„Hast du das Spiel gesehen?!?“ Oder: Warum ich möglicherweise als WM-Orakel tauge …

Es findet gerade eine Party bei meinem Arbeitgeber statt, und eigentlich wollte ich auch just dort sein. Zumindest wollte ich dort das Fußballspiel Südkorea : Deutschland sehen. Zumindest hatte ich dies heute im Laufe des Tages beschlossen.

Eigentlich wäre heute ja die letzte Niederländischstunde gewesen, aber im Laufe des Arbeitstages wurde Jana und mir immer klarer, dass wir nicht dort anwesend sein würden. Immerhin gab es das Fest, aber – noch viel wichtiger! – dort auch das obengenannte Spiel! Und so schrieben wir eine sehr nette Mail an Thijs und entschuldigten unser Fernbleiben.

Da ich ja heute früh noch wildentschlossen war, nach M. zum Niederländischkurs zu fahren, war ich mit dem Auto zur Arbeit gefahren. Nachdem wir uns so reizend entschuldigt hatten, dachte ich, dass dieses Fußballspiel ja wohl ohne zumindest ein Bierchen gar nicht ginge, und ich beschloss, um kurz vor 3 den kleinen Monty nach Hause zu fahren und dann mit dem ÖPNV zum Arbeitgeber zurückzufahren. Und fast wäre das auch gutgegangen …

Um kurz vor 3 eilte ich gen Mitarbeiterparkplatz und enterte mein Auto, fuhr auch vom Hof und Richtung Heimstatt. Aber schon zwei Kilometer weiter wurde mir plötzlich total schwindelig, und ich musste mein Tempo drastisch reduzieren. Man möchte ja nicht an der Leitplanke oder einem Baum enden, wenn man es doch noch irgendwie verhindern kann.

Zu Hause angekommen, wollte ich noch einmal kurz in die Wohnung und ins Bad. Dort wurde mir ziemlich schwarz vor Augen – diese dämlichen Wetter- und Temperaturwechsel! Das vertrage ich offenbar einfach nicht. Aber wieso ausgerechnet heute? Es würde doch wohl kein böses Omen sein …

Ich blieb dann doch lieber zu Hause und musste das Spiel invalide von der Couch aus verfolgen. Lieber wäre ich bei meinen Kolleginnen und Kollegen gewesen, denn Schmach allein ansehen zu müssen, ist noch schlimmer als in Gesellschaft. Und während ich auf Kerstins und Janas WhatsApp-Nachrichten antwortete, die da: „Huhu, wo bist du?“ und „Wo bleibst du denn?!?“ lauteten, fing das Spiel an. Und es war nicht schön …

Wie es endete, muss ich wohl niemandem erklären. Es war einfach nur grauenvoll … Von Südkorea mit 2:0 geschlagen und aus der WM ausgeschieden! Geht es noch irgend grauenhafter?

Während das Spiel lief, chattete ich über ein Soziales Medium mit Jeannette, meiner Auffrisch-Fahrlehrerin, mit der ich mich morgen Abend treffe. Sie, ebenfalls fußballinteressiert oder -begeistert, war noch im Dienst und konnte das Spiel des Grauens nur per Radio verfolgen. Unsere Kommunikation sah dann wie folgt aus: „Was ist das für ein grauenhaftes Spiel?“ (Ich) – „Wie gut, dass ich es nur hören muss!“ (Jeannette) Und dann im Wechsel (ich begann): „[…]!“ – „[…]!!!“ – „Ah, nein!“ – „O Gott!“ – „Nein!“ – „NEIN!“ – „NEIN!!“ – „NEIN!!!“ – „Kann nicht wenigstens mal jemand abpfeifen?!? Das ist ja nicht auszuhalten!“ – „[…]!“ – „[…]!!!“ – „Endlich ist es vorbei!“ – „Ja!“ Und dann schrieb Jeannette: „Wir sollten morgen kein Eis essen, sondern ein Bierchen trinken …“ Schauen wir mal – ich fahre jedenfalls nicht mit dem Auto zum Lokal unseres Zusammentreffens … 😉

Kaum war das Spiel vorbei, begannen auch schon die Interviews und Erklärungsversuche. Und da klingelte mein Handy. Ich meldete mich mit meinem Nachnamen, und da hörte ich auch schon die Stimme meiner Mutter: „Hast du dieses Spiel gesehen?!?“ Sie meldete sich nicht einmal mit Namen, aber aus ihrer Stimme war das blanke Entsetzen zu hören. (Nein, eigentlich war es eher die blanke Entrüstung …) Dabei hatte sie erst kürzlich noch geschworen, diesmal kein WM-Spiel anzusehen! (Den „Hang“ zu konsequentem Handeln habe ich ganz eindeutig von meiner Mutter geerbt … 😉)

Interessanterweise schrie ich völlig synchron zu meiner Mutter den Satz: „Hast du dieses Spiel gesehen?!?“ Und – beide erneut synchron: „Das war ja grauenhaft!“ Und schon ergingen wir uns in Äußerungen, die glauben machen könnten, wäre auch nur eine von uns Bundes-Coach, wären wir garantiert Weltmeister geworden. Zumindest Vize-Weltmeister. 😉 Wir waren kein Jota besser als die Kerle, über die ich so gerne frotzle, die mit Pilsken und Chips auf der Couch sitzen und, bräsig über ihre Plauze hinwegsehend: „Lauf, du faule Sau!“ gen TV brüllen … 😉 (Abgesehen davon, dass meine Mutter und ich keine Plauzen haben und niemals: „Lauf, du faule Sau!“ brüllen würden … 😉)

Nachdem das Telefonat voller Entrüstung beendet war, fragte ich mich einmal mehr, warum in meiner Familie ausgerechnet meine Mutter und nicht mein Vater der Fußballfan sei, der sich über solche Dinge aufregen kann. Dann jedoch fiel mir ein, dass meine Mutter schon mit knapp eineinhalb Jahren Halbwaise geworden, nachdem ihr fußballbegeisterter Vater im Krieg gefallen war. Sie hat ihn nie richtig kennengelernt – aber das Fußball-Gen hat er ihr wohl vererbt. 😊 Er habe von klein auf immer begeistert Fußball gespielt, erzählte mir meine Oma einst, und der jüngere Bruder meiner Mutter hat dies wohl übernommen. Er spielte Fußball, bis sein Meniskus hin war. Danach verfolgte er das Geschehen eher passiv, aber nicht weniger enthusiastisch. Seinen Lieblingsverein nenne ich lieber nicht – sonst hagelt es Tomaten … 😉

Irgendwie muss ich es schon gespürt haben; zumindest schwächelte ich ja bereits auf der Heimfahrt, obwohl ich doch nur kurz mein Auto abstellen und wieder losrasen wollte … 😉 Ich gestehe, ich bin nicht so niedlich wie das WM-2010-Kraken-Orakel Paul aus Oberhausen, aber vielleicht habe ich ja eine ähnliche Befähigung wie der leider verstorbene nette kleine Krake … 😉

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