadt zu gehen und baten den jungen Rezeptionisten, bei dem ich kurz zuvor die Rechnung mit meiner Kreditkarte beglichen hatte, den Schlüssel für mein Apartment in Stephies Nr. 56 zu deponieren. Glücklicherweise sprach der junge Mann – wie so viele andere Menschen in Warschau und auch Krakau – gutes Englisch. Sonst hätten wir uns mit Händen und Füßen verständigen müssen – Polnisch ist wirklich sehr schwer.

Warschau ist eine sehr gegensätzliche Stadt. Auf unserem Weg ins nahegelegene Śródmieście – die Innenstadt – sahen wir einige abrissreife Häuser in direkter Nachbarschaft schnieker und topmoderner Hochbauten, außen verglast und glänzend. Es wurde überall gebaut, und die Stadt hat etwas Faszinierendes. Mich faszinierten besonders die Gegensätze, aber auch Stephie war begeistert, obwohl einige Ecken wirklich nicht sehr schön aussahen. Aber das ist ja überall so.

Begeistert waren wir auch von der Nettigkeit der Menschen – nicht ein negatives Erlebnis hatten wir in Warschau. Genaugenommen: Wir hatten kein einziges negatives Erlebnis in allen Teilen Polens, die wir besucht haben. 😊 Auch dort nicht, wo man weniger Englisch sprach. (Interessantes Phänomen, das ihr vielleicht auch kennt: In Ländern, deren Sprache ich nicht spreche bzw. verstehe, ist es für mich, spricht jemand neben mir Englisch, stets so, als spräche er meine Muttersprache … 😉 In Polen ging es mir sogar mit einer Gruppe Franzosen so, als wir in einer Region waren, da wenig Englisch gesprochen wurde. 😉)

Wir verbrachten dreieinhalb schöne Tage in Warschau, und ich kann nur sagen: Wenn es nach mir geht, bin ich nicht zum letzten Mal in Warschau gewesen, dessen englischer Name, Warsaw, den man auch öfter lesen konnte, mich immer an einen Agententhriller erinnert. Speziell an den Kulturpalast habe ich sehr positive Erinnerungen … 😉

Warum? Nun, wir waren zuvor in der Starówka gewesen, der Altstadt, und wir hatten dort gegessen. Nein, das Essen war hervorragend, und doch hatte das Gericht, das ich gewählt hatte – ein typisch polnisches – ganz spezielle Auswirkungen auf mich. Leider mit Zeitverzögerung, also erst dann, als wir zu Fuß nach Hause gingen … 😉 Stephie meinte: „Alles in Ordnung? Du bist auf einmal so blass!“ – „Stephie, ich muss ganz dringend mal wohin – renn bitte nicht so …“ Mir stand der kalte Schweiß auf der Stirn. Vor uns der Kulturpalast. Stephie meinte: „Du gehst ganz langsam weiter, und ich renne schon mal vor und sehe nach, ob da eine Toilette ist!“ Gesagt – getan. Und es kam dann so, dass ich den Warschauer Kulturpalast in mein Herz schloss, denn er war meine Rettung. 😉

Einen Tag später fuhren wir von Warszawa Centralna mit dem Zug nach Krakau. Über die Zugfahrt berichte ich gesondert, denn die war auch speziell. 😉 Noch jetzt muss ich lachen, denn es bewahrheitete sich ein Klischee, gegen das ich immer gewettert hatte („Total blödes Klischee!“) … 😉 Davon aber später. Unvergesslich auf alle Fälle. 😉

Krakau ist wunderschön, aber eben „Operette“ statt „Oper“. Am Hauptmarkt reihten sich unzählige weiße Kutschen, Landauer, Zweispänner, mit geschmückten Pferden mit Federbüschen auf den Köpfen. Warschau ist ein würdevoller und solider Kuchen, Krakau ist Zuckerbäckerei. Ich las in einem Reiseführer, dass Polen sagen würden: „In Warschau wurde schon immer gearbeitet, in Krakau gefeiert.“ Ob das so ist, vermag ich nicht zu sagen – es stand so in dem Reiseführer, aber ich könnte mir vorstellen, dass zumindest ein Jota Wahrheit daran ist. Obwohl auch in Krakau selbstredend gearbeitet wird.

