Nostalgie im Urlaub …

Heute ist der erste Tag eines kurzen Urlaubs meiner Wenigkeit. Erst am kommenden Dienstag muss ich wieder im Büro sitzen und – wenn das Wetter sich nicht ändert – schwitzen. (Denn der interne Stellenwechsel von einem Südlagen-Büro ohne Klimatisierung in ein Westlagen-Büro ohne Klimatisierung hat sich zumindest in dieser klimatischen Hinsicht nicht als große Verbesserung erwiesen … 😉 )

Mein richtiger Jahresurlaub wird von Ende August bis Mitte September andauern, aber ein paar freie Tage zuvor waren zwingend notwendig. 😉

Ich schlief aus, herrlich! Dann duschte ich und machte mich fertig, denn um kurz nach 12 stand die Physio an. Irgendwie habe ich ein wenig gebummelt – die Straßenbahn, mit der ich fahren wollte, würde ich nicht mehr erwischen. Also mit dem Auto! Die Parkplatzsuche erwies sich als nicht ganz so einfach, und so stochte ich schließlich per pedes vom Aldi-Parkplatz in die Physio-Praxis, wo Doris, meine sehr sympathische Physiotherapeutin, mich gleich in Empfang nahm. Es wurde – wie bei jeder Behandlung – dann auch schnell sehr lustig, denn Doris und ich haben denselben Humor, und erst kürzlich kam ihr Kollege in den Behandlungsraum, nachdem wir wiederholt sehr laut und dreckig gelacht hatten, und er fragte: „Was geht denn hier ab?“ Doris sagte: „Wir haben einander gerade versaute Witze erzählt!“ Der Kollege zu mir: „Frau B.! So kenne ich Sie gar nicht!“ Darauf Doris: „Mach dir nichts draus, Tom! Hier haben sich zwei Seelenverwandte gefunden! Und jetzt geh bitte – du bist mitten in eine Pointe geplatzt!“

Nach der Physio eierte ich erschöpft zurück zu Aldi, kaufte dort noch ein und sauste dann in meinen Heimatstadtteil. Ich musste noch zur Packstation und zum Hermes-Paketshop. In der Packstation harrte meine neue Lieblings-Krimiserie meiner: Mord auf Shetland, im Original kurz: Shetland. Einmal gesehen – schon verliebt. Noch dazu als Schottland-Fan mit einer ausgeprägten Sympathie für Pferde und Ponys, und es kommt eine sehr bekannte und kleine, kurzbeinige Ponyrasse von dort, die unter dem Beinamen Dackel unter den Pferden geführt wird und als intelligenteste Rasse unter allen Pferden und Ponys gilt: das Shetland-Pony. Zu klein für mich zum Reiten, aber charmant und liebenswert. 😊 Und dann diese Landschaft! Sie hat etwas Verwunschenes an sich – und da bin ich ja sofort verloren! 😉 Am liebsten würde ich im September auf die Shetlands reisen, aber es steht schon ein anderes Reiseziel fest, zu dem ich mit Stephanie reisen werde. 😉

Rasch hatte ich die Sendung aus der Packstation befreit, nachdem ich unrechtmäßig auf einem reservierten Parkplatz geparkt hatte. Es würde ja schnell gehen – der Hermes-Shop ist auch nicht weit entfernt. Aber nachdem ich in brüllender Hitze hingeeilt war, musste ich feststellen: Er war geschlossen. So ein Mist! Drinnen harrten zwei Tops meiner – die hatte ich bestellt, nachdem ich das englische Top aus China neulich aufgrund schlechten Geschäftsgebarens „für umme“ bekommen hatte. 😉

Zu Hause begab ich mich an das, was ich schon seit Wochen plane und zumindest partiell auch schon ausgeführt habe: das Ausmisten von Schränken und Kommoden. Bei der Hitze nicht sonderlich angenehm, aber ich wollte die Zeit nutzen.

