Von Revolutionen, Bahnsteigkarten … und Umfragen

Gestern und heute, ergo am zweiten Spieltag, habe ich beim Tippspiel exakt 9 (in Worten: neun) Punkte erzielt und befinde mich derzeit auf Platz 8 (in Worten: acht), was morgen schon wieder ganz anders aussehen kann. Wahrscheinlich, wie ich mich kenne, mehr nach unten versetzt. Doch anders als bei der EM vor zwei Jahren suche ich keinen Tippberater mehr, da ich inzwischen begriffen habe, dass auch die treuesten Fußballkenner und Eingeweihten derzeit fast alle ganz weit unten in der Tabelle stehen, während ich auf derzeit Platz 8 eher einem Greenhorn gleiche, das nicht einmal weiß, was Abseits ist. Im Grunde bin ich daher ohnehin ganz falsch so weit oben plaziert (nein, ich schreibe nicht „platziert“ – nein!) … 😉

Fußballtechnisch lief es heute also ganz geschmeidig, und BEL:PAN lief – wie auch SWE:SKOR – völlig ungesehen von mir, denn um 14:00 h schwitzte ich über diversen Buchungen und einem zu stellenden Antrag, und um 17:00 h befand ich mich gerade auf dem Weg zur Physio. Danach raste ich nach Hause, denn wenigstens TUN:ENG wollte ich sehen, und da habe ich immerhin 3 von 4 möglichen Punkten eingeheimst, und vielleicht war der Elfmeter, der für Tunesien gegeben wurde, doch gar nicht so verkehrt gewesen. Ich hatte 0:1 für England getippt, und mit diesem Elfmeter endete das Spiel schließlich 1:2. Ohne diesen hätte England vielleicht noch viel früher aufgedreht … oder auch nicht.

Dann surfte ich ein wenig im Internet und geriet auf eines der Sozialen Medien und dort irgendwie auf eine Seite einer „politischen“ Jugendorganisation, deren Name auf besondere Haltbar-, Strapazier- und Widerstandsfähigkeit hinwies, nein: hinweisen sollte. Dort wurden wahrhaft weltbewegende Dinge diskutiert …

So gab es dort eine Umfrage, ob es legitim sei, wm-typischen Autoschmuck wie Deutschlandfähnchen abzureißen …

Ich musste zweimal hinsehen, um zu glauben, was ich dort las! Und dann konnte ich es noch immer nicht glauben … Eine diametral zum rechten Spektrum ausgerichtete Organisation startet eine Umfrage, ob es okay sei, würde man … Offenen Mundes – ich vermute es zumindest – saß ich vor meinem Lappy!

Es gibt einen schönen Spruch: „Wer in jungen Jahren nicht links ist, hat kein Herz. Wer es im Alter noch immer ist, hat kein Hirn.“ Man kann darüber streiten, und auch ich bin – nicht parteipolitisch gesehen, wohlgemerkt, mehr gefühlsmäßig – auch eher in die linke Richtung geneigt. Aber eben nie parteipolitisch – mehr vom Grundgefühl her – vom Idealistischen her. Das habe ich mir zumindest aus meiner Jugend bewahrt – und damit wohl auch mein Herz. 😉 Ich finde den Spruch oben witzig, interpretiere ihn jedoch so, dass man mit zunehmendem Alter meist (!) etwas oder viel realistischer denkt. Bei mir halten sich Idealismus und Realismus einigermaßen die Waage, obwohl ich vom Herzen und Gefühl dann doch eher eine Idealistin bin. Man muss sich aber eben nach der Decke strecken und stellt früher oder später fest, dass es eines ausgewogenen Verhältnisses bedürfe. 😉

Aber bis etwa 25 war ich auch eher spontan-impulsiv geartet. Manchmal merkt man es heute noch. Hinzu kam, dass ich in einem sehr liebevoll-wohlbehütenden Elternhaus aufgewachsen bin. Das kann gefährlich sein, denn: Wehe, wenn sie losgelassen …  Anders als meine Schwester, war ich öfter in Schwierigkeiten verwickelt. Nicht in schlimme, aber manchmal war es ein wenig unangenehm, zumal meine Eltern – zumindest mein Vater – sich nie erklären konnten, wie es dazu kommen konnte. 😉 Meine Mutter sah mich immer nur mit einer hochgezogenen Augenbraue an und meinte dann: „Die ist im Herzen eine Rebellin.“ Ja, das hat sich auch nicht geändert, und bei solch einer Konstellation ist es gut, wenn auch noch mehr oder minder viel Verstand hinzukommt, der einen zumindest nicht immer übers Ziel hinausschießen lässt. 😉