Wir machten eine Rundfahrt mit einem total netten jungen Polen als Stadtführer, waren – wenn auch kurz – auf dem Wawel, länger und ausgiebig jedoch im jüdischen Viertel in Kazimierz. Und an einem Tag marschierten wir zu Fuß nach Podgórze und besuchten dort das Museum bzw. die Gedenkstätte Fabryka Oskara Schindlera, die frühere Emaillefabrik Oskar Schindlers. Kennt ihr sicher – „Schindlers Liste“. Das hat mich ziemlich mitgenommen. Ich habe schon als Jugendliche viel zum Thema gelesen, aber das hier ging noch näher als das, was ich bisher gelesen hatte. Und das war schlimm genug gewesen.

Krakau ist schön. Aber ich glaube, ich würde eher noch einmal nach Warschau reisen. 😊 Oder nach Śląsk, nach Schlesien, wohin wir dann mit einem Mietwagen fuhren, den wir am Flughafen Kraków-Balice abholten. Oder nach Gdánsk, nach Danzig.

Schlesien war schön, wenn es dort auch öfter Gelegenheiten gab, meinen kleinen Pocket-Sprachführer Polnisch aus der Tasche zu kramen. 😉 Aber zumindest Dzien dobry!, Do widzenia!, Przepraszam, Dobry wieczór! gingen mir recht leicht über die Lippen, und das bereits seit Beginn der Reise. Doof nur, dass das Gegenüber speziell in Schlesien dann oft dachte, ich spräche Polnisch und sogleich kaskadenartig in dieser wunderschön klingenden Sprache auf mich einredete. Ich lächelte dann immer und meinte: „Przepraszam, but unfortunately I don’t speak Polish!“ Sprachpanscherei in Reinkultur und völlig grotesk … 😉 Aber die so Angesprochenen lachten immer und redeten nicht selten etwas lauter und langsamer auf Polnisch auf mich ein, was mir nur leider so gar nicht half. 😉 Einige rafften ihre Englischkenntnisse zusammen, und wir verständigten einander dann immer ganz wunderbar, schleuderten einander englische Sätze (ich), polnische Sätze (sie), englische wie polnische Einzelbegriffe (sie wie ich in beiden Sprachen) um die Ohren. Aber alles klappte. Eine Verkäuferin erklärte mir in gebrochenem Englisch, sie fände sehr nett, dass ich zumindest die polnischen Begriffe, die ich kannte, anwendete – das fände sie sehr höflich und respektvoll. Ich sagte: „Thank you – dziękuję!“ Sie strahlte mich an, ich strahlte zurück.

Und auch, wenn das alles so gut funktioniert hat, habe ich gerade angefangen, Polnisch zu lernen. Eine ehemalige Studentin von mir hat mir einen guten Tipp gegeben. Sie kommt aus Polen, fand überraschend, dass jemand ihre Muttersprache lernen wolle – das habe sie noch nie erlebt. Ich habe polnische Vorfahren, und leider spricht in meiner Familie keiner (mehr) Polnisch. Da es mir in diesem Land so sehr gefallen hat, fand ich es an der Zeit. Und ich habe auch schon begonnen – es ist wirklich schwierig. 😉 Mit Martas, meiner Ex-Studentin, Tipp mache ich nun täglich mindestens 15 Minuten Polnisch. Es wird also nur etwa 10 Jahre dauern, bis ich mich verständigen kann … 😉 Denn im Moment befinde ich mich noch in dem Stadium, da ich wunderschöne Anfängersätze bilde, wie: „Die Katze trinkt Milch“ – „Kot pije mleko/mleczko“. Oder: „Der Elefant isst Plätzchen“ – „Słoń je ciasteczka“. 😉

Ein Tipp von mir: Polen ist ganz eindeutig eine oder mehrere Reisen wert! 😊