Die Schlinge zieht sich zu …

Heute hatte ich einen Tag frei – ein klassischer Brückentag. Das war auch günstig so, denn um 13:00 h fand meine allererste Physio statt, bestehend aus den Fraktionen Allgemeine Krankengymnastik und Traktionsbehandlung. Ich war erstaunlicherweise zu früh da, komme sonst eher auf dem letzten Drücker an, aber so konnten die Formalitäten noch bequem erledigt werden, was bedeutete, dass ich einen Anmeldebogen ausfüllte und unterschrieb sowie knapp 25,- € Rezeptgebühr und Eigenbeteiligung berappen musste.

Inzwischen sitze ich zu Hause und fühle mich so, wie man sich fühlt, wenn man bereits erahnen kann, dass am nächsten Tag der ohnehin eingeschränkte Bewegungsradius noch einmal zusätzlich limitiert sein könnte. 😉

Zunächst wurde ich in einen Raum mit einer Liege geschickt und sollte mein Oberteil ausziehen. Den BH durfte ich anbehalten, sah allerdings auch keinen Grund, ihn mir vom Leib zu reißen, denn es geht ja nur um die Schultern bzw. Halswirbelsäule. Daher erschien mir der Hinweis des Physiotherapeuten auf den anzubehaltenden BH zunächst redundant, doch dann dachte ich, dass er das sicherlich nicht grundlos gesagt hatte, nachdem möglicher- und unnötigerweise schon einige Patientinnen, die verunsichert zum ersten Mal dagewesen waren, blankgezogen hatten. 😉 Vielleicht ja sogar absichtlich, denn der Therapeut sah nicht schlecht aus. Ich schätzte ihn auf Ende 30, Anfang 40.

Also saß ich da in Jeans und einem Spitzen-BH mit floralem Muster und wartete. Da kam auch schon der Therapeut herbeigeeilt, in der Hand meine ärztliche Verordnung, und er meinte: „Frau B. – Herr Dr. L., den ich sehr schätze, hat sich etwas vage ausgedrückt, indem er von ‚mehreren Bereichen‘ schrieb. Welche Bereiche tun weh? Beschreiben Sie mir bitte die Schmerzphänomene.“ Und ich beschrieb die Phänomene, indem ich sagte: „Ich fühle mich, als hätte ich ein Ochsenjoch auf beiden Schultern, daran eine große Last. Es fing rechts an, hat inzwischen aber auch auf die linke Seite übergegriffen. Schmerzen, wie ich sie meinem ärgsten Feind nicht wünschen würde, und nachts weiß ich nicht mehr, wie ich überhaupt liegen soll. Schlafen kann ich daher auch nicht gut.“ – „Hat sich in Ihrem Leben kürzlich etwas geändert? Sport? Oder sonst etwas? Denn manchmal liegen solche Dinge auch in Stress begründet – das darf nicht unterschätzt werden. Viele tun so etwas ab und so, als würde nur körperliche Anstrengung auf Bandscheiben, Muskeln, Knochen und Gelenke schlagen, aber dem ist nicht so.“ Wie sympathisch – der Mann sah die Thematik auch eher ganzheitlich. 😉 Ich beschrieb ihm meine Situation, die sich ja im letzten Dreivierteljahr massiv und gleich zweifach geändert habe, zumindest beruflich. Er wollte wissen, was ich arbeitete, ich grinste und erläuterte, dass ich im Büro arbeitete. „Also viel Umstellung und viel Neues in der letzten Zeit, Einarbeitung und Stress, und das zweifach.“ – „Ich kann über die Abwesenheit der genannten Faktoren nicht klagen.“

Und schon stellte sich der Therapeut hinter mich, hieß mich die Schultern straffen und den Kopf heben. Im nächsten Moment schnellte ich beinahe wie eine Rakete senkrecht hoch, dabei hatte er rechtsseitig nur einen ganz bestimmten Punkt an meiner Schulter gedrückt, und das gar nicht einmal fest … Ich gestehe, ich hätte ihm am liebsten eine geknallt! 😉

„Ah, ich sehe schon, Frau B.,“, meinte er, „und ich bin froh, dass Sie mir nicht gleich eine geknallt haben, so, wie Sie darauf reagierten. Ich hätte es Ihnen nicht einmal verdenken können. Da scheint ja einiges im Argen zu sein.“ – „Aber nein! Wie kommen Sie denn darauf, dass ich Ihnen am liebsten eine geknallt hätte?“ – „Berufserfahrung.“ – „Aber nein. Aus zweierlei Gründen wäre das nie passiert: a) können Sie ja nichts dafür, b) standen Sie hinter mir – und soweit kann ich mich derzeit so schnell gar nicht drehen, ohne mich selber massiv zu verletzen!“ Herr M. lachte sich scheckig und meinte: „Sehr schön! Das gefällt mir! Eine Patientin mit Selbstironie – das sind immer die Besten. Die jammern nicht.“ – „Wieso auch? Sie tun ja nur Dinge, die auf lange Sicht helfen sollen.“ – „Hoffentlich auch auf mittlere Sicht, Frau B. – ich sehe Sie hier allerdings öfter als die sechs Male, die auf Ihrer Verordnung stehen. Aber in den 18 Sitzungen, die die KV in manchen Fällen genehmigt, kriegen wir Sie schon wieder flott.“ – „O Gott – so schlimm ist es?“ – „Nein, Sie sind keine Ausnahme! Das geht ganz vielen Leuten so. Keine Sorge.“