Und da fand ich etwas wieder, in einer Kommode, das ich dort wohl in einer nostalgischen Anwandlung hingepackt hatte: einen Brief meiner langjährigen amerikanischen Brieffreundin Camelia. Ihren letzten. Und ich musste mich setzen und ihn lesen.

In der Prä-E-Mail-und-Internet-Ära gab es eine Organisation in Finnland, die in Brieffreundschaften machte. Wollte man eine Brieffreundin oder einen Brieffreund aus dem In- oder Ausland, füllte man ein Formular aus, sandte es an die Organisation, die in Turku beheimatet war, einer Stadt, die ich inzwischen auch persönlich kenne – sogar die Hauptwache der Polizei in der Eerikinkatu, was übersetzt soviel wie Erikstraße heißt -, und dann bekam man eine Adresse aus dem gewünschten Land, wofür 2,50 DM zu berappen waren.

Mein allererster Brieffreund hieß Jürgen und kam aus Vilshofen. Ein Bayer – sehr sympathisch. Da war ich 9 Jahre alt, und mir blieb nur ein deutscher Brieffreund bzw. eine deutsche Brieffreundin, da ich des Englischen noch nicht mächtig war. Ich hatte eigentlich eine Brieffreundin gewollt, und auch Jürgen aus Vilshofen war sicherlich nicht allzu begeistert über eine kleine Brieffreundin aus NRW. Aber – und das rechne ich ihm noch heute hoch an! – er schrieb mir eine Karte auf meinen kurzen Brief! Er hätte es nicht machen müssen, aber war so anständig (vermutlich steckten seine Eltern dahinter 😉 ), mir zumindest zu antworten.

Der erste Kontakt hatte nicht so gut geklappt, aber eines Tages bekam ich einen Luftpostbrief. Aus England. Eine Philippa schrieb mir! Aus Leeds! Ich freute mich, aber da war dieses babylonische Sprachproblem … 😉 Aber auch dies ließ sich lösen. Ich schrieb einen Brief auf Deutsch, und meine Mutter übersetzte ihn dann ins Englische. Und so ging das über eine gewisse Zeit hin und her, und unter Philippas Briefen stand stets: P.S.: Best regards to Kathrin. Das ist meine Mutter, die mir Philippas Briefe auch immer übersetzte. Ich stellte fest: Ich musste dringend Englisch lernen! 😉

Dann schrieb ich noch mit Camilla aus Jönköping, einer Schwedin, zwei Jahre älter, die mich auch eines Tages einfach angeschrieben hatte. Da aber immer diese Umleitung über meine Übersetzerin, ääh, Mutter notwendig war, war das Briefeschreiben stets etwas umständlicher. Und irgendwann schlief es dann auch ein. Es ist einfach viel schöner, wenn man selber in der Lage ist, sich hinzusetzen und zu schreiben – ohne Umwege.

Jahre später, irgendwann in der Mittelstufe, kam meine Freundin Gunni plötzlich mit dieser finnischen Organisation an, die ich fast vergessen hatte, und prompt steckte sie mich mit ihrem Eifer an. Ich war damals großer USA-Fan, und natürlich sollte es eine Brieffreundin aus den Staaten sein! Genau wie bei Gunni – die hatte bereits eine solche aus Atlantic City.

Meine erste USA-Brieffreundin hieß Teresa und kam aus Toledo in Ohio. Aber der Kontakt war nicht sehr ergiebig. Enttäuscht schrieb ich die zwei Mark fuffzig als Fehlinvestition ab. Aber zwei Wochen später bekam ich einen Luftpostbrief aus Chicago. Eine Camelia schrieb mir! Sie hatte wohl eine deutsche Brieffreundin gewollt und meine Adresse bekommen.

