Ali und Zahlen

Zugegeben, der Titel klingt etwas wie Malen nach Zahlen. Kennt ihr sicher vom Hörensagen und kam irgendwann in meiner Kindheit auf. Malen nach Zahlen, nicht ganz so kreativ wie Schreiben nach Gehör, aber mit ähnlich schrillen und sehr bunten Ergebnissen verbunden. 😉 Rassige Pferdeköpfe, putzige Kätzchen, die mit Wollknäulen kämpften, mehr oder minder edle Jagdhunde und Landschaftsszenen wie Stillleben mit Hummern, Weintrauben und Äpfeln in einer dekorativen Schale waren bei diesem Hobby sehr angesagt, dessen Kreativitätsgrad noch in den Kinderschuhen steckte. Selbst Schreiben nach Gehör ist erheblich kreativer – und wie!

Menschen malten nach Zahlen, die sich irgendwann als Kind voller Empörung ob der Stumpfsinnigkeit von Malbüchern – „Aber nicht über den Strich malen!“ – abgewandt hatten, nun nach einer Vorgabe, einem Aufbügel-Stickmuster nicht unähnlich („Hier Kreuzstich!“), in der die zu benutzenden Farben numeriert waren. (Nein, ich schreibe nicht „nummeriert“, und wenn ihr mich steinigt! 😉 ) Und die Bilder hingen dann – bestenfalls – in Kinderzimmern und Kellerbars.

Malen nach Zahlen hat mich nie gereizt. Ich malte und zeichnete lieber selber, ganz ohne Vorlage, und wenn mir eine Schattierung danebengeriet, war sie wenigstens von mir selber falsch gemacht und klaffte nicht blutrot im edlen Antlitz eines Pferdes, das meine frühere Schulfreundin Annabell so schön nach Zahlen ausgemalt hatte, aber leider statt der 6 und der 9 zweimal Nummer 6 in ihrem Malen-nach-Zahlen-Gebinde hatte, weswegen der eigentlich als rauchgrau geplante (normalerweise serienmäßig im hier fehlenden Farbtöpfchen Nr. 9 befindlich) Schatten nun in Blutrot (Napf Nr. 6) erschien, als habe jemand dem Pferd mit einer Machete ins Gesicht geschlagen! 😉

Nein, das war nichts für mich. Ich fiel damals nur auf Ministeck herein. Ihr mögt gern selber googeln, worum es sich dabei handelt, und ihr werdet herausfinden, dass das nur etwas für ganz besonders geduldige und in sich gekehrte Menschen sein kann. Also nichts für mich, aber ich hatte es mir zu Weihnachten gewünscht (alle Mädchen aus meiner Klasse hatten sich das gewünscht …) und auch bekommen, und so wollte ich meine Eltern nicht enttäuschen. Meine Eltern liefen recht schnell mit Mundwinkeln herum, die sie gewaltsam hinunterdrücken mussten, auf dass ich, die fluchend mit diesem blöden Zeug, winzig kleinen Mosaik-Stecksteinchen, dasaß, das ich mir gewünscht hatte und das – im Optimalfalle – Dinge hervorrief, die an Petit-point-Stickerei erinnerten, die ich schon immer als grauenhaft spießig empfand, nicht völlig von meiner Geschmacksverirrung frustriert werden sollte. Beherrschte man Ministeck, sah das Ergebnis aus wie ein mosaikhaftes Ergebnis, das man anders und eher flächig mit Malen nach Zahlen erzeugte. Und auch bei dieser Methode, Geschmacksverirrungen herzustellen, musste man offenbar das Raster, das dazu notwendig war, bereits im Kopp haben. Als Kind fand ich noch einigermaßen mangelhaft, dieses Raster eben nicht im Kopp zu haben. Je älter ich wurde, umso besser fand ich mein rasterloses Gedankendasein. 😉

Mein Metier waren eigentlich immer eher Buchstaben, Laute und alles, was man daraus bilden konnte …

Und nun sitze ich da und habe derzeit massiv mit rasterhaften Dingen zu tun. Rasterhaft. Nicht lasterhaft, wohlgemerkt. 😉 Und mit Zahlen – ganz grauenhaft … 😉 Im Moment bearbeite ich Zwischen- und Abschlussberichte. Da ich in der Einarbeitungsphase bin, alles so, wie es kommt. Das ist nicht immer angenehm, aber heute hatte ich – obwohl der Tag sich eher überraschend anließ und es ja auch unangenehme Überraschungen gibt – einige Erfolgserlebnisse! 😉 Und sogar einige Fehler, die ich nicht einmal selber erzeugt hatte, fielen mir auf. Ich mache offenbar Fortschritte. 😉

Und ich musste feststellen, dass einem Zahlen – nachdem man sie gefühlt etwa zweihundertundeinundvierzig (ich übertreibe!) Male angestarrt hat, um einen Buchungsfehler zu finden – auch ans Herz wachsen können. 😉 Vor allem dann, wenn man sie mit Namen verbinden kann, nämlich den Namen der Klienten, die hinter dieser zunächst anonymen Zahl stehen. Und ich ertappte mich dabei, wie ich urplötzlich Zusammenhänge erkennen konnte. Da fehlten doch exakt 43,- €! Und die schienen offenbar im Kontext zu dem und dem Klienten zu stehen! Oha, da hatte es wohl eine Fehlbuchung gegeben! Das musste behoben werden. Und schon behob ich, und das hoffentlich so, dass es nicht heißt: „Wir buchen – Sie fluchen“ …

Ich muss gestehen, diese eher detektivische Arbeit macht mir sogar Spaß. Noch. Allerdings nicht, weil ich nun auf einmal mit Zahlen per Du sei. Nein, ich brauche ja den Rückschluss über Namen, Gesichter und Geschichten, die hinter den Zahlen stehen. Trainiert aber in jedem Falle das Gedächtnis. 😉

Mein Fazit daher: Zahlen und ich sind einfach nicht kompatibel – wenn ich mit ihnen umgehe, brauche ich offenbar noch immer Zusatzinfos. Dann aber läuft es prima, und ich entdecke die kleinsten Fehler. Als ganz neutrale Buchhalterin daher nicht geeignet. Aber zum Glück ist das ja auch nicht mein Job. Nur eine Art Begleiterscheinung, die aber nicht schaden kann. 😉

Malen oder Denken in Zahlen bleibt mir wohl weiterhin relativ fremd. Macht aber auch nix. Jeder, wie er kann.

Euch einen schönen Abend! 😊

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