To date or not to date …

Am vergangenen Donnerstag hatte ich, dem weisen Rat meiner langjährigen Freundin Jadranka folgend, ein „Date“. Eigentlich war es ein „Blind Date“ – wir hatten nur zuvor zweimal telefoniert. Und im Moment ist mir danach, Jadranka einen Kopp kürzer zu machen, da sie meinte, das sei total spannend. Obwohl sie in einem Punkt recht hatte, denn sie sagte: „Das ist einfach unvergesslich, Ali!“

Das stimmt. Dieses „Date“ werde ich so schnell nicht vergessen. Da bin ich mir ganz sicher.

Es fing schon spannend an, denn ich fuhr nach der Arbeit nach Hause, um mich umzuziehen. Die Heimfahrt erfolgte ohne größere Hindernisse oder Staus, und ich brauchte auch nicht lange, mich zu stylen. Und so fuhr ich kurz darauf wieder los, doch bereits bei Ausfahrt aus meiner Wohnsiedlung sah ich Merkwürdiges: Auf der Mittelinsel des Kreisverkehrs, den ich kurz zuvor ohne jedwede Behinderung passiert hatte, prangte ein Feuerwehrwagen, und rechts neben der ersten Ausfahrt aus meiner Perspektive interviewte die Polizei gerade einen Fahrer. Der Kreisel selber bestach dadurch, dass soeben Sand auf die Fahrbahn geschüttet wurde, der von zwei wackeren Feuerwehrmännern mit Besen darauf verteilt wurde. Ich verharrte lieber an meiner Ein- bzw. Ausfahrt, während eine Frau, von links kommend, völlig verhuscht aus ihrer Einfahrt nach links abbog, wo sie beinahe mit einem anderen Fahrzeug kollidierte … Anhand der Hektik, die sie an den Tag legte, mutmaßte ich, dass sie einen Termin habe bzw. gerade aus dem Urlaub aus einem Land gekommen sei, da Linksverkehr an der Tagesordnung ist. Die Umstellung ist nicht ganz einfach – ich weiß, wovon ich spreche, denn das geht sogar Fußgängern so (beileibe: Ich bin in Großbritannien noch nie selber Auto gefahren … 😉 ).

Geduldig harrte ich an meiner Einfahrt aus, bis der junge Feuerwehrmann seinen Besen zur Seite stellte und mir Signale gab, ich solle fahren. Ich winkte ihm jovial zu, obwohl mir etwas beklommen ums Herz war: Schon das erste Hindernis wenige Meter von der Haustür entfernt! Das war sicherlich ein schlechtes Zeichen! (Hätte ich mal auf mein Bauchgefühl und das deutliche Zeichen geachtet … Hätte ich das getan, hätte ich einfach nur die 360-Grad-Kurve genommen. So blieb es bei 180 Grad … 😉 )

Und schon raste ich gen Treffpunkt. Ich war erfreulich früh da – keine meiner Stärken. Ich ergatterte sogar noch einen Tisch draußen, denn zumindest wusste ich, mein Gegenüber war bzw. ist Raucher.

Ich fühlte mich nicht gut, und ich schrieb sowohl Jadranka, als auch meiner Kollegin Kerstin eine WhatsApp: „Noch nicht da!“ Mit Kerstin hatte ich bereits ausgemacht, dass ich ihr, würde das Ganze wirklich verheerend sein, eine WhatsApp-Nachricht schicken würde, die das Zauberwort: Oje! beinhalten sollte. Sie hatte mir Stein und Bein geschworen, mich dann umgehend anzurufen und zu behaupten, sie sei meine Nachbarin, und sämtliche Keller stünden unter Wasser, weswegen ich sofort – leider! – das Date beenden müsse … 😉 Nicht gerade undurchsichtig, ich gebe es zu, aber hilfreich. Und – großes Lob an Kerstin! – sie war stets vor Ort. 😉 „Handy ist auf laut!“ schrieb sie mir noch, kurz bevor ich den Treffpunkt erreichte. Von Jadranka kein Wort …

Ich saß und wartete. Inzwischen hatte ich mir eine Weinschorle bestellt – mit viel Wasser, denn ich war ja mit dem Auto da …

Und dann geschah es! Als ich gerade Kerstin ungeduldig eine Nachricht hackte, dass ich maximal eine Viertelstunde warten würde, sah ich einen Wagen auf den großräumigen Parkplatz zwar nicht rasen, aber recht gebieterisch fahren und ebenso einparken. Dann stieg jemand aus …

Hektisch hackte ich ins Handy: „Kerstin, wenn der, der gerade hier eingeparkt hat, das ist, können wir es gleich vergessen!“ Sofort kam zurück: „Sieh ihn dir doch erst einmal an!“

Ja, da hatte sie Recht. Eersma kuckn. 😉

Und er war es! Und nahm gleich großrahmig Platz, wobei er monierte, dass die Stühle aber sehr schmal seien – er sei nun einmal „a big one“!

Ich hätte gern einen Spiegel vor meinem Gesicht gehabt, um mein Gesicht sehen zu können – vermutlich sah es geschockt aus. „A big one“ ist relativ. Ich habe rein gar nichts gegen einige Polster – ich bin leider auch nicht mehr so schlank, wie ich in meinen Zwanzigern war. Aber das hier war eine Art „Insel“. Ich stehe gar nicht auf dünne Männer, aber das hier war dann doch einige Ticks zu „gepolstert“. Es wunderte mich auch gar nicht mehr, dass beim ersten Telefonat, das für eine bestimme Uhrzeit angekündigt war, ganz unerwartet seine Fußpflegerin anwesend gewesen war. Kein Wunder, dass diese vonnöten war – sicherlich kam er nicht selbst an seine Füße …

Aber all das war nicht das Schlimmste …

Wer mich kennt, weiß, dass ich viel rede. Nur: An jenem Abend saß ich annähernd stumm da. Ich hatte meinen Meister gefunden … Allerdings nur in puncto Reden.

