Was ist schon die Fußball-WM gegen den CHIO!

An all diejenigen, die so enttäuscht von der deutschen „Leistung“ bei der Fußball-WM waren oder sind: Ich war es auch, habe inzwischen aber Abhilfe geleistet bzw. gefunden! Denn es gibt eine Sportart, in der „die Deutschen“ gestern so richtig brilliert haben …

Ich habe diese Sportart einst selber ausgeübt, bin mir allerdings auch im Klaren darüber, dass sie kein echter Ersatz für Fußball ist … Schon gar nicht für Männer … Aber tröstlich war es gestern doch! 😉

Denn – wie jedes Jahr um diese sommerliche Zeit – es tobt in Aachen eine internationale Großveranstaltung: der CHIO, der Concours Hippique International Officiel, ein reiterliches Top-Event, das vom Aachen-Laurensberger Rennverein, einem, nein, dem Aachener Reitverein seit dem 13. Juli 1924 jährlich ausgerichtet wird und die Crème de la crème der Reitsportwelt zuverlässig in diese Grenzstadt zieht und selbige zumeist zumindest im Zentrum und der Altstadt verstopft … 😉 Ich weiß, wovon ich spreche. Und doch war ich, obwohl ich mehr als 13 Jahre in Aachen lebte, niemals leibhaftig in der Soers, wo sich das Event zuträgt. Obwohl ich zuletzt ganz in der Nähe wohnte.

Warum ich nie dort war? Tja, ich kann es nicht einmal erklären. Oder doch? Ich hatte wenig Lust, mit all den Aachener „Größen“ derselben Leidenschaft zu frönen, die dort champagnertrinkend stehen und Menschen wie mich von oben herab betrachten würden. Nicht, dass mir das etwas ausmachen würde – mir ging nur der Öcher Klüngel auf den Keks, und der macht sich bei derartigen Veranstaltungen stets besonders breit. Und so sah ich, wenn ich Lust hatte, einzelne Prüfungen lieber zu Hause, vor dem TV. Wie seit jeher. 😉 Außerdem kenne ich mich: Bei interessanten Veranstaltungen – oder im Kino – sitzt garantiert jemand vor mir, der in irgendeiner Basketballmannschaft nicht nur sportlich, sondern auch physisch herausragt und der Größte ist. Die Gefahr bestand zu Hause nicht, und es war auch preisgünstiger. 😉 Erstaunlicherweise war mein Vater, der – anders als ich – dem Pferdesport nie frönte, während seiner Studienzeit durchaus beim CHIO gewesen …

Doch zurück. Eigentlich hatte ich gestern schön auf dem Balkon sitzen wollen, hatte aber irgendwann mitbekommen, dass der CHIO wieder einmal „grassiert“. Und da wollte ich doch zumindest einmal kurz hineinsehen … Was stand an? Ah! Voltigieren!

Ich finde sehr schön, dass diese Pferdesportart schon seit einiger Zeit aus ihrem Schattendasein herausgetreten ist. „Turnen auf dem galoppierenden Pferd“ sagte man früher ein wenig wegwerfend dazu, wenn jemand fragte, was Voltigieren denn eigentlich sei. Das klingt viel zu bieder und zu einfach. Es ist Akrobatik und ist – wenn man es kann – wirklich kunstvoll und obendrein wirklich schwierig. Einen Flickflack würde ich nicht einmal auf unbewegtem Boden hinbekommen – geschweige denn auf einem beweglichen „Boden“, genauer: einem galoppierenden Pferd!

Und kaum hatte ich gestern das erste Team in diesem Voltigier-Nationenpreis gesehen, hatte ich auch schon Blut geleckt und blieb – statt auf dem Balkon zu sitzen – vor dem Fernseher kleben … 😉 Unglaublich, was da geboten wurde, sowohl einzeln, als auch im Team! Atemberaubend, aber ich bewunderte nicht nur die menschlichen Akteure inklusive Longenführer, sondern auch die Pferde, die so, wie Voltigierpferde sein sollten, ruhig, gelassen und ausgeglichen auf der linken Hand an der Longe auf dem Zirkel galoppierten, nicht einmal ein Ohr anlegten und gekonnt die Balance hielten, obwohl sich auf ihrem Rücken größere und wechselnde Lasten befanden, die sich auch noch ständig verlagerten und anders positionierten. Wie gebannt saß ich vor dem Fernseher und staunte, was durch viel Disziplin alles möglich sei …

Weniger gebannt war ich in meiner allerersten Voltigierstunde damals, als ich mit dem Reiten beginnen wollte, mit 10, und dann war kein Platz in der Anfänger-Abteilung frei. Man riet daher, erst mit Voltigieren zu beginnen.