Der Brief war so nett, dass ich mich direkt hinsetzte und antwortete – Englisch beherrschte ich inzwischen sehr gut. 😉 Und das war der Beginn einer langjährigen und wunderbaren Brieffreundschaft …

Sie ging wirklich über Jahre – ich nahm Camelia sogar mit nach Aachen, als ich dort zu studieren begann. Sie studierte ihrerseits in Evanston, und unsere Briefe gingen hin und her. Sie wusste Dinge über mich, die Menschen, die ich täglich sah, nicht wussten, umgekehrt vertraute sie mir auch ihre Sorgen an oder erzählte mir von Dingen, die sie mir sicherlich nicht auf die Nase gebunden hätte, wären wir einander täglich begegnet. Einmal schickte sie mir ein Päckchen nach Aachen. Eine Kassette war darin: „This is music I like!“ Dazu hatte sie einige typisch amerikanische Dinge gepackt – unter anderem auch drei Riegel Butterfinger. Ein wunderschönes Päckchen, für das ich mich auf ähnliche Weise revanchierte. Zu meinem Geburtstag bekam ich seit Beginn unserer Brieffreundschaft immer riesige Glückwunschkarten, sie umgekehrt auch.

Und wir planten immer, einander zu treffen. Interessanterweise wusste keine von uns, wie die andere überhaupt aussah – wir hatten nie Fotos verschickt, aber wir verstanden einander auf diesem Wege hervorragend, und sie schrieb mir einmal: „Es ist erstaunlich, wie sehr man an jemandem hängen kann, den man noch nie gesehen hat! Du gehörst zu meinem Leben – und ich weiß nicht einmal, wie du aussiehst! Aber was die Briefe anbelangt, habe ich ganz oft den Eindruck, dass wir Schwestern sein könnten.“ Das empfand ich ähnlich – bis heute weiß ich nicht, warum wir keine Fotos verschickt haben. Das erstaunt mich bis heute.

Eines Tages schrieb sie mir ganz euphorisch, sie und ihr Freund hätten sich verlobt, und sie wollten auch bald heiraten. Ich freute mich riesig für sie – ich hatte gerade Megazoff mit meinem damaligen Freund -, und ich schrieb ihr einen langen Brief.

Auf diesen Brief habe ich von ihr nie eine Antwort bekommen. Es vergingen zwei Wochen, bis ich unruhig wurde. Wir schrieben einander wirklich dauernd, und nun kam nichts. Hatte ich etwas Falsches geschrieben?

Nach zwei weiteren Wochen ohne Lebenszeichen schrieb ich einen weiteren Brief. Auch auf diesen erhielt ich keine Antwort. Ich muss ehrlich gestehen, dass mich das beunruhigte. Sie schrieb immer sofort zurück. Ich hatte kein gutes Gefühl. Entweder hatte ich irgendetwas falsch gemacht (meine erste Annahme), oder es war etwas passiert. Es mag komisch erscheinen, aber ich dachte wirklich ständig darüber nach, was passiert sein möge. Camelia war in der Tat wie eine ferne „Schwester“ für mich – und sie war in Gestalt ihrer Briefe immer dagewesen, seit Jahren.

Es vergingen weitere Wochen, und ich wollte am Wochenende zu meinen Eltern fahren, als meine Mutter mich zwei Tage vorher anrief und mir sagte, von einer Sally N. aus Chicago sei ein Brief für mich gekommen. Ich wunderte mich – ich kannte nur eine Camelia N. aus Chicago – Sally sagte mir nichts. Meine Mutter, die wusste, dass ich eine so enge Brieffreundin aus diesem Teil der Staaten hatte, meinte: „Vielleicht ist etwas passiert. Soll ich den Brief öffnen?“ – „Nein, ich komme ja übermorgen.“

Und kaum war ich dort, habe ich den Brief geöffnet. Tatsächlich – Sally N. schrieb mir. Und als ich zu lesen begann, begriff ich zunächst kaum, was sie schrieb. Denn der erste Absatz klang harmlos, und ich rechnete nicht mit etwas Bösem. Bis mir auffiel, dass da noch etwas im Kuvert lag: eine Drucksache. Obituary stand darauf, darunter ein Foto, das unterschrieben war mit Camelia S. N…

Obwohl ich inzwischen fließend englisch sprach, schnallte ich zunächst nicht, warum da obituary stand, das englische Wort für Todesanzeige oder Nachruf. Es wollte mir wohl einfach nicht in den Sinn.