Und was da alles erzählt wurde! Ich war erstaunt, denn offenbar gebrach es dem in jeder Hinsicht gewichtigen Herrn nicht an einer Auswahl an Gespielinnen, zumeist mit „Haaren bis zum Arsch“! 😉 (Falls ich das recht verstanden habe und er nicht gesagt hat: „Haare am Arsch“ – man weiß ja nie … 😉 )

Ganz ehrlich: Ich vermute, ich saß recht paralysiert da, mit ebensolchem Gesichtsausdruck, da ich mir kaum vorstellen konnte, was da erzählt wurde – und ich besitze viel Phantasie.

Viel schlimmer, dass ich das Gefühl hatte, von der Besatzung der Nachbartische angestarrt zu werden. Als ich kurz nach rechts und links blickte, sah ich: Ich hatte mich keineswegs geirrt! Sie sahen mich an, als fragten sie: „Das ist aber kein guter Freund von dir – oder?“ Und ich strahlte zurück, als wollte ich sagen: „Aber nein! Ich sitze rein zufällig an diesem Tisch und warte im Grunde nur auf jemanden!“

Man wunderte sich, dass ich noch nie verheiratet war. Ich konterte, als eine Sprechpause entstand: „Immerhin bin ich damit auch noch nicht geschieden! Eine Erfahrung, die wohl auch nicht ganz so toll ist …“ Das wurde bejaht … 😉

Aber Kinder! Kinder hätte ich ja auch nicht!

Schon kurz zuvor war dieses Thema angerissen worden, und da hatte ich schon in höflicher Abwehr gesagt, dass ich mich einfach irgendwann damit hätte abfinden müssen, dass ich nun einmal keine Kinder haben würde – es war eigentlich recht deutlich.

Aber die „Insel“ beharrte darauf, dabei ihre Sensibilität preisend. Ich grinste. Etwas sickig war ich nur dann, als er meinte: „Also, mal im Ernst: Frauen im gebärfähigen Alter kommen für mich ja gar nicht in Frage! Die wollen einfach Kinder! Und dazu bin ich mir zu schade!“

Meine Augenbrauen wanderten bis zum Haaransatz, und ich kam mir vor, als wäre ich aufgrund übergroßer Gnade zu diesem Date gebeten worden. (Von dem „Gnadending“ kam ich allerdings ab, als ich mein Augenmerk wieder ganz konkret auf mein Gegenüber richtete.)

Und da geschah es. Aufgrund einer Gesprächspause – das Gegenüber musste Luft holen – sagte ich mit leicht schneidender Stimme: „Hast du schon einmal darüber nachgedacht, Bücher zu schreiben?“ – „Ja. Warum?“ – „Weil es viel zu wenige phantastische Geschichten gibt! Ich denke, du wärest exakt der Richtige, da einen Ausgleich zu schaffen!“

(Fast) jedem Menschen wäre eigentlich klar gewesen, was ich meinte – er nahm es als Kompliment und meinte: „Ja, das haben mir schon mehrere Freunde geraten!“ (Ich hegte umgehend Zweifel an echter Freundschaft – vermutlich waren es einfach sehr realistische Menschen …)

Immerhin konnte ich einige eigene Sätze absondern. Ich musste allerdings aufpassen wie ein Luchs, um dazwischenzukommen. Ähnlich wie beim Konsekutivdolmetschen. 😉

Und ein Kompliment erfolgte auch noch: „Ich bin ja total überrascht! Endlich treffe ich mal eine Frau, die sprechen kann, und das auch noch geistreich!“ Es sollte wohl wirklich ein Kompliment sein … Für ein erstes – und hier auch letztes – Treffen vielleicht nicht ganz so geeignet, Sympathie zu generieren.

Nein! Ich bin weder böse, noch sonstwie nickelig, aber dieses „Date“ hier war echt gruselig. Überschwemmt von selbstherrlichen Worten – und ich hatte doch schon einkalkuliert, dass Nervosität die normalen Dinge verzerren könne -, es war sogar weniger die Leibesfülle, die mich irritierte … Ich möchte nur ungern im Knast landen … Denn: Hätte ich einen solchen Menschen dauerhaft um mich, wäre das Ganze aus meiner Perspektive nur von kurzer Dauer, ehrlich gestanden. 😉

Morgen rufe ich Jadranka an und frage sie, ob es vielleicht an mir liege … 😉 Wie ich sie kenne, wird sie ihre eigenen Erfahrungen preisen – dabei ist sie gerade wieder Single. Vielleicht besser nicht anrufen … 😉

Ja, ich weiß – das klingt alles nicht nett. Aber ich hatte am Donnerstagabend drei sehr lange Stunden zu bestehen, die ebenfalls alles andere als nett waren, und das mit Aspekten, bei denen ich mich fragte, was sich das Gegenüber eigentlich dabei denke. Und mich fragte, was für Frauen es bis dato kennengelernt habe, die auf derart phantastische Geschichten stehen, auf Angeberei und weitere Dinge dieser Art. Aus meiner Sicht wird er wohl bei solchen Frauen bleiben müssen … 😉

Immerhin hat er mir erklärt, was die „biologische Uhr“ bedeute. Was für ein Glück: Wusste ich vorher auch noch gar nicht … 😉 Tat auch gar nicht weh. Hat mich auch gar nicht zum Lachen gebracht. Komisch eigentlich … Denn das ist es, was ich von einem echten Gegenüber brauche: meinerseits zum Lachen gebracht zu werden. Wie auch umgekehrt. 😉

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.