Und schon begann die Behandlung: „Haben Sie ein Handtuch dabei, Frau B.?“ Hatte ich. Wie gut, dass ich zuvor noch einmal gegoogelt hatte … 😉 Und ich breitete das Handtuch über die Liege und legte mich darauf. Meine Füße wurden hochgelagert, dann sollte ich mein Haupt anheben, und der Therapeut, der hinter dem Kopfende der Liege saß, schob seine Hände darunter. Und schon wurde meine HWS nebst Schultern in Nähe des Kopfes behandelt. Doof war, dass ich meinen Kopf nicht ablegen konnte, trotzdem „ganz entspannt“ liegen sollte. Hätte ich ganz entspannt gelegen, hätte der Therapeut seine Hände nur mehr erschwert bewegen können, weil das Gewicht meines Kopfes darauf gelagert hätte … 😉

Immerhin war es ansonsten ähnlich wie beim Friseur, und der Therapeut war recht gesprächig. Aber auf nette Weise, denn offenbar ist er Sarkastiker. Gute Wahl. Er erzählte von seinen Kindern, von seiner „Großen“ und den beiden „Kleinen“, und ich fragte, wie alt die „Große“ denn sei. Ich rechnete mit 12, 13 Jahren, aber Herr M. meinte: „20 ist sie gerade.“ – „Nein!“ – „Doch. Frau B. – ich bin derselbe Jahrgang wie Sie.“ – „Was?“ rief ich – zwar nicht das, was meine Eltern mir beigebracht haben, die immer darauf hinwiesen, dass es: „Bitte?“ heiße, aber wir sind hier im Pott, und da darf man auch: „Was?“ rufen, finde ich. Oder: „Wat?“ 😊 Herr M. lachte und meinte: „Ja, und ich kann das Kompliment auch erwidern. Wir sind derselbe Jahrgang, wie ich Ihrem Anmeldeformular entnahm. Sie und ich haben uns sehr, sehr gut gehalten.“ – „Bis auf meine Bandscheiben.“ – „Das haben wir auch bald wieder im Griff, und Sie springen umher wie ein junges Reh. Sind Sie ja im Grunde auch, wenn im Moment auch physisch nicht ganz so, aber im Kopp und von außen betrachtet.“ Mein Tag war gerettet. 😉

Nach dieser Erstbehandlung wurde ich in einen anderen Behandlungsraum und auf eine andere Liege gebeten, hinter deren Kopfende ein elektrisches medizinisches Gerät stand, das ein wenig an das Gerät erinnerte, das mein Zahnarzt verwendet, um im Rahmen einer Wurzelbehandlung die individuelle Tiefe bzw. Länge der zu behandelnden Wurzeln zu ermitteln. Ich beschloss, einfach nur den Anordnungen meines „Schleifers“ zu folgen und mir keinerlei Gedanken um Sinn und Zweck dieses Elektrogerätes zu machen. Und schon legte ich mich auf die Liege, die Füße wurden hochgelagert. Und der Therapeut legte eine Schlinge zwar nicht um meinen Hals, aber um meinen Kopf und um mein Kinn herum und fixierte sie. (Ich erinnerte mich an die hunderte von Malen, da ich früher, als ich noch ritt, diversen Pferden eine Trense angelegt hatte – immerhin hatte ich nun erstmalig einen Eindruck davon, wie sich das in etwa so anfühlt, obwohl man mir nicht einmal ein metallenes Gebiss zwischen die Zähne klemmte … 😉 )

„Keine Angst, Frau B. – es kostet Sie nicht den Kopf,“, sagte der Therapeut, und ich meinte: „Zum Glück bin ich nicht ängstlich.“ – „Das ist gut. Es zieht jetzt gleich ein bisschen bzw. wird gleich ein bisschen an Ihnen gezogen. Wenn Sie es nicht aushalten sollten, rufen Sie. Ansonsten drücken Sie auf diesen Knopf hier.“ Und er drückte mir eine Alarmknopfvorrichtung in die Hand. Ich bin das ja schon gewohnt – kenne ich ja aus dem MRT … 😉