Vor der ersten Stunde war ich sehr nervös. O Gott – Turnen auf einem Pferd! Wie sollte ich da überhaupt hinaufkommen? Und ich hoffte, das Tier möge recht klein sein …

Als ich an einem Samstagnachmittag im Reitverein bzw. der Reithalle eintraf, waren wir zu zwölft. Zwölf Mädels, alle in Gymnastikhosen und -schläppchen mit rutschfesten Sohlen. Ich hatte mir die Gymnastikhose meiner Schwester ausgeliehen, da meine in der Wäsche war … Das führte später noch zu Ärger … 😉 (Meine Schwester ist nicht ganz so pferdeaffin wie ich – im Gegenteil. Nicht, dass sie etwas gegen Pferde hätte, aber es zog sie nie etwas in die Nähe dieser liebenswerten Lebewesen, während man mich immer nachdrücklich von ihnen wegzerren musste. 😉 )

Das Pferd war noch nicht fertig, und so musste das Dutzend voltigierwilliger Mädels – über die Hälfte wollte eigentlich lieber in der Abteilung reiten – sich erst einmal warmmachen. Wir mussten im Seitgalopp den Hufschlag der Bahn entlangspringen, im Kreuzschritt laufend dieselbe Strecke bewältigen, danach Bockspringen …

Dann kam das Pferd. Bzw.: Es wurde in die Halle gebracht. Ein großer Fuchs war es, etwa 170 cm Widerristhöhe oder gar höher, der einen Voltigiergurt mit zwei Griffen und Ausbindezügel trug, und der uns – wie mir schien – mit hochgezogener Augenbraue entgegenblickte. Dann wandte er den Blick ab, und das – ich weiß nicht, ob ich es mir einbildete -, mit leiser Resignation. Wahrscheinlich dachte er: „Und während meine Schulpferdkollegen schön in ihren Boxen dösen können, muss ich diese kichernden Dinger durch die Gegend schleppen und dabei auch noch unentwegt galoppieren. Und immer linksherum. Wahrscheinlich rumpeln sie mir ständig in den Rücken, weil sie so gar kein Gespür haben. Dabei habe ich schon einen Senkrücken, und dieses Gerumpel wird wahrscheinlich dazu führen, dass irgendwann mein Bauch über den Boden schleift … Zum Glück habe ich ja recht lange Beine, so dass dieser Tag noch relativ fern ist. Warum ich?“

Wirklich – so sah Sascha, wie diese Seele von Pferd, wie ich rasch entdeckte, hieß, drein, als er anlässlich meiner allerersten Voltigierstunde in die Halle geführt worden war. 😉 Er war ein sehr lieber und braver Kerl – noch heute muss ich schlucken, wenn ich daran denke, wie er endete.

Die erste Stunde war desillusionierend. Zum Glück war ich nicht die Größte in der Voltigierabteilung, denn wir wurden alle wie die Orgelpfeifen angeordnet, und die Größte von uns musste beginnen …

Aber von Mal zu Mal wurde es besser, und es ist gar nicht schwer, auf das galoppierende Pferd zu kommen. Einfach an der Longe entlang schnurstracks an die Seite des Pferdes laufen, die Griffe am Voltigiergurt packen, im Seitgalopp einige Sprünge neben dem Tier vollführen und dann in einem kräftigen Schlusssprung abspringen – schon zieht es einen aufs Pferd. Wer sich mit Physik auskennt: Das geschieht aufgrund der Zentrifugalkraft. Wenn man allzu kräftig abspringt, kann man allerdings auch schon einmal über das Ziel hinausschießen. Daher: Griffe nie loslassen! 😉

Ich lernte binnen kurzem den Grundsitz (natürlich ohne Festhalten!), die „Mühle“, die „Fahne“, die „Schere“, die „Flanke“ – und es gelang mir sogar, zwei Galoppsprünge auf dem Pferderücken zu stehen! (Ich muss allerdings hinzufügen, dass es in unserem Reitverein kein Voltigierpad gab und wir auf dem nackten Pferderücken herumturnen mussten – das ist in etwa so glatt wie Schmierseife … 😉 )

Und bevor die schwierigeren Elemente kamen, wurde glücklicherweise ein Platz in der Anfänger-Abteilung frei … 😉

Dennoch hat mich diese Sportart immer fasziniert, seit damals. Und was ich gestern sah, war nur atemberaubend. Und die beiden deutschen Teams landeten auf den Plätzen 1 und 2 – wenn das nichts ist! 😊

Ob es den Pferden allerdings gefällt? Ich weiß es nicht. Ich bewundere nur, wie ruhig und gelassen sie immer wirken.

Daher: Voltigieren kann – speziell passiv – wirklich Freude machen. Ganz im Gegensatz zur diesmaligen WM-Leistung der deutschen Mannschaft … 😉

Immerhin bin ich beim Kollegen-Tippspiel final auf Platz 9 gelandet. Wenn man bedenkt, dass 32 Kollegen teilnahmen, bin ich gar nicht so schlecht. Auf alle Fälle besser als beim aktiven Voltigieren … 😉

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