Als ich mein Elternhaus verließ (einen Tag nach der Abifeier, aber mit durchaus viel Heimweh), war es aufregend: Endlich tun und lassen können, was man wollte! Und so kletterte ich nachts über die Zäune mehrerer Freibäder, zusammen mit einer ganzen Gruppe, machte die Nacht generell gern zum Tage (ich bin eher ein „Nachtmensch“ 😉), rauchte wie ein Schlot (nicht nur herkömmliche Zigaretten) und hatte bisweilen wechselnden Übernachtungsbesuch. Trotz allem schaffte ich irgendwie – wenn auch bisweilen mit Ringen und Schatten unter den Augen – mein Pensum. Und das, obwohl gleich im ersten Semester ein Riesenstreik die gesamte Uni lahmlegte und ich mehr auf Demos war als im Hörsaal (was aber eh sinnlos gewesen wäre, da keine Vorlesungen und Seminare stattfanden – es war ja Streik). Und obwohl ich rein gar nichts dafür konnte, meinte meine Mutter: „Das ist ja typisch: Kaum fängt Ali zu studieren an, ist dort Streik, und keine einzige Veranstaltung findet statt!“ Das war ungerecht – ich konnte gar nichts dafür! 😉 Im Gegenteil – man wollte damals die philosophische Fakultät abschaffen, die Grundlage meines dortigen Seins! Dagegen musste man doch protestieren – und das tat ich, zusammen mit ganz vielen anderen Studis, auch aus allen anderen Fakultäten, denn die hatten sich solidarisch erklärt (bis auf die Physiker – die bekamen allzu Weltliches erst mit Verspätung mit, wenn überhaupt, wenn es sie denn überhaupt tangierte …). Das tat ich so gründlich, dass ich einige Tage keine Stimme mehr hatte. 😉 Ich unterschrieb Petitionen, ich schrieb einen eigenen Brief an die Bildungsministerin in Düsseldorf (wahrscheinlich landete er im Papierkorb oder gleich im Aktenvernichter, aber egal!) – es war cool, weil wir das Gefühl hatten, etwas Sinnvolles bewirken zu können – den Erhalt einer bildungstechnischen Einrichtung. 😉

Ich bin der dringenden Ansicht, dass ziviler Ungehorsam, wenn notwendig, unbedingt geleistet werden müsse. Aber alles mit Verstand.

Und da lese ich eine Umfrage, ob es legitim sei, Deutschlandfahnen abzureißen! Ich finde das Scheiße, auch wenn ich keine Fähnchen am Auto habe, aber das Argument fand ich schon so peinlich … Noch „scheißer“ finde ich jedoch diese Rundum-sorglos-abgesichert-Einstellung – man macht doch keine Umfrage, wenn man meint, im Recht zu sein (auch wenn man es im Zweifel nicht ist)! Mir wurde wirklich schlecht … Man macht, was man für richtig hält. Man muss dann aber im Zweifel auch den Kopp hinhalten. Das kann peinlich sein, wie ich weiß, denn es macht keinen Spaß, wenn man vor der Polizei wegrennen muss, die zufällig in der Nähe des Freibades Streife fährt, in das man gerade bei Nacht widerrechtlich eingedrungen ist, um fern des Tagesansturms in Ruhe ein paar Bahnen – oder Runden – zu schwimmen. 😉

In welcher Welt, so fragte ich mich vorhin fassungslos, lebe ich eigentlich? Sich im Recht wähnende Wohlstandsgören, wie ich auch eines war, starten im Internet eine Umfrage, um sich Straftatbestände, und seien sie noch so gering, legitimieren zu lassen – quasi qua vox populi! Das ist peinlich! Macht es, wenn ihr es für richtig haltet, steht dann aber auch dazu, und seid doch, bitte, nicht immer so entsetzlich peinlich-saturiert und krampfig auf Applaus aus, wenn ihr doch Rebellen sein wollt, Kämpfer für – irgendein – Recht!

Ausgerechnet ein Idol dieser Wohlstandskinderchen fiel mir ein: Lenin, der wohl einst gesagt hatte: „Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas; wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte!“ Das Zitat wird ihm zumindest zugesprochen. Und er hatte wohl Recht, wenn man auch Bahnsteigkarte durch Umfrage ersetzen muss.

Als ich meinen besten Freund Fridolin in diesem Sozialen Medium online sah, schickte ich ihm den Link zur Umfrage und räsonierte haareraufend, das sei ja wohl das Grauen, und ich fragte ihn, woran dieses Grauen wohl liege.

Seine Antwort war typisch Fridolin, denn er schrieb in bemerkenswerter Geschwindigkeit: „Ich kann dir das nicht erklären. Als ich ein kleiner Bub war, war die Drohung, jemanden so zu verdreschen, dass er nicht mehr wisse, ob er Männchen oder Weibchen sei, ultimativ. Heute gibt es viele, die das ganz ohne Schläge nicht mehr wissen und stattdessen hunderte Geschlechter erfinden oder ihre sexuellen Interessen mit dem biologischen Geschlecht verwechseln. Der Wahn nimmt zu. In jeder Form. Wir verblöden (die Spezies, ich natürlich nicht).“

Man muss diese Aussage nicht en tout teilen, aber ich schüttete mich vor Lachen aus – eine vergleichsweise kurze, knackige Aussage, typisch Fridolin. Der ist sich übrigens über die Jahre treu geblieben – diese Aussage hätte er auch schon vor Jahren in Aachen tätigen können – zumindest in großen Teilen. 😉

Manche Dinge ändern sich zum Glück nicht – auch wenn seit neuester Zeit gern Umfragen getätigt werden, und das sogar von wackeren Verteidigern vermeintlicher Gerechtigkeit und Toleranz. 😉

Euch einen schönen Abend! 😊

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