Aber ich wusste nun, wie meine so liebgewonnene langjährige Brieffreundin aussah. Das einzige Foto, das ausgetauscht wurde.

Ich war völlig schockiert – das konnte doch nicht sein! Sie war doch gerade verlobt gewesen, und sie und ihr Verlobter hatten Heiratspläne gemacht! Ich stand da, hilflos mit dem Nachruf in der Hand, und meine Mutter fragte: „Was ist passiert?“ – „Camelia ist tot …“ – „Was? O Gott! Was ist denn passiert?“ – „Ich weiß es nicht.“ – „Lies doch mal den Brief!“

Ich musste mich erst einmal setzen, ich war wirklich schockiert. Dann las ich den Brief, den Sally, Camelias Mutter, mir geschrieben hatte. Es war ein langer Brief, ein sehr lieber, liebevoller Brief. Sie schrieb, es tue ihr leid, mir erst jetzt zu schreiben, aber sie hätte ihrerseits erst einmal klarkommen müssen, und man hätte natürlich zuerst an die amerikanischen Freunde und Verwandten gedacht. Als sie und ihr Mann Camelias Studentenzimmer im Wohnheim ausgeräumt hätten, hätte sie da meine zwei letzten Briefe ungeöffnet liegen sehen, und da sei ihr klargeworden, dass da ja noch jemand sei, der unterrichtet werden müsse. Und – ich solle ihr nicht böse sein – sie habe beide Briefe geöffnet und gelesen und sei gerührt gewesen, da ich mir wohl Sorgen gemacht hätte. Sie hätte von der Brieffreundschaft gewusst, da Camelia ihr davon erzählt habe, dass diese schon so viele Jahre andauere. Einmal habe sie ihr aus einem meiner Briefe vorgelesen und gesagt: „It is as if I had a sister in Germany!“ Und da habe sie, Sally, sich nun hingesetzt und mir geschrieben – denn das sei wirklich eine außergewöhnlich lange und enge Brieffreundschaft gewesen. Sie bedanke sich für die Zuneigung, die ich ihrer Tochter entgegengebracht hätte, obwohl wir einander ja nie gesehen hätten. Es sei einfach, aus der Nähe Zu- oder Abneigung zu empfinden – aus der Ferne über so viele Jahre so zuverlässig und freundschaftlich zu schreiben, empfände sie als etwas Besonderes.

Sie schrieb mir nicht, woran Camelia gestorben sei – ich weiß es bis heute nicht. Sie beendete ihren langen und sehr lieben Brief damit, dass sie schrieb: „Please do me a favor: Always take care of yourself, Ali dear! And whenever you are near or in Chicago, I would be happy to meet you. Though far away, you were very close to Camelia.”

Ich war völlig erschlagen und schockiert, aber auch gerührt von Sallys Brief. Geweint habe ich damals nicht – der Schock war zu groß. Aber ich setzte mich sofort hin und schrieb Sally einen Brief, einen langen und liebevollen Brief, und ich versprach, würde ich je in oder um Chicago sein, würde ich mich melden. Ich war nie in oder um Chicago, aber ich habe Camelia und ihre Familie nie vergessen.

Und als ich beim Ausräumen heute den letzten Brief von Camelia fand, musste ich mich einmal mehr hinsetzen. Und dann liefen auch einige Tränen. Anders als damals, als der Schock zu groß war. Vergessen habe ich das nie.

Den Brief werde ich nie wegwerfen. Er war so fröhlich, keiner ahnte, was passieren würde. Es ist so lange her, und trotzdem berührte es mich heute sehr. Offenbar muss man Menschen nicht täglich und persönlich sehen oder hören, und doch kann es passieren, dass sie Teil des eigenen Lebens werden.

Schade, dass es solche Brieffreundschaften nicht mehr gibt.

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