Das Gerät hinter mir fing zu summen und zu brummen an (das macht das Gerät beim Zahnarzt nicht – das gibt nur eine interessante Melodei von sich, wenn es die ultimative Zahnwurzelspitze erreicht hat, während sich der Patient/die Patientin in kaltem Schweiß ganz woandershin wünscht), und recht schnell merkte ich, wie es arbeitet, denn die Schlinge um mein liebliches Antlitz und den Kopf zog sich in intermittierender Weise mehr und mehr fest und zu und schien meinen Kopf aus den Angeln heben zu wollen. Bzw. schien es meinen Hals etwas verlängern zu wollen. Es war nicht schlimm, aber auch nicht ganz schmerzfrei, und die ganze Zeit wartete ich auf das befreiende Knacken, das sich stets äußert, wenn eine Verspannung sich löst. Es knirschte und krachte zwar durchaus im „Gebälk“, aber das befreiende Knacken blieb aus …

Zehn Minuten musste ich in dieser Schlinge ausharren, dann wurde ich „abgetrenst“. Ich muss gestehen, dass ich darüber nicht ganz unfroh war, denn wenn ich auch ein bisschen größer und meine Beschwerden los sein wollte, so doch nicht über Gebühr – und wer will schon einen Schwanenhals? 😉 Und nun stehen mir noch 5 bzw. 17 weitere Traktionsbehandlungen bevor. Wenn es so weitergeht, werde ich die 1,70-m-Marke nicht nur erreichen, sondern sprengen. Ich sollte vielleicht aber meinen Therapeuten in diesem Falle noch darauf hinweisen, dass er auch meine Beine ein wenig strecken möge … 😉

Man entließ mich mit zwei Übungen, die ich dreimal am Tag machen solle. „Geht auch prima im Büro, Frau B.!“ hatte Herr M. mir noch gesagt und hinzugefügt: „Aber immer schön morgens, mittags und abends, egal, was passiert.“ (Vor meinem geistigen Auge sah ich, wie ich mitten in einer Beratung aufspringen und rufen würde: „Behalten Sie, was Sie fragen wollten! Ich muss gerade mal meine Physio-Übungen machen!“)

Und als ich die Praxis verließ, hielt ich meinen Kopp schon viel höher. Bis mir nach etwa 50 Metern etwas schwummrig wurde. Offenbar zu schnell gestreckt …

Nach einem kleinen Zwischenstopp am Finanzamt und nach dem Einkaufen langte ich zu Hause an. Vor dem Nachbarhaus stand Frau Sieling mit der kleinen Bella, einem schwarzen Kleinspitz. Da sie beide mich nicht sahen, als ich näherkam, da sie gerade in einer Gehorsamsübung befindlich waren, meinte ich gedämpft: „Nicht erschrecken.“

Frau Sieling drehte sich um, lachte, und wir begrüßten einander. Sie meinte: „Gut, dass ich Sie treffe, Frau B.! Ich hätte aber auch ohne das mit Ihnen Kontakt aufgenommen. Sind Sie noch immer an einem Stellplatz für Ihr Auto interessiert? Ich gebe meinen nämlich auf, und da habe ich sofort an Sie gedacht!“ – „Wirklich? Ja, klar – das wäre toll! Wie teuer ist der Stellplatz denn?“ – „20 Euro pro Monat habe ich bezahlt.“ – „Nehme ich sofort, auch für 30. Ab wann wäre das? Und geben Sie Ihr Auto denn ganz auf?“ – „Ja, ich schenke mein Auto meiner Enkelin zu ihrem Geburtstag, wenn sie bis dahin ihren Führerschein hat. Aber zum vierten August wird der Platz voraussichtlich frei.“ – „Zum vierten August? Das wäre ja ein echtes Geburtstagsgeschenk!“ – „Ja, ist es auch – woher wissen Sie das?“ – „Woher weiß ich was?“ – „Meine Enkelin hat am vierten August Geburtstag!“ – „Echt? Das ist sehr sympathisch – ich auch.“ – „Ach! Das ist ja nett! Das freut mich, Frau B. – dann wäre das ja in der Tat ein doppeltes Geschenk. Ich muss halt nur noch mit Frau G. sprechen, der der Platz gehört. Ich denke aber, dass es kein Problem sein wird – sie hat kein Auto.“

Das war doch mal eine nette Wendung dieses schmerzhaften Streck- und Foltertages – ich hoffe, Frau G. mag mir den Stellplatz auch überlassen und schafft sich zwischenzeitlich nicht noch ein Auto an! 😊 Ich fand es auf alle Fälle nett, dass Frau Sieling direkt an mich dachte. Klar, sie will die Last auch schnellstmöglich loswerden, aber es gibt hinreichend Menschen hier, die einen Stellplatz haben wollen. 😉

Und nun bin ich gespannt, ob ich mich morgen zumindest einigermaßen normal bewegen kann. Im Moment bestehen einige Zweifel …

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